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**Magische Geheimnisse in den Straßen Londons** Jane Wise, erfolgreichste Auftragsdiebin Londons, weiß immer ganz genau, was sie will und wie sie es bekommt. Als sie ein unscheinbares Amulett aus einem Museum stehlen soll, wittert sie daher leicht verdientes Geld. Dabei macht sie die Rechnung ohne den jungen Historiker Maverick O'Donnel, der sich ihr in den Weg stellt. Um jeden Preis will er verhindern, dass das Amulett in die falschen Hände gerät, denn angeblich soll es sich bei dem Artefakt um einen Schlüssel zu den Toren der Hölle handeln … Eine knisternde Liebesgeschichte zwischen einer willensstarken Diebin und einem History Nerd, der ihr mit seinem unerschöpflichen Wissen den letzten Nerv raubt, aber dabei unwiderstehlich sexy ist! //Dieser Sammelband enthält alle Bücher der mitreißenden Urban-Fantasy-Dilogie »Stolen Magic« von Denise Mann. Alle Bände der Buchreihe bei Impress: -- Stolen Magic 1: Höllische Artefakte -- Stolen Magic 2: Verfluchtes Erbe Diese Reihe ist abgeschlossen.//
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Veröffentlichungsjahr: 2022
www.impressbooks.deDie Macht der Gefühle
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Impress Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2022 Text © Denise Mann, 2022 Lektorat: Fam Schaper Coverbild: freepik.com / © user14202961 / shutterstock.com / © Trybex / © Philipp Tur / © Iris_art / © Prokrida / © djero.adlibeshe / © Bokeh Blur Background Covergestaltung: M. D. Hirt ISBN 978-3-646-60820-5www.impressbooks.de
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
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Denise Mann
Stolen Magic 1: Höllische Artefakte
**Wenn Magie plötzlich dein Leben bedroht**Jane Wise, erfolgreichste Auftragsdiebin Londons, weiß immer ganz genau, was sie will und wie sie es bekommt. Als sie für einen reichen Grafen ein unscheinbares Amulett aus einem Museum stehlen soll, wittert sie daher leicht verdientes Geld. Dabei macht sie die Rechnung ohne den jungen Historiker Maverick O’Donnel, der sich ihr kurz vor der Ausführung des Auftrags in den Weg stellt. Um jeden Preis will er verhindern, dass das Amulett in die falschen Hände gerät, denn angeblich soll es sich bei dem Artefakt um einen Schlüssel zu den Toren der Hölle handeln. Totaler Quatsch, denkt sich Jane. Bis sie und Maverick ins Visier eines dämonischen Zirkels geraten, und plötzlich nicht nur ihr Leben davon abhängt, dessen dunkle Machenschaften aufzuklären …
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Vita
Danksagung
© Isabel Diekmann | infinity images
Unter dem Motto »Nichts muss, vieles kann, alles darf« lebt Denise Mann mit ihrer Familie und ihren zwei Katzen im Herzen des Ruhrgebiets. Inspiration für ihre Geschichten findet sie in den seltsamsten Alltagssituationen. Aus einem anfänglich eher heimlichen Hobby entwickelte sich eine Leidenschaft, die zu einem festen Bestandteil ihres Lebens wurde.
Für alle, die schon mal an einem Abgrund standen, der unüberwindbar erschien. Nicht aufgeben. Niemals.
Die Party war luxuriös, pompös, um nicht zu sagen dekadent. Kristallbehangene Kronleuchter tauchten den weitläufigen Saal in ein feines Regenbogenlicht, das sich in den Glasfronten der Villa spiegelte. Der Schein von Kerzen verlieh der Szenerie ein surreales Flair. Weinrote Samtvorhänge, prunkvolle Gemälde und stuckverzierte Decken setzten sich von sonnengelber Wandfarbe ab. Einige Bilder zeigten biblische Akte, andere Jagdszenen sowie groteske Gestalten. Dazwischen standen unzählige Gäste, Männer und Frauen, in edlen Anzügen und Roben. Gelegentlich blitzten Diamanten in einem Collier oder einem Armband auf. Wie Hintergrundmusik erklangen die hellen Töne von aneinanderstoßenden Champagnergläsern, das leise Rattern der Roulettekugel in ihrem hölzernen Rad, das rasante Mischen des Kartendecks am Black-Jack-Tisch, gepaart mit aufgesetztem Gelächter und langsamer Jazzmusik. Janes blutrotes Satinkleid umschmeichelte ihre schlanke Silhouette wie eine zweite Haut und ließ keinen Spielraum für Fantasie. Ihr goldblondes Haar trug sie in einer aufwendigen Hochsteckfrisur. Sie war sich darüber bewusst, dass die verstohlenen Blicke ihr galten. Ob sie sich elegant durch den Raum bewegte und dabei unschuldig eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr strich oder so wie jetzt, an der Grenze zu anzüglich am Geländer der Empore lehnte. Von hier oben hatte sie einen umfassenden Rundblick über die ineinander verlaufenden Säle und sah genau, wer sich wo aufhielt. Peter Flamish, der Gastgeber, bahnte sich seinen Weg möglichst unauffällig zu ihr. Immer wieder huschte sein Blick die Galerie hinauf und sie hätte schwören können, dass sie seinen sich beschleunigenden Herzschlag in der kleinen Ader auf seiner Stirn sehen konnte. Es war ein Leichtes gewesen, ihn auf ihre Fährte zu locken. Männer wie er stellten keine große Herausforderung dar.
»Showtime«, flüsterte sie leise, drehte sich gekonnt und präsentierte dabei alles, was der tiefausgeschnittene Rücken ihres Kleides preisgab.
Sie stützte sich mit ihren Unterarmen auf das Geländer, legte den Kopf leicht in den Nacken und betrachtete das deckenhohe Wandrelief. Es zeigte einen aufwendig gestalteten Familienstammbaum des Herrschergeschlechts der Romanows. Sie zweifelte nicht daran, dass die Namen und Daten von echtem Blattgold überzogen worden waren. Unterhalb der Bilder erstreckte sich ein detailgetreuer Feigenbaum, der, anstelle von Früchten, die Abbilder einiger Farbergé-Eier trug. In schillernden Farben erkannte sie das Moskau-Kreml-Ei. Auf diesem erstrahlte die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in einem hellen Kupferton. Der goldene Zwiebelturm reflektiere das schimmernde Kerzenlicht.
»Wunderschön, nicht wahr?«, erklang die hohe Stimme von Peter Flamish neben ihr. Seine schwitzige Handfläche legte er genau zwischen ihren Schulterblättern ab.
Sie neigte ihren Kopf in seine Richtung und schaute ihn an. »Unglaublich schön«, erwiderte sie. Seine Hand beließ sie, wo sie war. »Heutzutage gibt es nichts mehr, das so schön ist wie diese Kunstwerke. Das Ei mit der Kirche ist einfach zauberhaft.« Während sie Letzteres sagte, lehnte sie sich dichter an den Gastgeber. Wie geplant kam er ihrer stummen Aufforderung nach, ließ die Kuppen seiner Finger über ihren Rücken gleiten und näherte sich ihrem Gesicht. Sein Atem roch nach Whisky. Sie konnte die einzelnen Schweißperlen auf seiner Stirn erkennen. Sein Doppelkinn bebte leicht, als er weitersprach.
»Gehen Sie mit der modernen Neuzeit nicht so hart ins Gericht. Ich erkenne Schönheit, wenn ich sie sehe. Vor allem, wenn sie direkt vor mir steht.«
Ein breites Grinsen formte sich auf seinem Gesicht und er fuhr sich hektisch mit der Zunge über die Lippen. Flamishes schwitzige Finger verließen ihren ursprünglichen Erkundungsort und wanderten zu Janes Schulter. Sein gieriger Blick glitt von ihrem Kehlkopf mit wachsendem Eifer abwärts.
»Mr Flamish«, kicherte sie und strich ihm spielerisch über das Revers seines Jacketts. »Sie machen mich ganz verlegen.«
»Peter«, korrigierte er sie, ergriff ihre Hand und platzierte einen uncharmanten Kuss auf ihrem Handrücken. Je länger sie den Gastgeber ansah, desto mehr ähnelte sein Gesicht dem einer Kröte – aufgeplustert, glänzend und unansehnlich.
»Jane«, erwiderte sie mit glockenheller Stimme. »Aber da, wo ich herkomme, schreibt die Etikette andere Begrüßungsformen vor.«
Elegant wandte sie sich aus seinem Griff, richtete sich auf und schaute ihm direkt in seine dunklen, tiefliegenden Augen. Die kaum sichtbaren, kurzen Wimpern verstärkten die Amphibienähnlichkeit.
Ohne ihren Blick zu senken, neigte sie ihren Kopf, bis ihre Wange die seine streifte. Sachte hauchte sie ihm einen Kuss auf die Haut. Dann wiederholte sie dies auf der anderen Seite.
»Und jetzt du«, flüsterte sie verheißungsvoll.
Noch ein bisschen mehr Körpereinsatz sowie Schmeicheleien und Flamish würde ihr aus der Hand fressen wie ein Vögelchen. So würde es ein Leichtes für Sie sein, den Aufenthaltsort des Tresors zu erfahren, in dem sich ihre Beute befand. Ihr Oberkörper presste sich dichter an den seinen, ihr Blick fiel erneut auf das Objekt, weswegen sie hier war. Wie hypnotisiert betrachtete sie abermals die Reflexion des Kerzenlichts in den goldenen Elementen des Moskau-Kreml-Eis.
So täuschend echt, dachte sie.
***
»Ich habe dir doch gesagt, dass es nicht im Safe war«, wiederholte Jane angestrengt. Das Handy zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt, verstaute sie den Kulturbeutel in ihrem Koffer. Dann setzte sie sich an einen kleinen Konsolentisch, auf dem ihr Laptop stand und öffnete das E-Mail-Programm.
