Finstere Versprechen - J.W. Ocker - E-Book

Finstere Versprechen E-Book

J.W. Ocker

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Beschreibung

Faszinierende Einblicke in die verborgene Welt der Sekten

Eingeschworene Gruppen, deren Mitglieder durch Gehirnwäsche unter Kontrolle gehalten werden, damit sie die kruden Machenschaften ihrer Anführer verbergen – Sekten üben eine ungemeine Faszination aus, gleichzeitig ängstigt man sich vor ihnen. Wie kommt es, dass ganz normale intelligente Bürger in die Fänge von Kulten geraten?

In dieser fesselnden Geschichtensammlung offenbaren sich die Abgründe der bekanntesten Sekten der Weltgeschichte: Menschenhandel, Opfergaben, Massensuizide, UFO-Glaube, Drogenmissbrauch, Ausbeutung, Mord.
J. W. Ocker beleuchtet die Anziehungskraft der bekanntesten Sekten der Welt, analysiert deren psychologischen und soziologischen Strukturen und liefert damit packende Unterhaltung.

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Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Eingeschworene Gruppen, deren Mitglieder durch Gehirnwäsche unter Kontrolle gehalten werden, damit sie die kruden Machenschaften ihrer Anführer verbergen – Sekten üben eine ungemeine Faszination aus, gleichzeitig ängstigt man sich vor ihnen. Wie kommt es, dass ganz normale intelligente Bürger in die Fänge von Kulten geraten?

In dieser fesselnden Geschichtensammlung offenbaren sich die Abgründe der bekanntesten Sekten der Weltgeschichte: Menschenhandel, Opfergaben, Massensuizide, UFO-Glaube, Drogenmissbrauch, Ausbeutung, Mord. J.W. Ocker beleuchtet die Anziehungskraft der bekanntesten Sekten der Welt, analysiert deren psychologische und soziologische Strukturen und liefert damit packende Unterhaltung.

Autor

J.W. (Jason) Ocker ist ein mit dem Edgar Award ausgezeichneter Reiseschriftsteller, Horrorromanautor und Blogger.

J.W. Ocker

Finstere Versprechen

30 unheimliche Sekten und Kulte – wie sie uns fangen und manipulieren

Aus dem Englischenvon Christine Heinzius

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Cult Following« bei Quirk Books, Philadelphia.

Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber ausfindig zu machen, verlagsüblich zu nennen und zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall aufgrund der schlechten Quellenlage bedauerlicherweise einmal nicht möglich gewesen sein, werden wir begründete Ansprüche selbstverständlich erfüllen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Deutsche Erstausgabe November 2025

Copyright © 2024 der Originalausgabe: J.W. Ocker

Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe: Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Andrea Kalbe

Illustrationen: Shutterstock/Anna_leni, Shutterstock/Gorbash Varvara, Shutterstock/polygraphus

Umschlag: Uno Werbeagentur, München, nach einem Design von Elissa Flanigan

Umschlagmotiv: Joshua Noom

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

AR ∙ CF

ISBN 978-3-641-33586-1V001

www.goldmann-verlag.de

Für Christian Haunton

aus Literatur- wie Lebensgründen

Inhalt

Einleitung

AUFDERSUCHENACHDERWAHRHEIT

RAËLISMUS

KORESHANUNITY

HOMEOFTRUTH

JOHN-FRUM-BEWEGUNG

DAS S-WORT

CHENTAO

ORDOTEMPLIORIENTIS

DIVINEORDEROFTHEROYALARMSOFTHEGREATELEVEN

AUFDERSUCHENACHSCHUTZ

PEOPLESTEMPLE

ANTHILLKIDS

LOSNARCOSATÁNICOS

HIMMLISCHESJERUSALEM

KULTUNDOKKULT

MANSONFAMILY

AUFDERSUCHENACHSINN

CHILDRENOFGOD

BHAGWAN

AUMSHINRIKYO

FANKULTUNDSEKTEN

SULLIVANINSTITUTE

NUWAUBIANNATION

SONNENTEMPLER

AUFDERSUCHENACHERLÖSUNG

BRANCHDAVIDIANS

BEWEGUNGZURWIEDERHERSTELLUNGDERZEHNGEBOTE

SUPERIORUNIVERSALALIGNMENT

SYNANON

DIEFRAU, DIEZWEISEKTENÜBERLEBTHAT

DIESEEKERS

AUFDERSUCHENACHSELBSTOPTIMIERUNG

REMNANTFELLOWSHIPCHURCH

I AM

NXIVM

HONOHANASANPOGYO

KANNMANEINGEHIRNTATSÄCHLICHWASCHEN?

PLANETARYACTIVATIONORGANIZATION

BREATHARIANISM/LUFTNAHRUNG

HEAVEN’S GATE

Epilog

Ausgewählte Bibliografie

Danksagung

Einleitung

Wir sind alle Anhänger

Sekte ist ein gruseliges Wort. Wie Terrorist. Oder Lepra. Sharknado. Sogar Leute in Sekten mögen das Wort Sekte nicht. Auch Wörterbuchdefinitionen können die Angst und die Abscheu, die das Wort auslöst, nicht einfangen. Merriam-Webster beschreibt eine Sekte als »eine Religion, die als unorthodox oder unecht« angesehen wird. Im Oxford English Dictionary kommen wir der gruseligen Konnotation etwas näher: »eine relativ kleine Gruppe, die einem Glauben (bes. religiös) oder Riten anhängt, die von anderen als merkwürdig oder unheilvoll angesehen werden oder die extreme Kontrolle über die Mitglieder ausübt«.

Der bekannte Psychiater Robert Jay Lifton geht in seinem Paper »Cult Formation« von 1991 tiefer. Hier die drei Elemente seiner Definition:

Ein charismatischer Anführer, der oft zum Ziel von Personenkult wirdEin Prozess der IndoktrinationEin Mechanismus der Ausbeutung, finanziell, sexuell oder anders

Jetzt wird es wirklich gruselig. Aber es wird noch schlimmer. Sekten scheinen oft schlimm zu enden – mal in Massenselbstmord, Massenmord oder auch nur öffentlicher Beschämung. Siehe zum Beispiel die Anhänger von Heaven’s Gate, die tot in ihren Etagenbetten lagen, den Bauch voller Phenobarbital und Apfelmus. Oder Chen Tao in ihren weißen Kleidern und mit Cowboyhüten, die enttäuscht ihren texanischen Vorort verließen, als die UFOs nicht an dem von ihrem Anführer vorhergesagten Tag kamen. Oder Game-of-Thrones-Fans, die ihren Fernseher ausschalten, fassungslos darüber, wie acht Jahre voller Engagement und Hingabe mit einer Antiklimax belohnt wurden. Und dann gibt es da die Faustregel, sollte der Anführer sterben oder im Knast landen, dann handelte es sich bei der Gruppe wahrscheinlich um eine Sekte.

