Stolen Magic 2: Verfluchtes Erbe - Denise Mann - E-Book

Stolen Magic 2: Verfluchtes Erbe E-Book

Denise Mann

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Beschreibung

**Wenn deine große Liebe alle retten kann** Nachdem die Auftragsdiebin Jane ein unscheinbares Amulett aus einem Museum gestohlen hatte, ist genau das eingetroffen, wovor der attraktive Historiker Maverick sie gewarnt hat: Die Tore zur Hölle wurden geöffnet. Doch nicht nur das, auch hat Maverick im Kampf eine himmlische Essenz in sich aufgenommen, die ihm übernatürliche Kräfte verleiht, aber auch sein Wesen zu verändern scheint. Gemeinsam fliehen sie nach Irland, um die neu erlangten Fähigkeiten zu trainieren und einen Plan zu schmieden, mit dem verzweifelten Ziel, den Höllenfürsten noch irgendwie aufhalten zu können … Eine knisternde Liebesgeschichte zwischen einer willensstarken Diebin und einem History Nerd, der ihr mit seinem unerschöpflichen Wissen den letzten Nerv raubt, aber dabei unwiderstehlich sexy ist. //Dies ist der zweite Band der mitreißenden Urban-Fantasy-Dilogie von Denise Mann. Alle Bände der Buchreihe bei Impress: -- Stolen Magic 1: Höllische Artefakte -- Stolen Magic 2: Verfluchtes Erbe// Diese Reihe ist abgeschlossen.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impress

Die Macht der Gefühle

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Denise Mann

Stolen Magic 2: Verfluchtes Erbe

**Wenn deine große Liebe alle retten kann**Nachdem die Auftragsdiebin Jane ein unscheinbares Amulett aus einem Museum gestohlen hatte, ist genau das eingetroffen, wovor der attraktive Historiker Maverick sie gewarnt hat: Die Tore zur Hölle wurden geöffnet. Doch nicht nur das, auch hat Maverick im Kampf eine himmlische Essenz in sich aufgenommen, die ihm übernatürliche Kräfte verleiht, aber auch sein Wesen zu verändern scheint. Gemeinsam fliehen sie nach Irland, um die neu erlangten Fähigkeiten zu trainieren und einen Plan zu schmieden, mit dem verzweifelten Ziel, den Höllenfürsten noch irgendwie aufhalten zu können …

Wohin soll es gehen?

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Vita

Danksagung

© Isabel Diekmann | infinity images

Unter dem Motto »Nichts muss, vieles kann, alles darf« lebt Denise Mann mit ihrer Familie und ihren zwei Katzen im Herzen des Ruhrgebiets. Inspiration für ihre Geschichten findet sie in den seltsamsten Alltagssituationen. Aus einem anfänglich eher heimlichen Hobby entwickelte sich eine Leidenschaft, die zu einem festen Bestandteil ihres Lebens wurde.

Mut ist nicht immer brüllend laut. Manchmal ist es auch eine leise Stimme am Ende des Tages, die spricht: »Morgen versuche ich es wieder.«

Mary Anne Rademacher

Also bleibt mutig, bleibt stark. Aufgeben ist nie eine Option.

Kapitel 1: Der jüngste Tag

Das gedimmte Licht der Nachttischlampe reichte nicht aus, um den gesamten Raum auszustrahlen. Feine goldene Äderchen zeichneten sich unter Mavericks blasser Haut ab und pulsierten einem Herzschlag gleich immer wieder auf. Sie schienen das Leuchten der Lampe aufzunehmen und zu reflektieren. Der Historiker lag in Janes Bett und hatte die Augen geschlossen, doch unter seinen Lidern konnte man Bewegung sehen. Zwei Tage lang hielt dieser Zustand nun schon an. Achtundvierzig endlos lange Stunden, in denen er sich nicht geregt oder das Bewusstsein wieder erlangt hatte. Jane war kaum von seiner Seite gewichen. Alles andere war zur Nebensache geworden – essen, trinken, selbst das Jüngste Gericht.

Mit gedämpften Stimmen hatte sie mit dem Rest ihres Teams debattiert, ob sie Maverick in ein Krankenhaus bringen sollten, auch wenn allen klar war, dass man ihm dort mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht helfen konnte. Viel mehr bestand die Sorge, was die Ärzte herausfinden würden, wenn sie ihn sahen und untersuchten. Also blieb Jane, wo sie war, und saß mit angewinkelten Beinen in dem großen Ohrensessel, den sie neben ihr Bett geschoben hatte. Nicht einmal Crossfield hatte sie besucht, der mit schweren Verletzungen in einem der Gästezimmer untergebracht worden war und von Charles, einem ehemaligen Militärarzt, den Sam von früher kannte, behandelt wurde. Da das Leben des Interpolagenten am seidenen Faden hing, war Charles bisher damit beschäftigt gewesen, ihn zu behandeln. Sobald sein Zustand stabil genug war, sollte der ehemalige Militärarzt Maverick untersuchen.

Gelegentlich entglitt Jane in einen kurzen Dämmerzustand, in dem sie von wirren Träumen geplagt wurde. Sie sah Bilder der Geschehnisse in Rom, verzerrte Fratzen, den gepeinigten Engel. Wie Maverick sie alle mit einem gleißenden Lichtstrahl aus der Höhle zurück auf den Friedhof in London teleportiert hatte, spulte sich in Dauerschleife vor ihrem inneren Auge ab. Die beiden Gebäude des Barnes Friedhofs hatten wie ein Bild auf einer leeren Leinwand schemenhaft Gestalt angenommen, erst die Umrisse, dann die Farben. Ebenso die Bäume und das Buschwerk, bis hin zu dem geköpften Engel, der auf der großen Wiese vor dem ehemaligen Gemeindehaus stand.

Alle hatten sie wie abgelegte Kinderspielzeuge auf dem Schotterweg verteilt gelegen, durch Berührungen miteinander verbunden. Maverick war nach diesem Kraftakt nicht wieder zu sich gekommen, egal, was sie auch versucht hatten. Crossfield war ebenfalls nicht ansprechbar gewesen und so hatten Jane und Dave all ihre übrig gebliebenen Kräfte zusammengenommen und erst den Historiker und danach den Interpolagenten ins Haus gehievt. Der Kardinaldekan schien abgesehen von einem schweren Schock weitestgehend unverletzt. Ihm hatten die vergangenen Ereignisse jedoch ordentlich zugesetzt. Sein Blick war abwesend und er sprach kaum. Mit Janes Unterstützung war es ihm jedoch gelungen, aufzustehen und ebenfalls ins Haus zu gehen.

Danach hatte Dave Winnie und Sam via K2P kontaktiert und im Groben geschildert, was geschehen war. Umgehend waren beide nach London zurückgekehrt.

Und obwohl dies erst zwei Tage zurücklag, kam es Jane wie eine Ewigkeit vor. Eine Ewigkeit, in der sie abgesehen von den Sorgen um Maverick die stetige Angst begleitete, dass Navratil und seine Leute jeden Moment auf dem Friedhof auftauchen würden. Oder schlimmer. Vor seinem Tod war es dem Zirkelmeister gelungen, das Ritual erfolgreich zu beenden und somit den Höllenfürsten aus der Unterwelt zu befreien. Es bestand also durchaus die Möglichkeit, dass eben dieser höchst selbst Jane und ihrem Team einen Besuch abstatten würde. Immerhin befanden sich der letzte Nachfahre der Hüter des Lichts sowie die Kerze der Erleuchtung in ihrem Besitz. Ohne Zweifel würde der Zirkel beides wiederhaben wollen. Sie holte das Relikt hervor, welches sie noch immer in ihrer Jackentasche verwahrte, und studierte es. Das schlichte Design ließ nicht darauf schließen, dass es sich hierbei um ein machtvolles Artefakt handelte. Nur der goldene Docht war auffällig. Sie wusste inzwischen, dass Engelsblut goldfarben war. Vielleicht bestand der Kern genau daraus.

Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie die Kerze an einem Ort verwahren wollte, der außerhalb ihres direkten Zugriffs lag, oder ob sie die Reliquie stets mit sich führen wollte. Beides barg Risiken und letzten Endes war sie sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt ein Versteck gab, das sicher war. Was sie aber mit absoluter Bestimmtheit wusste, war, dass sie den Besitz der Kerze erst einmal für sich behalten würde. Maverick hatte ihr zwar in der Nekropole zugerufen, das Artefakt an sich zu nehmen, aber er hatte nicht sehen können, ob sie es tatsächlich getan hatte. Dementsprechend würde sie die Bürde dieses Geheimnisses alleine tragen. Denn in der jüngsten Vergangenheit hatte sich mehr als einmal gezeigt, wie gefährlich Wissen sein konnte. Folglich war es für alle anderen sicherer, wenn sie ihnen vorerst nichts erzählte.

Jane verstaute das Artefakt wieder in ihrer Jackentasche und ihr Blick wanderte zu Mavericks Miene, verweilte dort einen Augenblick, ehe er dann bei dem Rundfenster am anderen Ende des Raumes hängen blieb. Der Himmel hatte sein nachtschwarzes Kleid seit Tagen nicht abgelegt und raubte Jane jegliches Zeitgefühl. Keine Sterne, keine Wolken – nichts. Das letzte Zeichen hat sich erfüllt, sieben Tage Dunkelheit, dachte sie. Ihr wurde ganz flau im Magen, bei dem Gedanken daran, was das bedeutete.

Weltweit hatte das Phänomen der anhaltenden Nacht für Spekulation und Katastrophenalarm gesorgt. Die wildesten Theorien kursierten, angefangen bei Alienangriffen über chemische Waffen bis hin zu der nicht ganz unzutreffenden These des Weltuntergangs. London befand sich im Ausnahmezustand. Ausgangssperren waren verhängt worden, Polizeitrupps patrouillierten durch die Straßen, um die Bürger vor vermeidlichen Angriffen von Terroristen – egal welcher Herkunft – zu schützen. Die Welt stand Kopf.

Ein leises Klopfen holte Jane aus ihren Gedanken. Ohne eine Antwort abzuwarten, lugte Winnies Lockenschopf durch den Türspalt. Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen schlüpfte sie ins Zimmer. »Hey«, sagte sie.

»Hey«, erwiderte Jane und rang sich ebenfalls dazu durch, ihre Mundwinkel anzuheben.

»Irgendeine Veränderung?«, fragte die Mechanikerin, während ihr Blick mit gekräuselter Stirn auf Maverick lag.

Jane schüttelte den Kopf. »Nichts.«

Winnie seufzte und hockte sich auf die Lehne des Ohrensessels. »Du solltest eine Pause machen«, schlug sie vorsichtig vor. »Etwas essen, vielleicht auch schlafen. Es gibt nichts, was du tun kannst. Außer dich selbst zu geißeln und deine letzten Energiereserven zu verschwenden.« Die Mechanikerin musterte sie kritisch. »Was machen deine Rippen?«

»Sind noch da«, gab Jane gleichmütig zurück, ohne den Blick von Maverick zu lösen.

»Du weißt, was ich meine.«

»Heilen, Winnie. Nicht mehr und nicht weniger. Mir geht es gut. Ich brauche keinen Arzt oder sonst irgendwas. Bei Rippenbrüchen kann man ohnehin wenig machen.«

Jane hörte, wie ihr Gegenüber die Luft scharf einsog.

»Du weißt aber gar nicht, ob du innere …«

»Und du auch nicht«, unterbrach sie die Mechanikerin forsch. »Ich denke, ich kann meinen Körper am besten einschätzen. Danke der Nachfrage. Und nein, ich werde mich nicht hier wegbewegen, bevor Maverick wieder bei Bewusstsein ist. Das könnt ihr vergessen.«

»Alles klar, Dr. Wise«, murmelte Winnie, zog die Augenbrauen hoch und erhob sich wieder. »Du hast es nicht anders gewollt.«

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ging sie zur Tür und verließ das Zimmer wieder. Noch bevor Jane sich Gedanken über diesen seltsamen Abgang machen konnte, vernahm sie flüsternde Stimmen vor der Tür. Eine gedämpfte, langsam redende – das konnte nur Sam sein –, natürlich Winnies und dann eine ziemlich aufgeregte, die sich nicht die Mühe machte, ruhig und sachlich zu klingen – unverkennbar Dave. Sie hatten sich also zusammengetan, um Jane davon zu überzeugen, eine Pause einzulegen. Bevor sie sich über die Wahl der Verhandlungspartnerin aufregen konnte, flog ihre Zimmertür auf, Dave trat ein und steuerte mit entschiedenen Schritten auf sie zu. Erst als der Lichtschein der Nachttischlampe auch ihn erreichte, zeichneten sich die dunklen Blutergüsse auf seiner rechten Wange ab, die sich einen unschönen Weg zu seinem Kiefer gebahnt hatten. Über seiner linken Augenbraue klebte ein schlecht sitzendes Klammerpflaster und sein rechter Arm hing in einer Schlinge.

»Du stehst jetzt auf«, bestimmte das IT-Genie, stoppte direkt vor dem Sessel und ergriff mit seiner gesunden Hand Janes Ellenbogen. »Sofort.«

»Hast du sie nicht mehr alle?«, schimpfte Jane und versuchte sich ihm zu entziehen. Doch der Schmerz, der stechend durch ihren Körper zuckte, ließ sie augenblicklich innehalten. Ein Stöhnen unterdrückte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

»Los«, forderte Dave weiter und zog kräftiger an ihr. »Aufstehen. Das hat jetzt ein Ende.«

»Lass mich los. Du tust mir weh!«

»Du tust dir selbst weh«, entgegnete er ungerührt, während er Jane auf die Beine zerrte. »Hier riecht es wie in einem Pumakäfig und du siehst aus, als ob du jeden Moment tot umfällst.«

»Sagt der Richtige. Hast wohl schon länger nicht mehr in den Spiegel geschaut, Rocky.«

»Hier geht’s nicht um Ästhetik, Jane«, zischte der Informatiker genervt. »Maverick ist immer noch nicht aufgewacht und ich weiß, dass dir das Sorgen macht. Uns allen.«

»Ich bitte dich. Dir ist er doch scheißegal.«

»Ob du es glaubst oder nicht, auch ich kann meine Meinung ändern.«

Sein Blick suchte den ihren und sie erkannte, dass er es ernst meinte.

»Aber so bist du niemandem eine Hilfe. Also geh duschen, iss etwas und dann schlafe. Wenigstens ein, zwei Stunden. Ich warte hier und sollte Rickyboy auch nur seinen kleinen Finger rühren, erfährst du es als Erstes.«

Jane verengte ihre Augen zu Schlitzen und schaute ihren besten Freund prüfend an. »Versprochen?«

»обещал.«

Sie hob eine Augenbraue.

