Manche mögen's bossy - Tina Keller - E-Book

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Tina Keller

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Beschreibung

Chaos auf der Piste, Herzklopfen im Schnee Leonie hat ein Problem: Sie findet ihren neuen Chef Ben Sommer gleichermaßen unerträglich wie unwiderstehlich. Um ihren wirren Gefühlen zu entkommen, flüchtet sie mit ihrer herrlich verrückten Familie in den Winterurlaub. Doch kaum ist sie dort angekommen, wird klar: Das Universum gönnt ihr keine Pause. Denn Ben hat ausgerechnet dasselbe Alpenresort gebucht und läuft ihr ständig über den Weg – im Spa, beim Frühstück, auf der Piste. Nach einem Glas Wein zu viel landet Leonie in seiner Suite und gesteht ihm, was sie eigentlich nie aussprechen wollte. Peinlich? Absolut. Vergessen? Keine Chance. Doch statt Distanz entsteht ein Prickeln zwischen ihnen, das Leonie völlig aus dem Konzept bringt. Plötzlich wird der verschneite Urlaub zu einem knisternden Abenteuer mit Herzklopfen und jeder Menge Wintermagie.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Tina Keller

Manche mögen’s bossy

Humorvoller Liebesroman

Chaos auf der Piste, Herzklopfen im Schnee

Leonie hat ein Problem: Sie findet ihren neuen Chef Ben Sommer gleichermaßen unerträglich wie unwiderstehlich.

Um ihren wirren Gefühlen zu entkommen, flüchtet sie mit ihrer herrlich verrückten Familie in den Winterurlaub.

Doch kaum ist sie dort angekommen, wird klar: Das Universum gönnt ihr keine Pause.

Denn Ben hat ausgerechnet dasselbe Alpenresort gebucht und läuft ihr ständig über den Weg – im Spa, beim Frühstück, auf der Piste.

Nach einem Glas Wein zu viel landet Leonie in seiner Suite und gesteht ihm, was sie eigentlich nie aussprechen wollte.

Peinlich? Absolut.

Vergessen? Keine Chance.

Doch statt Distanz entsteht ein Prickeln zwischen ihnen, das Leonie völlig aus dem Konzept bringt.

Plötzlich wird der verschneite Urlaub zu einem knisternden Abenteuer mit Herzklopfen und jeder Menge Wintermagie.

Ein winterlich-romantisches Schneetreiben voller Humor, Herz und ordentlich Bauchkribbeln – perfekt für alle, die sich beim Lesen gern verlieben.

Kapitel 1

„Na, dann – man sieht sich nächste Woche wieder.“

Mein neuer Boss Benedikt Sommer fletscht die Zähne, was wohl ein Lächeln darstellen soll. Ich verbeiße mir gerade noch ein schnippisches „Ja, leider“ und blicke ihn vorwurfsvoll an.

„Schönen Urlaub, Frau Bergmann“, schiebt er hinterher und greift nach seiner Aktentasche.

„Kommen Sie gesund und munter zurück.“

Ich verdrehe die Augen. Selbst, wenn ich mich im Urlaub erholen sollte – dieser Feldwebel macht das sowieso innerhalb kürzester Zeit wieder zunichte.

„Ich werde mich bemühen“, gebe ich zurück, aber er ist schon aus der Tür verschwunden.

Ich seufze auf und lehne mich in meinem Stuhl zurück. Womit zur Hölle habe ich diesen Sklaventreiber verdient? Was habe ich verbrochen, dass ich so bestraft werde?

Bis vor vier Wochen war meine berufliche Welt noch in Ordnung. Ich arbeite als Office Managerin in einer großen Kanzlei und mein Job machte mir wirklich Spaß.

Aber dann ging mein unmittelbarer Chef in Rente und ER betrat das Feld.

ER heißt Benedikt Sommer und ist ein unbestritten genialer Jurist, aber ein furchtbarer Vorgesetzter. Er scheucht mich nur herum, nichts geht ihm schnell genug und er behandelt mich, als wäre ich sein Sklave. Ich hasse ihn.

Wieder hole ich tief Luft. Aber das ist leider nur die halbe Wahrheit. Wenn ich ehrlich bin, ist da noch etwas, das ich mir selbst nur höchst ungern eingestehe.