»Dave«, unterbrach sie ihren Gesprächspartner. »Spielt das jetzt noch eine Rolle? Es war in das Relief eingelassen. Ich meine, ein besseres Versteck gibt es doch gar nicht – vor aller Augen. Kommt dir das vielleicht bekannt vor?«
Am anderen Ende der Leitung erklang ein resigniertes Seufzen.
»Ich habe jetzt keine Zeit für Diskussionen«, warf sie energisch ein, bevor Dave erneut die Chance hatte, sie zu unterbrechen. »Du bist genial, aber ein Idiot, und ich muss los. Mein Taxi kommt jeden Moment. Ort der Übergabe bleibt wie vereinbart. Der Platz ist großflächig von Verkehrsüberwachungskameras abgedeckt. Du solltest mich also gut im Blick haben. Auch wenn du jetzt beleidigt bist.«
Mit diesen Worten beendete sie das Gespräch, ließ das Mobiltelefon in ihrer Gesäßtasche verschwinden und griff nach einem kleinen Pappkarton, der ebenfalls auf dem Konsolentisch stand. Mit zwei Handgriffen öffnete sie ihn und nahm vorsichtig den Inhalt heraus. Das Moskau-Kreml-Ei war schwerer, als sie angenommen hatte. Bei gewöhnlichem Tageslicht wirkte es nicht mehr so prunkvoll wie eingearbeitet in das Wandrelief. Gerne hätte sie die Spieluhr erklingen lassen, welche sich im Inneren verbarg. Der Schlüssel dazu verweilte jedoch im Besitz des Auftraggebers. Schnell verstaute sie das Ei wieder in der Styroporverkleidung und diese in dem unscheinbaren Pappkarton. Sie zog ihren schwarzen Wollmantel an, verschloss den Koffer und schwang sich ihre Handtasche über die Schulter. Sie ließ einen letzten prüfenden Blick durch das Hotelzimmer schweifen. Alles wirkte unauffällig. Zufrieden nickte sie, klemmte sich das Paket unter den Arm und verließ den Raum.
***
»Zum Battery Park bitte«, wies sie den Taxifahrer an.
Ein Blick auf die Uhr bestätigte, dass alles genau nach Plan lief. In spätestens fünfunddreißig Minuten würde der Deal abgeschlossen sein, der Auftraggeber die Ware und Jane ihr wohlverdientes Honorar erhalten. Sie bezweifelte, dass Flamish die Fälschung in seinem kostbaren Relief jemals bemerken würde. Aber falls doch, hatte sie wie immer ihre Visitenkarte hinterlassen. Sie war sicher im Inneren des Replikats versteckt.
Mit einem leisen Seufzen richtete sie ihren Blick aus dem Fenster auf die vollen Straßen New Yorks und befühlte den silbernen Anhänger, der an einer filigranen Kette um ihren Hals hing. Alle waren auf dem Weg nach Hause und sie würde ebenfalls im Anschluss an die Übergabe die Heimreise antreten. Morgen zu dieser Zeit genoss sie hoffentlich ohne allzu großen Jetlag vernünftigen Kaffee und anständiges Frühstück im Tintos. Und dann würde sie ein ernstes Wort mit Dave reden.
Der Himmel zeigte sich in seinem üblichen Grau. Ein frischer Wind rüttelte heftig an den kahlen Bäumen und schien den Plan zu verfolgen, sie aus ihrem Winterschlaf aufzuwecken. Zielstrebig joggte Jane ihre morgendliche Route. Die meisten Menschen befanden sich auf der Arbeit – die perfekte Zeit, um ungestört ihre Runden zu drehen. Ihren Gedanken nachhängend schlug sie den üblichen Weg über die Putny Bridge in Richtung Tintos ein. Die Themse zeigte sich genauso trüb und wild wie der Himmel. Hohe Wellen schwappten klatschend an die von Grünspan überzogenen Uferwände.
Jane bestellte wie üblich zwei Avocado-Toast und einen schwarzen Kaffee, griff sich die Tageszeitung und nahm in der hinteren Ecke des kleinen Bistros Platz. Sporadisch überflog sie die ersten Seiten, bis sie bei den Kontaktanzeigen angekommen war.
Wie erwartet stammten sie überwiegend von Menschen mittleren Alters und aufwärts, die auf der Suche nach der einen großen Liebe waren und jemanden finden wollten, der ihnen die letzten Lebenstage erträglicher gestaltete – alles höchst seriös. Jane kannte die Floskeln der Anzeigenverfasser in- und auswendig. Doch die abschließende Annonce auf der Seite erregte augenblicklich ihre Aufmerksamkeit.
Über die Grenzen von Alter und Moral hinaus suche ich dich, die mir ihre Zeit schenkt, gemeinsam Träume verwirklicht und allen Obrigkeiten trotzt. Kann man mit dir Pferde stehlen? Wenn du Interesse hast, würde ich dich gerne im Hyde Park an dem Gedenk-Springbrunnen für unsere geliebte Prinzessin Diana treffen und die Mittagssonne genießen. Ich bin sicher, das Schicksal wird uns zusammenführen – denn die Anordnung der Sterne kann kein Zufall sein. Wenn du etwas liebst, dann lass es frei. Kommt es zu dir zurück, gehört es wirklich dir.
Ein altmodisches Muster umrahmte den Text, in dessen unterer Ecke Jane mit zusammengekniffenen Augen ein Symbol ausmachte. Etwas, das aussah wie eine Schlange und ein Stern und wildes Geschnörkel. Abgesehen von der Kenn-Chiffre stand dort nichts weiter.
»Soso«, murmelte Jane und lehnte sich zurück. »Das ging schnell.«
Der etwas abgedroschene Spruch über Gegenstände, die zu einem zurückkehrten, wenn man sie freiließ, hatte sich in den richtigen Kreisen als Kontaktsignal etabliert. Ihr Vater hatte ihr diese Phrase stets vorgebetet, wenn sie mal wieder ein verletztes Tier zur Pflege ins Haus gebracht und auf Knien rutschend darum gebeten hatte, es nach der Genesung zu behalten. Kurz flackerten Erinnerungen vor ihrem inneren Auge auf. Die stattliche Erscheinung, die ihr Vater einst abgegeben hatte. Heimliche Treffen nachts in der Küche, um sich ein Grilled-Cheese Sandwich zuzubereiten. Die schlanke Gestalt einer Frau tauchte in ihren Gedanken auf und Jane zwang sich, ins Hier und Jetzt zurückzukehren.
Fokus, schalt sie sich und überflog erneut die Anzeige. Dann lehnte sie sich nach hinten und verspeiste den zweiten Avocado-Toast. Bevor sie aufstand, um zu bezahlen und ihre Joggingrunde zu beenden, schoss sie ein Foto von der Kontaktanzeige. Dann legte sie die Zeitung wieder an ihren ursprünglichen Platz am Tresen zurück und beglich die Rechnung. Draußen empfing sie eine kühle Windböe und trieb sie energisch durch den Bishop Park weiter an der Themse entlang. In ihrem Kopf arbeitete es. Automatisiert durchdachte sie die nächsten Schritte, die entscheidend waren, um den potenziellen neuen Auftrag zu verifizieren. Ihr Team musste nun die hinterlegten Daten der Anzeige ermitteln und klären, ob es sich um eine echte Anfrage oder eine Finte durch Interpol handelte. Crossfield, der leitende Ermittler, war nicht zu unterschätzen.
***
Kleine Tropfen fielen auf den Asphalt, als sie den Hintereingang des alten Barnes-Friedhofs erreichte. Entschlossen setzte sie zu einem Sprint an und lief über den Weg, der im Zuge der Sanierung erst vor Kurzem freigeräumt worden war. Der Regen nahm zu, prasselte jetzt laut hörbar auf die Erde, und Jane bemühte sich, nicht auf dem aufweichenden Boden auszurutschen. Sie umrundete die Rasenfläche mit der Marmorfigur des geköpften Engels, steuerte auf den Haupteingang des Friedhofgeländes und die beiden nebenstehenden Gebäude zu. Das ehemalige Gemeindehaus, das vor etwa drei Jahren zu ihrem Zuhause umgebaut worden war, kam in Sichtweite, spornte sie an, zu beschleunigen. Ihre Beine schmerzten und ihr Atem kam in heftigen Stößen. Bisher hatte das dichte Astwerk der hohen Baumkronen den Regen etwas abgeschirmt, aber das letzte Stück musste sie ohne Schutz überbrücken.
Jane setzte zum Highspeed an und flog förmlich über den Schotterweg, bis sie die Überdachung zwischen dem einstigen Krematorium und ihrem Zuhause erreichte. Die Ranken des wilden Weins klammerten sich an der Fassade des alten Backsteingebäudes fest. Ihr Herz schlug schnell und hart in ihrer Brust, während sie die schwere Holztür öffnete und eintrat.
»Hallo?«, rief sie und marschierte durch das große Foyer schnurstracks in die Küche. »Ist jemand da?« Sie nahm sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und trank einen großen Schluck. »Es gibt Arbeit.«
Angestrengt atmend stützte sie sich mit beiden Händen gegen die Arbeitsfläche der Kochinsel. Sie fuhr sich mit dem Handrücken über ihr Gesicht und wischte den frischen Schweiß ab. Es dauerte nicht lange, bis sie die Kellertür hörte. Wenige Augenblicke später erschien Sam in der Tür. Ihr silbergrau meliertes Haar glänzte feucht, genau wie ihre Stirn. Das gedimmte Küchenlicht kaschierte die feinen Alterslinien in ihrem Gesicht. An ihrem Outfit erkannte Jane, dass sie unten im Fitnessraum getanzt hatte. Trotz der sportlichen Kleidung wirkte Sam wie eine feine englische Dame, die der High Society hätte angehören können. Und in gewisser Weise tat sie das auch, wenn man bedachte, wie sie sich in die höheren Kreise der englischen Gesellschaft eingefunden hatte, seit sie die Sanierung und Wiederbelebung des alten Barnes-Friedhofs voranbrachte. Hochrangige politische Persönlichkeiten sowie einige Adelige zählten mittlerweile zu ihrem Bekanntenkreis.