»Versprochen«, übersetzte er sein Wort und sein rechter Mundwinkel hob sich amüsiert. »Dass du in all diesen Jahren immer noch kein Wort Russisch verstehst.«

»Du weißt, wie schlecht ich mit Fremdsprachen bin.«

»Worte sind generell nicht so deins, würde ich behaupten.«

»Da spricht ja der Richtige«, gab Jane erneut zurück.

Dave konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, auch wenn es seiner rechten Gesichtspartie offensichtlich kein schönes Gefühl bescherte.

»Wie wir beide uns dann überhaupt verstehen?«, fragte er.

»Glück oder Schicksal«, erwiderte Jane und musste ebenfalls lachen. »So oder so verdienen wir einander.«

***

In der Küche roch es nach Kaffee und Gebäck. Als Jane den Raum betrat und sich das feuchte Haar zu einem Knoten zusammenband, traf sie auf Sam. Diese stand, in eine geblümte Schürze gehüllt, vor der Küchenanrichte und hob selbst gebackene Scones von einem Backblech auf eine Etagere. Daneben stand eine aufwendig verzierte Torte.

»Wow«, entwich es Jane, während sie näher kam. »Ich glaube, so beunruhigt warst du nicht mehr, seit deine Schwiegermutter sich das letzte Mal vor ihrem Tod angekündigt hat.«

»Du hast ja keine Vorstellung«, entgegnete die ältere Dame, ohne aufzusehen, was untypisch für sie war. »Im Kühlschrank sind noch drei Bleche Kokosmakronen.«

Jane hatte eine Ahnung, wieso Sam direkten Augenkontakt mied. Wenn es so ernst um sie stand, dass sie anscheinend seit ihrer Rückkehr gebacken hatte, dann würden ihre Augen das wahre Ausmaß ihrer Sorge nicht verbergen können. Und da Sam es sich zur Aufgabe gemacht hatte, für alle anderen da zu sein, stellte sie ihre eigenen Befindlichkeiten hinten an. So verhielt sie sich, seit Jane sie kennen und lieben gelernt hatte.

»Und wer soll das alles essen?«, wollte sie wissen, griff nach einem Scone und stopfte sich das ofenfrische Gebäck voreilig in den Mund. »Scheiße, ist das heiß.«

»Was meinst du, wieso ich Handschuhe trage?«, fragte Sam und hob flüchtig den Kopf.

Dieser Moment genügte, um die dunklen Schatten unter ihren Augen zu erkennen. Im grellen Küchenlicht wirkte Sam um Jahre gealtert. Nichts erinnerte an die adrette Lady, die mit souveränem Selbstbewusstsein dafür sorgte, dass sie alle nicht nur ein Team, sondern eine Familie waren. Jane legte ihr eine Hand auf die Schulter und übte sanften Druck aus. Zusätzlich suchte sie nach Worten, die Trost, Linderung oder zumindest Hoffnung gespendet hätten, aber in Anbetracht des tiefschwarzen Himmels zur Mittagszeit fiel ihr nichts ein, das nicht nach einer hohlen Phrase klang. Sam reagierte auf Janes Geste, legte den Tortenheber beiseite, zog die Ofenhandschuhe aus und stützte sich mit beiden Händen auf der Arbeitsfläche ab.

»Es ist alles so unfassbar«, hauchte sie beinahe tonlos. »Wenn ich nicht mit eigenen Augen sehen würde, dass die Sonne in zwei aufeinanderfolgenden Tagen nicht aufgegangen ist, dann könnte ich es nicht glauben.«

Nur langsam richtete sich die ältere Dame auf, umschlang sich selbst mit ihren Armen und schaute Jane dann doch noch an.

»Hast du ihn gesehen?«, fragte sie, die hellblauen Augen von einer Angst erfüllt, die Jane noch nie zuvor bei ihr gesehen hatte. »Den Teufel?«

Bisher hatten sie die Vorfälle in der Nekropole nicht besprochen. Und Jane gab sich die größte Mühe, keine allzu detailgetreuen Erinnerungen zuzulassen.

»Nein, habe ich nicht. Wir sind …«, sie hatte Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden, »Maverick hat …« Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle. »Wir waren schon weg.«

Sam nickte geistesabwesend und ihr Blick wanderte in Richtung Fenster.

Einen Moment lang herrschte Stille. Keiner von beiden sagte etwas. Jane konnte ihre Gedanken kaum bändigen. Sie rauschten von einer Baustelle zur nächsten. Was war, wenn Maverick nicht mehr aufwachen würde? Und wenn er aufwachte? Was dann? Wie würde er sein? Wie ging es Crossfield? Wenn er starb, wie sollten sie dies Interpol erklären? Es gab bereits zwei tote Agenten. Was machte der Kardinaldekan? Und was machten sie mit dem Ende der Welt?

»Es ist, als könnte ich deine Gedanken schreien hören«, kam es von Sam, die sich Jane zugewandt hatte und ein trauriges Lächeln auf den Lippen trug. »Crossfield geht es den Umständen entsprechend besser. Charles gibt sein Bestes. Er war in der Lage, das nötige Equipment zu beschaffen, und kümmert sich um ihn. Es war ganz schön knapp.«

Jane nickte. Vor ihrem inneren Auge sah sie den Interpolagenten, der regungslos auf dem Boden der Nekropole gelegen hatte, übersäht mit Blutspuren und Blessuren. Das schlechte Gewissen, ihn bisher noch nicht besucht zu haben, nagte an ihr. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, nach ihm zu sehen, und doch konnte sie sich nicht dazu durchringen.

»Kann man Charles trauen?«, wollte Jane wissen, um sich von ihren Gewissensbissen abzulenken.

Ohne dass sie es verhindern konnte, tauchte Bartons Gesicht, mit dem irren Ausdruck, vor ihrem inneren Auge auf. Tief saß der Stachel seines Verrats.

»Ich denke schon. Wir haben einige Jahre zusammen in einem Lazarett gearbeitet und es war die einzige Möglichkeit, die mir eingefallen ist, um eine Einlieferung ins Krankenhaus zu vermeiden«, erklärte Sam und ergriff nun wieder den Tortenheber, um die Scones fein säuberlich auf der Etagere zu platzieren. »Aber spielt das in Anbetracht der Gesamtlage noch eine Rolle?«

»Wahrscheinlich nicht«, stimmte Jane seufzend zu.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Sam und bemühte sich um einen beiläufigen Ton, aber das Zittern ihrer Hand verriet ihre Furcht vor der Zukunft.

Jane tat einen tiefen, lauten Atemzug. Ihre Hand wanderte an den Schutzheiligen, der um ihren Hals baumelte.

»Ganz ehrlich?«, begann sie, »ich habe nicht die leiseste Ahnung. Aber ich denke, wir müssen als Erstes mit D’Alessi sprechen. Wenn einer weiß, was mit Maverick los ist und wie wir das Ende der Welt aufhalten können, dann er.«

»Es aufzuhalten hat ja offensichtlich nicht funktioniert«, korrigierte Sam Janes Aussage. »Aber vielleicht können wir es rückgängig machen.«

***

Nachdem Jane Daves Anweisung nachgekommen war und gegessen hatte, schaute sie erneut nach Maverick. Der Informatiker saß immer noch in dem Ohrensessel, in dem Jane seit ihrer Rückkehr beinahe gelebt hatte. Auf seinem Schoß ruhte sein Laptop, eine tiefe Falte bildete sich auf seiner Stirn, während er mit zusammengekniffenen Augen auf den Bildschirm starrte.

