Finding my Voice. Mein Weg zu dir - Denise Mann - E-Book
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Finding my Voice. Mein Weg zu dir E-Book

Denise Mann

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Beschreibung

**Große Gefühle, große Hindernisse** Die Fassade einer intakten, glücklichen Familie aufrechtzuerhalten ist alles, woran die 18-jährige Joy denken kann. Niemand soll von den Problemen ihrer Mutter erfahren. Die talentierte Singer-Songwriterin ist sogar bereit dafür ihren größten Traum aufzugeben: ein Studium an der Conversatory of Music in San Francisco. Doch all ihre Prioritäten ändern sich schlagartig, als der charismatische Gavin in ihr Leben tritt. Bis der attraktive Footballspieler mit einer folgenschweren Entscheidung Joys gesamtes Vertrauen aufs Spiel setzt ... Berührende Romance, die beweist, dass es sich immer lohnt, die eigenen Träume zu verfolgen. //»Finding my Voice. Mein Weg zu dir« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.//

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impress

Die Macht der Gefühle

Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.

Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.

Tauch ab und lass die Realität weit hinter dir.

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Denise Mann

Finding my Voice. Mein Weg zu dir

**Große Gefühle, große Hindernisse**

Die Fassade einer intakten, glücklichen Familie aufrechtzuerhalten ist alles, woran die 18-jährige Joy denken kann. Niemand soll von den Problemen ihrer Mutter erfahren. Die talentierte Singer-Songwriterin ist sogar bereit dafür ihren größten Traum aufzugeben: ein Studium an der Conversatory of Music in San Francisco. Doch all ihre Prioritäten ändern sich schlagartig, als der charismatische Gavin in ihr Leben tritt. Bis der attraktive Footballspieler mit einer folgenschweren Entscheidung Joys gesamtes Vertrauen aufs Spiel setzt …

Wohin soll es gehen?

Buch lesen

Vita

Danksagung

© Isabel Diekmann | infinity images

Unter dem Motto »Nichts muss, vieles kann, alles darf« lebt Denise Mann mit ihrer Familie und ihren zwei Katzen im Herzen des Ruhrgebiets. Inspiration für ihre Geschichten findet sie in den seltsamsten Alltagssituationen. Aus einem anfänglich eher heimlichen Hobby entwickelte sich eine Leidenschaft, die zu einem festen Bestandteil ihres Lebens wurde.

Dieses Buch ist für dich.

Liebe ist immer eine gute Idee. Also liebe. Aus tiefstem Herzen.

Vorbemerkung für die Leser*innen

Liebe*r Leser*in,

dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte. Aus diesem Grund befindet sich hier eine Triggerwarnung. Am Romanende findest du eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler für den Roman enthält.

Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest. Gehe während des Lesens achtsam mit dir um. Falls du während des Lesens auf Probleme stößt und/oder betroffen bist, bleib damit nicht allein. Wende dich an deine Familie, Freunde oder auch professionelle Hilfestellen.

Wir wünschen dir alles Gute und das bestmögliche Erlebnis beim Lesen dieser besonderen Geschichte.

Denise Mann und das Impress-Team

Kapitel 1

Party in the U.S.A.

Ich hebe die Hände, denn sie spielen mein Lied, und die Schmetterlinge fliegen davon.

Die Bässe fegten über die feiernde Partymeute hinweg. Mein Herz schlug wild und kräftig im Rhythmus der Musik. Obwohl der Abend schon lange angebrochen war, heizten die Strahlen der langsam untergehenden Sonne das Gemüt aller ordentlich ein. Schweißperlen sammelten sich auf meiner Stirn, hinterließen feuchte Spuren auf meinen Wangen, die von wirren Haarsträhnen weggewischt wurden. Ich warf meine Arme in die Höhe und störte mich nicht an der Flüssigkeit, die über den Rand meines Bechers schwappte. Stattdessen schloss ich die Augen und ließ mich von der Energie durchströmen. Die Körper der anderen, die beim Tanzen gegen mich stießen, bemerkte ich kaum. Lauthals sang ich die Zeilen aus Miley Cyrus’ Hit Party in the U.S.A. mit, die von elektrischen Gitarren und Schlagzeuggehämmer begleitet wurden.

»Joy!«, erklang mein Name dumpf aus der Ferne. »Heeey, Joy!«

Widerwillig öffnete ich die Augen, ein Lächeln auf den Lippen, während ich mich anstrengte, den Ursprung des Rufens ausfindig zu machen. Suchend drehte ich mich ein paarmal um meine eigene Achse, bevor mir Fionas rote Locken ins Auge fielen. Sie bahnte sich ihren Weg durch das Hüftgeschwinge und Haargewirbel der Glam-Girls, die alles daransetzten, ihre Vorzüge um jeden Preis ins richtige Licht zu rücken.

»Hier bist du«, vernahm ich ihre Worte begleitet von der süßen Note der Pfirsichbowle.

Mit einem verwegenen Grinsen bot sie mir einen roten Plastikbecher an.

»Ich hab noch«, entgegnete ich und prostete ihr mit meinem Getränk zu. »Cherry und Samara geben heute aber mal wieder alles, oder?«

Ohne sich auch nur um Diskretion zu bemühen, begutachtete sie die Akrobatik der beiden.

»Anscheinend haben sie noch was vor«, kicherte Fiona und kippte den Inhalt des Bechers, der eigentlich für mich bestimmt war, in ihren eigenen um. »Julia scheint den Flow offensichtlich nicht so zu fühlen.«

»Tut sie das je?«

Meine Freundin warf einen Blick auf ihre neonpinke Armbanduhr. »Gib ihr noch eine Stunde und zwei Shots, dann kommt auch sie auf Touren.«

Beide brachen wir in Gelächter aus, imitierten die verrückten Tanzstile der anderen, bevor wir synchron in den Robotermove wechselten, was nur zu einem weiteren Lachanfall führte. Mit Tränen in den Augen und einem schmerzenden Bauch gab ich ihr per Kopfnicken zu verstehen, dass ich eine Verschnaufpause brauchte.

»Komm wir gehen zu den Strandkörben«, schlug ich nach Atem ringend vor.

»Guter Plan«, erwiderte sie und teilte voranschreitend die Menge.

»Ist das nicht eine Megaparty?«, fragte Fiona, die Augen auf das Meer an Lichterketten über unseren Köpfen gerichtet. »Ich glaube, wenn ich so einen Garten hätte, würde ich nie mehr in den Urlaub fahren.«

Ich folgte ihrer Blickrichtung, schaute in den Himmel, dessen tiefrote und pinke Streifen das Herannahen der Nacht ankündigten. Bald würden die ersten Sterne aufgehen und mit der künstlichen Beleuchtung um die Wette strahlen.

Ich nahm einen tiefen Atemzug, inhalierte das salzige Aroma der Küstenluft. Der letzte Monat an der Highschool.

