Finne dein Glück - Bernd Gieseking - E-Book
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Finne dein Glück E-Book

Bernd Gieseking

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Beschreibung

Bernd Gieseking ist unterwegs im Land der Glücksweltmeister. Er reist von Süd nach Nord, von Helsinki nach Inari und dann über Rovaniemi, Oulu, die Insel Hailuoto und Turku wieder zurück. Er besucht langjährige Freunde und trifft Künstlerinnen und einen Bierbrauer, eine Bischöfin, einen Tierarzt, eine Mumin-Expertin, einen ehemaligen Musiker der Leningrad Cowboys, einen Mitarbeiter des samischen Parlaments, die finnische Vize-Meisterin im Hobby Horsing in der Disziplin Dressur, er sitzt in zahlreichen Saunen, spricht mit einem Lakritz-Hersteller und reist zu den finnischen Meisterschaften im Watercross. Gieseking fragt Finnen, warum sie glücklich sind, aber auch ob Deutsche in Finnland und Finnen in Deutschland glücklich sein können. Und er fragt sich selbst, warum er in Finnland immer wieder so glücklich ist.

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Bernd Gieseking

Finne dein Glück

Eine Spurensuche im Land der Mitternachtssonne

FISCHER E-Books

Für meinen Bruder Axel,

der mich überhaupt erst nach Finnland gebracht hat

»Ich muss mich ein wenig beruhigen, sonst explodiere ich vor Glück.«

 

Snorkfräulein aus dem Buch »STURM IM MUMINTAL« von Tove Jansson

Prolog

Die Reise zum Glück

Immer wenn ich in Finnland bin, bin ich glücklich. Gemerkt habe ich das eigentlich ziemlich schnell, richtig bewusst geworden ist es mir erst später. Ich bin nicht unglücklich in Deutschland, aber Finnland schenkt mir jedes Mal ein sehr besonderes, außergewöhnliches Glücksgefühl. Suomi, wie das Land auf Finnisch heißt, ist mein ganz persönlicher Blutdrucksenker. An jedem Ort – egal ob im Süden, an der Westküste, oben im Norden in Lappland oder im Osten, in Karelien – bekomme ich jede Menge Glückshormone verabreicht.

Seit meinem ersten Besuch im Sommer 2009 fahre ich jedes Jahr wenigstens einmal nach Finnland, in Summe sind das mittlerweile 13 Reisen. Nur wegen Corona musste ich einmal »passen«. Dabei war mein erster Besuch nicht einmal richtig freiwillig, sondern eher familiäre Pflichterfüllung. Mein Bruder hatte sich in eine Finnin verliebt und war nach Lahti gezogen. Unsere Eltern hatten ihn besuchen wollen, und ich mochte »die alten Herrschaften«, wie wir in unserer ostwestfälischen Heimat liebevoll sagen, nicht alleine reisen lassen. Seitdem bin ich »finnisiert«. Ich liebe Land und Leute und bin verzückt, wenn ich die finnische Sprache höre – obwohl ich sie nicht verstehe. Ich lese alle Bücher über und aus Finnland, die ich in die Finger bekomme. Warum ich mich dort sofort zu Hause gefühlt habe, hatte ich mich damals schon gefragt. Nach drei Wochen im Land fand ich die Antwort: »Der Finne ist der Ostwestfale Europas.«

Inzwischen laufe ich regelrecht über vor »unnützem Wissen« über Finnisches. Man darf mich nicht darauf ansprechen, ich bin dann nicht mehr in der Lage, mich zu bremsen. Manchmal sprudle ich auch ungefragt los, erzähle von den Menschen im Land, die ich ins Herz geschlossen habe, von Lieblingslandschaften und Lieblingsorten. Und da gibt es mittlerweile eine ganze Menge.

Über meine erste Reise, mit meinen Eltern zu meinem Bruder nach Lahti, hatte ich ein Buch geschrieben: »Finne dich selbst!« Der Titel ist nicht nur ein Wortspiel. Diese gemeinsamen drei Wochen änderten unser bis dahin »ostwestfälisch« distanziertes Verhältnis von Grund auf. Bis dahin galt für uns: »Der Ostwestfale kann Nähe haben – wenn der Abstand stimmt.«

Vor einigen Jahren bin ich dann die gesamte Außengrenze Finnlands abgefahren. Ympäri Suomen. Im Uhrzeigersinn von Helsinki nach Helsinki. An der Südküste Richtung Westen, dann am Bottnischen Meerbusen empor, an der schwedischen Grenze entlang bis Kilpisjärvi, dem Dreiländereck mit Norwegen. Dann weiter östlich durch Lappland, unterhalb der Grenze zu Norwegen bis Nuorgam, am Inarisee südwärts, über Ivalo und Sodankylä nach Kuusamo und Joensuu durch Karelien, zum Saimaa-Seengebiet und dann über Kotka die Südküste entlang nach Helsinki zurück. Über diese Umrundung schrieb ich »Das kuriose Finnland-Buch«.

Trotzdem gab es auch für mich noch ein paar »weiße Flecken«, die ich immer schon füllen, Orte, die ich noch nicht kannte und besuchen wollte. Es mag überraschen, aber Helsinki gehörte auch dazu. Nie war ich länger als zwei Nächte dort. Gute Gründe also für meine nächste ausgedehnte nordische Reise. Aber wo ansetzen? Sollte ich mich auf eine Region konzentrieren? Wieder kreuz und quer durchs Land fahren? Ich suchte nach einem Motto, einer Fragestellung. Und dann hörte ich diese Meldung auf Deutschlandfunk Kultur: »Finnland führt erneut beim UN-Weltglücksreport.« Die Süddeutsche Zeitung schrieb am gleichen Tag: »Finnen sind am glücklichsten!« Die Zeit formulierte plakativ: »Arschbombe ins Glück«. Und im Netz fand ich eine Meldung vom Jahr zuvor aus der Neuen Züricher Zeitung: »In Finnland leben die glücklichsten Menschen.«

Heureka! Genau! Cool! Da war mein Thema, mein Leitfaden: Warum sind die Finnen so glücklich? Warum bin ich in Finnland so glücklich? Wie geht es anderen Deutschen hier im Norden? Und: Können Finnen auch in Deutschland glücklich sein?

