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Der Sepperl hat es nicht unbedingt mit der großen Politik. Mit der kleinen allerdings auch nicht. Seine Profession ist eine andere, eine parfümige: Er ist ein Postillon dʼAmour, trägt delikate Briefe aus. Manchmal auch erotische Literatur oder konfiszierte Druckwerke an Geheimbünde. Der Sepperl gilt bis in die allerdurchlauchtigsten Kreise als äußerst zuverlässig, denn er hat einen Vorteil: Er kann nicht lesen. Noch nicht. Denn die Nanni, seine Lebensgefährtin, drängt ihn, es zu lernen. Schnell merkt der Sepperl: Wer lesen kann, lebt gefährlich.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Leonhard Michael Seidl
Finessensepperl
Historischer Roman aus München
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Alle Rechte vorbehalten
Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Bildes von: © Public Domain Mark 1.0 Universell. Stadtarchiv München, Signatur: DE-1992-HV-BS-A-05-69
ISBN 978-3-7349-3438-4
»Joseph Huber wurd ich genannt,
als Finessensepperl wohl bekannt.
Ich komme vom Elysium,
und trage meinen Kittel rum.«
Jetzt hocken s’ halt wieder beisammen, der Finessensepperl und der alte Meister Flinserl aus der Au, den sie überall den »Flinserlschneider« heißen. Obwohl – so alt ist der Meister Flinserl noch gar nicht, kaum fünfzig; er schaut halt mit den Krähenfüßen unter den Augen so aus.
Die Szene spielt im Ramlo im Kuhgassl, einer einfachen Bierschenke, die auch kleine Speisen anbietet. Besitzer ist seit 1787 der kurfürstliche Kammerportier Philipp Ramleau.
*
Die Uhr zeigt halb sechs am Nachmittag. Draußen ist es bereits dunkel. Lautlos sinkt der Schnee zu Boden.
Gleich wird der Baron Huraxdax mit seinen Musikanten eintreffen und zum Feierabend aufspielen. Es ist ein historisches Datum, denn der Kurfürst ist just an diesem ersten Januar zum König worden.
Der Flinserl blättert im Bairischen Wochenblatt. »Heute Morgen nach zehn Uhr ist der Landesherold, von einer Abteilung der prächtig montierten bürgerlichen Kavallerie begleitet, durch die Straßen der Stadt einhergeritten und hat unter Trompeten- und Paukenschall und fröhlichem Zusammenjauchzen des Volkes, Maximilian Joseph als König von Bayern feierlich ausgerufen!«
»Jetz is also so weit …«, lässt sich der Sepperl nach einem kräftigen Schluck dunklen Bieres aus dem Krug vernehmen.
Meister Flinserl nickt bedächtig. »Jaja, jetz habn wir endlich auch einen Kini.«
»Ja – Maximilian I. Joseph, König von Bayern!«, bekräftigt der Sepperl und gönnt sich eine saftige Pris vom Schmalzler. Er zückt das Sacktuch und schnäuzt, dass die Fensterscheiben tanzen.
»Öha!«, schrickt die dicke Sophie an der Schenk auf, aber das interessiert die beiden Männer nicht besonders. Die Kellnerin ist ein echtes Münchner Gwax und hält so manchen Schauder aus.
»Horch«, sagt der Meister, »was die Tüpferlscheißer wieder zusammenschmieren: In den neubayerischen Landen erheben sich wieder Stimmen gegen die französische Vorherrschaft. Zwischen den Zeilen liest man von der Not und den Sorgen, die dem Volke das französische Bündnis so verhasst machen. Ich sag’s dir, alles hat seinen Preis, dass wir uns so an die Franzmänner dranhängen. Wenn die Tiroler gegen die bairische Besatzung aufstehen, seh ich schwarz – ganz und gar dunkelschwarz, da schwör ich jeden Meineid drauf!«
Der Sepperl schweigt sich aus. Er hat es nicht unbedingt mit der großen Politik. Mit der kleinen allerdings auch nicht. Seine Profession ist eine ganz andere, eine würzige, parfümige: Er ist ein Postillon d’Amour, trägt delikate Briefe aus. An die entzückende junge Demoiselle vom alten Herrn Rat, oder von derselben Demoiselle an den Herrn Baron; vom Geheimen Medizinalrat an die hochwohlgeborene Gräfin und wieder zurück – Arbeit gibt es mehr als genug für den Sepperl.
Nebenbei und unter der Hand, versteht sich, liefert er ohne viel Aufhebens erotische Literatur in die Häuser adeliger Damen. Oder konfiszierte Druckwerke an Geheimbünde.
Das ist die Raffinesse, die ihm den Namen Finessensepperl eingebracht hat und die ihn zu einer stillen Berühmtheit in der Stadt hat werden lassen.