»Bald ist das alles vorbei«, sinnierte meine Freundin weiter an ihrer Bowle nippend. »Kaum zu glauben, dass in vier Wochen alles anders ist.« Sie quietschte kurz auf, zog mich in eine unerwartete, heftige Umarmung, die dazu führte, dass sich der Inhalt meines Bechers über meine Jeans ergoss. »Dann sind wir erwachsen! Und gehen aufs College. Raus aus Pennhaven. Ich halt’s nicht aus!«

»Ich merk’s schon«, nuschelte ich grinsend und wischte verzweifelt über den unübersehbaren Fleck.

»Sorry! Ich bin einfach so aufgeregt!«

»Du bist immer aufgeregt«, schmunzelte ich.

»Energetisch, sagt meine Mutter. Sie findet, das klingt ressourcenorientierter.«

Ich zog die Augenbrauen hoch.

»Du kennst sie doch. Immer alles positiv sehen, ist besser fürs Karma.«

»Das sollten wir den Glam-Girls mal sagen.«

»Lieber nicht. Sonst haben wir gar nichts mehr zu lachen.«

»Ist diese Aussage jetzt ressourcenorientiert?«

»Amüsieren wir uns regelmäßig über Cherry, Samara und Julia?«

»Kann ich nicht abstreiten.«

»Siehst du, eindeutig positiv.«

Beinahe zeitgleich lehnten wir uns zurück und versanken erneut im Anblick des leuchtenden Firmaments. Wie wohl der Himmel aus dem Fenster meines Zimmers im Studentenwohnheim aussehen würde?

»Bald fängt unser Leben richtig an«, flüsterte ich andächtig.

Fiona nickte, ihre Lockenpracht federte, als unterstriche sie meine Worte. »College, Campus und richtige Männer.«

Ich verschluckte mich an meinem Getränk und brachte nur einen grunzenden Laut zustande.

»Was denn?«, fragte sie mit einer Unschuldsmiene, während sie mir auf den Rücken klopfte. »Man wird ja wohl noch träumen dürfen.« Mit einem Zwinkern hob sie ihren Becher in die Höhe. »Cheers, Girl! Auf die Zukunft!«

Ich erwiderte ihre Geste, stieß heftig gegen ihr Getränk, sodass wir beide kicherten, als die zuckrige Flüssigkeit über unsere Hände floss.

»Aufs Leben«, sagte ich.

***

Als die Sonne verschwand, sanken auch die Temperaturen. Ich begann zu frieren, während ich am Rand der immer noch tanzenden Menge stand und meinen Becher in einen Mülleimer fallen ließ. Trotz der voranschreitenden Uhrzeit tauchten immer noch Leute auf, unter anderem die Footballstars der Soquel Highschool. Mit viel Getöse, Handshakes und High fives wurden sie empfangen, beinahe vergöttert, und auch die Glam-Girls vergeudeten keine Sekunde, sich an ihre Seite zu gesellen.

Die Stimmung der Party veränderte sich mit dem Eintreffen der Jungs, verlor die Leichtigkeit, bei der es nur darum ging, Spaß zu haben und zu tanzen – ganz egal, ob man zu den coolen Kids oder den Strebern gehörte. Jetzt lag eine Anspannung in der Luft, welche die Blicke der anderen veränderte, kritischer werden ließ. Gehässiges Gelächter hallte über die Musik hinweg, nicht mehr der Klang von Unbeschwertheit.

»Zeit zu gehen«, murmelte ich mir selbst zu.

Auf Zehenspitzen stehend, versuchte ich, über die Köpfe der Tanzenden hinwegzuschauen und den roten Lockenschopf meiner Freundin auszumachen. Jedoch ohne Erfolg. Im Schneckentempo bahnte ich mir meinen Weg auf die andere Seite der Tanzfläche, lehnte mich über das Treppengeländer, dessen Stufen hinunter zu einem gigantischen Pool führten, und suchte weiter. Der Wettkampf, wer wen zuerst ins kühle Nass schubsen würde, war bereits in vollem Gange, aber auch hier konnte ich Fiona nicht sehen. Ein Blick auf das schwarze Display meines Smartphones verriet mir, dass sie noch nicht gegangen sein konnte, ansonsten hätte sie mir geschrieben. Das machten wir immer so. Vielleicht knutschte sie auch gerade mit irgendeinem Typen oder hatte sich mal wieder zu einer Runde Beerpong herausfordern lassen.

Kurzerhand entschied ich mich dazu, ihr eine SMS zu schicken und mich für heute zu verabschieden. Danach schob ich das Handy in meine Gesäßtasche, benötigte einen Augenblick, um mich zu orientieren, und steuerte das Gartentor an. Dabei bemühte ich mich, unter dem Radar der vermeintlichen Elite zu bleiben. Auf einen dummen Kommentar von Cherry oder eine Anmache von einem unserer Footballstars, die doch nur ein Witz sein sollte, konnte ich getrost verzichten. Dafür war der Abend zu schön gewesen.

»Joycie-Boycie, schon ab ins Bettchen?«, rief Clay, der Runningback unseres Teams, über die Masse hinweg. »Heute kein Tänzchen mehr auf dem Gartentisch?«

»Ich denke nicht«, erwiderte ich knapp, ohne stehen zu bleiben. »Hab noch Muskelkater vom letzten Mal.«

»Ich könnte dich massieren.«

Die Jungs stimmten ein lautes Wolfsgeheul an, was die Glam-Girls wiederum mit abschätzigen Blicken honorierten.

»Danke fürs Angebot, aber ich passe.«

Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, bewegte ich mich weg von der Party und ignorierte die zweideutigen Parolen, die mir hinterherschwirrten wie Papierflieger. In meiner Handtasche kramte ich vergebens nach meinem Handy.

»Es muss … doch hier … sein«, fluchte ich, den Gehweg ignorierend. »Ich hab doch … Fiona …«

Ein Stoß brachte mich aus dem Gleichgewicht und ließ meine Tasche zu Boden fallen.

»Hoppla«, erklang eine männliche Stimme.

Mein Kopf löste sich von dem Chaos auf den Pflastersteinen und ich blickte in zwei hellblaue Augen, umrahmt von langen Wimpern. Volle Lippen schenkten mir ein charismatisches Lächeln. Wie zu Eis erstarrt, glotzte ich Gavin Pierce förmlich an, unfähig eine Reaktion zu zeigen. Sein Lächeln wurde breiter, als er sich bückte, um meine Sachen aufzuheben. Ich zwang meinen Körper dazu, mir wieder zu gehorchen, schüttelte die Starre ab und tat es ihm gleich. Hektisch entnahm ich ihm meinen Schlüssel und das Schminktäschchen und stopfte alles in mein Heiligtum.

»’Tschuldige«, kam es mir immer noch zaghaft über die Lippen.

Was ist los mit dir, Joy? Reiß dich zusammen!

»Nichts passiert«, erwiderte er ruhig. Seine blonden Wellen benötigten einen Haarschnitt. Sie waren bereits lang genug, um ihm leicht in die Augen zu fallen.

»Und danke«, fügte ich noch hinzu.