»Das ging schnell«, bemerkte Sam und nahm sich ebenfalls eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank.
»Habe ich auch gedacht«, erwiderte Jane und spielte an dem feinen silbernen Anhänger ihrer Kette herum. »Wo ist Dave?«
»Schläft.«
»Immer noch?«
Sam lächelte milde und zuckte nachsichtig mit den Schultern.
»Ich hole ihn«, murrte Jane augenrollend.
»Dann werde ich Winnie Bescheid sagen. Sie wollte drüben in der Werkstatt die neuen Reifen auf dein Rad aufziehen, jetzt wo das Wetter langsam besser werden soll.«
Jane nickte, stieß sich von der Kochinsel ab und schlug den Weg Richtung Daves Zimmer ein. Mit lauten Schritten nahm sie die Treppenstufen hoch ins erste Geschoss, stapfte den Flur entlang bis zu seiner Tür und trat dann ohne Vorwarnung oder gar Anklopfen in sein Zimmer.
»Rise and Shine«, trällerte sie laut, ließ die Tür offenstehen und zog die Vorhänge auf.
Eine schwere, süßliche Note vermischt mit dem Geruch von Zigaretten und Alkohol hing in der Luft. Auf dem kleinen Tisch vor dem Sofa standen ein leeres Rotweinglas, ein Whiskyglas und die dazugehörigen Flaschen.
»Проклятье! Verdammt!«, fluchte es unter der Bettdecke. »Ты с ума сошёл? Пошла вон! Bist du verrückt geworden? Geh raus!«
»Na, wer wird denn da gleich ausfallend werden?«
Weiteres russisches Gemurmel, das nicht freundlich klang, wurde ausgestoßen. Jane zeigte sich unbeeindruckt.
»Es gibt Arbeit«, sagte sie bloß.
»Du bist wirklich eine der unangenehmsten Personen, die ich kenne«, erwiderte Dave und setzte sich auf.
Seine kurzen blonden Haare waren zerzaust, sein Gesicht zerknittert, doch seine Augen leuchteten auch nach einer durchzechten Nacht wie zwei Saphire.
»Zehn Minuten.«
Jane überließ Dave sich selbst und lief zurück in die Küche. Mit ein paar Handgriffen bereitete sie sich einen Kaffee zu und nahm die heiße Tasse mit rüber ins Nebengebäude.
Sie alle lebten und arbeiteten jetzt seit drei Jahren auf dem Gelände des alten Barnes-Friedhofs. Sie erinnerte sich bildhaft, wie verwildert das Grundstück ausgesehen hatte, bevor Sam es gekauft hatte und sie alle hier eingezogen waren. Durch ihre Beziehungen zum Stadtrat hatte Sam damals erfahren, dass die komplette Einebnung des Geländes und der Abriss der beiden übrig gebliebenen Bauwerke angestrebt wurde. Schnell waren sie sich alle des Potenzials dieser Anlage bewusst geworden. Die Gebäude boten genügend Platz zum Wohnen sowie für ihre speziellen Bedürfnisse. Mittlerweile nahm sogar der Friedhof langsam wieder Gestalt an. Das einstige Gemeindehaus war zu einem Wohnhaus umfunktioniert worden und das damalige Krematorium beherbergte Winnies Werkstatt und Daves Büro. Wobei Letzteres von allen nur als Kommandozentrale bezeichnet wurde.
Pünktlich auf die Minute betrat Dave das Büro. Sein blondes Haar war noch feucht von der Dusche, die obersten beiden Knöpfe seines dunklen Hemdes hatte er offengelassen und in der rechten Hand hielt er eine Tasse Kaffee. Winnie, Sam und Jane warteten an dem großen Tisch mit der interaktiven Oberfläche.
»Good Morning Sunshine«, begrüßte Winnie Dave.
Provokant und amüsiert zugleich sah sie ihn an und zwirbelte eine ihrer krausen Locken zwischen ihren Fingern. Ihre wilde Mähne hatte sie mit einem Stirnband versucht zu bändigen, wie die Mechanikerin es immer tat, wenn sie an einem der Autos herumschraubte. Dave lächelte süffisant, erwiderte nichts und nahm an seinem Schreibtisch Platz.
»Also?«, kam er direkt zum Geschäftlichen. »Was hast du für uns?«
Im Anhang einer E-Mail leitete Jane das Foto der Anzeige an ihn weiter. In wenigen Klicks war das Bild auf dem Smartboard neben dem Tisch zu sehen. Sie las den Inhalt laut vor. Dave hatte sich gleichzeitig Zugriff zum Server des Tageblatts verschafft und die Daten offenbart, die sich hinter der Kontaktanzeige verbargen. Ein anerkennendes Pfeifen verließ seine Lippen.
»Sir Winston Lewis Earl of Berkshire«, verkündete er, dabei flogen seine Finger über die Tastatur und weitere Bilder und Informationen erschienen auf dem Smartboard. Unter anderem eine Schwarz-Weiß-Fotografie. In altmodischer Manier stand ein grauhaariger Mann mit Vollbart und hohen Wangenknochen dem Fotografen zugewandt. Er trug eine Krawatte, dazu eine Weste und ein Jackett. Sein Gesicht hatte einen aristokratischen Ausdruck und seine Haltung zeugte von einer gehobenen Herkunft. An dem kleinen Finger seiner linken Hand trug er einen Ring, dessen Siegel nicht zu erkennen war.
»Der ist ja steinalt«, warf Winnie ein.
»Und steinreich«, ergänzte Sam. »Ich kenne ihn nicht persönlich, aber das Haus Berkshire war früher sehr einflussreich. Die Grafschaft reicht weit zurück bis zu den Zeiten von König Alfred von Wessex.«
»Aber heutzutage haben die keinen Einfluss mehr. Die Grafschaftaft Berkshire ist vor Jahren aufgelöst worden«, warf Jane ein.
»Und die Mafia gibt es auch nur im Film«, erwiderte Sam zwinkernd. »Es wird gemunkelt, dass hinter den Kulissen alles so geblieben ist wie vor der Auflösung. Der Stadtrat wird immer ganz nervös, wenn der ehemalige Graf anruft. Oder einer seiner Handlanger.«
Auf dem Smartboard erschien sein aktueller Wohnsitz.
»Er sorgt auf jeden Fall gut für sich«, kam es von Dave. »Lewis selbst bekleidet die Position des Verwaltungsratsvorsitzenden und hat bisher jeden Kandidaten, der es gewagt hat, gegen ihn anzutreten – drücken wir es mal diplomatisch aus – aus dem Weg geräumt.«
»Ermordet?«, fragte Jane.
»Geschickter.« Er drehte sich der Gruppe zu und seine Augen trugen diesen für ihn typischen aufgeregten Ausdruck. »Mysteriöse Autounfälle, unaufgeklärte Brände.«
Auf dem Smartboard erschien ein Zeitungsartikel über ein tragisches Feuer, ausgelöst durch eine Ratte, die einen Kurzschluss im Keller und dann einen Kabelbrand verursacht hatte.
»Damn«, sagte Winnie und zog anerkennend die Augenbrauen hoch.
»Ich nehme an, dass es keine eindeutigen Beweise für das Einwirken von Winston Lewis gibt?«, forschte Jane nach.
»Exakt«, antwortete Dave. »Gib mir ein paar Stunden, dann liefere ich dir die Leichen, die er im Keller hat, auf dem Silbertablett.«
Jane überflog die Informationen, ihre Hand geistesabwesend an dem Anhänger ihrer Kette. Sir Winston Lewis Earl of Berkshire war wahrlich ein einflussreicher Adeliger, der sich selbst zu helfen wusste.
»Könnte Crossfield uns eine Falle stellen?«, fragte sie.
Dave streckte die Beine aus und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
»Ich meine, dieser Lewis hat genug Möglichkeiten, um zu bekommen, was er will. Wieso jemand Fremden engagieren? Um seine Widersacher hat er sich auch selbst gekümmert«, sprach Jane ihre Gedanken laut aus.
»Sicherlich nicht selbst«, warf Sam ein. »Personen aus solchen Kreisen kümmern sich selten eigenständig um ihre Angelegenheiten.«
»Da ist was dran«, stimmte Winnie zu. »Außerdem würde das bedeuten, dass Crossfield unseren Kommunikationsweg entschlüsselt hat. Und das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.«
»Ich werde das überprüfen«, sagte Dave, drehte sich seinen Bildschirmen zu und erstellte eine To-do-Liste.
»Weitere Details besprechen wir, wenn klar ist, ob der Auftrag sicher ist oder nicht«, entschied Jane und erhob sich.
***
Zwei Tage später fanden sich alle erneut in Daves Büro ein. Sowohl das Smartboard als auch der interaktive Tisch waren mit Informationen bespickt.
»Es sieht wie folgt aus«, legte er los. »Zu allererst kann ich ausschließen, dass es eine Finte von Big C ist. Zum einen hält er sich aktuell in Frankreich auf. Zum anderen hat der Zugriff auf den Server von Interpol mir gezeigt, dass sich in letzter Zeit keine neuen Erkenntnisse in unserem Fall ergeben haben. Crossfields Kenntnisstand ist unverändert und bisher scheint Flamish nichts von dem Austausch des Fabergé-Eis bemerkt zu haben.«
Das Bild des Agenten verschwand und machte Platz für das Porträt von Winston Lewis. Daneben war eine Liveverbindung zu den Überwachungskameras seines Anwesens zu sehen.
»Weiter zu diesem Knaben. So wie Sam es vermutet hat, regiert er die ehemalige Grafschaft weiterhin. Nichts passiert dort, ohne dass es über seinen Tisch geht. Seine, ich nenne sie mal Geschäftspartner, reichen bis ins Königshaus. Er hat sich wirklich gut abgesichert, das muss man ihm lassen.«
Jane zog eine Augenbraue hoch. »Und das heißt?«, fragte sie.