Dieser Kotzbrocken ist verdammt attraktiv, um nicht zu sagen: sexy. Wenn er mich aus seinen grünen Hammeraugen ansieht, vergesse ich manchmal glatt zu atmen. Und wenn sein verführerisches After Shave mich umweht, verirrt sich manchmal ein einsamer Schmetterling in meinem Bauch.

Stöhnend vergrabe ich meinen Kopf zwischen den Händen. Ich bin wirklich verrückt. Komplett verrückt. Das kommt davon, wenn man nach einer großen Enttäuschung keinen Mann mehr an sich heranlässt und nur noch im Büro von Männern umgeben ist.

So gesehen wird mir ein Urlaub ganz gut tun. Vielleicht lerne ich dort einen netten Kerl kennen und vergesse Ben Sommer ein für alle Mal. Das wäre zweifellos das Beste.

Meine Reisegruppe ist sehr speziell: Ich fahre mit meiner vorlauten Cousine Barbara, meinen trinkfreudigen Onkel Burkhard und meinem verfressenen Cousin Dieter. Sie sind alle etwas schräg drauf, aber immerhin ist es mit ihnen immer lustig und nie langweilig. Genau das, was ich jetzt brauche!

♥ ♥ ♥

„Ich habe eine schlechte Nachricht für uns“, teilt meine Cousine und Reisepartnerin Barbara mir abends am Telefon mit.

„Wieso? Fahren wir doch nicht in die Alpen?“, will ich wissen. „Habt ihr es euch anders überlegt?“

„Doch, wir fahren, aber leider länger als geplant“, seufzt Barbara. „Wir haben alle das Deutschland-Ticket und Burkhard und Dieter sehen überhaupt nicht ein, warum sie es nicht nutzen sollten. Sie sind völlig begeistert von der Idee, sozusagen umsonst nach Bayern zu fahren. Dieter hat sich sofort ausgerechnet, wieviel er spart und was er alles dafür essen kann. Das ist eine Menge. Seitdem hat er richtig gute Laune.“

Sie seufzt auf.

„Ich habe auch das Deutschland-Ticket“, informiere ich Barbara. „Wie lange fahren wir denn damit?“

„Fast 11 Stunden“, stöhnt Barbara. „Mit dem normalen Ticket wären es knapp 8 Stunden – und wenn man frühzeitig bucht, ist es auch gar nicht teuer. Aber das kommt für meine buckelige Verwandtschaft überhaupt nicht in Frage. Du weißt ja, dass die beiden echte Sparfüchse sind. Ich habe schon überlegt, ob wir getrennt fahren, aber irgendwie ist das auch blöd.“

„Wir fahren natürlich zusammen“, bestimme ich. „Das wäre sonst nur der halbe Spaß.“

„Spaß wird ganz sicher dann aufkommen, wenn wir stundenlang im Zug stehen müssen, weil die Züge proppenvoll sind“, unkt Barbara. „Burkhard und Dieter werden es noch bitter bereuen, dass sie so geizig sind. Ach nein, ich verbessere mich: Sie sind nicht geizig, sondern nur sparsam.“

Wir müssen beide lachen.

„Eigentlich sollte Burkhard die Fahrten buchen, aber er hat es einfach nicht gemacht“, fährt Barbara fort. „Und so kurzfristig ist jetzt natürlich alles viel zu teuer. Oh Mann! Wir hätten nur ein einziges Mal umsteigen müssen. Jetzt müssen wir viermal umsteigen und ich kann dir jetzt schon sagen, dass wir die Anschlusszüge sowieso nicht kriegen. Die Züge verspäten sich doch immer.“

„Wir werden es überleben“, hoffe ich. „Und dann machen wir uns eine richtig gute Zeit und lassen uns ganz doll verwöhnen.“

„Ja, aber der Weg dahin wird nervig“, seufzt Barbara. „Wahrscheinlich müssen wir uns dann erstmal tagelang von der anstrengenden Reise erholen.“

Zwei Tage später ist es so weit. Aufgeregt treffe ich am Hauptbahnhof ein und bin erstmal verwirrt. Die vielen Ebenen und die unzähligen Schilder bringen mich ganz durcheinander. Von den Heerscharen der herum hetzenden Leute mal ganz abgesehen. Es herrscht ein irrer Trubel und ich bin froh, dass ich frühzeitig eingetroffen bin. Bestimmt werde ich eine Weile brauchen, bis ich das richtige Gleis gefunden habe.