»So schlimm?«, flüsterte Jane und schlüpfte leise ins Zimmer.

»ужасный. Schlimm? Ich weiß gar nicht, ob es ein passendes Wort gibt, für das, was gerade in der Welt geschieht.« Er schnaubte, klappte den Laptop mit seinem gesunden Arm zu und sah Jane an. »Es gibt nicht einen Bericht aus dem Vatikan. Keine Meldung über die eingestürzte Nekropole. Nichts.«

Jane zog ihre Jacke aus, warf sie über das Sofa und näherte sich dann wieder dem Bett. »Ich nehme an, dass es dir auch weiterhin nicht gelingt, dich in den Server des Vatikans zu hacken?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich bekomme nicht mal ein echtes Bild vom Petersdom.«

»Wie meinst du das?«

Der Informatiker öffnete den Laptop noch mal und schob ihn so hin, dass Jane den Bildschirm sehen konnte. Sie blickte auf den Vorplatz des Petersdoms, der nur von dem Licht der Straßenlaternen erhellt wurde.

»Und?«, fragte sie.

»Fällt dir nichts auf?«

Sie verdrehte die Augen. »Na offensichtlich nicht.«

»Das ist ein animiertes Bild, es ist irgendwie verändert worden, aber ich hab noch nicht ganz raus wie. Nichts rührt sich. Nicht der Lichteinfall der Straßenlaternen, die sich im Wind immer minimal bewegen, keine Vögel, kein Schatten der umliegenden Bäume. Nichts. Ich kann also auch nicht rausfinden, ob die Nekropole eingestürzt ist, nachdem wir da weg sind, oder nicht.«

Jetzt, da er es ausgesprochen hatte, sah Jane es auch.

»Quasi ein Standbild.«

»Ganz genau. Ich kann diese Schleife nur nicht durchbrechen. Wer auch immer ihnen dabei hilft, weiß ganz genau, was er tut.«

Dave schloss den Laptop wieder und atmete geräuschvoll durch die Nase aus.

»Außerdem kann ich Navratil nirgends aufspüren«, fügte er hinzu. »Ich habe versucht, ihn zu tracken, damit er uns nicht aus dem Hinterhalt angreifen kann, aber er ist wie vom Erdboden verschluckt.«

»Überrascht dich das?«, fragte Jane.

Dave schnaubte und schüttelte den Kopf. »Ich werde noch mal versuchen, mich in den Server des Vatikans zu hacken. Wir müssen wissen, was da vor sich geht.«

»Aber das hat doch schon beim letzten Mal nicht geklappt.«

»Wenn man immer aufgibt, nachdem man einmal gescheitert ist, erreicht man nie etwas. Nimm dir ein Beispiel an Maverick. So idiotisch er auch sein mag, aufgegeben hat er nie.«

Janes Blick fiel auf den Historiker. Er bewegte sich nicht. Lediglich seine Adern vibrierten golden. »Was passiert nur mit ihm?«, fragte Jane leise und setzte sich ans Fußende.

»Was auch immer mit jemandem passiert, der Engelsblut trinkt«, erwiderte Dave und betrachtete den Historiker ebenfalls.

»Ich werde mit D’Alessi sprechen. Wir brauchen Antworten und ich glaube, er ist der Einzige, der uns welche geben kann.«

Der IT-Spezialist nickte, ohne aufzusehen. »Ich will dabei sein. Winnie kann babysitten.«

Jane verzichtete darauf zu protestieren. Dafür fehlte ihr die Energie. Und sie wusste, dass Maverick Winnie wichtig war.

»Wir sollten Sam das Reden überlassen«, schlug sie vor. »Keine Ahnung, in welcher Verfassung D’Alessi wirklich ist, und uns beiden fehlt das nötige Fingerspitzengefühl.«

Daves Kiefer spannten sich kurz an, bevor er zustimmte. Sie war in der Lage, den Gedankengängen in seinem Kopf beim Wachsen zuzusehen. Am liebsten hätte er ihr widersprochen, doch auch er wusste, dass keiner von ihnen besser mit Worten umgehen konnte als Sam.

***

Wenige Minuten später fand Jane sich in Begleitung von Sam und Dave vor der geschlossenen Tür des Gästezimmers wieder. Sam horchte einen Moment auf, bevor sie die Hand hob und ruhig, aber bestimmt anklopfte. Alle warteten auf eine Reaktion. Die Luft war erfüllt von Anspannung und Ungeduld. Daves Kieferknochen traten hervor und er atmetet geräuschvoll.

»Monsignore D’Alessi?«, sprach Sam mit dem Kopf zur Tür geneigt. »Wir würden gern mit Ihnen sprechen. Dürfen wir reinkommen?«

Erneut herrschte Stille.

»Monsignore?«, wiederholte die ältere Dame, doch auch dieses Mal erklang keine Antwort.

»Ich gehe da jetzt rein«, entschied Dave, trat an Sam vorbei und öffnete die Tür.

Sie fanden das Zimmer verwaist vor. Auf dem fein säuberlich gemachten Bett lag die offizielle Robe, die D’Alessi getragen hatte. Blutflecken, Schmutz und einige Löcher waren deutlich zu erkennen.

»Er ist nicht da«, stellte Jane fest.

»Weiß jemand, wo er hingegangen ist?«, wollte Dave wissen, lief auf den Nachtisch neben dem Bett zu und suchte offenbar nach einem Hinweis über D’Alessis Aufenthaltsort.

»Ich habe keine Ahnung«, erklärte Sam. »Bei mir hat er sich nicht abgemeldet und ich habe ihn auch nicht gesehen.«

»Vielleicht ist er unten?«, überlegte Jane laut.

»Sehen wir nach.«

Gemeinsam begaben sie sich nach unten, doch auch hier war der Kardinaldekan nicht anzutreffen.

»Er ist weg«, sagte Jane.

»Er kann nicht weg sein.« Sam steuerte auf die Haustür zu, öffnete diese und ging nach draußen. »Wo sollte er hingehen?«

Jane schaute der älteren Dame nach, wie sie ein paar Schritte in den Laubengang machte, dann stehen blieb und in die Dunkelheit stierte. Ihr Kopf schob sich ein wenig vor, bevor sie ihre Arme vor der Brust verschränkte und nickte.

»Ich habe ihn gefunden«, verkündete sie.

Dave setzte sich als Erster in Bewegung und Jane folgte ihm. Gemeinsam schlossen sie zu Sam auf und folgten ihrer Blickrichtung.

Soweit der Lichtschein der Laternen am Haus es zuließ, erkannten sie D’Alessi, der neben dem geköpften Engel stand. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt und schaute in den Himmel. Das viel zu weite weiße Hemd, das er von Dave erhalten hatte, leuchtete förmlich in der nicht enden wollenden Nacht.

»Was tut er da?«, wollte Jane wissen.

»Keine Ahnung«, kam es von Dave.

»Beten vielleicht?«, schlug Sam vor.

»Das glaube ich nicht, wenn ich ihn mir so ansehe«, entgegnete der Informatiker.

»Finden wir es heraus«, schlug Jane vor und setzte sich in Bewegung. Doch Sam ergriff ihren Arm.

