First-Time Caller - B.K. Borison - E-Book

First-Time Caller E-Book

B.K. Borison

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  • Herausgeber: dtv
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

Sendepause für die Liebe? Nicht auf dieser Frequenz Lucies Tochter bittet in der Late-Night-Radiosendung Heartstrings um Datingtipps für ihre Mutter – bis Lucie sie dabei erwischt und selbst ans Telefon geht. Spontan schüttet sie dem romantikverdrossenen Moderator Aiden ihr Herz aus. Dumm nur, dass ihr Gespräch viral geht, und nun ganz Baltimore ihr Liebesleben unter die Lupe nimmt. Vielleicht sollte sie den Wunsch nach einer Beziehung doch noch nicht aufgeben? Schließlich stimmt sie zu, zusammen mit Aiden auf Sendung nach der wahren Liebe zu suchen. Doch bald stellt sich die Frage, ob diese nicht direkt neben ihr im Studio sitzt ... Der Top 10-New York Times Bestseller: Single Mom, Friends to Lovers , Grumpy meets Sunshine, Forced Proximity und viel Spice »Dieses Buch wird selbst die eisigsten Herzen auftauen« - People »Voller Humor und Herz... Borison schenkt den Leserinnen eine Geschichte zum Lachen, die durch die harten Schläge, die das Leben ihren beiden Protagonisten versetzt hat, keineswegs realitätsfern ist. Leserinnen, die eine Liebesgeschichte suchen, die sowohl ihr Herz als auch ihre Lachmuskeln berührt, sind hier bestens bedient.« - Entertainment Weekly

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 612

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Aiden Valentine, Radiomoderator in Baltimore, ist der Liebe überdrüssig. In seiner Sendung Heartstrings gibt er dementsprechend nur mehr schlecht als recht romantische Ratschläge. Doch als Mechanikerin Lucie ihm auf Anraten ihrer Tochter live auf Sendung das Herz ausschüttet, weckt sie damit nicht nur in Aiden, sondern auch in ganz Baltimore die Hoffnung auf die wahre Liebe. Auf Drängen der Radiochefin stimmt Lucie schließlich zu, ihr Liebesglück unter Aidens teils kauzigen Hörern zu suchen. Auch wenn bald deutlich wird, dass da mehr zwischen Lucie und Aiden ist – wenn sie es nur zulassen würden.

 

Von B.K. Borison ist bei dtv außerdem lieferbar:

Lovelight Farms – Lichterglanz (Band 1)

Lovelight Farms – Blütenzauber (Band 2)

Lovelight Farms – Sommerleuchten (Band 3)

Lovelight Farms – Herbstrauschen (Band 4)

B. K. Borison

First-Time Caller

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Silke Jellinghaus

Für die hoffnungslosen Romantiker:innen.

Und auch für die widerwilligen.

1AIDEN

Die Liebe ist eine Lüge.

Das zumindest sagt mir das Schild über der Tür. Die Buchstaben darauf sind groß und geschwungen. Kleine Herzen bilden den Rand, und in der linken unteren Ecke befindet sich ein Kussmund. Es sieht aus wie ein Schild, das schief im Flur einer Highschool hängen müsste, beim morgendlichen Ansturm auf einen Coffeeshop scheint mir diese große Ankündigung des Niedergangs der Menschheit fehl am Platz.

Da sind sogar Luftschlangen. Rot und weiß gestreift baumeln sie von den Blumenampeln im Fenster. Sie drehen sich jedes Mal heftig, wenn jemand von der Straße hereinkommt, und sobald sich die Tür wieder schließt, erschlaffen sie zu tristen, müden Kringeln.

Während ich darauf warte, dass Jackson an unseren Tisch zurückkehrt, blicke ich stirnrunzelnd auf einen roten Luftballon, auf dem mit Edding ein X gemalt ist, und kratze mich an meinem Dreitagebart. Eine Frau mit einer Umhängetasche von der Größe eines Bundesstaats rammt mir selbige an den Hinterkopf. Ich verschränke die Arme vor der Brust und schlage mit den Beinen halb in den Gang aus, um die Ruhe zu bewahren. Wenn Jackson nicht bald zurückkommt, fresse ich den Salzstreuer. In der Minute, in der wir uns hingesetzt hatten, habe ich ein Croissant, zwei Bagels und einen kübelgroßen Kaffee verlangt. Als Entschädigung dafür, dass er mich zu dieser unchristlichen Stunde aus dem Bett gezerrt hat.

Normalerweise bin ich von meinen Nachtschichten zu müde, um mich vor zehn aus den Laken zu kämpfen. Aber Jackson blieb beharrlich und schaltete, als er keinen Erfolg hatte, sogar auf Drohungen um. Ich war zu schockiert über seine unflätige Ausdrucksweise, um mir eine angemessene Ausrede einfallen zu lassen. In den vier Jahren, in denen wir zusammen beim Radiosender arbeiten, habe ich nie erlebt, dass Jackson seine Stimme erhoben hätte, geschweige denn, dass er mir mit körperlicher Gewalt gedroht hätte, falls ich mich weigere, mich mit ihm in dem zwei Straßen von seinem Haus entfernten kleinen Buchladencafé zu treffen.