„Was, ein winziges Baguette kostet 6,90 Euro?“, vernehme ich eine überschnappende Stimme, die mir irgendwie bekannt vorkommt.

„Sind Sie wahnsinnig? Da wird man ja arm, wenn man sich satt isst. Wissen Sie eigentlich, dass das fast 14 D-Mark sind? Für ein läppisches Brötchen? Wer will denn sowas bezahlen?“

„Alle Fahrgäste, die es eilig haben und keine Grundsatzdiskussionen über die Preise führen“, schnauzt ein Mann in Anzug und Krawatte.

„So lange der Herr zu meiner Linken sich nicht entscheiden kann, geben Sie mir doch bitte ein Croissant und eine Flasche Mineralwasser.“

„Sie sind überhaupt noch nicht dran“, empört sich der erste Kunde. „Was fällt Ihnen überhaupt ein, sich einfach vorzudrängeln?“

Ich sehe genauer hin. Kein Zweifel, das ist Dieter, der um den Preis feilscht. Freudestrahlend eile ich auf ihn zu.

„Dann nehme ich eben das Billigste, was Sie haben“, schnauzt Dieter und blickt sich frustriert in der Auslage um. „Das wäre wohl eine Laugenbrezel. Aber die wird nicht lange reichen. So eine Unverschämtheit. Ihr miesen Abzocker.“

So sind die Berliner: rau und herzlich, aber eben oft auch nur rau.

„Warum machst du es nicht so wie ich und nimmst dir ein paar belegte Brote mit?“, fragt jemand und ich erkenne Onkel Burkhard. Allerdings muss ich zweimal hinsehen, denn Burkhard hat sich optisch ziemlich verändert.

Er trägt eine ausgewaschene, olivgrüne Feldjacke, an der überall seltsame Anhänger stecken. Die Hose ist im klassischen Camouflage-Muster und an den Knien mit bunten Stoffflicken versehen.

Auf dem Kopf hat er sein Lieblingskäppi: ein schwarzes Basecap mit einem Pailletten Totenkopf, das eher nach Piraten-Partyartikel aussieht.

Dazu trägt er hohe Springerstiefel, die er mit neongrünen Schnürsenkeln aufgepeppt hat, sowie ein paar Armbänder aus Leder.

„Weil ich keine aufgeweichten Brote essen will“, erklärt Dieter. „Na gut, dann nehme ich eben drei Laugenbrezeln.“

Ich tippe den beiden auf die Schultern.

„Guten Morgen, meine lieben Reisegefährten.“

„Guten Morgen“, knurrt Dieter und kramt mit verbittertem Blick sein Geld aus dem Portemonnaie.

„Obwohl das bei diesen Halsabschneider-Preisen wirklich kein guter Morgen ist.“

„Guten Morgen“, sagt Burkhard und lächelt mich an. „Wie schön, dass du mitkommst, Leonie. Es wird bestimmt sehr lustig.“

„Es wird bestimmt sehr teuer“, korrigiert Dieter. „Aber das haben Urlaube ja so an sich. Barbara ist übrigens gerade auf der Toilette. Das kostet bestimmt zwei Euro. Nee, da gehe ich lieber im Zug. Was kosten die drei Brezeln?“

„Die verdreckten Klos im Zug sind meistens gesperrt“, informiert uns der Business Typ. „Machen Sie sich mal keine großen Hoffnungen. Sonst müssen Sie am Ende noch aus dem Fenster pinkeln.“

„Ach, guck mal, da kommt Barbara!“, ruft Burkhard.

„Hey, Süße!“, schreit Barbara so laut, dass sich alle Kunden am Stand erschrocken umdrehen. „Da bist du ja!“

Sie rennt auf mich zu, reißt mich an sich und wirbelt mich herum.