Der Sepperl gilt bis in die allerdurchlauchtigsten Kreise als äußerst zuverlässig, denn er hat einen Vorteil, der ihn in seinem Geschäft unbesiegbar macht: Der Sepperl kann nicht lesen.
Noch nicht.
Denn das Lesen hat er bis jetzt nicht gelernt. Wenn es nach ihm geht, wird er es auch nicht lernen.
Es ist ein durchaus einträgliches Geschäft, was er da seit Jahren betreibt. Geld nimmt er nur, wenn es nicht anders geht. Er sehnt sich nicht nach Ruhm und Anerkennung. Was der Sepperl will, sind Naturalien. Da ein Stückl Käs, dort ein paar Pfennigmuckerln, hier eine Handwurst, da fünf Eier, einen Teller Suppe, ein Korb mit Schwammerl oder – wenn’s hoch kommt – ein Flascherl Burgunderwein. Damit existiert der Mensch auskömmlich und er darf zufrieden sein.
Seine Delikatessen lagert er in seinen zwei Kammern – drei Stiegen überm Kamin bei der Putzmacherin Barbara Thürmer am Petersplatz Numero neun, inmitten der Stadt.
Auf dem Kopf trägt der Sepperl eine Kappe aus verblichenem schwarzem Samt und dazu ein glänzendes Kreuz um den Hals. Mit seinem Frack ist er ein pfiffiges Gemisch aus Schalk und Gutmütigkeit.
Dazwischen ergattert er vielleicht ein wollenes Hemd oder ein paar gebrauchte Stiefel. Einmal, im Jahr des Herrn 1802, hat ihm einer vom Jägerkorps seinen alten grünen Frack mit einer Reihe gelber Knöpfe und einem gelben Kragen vermacht. Es ist um eine gelungene Heiratssach mit einer Kellnerin gegangen. Die Knöpfe, zerkratzt und nicht mehr sauber, hat ihm seine Freundin wieder aufpoliert. Die Rote Nanni will partout, dass der Sepperl was darstellt – partout!
Überhaupt – die Rote Nanni! Sie ist nicht besonders groß. Das macht aber nix, weil der Sepperl auch nur wenig größer ist.
»Erzähl uns halt noch amal die nämliche Gschicht«, meint er, bevor die Langeweile in den finsteren Ecken vom Ramlo zu knistern beginnt.
»Ja, mei«, sagt der Flinserlschneider mit betrübter Miene. Er weiß genau, was der Sepperl hören will. »Weil ein jeder in der unsrigen Stadt genau weiß, was für ein frommer Mensch dass ich bin, dann ist es halt kommen, wie es hat kommen müssen.«
»Aha«, freut sich der Sepperl und probiert ein frisches Bier, das wiederum, wie alles andere, der gut situierte Flinserlschneider spendiert.
Weil im Augenblick keine weiteren Gäste im Lokal befindlich sind, macht sich’s die Sophie auf der Ofenbank gemütlich und hört mit leisem Schmunzeln zu. Sie kennt die Geschichte vom Flinserl fast schon auswendig. Er hat sie an die hundert Mal erzählt, doch die Episode ist so ergötzlich, dass er sie immer wieder vortragen muss.
»Jedenfalls«, fährt der alte Schneider fort, »jedenfalls bin ich wie an einem jeden Tag, gottesfürchtig wie ich bin, mit meinem Betschemel vor dem Kastanienbaum bei der Auer Kirch gewesen, wo das Kruzifix mit dem Blechdachl hängt. Da hab ich mein Gebet an die Schwarze Marie zu Altötting hergesagt – voll Inbrunst, versteht sich!«
»Voll Inbrunst, versteht sich«, kichert die Sophie auf der Ofenbank.
»Und nachher?«, wiederholt der Sepperl.
»Und weil mir die unsinnige Urschl von einer Gretl das nie nicht hat glauben wollen, dass ich jeden Tag um neun Uhr auf d’ Nacht vor dem Kruzifix bet’, ist sie mir nachgestiegen und hat sich im Baum droben versteckt.«
Der Sepperl nimmt einen Schluck und sagt: »Und du hast natürlich nix gspannt?«
Grad grüabig ist es im Ramlo, obwohl man längst den Ausgang der Geschichte weiß.
Das Ramlo ist ein artiges Wirtshaus für artige Leut und auch für die Soldaten. Die Burschen haben zwar viel Schmalz, aber wenig Geld. Und drum kehren sie gern beim Ramlo mit den erschwinglichen Preisen ein.
Für den kräftigen Hunger gibt es eine Knöcherlsulz oder ein Tellerfleisch. Wer keine Hutzlbrüh, also keinen Kaffee nicht mag, für den wird von der Sophie ein Gabelfrühstück mitsamt einem Glasl Kümmel aufgetragen.