Bisher hatte ich in meinen Büchern eher Orte beschrieben, Landschaften und kleine Erlebnisse oder Beobachtungen geschildert. Dieses Mal wollte ich zu den Menschen. Ich wollte meiner Faszination für alles Finnische weiter auf den Grund gehen, mich treiben lassen, aber eher andere zu Wort kommen lassen, Finnen und Deutsche. Abgesehen von einigen wenigen festen Verabredungen, hoffte ich auf zufällige Begegnungen. Um das vorwegzunehmen: Es wurden mehr als erhofft! Und alle haben meine Fragen nach dem Glück beantwortet, auf ganz unterschiedliche Weise. Was natürlich auch daran liegt, dass Glück als Begriff so schwer zu fassen ist, nicht eindeutig, sondern vielfältig und absolut individuell.

Glück ist ein Zauberwort, und jeder füllt es anders. Das Königreich Bhutan hat Glück 2008 sogar in die Verfassung aufgenommen. Glück ist dort Staatsziel, und das »Bruttonationalglück« gilt als wichtiger Indikator, wie in anderen Staaten das »Bruttoinlandsprodukt«. Bhutan hat sogar einen Glücksminister, Ha Vinh Tho. Der sagte in einem Interview mit dem Stern: »Glück ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann.«

Demnach haben die Finnen sehr gut gelernt, denn inzwischen haben sie schon viermal den ersten Platz im World Happiness Report belegt. Philosophen und Aphoristiker arbeiten sich seit Jahrhunderten am Glück ab. Albert Schweitzer sagte: »Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.« Buddha hat gesagt: »Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg.«

In Finnland gibt es ein Sprichwort: »On lottovoitto syntyä Suomessa« – »In Finnland geboren zu werden ist ein Lottogewinn.«

Für mich es ist schon ein Lottogewinn, dass ich mich auf diese neue Reise begeben kann. 33 Tage wird sie dauern. Ich will eine ganze Woche in Helsinki bleiben und dann nordwärts fahren, fast senkrecht empor durch das ganze Land, natürlich auch wieder nach Lahti, von da über Kuopio nach Rovaniemi, dann bis Inari in Lappland, von dort zurück über Ivalo, Oulu und die vielgerühmte Insel Hailuoto bis nach Tampere. Zum Abschluss noch einmal Helsinki, dann soll es mit der Fähre von Turku Richtung Schweden und weiter nach Dänemark und Deutschland gehen. An Tag 17 wird meine Lebensgefährtin Rita nach Finnland kommen, von da an werden wir gemeinsam im Land der Mitternachtssonne auf die Suche nach dem Glück gehen.

Tag 0Travemünde

Mit »Rücken« nach Finnland

Ruhesessel! Wie konnte ich nur auf diese bescheuerte Idee kommen?

Ich bin in Travemünde, an Bord der Finnlady, zum ersten Mal nehme ich diese Route. Normalerweise reise ich mit dem Auto über Fehmarn, durch Dänemark hindurch bis Stockholm und gehe erst dort an Bord einer Finnland-Fähre. Diesmal aber hatte ich kurz vor meiner Abreise einen Kabarettauftritt in Prerow; ich war sicher, dass es eine Fährverbindung zwischen Rostock und Helsinki geben würde. Gab es auch, bis sie eingestellt wurde – wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit, auch wenn ich das kaum glauben mochte. Dann eben Travemünde.

Wir liegen immer noch im Hafen, und ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie ich in meinem Ruhesessel sitzen soll. Ruhen geht gar nicht! Um 23.10 Uhr war mein »Boarding« erfolgt, jetzt ist es 2.20 Uhr. Drei Stunden hänge ich hier schon rum. In einer Dreiviertelstunde wird der Pott endlich ablegen, 29 Stunden später werden wir in Helsinki anlegen. Ein süßes Versprechen. Wenn mir nur mein Kreuz nicht so weh tun würde. Hier bekommt man sofort »Rücken«! Ich verfluche mich dafür, dass ich keine Kabine gebucht habe. Es fallen unangenehme Schimpfworte. Ich hatte Geld sparen wollen, und natürlich fand ich das auch irgendwie cool in so einem Sessel. Ein Anfall von Jugendlichkeit bei meiner Reiseplanung. Nun werde ich bitter konfrontiert mit meinem gereiften Körper.

»Gefühlte Dreißig«, so beantworte ich normalerweise Fragen nach meinem Alter. Angesichts der bevorstehenden zwei Nächte und einem Tag in dieser Holzklasse muss ich wohl ein paar Jahrzehnte dazupacken. Ruhesessel, das ist vielleicht etwas für Leute, die noch auf Ü-30-Partys gehen, aber nichts für einen alten Sack wie mich. Ich würde gerne ächzen und stöhnen, aber die Blöße kann und werde ich mir nicht geben. Niemals. Und jetzt geht um mich herum auch noch ein mehrstimmiges, vielbassiges Schnarchkonzert los!

2.45 Uhr. Ich wälze mich zweimal pro Sekunde in meinem Sessel herum. In 15 Minuten legen wir ab. Das Geschnarche nervt, es ist stickig und zu warm, dann wieder kühl. So stelle ich mir Wechseljahre vor. Ich wechsele auch, stehe auf und drehe eine Runde über die Decks. Mein Weg führt an der Rezeption vorbei. Die Dame dahinter führt ein Telefonat und schenkt mir ein flüchtiges Lächeln. Einer spontanen Eingebung folgend, bleibe ich stehen und warte. Nach einer Weile wendet sie sich mir zu.

»Was kann ich für Sie tun?«

Ich sage: »Sie können mich retten!«

Sie lacht.

»Das Boarding ist abgeschlossen?«

Sie nickt.

»Ist vielleicht eine Kabine frei geblieben? Die würde ich dann gerne nachträglich buchen. Ich habe nur einen Ruhesessel.«

Sie lächelt so mitleidig wie wissend.

»Sie haben Glück! Es sind sogar zwei Kabinen frei geblieben.«

Noch nie war ich so glücklich über meine Kreditkarte! Ich hole meinen Rucksack aus dem Schließfach, kaufe mir noch zwei Bier an der Bar, gehe in meine Kabine und setze mich auf die Koje. Ich nehme einen großen Schluck Bier und schaue aus dem Fenster auf die Hafenanlage von Travemünde, die mir jetzt aus dieser Innenperspektive in ihrer kühlen Funktionalität regelrecht romantisch zu sein scheint. Dann legt das Schiff ab. Ich notiere: »Glück ist, wenn du den Ruhesessel hinter dir lassen kannst.«

Glückstipp für die Anreise:

Wenn du genügend Zeit hast, dann verzichte auf die schnellere Fährverbindung ab Travemünde und genieße die Anreise über Dänemark und Schweden. Wenn das Fährschiff in Stockholm ablegt, beginnt die faszinierende Fahrt durch die Schären Richtung Åland-Inseln und weiter nach Turku, eine Route durch eine der schönsten Landschaften der Welt. Allein diese Schiffspassage ist das pure Glück.