»Kein Problem.«

Unbeholfen stand ich da, seinem aufmerksamen Blick ausgeliefert, und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Ja, ich muss dann auch los.«

»Schon?«

Ich schaute auf meine Armbanduhr, die kurz vor Mitternacht anzeigte, und nickte.

»Jap. Morgen ist Schule.«

»Stimmt. Soll ich dich nach Hause fahren?«

Mein Herz stolperte bei seiner Frage.

»Nein!«, entgegnete ich eine Spur zu heftig. »Nicht nötig. Es ist nicht weit.«

»Bist du denn mit dem Auto da?«

Ich schüttelte den Kopf und bewegte mich an seinem hochgewachsenen Körper vorbei. Mein Arm streifte den seinen, versetzte mir einen kleinen Stromschlag, den er nicht zu verspüren schien.

»Ich kann dich auf keinen Fall zu Fuß gehen lassen«, stellte er fest, nachdem er die Uhrzeit durch einen Blick auf sein Smartphone nun ebenfalls kannte.

Natürlich musste ich auf den einzigen gut aussehenden Samariter im Umkreis von fünfhundert Meilen treffen. In diesem Moment wünschte ich mir, dass all die Erzählungen, in denen Gavin stets als Retter in glänzender Rüstung dargestellt wurde, nur Gerüchte waren. Aber ich wusste nur zu gut, dass er tatsächlich zu den hilfsbereitesten Menschen zählte, die ich kannte. Dabei war es völlig egal, ob er einem Freund half, einer ihm gänzlich fremden Person oder eben einer Mitschülerin, die nachts alleine nach Hause laufen wollte. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte ich mich wahrscheinlich über sein Angebot gefreut, wenn nicht sogar geschmeichelt gefühlt.

»Klar kannst du das.«

»Nein. Mein Vater wäre zutiefst enttäuscht.«

Ich schlug den Weg Richtung Hauptstraße ein und versuchte ihn abzuhängen.

»Er muss es ja nicht wissen.«

»Joy«, rief Gavin. Ich war mir nicht sicher, ob er absichtlich nicht zu mir aufschloss oder ob ich tatsächlich schneller lief als der Quarterback unserer Schule. »Joy, bleib stehen.«

Ich kam mir vor wie im falschen Film, als wäre ich mitten in eine Teenager-Romanze geplumpst. Einer der beliebtesten Jungs meiner Schule bot an, mich nach Hause zu fahren, ohne zweideutige Anmerkungen, und ich führte mich wie eine Zicke auf. Das aufgeregte Flattern in meinem Bauch wollte sein Angebot definitiv annehmen, aber die dunkle Stimme der Vernunft ließ sich nicht überzeugen. Mahnend erinnerte sie mich daran, dass ich nicht wusste, was mich zu Hause erwarten würde, und dass es sicherer war, kein Risiko einzugehen.

Für den Bruchteil einer Sekunde presste ich meine Lippen aufeinander, sammelte die Kraft, die ich brauchte, um dafür zu sorgen, dass mein Verfolger endgültig aufgab.

»Geh zur Party, Gavin«, forderte ich ihn über die Schulter hinweg auf, ohne zurückzuschauen. »Ich bin groß und komm klar.«

Die Schritte hinter mir verstummten kurz, bevor sie sich entfernten, und mir war, als vernähme ich ein gemurmeltes »Na schön«. Erleichterung machte sich in meinem Brustkorb breit, dicht gefolgt von einem dumpfen Gefühl, für das ich keine Worte fand.

»Komischer Abend«, seufzte ich, kramte erneut in meiner Tasche und war nicht in der Lage, mein Handy zu finden. Frustriert blieb ich stehen und versank förmlich kopfüber im Inhalt meines Heiligtums. Neben mir erklang das gleichmäßige Brummen eines Autos. Instinktiv wandte ich mich etwas von der Fahrbahn ab.

»Wo ist dieses Scheißteil …«, grummelte ich.

»In deiner hinteren Hosentasche.«

Erschrocken fuhr ich herum und erblickte Gavin, ein schiefes Grinsen auf den Lippen, während er mich aus seinem roten Pick-up-Truck heraus beobachtete. Offensichtlich war er zurückgegangen, um seinen Wagen zu holen.

Geistesabwesend tastete ich langsam nach meiner Gesäßtasche und verdrehte innerlich die Augen, als ich das rechteckige Mistding erspürte. Mit einem schmalen Lächeln zog ich es heraus und wedelte ihm damit zu. »Danke.«

»Nicht dafür.«

Einen Moment lang sagte keiner von uns beiden etwas, nur das Geräusch des Motors seines Trucks stimmte die Hintergrundmusik für diese groteske Szenerie an. Wind zog auf, rüttelte an den Grasbüschen der Vorgärten und verschaffte mir eine mahnende Gänsehaut. Ich musste nach Hause.

»Du kannst jetzt fahren«, durchbrach ich das Schweigen und deutete eine verabschiedende Geste an.

»Erst, wenn du auf dem Beifahrersitz Platz genommen hast.«

Wieso machte er es mir so schwer?

»Ich darf nicht zu Fremden ins Auto steigen«, kommentierte ich triumphierend grinsend und setzte meinen Weg fort.

»Wir gehen auf dieselbe Schule.«

Langsam rollte sein Wagen neben mir her.

»Das heißt ja nichts. Wir haben noch nie miteinander geredet.«

»Das stimmt nicht. Kunstprojekt Klasse neun bei Mr Phillips. Da waren wir Partner.«

Ein Kichern konnte ich nicht unterdrücken, als ich an die hässlichste Zeichnung eines Baumes zurückdachte, die ich je gesehen hatte.

»Das ist wahr. Mein Fehler. Wie konnte ich dein künstlerisches Talent nur vergessen?«

»Ach, das passiert mitunter den Besten.«

Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, als das Namensschild der Hauptstraße in Sicht kam. Egal, wie sehr seine Beharrlichkeit meinen Herzschlag in die Höhe trieb – ich musste ihn loswerden, um jeden Preis. Aber da war ein kleines Zupfen in meinem Inneren, das nach Aufmerksamkeit verlangte und mir zuwisperte, einzusteigen.

»Jetzt aber mal im Ernst«, begann Gavin, »ich werde dich nach Hause bringen. Auf die eine oder die andere Art. Du kannst also genauso gut mitfahren.«

Tief einatmend blieb ich stehen. Mir gingen die Ideen aus und auch die Kraft, sein Angebot noch länger abzulehnen. Auf gar keinen Fall wollte ich, dass Gavin bis zu mir nach Hause neben mir herfuhr und wenn ich nicht in den Pick-up einstieg, würde genau das passieren. Dass ich schneller lief als sein Auto, war unwahrscheinlich. Aber wenn ich mit ihm fuhr, konnte ich ihm einfach ein, zwei Straßen vorher weismachen, dass ich dort wohnte. Das konnte funktionieren.