Derjenige, welcher wenig Münzen auf den Tisch legt, kriegt ein Gröstl oder einen Hackfleischbraten aus Bratresten. Dazu werden Fingernudeln vulgo Draade Wichspfeiferl gereicht.
Es ist für jeden was dabei.
Die Wirtsstube ist gemütlich, lediglich drei Tische mitsamt den Stühlen stehen da, aber bis jetzt hat noch ein jeder seinen Platz gefunden.
Eine Besonderheit beherbergt der Ramlo: Er ist die geheime Anlaufstelle für Briefe und Botschaften, die der Finessensepperl auszutragen hat.
Seine Freundin, die Rote Nanni, versucht ihm seit langer Zeit, das Lesen beizubringen, aber weiter als wie zum Buchstaben C sind sie bisher nicht gekommen.
Das hat seinen Grund …
Noch immer aufgebracht nickt der alte Schneider. »Freilich hab ich nix gespannt, weil ich grad so andächtig in der ganzen Beterei drin war.«
»Zur Schwarzen Marie von Altötting«, gickert die Sophie.
»Ja – und nachher bet ich halt so still vor mich hin … und da hör ich auf einmal eine Stimm aus dem Baum, die wo sagt: ›Ach, Flinserl, lieber Flinserl.‹ Und ich schwör einen jeden Meineid, das sag ich auf Gwehr und Säbelschneid, in dem nämlichen Augenblick hab ich wirklich und wahrhaftig denkt …«
»Dass das die Schwarze Marie ist!«, beschließt der Sepperl den Satz.
»Und nachher«, fährt das brave Schneiderlein treuherzig fort, »nachher hab ich halt ganz vorsichtig gewispert: ›Was willst denn, liebe Marie, mit was kann ich dir zu Diensten sein?‹ Und was macht die damische Urschl von einer Gretl? Sie platzt aus dem Baum raus: ›Du kannst mich am Arsche lecken!‹ So dermaßen laut hat’s plärrt, die damische Urschl von einer Gretl, dass man es über den ganzen Kirchhof gehört hat.«
»Und nachher?«, sagt der Sepperl vergnügt.
»Nachher ist sie vom Baum runter und auf und davon, die alte Hex. Wenn ich die erwisch, hau ich ihr meine größte Schneiderschere hint nei, dass d’ vorn drei Brezn hinhängen kannst – da schwör ich jeden Meineid drauf!«
»Aber«, will die Sophie wissen, die inzwischen eine Runde Kirschgeist auf den Stammtisch gestellt hat – ein doppelter für sie ist auch dabei –, »aber was hast denn nachher für ein Gebet hergsagt, zur Schwarzen Marie?«
»Sag ich net«, bockt der Flinserlschneider.
»Soll’s ich sagen?«, grinst der Sepperl und zuzelt am Kirsch.
Der Flinserlschneider richtet sich auf, kippt den Schnaps in die Gurgel und erklärt mit fester Stimme: »Ich hab gebetet, dass die Metzgerfrau vom Zacherl der Blitz beim …«
»Das wiss ma schon«, winkt Sophie ab. Es muss durchaus nicht alles gesagt werden, was gesagt werden kann.
»… weil mir die Metzgerfrau vom Zacherl allerweil ein Deka zu wenig Bierwurst gibt. Allerweil genau ein Deka … genau zehn Gramm! Das macht das Luderviech akk’rat mit Fleiß! Und deszwegn soll’s der Blitz treffen, wo uns hinten der Herrgott gespalten hat.«
»Pass Obacht, Schneider, vielleicht ist die Metzgerfrau vom Zacherl am Rindermarkt mit dem Zacherl vom Nockherberg verwandt«, meint der Sepperl süffisant und lässt jeden Buchstaben sanft aus dem Munde rinnen.
Genau in dem Moment schwingt die Wirtshaustür auf und der Baron Huraxdax Sulzbeck marschiert mit seiner Bagage herein und steht auf einmal vor dem Finessensepperl.
»Ich brauch deine Hilfe«, sagt er.
»Zweng was?«
»Zweng meiner Nase.«
Dazu muss gesagt werden, dem Sulzbeck seine Nase ist ein beachtlicher Gesichtserker. Der Rüssel ist rot, groß und mit schwarz behaarten Warzen bestückt. Zupft der Sulzbeck auf seinem Bass, spielt die Nase ein Solo. Sie wackelt auf und ab und hin und her.
Der Sepperl nimmt einen Schluck Bier. »Soll ich dir eine neue machen?«
»Iwo«, sagt der Sulzbeck. »Der Pfleglein gibt mir fünfhundert Gulden, wenn ich sie ihm verkauf.«
»Fünfhundert Gulden?«, schnauft die Kellnerin Sophie an der Schenk.