Glückstipps für Stockholm:

Top-Tipp: Museum Fotografiska

Für Fans: ABBA-Museum

Für jeden: Vasa-Museum

Tag 1Ostsee

An Bord mit Mord

Ich schlage die Augen auf und bin glücklich! Dem Ruhesessel entkommen, habe ich wunderbar geschlafen. Jetzt aber schnell an Deck, zu einem Frühstückskaffee. Hier bekommt meine Laune einen kleinen Dämpfer. Ich hatte gehofft, schon an Bord des Fährschiffs eine gewisse nordische Leichtigkeit zu erleben. Auf den Decks erwartete ich Design und Großzügigkeit. Nach und nach stelle ich fest: Dieses Fährschiff hat nicht die touristischen Annehmlichkeiten der Schiffe auf der Route Stockholm-Turku, hier regiert Zweckmäßigkeit. Platz zum Lesen, Spielen, Sitzen oder Klönen findet sich wenig. Auch oben an Deck gibt es nur wenige Sitzplätze.

Trotzdem etwas Glück: Die Sonne scheint. Ich finde eine Ecke an Deck und fläze mich auf den Boden. Ich habe mir Bücher, Zeitungsartikel und meinen Reiselaptop eingepackt. Schließlich bin ich nicht nur zum Vergnügen hier, sondern will über das Glück in Finnland schreiben. Aber dazu gehört auch Entspannung, zum Start mit Spannungsliteratur. Ich schlage »Tage des letzten Schnees« auf, ein »Kimmo-Joentaa-Roman«, ein Krimi mit Spielort Turku. Ich bin also sozusagen mit Mord an Bord! Autor dieses Buches ist der deutsche Jan Costin Wagner. Er schreibt nicht nur Romane, die in Finnland angesiedelt sind, sondern ist auch mit einer Finnin verheiratet, mit Niina. Sie ist eigentlich Soziologin, inzwischen Künstlerin. Beide arbeiten auch als Übersetzer, etwa für die Werke von Antti Tuomainen.

Vor meiner Abreise hatte ich die beiden in Südhessen besucht, es gab Kaffee und finnisches Gebäck. Kennengelernt haben sich Jan und Niina in Frankreich, beide waren auf einer Interrailreise. Lange Jahre haben sie eine Fernbeziehung geführt. 28 Jahre ist es her, sagt Jan, dass er zum ersten Mal in den Norden reiste. »Ich hatte eigentlich nur den Wunsch, Niina wieder zu treffen. Aber ich kam an und dort zu sein, war sofort absolut schlüssig, stimmig. Finnland hat mich willkommen geheißen. Vor allem die Natur in diesem Land hat mich tief berührt.«

In Finnland hat Jan auch seinen ersten Roman geschrieben, »Nachtfahrt«, erschienen 2001. Seine Bücher sind inzwischen in viele Sprachen übersetzt, einige auch ins Finnische.

Wie ist der Blick des Paares auf die Menschen in beiden Ländern? Sind die Finnen verschlossen? Jan widerspricht sofort. »Verschlossen ist das falsche Wort. In sich gekehrt vielleicht. Im Sinne eines In-sich-Ruhens.«

Wo liegen die Unterschiede? Niina formuliert sehr vorsichtig, also typisch finnisch: »In Deutschland sind materielle Dinge schon etwas vorrangiger als in Finnland. Man spricht hier mehr über Geld. Autos sind wichtig, Statussymbole. In Finnland wäscht man sein Auto nicht so oft, nicht jeder hat eines, und es ist auch nicht so wichtig, welche Marke man fährt.«

Dafür habe in Finnland jeder sein Sommerhaus, aber das sei kein Statussymbol, sondern gehöre zum Alltag einfach dazu.

Jan ergänzt: »Hier in Deutschland wäre so etwas Luxus! ›Du, ich hab da noch ein Häuschen mit Sauna am See.‹ In Finnland ist das normal. Für alle gesellschaftlichen Schichten.«

Kann Niina erklären, warum die Finnen so glücklich sind? Schließlich sind sie seit Jahren unter den Top 10 beim Glücksreport, 2018, 2019 – und 2020, wie Monate später bekannt gegeben wird – sogar auf Platz 1. Worin liegt das Geheimnis dieser »Nordic Happiness«?

Niina als Soziologin betrachtet solche Untersuchungen kritisch. Kann man das Glück einer Nation überhaupt bewerten? Für sie selbst sei Entschleunigung ein wichtiger Faktor für Glück und Zufriedenheit. Die sei in Finnland quasi angelegt, um die müsse man hier nicht ringen, wie in Deutschland.

Jan meint: »Was auf jeden Fall prägend ist, ist eine gewisse Entspanntheit im Umgang mit den Anforderungen, die das Leben stellt. Man muss nicht einen bestimmten Lebensweg vorweisen, damit man etwas gilt. Das scheint mir in Deutschland wesentlich ausgeprägter. In Finnland jedenfalls sehe ich das als einen wichtigen Zufriedenheitsfaktor, als einen Glückskatalysator, dass dieser Druck fehlt.«

Niina stimmt ihm zu: »In Deutschland geht es oft um Leistung, auch innerhalb der Familien. Die Kinder müssen etwas nachweisen. Es ist sehr angenehm in Finnland, dass die Leute den Selbstwert eines Menschen erkennen. Komm, wie du bist. Sei, wie du bist! Und ich denke, das ist ein wesentlicher Schlüssel zum Glück.«

Glückstipp für die Überfahrt, egal auf welcher Strecke:

Lies dich ein in finnische Welten!

Krimi: Jan Costin Wagners »Kimmo-Joentaa«-Romane

Unterhaltung: Tuomas Kyrö, »Bettler und Hase«

Schwere Kost, aber grandios: Katja Kettu, »Wildauge«

Klassisch finnisch: »Kalevala«, das finnische Nationalepos, kompakt nacherzählt von Tilman Spreckelsen

Biographie: Tuula Karjalainen, »Tove Jansson«, eine Biographie über die Erfinderin der legendären Mumins

Tag 1Ostsee

Der unglückliche Cowboy

Später Nachmittag, fast schon Abend. Ich hole mir ein Bier, lehne mich an die Reling und fotografiere mich mit dem Getränk. Das Bild schicke ich an Lyle. »Mein erstes finnisches Bier, kurz vor Finnland!«, schreibe ich dazu. Er schickt mir einen erhobenen Daumen zurück.