Mit ernster Miene schaute sie erst sie und dann den Informatiker an. »Ich werde mit ihm sprechen«, bestimmte sie und ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch. »Ihr beide wartet drinnen.«

Russischer Protest entwich Dave, doch eine hochgezogene Augenbraue der älteren Dame ließ ihn innehalten.

»D’Alessi ist ein Mann des Glaubens, womit ihr beide nicht viel am Hut habt. Apokalypse hin oder her. Hier braucht es Feingefühl und wir wissen alle, dass dieses keinem von euch beiden liegt. Also haltet euch zurück. Ich regele das.«

Jane missfiel der Gedanke, dem Gespräch nicht beiwohnen und eigene Fragen stellen zu können. Allerdings war Widerspruch zwecklos, denn Sam hatte in allen Punkten recht.

»Also schön«, resignierte Jane und nickte langsam.

Dave schnaubte, bewegte den Kopf jedoch ebenfalls in Zustimmung. Sam sagte nichts weiter, sondern wendete sich ab und lief auf den Kardinaldekan zu, der ihre Anwesenheit entweder noch nicht bemerkt hatte oder sie ignorierte. Bevor Jane zurück ins Haus ging, wanderte ihr Blick Richtung Himmel. Ein mulmiges Gefühl begleitete sie, während ihre Augen das dunkle Firmament nach einem Lebenszeichen des Universums absuchten. Doch da war nichts, keine unterschiedlichen Nuancen von Schwarz, kein Leuchten der Sterne, nicht einmal ein Flugzeug, dessen Scheinwerfer und Sicherheitslichter die Dunkelheit durchbrachen.

»Ob es so wohl in der Hölle ist?«, hörte sie sich selbst fragen.

»Was meinst du?«, erwiderte Dave und schaute ebenfalls auf.

»Nicht enden wollende Nacht. Nichts als Dunkelheit.«

Der Informatiker senkte den Kopf und sah sie nachdenklich an.

»Ich habe mir darüber nie viele Gedanken gemacht, aber mittlerweile fürchte ich, dass es noch weitaus schlimmer geht als endlose Finsternis.«

Seine blauen Augen wirkten erschöpft, der sich abzeichnende Dreitagebart unterstrich den ausgelaugten Eindruck. Er sah hilflos aus. In diesem Zustand hatte sie ihn seit einer sehr langen Zeit nicht mehr gesehen. Der Informatiker schien mal wieder ihre Gedanken zu lesen und legte die Stirn in Falten.

»Lass uns reingehen«, sagte er statt eines bissigen Kommentars, obwohl Jane sich sicher war, dass ihm einer auf der Zunge lag.

***

Seit etwa einer halben Stunde starrten Jane und Dave durch das Küchenfenster. Aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse und weil weder Sam noch D’Alessi sich übermäßiger Gestik bedienten, fiel es Jane schwer, einzuschätzen, wie das Gespräch lief.

»Ich könnte sie abhören«, schlug Dave vor und zückte sein Smartphone.

Jane warf ihm einen schiefen Blick zu. »Das wirst du nicht tun«, sagte sie ernst. »Auch wenn ich gern jedes einzelne Wort hören möchte.« Sie zwirbelte ihren blonden Pferdeschwanz zwischen den Fingern, kehrte dem Fenster den Rücken zu, nur um sich dann doch wieder umzudrehen und die Sprechenden zu beobachten. »Meinst du, er weiß, was mit Maverick passiert?«, wisperte sie.

Dave ging zum Kühlschrank und holte eine Wasserflasche heraus. Mit einem zischenden Laut öffnete er sie und trank in großen Schlucken. Als die Flasche zur Hälfte geleert war, wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund. »Keine Ahnung. Aber über das Ende der Welt wird er mehr wissen. Und vielleicht auch, was wir tun können, um Дьявол dorthin zurückzuschicken, wo er hergekommen ist.«

Jane brauchte keine russischen Sprachkenntnisse, um zu wissen, wen Dave meinte.

»Das ist alles so verrückt.« Janes Hand wanderte von ihrem Zopf zu ihrem Talisman.

»Du klingst ein bisschen wie Winnie«, stellte Dave fest.

»Manchmal hat auch sie recht.«

»Sag ihr das bloß nicht.« Ein leichtes Schmunzeln lag auf den Lippen des Informatikers, bevor er die Wasserflasche austrank.

»Sie kommen zurück!« Jane verspürte den Drang, zur Tür zu eilen und Sam mit ihren Fragen zu überfallen. Stattdessen knetete sie ihre Hände und wartete so geduldig ab, wie es ihr möglich war.

Wenige Augenblicke später traten der Kardinaldekan und Sam ins Foyer. D’Alessi versank im Licht der Deckenlampe noch stärker in Daves Kleidung und wirkte beinahe wie ein verkleideter Junge, der die Sachen seines Vaters angezogen hatte. Er blickte Jane unverhohlen in die Augen, während er und Sam sich der Küche näherten, in der sie mit Dave wartete.

»Miss Wise«, begrüßte D’Alessi sie. »Ich möchte Sie um Verzeihung bitten und mich im selben Atemzug bei Ihnen bedanken.«

Es war das erste Mal, dass sie auf den Kardinaldekan traf, seit sie die Nekropole verlassen hatten. Aus seiner linken Hand baumelten schwarze Gebetsperlen, die vermutlich zu einem Rosenkranz gehörten. Sie wirkten schlicht im Vergleich zu dem pompösen Ring, den er am kleinen Finger derselben Hand trug. Ein wuchtiger Goldring fasste einen blutroten Rubin. Jane zweifelte nicht daran, dass der Edelstein echt war, genauso wie das Edelmetall.

»Das müssen Sie nicht«, erwiderte sie.

»Ich bin sicher, wir finden eine Möglichkeit, wie Sie sich erkenntlich zeigen können«, mischte sich Dave ein.

»Devon!«, fuhr Sam ihn an und auch Jane entglitten die Gesichtszüge.

Genau deshalb hatten sie der älteren Dame das Reden überlassen.

»Sie sprechen von Ihrem Freund, nehme ich an?« Sofern D’Alessi empört über Daves Aussage war, ließ er sich nichts anmerken.

»Unter anderem. Aber wir haben ja auch noch das Ende der Welt an den Hacken«, sagte Dave und gab sich keine Mühe, seinen Unmut zu verbergen.

»Sind Sie ein gläubiger Mann, Mr Daranowski?«, wollte D’Alessi wissen, als er seinen Blick von Sam löste. Er lächelte dabei, als wusste er etwas, dass allen anderen vorenthalten war.

»Spielt das eine Rolle?«

»Nun, wir sprechen hier über il giorno del guidizio. Wenn das Jüngste Gericht nicht ausreichend ist, um zu glauben, dann weiß ich nicht, was es sonst bedarf.«

»Nun, daran muss ich nicht mehr glauben. Ich erlebe es gerade. Das ist ein Unterschied.« Daves Augen funkelten herausfordernd.

»Ah«, machte der Kardinaldekan und nickte verstehend. »Dann haben Sie ihn gesehen?«

»Ihn?«

»Il diavolo. Den Teufel.«

Der Informatiker schüttelte langsam den Kopf.

»Woher wissen Sie dann, dass es sich wirklich um den Aufstieg Luzifers handelt? Es könnte alles auch nur eine große Maskerade sein oder Zufall. Wer weiß.«

Dave verengte die Augen und verzog den Mund zu einer schmalen Linie. »Woher wissen Sie es?«, konterte er mit einer Gegenfrage.