»Дело мастера боится«, erwiderte Dave triumphierend und sah in verwirrte Gesichter.
Er stöhnte kurz auf. »Bei einem wahren Meister geht die Sache glatt. Oder genauer gesagt: dass ich ein fucking Genie bin!«
Der tosende Beifall der anderen blieb aus.
»Natürlich habe ich etwas gefunden, das wir gegen ihn verwenden können. Der letzte Kandidat, der sich zur Wahl zum Verwaltungsratsvorsitzenden gegen ihn hat aufstellen lassen, ist im Gefängnis gelandet.«
Ein Zeitungsartikel mit der Schlagzeile Frederik Stanton hat Verbindungen zur Mafia. Haftstrafe statt Legislaturperiode wurde auf dem Smartboard hervorgehoben.
»Ein Informant hat der London Times damals Material zugespielt, dass Stanton angeblich in Schutzgelderpressungen verwickelt war.«
»Der Pate von Berkshire«, warf Winnie ein und gluckste.
Dave ließ Fotos erscheinen, die den Beschuldigten mit einigen Mafiamitgliedern zeigten.
»Auf seinem Konto haben wohl auch fragwürdige Transaktionen stattgefunden. Stanton bestreitet bis heute, dass er irgendetwas mit der Sache zu tun hat, wurde aber dennoch zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt.«
»Und weiter?«, forderte Jane.
»Ratet mal, wer der vorsitzende Richter war? Ein Golfpartner des ehemaligen Grafen.«
»Praktisch«, warf Jane ein.
»Ganz richtig. Ich habe mir das belastende Material genau angesehen und muss zugeben, dass ich der sonst sehr nutzlosen Polizei da keinen Vorwurf machen kann. Sauber gearbeitet, kein digitaler Fingerabdruck und auch sonst nur wenig Hinweise. Kein Wunder, dass unsere Freunde und Helfer die Bilder für echt hielten.«
»Höre ich da etwa Bewunderung aus deinem Mund, Devon?«, fragte Sam argwöhnisch mit hochgezogener Augenbraue.
Bei der Nutzung seines Rufnamens zuckte Dave leicht zusammen.
»Nein, Ma’am«, erwiderte er kleinlaut. »Vielleicht ein bisschen, aber weiter im Thema. Auf einem der belastenden Fotos sieht man in der Reflektion einer Glaskaraffe den Ausschnitt eines Gemäldes.« Dave zoomte eben benanntes Detail ran.
Darauf erkannte man eine Unterarmpartie und den Rock eines ausladenden Gewandes. Die Hand, die zu dem Unterarm gehörte, trug einen Ring, dessen Symbol zu unscharf war, um es zu erkennen.
»Es hat etwas gedauert, bis ich das Siegel des Ringes erkennbar machen konnte«, fuhr er unbeirrt fort und auf dem Tisch erschien ein Bild, auf dem die Hand mit dem Schmuckstück vergrößert zu sehen war.
»Eine Schlange, ein Stern und ganz viel Geschnörkel«, sprach Winnie und lehnte sich mit zusammen gekniffenen Augen über den Tisch. »Was bedeutet das?«
»Das ist nicht das Wappen der Berkshire Grafschaft«, sagte Sam und setzte ihre Brille auf.
»Richtig«, stimmte er zu.
»Ich habe das schon mal gesehen«, murmelte Jane. »Auf der Kontaktanzeige.«
Mit einer kurzen Bewegung rief der Informatiker die Anzeige im Großformat auf.
»Da unten.« Sie zeigte mit dem Finger auf die Ecke. »Wofür steht es?«
Dave zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich konnte nichts dazu finden. Scheint nicht weiter von Bedeutung zu sein oder nicht mehr«, sagte er. »Das Gemälde, das sich in der Karaffe spiegelt, zeigt Gräfin Catherine Whittmore in Trauer und es hängt im Sommerlandhaus von Lewis. Das gleiche Bild ist nämlich auch auf einem Foto im Royal Magazin zu sehen, welches vor zwei Jahren einen ausführlichen Bericht über das Geschlecht der Berkshires veröffentlicht hat.«
Auf seine Worte folgte der Artikel des Hochglanzmagazins und eine Bilderstrecke des ehemaligen Grafen. Ein Foto zoomte Dave näher heran. Lewis stand im Profil in einem großen Saal, hinter ihm das Gemälde seiner Vorfahrin.
»Das heißt, Lewis selbst hat die Bilder machen lassen, um sie dann der Polizei unterzuschieben und Stanton zu belasten?«, fragte Winnie.
»Cleveres Mädchen.«
»Eine ganz schön perfide Falle, die er sich da ausgedacht hat.« Die Mechanikerin nickte beeindruckt.
»Und das konnte die Polizei nicht herausfinden?« Jane bestand darauf, jeglichen Zweifel auszuräumen.
»Ich habe ein Programm des russischen Militärs einsetzen müssen. Darüber verfügt die britische Polizei nicht.«
»Okay«, setzte Jane an und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Unbewusst wanderte ihre Hand zu ihrer Kette, suchte die beruhigende Wirkung des kühlen Metalls. Mit den Fingerspitzen fuhr sie die kleine Figur des Victor von Mailand nach, dem Schutzheiligen der Vertriebenen. »Es ist definitiv keine Interpolfalle.«
»Nope.«
»Wir haben ein Druckmittel gegen Lewis.«
»Haben wir.«
»Bleibt nur noch das Treffen zu planen.«
»Ganz genau.«
Jane atmete tief durch, ließ von ihrer Kette ab und band sich die Haare zu einem Zopf zusammen. Sie rief den Hyde Park auf und betrachtete die Parkanlage.
»Hier ist der Gedenkbrunnen für Diana«, sagte sie und vergrößerte das umliegende Areal.
»Der Serenity Aussichtspunkt ist ein guter Treffpunkt«, meinte Sam und tippte auf den Ortsmarker der Statue.
Dave rollte mit seinem Stuhl zum Tisch und überflog die Landschaft. »Dort gibt es wenig Videoüberwachung.«
»Das ist wahrscheinlich Absicht«, erwiderte Jane. »Allerdings hat Lewis in der Anzeige die Mittagszeit angedeutet. Also ist es eher unwahrscheinlich, dass er irgendein linkes Ding plant.«
»Gefällt mir trotzdem nicht.« Daves Stirn legte sich in Falten, während er die Infrastruktur analysierte.
»Ich mache mir keine Sorgen.«
»Ich werde die Handys der Touristen nutzen«, überging er Janes Aussage und rauschte mit seinem Stuhl zurück zu seinem Schreibtisch. Mit flinken Fingern tippte er auf seiner Tastatur und wenige Augenblicke später erschien eine Grafik, welche die Besucherdichte in Form eines Balkendiagramms zeigte. Weitere Klackgeräusche der Tasten und die Wetterkarte erschien.
»Leichter Regen.«
»Hier wird immer leichter Regen angesagt«, warf Winnie augenrollend ein.
»Ich werde meine Joggingroute dorthin verlegen«, erklärte Jane. »Dann kann ich die Zeit messen, wie lange ich von hier bis dorthin brauche, und mich mit den Wegen vertraut machen.«
Einstimmiges Nicken.
»Wann soll das Treffen mit Lewis stattfinden?« Sorge huschte über Sams Gesicht, so wie sie es immer tat, wenn der erste Kontakt mit einem neuen Auftraggeber anstand.
»In drei Tagen«, entschied sie. »Morgen machen wir den Testlauf.«
»Und übermorgen die Generalprobe«, warf Dave ein. »Mit Handynutzung der Touris.«
Jane nickte, betrachtete die Karte und suchte die optimalste Strecke.
»Am besten laufe ich über die Hammersmith Street bis zum Hyde Park. Das erscheint mir am direktesten.«
»Und belebt«, fügte Dave hinzu. »Ich kann die Verkehrs- und Überwachungskameras der Geschäfte auf dem Weg nutzen.«
»Also ist es beschlossene Sache?«, fragte Sam, wobei es mehr einer Feststellung glich.
»Ich schicke der Zeitung eine Antwort«, bestätigte Dave Sams Frage und wandte sich wieder seinem Bildschirm zu.
***
Der Testlauf war erfolgreich und ohne Komplikationen verlaufen, ebenso wie die Generalprobe. Während sie nun bei diesigem Wetter und eisigem Wind in den Park hinein joggte, spürte Jane, wie jede Pore ihres Körpers nach dem Kick des Adrenalins verlangte, das sich bei der ersten Begegnung mit potenziellen Auftraggebern in ihr ausbreitete. Trotz akribischer Planung blieb stets ein gewisses Restrisiko. War es doch eine Finte? Welche Absichten verbargen sich hinter dem Auftrag? Gab es Hintermänner?
Bisher hatten sie jede Mission erfolgreich zu Ende gebracht. Dies hatte dabei geholfen, ihren Ruf über die Grenzen des Landes, sogar des Kontinents hinauszutragen. Dieser Ruhm war ein genauso abhängig machendes Gefühl wie das bittersüße Adrenalin. Aber ihr war es gelungen, ihre Arbeit zu perfektionieren. Der Ruf, der ihr vorauseilte, war mehr als gerechtfertigt.
Jane zog die Kappe etwas tiefer ins Gesicht und beschleunigte. Dave hatte sich über den Knopf in ihrem Ohr immer mal wieder zu Wort gemeldet und sie informiert, dass Lewis bereits am Springbrunnen saß. Nur wenige Meter und sie würde die Grünfläche selbst erblicken.