Lyle Närvänen, Gitarrist und Mitglied der legendären »Leningrad Cowboys«. Mit der Band ist er auch in Kurz- und Spielfilmen beider Kaurismäki-Brüder zu sehen. Heute spielt er nur noch aus Spaß, aber das viel und oft. Lyle lebt glücklich in Frankfurt, seit mehr als 25 Jahren. »Ein halbes Leben«, sagt er verschmitzt.

Ich war für meine »Vorrecherche« direkt von Niina und Jan zu Lyle gefahren, sie wohnen keine 30 Kilometer auseinander. Wir sitzen im Café »Metropol« und Lyle bestellt »Ebbelwoi«, Apfelwein. Er grinst und sagt: »Ich bin integriert!«

Geboren ist er in Turku. Ein Stadtkind, wie er selber sagt. Koch hat er gelernt, auf der Suomen Joutsen, einem Dreimaster, auf Deutsch »Finnischer Schwan«. Heute ist das ein Museumsschiff und liegt inzwischen in Lyles Heimatstadt auf dem Aurajoki. Nach den Jahren im Showgeschäft ist er inzwischen in seinen bürgerlichen Beruf zurückgekehrt. »Ich arbeite halbtags als Koch, in einem Kindergarten in Offenbach. 75 Kinder, für die ich jeden Tag koche. Diese Stunden für die Kinder und mit den Kindern, das ist kein Stress, wie ich das aus Restaurants kenne. Es macht mir Riesenspaß. Abends bin ich dann meistens unterwegs, um Musik zu machen.« Die Musik ist immer noch ein wichtiges Element in seinem Leben, aber eben nicht mehr der Brotberuf. Lyle spielt in Frankfurt mit dem »Rock’n’Roll Revolution Club«. »Beatles, Stones, den ganzen Kram, das ist ganz witzig.«

»Lyle, angeblich sind die Finnen die glücklichsten Menschen der Welt. Was macht die Finnen so glücklich?«

»Die Finnen? Glücklich? Oh, das ist eine gute Frage! Ich weiß es nicht. Also ich jedenfalls war nicht so glücklich da.«

Ein unglücklicher Leningrad Cowboy also, zumindest solange er in Finnland war.

»Ich dachte schon mit 15: Nee, ich muss hier raus! Ich hab auch diese langen Winter nicht so gut vertragen. Ich wusste, ich will woanders leben. Das Land war dabei gar nicht so wichtig, Hauptsache, in Europa. Ich sehe mich als Europäer, das ist meine Nation.«

Und dann hat Lyle für einen Finnen sogar einen regelrechten Ausbruch: »Das muss weitergehen mit Europa! Was hier jetzt gerade passiert, wie sehr Europa jetzt von einigen in Frage gestellt wird, das ist wirklich übel. Die Leute kapieren nicht, was sie hier aufs Spiel setzen. So eine großartige Sache wie die EU!«

Immerhin hat Lyle als Bandmitglied viel beigetragen zu europäischen Versöhnungen, mindestens zwischen Finnland und Russland. Es gab die legendären Auftritte der »Leningrad Cowboys« mit dem »Alexandrow-Ensemble«, der Chor- und Tanztruppe der Roten Armee. Von diesen Auftritten gibt es auch einen Dokumentarfilm, den Meisterregisseur Aki Kaurismäki drehte, der einige Jahre zuvor die »Leningrad Cowboys« noch als fiktive Band für einen Film erfunden hatte, zusammen mit den Drehbuchautoren und Bandmitgliedern Sakke Järvenpää und Mato Valtonen. Die beiden waren Bandmitglieder der legendären finnischen Band »Sleepy Sleepers«.

Der erste Film, »Leningrad Cowboys go America«, wurde ein gigantischer Erfolg. Im zweiten – »Leningrad Cowboys meet Moses« – spielte auch Lyle, inzwischen Bandmitglied, mit. Alle Welt wollte diese Band plötzlich live sehen, die überwiegend sehr schräge Coverversionen spielte.

»Die berühmteste Top 40 Band der Welt?«, frage ich.

Lyle grinst: »Ja, das kann man schon sagen.«

»Verrätst du das Geheimnis der Tolle?«

»Das waren Toupets, bald einen halben Meter lang, gemacht aus echten Haaren. Die wurden dann mit Haarnadeln festgesteckt. Fünf Stück brauchte ich und eine halbe Flasche Haarspray. Das hat dann immer zweieinhalb Stunden Konzert durchgehalten.«

Ich habe die Band auf Festivals und in Clubs gesehen. Ihre Konzerte waren phantastische Shows, mit großer Vitalität, Virtuosität und Komik. In Finnland hatten sie eine Comedy Serie, »Viemäri TV«. »Abfluss TV«. Lyle war insgesamt fünf Jahre mit den »Leningrad Cowboys« auf Tour. »Als Musiker habe ich viele Länder gesehen. Alles war irgendwie Rock’n’Roll. Tja, und dann habe ich diese nette Dame kennengelernt. In Karlsruhe. Wir wurden ein Paar, und dann ging es hin und her, Finnland-Deutschland. Irgendwann meinte sie, sie könne auch in Finnland leben, aber ich habe dankend abgelehnt. Ich habe mir gesagt: Jetzt ist die Gelegenheit da, auf die ich immer gewartet habe. Und dann bin ich nach Deutschland gegangen.«

Und so wurde, trotz späterer Trennung, aber mit neuer Liebe, aus dem unglücklichen Finnen ein glücklicher Frankfurter.

Glückstipp:

Eine lange Filmnacht mit allen Filmen und Kurzfilmen der »Leningrad Cowboys« von Aki Kaurismäki.

Zurückgeblättert (1)

100 Jahre Finnland

Ich liege in meiner Kabine und nutze die Zeit bis zur Ankunft in Helsinki morgen früh, um mich ein wenig einzulesen. In meinem Rechner finde ich eine »Auftragsarbeit«, eine Kolumne für die »taz Wahrheit«, die tägliche Satire-Seite der tageszeitung aus Berlin. Ich war gebeten worden, eine kleine Ehrung zu schreiben zum finnischen Staatsjubiläum, der Hundert-Jahr-Feier 2017. Ein Finnland-Kenner wird vielleicht manch Typisches und Liebgewonnenes erkennen, manches auch, über das ich bereits geschrieben habe. Für Finnland-Novizen ist es ein unerlässlicher Crashkurs:

Onnea satavuotiaalle Suomelle – Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag, Suomi.