Trotz dieser vielen Definitionen und obwohl Sekten die Öffentlichkeit faszinieren, ist es überraschend schwierig, eine Sekte zu definieren oder auch eine zu erkennen. So ist die Grenze zwischen Religion und Sekte eine dünne, vage Linie. Liftons Definition kann man leicht auf jede Religion anwenden – aber die kaum merkbare Trennlinie zwischen einer Sekte und einer Religion kann auch schlicht ihr Erfolg sein. Religionen sind groß. Mainstream. Und was das schlimme Ende angeht, so sind Religionen groß und einflussreich genug, um Verbrechen, Skandale und Tragödien innerhalb ihrer Strukturen aufzufangen oder standzuhalten und weiterzumachen, die Krawatten gerichtet, die Kragen gestärkt und die Heiligenscheine poliert, wie es kleinere Sekten nicht können.

Und um die Definition noch etwas schwieriger zu gestalten, bilden sich Sekten nicht nur um religiöse Vorstellungen und Ziele herum, sondern auch um alles Mögliche andere – von der Wissenschaft über die Politik bis zum Kommerz. Die Remnant Fellowship Church zum Beispiel basierte ausgerechnet auf Diäten. Und natürlich haben wir die Definition noch weiter gefasst – durch den Ausdruck Kult, der die Besessenheit und den Fanatismus in der Popkultur beschreibt.

Aber was, wenn ich behaupte, dass trotz der Angst, der Merkwürdigkeiten und der Gefahr, die Sekten mit sich bringen können, Mitglied einer Sekte zu werden, zu den menschlichsten Dingen überhaupt gehört?

Wir alle wollen etwas angehören, das größer ist als wir selbst, wollen von gleichgesinnten Menschen akzeptiert werden. Wir alle wollen glauben, dass unsere Vorstellungen von der Welt der ultimativen Wahrheit des Universums entsprechen. Sekten sind so direkt: Sinn, Gemeinschaft und das Verständnis dafür, wie die Welt funktioniert. Wer will all das nicht?

Und wir sind alle Anhänger. Selbst der egoistischste Alphatyp da draußen folgt irgendetwas oder irgendwem. Wir folgen Eltern und Chefs, Experten und Mentoren, kulturellen Normen, Gesetzen und dem wissenschaftlichen Konsens. Wir folgen Markttrends, Modetrends und Social-Media-Trends. Wir sind darauf programmiert zu folgen.

Und doch wird niemand Mitglied einer Sekte. Jedenfalls nicht bewusst, laut dem Sektenexperten Dr.Steven Hassan in der Sydney Morning Herald: »Menschen werden Mitglieder von Gemeinschaften, nicht von Sekten.« Und Sekten können ein echtes Gemeinschaftsgefühl und all die Vorteile davon bieten – Freundschaft, Hingabe an eine Sache, Stabilität, Schutz. Wenigstens zu Beginn. Das grausige Ende vieler Sektenanhänger ist oft der letzte Schritt in einem jahrelangen Indoktrinationsprozess, der mit einer langen Flitterwochenphase beginnt, dann zu immer stärkerer Isolation und Kontrolle führt und schließlich in einer Tragödie gipfelt, wenn jede andere Fluchtroute blockiert ist. Manche Menschen merken nie, dass sie Teil einer Sekte sind. Manche merken es und verlassen die Gruppe, während andere es zu spät bemerken. Wie in vielen Beziehungen und Engagements ertragen die Anhänger das Schlechte oft, weil es auch genug Gutes gibt, oder sie machen weiter, weil sie glauben, sie hätten schon zu viel investiert und der Lohn dafür stünde kurz bevor.

Ungerechterweise werden Sektenanhänger oft als naive, gehirngewaschene Jünger veräppelt, obwohl die Forschung gezeigt hat, dass das weit von der Wahrheit entfernt ist. (Erwähnenswert ist hier, dass das Konzept der Gehirnwäsche nicht durch medizinische oder psychologische Belege nachgewiesen werden kann – mehr dazu auf S. 278.) Forschungen des Religionssoziologen Lorne L. Dawson in seinem Buch The Sociology of New Religious Movements zeigen, dass der durchschnittliche Sektenanhänger der Mittel- bis Oberschicht angehört sowie hochgebildet, intelligent, ehrgeizig, neugierig und idealistisch ist. Ich wette, diese Beschreibung trifft auf viele Leser dieses Buchs zu.

Jeder kann von einer Person oder einer Gruppe, der er vertraut, leicht reingelegt werden. Das menschliche Bedürfnis, sich mit anderen zu verbinden und zu einer Gruppe zu gehören, macht uns auch – besonders während der verletzlichsten Lebensphasen – extrem anfällig dafür, von Skrupellosen und Verblendeten ausgenutzt zu werden. Und an diesem Punkt werden Sekten wirklich gruselig: Sektenführer. Sekten wären nicht so schlimm, gäbe es da nicht die Gründer.

Mitglied einer Sekte zu werden und eine zu gründen, sind zwei unterschiedliche Impulse. Im einen Fall versucht man, Akzeptanz und Sinn zu finden, im anderen versucht man zu kontrollieren und auszubeuten. Aber die wirkungsvollsten Sektenführer sind mehr als machthungrig, egoistisch und charismatisch (obwohl sie definitiv all das sein müssen). Sie müssen auch eine neue – oder wenigstens scheinbar neue – und oft wirklich seltsame Vorstellung vom Leben haben.

In diesem Buch schauen wir uns dreißig der faszinierendsten Sekten der Geschichte an, von solchen, die glauben, dass Außerirdische uns kontrollieren, über solche, die glauben, dass das Geheimnis unserer Zukunft in unseren Füßen steckt, bis zu Sekten, die glauben, dass Essen unnötig ist.

Und das liegt nicht nur daran, dass eine Geschichte interessanter ist, je wirrer die Sekte – obwohl das sicherlich dazugehört. Wichtiger ist dabei, je wirrer die Sekte ist, umso mehr lernen wir über die Flexibilität des Glaubens, über das verzweifelte Dazugehörenwollen, die Tragik des Vertrauens und die Verletzlichkeit (und Verrücktheit) des Menschseins.

Die Sekten in diesem Buch sind nicht danach sortiert, woran sie glauben, sondern danach, was ihre Anhänger bei der Gruppe suchten: Wahrheit, Schutz, Sinn, Erlösung, Selbstoptimierung. Die Dinge, nach denen alle suchen. Denn so wird man Mitglied einer Sekte: indem man ein Mensch ist und nach den Dingen sucht, die wir alle brauchen und uns wünschen.