Die Besucherdichte war im Vergleich zu den letzten Tagen etwas stärker, sodass Dave einen umfassenden Rundumblick hatte. Er gab an, nichts Verdächtiges wahrzunehmen, als Jane direkt auf den Brunnen zusteuerte. Wie immer umkreiste sie das Areal zwei Mal, bevor sie sich der Zielperson näherte. Lewis saß auf der Bank am Wasser, eine Zeitung auf dem Schoß und ließ den Blick ins Leere schweifen. Er wirkte weniger eindrucksvoll als auf dem schwarzweißen Porträt. Seine grauen Haare wurden von einem braunen Hut verdeckt. Passend dazu trug er einen langen schwarzen Mantel und dunkle Lederhandschuhe. Es hielt sich niemand in seiner unmittelbaren Nähe auf und von den Besuchern im Park wirkte niemand verdächtig. Mit abnehmender Geschwindigkeit steuerte sie auf das Ufer des Serpentine Sees zu. Sie atmete tief durch und fing an, sich zu dehnen, ihr Körper durchflutet von aufgeregtem Kribbeln. Dabei schenkte sie Lewis keinen Blick, sah ebenfalls auf den unruhigen See. So vergingen einige Minuten, in denen sie nur das leise Plätschern des Wassers und das Gemurmel der Besucher des Parks wie Hintergrundmusik wahrnahm. Dabei spürte sie Lewis’ Augenpaar auf sich.
»Endlich hat der Regen aufgehört«, sagte er. Seine Stimme klang dunkel, einlullend. Wie Brandy, der langsam in ein Glas floss.
»Ja«, erwiderte Jane und wandte sich ihm zu.
Seine Augen wirkten schwarz und fixierten sie ohne Scheu. »Laufen Sie öfter hier im Park?« Er lächelte freundlich und überkreuzte seine Beine.
»Hin und wieder. Und Sie? Sind Sie öfter hier im Park?«
Er lachte verhalten. »Hin und wieder«, übernahm Lewis ihre Antwort. Sein Blick schweifte ab. »Ich fürchte, mir ist etwas abhandengekommen«, erklärte er abwesend. »Und ich bin nicht sicher, ob ich es loslassen oder danach suchen soll.«
»Sie wissen ja, was man sagt. Wenn du etwas liebst, solltest du es loslassen …«
»… kommt es zu dir zurück, gehört es wirklich dir«, beendete Lewis den Satz und nickte anerkennend. »So lernen wir uns also endlich kennen. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.«
Lewis bedeutete Jane neben ihm Platz zu nehmen und sie kam seiner Aufforderung nach. »Wie kommt eine so junge Frau wie Sie zu einem Ruf wie diesem?« Sie war sich nicht sicher, ob in seiner Stimme Bewunderung oder Spott überwog.
»Wenn Sie meinen Ruf kennen, wissen Sie auch, warum er so ist, wie er ist«, entgegnete sie unbeeindruckt.
Der ehemalige Graf lachte kurz auf und nickte. »Auch was man über Ihr Mundwerk sagt, scheint zu stimmen.«
»Mr Lewis, da Sie über meine Dienste bestens informiert sind, haben Sie mich offensichtlich aus einem bestimmten Grund kontaktiert. Was kann ich also für Sie tun?«
Er lachte erneut kurz in sich hinein, bevor er Jane offensiv ansah. Für den Bruchteil einer Sekunde erkannte sie eine Bestie, die sich erfolgreich hinter der Erscheinung eines alten Mannes verbarg, gefährlich, unnachgiebig und gierig nach Macht. Eiseskälte kroch ihren Rücken empor und bereitete ihr eine Gänsehaut, von der sie hoffte, dass sie Lewis verborgen blieb. Schnell versuchte sie, das Gefühl abzuschütteln.
»Wissen Sie, wer ich bin?«, fragte er.
»In diesem Punkt dürfen Sie sich ebenfalls auf die Gerüchte über mich verlassen, Mr Winston Lewis, Earl of Berkshire. Auch wenn Letzteres heute nicht mehr groß von Bedeutung ist. Mittlerweile sind Sie der Verwaltungsratsvorsitzende und tun alles, um diese Position zu halten.« Sie wartete einen Moment, bevor sie weitersprach, beobachtete die ausbleibenden Regungen in seinem Gesicht und tat alles dafür, dass sie ebenso unlesbar für ihn erschien. »Ich habe meine Hausaufgaben gemacht.«
»Verstehe. Nun denn, wie Sie wissen, stamme ich von einer alteingesessenen und einflussreichen Familie ab, der im Laufe der Jahre mehr als einmal übel mitgespielt wurde. Aber ich möchte Sie nicht mit den Tragödien des Lewis Geschlechts langweilen. Mir geht es um ein Familienerbstück, das vor vielen Jahrhunderten gestohlen worden ist. Es ist, wie sollte es anders sein, ein wertvolles Schmuckstück«, erklärte der ehemalige Graf und holte ein kleines Ledermäppchen unter seiner Zeitung hervor. Darin bewahrte er ein paar lose Blätter und Fotos auf. Jane beugte sich nach vorn, damit Dave alles durch die Knopfzellenkamera, die am Kragen ihrer Laufjacke befestigt war, sah. Lewis zeigte ihr die Zeichnung eines Mannes, die sie aufgrund der Kleidung ins Mittelalter zurückdatierte. Er trug einen Umhang, ein langes Hemd und einen Ledergürtel mit einer ausladenden Schnalle um die Hüften. Sie war rund und hatte feine Gravuren, die Jane nicht entschlüsseln konnte. Auf einer weiteren Skizze, die zeitlich etwas jünger erschien, war erneut ein Mann zu sehen, der einen Teil der Gürtelschnalle als Anhänger an einer Kette um den Hals trug.
»Dieses Medaillon wurde seit jeher an den erstgeborenen Sohn meiner Familie weitergegeben. Meine Urgroßmutter hat mir, als ich noch ein Kind war, immer erzählt, dass es das Geschenk eines Druiden gewesen sei.« Lewis lächelte schmal. »Bei einem der unzähligen Kriege, welche im Laufe der Zeit gewütet haben, wurde dieses Erbstück entwendet und war für sehr lange Zeit verschwunden. Verständlicherweise haben meine Vorfahren irgendwann aufgehört zu suchen, als sich sämtliche Spuren im Sande verlaufen hatten.«
Jane nickte und studierte das Schmuckstück. Es wirkte schlicht und hatte keine aufwendigen Details, die eine schnelle Wiedererkennung ermöglichten. Sie war nicht überrascht, dass es verschollen war.
»Nun, wie sagt man so schön? Wunder geschehen meistens dann, wenn man mit einer Sache abgeschlossen hat, nicht wahr? Kennen Sie das Mable-Mart-Museum?«
Jane nickte. Es war von einem Frauenverein gegründet worden, als Zeichen des Widerstandes gegen die patriarchische Gesellschaft und die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts. Ein Museum von Frauen für Frauen. Dennoch genoss es weniger wegen seiner Historie oder aufgrund der Gegenstände, die dort ausgestellt wurden, eine gewisse Berühmtheit, sondern weil das Gebäude ursprünglich eine Kirche gewesen war.
»Ich engagiere mich häufig in kulturell sowie historisch bedeutsamen Belangen. Und wie es der Zufall so wollte, habe ich vor einigen Wochen an der Jubiläumsfeier des Museums teilgenommen. Der Museumsdirektor hat eine wirklich angenehme Feierlichkeit ausgerichtet. Und was musste ich zu meiner eigenen Überraschung entdecken?« Er legte eine dramaturgische Pause ein. »Das seit Jahrhunderten verschwundene Medaillon meiner Familie befindet sich in diesem Museum.«
Der ehemalige Graf zog erneut ein Foto aus seinem Ledermäppchen und reichte es Jane. Sie erkannte das Schmuckstück sofort wieder. Der Abbildung nach zu urteilen, war es in einem einwandfreien Zustand.
»Ich nehme an, Sie haben bereits mit dem Museumsdirektor gesprochen?«, verlangte Jane zu wissen.
Lewis lächelte knapp und nahm einen tiefen Atemzug. Seine Haltung versteifte sich. »Ich bin ein überaus großer Freund von Effizienz. Gerade, wenn man in meinem Alter ist, wird Zeit zu einem kostbaren Gut und man wendet eben diese nur noch dann auf, wenn es Erfolg verspricht. Mit einem kleingeistigen Mann wie Mr Harold vom Mable-Mart-Museum über den Erwerb eines, wie er es nennt, Kulturguts der Allgemeinheit zu diskutieren, ist genau das Gegenteil von Effizienz.«
Lewis suchte Janes Blick und in seinen Augen lag ein herausforderndes Funkeln. Die Bestie war aufmerksam.
»Darüber hinaus liegt es mir fern, schlafende Hunde zu wecken, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Ich verstehe, was Sie meinen«, entgegnete Jane. Sie straffte die Schultern und erwiderte Lewis’ Blick, ohne zu blinzeln. »Sie möchten, dass ich Ihnen das Medaillon zurück beschaffe.«
Er nickte mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht.
»Ich gehe davon aus, dass Sie die Bedingungen kennen?«
»Selbstredend. Machen Sie sich keine Sorgen. Ihren Dienst werde ich entsprechend entlohnen, über die ewige Dankbarkeit eines alten Mannes hinaus.«
Zum ersten Mal, seit sie mit dem ehemaligen Grafen in Kontakt getreten war, hörte Jane Dave in ihrem Ohr. Er grunzte abfällig.
»Nun, ich benötige ein wenig Vorlaufzeit, um alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen, auch wenn das Mable-Mart-Museum keine große Herausforderung darstellt.«
Jane erhob sich und versuchte, das Zittern ihrer erkalteten Glieder zu unterdrücken. Lewis stand ebenfalls auf. Er überragte sie um einen ganzen Kopf und wirkte trotz seiner eher schmalen Gestalt wie jemand, den man besser nicht unterschätzte.
»Betrachten Sie Ihr Anliegen als erledigt«, erklärte sie und hielt ihm eine Hand hin.
Lewis ergriff sie und platzierte einen angedeuteten Kuss auf ihrem Handrücken.
»Wie trete ich mit Ihnen in Kontakt?«, forschte er nach.
»Gar nicht. Ich melde mich.«
»Der Typ ist mir unheimlich«, merkte Winnie an und trank einen großen Schluck aus ihrer großen Teetasse.