»Rentier, Elche, Sauna, See / Dunkle Winter voller Schnee / wenig Menschen und kein Wein / Da wirst du wohl in Finnland sein.«

Das waren die ersten Sätze, die ich als junger Dichter vor Jahren schrieb, als ich in Lahti erstmals am Ufer des Vesijärvi entlangwanderte, mit Blick auf die drei majestätischen Skisprungschanzen. Diese Schanzen werden im Winter von allen Finnen benutzt für die alltäglichen Besorgungen. Nur mit Skisprung kommt man noch über die Schneemassen hinweg zur Post, zum Einkauf, zu Stationen und Ladentüren. Finnland liegt schon seit Oktober unter einer meterdicken Schneedecke, die erst im April langsam wieder zu tauen beginnt. Unter dieser Decke aber ist emsiges Leben. Und 2017 war das Leben emsiger denn je, denn Finnland bereitete sich ab Januar auf die größte Feier aller Zeiten vor. Hundert Jahre zuvor, am 6. Dezember 1917, hatte das finnische Parlament im Nachgang der russischen Oktoberrevolution die Unabhängigkeit von Russland erklärt, zu dem es da gerade gehörte.

Seither geht hier alles seinen gewohnten finnischen Gang: Saunen brodeln, Glögi gluckert und Rentierschinken werden vom Finnen verspeist, als würde Obelix am Wildschwein knabbern. Auf zugefrorenen Seen und Flüssen brausen die Finnen auf dem legendären Winterreifen »Nokian Hakkapeliitta« herum. Benannt ist er nach den mythischen finnischen Reitertruppen, die im Dreißigjährigen Krieg für Schweden kämpften, den Hakkapeliitta, und bis heute feuern die Fans das finnische Fußballnationalteam an mit dem Ruf »hakkaa päälle, hakkaa päälle« – »hau drauf«!

Der Finne blieb auch im Vorfeld der Riesenfeier absolut bescheiden. Selbst der aktuell größte Finne in Deutschland, Popstar Samu Haber, macht sich gern klein und fragt bei der Castingsendung »Voice of Germany« höflich ins Geplänkel: »Darf der Finne auch mal etwas sagen?« Ein Jahr zuvor, 2016, war Nico Rosberg, in Wiesbaden geborener Finne, Formel-1-Weltmeister geworden und nahm diesen Erfolg so bescheiden auf, dass er mit Gewinn der Weltmeisterschaft sofort vom Rennsport zurücktrat und den Titel künftig anderen überließ.

Eigentlich weiß man wenig über die Finnen. Viele, nicht nur unendlich weit südlich siedelnde Spanier, auch sehr nah dran wohnende Dänen glauben, zumindest der Norden Finnlands sei »Arktis«, fragen nach Eisbären und Pinguinen, was nebeneinander sowieso völliger Quatsch ist. Der Polarkreis bei Rovaniemi ist weit entfernt von Arktis und Pol. Die Sami, die Ureinwohner in Finnlands Norden, in Lappland, müssen im Sommer den vielen angereisten Japanern, aber auch manchem Touristen aus Helsinki erklären, dass sie nicht im Iglu leben und dass Rentiere keine Elche sind.

Aber jeder Finne weiß: Der Joulupukki, der Weihnachtsmann, lebt auf dem Korvatunturi, dem Ohrenberg, wo seine Joulutonttus, die Weihnachtswichtel, Geschenke basteln oder aber mit Überwachungsaufgaben beschäftigt sind. Auf diesem Berg ist die dienstälteste und gleichzeitig effektivste Abhörstation der Welt. Die CIA, der MI6, der BND und auch die finnische Supo, die Suojelupoliisi, wie der finnische Sicherheitsdienst heißt – sie alle können dagegen einpacken. Vom Korvatunturi wird weltweit gelauscht, ob die Kinder brav gewesen sind. Über die Ergebnisse wird dort oben im Norden Finnlands gewissenhaft Buch geführt, und die Kids können dann unter dem Gabentisch die Ergebnisse der Überwachung suchen gehen.

Der Joulupukki hat seine Firmenniederlassung (finnisch: Oy) allerdings in Rovaniemi, wo sich bis zum 2. Juli 2013 dazu noch Europas nördlichster McDonald’s befand. Am nämlichen Tage eröffnete dann aber eine Filiale im russischen Murmansk am Kolski Prospekt 101. Egal, Finnland hat genügend eigenes Einzigartiges. Das Land Suomi hat in seinen hundert Jahren Unfassbares hervorgebracht: den Schrei-Chor »Mieskuoro Huutajat« oder »Apocalyptica«, die »Metallica«-Songs auf dem Violoncello spielen. Jukka Ammondt, eigentlich Literaturprofessor, singt finnische Tangos und Songs von Elvis auf Latein und bekam dafür eine Ehrung vom Vatikan – wegen seiner Verdienste um die lateinische Sprache. Und Aki Kaurismäki und sein Bruder Mika schenken der Welt mit ihrer einzigartigen Bildsprache wunderbarste Filme, oft komisch, aber immer berührend.

Der Finne macht vor nichts halt. In seinem Reisepass läuft ein Elch als Daumenkino. Die Finnen sind nicht umsonst führend im Ersinnen unnützer Weltmeisterschaften und dominieren diese Wettbewerbe zugleich. Die Weltrekorde im Gummistiefelweitwurf halten bei beiden Geschlechtern selbstverständlich Finnen, die auch das Frauenwetttragen und die Luftgitarren-WM in Oulu erfunden haben. Ihr Ziel, sagen die Veranstalter, sei der Weltfrieden, »denn wer eine Luftgitarre in Händen hält, kann keine Waffe tragen«.

Aber – niemand ist vollkommen, und wo im Sommer so viel Licht ist, da muss ja auch ein ganzjähriger Schatten sein: die Atomkraft. Der Finne kann es nicht lassen, obwohl der Bau des letzten Kernkraftwerks – Olkiluoto Block III – ein Desaster ist, das Berliner-Flughafen-Ausmaße hat. Atom wegen Strom, sagen sie, denn sie haben einen elendig hohen Stromverbrauch. Leider ist auch hier der Finne Weltmeister in Europa.