Und wahrscheinlich ist das das Gruseligste an Sekten: nicht der Schaden, den sie anrichten können, sondern wie nachvollziehbar die Sinnsuche ihrer Anhänger ist und wie leicht man einer beitreten kann.

Auf der Suche nach der

Wahrheit

»Die Welt kann der Kraft der absoluten Wahrheit nicht lange widerstehen.«

- Dr.Cyrus Teed (alias Koresh), Koreshan Unity

Wem glauben wir, wenn man uns vom Wesen der Welt und des Universums erzählt? Davon, was unsere Regierungen tun? Von Geschichte? Vom Weltraum? Von all den großen, wichtigen Wahrheiten, zu denen wir keinen direkten Zugang haben? Glauben wir Wissenschaftlern, Politikern, Medien, Lehrern, religiösen Anführern? Diese Sekten sagen, du solltest keinem von ihnen glauben, und bieten gegensätzliche Vorstellungen, die dem Okkulten, Außerirdischen, modernen Messiassen, Geistern der Toten und – in einem Fall – den Vereinigten Staaten selbst entspringen. Und es geht nicht immer nur darum, sich für die rote oder die blaue Pille zu entscheiden. Manchmal braucht man Aspirin, wegen des Kopfwehs, das sich einstellt, wenn man versucht, diese verdrehten Vorstellungen zu verstehen.

Raëlismus

Wesen und Sex nicht von dieser Welt

Zur Geschichte des Raëlismus gehören ein Vulkan, Außerirdische, Sex mit eben jenen Außerirdischen sowie der angeblich erste menschliche Klon, und schließlich wird Kanye West davon verführt. Und all das wegen der seltsamen Lehren eines französischen Autorennfahrers.

Claude Vorilhon begann als Straßenkünstler und hatte dann kleinere Erfolge als Musiker in Paris, aber seine eigentliche Leidenschaft waren Rennwagen. Schon bald ließ er die Unterhaltungsindustrie hinter sich und ging zur berühmten Winfield Racing School, war Test- und Rennfahrer und gründete eine Zeitschrift für Rennwagen namens AutoPop. Doch am 13.Dezember 1973, im Alter von 27 Jahren, veränderte sich seine Leidenschaft. Er legte den Grundstein für eine der erfolgreichsten UFO-Sekten, abgesehen von L. Ron Hubbards Scientology. So läuft das Leben manchmal.

Eine Sekte wird zu einer UFO-Sekte, wenn zu ihrem Glaubenssystem Außerirdische gehören. Manchmal nehmen Außerirdische den Platz von Gott als Schöpfer der Menschen ein. Manchmal handeln sie ähnlich wie Engel und sind Botschafter einer höheren Macht. Manche UFO-Sekten glauben sogar, dass wir Außerirdische sind, die vergessen haben, woher wir kamen. Raumschiffe sind normalerweise auch dabei, oft, um die Gläubigen vor der bevorstehenden planetaren Apokalypse zu retten.

Bei Vorilhons erstem direkten Zusammentreffen mit Außerirdischen an diesem Dezembertag folgte er dem Impuls, den Puy de Lassolas zu besteigen, einen ruhenden Vulkan in Zentralfrankreich. Als er am Kraterrand ankam, beobachtete er, wie ein silbriges Fluggerät, das wie eine flache Glocke geformt war und ungefähr sieben Meter Durchmesser hatte, vor ihm landete – ein Raumschiff. Wie sich herausstellte, hatte er diesen Vulkan unter dem telepathischen Einfluss von Außerirdischen bestiegen. Aber nicht irgendwelcher Außerirdischer: der Außerirdischen, die vor gut 25000 Jahren die Menschen erschufen. Steht alles in der Bibel, wenn man Vorilhons Lehre glaubt.

Das Wesen, das dem Raumschiff so locker entstieg wie ein Mann einem Bus, war einen Meter zwanzig groß und männlich, hatte eine grünliche Haut und grüne Kleidung, lange schwarze Haare und einen ebensolchen Bart sowie ein Kraftfeld um seinen Kopf. Sein Name war Jahweh, und er gehörte einer Rasse namens Elohim (ein Pluralausdruck für Gott im Alten Testament) an. Während sechs Tagen an diesem Vulkan interpretierte dieses Wesen für Vorilhon die Bibel neu, als ein galaxienumspannendes Science-Fiction-Epos. Die wahre Geschichte der Erde und ihrer Bewohner lautet ungefähr so:

Vor mehreren zehn Millionen Jahren experimentierten die Elohim mit Klonen und anderen genetischen Techniken. Um politische Bedenken wegen der Technologie zu Hause zu zerstreuen, reiste eine Gruppe Wissenschaftler auf einen entfernten Planeten ohne Leben – wir kennen ihn heute als Erde –, um sie zu testen. Dadurch starteten sie das Buch Genesis und erschufen das menschliche Leben, wie wir es kennen. Aber die progressiven und die konservativen Parteien der Elohim waren uneins, und diese Politik verursachte oft Probleme auf der Erde, was zu den restlichen Geschichten in der Bibel führte. Die weltweite Sintflut zum Beispiel verursachten tatsächlich die Elohim, die den Planeten mit Atombomben zerstörten, weil sie die Menschen bedrohlich fanden. Doch zum Glück für uns retteten sie Noah in einem Raumschiff im Orbit, zusammen mit Zellen von jeder Kreatur des Planeten, um sie später, wenn die Radioaktivität verschwunden wäre, zu klonen. Jahweh enthüllte auch, dass Satan tatsächlich eine Art Anti-Erde-Bürokrat war, der immer nachweisen wollte, dass das Erdexperiment schlecht lief. Die Endzeit ist angebrochen, wenn die Elohim auf die Erde zurückkehren, um ein Paradies zu errichten und die Besten und Klügsten durch Klonen von den Toten zu erwecken. Oh, und die Erzengel besaßen anscheinend atomare Desintegratoren, die Bundeslade war ein Sender-Empfänger, und Jonah wurde von einem außerirdischen U-Boot verschluckt.

Während Vorilhon auf diesem französischen Berg Sinai Moses spielte, enthüllte ihm das außerirdische Wesen, dass er Vorilhon all das erzählte, weil die Menschheit inzwischen wissenschaftlich reif genug sei, um die Wahrheit zu verkraften – und da sie dreißig Jahre zuvor Atombomben auf Japan geworfen hatte, auch technologisch gefährlich genug, um sie zu brauchen. Die Elohim waren bereit, zu ihrer Schöpfung zurückzukehren, aber sie brauchten einen Propheten. Sie wählten Vorilhon, weil er einen offenen Geist besaß, wissenschaftlich unbeleckt war, aus Frankreich stammte (dem Geburtsort der Demokratie!) und der Sohn eines Juden und einer Katholikin war. Die Elohim wollten, dass Vorilhon ihre Lehre verbreitete und eine diplomatische Vertretung für sie baute, inklusive einer Landestelle für Raumschiffe.