Dave schnaubte, verschränkte seine Arme hinter dem Kopf und sah sie herausfordernd an. Seine azurblauen Augen funkelten.
»Was?«, ließ sie sich von ihm anstacheln.
»Ich bin immer wieder überrascht«, gab er nichtssagend zurück.
Jane rollte innerlich mit den Augen. Here we go again, dachte sie und sah aus dem Fenster. Die Sonne verschwand trotz des Frühlingsbeginns frühzeitig vom Horizont. Sie hinterließ ein Meer aus Flammen, die gierig von der Dunkelheit verzehrt wurden. Nicht mehr lange und die Tage entledigten sich ihres grauen Schleiers, um nicht nur das Firmament, sondern ebenso das Gemüt aufzuhellen.
Jane ignorierte das Gezeter der beiden und ließ die heutige Begegnung mit Lewis Revue passieren. Was sie in seinen Augen gesehen hatte, jagte ihr noch immer Schauer über den Rücken. Sie war in ihrem Leben vielen abtrünnigen, gewissenlosen und gefährlichen Menschen begegnet. Aber in Lewis lauerte etwas anderes, Dunkles, bei dessen Entfesselung sie lieber nicht anwesend sein wollte. Sams warme Hände legten sich auf ihre und holten sie aus ihren Gedanken zurück ins Hier und Jetzt.
»Irgendwann wirst du den Anhänger noch abreißen«, flüsterte sie leise. Jane hatte gar nicht bemerkt, dass sie heftig an der Kette zog.
»Du bist einfach ein Wichser, Devon«, schrie Winnie in ihrem Bronxakzent, der immer dann zum Vorschein kam, wenn man sie wütend machte.
Dies wiederum war Daves Talent. Wie die beiden vor einer gefühlten Ewigkeit zusammen in der Kiste gelandet waren, stellte Jane bis heute vor ein Rätsel.
»Ich verstehe nicht, wieso Lewis mich beauftragt«, warf sie ein und bemühte sich, das Augenmerk aller wieder auf den Auftrag zu lenken. Ein kurzer Moment der Stille entstand.
»Weil du gut in deinem Job bist«, antwortete Dave, nachdem er sich gesammelt hatte.
»Aber das Mable-Mart-Museum ist ein Witz. Sicherheitsvorkehrungen entsprechen Stufe Null, wenn man da überhaupt von Vorkehrungen sprechen möchte. Er könnte im Prinzip einfach hineinspazieren und sich das Medaillon holen.« Jane zwirbelte die Spitze ihres blonden Pferdeschwanzes zwischen ihren Fingern.
»Wie Sam schon sagte, macht er sicherlich nichts selbst, außer sein Geschäft zu verrichten«, erwiderte der Informatiker. »Außerdem geht mit deiner Beauftragung ein gewisses Prestige einher.«
»Ich geb’s nicht gerne zu«, warf Winnie ein, »aber da muss ich Dave zustimmen. Es klingt viel besser, wenn man sagen kann, dass man die Jane beauftragt hat.«
»Bedenke all die Möglichkeiten, die sich bieten, um die Geschichte auszuschmücken. Lewis ist am Ende des Tages auch nur ein Mann.« Dave zwinkerte.
Aber aus irgendeinem Grund war sich Jane da nicht so sicher.
***
Der Duft von frischem Kaffee erfüllte die Kommandozentrale. Alle saßen um den interaktiven Tisch, bereit mit der Arbeit anzufangen. Dave hatte alle wichtigen Informationen über das Museum und seine Mitarbeiter recherchiert und aufbereitet. Die Auskünfte waren genauso überschaubar wie die Institution selbst. Ursprünglich hatte an dieser Stelle die St. Dunstan-in-the-East Kirche gestanden, die eine bemerkenswerte Historie mit sich brachte. Der Kirchturm samt Spitze hatte in den vergangenen Jahrhunderten Stürme, Brände und sogar den Luftangriff der Deutschen im Zweiten Weltkrieg überstanden. Letzterer hatte den Großteil des Kirchengebäudes und somit des Museums in Schutt und Asche gelegt. Aufgrund der mangelnden Wichtigkeit für die Gemeinde hatte man sich darauf verständigt, nur das Gemeindehaus wiederaufzubauen und darin die Ausstellungsstücke unterzubringen. Der Rest der noch stehenden Kirchenmauer und des Turmes war in eine Parkanlage umgestaltet worden, die als Geheimtipp Londons galt.
»War jemand von euch schon mal in dem Museum?«, fragte Winnie.
»Ich war da vor Ewigkeiten mal«, sagte Sam. »Die Ausstellung ist nicht sehr beeindruckend. Aber was sie aus der Kirche gemacht haben, ist wundervoll.«
Dave schüttelte den Kopf und Jane verneinte die ursprüngliche Frage ebenfalls.
»Das Museum hat zwei offizielle Etagen«, führte sie aus, und zog den Grundriss auf der interaktiven Tischplatte in den Vordergrund. »Es sind im Prinzip alles Durchgangsräume, bis auf die Pförtnerloge, das Büro des Direktors, zwei Abstellkammern und die Toiletten. In der Mitte gibt es eine Verbindungstür zum Kirchturm.« Sie markierte benannte Areale auf der Karte.
»Es gibt kein internes Überwachungssystem«, fügte Dave hinzu. »Nur der äußere Eingangsbereich ist videoüberwacht. Die Ausstellungsstücke verfügen über eine Alarmanlage, die allerdings nicht mit der Polizeiwache verbunden ist.«
»Gibt es einen Wachdienst?«, fragte Sam.
»Nope.«
»Also im Prinzip könnten wir einfach da reinspazieren, das Medaillon mitnehmen und wieder rausspazieren?«, forschte Winnie nach.
»Mehr oder weniger«, erwiderte Jane. Ihr Leichtsinn strapazierte ihre Nerven. »Wir sind in unserer Heimatstadt aktiv, also müssen wir schon gewisse Vorsichtsmaßnahmen treffen. Ich werde nicht einfach das Glas einschlagen und das Ding mitnehmen.«
Dave lachte leise in sich hinein und Jane warf ihm einen vielsagenden Blick zu, den er nur mit einem Augenrollen quittierte, aber seinen Mund hielt er geschlossen.
»Wie ist der Personalschlüssel?«
Das Informatikgenie rollte zu seinem Schreibtisch, führte ein paar wenige Mausklicks durch und auf dem Smartboard erschienen die Mitarbeiterdateien des Museums. Das erste Bild zeigte einen kleinen, dickbäuchigen Mann mit Stirnglatze.
»Das ist Jason Harold, der Direktor. Mehr gibt es faktisch nicht über ihn zu sagen. Er selbst ist selten vor Ort. Höchstens zu großen Anlässen. Ansonsten beschäftigt er sich lieber in Soho mit was auch immer.«
»Leidenschaft sieht anders aus«, sagte Sam. »Kein Wunder, dass das Museum keinen guten Ruf genießt.«
»Oder überhaupt einen Ruf hat«, fügte Winnie hinzu.
Jason Harold verschwand von der Bildfläche und räumte den Platz für einen jungen Mann mit schwarzem Lockenschopf. Grüne Augen wurden von einer runden, leicht schiefsitzenden Brille umrahmt und ein verschmitztes Grübchenlächeln zierte sein Gesicht.
»Maverick O’Donnel«, erklärte Dave. »Laut Personalakte ist er eine Aushilfe. Historiker. Er macht Führungen, kümmert sich um die Katalogisierung der Artefakte und so wie ich das rauslese, ist er mehr oder weniger Mädchen für alles.«
»Er leitet eigentlich das Museum?«, fragte Jane nach und studierte seine Züge genauer.
»Wahrscheinlich. Die Akten geben nicht viel her. Aber in den spärlichen Presseberichten über das Museum wird er das ein oder andere Mal erwähnt.«
Dave rief ein paar Artikel auf, die sich mit unterschiedlichen Relikten und Ausstellungsstücken befassten. Maverick O’Donnel war stets die genannte Quelle für Hintergrundinformationen.
»Ein Nerd, wie er im Buche steht«, sagte Dave seufzend und ließ das Foto des jungen Historikers verschwinden.
Es folgten die Bilder eines stämmigen Mannes vorangeschrittenen Alters sowie von zwei jungen Frauen.
»Alexander Brighton«, fuhr Dave fort. »Er arbeitet als Pförtner. Verheiratet, eine Tochter, die in Cambridge studiert. Absolut gewöhnlich. Und die beiden Reinigungskräfte Leyla Sanchez und Maria Ventura.« Danach drehte er sich der Gruppe zu. »Das wars. Mehr Personal gibt es da nicht.«
»Das wird der einfachste Coup ever«, sagte Winnie und lehnte sich zurück.
***
Ein paar Tage später fand Jane sich vor den Toren der ehemaligen St. Dunstan-in-the-East Kirche wieder. Sam hatte nicht untertrieben. Die Parkanlage war überwältigend und strahlte denselben Charme aus wie der alte Barnes-Friedhof. Wilde, unbezähmbare Natur eroberte graues Gestein. Efeuranken wanden sich durch die ausgehöhlten Fensterbögen der ehemaligen Kirchenmauer.
»Beeindruckend«, murmelte sie und schob den Kinderwagen auf den Eingang des Museums zu.
Auf einer kleinen Messingtafel neben der hölzernen Eingangstür stand in schlichten Lettern »Mable-Mart-Museum of historic Artefacts«.
Dave hatte sich bisher nicht zu Wort gemeldet und begleitete sie stumm in ihrem Ohr. Die Knopfzellenkamera war am obersten Knopf ihres Mantels platziert. Umständlich manövrierte Jane den Kinderwagen durch die schmale Holztür. Ihre Augen benötigten einen Moment, um sich in dem gedämpften Licht, das durch kleine Fenster in den Raum fiel, zu orientieren. Es roch muffig, nach altem Papier und Staub.