»Der Professor Doktor Pfleglein … ist das net der berühmte Münchner Chirurg?«
»Ja. Der will meine Nase.«
Der Sepperl studiert von Ferne den Zinken vom Sulzbeck. »Und ich soll dir die Hand halten, wenn sie der Pfleglein abschneidet?«
»Iwo. Ich brauch dich als Zeugen.«
»Als Zeugen?«
»Ja.«
»Du weißt aber schon, dass ich nicht lesen kann.«
»Das macht nix«, sagt der Sulzbeck, indem er den dreisaitigen Bass in Position bringt. »Lesen kann ich selber. Ich brauch dich als Zeugen. Zusätzlich, verstehst.«
»Versteh«, nickt der Sepperl.
»Kriegst eine Brotzeit und zwei Maß Bier.«
»Drei«, sagt der Sepperl.
»Von mir aus drei.«
»Gut«, nickt der Sepperl, »drei und eine Brotzeit. Dann geh ich mit zum Pfleglein und halt dir die Hand.«
Sulzbeck ist zufrieden. Das wäre geklärt.
Er hebt die Hand und gibt den Einsatz für ein Couplet. Seine Männer, der Flötist Straubinger, der Sänger und Violinspieler »Canapé« sowie der Harfenzupfer Bacher brummen fröhlich mit:
»Dort is der Nockherberg,
der wo am Zacherl ghört,
da gibt’s a guates Bier …«
Drauf setzt der Herr Kapellmeister die Trompete an die Lippen und lasst einen Ton heraus, der, na ja, der klingt wie der Darmwind von einem alten Hund. Das, was er da zusammenjault, ist sein berühmt-berüchtigtes Krugdeckel-Klapplied in einer verbogenen Instrumentalfassung.
Bei den letzten Takten wischt die Rote Nanni bei der Tür herein. Sie wirft ein paar Briefe auf den Tisch und trinkt hastig vom Bier. Die Nanni hat rote Backen, weil sie schnell gelaufen ist. »Musst fort, Sepperl, dich verstecken. Gleich kommen die Schandarm.«
»Wer?«, sagt der Sepperl.
»Die Schandarm!«
Sophie ist bereits auf den Beinen. »Da naus!«, sagt sie und zeigt auf die niedrige Tür, die zum Hinterausgang führt.
Der Sepperl nimmt noch einen Schluck, drückt der Nanni einen Schmatz auf die Backen und stürzt davon.
»Was hat er denn wieder angstellt?«, will der Flinserlschneider wissen.
»Einen verkehrten Brief soll er austragen haben«, sagt die Nanni leise.
»Einen verkehrten Brief?«
»Ja. Da war ein Zirkel drauf, und ein Winkelmaß.«
Da wird der Schneider still. »Das Freimaurerzeichen …«
Die Tür wird aufgerissen. Ein schneller Auftakt vom Sulzbeck. Eine dermaßen laute Polka hebt an, dass es den Gendarmen vom Münchner Polizeikordon die Ohren anlegt. Sie sehen den Flinserlschneider, die Sophie und die Rote Nanni, die am Stammtisch Karten klopfen. Und den Baron Sulzbeck samt seiner Bagage.
Bloß den Finessensepperl – den sehen sie nicht.
Sie haben ihn dann doch erwischt, denn an der Hintertür vom Ramlo wartete ein baumlanger Gendarm mit gezogenem Säbel.
Eine schwache Stund später hockt er im Criminal-Verhörzimmer im Rathaus am Schrannenplatz beim Stadtrichter, die Hände mit einem kräftigen Strick gefesselt.
Treuherzig schaut der Sepperl den Beamten an.
»Kennst mich noch?«, sagt er vergnügt. Dem Richter, Kaspar Fuchs, ein von der Podagra geschlagener Jurist und auch sonst nicht so ganz unbeleckt von der Welt da draußen, mustert ihn schwitzend. Es ist dem kaum sechzigjährigen rotbackigen Herrn anzusehen, wie zuwider ihm die Begegnung ist. Der Sepperl hat ihm in der Vergangenheit so manchen verschwiegenen Dienst erwiesen, um dessen Spielsucht und die daraus resultierenden Verbindlichkeiten abzugelten. Jedoch, dem Gesetz ist Genüge zu tun. Dieser Imperativ steht über allem. Fuchs richtet den Stehkragen und beginnt mit kühler Stimme zu fragen. Katharina, die Ehegemahlin des Richters, fungiert, weil der Schreiber erkrankt ist, im Hintergrund als Schriftführerin und notiert die Antworten.