Auf Anweisung von Jahweh nahm Vorilhon einen neuen Namen an, Raël (»Licht der Elohim«), und gründete eine Gruppe namens MADECH, was das französische Akronym sowohl für »Bewegung zum Empfang der Elohim, Schöpfer der Menschheit« als auch für »Moses ging Elijah und Christus voraus« ist. Er hielt in ganz Frankreich Vorträge, predigte die neuen Gebote des Humanitarismus, der Weltregierung und der Geniokratie – einem idealisierten Regierungssystem, in dem die Anführer wegen ihrer Intelligenz und ihres Mitgefühls ausgewählt werden. Er war sogar ein paarmal im Fernsehen. Bei einem dieser Auftritte trug einer der Moderatoren grüne Kleidung und pinke Antennen, um sich über ihn lustig zu machen.

MADECH wuchs auf wenige (oder überraschend viele, je nach Blickwinkel) Hundert Mitglieder heran. Doch 1975 gab Raël die Gruppe auf. In seinem Buch Die Außerirdischen haben mich auf ihren Planeten mitgenommen behauptete er, der Grund dafür sei gewesen, dass die Gruppe allein klargekommen wäre und er größere Pläne gehabt hätte, aber andere meinten, er wäre mit der Gruppe unzufrieden gewesen, weil die sich der allgemeineren Ufologie zugewandt hatte, die damals en vogue war, anstatt seine Botschaft wie eine echte Religion zu behandeln, was sie ja eigentlich war. So oder so existierte MADECH nicht lange. Zum Glück war es nicht nötig.

Am 7.Oktober 1975 kehrte Jahweh zurück und nahm dieses Mal Raël zum namenlosen Heimatplanten der Elohim mit. Jetzt wurde alles ein bisschen seltsamer – und viel sexyer.

In der Heimatwelt der Elohim wurde Raël weiter über die Gebote der Bewegung, die er anführen sollte, instruiert. Er erlebte, wie seine Mutter und er selbst als »biologische Roboter« rekonstruiert wurden. Er hatte Sex mit sechs weiblichen biologischen Robotern, die extra für ihn hergestellt wurden (anscheinend drei weiße – eine Brünette, eine Blonde und eine Rothaarige –, ein afrikanischer und zwei asiatische). Er lernte sinnliche Meditation, den Kosmischen Orgasmus und Telepathie kennen. Er sah genug nackte grüne Frauen tanzen, dass Captain James T. Kirk vor Neid seine Enterprise geparkt und die Schlüssel weggeworfen hätte. Außerdem traf er Jesus, Buddha, Elijah, Moses und Mohammed. Wahrscheinlich im Jacuzzi.

Nach seiner Rückkehr machte Raël Ernst mit seiner neuen Religion, Raëlismus, deren Symbol ein Hakenkreuz in einem Davidsstern ist – ein Logo, das ihm die Elohim übergeben hatten. Raëls Ziel war immer noch, die Elohim mit einer diplomatischen Vertretung wieder auf der Erde zu empfangen und das von ihnen versprochene, auf Wissenschaft basierende Paradies voller Sex zu etablieren, und jetzt verfügte er über die so wichtigen Regeln für die Anhänger. Eine Sekte braucht Regeln. In diesem Fall wird von Raëlianern erwartet, dass sie ihre DNA sauber halten, indem sie weder rauchen noch Drogen nehmen noch Koffein konsumieren, zehn Prozent ihres Einkommens abführen und ihre Körper mit jedem, der darauf Lust hat, ausgiebig genießen (»Vergnügen ist der Dünger, der den Geist öffnet«, hatte Jahweh Raël gesagt) – die letzte Regel ist wohl ein deutlich mächtigeres Anwerbemittel als der Verzicht auf Kaffee. Sie praktizieren auch viermal jährlich einen Taufritus namens Transmission of the Cellular Plan, bei dem sie ihre Köpfe nass machen und telepathisch mit den Elohim kommunizieren und ihren genetischen Code an die Elohim schicken, für zukünftige Unsterblichkeit durch Klonen.

Und das war – oder sollte ich sagen, ist – die eigentliche Geburtsstunde des Raëlismus. Er enthüllt nicht nur die Wahrheit des Universums, unserer Vergangenheit und unserer Zukunft, sondern verspricht auch Freiheit von sexuellem Puritanismus. Ewig leben, viel Sex haben und den Weltraum erkunden: Schreib dieses Versprechen auf ein Raumschiff, und du wirst sehen, wie viele versucht sein werden, zu unterschreiben und einzusteigen.

Raël bereiste die Welt und verbreitete seine Heilsbotschaft von freier Liebe und Sci-Fi-Christentum. Dabei machte er auch Werbung für die drei Bücher, die er über seine Erlebnisse mit den Elohim geschrieben hat: Das Buch, das die Wahrheit sagt (1974), Die Außerirdischen haben mich auf ihren Planeten mitgenommen (1975) und Heißen wir die Außerirdischen willkommen (1979). In der Nähe von Montreal fand er schließlich ein festes Zuhause für den Raëlismus. Dort baute er sein Hauptquartier namens UFOland, inklusive einer lebensgroßen Replica von Jahwehs Raumschiff.

In den 1990er sammelten die Raëlianer weiter Spenden für die diplomatische Vertretung und wählten Jerusalem als Zielort. Um Geld zu sammeln und Werbung zu machen, kehrte Raël auf die Rennstrecke zurück. Der Mann mit der beginnenden Glatze und dem kurzen Bart fiel unter den anderen Rennfahrern auf, da er eine weiße Tunika mit passender Hose trug und um seinen Hals ein großes metallenes Raëlismussymbol hing. Wegen des Hakenkreuzes sorgte dieses Symbol damals für eine Kontroverse. Als Folge ersetzte die Gruppe das Hakenkreuz im Davidsstern durch einen Galaxiewirbel, kehrte später allerdings wieder zum ursprünglichen Symbol zurück, das sie bis heute nutzen und verteidigen.

Die Raëlianer verbrachten auch viel Zeit mit ihrer Agenda der sexuellen Freizügigkeit. 1992 gab es die Operation Condom, bei der sie einen rosa, mit fliegenden Untertassen und Kondomen dekorierten Lieferwagen an die katholischen Highschools von Quebec schickten, um unter den Schülern und Schülerinnen Kondome zu verteilen (als Protest gegen das Veto der Quebec Catholic School Commission gegen Kondomautomaten in ihren Schulen). 2006 mobilisierten sie Anhänger, um Stripper in Las Vegas zu unterstützen. 2007 organisierten sie in vier Städten ein Event namens Go Topless, um Frauen zu ermutigen, ihre Brüste in der Öffentlichkeit zu entblößen. Dieses Event hat sich seitdem in vielen Städten im Land verbreitet.