Dieses Finnland, Heimat der Tonttus und Mumins, der Lordis und Habers, feiert 2017 das hundertjährige Staatsjubiläum. Nach Jahrhunderten unter schwedischer, dann noch mal hundert Jahren unter russischer Herrschaft konnten die Finnen endlich einen autonomen Staat gründen. Ihren eigenen Kopf hatten sie da längst. Als eigenständige Provinz beschlossen sie schon im Jahr 1906 als erstes europäisches Land das Frauenwahlrecht, aktiv wie passiv! Somit gibt es 2017 in Finnland noch ein zweites Jubiläum – 111 Jahre Frauenwahlrecht.

Auch dazu Onnea. Glückwunsch.

Also Finnland – voran! Und dann wurde gefeiert. Ein ganzes Jahr lang bis zum Jahreswechsel 2018. Ein finnisches Sprichwort lautet: »Man ist nicht zu betrunken, solange man auf dem Boden liegen kann, ohne sich festzuhalten.«

Tag 2Helsinki

Husch, husch aufs Rad

Ankunft in Helsinki, endlich! Und ich werde empfangen wie ein alter Freund. Es ist früher Samstagmorgen, als die Fähre anlegt. Ich rolle mit dem Auto über die Rampe auf das finnische Festland und reihe mich dort in eine der Warteschlangen ein. Drei Zollbeamte warten, zwei Männer, eine Frau. Ich stoppe, lasse das Fenster herunter und rufe ihnen ungefragt, übermütig und lächelnd zu: »Terve! Moimoi!« Beides heißt auf Deutsch: »Hallo.« Oder: »Guten Tag.« Das ist im Land der schweigsamen Menschen mindestens ein Hallo zu viel.

Die Zollbeamtin, die Hände tief in den hochangesetzten Seitentaschen ihrer Uniformjacke, beugt sich herunter, schaut routiniert an mir vorbei in den Innenraum meines Autos, sieht finnische CDs und Lakritz von Halva und blickt mir kurz in die Augen. Dann sagt sie grinsend: »Husch! Husch!« Eine Ankunft wie ein charmanter Kuss. Mich hat sie damit schon glücklich gemacht.

Kein Vergleich zu dem mürrischen Autofähreneinweiser in Travemünde. Dem hatte es selbst vor dem Boarding nicht schnell genug gehen können, Zeit ist Geld und vor allem Platz ist Geld. Schon in der Warteschlange im Hafen hatte er mich auf Millimeter an den Vordermann herangewunken. Mein Abstandssignal hatte hektisch gefiept. Wem von beiden sollte ich vertrauen? Und was waren jeweils die Folgen, wenn nicht? Ich war froh, dass mein Rucksack schon auf dem Beifahrersitz neben mir stand, denn an Bord wurde es noch enger. Auf der Fähre war mein Fahrradträger so eingekeilt, dass ich gar nicht mehr an den Kofferraum herangekommen wäre. Das war hoffentlich der letzte Stressmoment auf meiner Reise zum Glück. Aber eindeutig noch auf deutschem Staatsgebiet. Ab dafür! Oder: Haken dran. Jetzt ist Finnland!

Ich rufe der Beamtin zu: »Hei-hei!« Tschüss! Dann folge ich dem Schild mit der Aufschrift »Keskusta«, Stadtmitte. Zu den Klängen meiner Lieblingsband »Marko Haavisto & Poutahaukat« bin ich – »Husch! Husch!« – bei meinem Hotel. Es hat eine Tiefgarage und einen Fahrradraum.

Nach dem Einchecken nehme ich mein Rad vom Gepäckträger und radele bei schönstem Sommerwetter in die City. Ein Fuß- und Fahrradweg – genannt Baana – führt direkt ins Zentrum. Der Weg wurde auf einer ehemaligen Bahnstrecke errichtet und wird jährlich von rund 700000 Radfahrern genutzt. Mit mir sind es nun 700001. Unterwegs erleide ich einen kleinen Kulturschock, denn Helsinki hat jetzt schon, was uns erst bevorsteht: E-Scooter! Manche stehen sauber aufgereiht am Wegesrand, andere fliegen kreuz und quer in der Gegend herum. Es ist Samstagvormittag, und offensichtlich waren nicht mehr alle feierwütigen Scooterfahrer der vorangegangenen Nacht nüchtern genug oder willens, ihre Gefährte ordentlich abzustellen.

Von diesen kleinen Hindernissen abgesehen, ist es ein Vergnügen, die Baana entlangzusausen. Ich komme am Kiasma vorbei, dem faszinierenden Museum für moderne Kunst – ein spektakulärer bogenförmiger Bau mit einer Fassade aus Aluminium und Glas. Weiter geht es Richtung Bahnhof, dann querbeet durch die Fußgängerzone bis zum Hafen am Markt. Hier halte ich mich rechts und fahre, jetzt im Uhrzeigersinn, am Wasser entlang. Ich muss aufpassen, dass ich nicht auf einer der vielen Halbinseln lande, die immer wieder abzweigen. Im Grunde drehe ich eine Runde ums Zentrum. Hietalahti, Ruoholahti, dann vorbei am Hauptfriedhof Hietaniemi, und jetzt bin ich zwar fast wieder an meinem Hotel, aber ich radele noch ein Stück weiter, zum Sibelius-Denkmal, dem Sibelius-monumentti, errichtet in Erinnerung an Jean Sibelius, den wohl wichtigsten und bekanntesten aller finnischen Komponisten. Es ist ein gigantisches, abstraktes Gebilde aus über 600 unterschiedlich langen, senkrecht arrangierten Stahlröhren, beeindruckende 8,5 x 10 Meter groß. Es wirkt wie eine silberne Kumuluswolke, die sich hier auf felsigem Grund auftürmt. Es bekam von den Finnen den Spitznamen »singendes Denkmal«, denn bei windigem Wetter werden die Metallröhren sozusagen zu Orgelpfeifen.

Das Kunstwerk wurde 1967, zehn Jahre nach dem Tod des Komponisten, eingeweiht. Ungewöhnlich für die damalige Zeit wurde es von einer Künstlerin gestaltet, von Eila Hiltunen (1922–2003). Die Einweihung sorgte für einen Skandal, zu spektakulär für manchen Würdenträger war das Ergebnis. Hiltunen musste zahlreiche Anfeindungen hinnehmen, sogar ihr Honorar wurde gekürzt. Mit nur einem Fachgehilfen, so die Übersetzerin und Autorin Angela Plöger in der Deutsch-Finnischen Rundschau, der Zeitschrift der Deutsch-Finnischen Gesellschaft, schweißte sie das Monument eigenhändig zusammen, eine Mammutaufgabe über vier Jahre, die nicht ohne gesundheitliche Folgen blieb.