»Hauptname, Vorname?«
»Huber Joseph, geboren im Jahre des Herrn 1763 zu München.«
»Profession?«
Der Sepperl schnauft ungehalten: »Jetz hörst aber auf, Herr Rat. Seit wie viel Jahr trag ich dir jetz schon die Briefe aus – solche und solche und auch ganz und gar andere solchene?«
Dem Rat Fuchs rinnt der Schweiß in den Kragen. »Schreiber, notieren: Joseph Huber, genannt Finessensepperl, Austräger von Briefen allhier und so fort.«
»Außerdem bin ich Leichenbitterer, Streitschlichter …«
Der Richter hebt die Hand. »Jaja, ich kenn dich und weiß, was du machst. Dennoch muss ich dich fragen, was es mit diesem Brief auf sich hat.«
Damit hebt er ein dürr beschriebenes Blatt in die Höhe. Der Sepperl linst darauf und hebt die Schultern.
»Lesen hab ich nicht gelernt, Herr Rat. Das weißt doch.«
Der Hohe Herr nickt unzufrieden. »Eine andere Frage: Wo hast du den Brief abgeholt und zu welcher Adresse hast du ihn ausgeliefert?«
»Lass deinen Mund verschlossen sein«, sagt der Sepperl bedeutungsvoll, »dann schluckst du keine Fliege ein!«
*
Für einen kurzen Augenblick verliert sich Fuchs in eine unangenehme Begegnung, die er am frühen Morgen hatte. Ein hagerer Mann in der Uniform eines Colonels, mit einem langen Gesicht und scharfen Gesichtszügen hatte sich bei ihm eingefunden. Seine Stimme hatte den typischen Kasernenhofton.
»Herr Stadtrichter, es gehen bestimmte Lettre … Briefe herum. Wir haben in den letzten Wochen insgesamt vier Morde an französischen Soldaten zu verzeichnen. Können Sie das erklären?«
»Wie war noch gleich Ihr Name, Herr …«
»Martin Moreau …«
»Nein, Herr Moreau, das kann ich nicht.«
»Stimmt – Ihre Unfähigkeit ist stadtbekannt!«
»Darf ich fragen«, sagte Fuchs wenig beeindruckt, »in welchem Auftrag Sie kommen?«
»Im Auftrag Napoleons.«
»Von welcher Behörde?«
»Ich bin der neue Stadtkommandant.«
»Aha …«
*
Martin Moreau, geboren am 1. April 1765 in Morlaix; jüngerer Bruder des berühmten Generals Jean-Victor Moreau. Bei der Schlacht von Hohenlinden am 3. März 1800 ist er dabei und bleibt in Bayern. Ab 1. Januar 1806 ist Martin Moreau Stadtkommandant von München.
Colonel Moreau leidet sehr unter dem erfolgreichen Bruder. Seine Minderwertigkeitskomplexe kaschiert er mit überzogener Härte und auswuchernder Arroganz.
*
»Stadtkommandant?«, hatte der Stadtrichter wiederholt, weil Moreau auf seine Worte nicht eingegangen war.
»Ich befehle Ihnen, uns bei der Suche nach den Mördern meiner Kameraden zu unterstützen. Sie tun lediglich Ihre Pflicht.«
Kommt halt drauf an, wie sie ihre Pflicht tun, dachte Fuchs, sagte dann: »Sie haben mir nichts zu befehlen, Moreau! Bitte nehmen Sie das zur Kenntnis!«
»Das sehe ich anders, Sie Kretin!«
»Damit das klar ist, Herr Moreau: Ich bin ein hier in München angesehener und erfahrener Stadtrichter. Sie haben mir gegenüber keinerlei Befehlsgewalt! Verlassen Sie mein Büro!«
Moreau hatte einfach weitergesprochen.
»Wir vermuten die Mörder in den Reihen rebellischer Bauern.«
Daraufhin war Fuchs sehr ruhig geworden – und betont einsilbig.
»Unsinn!«
»Ich befehle Ihnen, die Suche nach den Lettres dringend zu intensivieren.«
»Welche?«
»Lettres séditieuses … aufrührerische Briefe gegen Kaiser Napoleon«, bellte Moreau. »C’est très dangereux! Falls Ihnen ein solches Pamphlet in die Hände fällt, benachrichtigen Sie mich unverzüglich – compris?«
»Peut-être … vielleicht.«
*
Der Sepperl besinnt sich eine Weile, sagt dann spitzbübisch: »Herr Rat, wo ich den Brief abgeholt und wo ich ihn hingebracht hab, das kann ich dir nicht sagen.«
»Warum denn nicht, Herrgott noch mal?«
»Is scho so lang her …«
»Soso. Und wie lang?«
»An einem Sonntag war’s.«
»An was für einem Sonntag?«
»Im Mai.«
»Was?«, entsetzt sich der Richter: »An einem Sonntag im Mai?«
»Wenn ich’s doch sag, Herr Rat.«
Kaspar Fuchs wirft einen verzweifelten Blick hinüber zu Katharina, die in Vertretung des erkrankten Schreibers das Protokoll führt.