In dem Sammelband Sexuality and New Religious Movements berichtet Susan J. Palmer, dass Raël eine geheime, rein weibliche Gruppe innerhalb des Raëlismus gegründet hat, die sich Order of Raël’s Angels nannte. Sie bestand aus Frauen, die darin unterwiesen waren, wie sie den Elohim bei deren Rückkehr sexuell am besten zu Diensten sein könnten (das hatten die Elohim anscheinend extra gefordert).

2002 wurden die sexuellen Heldentaten plötzlich von wissenschaftlichen Behauptungen der Raëlianer überstrahlt, als eine Firma namens Clonaid verkündete, sie hätte zum ersten Mal erfolgreich einen Menschen geklont. Ihr Name war Eve. Clonaid, das von der Chemikerin und Raëlianer-Bischöfin Dr.Brigitte Boisselier geleitet wird, war fünf Jahre zuvor von Raël persönlich gegründet worden, als das Klonschaf Dolly, das erste Schaf, das aus einer adulten Zelle geklont wurde, durch die Medien ging. Doch nach dieser Meldung von Dr.Boisselier distanzierte sich Raël von der Firma und behauptete, dass er und die Bewegung der Raëlianer keinerlei Verbindung mehr zu Clonaid hätten und dass die von ihm gegründete ursprüngliche Firma bloß eine Website und ein Brieffach auf den Bahamas gewesen sei, mit der Absicht, nach dem Dolly-Durchbruch das Interesse an menschlichem Klonen zu testen. Trotzdem verteidigte er die Firma. Als Eve nicht öffentlich gezeigt wurde, behauptete Raël, das läge daran, dass sie nach dem Urteil eines Richters in Florida ihren Eltern weggenommen worden war.

In den letzten Jahren ist es in den Medien relativ still um die Gruppe geworden, auch wenn der Terminkalender auf ihrer Website immer noch voll ist, unter anderem mit Festen wie dem Clitoris Awareness Month, Swastika Rehabilitation Day und Femininity Day. Doch im Dezember 2022 landete die Gruppe erneut in den Schlagzeilen, als der Rapper Kanye West nach einer Reihe von antisemitischen Beiträgen auf Twitter (heute »X«) das Bild der Hakenkreuzversion des Raëlianer-Logos postete. Der Rapper wurde schließlich von der Website verbannt, und die Medien hatten viel Spaß damit, den Ursprung des Symbols zu erklären – und das einem ahnungslosen Publikum, das eigentlich nur wissen wollte, ob Ye ein Rassist ist und nicht, ob ein französischer Rennfahrer von einer uralten, außerirdischen Zivilisation die Antwort auf den Ursprung des Lebens erfahren hatte.

Heute, mehr als fünfzig Jahre nach dem schicksalhaften Treffen auf einem französischen Vulkan, gehört der Raëlismus immer noch zu den erfolgreicheren UFO-Sekten. Es gab keine massenhaften Todesfälle. Der Gründer sitzt nicht im Gefängnis. Und laut dem Religion and Media Centre ist sie inzwischen auf über 65000 Anhänger angewachsen, von denen rund 50000 in Kanada leben und der Rest in achtzig weiteren Ländern.

Den Reiz der Sekte fasst Anthony Grey, ein Autor, Journalist und BBC-Moderator – sowie Raëlianer –, am besten zusammen. In einem Vorwort zu einer Sammlung von Raëls Schriften von 2005 schreibt Grey, dass der Raëlismus »die einzige überzeugende Erklärung ist, die ich bisher für unsere physischen Ursprünge gefunden habe, für unsere planetarische Geschichte, unseren Platz und unsere aktuelle Position in dem uns bekannten Universum und last but not least für unsere chronisch spalterischen und potenziell selbstzerstörerischen globalen religiösen Überzeugungen.« Weiterhin schreibt er, dass die Lehren des Raëlismus »bestätigen, dass wir nicht allein im Universum sind … Wir werden von einer überlegenen, fortgeschrittenen menschlichen Zivilisation geliebt, beobachtet und geführt.«

Während ich dieses Buch schreibe, versuchen die Raëlianer immer noch, diese diplomatische Vertretung in Jerusalem zu erbauen, die laut ihrem Fünf-Phasen-Plan 2030 fertig sein soll. Den Angaben auf ihrer Website zufolge wird dann »offizieller Kontakt mit den Außerirdischen die größte Nachricht jemals sein und die diplomatische Vertretung zum wichtigsten Ort auf dem Planeten!«.

Koreshan Unity

Über uns nur das Land

Sekten erfinden oft verschiedene Elemente der Gesellschaft neu, um sie ihren eigenen Zielen anzupassen: Moral, Religion, Familie, Regierung. Nur wenige waren jedoch so kühn, das gesamte Universum neu zu erfinden. Doch genau das taten Dr.Cyrus Teed und seine Koreshan Unity.

Cyrus Teed war Mitte des 19.Jahrhunderts ein Arzt in New York. Neben der Medizin hatte er noch zwei Leidenschaften: Leben in einer Kommune und die gerade erst neu erschlossene Kraft der Elektrizität. Ersteres liegt darin begründet, dass er den Kapitalismus und den damit einhergehenden Wettbewerb nicht mochte, sondern Menschen, die teilten, was sie hatten, und in kooperativer Harmonie zusammenlebten. Was die zweite Leidenschaft angeht, so gefielen ihm alchemistische Experimente; er glaubte, er hätte das Geheimnis der Transmutation gelöst, der Umwandlung eines Stoffs in einen anderen, insbesondere von Blei in Gold. 1869, mit dreißig Jahren, experimentierte Teed in seinem Labor in Deerfield mit Elektrizität, als er eine Vision hatte, in der er sich in eine Art Geisteswesen verwandelt fühlte (allerdings heißt es in anderen Berichten, dass er einen elektrischen Schlag bekommen und das Bewusstsein verloren hatte). Später nannte er dieses Erlebnis seine »Erleuchtung«. Es veränderte ihn. Und es würde auch das Leben von Hunderten anderen verändern.