»Weil mein Glaube mich leitet und mir dabei hilft, die Zeichen zu sehen.« D’Alessi wartete einen Moment, bevor er weitersprach. Einige Gebetsperlen glitten durch seine Finger.

»Ich stamme von einer sehr mächtigen und uralten Blutlinie ab. Wir hätten nicht so lange überlebt, wenn wir uns nur auf wissenschaftliche Fakten berufen würden.«

Er öffnete die Hand und wie Jane vermutet hatte, kam ein dunkler Rosenkranz zum Vorschein. Er wickelte die Kette mehrfach um seine Handfläche, ehe er diese wieder schloss.

»Samantha«, richtete er das Wort nun an die ältere Dame, »ich denke, wir haben einander verstanden.«

Die Angesprochene nickte mit einem Gesichtsausdruck, der Jane einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Was auch immer die beiden da draußen besprochen hatten, sie war sich sicher, dass es ihr nicht gefallen würde.

»Dann verabschiede ich mich für die Nacht.«

Mit einer angedeuteten Verbeugung zog sich der Kardinaldekan zurück. Jane blickte ihm nach, bis er die Treppe nach oben nahm und seine schmächtige Statur aus ihrem Sichtfeld verschwand. Obwohl es ihr schwerfiel, wartete sie mit ihren Fragen, bis D’Alessi sich außer Hörweite befand.

»Was meinte D’Alessi damit?«, forderte Jane Auskunft.

»Setzen wir uns«, wies Sam an und bewegte sich in Richtung Küchentisch.

Dave folgte ihr auf dem Fuße und nahm auf einem der Küchenstühle Platz. Aber Jane war nicht nach Sitzen zumute. Alles in ihr hatte auf Alarmbereitschaft geschaltet. Als die ältere Dame nicht sofort zu reden begann, spürte sie die Ungeduld wie kleine Stromschläge durch ihren Körper jagen.

»Also?«, fragte sie mit scharfem Unterton.

»Es wird dir nicht gefallen«, begann Sam langsam.

»Mir egal. Erzähl schon.«

»Nun gut. D’Alessi hat mir ein wenig über die Hintergründe der Templer erzählt. Der Orden als solches existiert nicht mehr. Fast alle Mitglieder wurden über die Jahrhunderte hinweg getötet. Wie Maverick bereits vermutet hat, sind die Hüter des Schlüssels allesamt tot. Der Kardinaldekan ist der letzte Nachfahre der Hüter des Lichts.«

»Und was ist mit Maverick?«

»Herrgott noch mal, Jane«, fuhr Dave sie an. »Wir haben alle verstanden, dass Maverick für dich oberste Priorität hat, aber reiß dich gefälligst zusammen. Hier geht es um mehr als nur um deinen Loverboy.«

»Er ist nicht mein …«

»Unwichtig«, ging Sam dazwischen. »D’Alessi braucht Zeit. Druck wird ihn nicht zum Reden bringen und ich kann ihn verstehen.«

Jane schnaubte. »Du kannst ihn verstehen? Wir reden hier vom Ende der Welt.«

»Ach, auf einmal?«, kommentierte Dave.

»Spar’s dir, Devon.«

Sams Schultern sackten ein Stück ab. Erschöpfung überzog ihr Gesicht und ließ sie noch älter erscheinen. »Wir haben keine Wahl, Jane«, sprach sie leise. »Wir brauchen ihn, um Antworten zu finden – sowohl für Maverick als auch die Apokalypse. Die Apokalypse zu verhindern ist sein Erbe, seine Bestimmung.«

»Bisher war er nicht sehr erfolgreich darin, das Ende der Welt zu verhindern«, sagte Jane.

»Bitte, Jane«, richtete die ältere Dame das Wort direkt an sie. In ihren blauen Augen lag kein Vorwurf, nur Sorge. »Setz dich. Mir zuliebe.«

Jane fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und bemühte sich um eine ruhige Atmung. Durch die Nase ein, tief bis in den Bauch und durch den Mund wieder aus. Dann kam sie Sams Aufforderung nach und nahm auf der Eckbank Platz. Dave verhielt sich ungewöhnlich zurückhaltend. Das grelle Küchenlicht betonte die dunkelviolette Farbe der Blutergüsse, die sich über seine rechte Gesichtshälfte erstreckten.

»Auch wenn es euch beiden unheimlich schwerfallen wird, ist es von absoluter Notwendigkeit, dass ihr euch in die Situation des Kardinaldekans versetzt. Abgesehen davon, dass er von einer überaus bedeutenden Blutlinie abstammt, ist er ein Mann des Glaubens. Und zwar aus tiefster Überzeugung.« Sam machte eine kurze Pause, schien ihre Worte mit Bedacht zu wählen. »Er steckt in einer Krise – in einer Glaubenskrise.«

Jane konzentrierte sich weiter auf ihre Atmung und spürte, wie der emotionale Wirbelsturm langsam abebbte. »Was möchtest du uns damit sagen? Dass er uns nicht helfen kann?«, fragte sie zwischen zwei Atemzügen.

»Nein.« Sam schüttelte den Kopf. »Das ist so nicht richtig. Aber stell dir vor, du glaubst an die göttliche Ordnung. Dass alles, was geschieht, seine Richtigkeit hat, weil es vom Schöpfer genauso vorgesehen ist.«

Dave murmelte etwas auf Russisch und legte die Stirn in Falten. »Ich denke, ich weiß, wohin dieses Gespräch führt«, sagte er leise.

Ein mildes, aber trauriges Lächeln zeichnete sich auf Sams Lippen ab und verstärkte die Alterslinien um ihren Mund herum. Jane war sich nicht ganz sicher, ob sie folgen konnte.

»Die Frage lautet also nicht, ob er uns helfen kann. Sondern ob er es als richtig empfindet, uns zu helfen. Oder ob es bedeuten würde, in den göttlichen Plan einzugreifen.«

»Das heißt, er geht davon aus, dass die Apokalypse von Gott gewollt ist?« Dieser Gedankengang war Jane bisher noch nicht gekommen. »Aber wenn alles vorherbestimmt ist, dann kann man doch gar nichts tun, was dem göttlichen Plan widerspricht, oder nicht?« Wie so häufig, wenn sie über diese übernatürlichen Phänomene sprachen, spürte Jane, wie sich ein ungeheurer Druck in ihrem Kopf ausbreitete.

»Nun, im Prinzip würde das bedeuten, dass jedwedes Eingreifen aussichtslos wäre, denn das Ergebnis würde stets dasselbe bleiben. Und D’Alessi würde niemals versuchen, auf die Pläne des Schöpfers einzuwirken. Wenn er wirklich davon überzeugt sein sollte, dass dies der Weg ist, den Gott für die Menschheit vorgesehen hat, dann wird er es akzeptieren. Mit allen Konsequenzen«, erklärte Sam.

»Das bedeutet also, wir warten jetzt so lange, bis so ein tattriger alter Pfaffe sich entschieden hat, ob er an die Sinnhaftigkeit des Jüngsten Gerichts glaubt?«, sagte Dave. Der Hohn in seinem Tonfall war nicht zu überhören. »Und wie will er seine Antwort finden? Er kann Gott ja schlecht fragen.«

Anstatt einer direkten Antwort sah Sam dem Informatiker in die Augen. Es dauerte einen Augenblick, bis dieser verstand, was sie wortlos versuchte auszudrücken.