»Mein lieber Sepperl, wir schreiben den Januar 1806.«
Der Sepperl nickt verzweifelt: »Dann war es vielleicht im Mai 1805. Das ist lang her.«
»Ja«, nickt Kaspar Fuchs enttäuscht, »das ist wahrlich lang her. Da fragt man sich schon, wie der Brief erst jetzt auftaucht. Dennoch musst du dich besinnen …«
Der Sepperl unterbricht ihn bedauernd: »Besinnen? Schau, Herr Rat, ich steh jetzt im sechsunddreißigsten Lebensjahr. Langsam lasst bei mir das Hirn aus.«
Gackernd lacht Fuchs: »Wenn bei jemand das Hirn nicht auslasst, dann ist es beim Finessensepperl. So viel steht fest!«
»Dank schön, Herr Rat, für die Löblichkeit.«
Eine Pause entsteht, während der Richter das linke Ohr einer gründlichen Inspektion unterzieht und begeistert das Ergebnis betrachtet.
»Kommen wir zurück zum Brief. Den Inhalt kennst du nicht, weil du, wie du angibst, nicht lesen kannst. Sic tantum bonum. Doch oben am Rand des Blattes sind Winkelmaß und Zirkel angebracht. Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet?«
Freilich kann er das, der Sepperl, aber er gibt es nicht zu.
»Eine Kinderzeichnung«, sagt er ungeduldig. Ihn zieht es zurück zum Ramlo, zur Nanni und zum Bier, doch daraus wird wohl heute nichts mehr.
Der Richter mustert ihn streng. »Dann will ich dir erklären, was Winkelmaß und Zirkel bedeuten, horribile dictu: Es sind die Zeichen der Freimaurer.«
»Maurer?«, grinst der Sepperl: »Das soll mir recht sein. Der Maurer ist ein angesehener Beruf. Bloß manchmal saufen s’ halt recht, die Maurer. Ich kenn da einen, den sie den Maurerhansl heißen, der wohnt draußen in Giesing, der trinkt an einem Tag normalerweise seine Struckra achtzehn Maß, und wenn’s ein heißer Tag ist und die Sonne brennt scharf herunter, dann packt er sogar …«
»Silentium!«, brüllt der Richter mit hochrotem Kopf. Was interessiert ihn der damische Maurerhansl aus Giesing?
Er wirft einen Blick zur Zimmerdecke, als wollte er sagen: Herr, beschütze mich vor so viel Einfältigkeit. »Die Freimaurer«, fährt er mit nachdrücklicher Stimme fort, »wie auch die Illuminaten sind nicht mehr so gern gesehen im Königreich Bayern. Obwohl unser König, Max I. Joseph, Gott schütze ihn, ehemals selber einer war. Diese Leute agieren im Untergrund, treffen sich in geheimnisvollen Logen; man hört von esoterischen Riten. Kein Mensch weiß, was sie dort treiben. Das alles ist höchst affrös.«
Die Tür geht auf, herein tritt die Tochter des Hauses, die kaum dreißigjährige Franziska. Mit einem flüchtigen Blick mustert sie die Anwesenden und wendet sich der Mutter zu: »Ich geh dann«, sagt sie wenig freundlich.
»Gehst wieder zum Voltaire?«, will die Mutter wissen, doch das hört Franziska nicht mehr.
»Von mir aus«, mault der Sepperl nun, den das alles überhaupts rein gar nicht interessiert. Nur die Franziska, das Töchterl – die hat was, die – wär er ein paar Jahre jünger – tät ihm schon gefallen. Sie zeigt eine ansehnliche Üppigkeit, dunkle, forschende Augen und feines, hochgestecktes Haar. Die Kleidung ist bescheiden.
Doch die Nacht steht vor den Fenster, und der arme Kerl hat einen fürchterlichen Kohldampf.
Dem Stadtrichter steigt eine Zornesfalte auf die Stirn.
»Brevi manu: Dieses Corpus delicti enthält verdächtige Zeichen. Sehr verdächtige Zeichen, ganz abgesehen vom vordergründig harmlosen Inhalt. Und ein jeder, der damit in Berührung kommt, ist gleichermaßen verdächtig. Und weil du damit de facto auch verdächtig bist, bleibt mir nichts anderes übrig, als dich einzusperren.«
»Was?«, entsetzt sich der Sepperl. Ihm rennt das Herz in die Hose. »Du willst mich einsperren, wegen einer seelenguten Kinderzeichnung?«
Nun kehrt Kaspar Fuchs die Obrigkeit hervor: »Kraft meines Amtes bestimme ich, dass du so lange in der Arrestzelle bleiben wirst, bis sich die Angelegenheit aufgeklärt hat.«
Der Sepperl muss husten, verschluckt sich. Als er wieder reden kann, sagt er: »Und wie lang soll das dauern?«
»Pro forma: drei Tag. Abführen!«
Wie der Sepperl draußen ist, tritt Katharina an des Richters Tisch.