Ich bin stark beeindruckt von der Wirkung dieses Denkmals. Fast noch beeindruckender sind die zahllosen Reisebusse, die hier parken und aus denen die Besucher nur so herausströmen. Mehr als 500000 jährlich sollen es sein, mit mir sind es nun 500001.

Auf dem Rückweg singe ich laut vor mich hin. Ein Lied des so großartigen wie skurrilen finnischen Künstlers M.A. Numminen, es heißt »Fahrradfahren ist notwendig«. Eine Strophe lautet:

Fahrrad heißt genug Geschwindigkeit

Fahrrad heißt Licht in der Dunkelheit

Fahrrad ist gesund und liefert mehr

Sauerstoff ins Gehirn und schärft die Sinne sehr

Ja, meine Sinne sind geschärft, ich kann gar nicht so viel aufnehmen, wie ich auf meiner Tour entdecke. Am Abend bummele ich noch durch den Stadtteil Kamppi. Ich genieße das finnische Stimmgewirr rundum, es fasziniert mich bei jeder Reise neu, auch wenn ich kein Wort verstehe.

Glückstipp:

Mit dem Rad durch und rund um Helsinki! Dabei unbedingt einen Abstecher zum Sibelius-Denkmal machen, vor allem, wenn es windig ist. Und dann einfach die Ohren aufsperren.

Tag 3Helsinki

Tanzen ist Träumen auf zwei Beinen

Heute bin ich mit Susanna und Michael verabredet, die ich vor ein paar Jahren hier auf dem Sommerfest der Deutschen Botschaft kennengelernt habe – und durch sie die Deutsche Kirche von Helsinki. Es ist Sonntagmorgen, wir wollen uns in der Kirche treffen, wo die beiden gerade den Küster vertreten. Nach Jahren der Abstinenz werde ich so Gelegenheit haben, endlich auch mal wieder einen Gottesdienst zu besuchen.

Ehrenamtlich unterstützen Susanna Vironmäki und ihr Ehemann Michael Diedrichs die gemeindliche Arbeit. Er ist dazu als Graphiker professionell verantwortlich für das Gemeindeblatt Deutsch-Evangelisch in Finnland, den Internetauftritt der Kirche und die gestreamten Gottesdienste.

Die Saksalainen Kirkko, wie sie auf Finnisch heißt, steht auf einem echten Sahnegrundstück, direkt am Hafen, Bernhardinkatu 4. Man findet sie etwas oberhalb vom Markt und der legendären Markthalle. Ein Schmuckstück. Neugotisch, für Interessierte: Geplant und gebaut von den Architekten Harald Bosse und C.J. von Heideken, fertiggestellt 1864. Zum 150-jährigen Jubiläum erschien eine umfangreiche Festschrift. In Helsinki ist sie eine der beliebtesten Hochzeitskirchen, aber die Touristen und Reisenden kennen sie kaum. Im Grunde findet man sie in keinem der gängigen Reiseführer.

Auf Schwedisch heißt die Kirche Tyska Kyrkan. Das Schwedische ist hier wichtig, denn Finnland ist zweisprachig, eigentlich dreisprachig. Das Samische wird meist nicht genannt. Die verschiedenen Dialekte der samischen Minderheiten in Lappland sind – tragischerweise – oft ebenso wenig im Bewusstsein der übrigen Bevölkerung wie die Sámi selbst.

Zur heutigen Predigt sind nur wenige Besucher gekommen. Auch die deutschen Finnen sind größtenteils in ihren Sommerhäusern oder anderweitig auf Reisen. Zudem kämpft die zwar mitgliedermäßig noch sehr starke Kirche in Finnland auch hier mit den gleichen Problemen wie überall: Bei vielen beschränken sich die Gottesdienstbesuche auf traditionelle Feiertage und private Ereignisse wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen.

Nach dem Gottesdienst gibt es für die Besucher Kaffee und Kuchen. Danach setzen Susanna, Michael und ich uns in den Kirchengarten. Zeit für ein Gespräch mit der langjährigen Primaballerina des finnischen Staatsballetts, denn genau das war Susanna, bevor sie Ballettlehrerin wurde. Michael umhegt uns, holt Kaffee, und nimmt sich selber zurück. Sehr finnisch also schon.

Susanna unterrichtet mittlerweile an der Suomen Kansallisooperan ja -baletin Balettioppilaitos, der Ballettschule der Finnischen Nationaloper und des Nationalballetts. Die Ballettschüler trainieren schulbegleitend, vergleichbar mit einem Sportgymnasium. Die Einrichtung bietet die einzige staatliche Ausbildung für Tänzerinnen und Tänzer in Finnland. Die Kinder beginnen mit Schuleintritt, im Alter von sieben Jahren, mit ein bis zwei Trainingseinheiten in der Woche. Das steigert sich dann mit den Schuljahren, die Fächer werden erweitert um Akrobatik, Musik und andere Fächer. Wer bis zum Ende dabeibleibt, macht neben dem Abitur ein zweites Examen in Tanz und ist dann mit etwa 18 oder 19 Jahren ausgebildeter Tänzer, bereit für den Berufseinstieg. Susanna sagt: »Die Karriere dauert ja nur wenige Jahre, da muss man dann schon früh anfangen.«

Ein finnisches Sprichwort sagt: »Tanssi on unta jalkojen kanssa« – »Tanzen ist Träumen auf zwei Beinen.« Wie entdeckte sie das Tanzen für sich? Lachend sagt Susanna: »Meine Mutter war schuld. Sie wollte tanzen, als sie klein war, hatte aber nicht die Möglichkeit. Wir waren gerade umgezogen, ich war zehn Jahre alt und in dieser neuen Wohnsiedlung war eine Tanzschule. Meine Mutter hat die ganze Familie angemeldet für unterschiedlichen Tanzunterricht.« Susanna war diejenige, die dabeiblieb, auch nach dem späteren Umzug in die Landeshauptstadt.