„Na, hat Dieter schon den halben Backwarenstand leer gekauft?“

„Mitnichten“, berichtet Dieter säuerlich. „Bei den Preisen verhungere ich lieber.“

„Kann ich mir bei dir echt nicht vorstellen“, lacht Barbara. „Das wäre ja schrecklich.“

„Wir müssen zu Gleis 13 a bis d“, gibt Burkhard Auskunft und rückt sein Käppi zurecht. „Wo ist das? Das ist hier alles total unübersichtlich. Das war damals am Bahnhof Zoo viel besser gewesen. Warum ist der Hauptbahnhof denn nicht mehr dort?“

„Mensch, Burki, den Hauptbahnhof gibt es seit 2006“, erinnere ich ihn. „Du hattest 20 Jahre, um dich daran zu gewöhnen.“

„Er war schon bei der Eröffnung vom Bahnhof Zoo 1882 dabei“, stichelt Barbara. „Nach all der Zeit stellt man sich eben nicht so leicht um.“

„Jaja, macht euch nur über mein Alter lustig, da kommt ihr auch noch hin“, grummelt Burkhard.

„Arbeitest du neuerdings bei der Armee?“, erkundige ich mich.

„Burki ist seit einiger Zeit als Feldmarschall unterwegs“, erklärt Dieter.

Burkhard richtet sich sofort kerzengerade auf und brüllt mit übertriebener Pathos-Stimme:

„Truppe, Achtung! Lagebesprechung am Backwaren-Frontabschnitt!“

Mehrere Leute drehen sich irritiert um. Dieter stöhnt.

„Feldmarschall Burkhard erwartet Disziplin! Rekrut Dieter: Sie verhandeln viel zu lange mit dem Feind über die Preisgestaltung. Sofort den Rückzug antreten! Das ist ein Befehl!“

Dieter hebt eine Augenbraue.

„Das ist kein Rückzug, das ist Abzocke.“

„Widerspruch wird protokolliert!“, ruft Burkhard und tippt sich dramatisch an sein Käppi.

„Notiz an mich: Rekrut Dieter erhält später eine Ermahnung und eine trockene Scheibe Brot.“

Ich muss schallend lachen. Auch die Verkäuferin schaut belustigt.

„Und Rekrutin Barbara“, fährt Burkhard fort, „Sie werden unverzüglich die Lage am Toilettensektor ausspionieren. Wir brauchen dringend Informationen über die Gebührenstrategie des Gegners.“

„Es kostet zwei Euro“, gibt Barbara Auskunft.

Der Business-Typ schnaubt verächtlich.

„Wenn Sie fertig sind mit Ihren… äh… Manövern, könnte ich dann mal bestellen?“

„Du bist immer noch nicht dran“, ruft Dieter empört.

„Ich verstehe gar nicht, warum sich hier alle so stressen“, sagt Burkhard. „In meiner Armee gibt es klare Regeln: Wer drängelt, muss eine Runde Hampelmänner machen.“

Der Business-Typ zieht die Augenbrauen hoch.

„Sie spinnen doch.“

„Jawohl, und das mit Auszeichnung“, sagt Burkhard strahlend und salutiert schwungvoll.

„Burkhard, bitte nicht hier“, sage ich lachend.

„Warum nicht? Wir sind am Hauptbahnhof, dem Zentrum der Zivilisation, der Wiege der Orientierungslosigkeit.“

Er breitet die Arme aus, als wolle er gleich eine Ansprache halten.

„Hier müssen Humor und Ordnung herrschen. Vor allem Humor.“

„Ordnung sehe ich hier weniger“, meint Barbara und zeigt auf das chaotische Gewusel hinter uns.

„Das ist doch keine Schlange“, widerspricht Burkhard. „Das ist ein taktisches Aufstellungsmuster.“

Er beugt sich verschwörerisch zu uns.

„Die Leute wissen es nur nicht.“

Der Verkäuferin ist inzwischen anzusehen, dass sie sich fragt, ob heute möglicherweise ein verstecktes Kamerateam unterwegs ist.

„So, wer ist denn jetzt dran?“

„Er“, rufen wir alle gleichzeitig und zeigen auf den Business-Typ.

Burkhard dreht sich zu mir.

„Rekrutin Leonie! Sie übernehmen die Führung der Einheit. Ihre Mission: Gleis 13 a bis d ausfindig machen. Wir folgen in enger Formation. Niemand geht verloren, bis wir unsere Transportplattform erreicht haben.“

Er hält inne, hebt den Arm und ruft:

„Truppe, Marschrichtung: linksherum, vorwärts, aber gemächlich. Wir wollen hier niemanden überrennen. Noch nicht!“

Hatte ich schon erwähnt, dass meine Verwandten völlig verrückt sind?