»Kaspar, das kannst nicht machen«, sagt sie düster. »Denk an den Säger von Sendling.«
»Aber ich muss!«, fährt er auf, wohl ahnend, dass er gegen seine kluge Frau wie so oft den Kürzeren ziehen wird. Demnächst muss der Schreiber wieder her, der nur schreibt und ansonsten das Maul hält. So kann es jedenfalls nicht weitergehen.
Kaspar Fuchs steckt sich eine Zigarre an und bläst den Dampf in die stickige Luft des engen Gerichtszimmers.
»Nein. Musst du nicht!«, sagt Katharina und öffnet das Fenster. »Der Sepperl soll dir doch bei der Suche nach dem Säger von Sendling helfen. Und der Sulzbeck braucht ihn für seine Nase.«
Fuchs pafft und schweigt.
»Und überhaupt: Wer soll gewisse delikate Briefe austragen?«
»Woher kennst denn du die delikaten Briefe?«, sagt er, um vom Thema abzulenken, aber er kommt nicht weit.
»Ich mein ja bloß«, entgegnet Katharina, die ihren Gatten auch im Nachtgewand und nicht nur als Amtsträger kennt. »Wenn ich dran denk, wie du dich echauffiert hast, wie dir die Geschichte mit der Demoiselle passiert ist … Wie war doch gleich ihr Name?«
Fuchs pafft nicht mehr. Die Zigarre verglüht im Ascher. Der Geschmack an dem Rauchwerk ist dem Herrn Rat nun endgültig vergangen.
»Deo volente: zwei Tag!«
»Einen – und nicht mehr!«
»Von mir aus«, grunzt er müde.
Katharina lächelt still. »Das ist gscheit. Aber wegen der Demoiselle müssen wir noch reden.«
»So ein Schmarrn!«, poltert Fuchs.
»Oder«, sagt Katharina mit einem süßen Unterton in der Stimme, »ich red lieber gleich mit dem Sepperl. Vielleicht weiß der was.«
Kaspar Fuchs reicht es: »Der Sepperl weiß garantiert nix. Weil der nämlich nicht lesen kann.«
»Aber Augen hat er und Ohren auch …«
Das hört der Herr Rat nicht gern. Er will zum Rosenwirt am Rindermarkt. Dort erwartet ihn seine Lieblingsspeis, ein Rostbraten auf Münchner Art sowie ein paar Maß Bier. Man ist ja schließlich auch bloß ein Mensch, denkt er und haut die Tür hinter sich zu, dass es kracht.
Katharina Fuchs wartet, bis sie allein ist. Auf dem Kuvert liest sie den Adressat: »SG«. Als Absender steht da: »QH«. Keine Ortsangabe, keine Straßennamen.
Katharina öffnet den Umschlag und studiert die wenigen Zeilen, verfasst in spitzfedriger Kurrentschrift: Treffen 1.d.M. ½ 9 Uhr VOLTAIRE. Gleich verbrennen.
Katharina besinnt sich kurz. Ist das nicht heute, der 1. Januar?
Was verbirgt sich hinter der Nachricht? Wer ist SG? Wer ist QH? Das »Voltaire« ist ein stadtbekanntes Künstlerlokal, in dem jeder verkehrt, der sich zu Höherem berufen fühlt.
Und, nicht zuletzt: Was wird dort besprochen und wer ist anwesend? Man müsste das Gasthaus in der Neuhausergasse am Abend aufsuchen und Mäuserl spielen … Aber das geht halt nicht, weil da eine alleinige Weibsperson gleich auffällt.
Dreimal liest Katharina Fuchs das Schreiben, ohne daraus klug zu werden. Sie legt es zurück in den Umschlag, verschließt ihn sorgfältig und gibt ihn zu den anderen Briefen in den großen Eichenschrank.
Dann eilt sie hinaus, um dem Gerichtsdiener zu sagen, dass er den Finessensepperl zu ihr in die Wohnung bringen soll.
Katharina schenkt sich ein Glas vom Kräuterlikör ein. Versonnen blickt sie von der guten Stube hinunter auf den schneebedeckten Garten. Die beiden Brunnen sind jetzt im Winter nicht in Betrieb. Seit ein paar Jahren gehört das Thürlbaderhaus in der Lederergasse dem Wundarzt Anton Pitzl. Man kann vorn hinein und bei der Münzgasse am Bräuhausbach wieder hinaus. In der dritten Etage lebt der kurfürstliche Hoftheater-Dekorationsmaler Johann Dominicus Quaglio, mit dem man gut Freund ist. Neben dem Thürlbaderhaus befindet sich, zu Katharinas Leidwesen, die Restauration »Zur Scholastika«.