»Es tut mir leid, Miss«, drang eine freundliche Stimme an ihr Ohr. Lächelnd drehte Jane sich um. »Es gibt leider keinen Aufzug.«
Alexander Brighton, wie sie von den Bildern erkannte, deutete auf den Kinderwagen. Das ist dann wohl die Pförtnerloge.
»Aber zwischen dem Ausstellungsraum der weltlichen Kultur und dem Mittelalter gibt es eine Rampe, die zum oberen Stockwerk führt.«
»Dankeschön«, sagte Jane knapp nickend.
Es zahlte sich immer wieder aus, die Zielorte der Operationen mit Kinderwagen zu erkunden. So erfuhr man von Abkürzungen, internen Transportwegen und anderweitiger Ausstattung.
Das Museum war überwiegend leer. In einiger Entfernung vernahm Jane leise Stimmen und Schritte. Bedächtig bewegte sie sich auf den ersten Ausstellungsraum zu. Es handelte sich um den vom Pförtner erwähnten Raum der weltlichen Kultur. Groteske Masken hingen an den Wänden. In einer Glasvitrine standen bizarr verzerrte Figuren. Mit einem leichten Schaudern lief Jane weiter.
Sie prägte sich die Anzahl der Fenster und Türen ein, behielt das kleine, leuchtende Notausgangsschild im Blick, das geradeaus zeigte, und folgte dem Weg nahtlos ins Mittelalter. Zwischen den beiden Sälen führte links eine Treppe samt steiler Rampe ins Obergeschoss. Seitlich des Aufgangs hing ein weinroter Samtvorhang, der von einer goldenen Kordel zusammengehalten wurde. Direkt gegenüber lag die Verbindungstür, die Zugang zum alten Glockenturm der ehemaligen Kirche gewährte. Der altertümliche Raum war nach oben geöffnet und gab den Blick auf die Galerie der ersten Etage frei.
Das Medaillon würde sich aufgrund der Entstehungsära in diesem Saal befinden, da war sie sich sicher. Deshalb ignorierte sie den Aufgang vorerst und bahnte sich ihren Weg vorwärts, überflog die übrigen Museumsstücke und suchte nach ihrem Zielobjekt. Am anderen Ende des Raumes stand eine überschaubare Gruppe von Menschen, die einer Führung folgte.
Aus dem Augenwinkel erregte ein kleines, graues Kleinod auf dunkelgrünem Samt, welches sich in einer schmalen Vitrine mitten im Raum befand, ihre Aufmerksamkeit. Durch indirektes Licht beschienen, erkannte sie das Medaillon von Lewis’ Abbildungen. In natura waren die Spuren der Zeit um einiges deutlicher sichtbar. Ein paar Kratzer erschwerten eine eindeutige Identifizierung der Darstellung. Jane meinte, zwei Kreise und einen Schriftzug auszumachen, aber es war ihr beim besten Willen nicht möglich zu entziffern, was da geschrieben stand oder in welcher Sprache.
Sie konnte nicht sehen, wie das Artefakt geschützt wurde. Dave hatte ihr aber im Vorfeld erklärt, dass es sich um eine Kontaktsicherung handelte, die auslöste, sobald die Glashaube entfernt wurde. Jane umrundete die Vitrine, um ihm über die Knopfzellenkamera einen ganzheitlichen Blick zu ermöglichen. Als sie die Stromleitung aus dem Sockel in den Fußboden übergehen sah, bückte sie sich, wühlte geschäftig im Aufbewahrungskorb unterhalb des Kinderwagens und filmte auch diesen Teil. Nachdem sie fertig war, wandte sie sich der Infotafel zu, die neben der Säule stand.
»Das Rad der Zeit«, las sie leise vor. »Medaillon von Bernad de Tromelai – Großmeister der Tempelritter 1152. Gefallen 1153 vor Askalon in der Schlacht des Höllenfeuers. Im Kampf gegen das Jüngste Gericht gab er sein Leben. Das Medaillon galt viele Jahrhunderte als verschollen und ist 2010 bei Ausgrabungen in Eritrea geborgen worden. Der Sage nach hat das Medaillon die Macht, das Tor zur Hölle zu öffnen und den Aufstieg Luzifers einzuläuten.«
Die Besuchergruppe bewegte sich auf Jane zu. Allen voran erkannte sie den dunkelhaarigen Historiker. Dieser lief mit energischen Schritten voraus und philosophierte dabei mit überschäumender Begeisterung über den Wissensstand der damaligen Zeit.
»Die Kenntnisse über Naturheilkunde waren beispielsweise soweit ausgeprägt, dass man bereits im Mittelalter einige Darmerkrankungen anhand des Zahnstatus einer Person diagnostizieren konnten«, erklärte er. Seine Stimme klang dunkler, als seine Statur hätte vermuten lassen.
Einige »Ahs« und »Ohs« folgten seinen Ausführungen und die Touristen versammelten sich wie eine Grundschulklasse um den Tresen mit den sonderbaren Gegenständen, die wie kleine Tontöpfe und altertümliche medizinische Utensilien aussahen. Trotz der eher mäßigen Beleuchtung erkannte Jane die smaragdgrünen Augen des jungen Mannes, der ohne Punkt und Komma weitersprach. Das breite Lächeln blieb auf seinem Gesicht, während er über die unterschiedlichen Kategorisierungen der Artefakte und ihre Bedeutungen sinnierte und dabei seine dunkle Brille immer wieder an ihren Platz schob. Bemüht unauffällig schritt Jane weiter in den hinteren Teil des Raums, vorbei an kleineren Ausstellungstischen. Sie ließ ihren Blick bewusst langsam über die Kunstobjekte schweifen, um ihr eigentliches Interesse zu verbergen. Sie näherte sich dem Notausgang, schaukelte den Kinderwagen leicht hin und her und summte eine Melodie. Dabei sah sie verstohlen über ihre Schulter und vergewisserte sich, dass niemand ihr zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Vor dem Porträt einer herrschaftlich gekleideten Dame blieb sie stehen und schielte zu der dunklen Tür des Notausgangs hinüber, die wie alles andere nicht professionell gesichert zu sein schien. Ein schlichtes Zylinderschloss maximal dritter Sicherheitsklasse ohne darüberhinausgehende Verriegelungen. Ein Kinderspiel.
Langsam wandte sie sich ab und schaute sich weiter um. Auf dem Weg durchs Museum schob sie sich an der Besuchergruppe vorbei, die folgsam der drahtigen Gestalt des Historikers hinterher marschierte.
Im oberen Geschoss warf Jane einen Blick in die Bibliothek, die bis zur Decke mit Büchern und Schriften bespickt war. Altmodische Ohrensessel und dunkle Eichenholztische standen verteilt im Raum. Vereinzelt lagen dicke Wälzer und Papierstapel darauf oder daneben. Es wirkte, als herrschte ein reges Treiben, obwohl niemand zu sehen war. Da sie sich hier oben während des Einbruchs nicht aufhalten würde, kehrte sie ins Erdgeschoss zurück. Dort widmete sie sich noch kurz den Toilettenräumen, die beide fensterlos waren, bevor sie den Kinderwagen mit Hilfe des Pförtners ins Freie manövrierte.
***
Vier Tage später waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Alle wichtigen Informationen lagen vor – dass Maverick O’Donnel in der Regel das Museum als letzter gegen einundzwanzig Uhr verließ, welche Packstation in der Umgebung lag, über die sie das Amulett an Lewis versenden würden, um wie viel Uhr diese geleert wurde und wie es sich mit dem Verkehr in der Nacht verhielt. Lewis’ Scheck mit einer beträchtlichen Anzahlung war eingelöst worden. Jetzt war für alle klar: Heute ging der Coup definitiv über die Bühne. Gemeinsam hatten sie entschieden, dass Jane eine Dreiviertelstunde vor der Nachtleerung der Packstation in das Museum einsteigen sollte. So würde das Medaillon auf dem Postweg zu Lewis sein, bevor der Einbruch überhaupt bemerkt wurde. Dave hatte den Versandaufkleber im Vorfeld ausgedruckt und diesen zusammen mit einem Luftpolsterumschlag in der Innentasche von Janes schwarzer Windjacke verstaut.
Die Nacht hatte den Tag schnell erobert. Die Temperaturen blieben trotz des heraneilenden Frühlings unverändert kühl, sodass Jane die Kälte durch die dünne Sohle ihrer Barfußschuhe wahrnahm. Alle waren sich einig gewesen, dass ihr Fahrrad das unauffälligste Fortbewegungsmittel war. Niemand würde ein schwarzes No-Name-Bike im Kopf behalten, wohingegen ein Auto mit Nummernschild eher im Gedächtnis blieb. Der Wind blies ihr heftig ins Gesicht und sie war froh, dass sie ihre Radhandschuhe trug. Obwohl sie vollständig bekleidet war, kam sie sich nackt vor ohne die feingliedrige Kette um ihren Hals, die sie, wie vor jedem Einbruch, vorsichtshalber abgelegt hatte. Wie gewohnt trug sie auch kein Headset und keine Kamera, um nicht verdächtig zu wirken, sollte sie aus irgendeinem Grund von der Polizei angehalten werden – egal ob im Zusammenhang mit einem ihrer Einbrüche oder im Rahmen einer allgemeinen Verkehrskontrolle.
Die Straßen waren fast menschenleer. Gelegentlich fuhr ein Bus an Jane vorbei oder es begegnete ihr jemand, der eine späte Gassirunde mit seinem Hund hinter sich brachte. Niemand störte sich an der jungen, schwarz gekleideten Frau, die über die Lower Thames Street radelte. Ihre blonde Mähne verbarg sie unter einem dunklen Basecap. So war sie praktisch eins mit der Nacht und bewegte sich ungesehen in den Schatten der Großstadt. Das Bike stellte sie an der Laterne neben der Packstation ab und sicherte das Schloss per Touch ID. Dies garantierte ihr schnelles Entriegeln, wenn es darauf ankam. Unabgeschlossen ließ man in London nur das stehen, an dem kein Interesse mehr bestand.