Kapitel 2

Wir setzen uns in Bewegung. Burkhard marschiert seitlich neben uns her, als sei er unser persönlicher militärischer Einweiser, und ruft in regelmäßigen Abständen:

„Tempo halten! Nicht abdriften! Barbara, du driftest.“

„Ich drifte überhaupt nicht“, sagt Barbara.

„Doch! Minimal! Auf dem Schlachtfeld hätte man dich dafür sofort mit einem Kompass beworfen.“

„Burki, das ist ein Hauptbahnhof.“

„Das sagst du“, ruft Burkhard und zeigt auf die Menschenmassen vor den Rolltreppen.

„Schau dir diese Truppenbewegungen an! Ein Wunder, dass hier keiner überrannt wird.“

Er deutet auf die Anzeigetafel.

„Achtung! Taktische Informationseinblendung! Rekrutin Leonie, Auswertung vornehmen!“

Ich schaue hoch.

„Hier steht 13 a bis d ist links.“

„Truppe! Linksschwenk!“

Er dreht sich schwungvoll um und stößt beinahe mit einem Mann zusammen, der seinen Koffer hinter sich herzieht.

„Feindlicher Angriff von der Flanke! Ausweichen!“

Der Mann hebt irritiert die Augenbrauen.

„Oh Burki“, sage ich lachend. „Du bist unmöglich, aber wir lieben dich.“

„Gleis 13 ist die andere Richtung“, behauptet Barbara stirnrunzelnd. „Wir müssen geradeaus gehen.“

„Papperlapapp. Wir müssen zwei Etagen nach oben fahren“, erklärt Burkhard. „Das ist doch ganz klar. Je höher die Zahl des Gleises, desto höher der Bahnhof.“

Das Gewühl ist nicht zu ertragen und ich hoffe, auf den Bahnsteigen ist es nicht so schlimm.

Nein, es ist nicht so schlimm. Es ist noch viel schlimmer.

Als wir auf dem Bahnsteig ankommen, trifft mich fast der Schlag. Hunderte von Menschen stehen dicht an dicht gedrängt und warten auf die Züge.

„Also, eins kann ich euch jetzt schon versichern: Einen Sitzplatz kriegen wir nicht“, stöhnt Barbara. „Und in den Regionalzügen gibt es auch keine Bordrestaurants, in die wir flüchten können. Wir hätten es so bequem haben können mit einem ICE und reservierten Sitzplätzen. Aber nein, ihr wolltet ja unbedingt sparen. Das habt ihr jetzt davon.“

Burkhard und Dieter starren fassungslos auf die Menschenmassen. Ich glaube, jetzt bereuen sie ihre Entscheidung doch.

„Wir konnten ja nicht wissen, dass es so voll werden würde“, will Dieter sich verteidigen.

„Doch, das konnten wir“, widerspricht Barbara wütend. „Ich habe es euch ungefähr 100.000 Mal gesagt, aber ihr wolltet ja nicht hören.“

Burkhard stemmt die Hände in die Hüften, betrachtet das Gedränge und zieht eine ernste Miene, wie ein Feldwebel, der gerade eine Katastrophe inspiziert.

„Tja, Rekrut Dieter“, sagt er trocken. „Bei dieser Personendichte hätten wir deine seitliche Ausbreitung einkalkulieren sollen.“

Dieter blinzelt empört. „Seitliche Ausbreitung?“

Burkhard nickt streng. „Jawohl. In der Truppe nennen wir das Raumforderung. Ein klassischer Risikofaktor im Gedränge.“

Burkhard hebt die Hand.

„Nicht lachen, das ist ein ernstes logistisches Thema. Wenn Dieter gleich versucht, sich da reinzuquetschen, brauchen wir eventuell eine Bergungsmission.“

„Ich quetsche mich nicht“, protestiert Dieter.

„Doch“, sagt Burkhard mit militärischer Überzeugung. „Und zwar mit Druckstufe drei. Minimum.“

Dieter rollt mit den Augen.

„Ich bin nicht so dick, wie du immer tust.“

„Das habe ich auch nie behauptet“, ruft Burkhard empört. „Ich sage nur: Du bist effektiv. Ein kompakter Frontsoldat. Ein Raumwunder.“

„Ein Raumwunder?“, echot Dieter.