Die Wohnung der Familie Fuchs besteht aus vier Zimmern: ein Schlafraum für die Eheleute, ein Raum für Tochter Franziska, die Stube, die Küche, wo Centa, der gute Geist des Hauses werkelt. Zu den Festtagen kommt manchmal ihr Bub, der Sixtus, auf Besuch.
Centa Grindler wird bald fünfzig. Beim langen Stehen in der Kuchl schmerzen der schlichten Frau mit den breiten Hüften die Beine. Dann muss sie sich hinsetzen und warten, bis es besser wird.
Die kurzen Pausen sind nicht gut. Jedes Mal muss sie an Sixtus, denken. Er arbeitet als Holzknecht draußen beim Grafen Bernecker. Der Sixtus war schon als Kind ein wilder Geselle. Hat Frösche zerquetscht und den Mädchen die Röcke angezündet. Lernen hat er nix wollen und seiner Mutter wenig Freude gebracht. Und der Vater war ein Fallot, ein Lump, der gleich nach der Geburt davon ist.
Ächzend erhebt sich Centa und wendet sich wieder ihrer Arbeit zu.
*
Katharinas Blick fällt auf die Wand über der dunklen Eichenholztruhe. Auf halber Höhe hängt das Abbild ihres Vaters, daneben, etwas kleiner, das ihrer Mutter.
*
Maximilian Ablhahn, der im Tal eine angesehene Gewürzhandlung mit ausgesuchten Spezereien aus aller Herren Länder besessen hatte, war ein strenges Familienoberhaupt gewesen, das die Familie, deren geräumige Wohnung im Obergeschoss des Hauses gelegen hatte, mit liebevoller Hand durchs Leben führte. Man besaß eine Pferdezucht, draußen bei Tölz, herrschte über drei Dienstmädln, eine Köchin und zwei Bediente. Jede Woche kam eine Gouvernante, die die insgesamt acht Kinder, die heranwuchsen wie die Orgelpfeifen, in allen wichtigen Fächern unterrichtete.
Katharina hörte etwas über Malerei und Literatur, versuchte sich an der Neapolitanischen Mandoline und – natürlich – erlernte das Mädchen die Grundlagen der Haushaltsführung.
Die Eltern erzogen die Kinder streng religiös. Täglicher Kirchgang und die wöchentliche Beichte gehörten zu den selbstverständlichen Pflichten. Keuschheit galt als oberstes Gebot. Liederliches Herumtreiben auf den Gassen war strengstens untersagt, ebenso unsittliches Tun.
Dennoch – in der Rückschau war es eine gute Zeit gewesen, damals, als noch alles in Ordnung war.
Franziska Ablhahn, die Mutter, hinter ihrem Rücken spöttisch »die Ablhenn« genannt, konnte, da sie ständig in anderen Umständen war, dem Vater wenig zur Hand ging. Sie war eine einfache Frau, aus dem Niederbayrischen gebürtig. Sie war in der großen Stadt zu keiner Zeit heimisch geworden.
Bei Katharinas Geburt, ihrem achten Kind, starb Franziska Ablhahn am Kindbettfieber. Kaum ein Jahr später stürzte Maximilian beim Ausritt vom Pferd und brach sich das Genick.
Als junge Frau lernte Katharina den angehenden Juristen Kaspar Fuchs kennen. Es war nicht unbedingt eine Liebesheirat, doch war Katharina froh, unter die Haube zu schlüpfen. Es dauerte dann doch noch etwas, bis Tochter Franziska, benannt nach der Großmutter, das Licht der Welt erblickte.
*
Vor Katharina auf dem Tisch liegt ein Traktat des Predigers Abraham a Sancta Clara, das ihr der Augustinerpater Demlinger neulich überreicht hat. Versehen mit einem kostbaren Schweinsledereinband, hat es vier goldfarbene Einmerkbänder. Aufgeschlagen ist ein Kapitel mit der beziehungsreichen Überschrift »Der Sauf-Narr«, das Katharina inzwischen auswendig kennt:
»Das verfluchte Laster des Vollsaufens und der Trunkenheit bringet den Menschen in die abscheulichste Sünd und Laster und endlich mit Leib und Seel in das Verderben.«
Dabei muss sie an ihren Kaspar denken, der mitunter einen Schoppen zu viel heimbringt.
Gerade leert Katharina ihr Glas und will nachschenken, da klopft es an der Tür und der Gerichtsdiener führt den Sepperl herein, die Kappe in der Hand.