»Okay«, willigte ich schließlich ein. »Aber nur dieses eine Mal.«

»Das sagen sie alle«, lachte Gavin auf, während ich die Beifahrertür öffnete und mich auf den Sitz gleiten ließ, »und dann können sie mir doch nicht mehr widerstehen.«

»Angeber.«

»Realist. Absoluter Realist.«

Die nächsten Minuten hing jeder schweigend seinen Gedanken nach. Ich verfolgte die Lichtkegel der Straßenlaternen, wie sie sich auf der blank polierten Motorhaube spiegelten und dann im Nichts verschwanden. Ohne eine genauere Angabe zu machen, hatte ich ihm Paul’s Coffee als Richtungsweisung genannt und überlegte, einfach das Haus der Millers als das meine auszugeben. Innerlich zog sich eine Drahtschlinge um meine Eingeweide, während ich inständig hoffte, das ältere Ehepaar nicht zufällig noch auf der Veranda sitzend vorzufinden. Auch wenn dies in Anbetracht der Uhrzeit unwahrscheinlich war, gelang es mir nicht, den Gedanken abzuschütteln, dass mir diese Heimfahrt nachträglich um die Ohren fliegen könnte. Dennoch würde ich Gavin unter keinen Umständen zu mir nach Hause lotsen.

»Und? Hab ich viel verpasst auf der Party?«, fragte er.

»Nicht wirklich. Eigentlich das übliche Geplänkel. Viele Leute und viel zu trinken.«

»Bier oder Pfirsichbowle?«

»Was meinst du?«

»Ob du eher Bier oder Pfirsichbowle trinkst.«

Irritiert runzelte ich die Stirn. »Muss ich mich entscheiden?«

»Musst du nicht, aber meistens mag man eines von beiden lieber«, erklärte er. »Wenn du mich zum Beispiel fragst, ob ich lieber Chips oder Schokolade esse, kann ich ganz eindeutig Chips sagen.«

»Und ich dachte, ihr Sportler esst den ganzen Tag nur Kohlenhydrate.«

»Eigentlich brauchen wir am meisten Eiweiß. Aber Kohlenhydrate schaden nicht. Und mit Fett schmecken die besser.«

Ein glucksender Laut entwich mir. »Deshalb auch Käsesoße zu den Nachos«, schlussfolgerte ich.

»Exakt.«

»Eiscreme oder Torte«, fragte ich prompt.

»Uh, schwierig.« Er biss sich leicht auf die Unterlippe und sog die Luft hörbar ein. »Eiscreme. Und du?«

»Torte. Definitiv Torte.«

»Sommer oder Winter?«

Ich überlegte einen Moment und Bilder von Blockhütten mit weiß gepuderten Dächern, die im Sonnenlicht glitzerten, kamen mir in den Sinn, begleitet von dem Geruch von Morgentau in der Luft.

»Winter. Ich liebe Schnee.«

»Dann warst du bestimmt auch schon in Tahoe, oder?«

»Früher, als ich noch kleiner war.«

»Cool. Ich bin im letzten Jahr das erste Mal Snowboard gefahren. Ist definitiv was anderes als Skateboarden.«

Gavins Worte rückten in den Hintergrund wie ein sich verlierendes Echo. Unweigerlich stiegen Erinnerungen vor meinem inneren Auge auf. Ich hatte schon lange nicht mehr an die Zeit in den Bergen gedacht und jetzt war sicherlich kein passender Augenblick, um damit anzufangen.

»Bis Paul’s Coffee? Oder vorher abbiegen? Joy? Hallo?«, holte Gavin mich zurück in die Realität.

»Ähh, ja. Nein. Bis zur Center Street. Das genügt. Von da aus kann ich die paar Meter zu Fuß gehen.«

»Kommt gar nicht in Frage. Ein Gentleman fährt eine Lady bis zur Tür und wartet so lange, bis sie sicher im Inneren des Hauses verschwunden ist.«

Mir wurde augenblicklich speiübel. Mit krampfigen Fingern umklammerte ich mein Smartphone.

»Meinst du das ernst?«, presste ich hervor.

»Natürlich. Mein Vater hat mich gut erzogen.« Das Grinsen verlor sich, als Gavin einen Blick auf mich warf. »Alles okay? Ist dir nicht gut?«

Nicht gut? Mir war furchtbar zumute. Ich spürte, wie mein Herz sich immer weiter in die Panik hineinsteigerte und aus dem Takt geriet. Kalter Schweiß sammelte sich auf den Innenflächen meiner Hände, was den Griff um mein Smartphone nur noch weiter verstärkte. Jedes andere Mädchen hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit einen inneren Freudentanz aufgeführt, und ein winziger Teil in mir stand bereits Pompons wedelnd in den Startlöchern. Aber die Angst war größer. Und stärker.

»Joy?«

Die Ampel vor uns schaltete auf Rot, zwei Blocks von der Center Street entfernt. Ohne dass ich eine bewusste Entscheidung getroffen hatte, wandte ich mich Gavin einem Roboter gleich zu.

»Jaja. Alles gut«, stammelte ich, die Finger vorsichtig an der Gurtschnalle. »Danke, dass du mich nach Hause gefahren hast. Ich steige schon mal aus. Ist auch nicht so weit.«

»Was? Was redest du denn da?«

»Danke. Das ist sehr nett gewesen. Mach’s gut.«

Ich legte ihm kurz meine Hand auf seinen Arm, der eine angenehm wohlige Wärme ausstrahlte, und öffnete mit der anderen die Tür. Ein Augenblinzeln später hopste ich aus dem Wagen und lief hektisch über die Straße.

»JOY!«, rief Gavin mir hinterher. »Warte!«

»Alles gut! Mach dir keine Sorgen. Tschüss!« Meine Stimme schien aus allen Richtungen der verlassenen Straße widerzuhallen, unnatürlich laut und verzerrt.

Ich wusste, dass ich schnell sein musste, wenn ich verhindern wollte, dass Gavin mich in seinem Truck einholen konnte. Also stürmte ich auf den nächsten Garten zu, hüpfte über den Zaun und rannte über die Rasenfläche. Der Bewegungsmelder reagierte augenblicklich, und in seinem Schein nicht zu erstarren, kostete mich all meine Konzentration. Trotzdem trieb ich mich weiter zur Eile an, erklomm das Rosenspalier und verließ den Garten auf der anderen Seite wieder.

Das Geräusch eines herannahenden Autos ließ mich noch einmal beschleunigen, was mein unsportlicher Körper mir mit heftigem Seitenstechen und dem drohenden Erstickungstod dankte. Aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen, denn es lagen noch zwei Querstraßen, also vier Gärten vor mir, bevor ich zum Riverview Drive kam und somit zu Hause wäre.

Innerlich betete ich, dass Gavin einfach umdrehte, mich für völlig bescheuert hielt und zurück zur Party fuhr. Ob das, was er über die Erziehung seines Vaters gesagt hatte, der Wahrheit entsprach oder einfach nur aus dem Moment geboren worden war, konnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Sollte er jedoch wirklich so ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein haben, würde er auf jeden Fall die Straßen abfahren. Also bedeutete dies für mich: Gas geben!