„Positiv gemeint“, fügt Burkhard hastig hinzu. „Wenn wir heute zusammenbrechen, bist du der Erste, der einen stabilen Stand hat. Sozusagen unser menschlicher Anker.“

Barbara wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Burki, du bist unmöglich.“

Burkhard tippt sein Käppi an.

„Ich weiß. Und ich nehme diese Aufgabe sehr ernst.“

Er mustert die Menschenmassen erneut.

„Regel Nummer vier: Bei Gefahr eines Gedränge-Staus ordnet der Feldwebel eine Keilformation an. Leonie vorne, ich rechts, Barbara links…“

Er dreht sich zu Dieter.

„…und du, Rekrut Dieter, bildest den stabilen Mittelblock.“

„Den was?“

Burkhard klopft ihm kameradschaftlich auf die Schulter.

„Den Puffer. Du bist großartig als Puffer.“

„Ich finde das diskriminierend“, murmelt Dieter.

„Nein, nein“, sagt Burkhard mit gespieltem Ernst. „Es ist eine Ehre. Jeder Feldwebel träumt von einem zuverlässigen Puffer. Dort ist ein guter Puffer Gold wert. Du kannst alles abfedern.“

Als der Zug mit 40minütiger Verspätung eintrudelt, geht das Gedränge los. Selbstverständlich bekommen wir keine Sitzplätze und müssen stehen. Unsere Stimmung könnte nicht besser sein.

Nach einer Stunde Fahrt im Stehen steigen wir irgendwo in der Pampa aus und hören aus den Lautsprechern, dass wir unseren Anschlusszug leider verpasst haben. Der nächste kommt erst in zweieinhalb Stunden.

„Okay, ich kürze das jetzt mal ab“, beschließt Barbara resolut. „Ich werde mir jetzt sofort einen IC buchen. Das mache ich nicht mit. Wenn ihr beide erst im Morgengrauen eintreffen wollt, soll mir das egal sein. Viel Spaß beim Schlafen in einem kalten Wartesaal in der Pampa.“

Burkhard und Dieter machen bedröppelte Gesichter. Barbara tippt auf ihrem Smartphone herum und schüttelt den Kopf.

„Am selben Tag sind die Preise für einen ICE natürlich utopisch hoch“, murmelt sie. „Aber das ist mir jetzt auch egal. Wenn das nämlich so weitergeht – und das wird es, das verspreche ich euch – kommen wir erst nächste Woche in Bayern an.“

„Wieso kommt der nächste Zug denn erst in zweieinhalb Stunden?“, sagt Burkhard ärgerlich. „Vielleicht können wir vorher mit einem anderen Zug fahren.“

„Es fährt aber kein früherer Zug“, seufzt Barbara. „Unsere einzige Chance besteht darin, dass wir in der nächstgrößeren Stadt einen IC buchen. Das hätten wir von Anfang an tun sollen.“

„Aber wir wollten doch Geld sparen“, jammert Dieter und knabbert an seiner dritten Laugenbrezel herum. „Wenn wir jetzt einen schnellen Zug buchen, zahlen wir das Doppelte und Dreifache.“

„Ich persönlich möchte nicht mitten in der Nacht in irgendeinem verlassenen Kaff sitzen und auf den Morgenzug warten“, erklärt Barbara. „Ihr beide könnt das gern tun. Habt ihr mal auf die Durchsagen geachtet? Jeder, wirklich jeder Zug hat Verspätung oder fällt ganz aus. Dass die Züge völlig überfüllt sind, erwähne ich erst gar nicht.“

„Barbara hat Recht“, schalte ich mich ein. „Ich habe auch keine Lust, mitten in der Nacht in der Pampa zu sitzen.“

Burkhard richtet sich langsam auf, rückt sein Käppi zurecht und sagt mit dem letzten Rest seiner Feldwebel-Würde:

„Truppe, wir haben einen Totalverlust der Einsatzplanung zu verzeichnen. Mission Pünktliche Ankunft ist offiziell gescheitert.“

Er schaut in die verlassene Bahnhofshalle, dann zu Barbara, die wie wild auf ihrem Handy tippt.

„Rekrutin Barbara führt einen eigenständigen Rückzug durch. Strategisch klug. Moralisch vernichtend.“ Er seufzt tief.