Die Überreste der Kirchenmauer wurden von mehreren Scheinwerfen, die sich im Dickicht verbargen, indirekt angestrahlt. Jane eilte schnurstracks auf die Parkanlage zu. Die Erfahrung hatte gezeigt: Je selbstsicherer man sich bewegte, umso unscheinbarer wirkte man.
In lässiger Manier ließ Jane ihren Blick über die Umgebung schweifen. Die meisten Fenster der umliegenden Häuser waren dunkel. Die beleuchtete Mauer hingegen strahlte den Notausgang des Museums aus, was bedeutete, dass Jane schnell sein musste. Dave hatte in den elektronischen Daten der Buchführung die Quittung des Sicherheitsschlosses inklusive Artikelnummer gefunden. Danach war es ein Leichtes für ihn gewesen, die Seriennummer zu ermitteln und einen passenden Schlüssel nachmachen zu lassen. Diesen hielt Jane in der Hand, während sie mit dem Rücken zu einem schlichten Springbrunnen stand. Obwohl der Notausgang über keine Videoüberwachung verfügte, zog sie das schwarze Basecap etwas tiefer ins Gesicht. Ihr Herz schlug fest in ihrer Brust und ihr Blut rauschte geräuschvoll in ihren Ohren. Das Adrenalin stürzte sich in ihre Adern und schärfte ihre Sinne. Sie bewegte sich wie ein Wolf auf der Jagd, aufmerksam und kraftvoll. Dann ergriff sie den Türknauf, führte den Schlüssel ins Schloss und vernahm das entriegelnde Klicken mit diebischer Freude. Schnell öffnete sie die Tür und schlüpfte durch den schmalen Spalt.
Wie erwartet lag der Ausstellungsbereich des Mittelalters nicht in kompletter Dunkelheit vor ihr. Die Wandbeleuchtung war gedimmt worden, sodass ein feiner Lichtschimmer den Raum erhellte. Obwohl sie das Museum bisher nur einmal aufgesucht hatte, steuerte sie direkt auf die richtige Vitrine zu. Mit flinken Fingern zog sie das Multifunktionswerkzeug aus ihrer Jackentasche und öffnete den Kabelkanal, der vom Sockel in den Boden überging. Konzentriert drehte sie die kleinen Kreuzschrauben aus der Fassung, als sie hörte, wie sich oben eine Tür öffnete. Schritte sowie ein Summen erklangen und kamen immer näher. Ein Schock jagte ihr durch Mark und Bein. Jane wartete nicht, bis die Person die Balustrade erreicht hatte, sondern hechtete, so leise es ihr gelang, in einen anderen Raum.
Das Summen hallte den Treppenaufgang hinunter. Jane hatte keine Wahl und zog sich weiter zurück. Vorsichtig und in geduckter Haltung schlich sie auf die Pförtnerloge zu. Das gedimmte Licht wurde heller. Adrenalin wandelte sich in Panik und Schweißperlen sammelten sich auf ihrer Stirn. Unüberlegt stürzte Jane zu den Toiletten, öffnete die Tür und verschwand in der Dunkelheit des fensterlosen Raumes. Eine Hand vor den eigenen Mund gepresst, bewegte sie sich langsam rückwärts. Als sie das kühle Porzellan des Pissoirs an ihrem Bein spürte, schaltete sich das Licht ein und der dunkelhaarige Lockenschopf des Historikers erschien vor ihr.
»And though I’m nobodies PoeÄÄÄÄÄÄT …«, schrie er, als er sie erblickte.
Wie angewurzelt blieb er in der offenen Tür stehen. Seine grünen Augen waren vor Schreck geweitet und seine Brille saß schief auf seiner Nase. Jane blieb still und wog ihre Möglichkeiten ab. Überwältigung. Flucht. Beides eine Option. Aber was dann?
»Wer sind Sie?«, unterbrach der Historiker ihre Gedanken und zog sich die Kopfhörer aus den Ohren. Die Musik spielte leise weiter im Hintergrund.
»Melanie Sanchez«, improvisierte sie. »Die Cousine von Leyla Sanchez. Sie hat mich hergeschickt, weil sie ihre Brieftasche hier irgendwo verloren hat.«
Der junge Mann schob seine Brille hoch und beäugte sie skeptisch. »Leyla Sanchez?«, fragte er verwirrt. »Die Putzfrau?«
Einen Moment lang herrschte Schweigen.
»Sie sind doch Maverick O’Donnel?«, führte sie ihr Schauspiel fort und hoffte, dass er den Hauch Unsicherheit in ihrer Stimme nicht bemerkte. »Der Historiker?«
Mit zweifelndem Blick nickte er. Die Musik tönte dumpf aus den herunterbaumelnden Kopfhörern. Er zog einen altmodischen MP3-Player hervor, schaltete ihn aus und verstaute beides in seiner Hosentasche.
»Ich habe geklopft. Mehrfach. Aber es hat niemand geöffnet. Als ich die Klinke ausprobiert habe, war nicht abgeschlossen.«
Maverick hob die Augenbrauen und drehte sich Richtung Eingangstür.
»Es war nicht abgeschlossen?«, fragte er mehr sich selbst und sah zwischen Jane und dem Eingang hin und her.
Ihre Faust umschloss die kleinen Schrauben des Kabelkanals so fest, dass die feinen Spitzen durch den Stoff der Handschuhe piekten. Der Historiker drehte sich um und verließ das Herren-WC.
»Okay, es hilft alles nichts«, fluchte sie, folgte ihm und riss ihn am Ärmel herum. Die Schrauben fielen dabei auf den Boden und kullerten auf dem hellen Holzparkett wie silberne Kreisel. Der Historiker begriff augenblicklich.
»Sie … Sie brechen hier ein«, sagte er und Jane war überzeugt, neben dem Schock eine Spur Überraschung zu erahnen.
»Es gibt jetzt genau zwei Möglichkeiten«, erklärte sie, ohne seinen Arm loszulassen. »Du hältst die Füße still, ich mache meine Arbeit und jeder geht seiner Wege.«
»Oder?«
»Oder«, ihre Kiefer spannten sich an, »ich muss dir leider wehtun, mache dann meine Arbeit und jeder geht seiner Wege.« Sie verstärkte den Griff um seinen Arm. »Wenn du dann noch gehen kannst«, fügte sie hinzu.
Er hielt ihrem Blick stand, ohne zu blinzeln. Seine Augen glichen zwei grünen, geschliffenen Smaragden, die das Licht aus jedem Winkel einfingen und reflektierten. Sie waren gutmütig, warmherzig und Jane widerstrebte es, dem dazugehörigen Körper Schmerzen zuzufügen. Aber sie würde es tun, wenn es notwendig war.
»Was wollen Sie denn hier stehlen?«
Mavericks fehlende Furcht strapazierte Janes Nerven. Sie atmete geräuschvoll aus.
»Okay. Du hast deine Entscheidung getroffen.« Das Überraschungsmoment nutzend drehte sie den Arm des Historikers auf seinen Rücken und zwang den Mann in die Knie. Sie ignorierte sein protestierendes Keuchen und suchte nach einem geeigneten Fesselwerkzeug. Der Vorhang!
»Aufstehen«, trieb sie ihn an.
Unbeholfen kam er auf die Beine.
»Sie müssen das nicht tun«, presste er hervor. »Es gibt bestimmt eine andere Lösung.«
Jane ging nicht auf das Gerede ein und fixierte die goldene Kordel.
»Wirklich«, ließ der Historiker nicht locker. »Es gibt für jedes Probl…«
Seine Haltung versteifte sich und sie prallte gegen ihn. Gemeinsam gerieten sie ins Wanken, bis Jane die Balance und Oberhand zurückgewann. Ihr Blick folgte dem seinen und fiel auf den demontierten Kabelkanal neben der Säule, die das Medaillon ausstellte.
»Das Rad der Zeit«, flüsterte Maverick. »Sie wollen das Rad der Zeit stehlen.« Sein Blick wurde abwesend. »Der Zirkel …«, murmelte er weiter.
Welcher Zirkel?
»Sie dürfen es nicht stehlen …«
»Was interessiert dich das?«, fragte sie eher rhetorisch und löste einhändig die Kordel vom Vorhang. Sie zwang Maverick erneut in die Knie, indem sie verstärkt Druck auf den verdrehten Arm ausübte, und fesselte seine Hände auf dem Rücken.
»Sie dürfen es nicht stehlen«, wiederholte er aufgeregt. »Wissen Sie denn nicht, was es kann?«
Jane lachte verächtlich auf. »Den Kram mit der Hölle?«
»Ja.«
»O bitte«, brachte sie nur hervor und hievte Maverick erneut auf die Beine. Sie schubste ihn zurück zu den Toilettenräumen. Dabei warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. Ein Uhr siebenundvierzig. Ihr blieben dreizehn Minuten bis zur Leerung der Packstation.
»Es ist wahr«, sagte er und die Aufregung in seiner Stimme gewann an Intensität. »Sie wissen nicht, was Sie anrichten, wenn sie das Medaillon in die falschen Hände geben.«
»Deshalb ist es auch so sicher verwahrt worden in diesem Museum, das quasi Fort Knox gleicht.«
Maverick leistete keinerlei Gegenwehr, ließ sich von Jane in das Herren-WC manövrieren und mit dem überstehenden Ende der Kordel an dem Siphon des Waschbeckens festbinden.
»Bitte«, flehte er. »Tu es nicht. Bitte. Ich gebe dir Geld, alles, was du willst. Aber du darfst es nicht mitnehmen.«
»Jetzt pass mal auf, Indiana Jones. Wenn du auch nur in deinen Träumen an mich denkst, komme ich zurück und mache dir dein Leben zur Hölle.«
Maverick schluckte und Jane erkannte in seinen Augen, dass die Message angekommen war.
»Du darfst es nicht mitnehmen.«
Er hatte es doch nicht begriffen.
Jane beugte sich zu ihm hinunter, nur wenige Millimeter vor seinem Gesicht hielt sie inne.