Bei seiner Erleuchtung traf Teed eine wunderschöne blonde Frau in einer purpur-goldfarbenen Robe, die auf einem silbernen Halbmond stand und einen Äskulapstab hielt – diese verschlungene Schlange, die das Symbol des ärztlichen Standes ist. Er wusste, dass diese Figur Gott war, den er später als sowohl männlich als auch weiblich beschreiben würde. Laut dem Bericht in seinem Buch The Mystic Circle erwachte Teed aus seiner Trance mit der absoluten Überzeugung, dass er auserwählt war, als ihr Messias »die Rasse zu erlösen«. Zu seiner von der Vision inspirierten Heilsgeschichte gehörten Unsterblichkeit, Gleichheit der Geschlechter, Wiedergeburt, Kommunismus und andere Ideen, die die Menschen des 19.Jahrhunderts hinter Taschentüchern nach Luft schnappen ließen.

In Teeds Glaubenssystem erreichte man Unsterblichkeit vor allem durch Enthaltsamkeit. Er glaubte, dass Sex und Fortpflanzung an den Energien zehrten und zu Verfall führten und wenn ein Mensch diese Energie stattdessen auf nicht fleischliche Aktivitäten konzentrierte, er sich in ein unzerstörbares Wesen in Harmonie mit dem Universum verwandeln könne. In seinen Worten laut der Chicago Times: »Der Lebensimpuls bleibt in uns gespeichert, und wir werden unsterblich.«

Teed beschloss, wenn er schon die Gesellschaft mit seiner Lehre auf den Kopf stellte, dann könne er das auch gleich noch mit dem Kosmos tun. Durch seine Vision glaubte Teed, dass unser Planet in Wahrheit eine hohle Kugel sei. Aber das hier ist keine gewöhnliche Hohlwelttheorie – es ist eher eine Theorie der auf links gewendeten Erde. Laut Teed ist der Himmel faktisch das Innere der Kugel und die Erde, auf der wir stehen, deren konkave innere Oberfläche. Die Hülle der Kugel ist 160 Kilometer dick, ihr Umfang beträgt 40000 Kilometer. Das bedeutet, dass die Welt von der inneren Oberfläche bis zur gegenüberliegenden Oberfläche nur 12800 Kilometer misst. Teed glaubte, dass die Sonne, die Planeten und andere astronomische Phänomene, die wir sehen, optische Illusionen seien, die durch eine Reihe von Metallscheiben in der Mitte der Erde/des Himmels entstehen. Der Mond zum Beispiel ist eine Reflexion der Erdoberfläche – Teed behauptete, man könne die Umrisse der Kontinente auf der Mondoberfläche erkennen.

Noch durchgeknallter als in einer Hohlkugel zu leben, ohne sich dessen bewusst zu sein, ist, dass es laut Teed nichts außer dieser Kugel gibt. Kein Universum. Kein Weltall. Keine Unendlichkeit. Nichts liegt jenseits der Hüllenkruste. Das bedeutet also, dass nicht nur die Erde lediglich einen Durchmesser von 12800 Kilometern hat, sondern auch das gesamte Universum. Die Realität war ein begrenzter und überschaubarer Raum für Teed, weil er glaubte, dass Gott nichts Unbegreifliches erschaffen würde. Er nannte seine Vorstellung des Universums zellulare Kosmogonie.

Bewaffnet mit diesen rebellischen sozialen und wissenschaftlichen Nachrichten tat Teed, was ein Messias so tut: Er suchte nach Anhängern. In New York bekam er mit seinen Ideen jedoch keinen Fuß in die Tür, egal, wohin er ging. In der Zwischenzeit erkrankte seine Frau Fidelia an Tuberkulose. Sie zog mit ihrem gemeinsamen Sohn Douglas zu ihrer Familie und ließ den Messias, zu dem ihr Ehemann geworden war, allein zurück. Douglas besuchte seinen Vater später vor allem, weil er dachte, der schulde ihm Geld.

Nachdem Teed fünfzehn Jahre lang vergeblich versucht hatte, eine Kommune zu gründen, fand er schließlich nach einem Vortrag 1886 in Chicago ein empfängliches Publikum. Während der nächsten zehn Jahre gewann er mehr als hundert Anhänger in dieser Stadt. Was Teed zu bieten hatte, war für die richtigen Leute sehr attraktiv: progressive kulturelle Reformen, das Versprechen von Unsterblichkeit, die Chance, eine einzigartige Gemeinschaft aufzubauen, und vor allem die Geborgenheit eines kleinen und überschaubaren Universums.

1891 gab er sich den Namen Koresh, Cyrus auf Hebräisch – vielleicht weil Koreshans besser klang als Teedites –, und nannte sein Glaubenssystem Koreshanity. Aber Chicago reichte Koresh nicht. Er war auf der Suche nach einem Neuen Jerusalem, einem Ort, an dem er aus der Koreshanity eine Zivilisation von über zehn Millionen unsterblichen Seelen machen könnte. Und er fand ihn in einem Sumpf im Süden.

Noch verrückter als das Konzept der zellularen Kosmogonie war Koreshs Überzeugung, dass Florida das Gelobte Land sei. 1894 fuhren er und seine Anhänger in eine kaum besiedelte Gegend im Südwesten des Staates, die Estero genannt wurde, und gründeten dort, in einer sumpfigen Wildnis voller Mangroven und Palmen, eine 130 Hektar große Kommune namens Koreshan Unity.

Und sie haben sich ziemlich gut geschlagen, auch wenn sie bei Weitem nicht Koreshs angestrebte Bevölkerungszahl erreichten. Zu Hochzeiten der Kommune, in den ersten zehn Jahren des 20.Jahrhunderts, lebten und arbeiteten gut 250 Menschen in sechzig Gebäuden auf fast 24 Quadratkilometern großartiger konkaver Fläche. Und das waren nicht einfach ein paar Koreshans, die im Sumpf herumliefen, Alligatoren aus dem Weg gingen und einander mit »Wir leben innen« begrüßten – sie errichteten auch alle mögliche Infrastruktur.

Wegen Teeds Leidenschaft für Technologie hatten sie schon früh Elektrizität, bauten ihr eigenes Kraftwerk und lieferten den Strom nicht nur an Koreshan Unity, sondern auch an Menschen außerhalb der Kommune. Sogar Thomas Edison besuchte die Kommune einmal, genau wie Henry Ford. Sie hatten unter anderem ein Sägewerk und eine Bäckerei, eine Druckerei und ihre eigene Zeitung, einen Schmied, eine Beton- und Zinnfabrik, eine Fischerei und einen Gemischtwarenladen. Sie errichteten ein Postamt und die erste Schule in der Gegend, die allen Kindern offenstand, auch Nicht-Koreshans. Und das Management dieses geschäftigen Utopiaversuchs übernahm neben Koresh eine matriarchale Gruppe namens Seven Sisters, die in einem Gebäude mit dem Namen Planetary Court lebten. Laut eines zeitgenössischen Berichts in der Tampa Tribune waren die Koreshans »sehr fleißige und erfindungsreiche Menschen«.