„Dann bleiben wir eben zurück. Zwei tapfere Soldaten, gestrandet im Niemandsland. Ohne Sitzplatz. Ohne Hoffnung. Und ohne Heizung.“

Dieter rollt mit den Augen.

„Und ohne was zu essen. Das ist das Allerschlimmste. Ich bleibe jedenfalls nicht hier.“

Barbara atmet erleichtert auf.

„In zwanzig Minuten fährt ein ICE von der nächsten größeren Stadt Richtung München. Vierfacher Preis, aber dafür mit Sitzplatz und Heizung. Ich bin dabei und nehme mir ein Taxi. Wenn wir sofort eins kriegen, schaffen wir es noch.“

Sie dreht sich um und stapft Richtung Unterführung. Burkhard sieht ihr nach, als würde er seine letzte Hoffnung davon marschieren sehen. Dann seufzt er schwer, richtet sein Käppi und murmelt:

„Ich habe die Lage sondiert. Unsere Optionen lauten: frieren, verzweifeln oder finanziell ruiniert weiterfahren.“

Dieter schluckt. „Und verhungern. Ich wähle Option drei.“

Burkhard nickt. „Klug gewählt. Option eins führt zu Erfrierungstod. Option zwei zu deiner schlechten Laune, und die hält keiner von uns aus.“

Burkhard salutiert mit müder Grandezza.

„Die Truppe wählt den teuren Rückzug. Strategisch fragwürdig, aber moralisch notwendig.“

Und so marschieren wir los – besiegt, bankrott, aber hoffentlich bald im Warmen.

Der Taxifahrer scheint wenig überrascht zu sein, drei völlig entnervte Menschen plus einen selbsternannten Feldmarschall aufzusammeln. Im Taxi herrscht das erschöpfte Schweigen von Leuten, die so viel Pech hatten, dass sie sich nicht einmal mehr darüber beschweren wollen.

Nach einer Viertelstunde tauchen endlich Lichter am Horizont auf. Eine richtige Kleinstadt mit einem Bahnhof, der zumindest so aussieht, als würden dort gelegentlich Züge fahren, zum Beispiel unser ICE nach München.

Als der Zug einfährt, ist Dieter als Erster an der Tür.

„Endlich!“, schreit er. „Ich verhungere! Ich bin seit Stunden unterzuckert!“

Er stürzt los wie ein Mann, der zu lange ums Überleben gekämpft hat und nun endlich eine Oase sieht. Er rempelt versehentlich zwei Rucksäcke und eine Reisetasche an und verschwindet in Richtung Bordrestaurant, bevor wir anderen überhaupt eingestiegen sind.

„Na toll“, sagt Barbara. „Jetzt haben wir ihn verloren.“

Burkhard winkt müde ab.

„Rekrut Dieter folgt dem Ruf der Nahrung. Das ist stärker als jeder militärische Ablaufplan.“

Wir steigen ein, suchen unsere von Barbara reservierten Plätze und lassen uns erschöpft darauf nieder. Der Urlaub kann beginnen.

Irgendwann landen wir tatsächlich in Garmisch-Partenkirchen und leisten uns erneut ein Taxi.

„Hätten wir nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren können?“, meckert Burkhard. „Das ist doch alles im Deutschland-Ticket enthalten.“

Barbara verdreht die Augen.

„Das wäre total umständlich. Wir müssten x-mal umsteigen und eine weite Strecke zu Fuß laufen – und das mit den Koffern. Du liebe Güte, jetzt seid mal nicht so geizig. Ihr nagt doch nicht am Hungertuch.“

„Nein, das nicht, aber man muss das Geld ja nicht unbedingt mit vollen Händen zum Fenster rauswerfen“, beschwert sich Dieter. „Man kann es auch für wichtigere Sachen ausgeben.“

„Für Essen zum Beispiel“, entgegnet Barbara. „Du denkst wirklich immer nur daran.“

„Du weißt doch gar nicht, woran ich denke.“ Dieter schüttelt den Kopf. „Oder bist du seit neuestem Gedankenleser oder Gedankenleserin?“

„Bei dir schon“, gibt Barbara zuckersüß zurück. „Denn bei dir ist das wirklich nicht schwer zu erraten. Du denkst doch immer nur ans Essen.“

---ENDE DER LESEPROBE---