Das Donnern meines aufgeregten Herzens erschwerte es mir, die umliegenden Geräusche einzuordnen. Heulte da ein Motor auf? Quietschten hinter mir Reifen? Schweiß rann mir den Rücken runter, als ich den letzten Gartenzaun hinabglitt, mich mehr oder weniger elegant über die Straße schleppte und schräg gegenüber das Haus erblickte, in dem ich wohnte. Die Einfahrt lag verwaist vor mir, der Asphalt leuchtete im Mondlicht auf, und hinter den Fenstern herrschte absolute Schwärze. Es war niemand zu Hause.

Hektisch kramte ich in meiner Handtasche nach meinem Schlüssel und zog ihn samt Kopfhörern und Kugelschreiber heraus. Ohne zu zögern, sperrte ich auf, schlüpfte in die Dunkelheit und lehnte mich von innen gegen das kühle Holz der Eingangstür, bevor ich im Zeitlupentempo zu Boden glitt.

Instinktiv zog ich mein Smartphone aus der Gesäßtasche und blinzelte gegen das grelle Licht des Displays an. Stattdessen öffnete ich Tylers Chat und tippte mit zittrigen Fingern eine Nachricht an meinen besten Freund.

Ich: Hey Ty – erinnere mich bitte daran, in Zukunft einen großen Bogen um Gavin Pierce zu machen! Danke im Voraus. Xo

Kapitel 2

Wake Me Up

Weck mich, wenn alles vorbei ist. Wenn ich weiser bin und älter.

Der nächste Morgen kam schneller, als ich es mir gewünscht hätte. Schlaftrunken blinzelte ich gegen das Sonnenlicht an, das aufdringlich durch die Lamellen der Jalousie in meinem Zimmer fiel. Ein Blick auf den Wecker verriet mir, dass ich eigentlich noch zehn Minuten Schlafguthaben gehabt hätte. Offensichtlich sah das Universum dies anders und zwang mich dazu, den Tag früher zu begrüßen.

Während ich mir die Augen rieb, flimmerten Bilder der vergangenen Nacht auf. Ich sah Gavins ungläubigen Blick, als ich mich von ihm verabschiedet und mich abgeschnallt hatte, um kurze Zeit später aus seinem Truck zu stürzen. Hitze stieg in mir auf, trieb mir die Schamesröte ins Gesicht. Ich hatte mich total zum Affen gemacht und konnte nur hoffen, dass Gavin nicht weiter über mein sonderbares Verhalten nachdachte. Im besten Fall unterschied er sich doch nicht so sehr vom Rest der aufgeblasenen Footballstars, hielt mich für absolut bescheuert und verschwendete keinen weiteren Gedanken mehr an mich.

Als ich mich aus meiner Bettdecke schälte, bemerkte ich auch die körperlichen Spuren der gestrigen Sporteinlage. Meine Bauchmuskulatur begehrte gegen jede Form von Bewegung auf, genauso wie meine Beine, die mir das Gefühl gaben, auf Wackelpudding zu laufen. Mich an meiner Kommode festklammernd, hinkte ich im Granny-Style zu meiner Zimmertür, öffnete sie einen Spalt und spähte in den Flur, direkt auf den mir gegenüberliegenden Raum. Die Schlafzimmertür meiner Mutter war geschlossen und niemand zu sehen, also wagte ich es, den Kopf hinauszustrecken.

Mein Blick blieb unweigerlich auf dem grellweißen Rechteck über dem kleinen Schuhregal hängen, wo vor ein paar Wochen noch der gigantische Spiegel mit dem versilberten Stuckrahmen gehangen hatte, bevor Mom ihn gezwungenermaßen hatte verkaufen müssen. Wenn ich mich richtig erinnerte, war dies ein Geschenk meiner Großmutter zur Hochzeit meiner Eltern gewesen, ein Familienerbstück, das sich seit Jahrzehnten im Besitz der Familie Collins befunden hatte.

Der Geruch von geschmolzener Butter stieg mir in die Nase, kreierte verschwommene Bilder der Vergangenheit, in denen ich vor ebendiesem Spiegel gestanden hatte, die viel zu großen High Heels meiner Mutter an den Kinderfüßen, meine blonden Haare mit einer Milliarde bunter Klämmerchen hochgesteckt. Ich dachte daran zurück, wie sich die Hand meines Vaters angefühlt hatte, als er mich im Gleichgewicht gehalten hatte – nicht nur in diesem Moment, sondern immerzu. Seine azurfarbenen Augen hatten diesen liebevollen Zug getragen, der mir das Gefühl gegeben hatte, das Wertvollste auf der Welt für ihn zu sein. Das Einzige, was mir nach seinem Tod vor sechs Jahren geblieben war: dieses Haus samt seinen Erinnerungen und das Blau seiner Augen, die meinen beinahe zum Verwechseln ähnlich sahen.

Ein metallisches Rumpeln von Bratpfannen, die gegen Töpfe stießen, verscheuchte die Bilder, ließ sie wie sichtbar gewordene Atemluft in einer kalten Winternacht verpuffen. Mein Magen verkrampfte sich, während ich den Geräuschen lauschte, die aus der Küche im Erdgeschoss zu mir heraufdrangen. Das morgendliche Getöse konnte zwei Dinge bedeuten: Entweder hatte meine Mutter sich nach der Nachtschicht nicht sofort hingelegt oder sie war bereits wach und auf den Beinen. Keines der Szenarien konnte mir vorhersagen, ob es ein guter oder ein schlechter Morgen werden würde.

Bemüht leise schloss ich meine Zimmertür und klaubte meine Sachen zusammen, um mich für die Schule fertig zu machen. Gerade als ich frische Unterwäsche aus meiner Kommode fischte, erklang das Vibrieren meines Smartphones.

Tyler: Gavin Pierce? Der Hottie? Und du? Details bitte!

Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht, gepaart mit einem aufgeregten Herzenshüpfer, wenn ich an die Begegnung mit Gavin zurückdachte – dicht gefolgt von glühenden Wangen, sobald ich mir wieder meines unmöglichen Abgangs bewusst wurde.

Ein lautes Scheppern durchfuhr das Haus. Erschrocken zuckte ich zusammen. Mein Bauchgefühl tendierte zunehmend in Richtung schlechter Morgen.

Ich: Kann jetzt nicht reden. Code Red. Mehr später im Auto.

Nachdem ich unseren Geheimcode für besorgniserregendes Verhalten meiner Mutter an Tyler abgeschickt hatte, lief ich mit hektischen Schritten ins Bad, wusch mein Gesicht und warf mich in meine Klamotten. Auf der Oberschenkelpartie meiner Shorts zeichnete sich ein dunkler Fleck ab, der sich auch mit noch so viel Reiben nicht entfernen ließ.

»Shit«, fluchte ich und ein Blick auf den überquellenden Wäschekorb machte die Hoffnung auf ein anderes Paar Hosen augenblicklich zunichte. Die Waschmaschine würde ich als Erstes anschmeißen, wenn ich nach Hause kam.

»Es muss jetzt so gehen«, murmelte ich laut ausatmend und betrachtete mein Spiegelbild.