Aber es war nicht so, dass in der Koreshan Unity nur gearbeitet wurde. Sie erschufen auch Kunst, darunter aufwändige Theaterstücke und große Konzerte in ihrer Art Hall. Sie veranstalteten auch das erste Kunstfestival der Region. Ezra J. Stewart von der Tampa Tribune schrieb 1908 über seinen Besuch der Kommune: »Der Besucher ist schnell beeindruckt vom fröhlichen, glücklichen Geist der Koreshans bei ihren täglichen Verrichtungen, denn diese Menschen, deren tägliche Arbeit der praktische Beweis der universellen Bruderschaft ist, legen großen Wert auf Unterhaltung und Spaß.«

Was Sekten angeht, könnte man schlechtere Nachbarn haben.

Im Zuge all dieser Gemeinschaftsbildung gab es natürlich auch die (Pseudo-) Wissenschaft. 1897 führte Koreshan Unity den Koreshan Geodetic Survey durch, um Koreshs göttlich inspirierte Theorie des Universums zu beweisen. Ulysses Grant Morrow – ein Schriftsteller, Erfinder und begeisterter Vertreter der zellularen Kosmogonie – entwickelte ein Experiment, um ihre Richtigkeit zu demonstrieren. Er entwarf und baute ein Gerät aus einer Reihe von dreieinhalb Meter langen und mit Stahl verstärkten Mahagonistäben, das er »Rektilineator« nannte. Morrow hoffte beweisen zu können, dass die Erde konkav ist, indem er das Gerät wie einen riesigen Zaun an einem Gewässer aufstellte und dann verschiedene Messungen und Berechnungen anstellte. Im nahen Naples fanden sie ein flaches Stück Strand und vermaßen gut sechs Kilometer Sand mit dem Rektilineator. Nach Morrows Interpretation der Daten bestätigten die Ergebnisse Koreshs göttliche Offenbarung.

Doch nicht alle mochten Koreshan Unity. Das lag zum Teil an Koreshs Neigung, Ehefrauen von ihren Ehemännern wegzulocken, sowohl durch sein Charisma als auch durch seine Botschaft der Gleichheit der Geschlechter, wodurch er mindestens ein Mal wegen »Entfremdung von Gefühlen« vor Gericht stand. In einem speziellen Fall während seiner Zeit in Chicago wurde er mit Lynchen, Erhängen, Steinigen und anderen unangenehmen Enden bedroht. Andere juristische Probleme entstanden durch Koreshs Anhäufung von Geld und Gelände, als er sein Neues Jerusalem vergrößern wollte. Aber was Koresh schließlich das Genick brach, war ein lokaler Streit.

Im Oktober 1906 hatten Koresh und ein paar Einheimische vor einem Gemüseladen in Fort Meyers eine Auseinandersetzung. Laut den Einheimischen hatte Koresh einen von ihnen einen Lügner genannt, während Koresh behauptete, dass sie ihn aus heiterem Himmel aus »politischen Gründen« angegriffen hätten. Egal, wer angefangen hat, Koresh wurde ziemlich schlimm zusammengeschlagen. Koresh und die anderen zwei waren kurz im Gefängnis, und die Koreshans glaubten, dass die Verletzungen, die er bei diesem Zusammenstoß erlitt, zu Koreshs körperlichem Abbau und schließlich zu seinem Tod zwei Jahre später am 22.Dezember 1908 beitrugen.

Aber der Tod ist für Unsterbliche kein Problem. Koreshs Anhänger, die aufrichtig an die baldige Wiederauferstehung ihres Messias glaubten, dachten, es würde an Weihnachten geschehen, das ja nur biblische drei Tage entfernt war. Sie legten seine Leiche in einen üblichen Zinksarg in seinem Haus, wo er tagelang in der feuchten Floridahitze lag. Als der Körper verweste, fragten Kinder nach den merkwürdigen Farben und Wucherungen auf ihrem Messias, worauf die Erwachsenen erklärten, dass er sich mitten in einer Umwandlung befinde. Was ja auch stimmte. Ein Foto, das damals von ihm gemacht wurde, zeigt einen dunklen, glänzenden Schimmer auf seinem Gesicht und Oberkörper. Irgendwann ertrugen selbst die Erwachsenen die Verwesung nicht mehr, und auf Verlangen der regionalen Behörde begruben sie Koresh in einem Grab auf Estero Island und hofften, dass er bei seiner Wiederauferstehung von allein herauskäme. Einigen Berichten zufolge haben sie folgende Notiz hineingelegt: 

Unter Einhaltung des Gesetzes und nur aus diesem Grund wurde der Körper von Cyrus R. Teed in dieses steinerne Gewölbe gelegt. Wir, die Jünger von Koresh, Hirte, Stein von Israel, wissen, dass diese Grabstätte seinen Körper nicht halten kann, denn er wird den Tod überwinden, und sein unsterblicher Körper wird triumphierend aus dem Grab auferstehen.

Nach dem Tod und der ausbleibenden Wiederauferstehung ihres Gründers behielten manche Anhänger den Glauben und warteten, während andere enttäuscht gingen. Die Anzahl von Koreshans nahm immer weiter ab, bis 1961 nur noch vier übrig waren. Diese Koreshans überschrieben ihr Land größtenteils dem Staat und behielten nur genug, um ihre letzten Tage dort zu verbringen.

Dr.Cyrus »Koresh« Teed ist nie aus seinem Grab auferstanden. Am 25.Oktober 1921 verriet ihn sogar die Erde, die er so kühn umgedeutet hatte. Während eines Hurrikans wurde sein Grab zerstört und sein Sarg in den konvexen Golf gespült. Alles, was seine Anhänger danach noch von ihm fanden, waren ein paar Knochen und sein Schädel, den sie im Postamt der Kommune erneut beerdigten. Dieses Gebäude verbrannte irgendwann und damit auch seine Überreste.

Und auch wenn Koresh und seine Anhänger nie unsterblich wurden, wurde es die Kommune schon. Jedenfalls auf gewisse Weise. Heute ist ihr Neues Jerusalem ein Nationalpark namens Koreshan State Park. Es ist ein wunderschöner Ort, voller Palmen und Lebens-Eichen, direkt am Estero River. Ein Dutzend Gebäude haben überlebt, darunter Koreshs Haus, die Art Hall und der Planetary Court. Auch die letzte überlebende Koreshan ist hier begraben, Hedwig Michel, eine Jüdin, die 1940 aus Nazi-Deutschland geflohen war. Sie ist 1982 im Alter von neunzig Jahren gestorben. Eine Plakette an einem Felsen markiert ihr Grab.