»In Helsinki hat sich meine Mutter wieder mal eingemischt und die damalige Direktorin der Schule kontaktiert, an der ich jetzt selbst unterrichte.« Susanna wurde zuerst für ein halbes Jahr zur Probe an der Ooppera aufgenommen. Ooppera und Baletti, die finnische Nationaloper und das finnische Nationalballett, heißen mit vollem Namen in Landessprache Suomen Kansallisooppera & Suomen Kansallisbaletti. Es ist im Grunde das einzige professionelle Ballettensemble Finnlands. In Deutschland haben viele Theater und Städte eigene Kompanien, hier hat nur noch das Stadttheater Helsinki, Helsingin Kaupunginteatteri, eine eher auf Musicals spezialisierte Company. Außerdem werden einige freie Gruppen gefördert.

»Zwei oder drei Jahre später bekam ich den Vertrag als Tänzerin«, erzählt Susanna, als sei es ein Beruf wie jeder andere.

Aber wie kam es zu der Entscheidung, das Tanzen zur Profession zu machen, Künstlerin zu werden?

»Es ist einfach passiert. Ich habe das gar nicht richtig entschieden. Das war wie ein normales Weitergehen. Was ich die ganze Zeit mit Begeisterung gemacht habe, ging auf einer neuen Stufe weiter.«

»Hast du als Kind geträumt davon, Tänzerin zu werden?«

»Nein, wirklich nicht. Bevor ich angefangen habe, selber zu tanzen, kannte ich das Ballett als Kunstform gar nicht. Erst später sind wir in die Oper und ins Ballett gegangen, um uns Aufführungen anzuschauen, und dadurch wurde mir erst klar, was das ist, als Beruf. Aber den Traum, Tänzerin zu werden, hatte ich nicht.«

Sie versucht zu beschreiben, wie man zu diesem ungewöhnlichen Beruf gelangt: »Alles beginnt und hängt davon ab, was du erlebt hast, als du klein warst. Wenn du mit deinen Eltern zu Aufführungen gehst. Wenn du dann bereit bist für die Schönheit und die Musik. Bei mir war ›Schwanensee‹ von Tschaikowski der Auslöser. Ein Weihnachtsgeschenk meiner Eltern. Die Musik habe ich anschließend von vorne bis hinten immer wieder gehört und tue das bis heute.«

Worin besteht für Susanna das Glück beim Tanzen? »Es ist die Verbindung von Musik und der Bewegung dazu. Musik ist für mich der wichtigste Baustein. Durch sie kommen Genuss und Freude.«

Was waren ihre großen Erfolge? Sie sagt es nicht spezifisch, sondern fasst es unerwartet und anders: »Es ist die Vielfalt, auf die ich stolz bin, die vielen verschiedenen Rollen. Damals war ja noch ein großer Unterschied zwischen klassischem Ballett und modernem Tanz. Erst in meiner Generation begannen die Grenzen langsam zu fließen. Auch unser Programm wurde dadurch vielfältiger.«

Susanna hat die Hauptrollen getanzt, aber auch im Corps de Ballet, also in der Gruppe. »Begonnen habe ich mit kleinen Soloauftritten, dann kamen die Hauptrollen – und von da ging es dann irgendwann auch wieder rückwärts. Als ich älter wurde, tanzte ich wieder in der Gruppe«, sagt sie lachend. »Ganz am Schluss waren da auch sogenannte Gehrollen dabei, wo man nicht mehr viel tanzt, sondern eher schauspielerisch agiert. Aber immerhin spielte ich da oft die Königin!«

Insgesamt 25 Jahre hat sie getanzt. Die Zeit, in der man top ist, ist relativ kurz. »Ich glaube, es sind so sechs oder sieben Jahre, über die man das höchste Niveau halten kann. Dann merkst du, dass du physisch nicht mehr so kannst, dass du nicht mehr so fit bist.«

Hat Susanna das Tanzen immer genießen können? »Am Anfang kämpfst du mit dem, was du alles nicht kannst und bist so selbstkritisch, dass du nicht entspannen kannst. Erst wenn du mit den Jahren die Erfahrung hast, kommt der Genuss. Und dieser Genuss, die Freude am Tanz, das ist für mich Glück.«

Wie war der berufliche Übergang von der aktiven Tänzerin zur Trainerin? Gibt es dafür eine Ausbildung in Finnland?

»Das war ganz lustig, und wieder etwas, was ich nicht selbst entschieden habe. Mir wurde angeboten, an einem Sonderprogramm teilzunehmen, wo ich pädagogisch geschult wurde. Aber immerhin, dieses Mal war nicht meine Mutter schuld!« Und dann lacht sie erneut ihr strahlendes Lachen.

Glückstipp:

Auch für Atheisten, Glaubensferne und Kirchenkritische: Gehe zu einem Sonntagsgottesdienst in der Deutschen Kirche in Helsinki und genieße anschließend die zwanglose Atmosphäre. Bei Kaffee und Gebäck ist man zu Gesprächen eingeladen.

Tag 4Helsinki

Die Oodi

Heute steht der neueste Hotspot der Stadt auf meinem Programm: die Oodi, die neue Stadtbibliothek. Die ganze Welt hatte darüber berichtet, als sie Ende 2018 eröffnet wurde. Oodi, auf Deutsch »Ode«. Was für ein wunderbar poetischer Name für dieses jüngste und modernste Zentrum finnischer Kultur und finnischen Seins. Sie ist zwar »nur« eine Stadtteilbibliothek, die Pasilan kirjasto bleibt weiterhin die Zentralbibliothek von Helsinki, aber trotzdem schaffte es die Eröffnung dieses beeindruckenden Neubaus sogar bis auf die Titelseite der New York Times.

Gegenüber liegt das Reichstagsgebäude, Sitz der finnischen Regierung, und das Nationalmuseum. Umstanden ist die Oodi vom Kunstmuseum Kiasma und der Musiikkitalo, dem Konzerthaus und Sitz der einzigen Musikhochschule Finnlands, der Sibelius-Akademie.

Das neue Gebäude ist ein absoluter Blickfang und weit mehr als eine Stadtteilbibliothek, die Oodi ist ein Kulturzentrum. In der Planungsphase waren die Bürger eingebunden und haben ihre Wünsche eingesandt und diskutiert. Das Einzige, was vielleicht fehlt, ist eine Sauna. Aber soll man monieren, wenn mal ein Gebäude im Land keine hat? Und sicher wäre die ständig überlaufen.

Elina Kritzokat, Finnisch-Übersetzerin mit Wohnsitz in Berlin, hatte mir die Oodi kurz vor meiner Abreise extra