Mein blondes Haar reichte mir in leichten Wellen bis zu meinem Brustansatz und musste unbedingt geschnitten werden. Die salzige Seeluft hatte meinen Spitzen ordentlich zugesetzt. Unter meinen blauen Augen zeichneten sich leichte Schatten ab, die von zu wenig Schlaf zeugten. Aber die feinen Sommersprossen auf meinen Wangen und der Nase kaschierten die Erschöpfung, die mir entgegenblickte. Mein Vater hatte immer gesagt, dass er in mir ein Weizenfeld im Sommer sah, dessen goldene Halme sich sanft im Wind hin und her wiegten. Wenn ich mich jetzt so anschaute, erkannte ich nichts von seinen Worten.

»Joy?«, hörte ich die Stimme meiner Mutter rufen.

Ich verhielt mich ganz still, versuchte, ihre Stimmfarbe zu erkennen, um auszumachen, ob sie guter Laune war oder schlechter. »Bist du schon auf, Spätzchen?«

Ein Hinweis darauf, dass sich ihr Stimmungsbarometer noch nicht im roten Bereich befand.

»Ja, Mom«, antwortete ich schnell. »Bin schon im Bad.«

»Ich habe dir Pancakes gemacht.«

Meine Augen weiteten sich. Das letzte Mal, dass meine Mutter mir Frühstück an einem Schultag zubereitet hatte, lag so weit zurück, dass ich dazu kein Bild in meinen Erinnerungen fand.

Mein Handy vibrierte erneut.

Tyler: O shit! Kopf hoch und Brüste raus. Hast ja jetzt welche. Bis gleich.

Knallkopf. Trotzdem blieb mein Augenmerk für einen kurzen Moment an meiner schlanken Figur hängen, die einiges mehr an Weiblichkeit hätte vertragen können. Wenn man den einschlägigen Magazinen Glauben schenken durfte, bestand noch Hoffnung.

Seufzend schminkte ich mich zu Ende, band meine Haare zu einem wuscheligen Zopf zusammen und stellte mich der Situation in der Küche. Der eingangs buttrige Geruch hatte eine verbrannte Note angenommen und leichte Rauchschwaden hingen gräulich in der Luft.

»Mom«, entwich es mir, während ich mit schnellen Schritten um die Küchenanrichte herum auf die Terrassentür zulief und sie aufzog. »Was ist passiert?« Zusätzlich öffnete ich das Fenster über der Spüle.

Die drahtige Silhouette meiner Mutter tauchte hinter der geöffneten Kühlschranktür auf, das rotblonde Haar wirr in der Stirn. Sie lächelte und ihre grünen Augen trugen einen verräterisch glasigen Ausdruck.

»Nichts«, erwiderte sie unscharf sprechend. »Ich wollte Pancakes machen, aber irgendwie sind sie dann angebrannt.«

Mit einer Milchtüte in der Hand wankte sie zum Küchentresen, auf dem eine Schüssel Müsli stand.

»Ich hab … ich hab vielleicht eine Sekunde nicht hingesehen. Und dann … dann war’s passiert.«

Moms Haut bedeckte ein leichter Schweißfilm, der nichts mit den bereits steigenden Temperaturen des Frühsommers zu tun hatte. Ihr Körper dünstete den Alkohol aus, den sie bereits vor dem Morgengrauen getrunken haben musste.

»Was ist?«, fragte sie, während sie konzentriert die Milch über mein Frühstück goss. Zwei kleine Spritzer gingen daneben und landeten auf der dunkelbraunen Holzarbeitsplatte.

»Nichts«, erwiderte ich und griff nach dem Küchenpapier, doch Mom war schneller.

»Ich mach das schon!« Ihre Stimme bekam einen giftigen Unterton. »Das war nur ein Missgeschick.«

Während sie über die Flecken wischte, mied sie meinen Blick, rubbelte akribisch weiter, sodass sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht pusten musste. Dabei wehte eine scharfe Pfefferminzbrise zu mir herüber.

»Weiß ich doch«, sagte ich, um Besänftigung bemüht. »Müsli esse ich sowieso lieber.«

Sie lächelte schief. »Wie dein Vater.«

Das war nicht gut. Immer wenn sie anfing, von Dad zu reden, kippte ihre Stimmung früher oder später, und mein nervöses Bauchgefühl verriet mir, dass ihre Zündschnur bereits brannte.

Schnell warf ich einen gespielten Blick auf meine Uhr. »Oh, so spät schon? Mom, ich muss los. Mrs Todd hat heute früher Dienst.«

Aus zusammengekniffenen Augen musterte sie mich, witterte die Lüge wie ein Bluthund. Ich bemühte mich um eine ruhige Atmung, während mein Herzschlag einer Pauke gleich in meinen Ohren dröhnte.

»Sie kann dankbar sein, dass du ihren Sohn überhaupt zur Schule fährst. Eingebildete Schnepfe.«

Ohne auf ihre Aussage einzugehen, nahm ich drei Löffel Müsli, versuchte, nicht auch noch mein letztes T-Shirt zu versauen, und griff nach meinem Rucksack. Die Miene meiner Mutter verfinsterte sich mit jeder Sekunde zunehmend, ließ sie um Jahre älter wirken. Unsicher machte ich zwei Schritte auf sie zu, ihre Reaktion stets im Auge behaltend, und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die feuchte Wange.

»Du solltest dich hinlegen, Mom«, wisperte ich. »Nachdem du so hart gearbeitet hast …«

Dann wandte ich mich zum Gehen, ignorierte das angespannte Gemurmel, das sie von sich gab. Im besten Fall würde sie gleich, nachdem ich das Haus verlassen hatte, einfach schlafen. Über das Worst-Case-Szenario wollte ich mir lieber keine Gedanken machen.

***

Mrs Todd saß in ihrem marineblauen Morgenmantel an dem länglichen Mahagonitisch, als ich in die Küche meines besten Freundes kam. Tyler war direkt hinter mir, fuhr mir absichtlich mit seinem Rollstuhl in die Hacken und murmelte ununterbrochen Gavins Namen.

»Hör auf damit«, zischte ich und trat vor sein taubes Schienbein.

»Aua!«, quengelte er mit einer Leidensmiene. »Jetzt kann ich nie mehr laufen.«

Ich rollte mit den Augen. »Dafür werde ich niemals Erdnussbutter essen können«, erwiderte ich.

Grinsend kramte er in seiner Hosentasche und zog ein Snickers hervor. »Punkt für dich«, erwiderte er kauend.

»Spielt ihr schon wieder euer unmögliches Spiel? Wer hat es am schlimmsten?«, fragte Mrs Todd mit einer hochgezogenen Augenbraue. Ihr schwarzes Haar verlor sich im dunklen Blau ihrer Robe, ließ ihre Haut porzellanfarben schimmern.

»Besser, als depressiv zu sein.«

Sie warf ihrem Sohn einen empörten Blick zu, aber in ihren braunen Augen lag kein Vorwurf. Ich war mir sicher, dass Mrs Todd innerlich dankbar dafür war, dass Tyler seine Behinderung akzeptierte und bisher nicht daran zerbrochen war. Und genauso erleichtert war sie über jeden, der ihren Sohn wie einen ganz normalen Jungen behandelte, ohne Samthandschuhe und den Deckmantel des Mitleids.