Koresh verabschiedete sich unabsichtlich, aber sehr passend genau dann, als wir anfingen, in den Himmel und darüber hinaus aufzusteigen. 1903, fünf Jahre vor seinem Tod, starteten die Gebrüder Wright ihr erstes Flugzeug. Der erste transatlantische Flug fand 1919 statt. Der erste Mann im Weltall war Juri Gagarin 1961, dem Jahr, in dem die Koreshan Unity offiziell beendet wurde. Und Neil Armstrong hinterließ 1969 Fußspuren auf dem Mond und bewies damit ein für alle Mal, dass der mehr als eine Fata Morgana aus Metall ist. Das Universum ist nicht so gemütlich und begrenzt, wie Koresh glaubte. Es ist tatsächlich eine erschreckend unendliche und ungastliche Leere. Aber seine Vision einer Gemeinschaft, die ein Stück Land gemeinsam, gleichberechtigt und harmonisch bearbeitet – die war ziemlich schön. 

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Durch eine Leiche gekillt

In einem Moment bist du eine reiche Dame der Gesellschaft an der Ostküste, hast ein Netzwerk aus Freunden und Kollegen, mit dem du die Welt verbessern willst, und im nächsten bist du eine Sektenführerin in einer Wüste in Utah, lauschst auf Geister in deiner Schreibmaschine und verpasst einer Leiche Milcheinläufe. Das Leben rast nur so.

Marie Ogden war eine umtriebige Frau. Sie lebte Anfang des 20.Jahrhunderts in Newark, New Jersey, und verbrachte ihre Tage damit, philanthropische, soziale und künstlerische Organisationen zu unterstützen. Ihr Kalender war übervoll mit Mittagessen, Vorträgen, Partys und Ausschusssitzungen. Sie war besessen von sozialem Fortschritt – bis sie von spirituellem Fortschritt besessen war.

Ihr weltlicher Aktivismus kam im November 1928 zu einem Ende, als bei ihrem Ehemann Harry Krebs diagnostiziert wurde. In den nächsten Monaten wandelten sich ihre Termine von Brunchs und Gemeindeveranstaltungen zu täglichen, hoffnungslosen Besuchen im Krankenhaus. In ihrem Tagebuch beschreibt Ogden diese Zeit als »sehr unglücklich« und schreibt, dass sie »todmüde« war. Allerdings dauerte diese Lebensphase nicht lange. Harry starb Anfang 1929.

Als Witwe stand Ogden an einem Wendepunkt, wie wir alle, wenn ein geliebter Mensch stirbt und man sich fragt: Werde ich ihn jemals wiedersehen? Was ist im Leben wirklich wichtig? Lohnt sich überhaupt irgendwas? Obwohl sie im episkopalischen Glauben erzogen worden war und in eine presbyterianische Familie eingeheiratet und ihre Tochter in eine methodistische Kirche geschickt hatte, war Ogden nicht religiös. Diese christlichen Sekten waren für sie eher kulturelle Institutionen als Wege zur ultimativen Wahrheit. Aber jetzt, da sie den großen Fragen gegenüberstand, interessierte sie sich dafür, was über das Leben nach dem Tod wirklich stimmte. Und das führte sie zum Spiritismus, dem Glauben, dass die Seele nach dem Tod erhalten bleibt und wir mit denen, die bereits im Jenseits weilen, kommunizieren können, und zwar mithilfe eines Mediums – Menschen, die behaupten, auf unterschiedlichen Wegen mit Geistern in Kontakt treten zu können, meistens während einer Séance. In den Jahren nach dem Bürgerkrieg, als der Tod sozusagen allgegenwärtig war, wurde Spiritismus in den USA unglaublich beliebt. 1946 sagte Ogden in einem Interview mit dem Autor und Volkskundler Hector Lee, dass sie durch den Tod ihres Ehemannes ein Interesse für die sogenannten »Geheimnisse des Lebens« und die spirituelle Entwicklung, die man erreichen kann, wenn man möchte, entwickelt habe.

Und dieses Interesse führte sie direkt zu William Dudley Pelley, einem Mann, der zum Sektenführer berufen schien, aber nie eine Anhängerschaft versammeln konnte – obwohl er schließlich doch noch eine Anhängerschaft ganz anderer Art um sich versammelte. Pelley war ein recht erfolgreicher Journalist und Autor. Er schrieb für die Chicago Times, gewann zwei O.-Henry-Preise und schrieb eine Handvoll Romane und ein Dutzend Drehbücher, darunter zu zwei Filmen mit Lon Chaney, The Light in theDark (1922) und The Shock (1923).

Das größte Aufsehen erregten allerdings seine Schriften über Spiritismus. Insbesondere ein Essay, das er für die Zeitschrift The American schrieb, »Seven Minutes in Eternity«, beschreibt seine Nahtoderfahrung, nachdem er »eine Kombination aus Herzinfarkt und Schlaganfall« erlitten hatte. Während er mehr oder weniger tot war, landete er an einem weißen marmornen Ort, den er »Hyperdimension« nannte und an dem irgendwie bekannte Menschen mit Hüten herumliefen. Dieses besondere Wissen über eine Existenz nach dem Tod veränderte Pelley. Er glaubte jetzt, dass er die Mission hatte, die Welt spirituell zu transformieren, und ihm dafür übernatürliche Kräfte mitgegeben waren – darunter Levitation, Röntgenblick und Seelenreisen.

Möglicherweise wurde Ogdens Aufmerksamkeit durch »Seven Minutes in Eternity« geweckt, denn es erschien im März 1929, kurz nach dem Tod ihres Mannes. Oder vielleicht traf sie später im selben Jahr auf die Geschichte, als Pelley sie ausführlicher in Buchform herausgab mit dem Titel Seven Minutes in Eternity with the Aftermath. Pelley schrieb regelmäßig im New Liberator, einer von ihm herausgegebenen Zeitschrift, über seine weiteren spirituellen Entdeckungen (manche wurden ihm von einem Wesen, das er »Oracle« nannte, überbracht).

Wie auch immer Ogden Pelley gefunden hat, genau wie bei ihrem bürgerlichen Engagement stürzte sie sich kopfüber in ihre neue Aufgabe: die Chance, eine der Auserwählten zu sein, die ein neues Zeitalter der Spiritualität herbeiführen könnten. Sie traf Pelley Anfang 1931 und erfuhr von seinem Plan, metaphysische Zentren im ganzen Land zu eröffnen sowie Christen in einer Organisation zu vereinen, die seinen spiritistischen New-Age-Lehren folgte. Ogden gab Pelley Aktien im Wert von 14000 Dollar und arbeitete daran, eines seiner Zentren in Newark zu eröffnen. Sie plante auch, Teil des nationalen Büros in Washington, D.C., das Pelley eröffnen wollte, zu sein.