»Nicht dein Ernst«, stöhnte er.

»Würde mich jemand bitte abholen?«, bat Jane.

»Er betet«, weihte Dave sie ein. »Er betet und hofft, darin Erleuchtung zu finden. Фигня. So ein Schwachsinn.«

»Ist es das wirklich?« Sam atmete geräuschvoll aus. »Wenn es die Hölle und den Teufel wirklich gibt, muss dann nicht im Umkehrschluss auch der Schöpfer existieren?«

Der Informatiker erwiderte nichts. Was hätte er auch sagen sollen? Jane konnte seine abwehrende Haltung verstehen, denn obwohl sie selbst am Höllentor gewesen, Zeuge von Luzifers Aufstieg geworden war und die andauernde Dunkelheit draußen sehen konnte, fiel es ihr immer noch schwer, diese Dinge als wahrhaftig zu erachten.

»Es nützt alles nichts«, stellte Jane resigniert fest. »Wie seid ihr jetzt verblieben?«

»Er wird in ein intensives Zwiegespräch mit dem Schöpfer gehen …«

»Meint er das ernst?«, schoss Dave dazwischen.

»Todernst, Devon. Und ich glaube ihm.« Sam reckte das Kinn vor und ihr Gesichtsausdruck unterstrich ihre Aussage.

»Das heißt, er hat dir weder etwas über die Apokalypse gesagt noch darüber, was mit Maverick geschieht?«, fragte Jane und umklammerte den Schutzheiligen um ihren Hals.

»Nicht direkt.« Sam wich ihrem Blick aus.

Eine bleierne Müdigkeit überrollte Jane. Ihr Kopf fühlte sich überladen und schwer an. Die Situation wurde immer verfahrener. Maverick lag oben und rührte sich nicht. Da Crossfields Leben noch immer an einem seidenen Faden hing, wich Charles bisher nicht von seiner Seite. Das Ende der Welt hatte begonnen und der einzige Mensch auf Erden, der ihnen helfen konnte, war unschlüssig darüber, ob es das Richtige sein würde. In ihrem Verstand war nicht genügend Platz für all diese Entwicklungen. Ein letztes Mal nutzte Jane ihre Atmung, um sich zu erden.

»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als zu warten«, sagte sie dann.

Kapitel 2: Böses Erwachen

Nach dem Gespräch in der Küche hatte Jane erneut in dem alten Ohrensessel an ihrem Bett Platz genommen. Mavericks Zustand war unverändert. Immer noch pulsierten die goldenen Adern unter seiner Haut. Ein leichter Schweißfilm hatte sich auf seiner Stirn gebildet und seine Haut fühlte sich an, als fieberte er. Gedanklich spulte sie Sams Worte in Dauerschleife ab und sie konnte nicht verhindern, dass Wut in ihr aufstieg. Es widerstrebte ihr, einfach nur dazusitzen und abzuwarten. Ihre Rage verrauchte jedoch genauso schnell, wie sie gekommen war, als ihr Augenmerk erneut auf dem Historiker landete. Ohne die Gedanken aufhalten zu können, formten sich die Worte in ihrem Kopf. Wieso hast du nur davon getrunken? Was mache ich jetzt nur ohne dich? Du wüsstest, was zu tun wäre.

Dennoch war ihr bewusst, dass keiner von ihnen noch am Leben wäre, hätte Maverick nicht von dem Blut des Engels getrunken. Auch wenn es ihnen in letzter Konsequenz trotzdem nicht gelungen war, die Apokalypse zu verhindern. Ein zaghaftes Klopfen riss sie aus ihren Überlegungen.

»Jane?«, erklang Sams Stimme leise. »Darf ich reinkommen? Ich habe Charles mitgebracht. Vielleicht kann er ja etwas tun.«

Jane bat sie herein. Sam schob sich ins Zimmer, gefolgt von einem älteren Herrn mit Brille und Schnurrbart. Auf seinem Kopf trug er eine olivgrüne Schirmmütze und am obersten Knopf seiner Weste baumelte ein feingliedriges Goldkettchen, welches in einer Westentasche verschwand. Etwas unbeholfen stand er da, rang sich ein Lächeln ab und umklammerte den Griff seiner Ledertasche.

»Miss Wise, ich bin Charles Lennley«, stellte er sich vor und hob seine Mütze zum Gruß.

Ein Gentleman der alten Schule, dachte Jane und hätte sich beinahe zu einem Schmunzeln hinreißen lassen.

»Jane«, sagte sie. »Nennen Sie mich Jane.«

Er nickte und ein feines Lächeln umspielte seinen Mund, bevor sein Blick an ihr vorbeiwanderte und auf Maverick landete. Er war nicht in der Lage, seine Reaktion zu verbergen. Seine Augen weiteten sich, während sein Mund sich leicht öffnete. »Wie … wie lange ist er schon … so?«, fragte er und machte ein paar Schritte auf das Bett zu.

»Meinen Sie leuchtend oder bewusstlos?«, entgegnete Jane.

»Beides?«

Charles stellte seine Tasche auf das Fußende und öffnete sie, dann zog er ein Stethoskop und ein Fieberthermometer heraus. Jane schielte zu Sam hinüber, unsicher, inwieweit sie ihren alten Bekannten in die Geschehnisse eingeweiht hatte.

»Es ist okay, Jane. Ich habe Charles alles erzählt, was passiert ist«, verstand die ältere Dame sie wortlos.

»Im Prinzip seit wir zurück in London sind. Maverick hat uns alle hierher … gebracht und war schon nicht mehr bei Bewusstsein, als wir … angekommen sind.« Es fiel ihr schwer, die richtigen Worte zu finden, obwohl sie selbst Zeuge von Mavericks Fähigkeiten geworden war.

Charles beugte sich über den Historiker, horchte nach seinem Herzschlag, maß seine Temperatur und hob dann Mavericks rechtes Augenlid. Er sog scharf die Luft ein und ließ abrupt los. »Ich nehme an, seine Augen waren nicht immer goldfarben?«, fragte er und schaute Jane an.

»Was? Nein.« Abrupt stand sie auf und trat an die Seite des ehemaligen Militärarztes.

Er hob das Augenlid erneut und Jane sah, dass Mavericks Iriden tatsächlich vollständig golden waren. Keine Spur des sanften Grüns, welches sie kennen und lieben gelernt hatte, war zurückgeblieben.

»Liege ich mit der Annahme richtig, dass er sich«, Charles stockte und schien nach passenden Worten zu suchen, »angestrengt hat, als er sie alle von Rom hierhergebracht hat? Also dass es ihn viel Kraft gekostet hat?«

»Ich bin keine Expertin, aber davon würde ich ausgehen«, erklärte Jane. »Er hat seine Fähigkeiten vorher auch gegen Valentini eingesetzt und gesagt, dass er ziemlich geschwächt sei, kurz bevor wir … bevor die …« Jane brach ab. Sie konnte noch immer die heftige Vibration des Höhlenbodens in der Hand spüren, mit der sie sich abgestützt hatte, kurz bevor alles um sie herum in gleißendes Licht getaucht worden war. Charles nickte verstehend, obwohl Jane sich sicher war, dass es ihm schwerfallen musste, ihren Worten zu folgen. Langsam verstaute er seine Utensilien in der Tasche.