»Wie geht’s deiner Mom, Joy?«, richtete sie das Wort an mich.

Ein heißkalter Schauer waberte meinen Rücken hinunter, quälend langsam, sodass ich ihn mit beinahe jeder Pore meines Körpers spürte.

»So weit gut«, erwiderte ich nichtssagend. »Sie hatte Nachtschicht, wahrscheinlich schläft sie jetzt.«

Einen Moment lang herrschte Schweigen, das meinen Puls unangenehm in die Höhe trieb.

»Aber sie hat mir Frühstück gemacht!«, fügte ich schnell hinzu. »Pancakes.«

Ich vernahm Tylers Hüsteln hinter mir und war versucht, ihn erneut zu treten.

»Ach wirklich? Wie wunderbar. Pancakes könnten wir auch mal wieder machen, meinst du nicht, Tyler?«

»Ich lebe vegan, Mama. Und deine Kochkünste sind so schon eine Herausforderung.«

»Charmant wie immer, der Herr.«

»Hab ich von Dad.«

Mrs Todd atmete die pubertären Allüren ihres Sohnes weg, erhob sich und geleitete uns zur Tür, aber nicht ohne im Vorbeigehen seine akribisch gestylte Frisur zu zerzausen.

»Mom!«, empörte Tyler sich. »Lass das!«

»Das muss ich von deinem Vater haben.«

»Sehr witzig.«

Wie jeden Morgen wartete sie in der Haustür stehend, während Tyler sich auf den Beifahrersitz schob und ich seinen Rollstuhl im Kofferraum verstaute.

***

»Und du bist wirklich aus dem Auto gesprungen?«, fragte Tyler mit ungläubiger Stimme. Nachdem ich ihm von der gestrigen Heimfahrt berichtet hatte, bombardierte er mich mit Fragen.

»Bin ich.«

»Mitten auf der Straße?«

»Ja. Also nein. Ein bisschen. Wir standen an der Kreuzung Bay Avenue.«

»Das ist unglaublich. Wie im Film«, brachte er nur hervor. »Und worüber habt ihr so geredet?«

»Nichts Besonderes. Er hat so einen komischen Fragetick.«

»Welchen?«

»Was man lieber mag.«

Ich spürte Tylers Blick auf mir. »Geht es noch etwas ungenauer?«

Ich stöhnte. »Ja, keine Ahnung. Er hat mich gefragt, ob ich lieber Bier oder Pfirsichbowle trinke. Ob ich eher der Sommer- oder der Wintertyp bin.«

»Und?«

»Und was?«

»Was magst du lieber?«

»Winter.«

»Das passt zu dir.«

Jetzt war es an mir, ihm einen schrägen Blick zuzuwerfen. »Was soll das denn heißen?«

»Nichts«, entgegnete er nur und begann, eine Melodie zu summen.

Es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich den Titelsong des Disney-Films Die Eiskönigin erkannte.

»Gar nicht wahr«, empörte ich mich.

»Let it go«, sang er munter weiter. »Let it go. The cold never bothered me anyway.«

»Blödmann!«

Mich ignorierend setzte Tyler zum großen Finale an, warf die Arme in die Höhe und verschluckte sich dann beinahe an seinem Gelächter. Obwohl ich mich sehr anstrengte, gelang es mir nicht, ernst zu bleiben, und ich musste prompt auch loslachen.

»Du bist wirklich bescheuert«, sagte ich, als ich mich ansatzweise wieder beruhigt hatte. Mit einem Finger wischte ich die Lachtränen weg.

»Das sagt hier Mrs Lara Croft für Arme.«

Unser Gelächter ebbte langsam ab, als ich auf die Zufahrt für den Schulparkplatz einbog.

»Und du bist echt durch die Gärten gerannt?«, fragte Tyler, immer noch eine Spur Ungläubigkeit in der Stimme.

Ich nickte. Laut ausgesprochen klang das alles ziemlich abgefahren, und ich fühlte mich tatsächlich ein wenig wie eine Figur in einem Computerspiel.

»Gavins Gesicht hätte ich gerne gesehen«, feixte er, während ich auf den Parkplatz der Schule auffuhr.

Gerade als ich zu einer Antwort ansetzen wollte, erkannte ich Gavins hochgewachsene Statur auf dem Gehweg stehend und legte augenblicklich eine unschöne Vollbremsung hin. Sein Blick schweifte suchend umher, bis er den hellblauen Toyota entdeckte. Oder vielmehr seine Fahrerin.

Tyler wurde kurz durchgeschüttelt, brauchte aber nicht lange, um die Ursache für mein abruptes Bremsmanöver auszumachen.

»Schätze, sein Gesicht hat exakt so ausgesehen«, sagte er nur, während wir gemeinsam Gavin beobachteten, der sich mit zusammengezogenen Augenbrauen und zusammengepressten Kiefern auf uns zubewegte.

Kapitel 3

Crazy

Aber vielleicht bin ich verrückt. Vielleicht bist du verrückt. Vielleicht sind wir alle verrückt.

Beim Rückwärtseinparken stellte ich mich selten dämlich an. Fluchend fuhr ich zum dritten Mal ein Stück aus der Lücke heraus, um erneut einzuschlagen und weiter mittig zu parken. Ansonsten würde weder Tyler aus dem Wagen aussteigen noch ich seinen Rollstuhl in Position bringen können.

»Meine Güte, Joy, da macht dich aber jemand ganz schön nervös, oder?« Tylers Augenbrauen wackelten eindeutig zweideutig, während er Gavin das breiteste Zahnpastalächeln schenkte, das er zu bieten hatte.

»Vergebene Liebesmühe, Ty«, brachte ich schwer atmend hervor. Ich hatte das Gefühl, bereits durchgeschwitzt zu sein, und hoffte inständig, dass sich keine verräterischen Flecken auf dem Stoff unter meinen Armen abzeichneten. »Gavin spielt nicht für dein Team.«

»Anfeuern würde mir schon reichen.«

»Können wir uns bitte auf das Wesentliche konzentrieren? Was soll ich denn jetzt machen?«

»Erst mal vernünftig parken.«

Tyler löste seinen Blick von Gavin, der meine Parkkünste die ganze Zeit vom Gehweg aus begutachtete und sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegte.

»Sehr witzig. Ich meine wegen gestern? Aus dem Auto springen und mich wie eine Wahnsinnige aufführen?«

»Ach, im Gegensatz zu deinem sonst so normalen Auftreten?«

»Was soll das denn heißen?«, fragte ich empört und würgte prompt den Motor ab. Wieso hatten Mr und Mrs Todd ausgerechnet einen Wagen mit Gangschaltung ausgesucht?

»Dass du immer ein wenig seltsam bist?!«

»Wie bitte? Das stimmt überhaupt nicht!«, schimpfte ich.

»Leider doch.«

»Ach ja? Wenn du das so empfindest, dann sieh mal schön zu, wie du alleine aus dem Auto rauskommst. Ich lasse die Karre jetzt einfach so stehen und gehe ohne dich in den Unterricht.«

»Das machst du nicht.«

»Mach ich wohl«, brummte ich, verharrte aber regungslos in meinem Sitz.

Entgegen meiner Aussage war ich für einen Augenblick fest entschlossen, einfach sitzen zu bleiben. Ewig konnte Gavin nicht warten. Die Schulglocke würde bald läuten und wenn er nicht beim Spiel gegen Santa Cruz auf der Bank hocken wollte, durfte er sich kein Zuspätkommen leisten.

»Machst du nicht. Und wer weiß, vielleicht findet Gavin dich ja auch gar nicht so schräg wie ich? Oder er hat ein Faible für außergewöhnliche Frauen?!«

Ein geräuschvolles Ausatmen verriet meine Niederlage.

»Gut, mach ich nicht«, gab ich kleinlaut von mir. »Glaubst du wirklich, er hält mich wegen meines Stunts nicht für verrückt?«

»Schwer zu sagen. Irgendwas findet er auf jeden Fall an dir, sonst würde er nicht hier stehen und wer weiß wie lange auf dich warten.«

Ich ließ mir die Worte meines besten Freundes noch einmal durch den Kopf gehen, nickte dann langsam und legte den Rückwärtsgang ein, entschlossen, einen letzten Einparkversuch zu starten. Der Motor heulte auf, als ich zu heftig aufs Gaspedal trat.

»Nicht so viel«, kommentierte Tyler in Fahrlehrermanier.

»Entschuldige, ich bin vielleicht etwas nervös«, nuschelte ich. »Ich würde ja vorschlagen, mach es besser, aber …«

»Liebend gern. Leider fehlt mir dazu das Gefühl in den Beinen.«

Ohne weiter auf seine Aussage einzugehen, schlug ich das Lenkrad bis zum Anschlag ein, nahm die Kurve aber erneut zu eng und stand letztendlich genauso schief in der Parklücke wie zuvor.

»Scheiß drauf«, gab ich resigniert auf, schaltete den Motor aus und zog den Schlüssel aus dem Schloss. »Ich bleibe so stehen.«

»Jetzt einen Löffel Erdnussbutter zur Beruhigung«, feixte Tyler und ich konnte das schelmische Grinsen förmlich aus seiner Stimme heraushören.

»Wenn ich dich nicht so gernhätte, würde ich dich genau in diesem Moment erwürgen.«

»Du würdest mich furchtbar vermissen.«

»Aber erst nach drei Tagen.«

Es half alles nichts. Der Moment, den Wagen zu verlassen und mich meinem Gegenüber zu stellen, ließ sich nicht weiter hinauszögern. Ich vermied einen prüfenden Blick in den Rückspiegel, umfasste den Türgriff und nahm einen tiefen Atemzug, bevor ich ausstieg. Eine kühle Brise wehte mir um die Nase. Da der Strand von Pennhaven nur knappe zehn Fahrminuten von der Soquel High entfernt lag, konnte ich das Salz auf der Zunge förmlich schmecken.

Als hätte ich das Sprechen verlernt, stand ich stumm neben dem schief geparkten Wagen, eine Hand in der hinteren Hosentasche vergraben. Gavin musterte mich offensiv, während seine blonden Haare leicht im Wind wehten.

»Hey«, brachte ich heiser hervor.

Seine Miene blieb weiterhin unleserlich für mich, nur die vor der Brust verschränkten Arme ließen mich mutmaßen, dass er nicht sonderlich gute Laune hatte. Innerlich stellte ich mich auf ein paar unschöne Worte ein, die er mir mit hoher Wahrscheinlichkeit an den Kopf werfen würde.

»Hey? Das ist alles?«, fragte Gavin beunruhigend gefasst. Erneut zeigte sich, wie schlecht meine hellseherischen Fähigkeiten waren.

Ich fügte ein kurzes Winken hinzu und spürte, wie das Blut einem Lavastrom gleich durch meine Adern floss. Ohne Zweifel glühten meine Wangen im kräftigsten Rot, das mein Körper zu bieten hatte.

»Du bist aus meinem fahrenden Auto gesprungen.«

»Stehenden«, korrigierte ich kleinlaut.

»Völlig egal. Was sollte das?«

»Nichts. Ich …« Unbeholfen rang ich nach Worten. In meiner Vorstellung hatte dieses Gespräch nicht stattgefunden und jeder ging seiner Wege, die sich sonst auch so gut wie nie gekreuzt hatten.

»Ich hab mir Sorgen gemacht.«

Mein Herz setzte für einen Moment aus. Es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass Gavin Pierce sich um mich sorgte, und doch sprach sein gesamtes Verhalten dafür.

»Das war nicht nötig. Ich hab dir doch gesagt, dass alles okay ist.«

Das schrille Läuten der Schulglocke erklang und verursachte in mir das gleiche Gefühl wie das Geräusch eines Zahnarztbohrers. Gavins Name wurde aus der Ferne gerufen, aber er reagierte nicht mal mit einem Wimpernschlag.

»Tut mir wirklich leid, wenn ich dich erschreckt habe«, stammelte ich und lief rückwärts Richtung Kofferraum. Mein Fluchtinstinkt setzte ein, zwang mich zum Rückzug und setzte alle Hebel in Bewegung, um dieser Situation möglichst schnell zu entkommen. »Aber ich sagte ja, dass du mich nicht nach Hause fahren musst.«

Ein zischender Laut entwich ihm und er schüttelte ungläubig den Kopf. Seine Geste führte dazu, dass meine Unsicherheit schrumpfte und Platz für etwas anderes machte. Unmut bewegte sich tänzelnd in Richtung Wut. Ich sah ein, dass meine Aktion ihn beunruhigt hatte, aber wir waren keine Freunde, nicht mal Bekannte. Weshalb führte er sich überhaupt so auf? Es war ja nicht so, als ob er sich sonst dafür interessierte, was ich tat.

»Eine total uncoole Nummer, die du da abgezogen hast, Joy. Ich bin noch alle Nebenstraßen abgefahren.«

Als ich den Kofferraum öffnete, stellte ich mir vor meinem inneren Auge vor, wie Gavin einem Streifenwagen gleich auf unser Haus zugerast kam, während meine Mutter angetrunken auf der Veranda saß und sich einen Hackbraten als Mitternachtssnack gönnte. Das wäre eine Vollkatastrophe geworden.

Mit einem Ruck hob ich den Rollstuhl hervor, ließ ihn aufschnappen und knallte den Kofferraumdeckel zu.

»Ich hab’s verstanden«, erwiderte ich und bemühte mich, die imaginären Bilder zu verscheuchen. »Aber du bist nicht für mich verantwortlich.«

Ohne Gavin anzusehen, öffnete ich die Beifahrertür, positionierte den Rolli und behielt Tyler im Auge, während er die Lehnen des Rollstuhls umfasste und sich aus dem Wagen schwang.