»Unter normalen Umständen würde ich sagen, dass er bereits an einer Tachykardie hätte sterben müssen. Oder an einem kollabierten Kreislauf. Seine Pulsfrequenz ist viel zu hoch, genau wie seine Temperatur.« Bevor er auch das Thermometer wieder einpackte, zeigte er es Jane. »47,4 Grad Celsius. Die Molekularstruktur seiner Zellen hätte aufgrund der Dauer, über welche diese Temperatur anhält, längst zerstört sein müssen. Dennoch lebt er offensichtlich. Ich fürchte jedoch, dass die Schulmedizin hier nichts tun kann. Anderen Patienten hätte ich ein fiebersenkendes Mittel sowie Betablocker oder Calciumantagonisten verabreicht, um seinen Herzschlag zu verlangsamen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass es eine Wirkung haben wird, und in Anbetracht seiner Lage könnte der Prozess der Verstoffwechselung der Medikamente zu viel für seinen Organismus sein.«

Obwohl Jane bereits im Vorfeld klar gewesen war, dass ein gewöhnlicher Arzt nichts für Maverick tun konnte, spürte sie die Enttäuschung tief in ihrer Magengrube.

»Also heißt es weiter abwarten«, sagte sie tonlos.

Sam trat an ihre Seite und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Jane ertappte sich dabei, wie sie diese wegschlagen wollte, und kam sich dann furchtbar lächerlich vor. Sie hatte ihre Gefühle nicht im Griff – sie hatte sich nicht im Griff. Und das war ein denkbar schlechter Augenblick für kopflose chaotische Handlungen. Stattdessen versuchte sie sich wieder vor Augen zu führen, dass sie alle dasselbe wollten. Also beließ sie Sams Hand, wo sie war, und bemühte sich, den Trost in ihrer Geste zu finden, den sie sonst verspürt hatte.

»Was definitiv nicht schaden kann, sind kalte Wickel oder ein Eisbad. Ich gehe nicht davon aus, dass sein Körper binnen weniger Minuten unterkühlen wird«, erklärte Charles.

»Versuchen wir es«, stimmte Jane dem Vorschlag zu. »Haben wir Eis?«

»Ich glaube nicht. Aber ich werde nachsehen«, sagte Sam und setzte sich sogleich in Bewegung.

Jane selbst steuerte ihr Badezimmer an und ließ kaltes Wasser in die frei stehende Wanne einlaufen. Danach kehrte sie an Mavericks Seite zurück. Charles hatte sich erneut über das Gesicht des Historikers gebeugt und betrachtete die goldenen Adern eindringlicher. Vorsichtig strich er mit den Fingerkuppen darüber, drückte die Haut etwas zusammen und ließ sie wieder los.

»Ich frage mich, was passiert, wenn man ihm Blut entnehmen würde«, murmelte er konzentriert. »Ob es wohl auch von goldener Farbe wäre?«

Jane wusste, dass dem so war. Sie hatte sein Blut in der Nekropole gesehen.

Der ehemalige Militärarzt ergriff Mavericks Handgelenk und drehte es dem Licht der Nachttischlampe zu. Auch dort leuchteten goldene Äderchen auf, schienen zu pochen, je nach Lichteinfall.

»Maverick ist kein Wissenschaftsprojekt und auch keine Laborratte«, sagte Jane scharf.

»Nein, natürlich nicht«, entschuldigte sich Charles und zwirbelte eine Seite seines Schnurrbarts. »Ich bitte um Verzeihung. Ich kann mir selbst nicht helfen und so eine … Situation ist mir bisher noch nicht begegnet. Da erwacht mein Hunger nach Wissen und Verstehen.«

Die Wangen des älteren Mannes erröteten leicht. Maverick hätte ihn wahrscheinlich gemocht, dachte Jane wehmütig. Immerhin teilten er und Charles dieselbe Leidenschaft für Wissen. Außerdem hatte der Historiker ebenfalls den Drang, alles anzufassen.

»Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mal Zeugin einer solchen … Situation werden würde«, gab Jane zu. Ihre Stimme wurde beim Sprechen immer leiser.

Eine schwere Stille breitete sich aus, flutete den Raum und drückte auf Janes ohnehin schon gedämpftes Gemüt. Sie und Charles standen um das Bett herum und für den Bruchteil einer Sekunde übermannte Jane das Gefühl, auf einer Beerdigung zu sein und den aufgebahrten Körper eines Toten zu betrachten. Unwillkürlich erschauerte sie und rief sich selbst zur Räson. Charles schien ihre körperliche Reaktion nicht entgangen zu sein. Er öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, doch sie kam ihm zuvor.

»Ich werde mal eben nach dem Wasser sehen«, sagte sie, drehte sich abrupt um und lief schnellen Schrittes in das angrenzende Badezimmer.

Reiß dich zusammen, dachte sie angestrengt, als sie den Hahn zudrehte und zurückging. Zeitgleich betraten Dave, Sam und Winnie ihr Zimmer.

»Kein Eis«, verkündete Sam schulterzuckend.

»Dann muss das kalte Wasser reichen«, entschied Jane.

»Also ziehen wir das wirklich durch?«, fragte Winnie und kräuselte die Stirn. »Ich dachte, Sam macht einen Witz, als sie uns von diesem Plan erzählt hat.«

Jane schaute die Mechanikerin schräg von der Seite an. »Was sollte denn daran witzig sein?«

»Ja, keine Ahnung. Ich meine ja nur. Kein Grund, gleich so bissig zu werden.«

»Dann lasst uns loslegen«, unterbrach Dave die Diskussion, bevor sie richtig begann, und kam auf das Bett zu. Sam war indessen zur Badezimmertür gegangen und hatte diese geöffnet. Sie umklammerte die Klinke wie einen Rettungsring.

»Winnie, du nimmst seinen linken Arm und ich den rechten«, bestimmte Jane und winkte die Mechanikerin zu sich. »Charles, kannst du eines seiner Beine nehmen?«

Die Mechanikerin atmete geräuschvoll aus, krempelte ihre Ärmel hoch und stellte sich neben Jane. Der ehemalige Militärarzt und Dave positionierten sich am Bettende und ergriffen Mavericks Unterschenkel.

»Auf drei«, zählte der Informatiker an und presste die Lippen fest aufeinander.

Jane ging davon aus, dass ihm sein verletzter Arm Schmerzen bereitete, aber er ließ sich nichts anmerken. Einzig und allein seine Kieferknochen spannten sich an, als er den regungslosen Körper hochhievte. Die beiden Frauen nickten, packten den Historiker an den Oberarmen und auf drei hoben sie gemeinsam seinen Körper an.

»Scheiße, der glüht ja förmlich«, stieß Winnie zwischen zusammengebissenen Zähnen aus. »Und scheiße schwer ist er auch noch.«

Schritt für Schritt trugen sie seinen regungslosen Körper durch das Zimmer. Mavericks Kopf wankte dabei von links nach rechts. Umständlich manövrierten Winnie und Jane den Oberkörper durch die Badezimmertür. Die beiden Männer folgten ihnen und alle kamen parallel neben der frei stehenden Badewanne zum Stehen. Janes Blick fiel auf das stille Wasser und einen Wimpernschlag lang zögerte sie.

»Was ist jetzt?«, zischte Dave. »Er wird nicht leichter.«

»Also los. Noch mal auf drei«, gab Jane diesmal das Kommando. »Eins. Zwei. Drei.«