Sei um acht im Skullduggery, sagte er. Oder ich komme dich holen.

Ich war von der unterschwelligen Drohung so abgelenkt, dass ich ihn nicht fragte, was für ein Café bitte einen Namen wie Skullduggery trägt. Für ein Piratenschiff, na gut. Aber doch nicht für ein Café.

Jackson balanciert ein Tablett auf einer Hand und bahnt sich den Weg durch die kleine Menschenmenge, die um einen Platz am Tresen rangelt, dann lässt er sich auf den Stuhl mir gegenüber sinken. Er trägt einen grauen Pullover über einem karierten Hemd und hat die Ärmel über die Unterarme hochgekrempelt. Er sieht elegant und gepflegt aus, kein einziges Haar tanzt aus der Reihe. Ich wette, er ist um fünf aufgestanden, war um sechs mit seinem Work-out fertig und hat sich um sieben bereits einen von seinen Hipster-Kaffees gemacht. Ich dagegen trage ein Sweatshirt, das ich auf meiner Bettkante gefunden habe. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Pastasoßenfleck drauf ist.

Es ist uns gelungen, sofort eine Sitznische zu ergattern. Die gepolsterten Sessel im zweiten Stock sehen allerdings auch sehr ansprechend aus, sie sind von Regalen umgeben, die vom Boden bis zur Decke mit gebrauchten Büchern befüllt sind. Im Skullduggery wird nicht nur der Untergang der Liebe gefeiert, anscheinend verfügt man hier auch über eine solide Literatursammlung und die besten Cruffins der Stadt. Was auch immer ein Cruffin ist.

Jackson reicht mir mit erwartungsvoller Miene eine Tasse Kaffee.

»Hast du das Schild gesehen?«

»Ist ja wohl kaum zu übersehen.« Ich hebe den Blick wieder zu dem Schild über der Tür und den Dekoartikeln, die es umschweben. »Die kopflosen Amoretten sind eine hübsche Idee.«

Er stellt die letzten Sachen vom Tablett auf den Tisch. »Sie feiern jedes Jahr den Anti-Valentinstag. Ich dachte, das könnte dir gefallen.«

Gefallen ist ein starkes Wort im Hinblick auf die dämonischen Putten, die von der Decke baumeln. Ich kann den Blick nicht von der abwenden, die ganz in unserer Nähe hängt. Aus irgendeinem Grund hat dieser Amor in dem Gemetzel seinen Kopf behalten, und seine Augen folgen mir unablässig. »Gefällt den Leuten … was auch immer das sein soll?«

»Ich dachte, es passt zu deiner Stimmung.« Er zieht beide Augenbrauen hoch und schiebt sich die Brille mit den Fingerknöcheln auf den Nasenrücken. »Du weißt schon. Zu deiner beschissenen Laune.«

Als Jackson bei 101.6 LITEFM anfing, hätte er in einer lockeren Unterhaltung niemals das Wort beschissen benutzt. Dass wir in den letzten drei Jahren jede Nacht gemeinsam verbracht haben, hat wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

»Subtil«, murmle ich. Ich greife nach einem Bagel, dann überlege ich es mir anders und schnappe mir stattdessen das Croissant. »Bin ich deswegen hier? Willst du dich mit mir über meine Einstellung unterhalten?«

»Worum sollte es in diesem Gespräch sonst gehen?«

»Ich weiß nicht.« Ich steche den Finger in mein Gebäckstück. »Ich dachte, du wolltest frühstücken gehen. Dich mit mir austauschen. Das machen, was Freunde eben so machen.«

»Wie praktisch, dass dir unsere Freundschaft immer dann einfällt, wenn du versuchst, dich aus etwas herauszuwinden.«

»Ich winde mich nicht«, brumme ich gereizt.

»Du windest dich dermaßen. Und was ich eigentlich wollte, war ein Cruffin, aber die waren schon vor einer Stunde ausverkauft.«

Es entsteht ein vielsagendes Schweigen. In dem mitschwingt, dass er nun mit Genuss das Gebäckstück seiner Wahl verspeisen würde, wenn wir uns um halb acht getroffen hätten, wie er es vorgeschlagen hatte. Ich räuspere mich und reiße mein Croissant in zwei Stücke. »Es tut mir leid, dass dir dein Cruffin entgangen ist.«

»Angenommen.« Jackson schnappt sich die zweite Hälfte meines Croissants. »Und jetzt lass uns darüber reden, warum du dich jeden Abend zwischen sechs und Mitternacht so anhörst, als hätte dir jemand die Seele aus dem Leib gesogen, wo du doch eigentlich Tipps in Liebesdingen geben sollst. Du verhunzt mir damit sogar meine Wetterberichte.«

»Deine Wetterberichte stehen blendend da«, murre ich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Jacksons stündlicher Verkehrs- und Wetterbericht der beliebteste Teil unserer Sendung ist. »Und ich weiß nicht, was ich dir dazu sagen soll. Mir sind in letzter Zeit die Tipps ausgegangen.« Ich bin ein besserer Anrufbeantworter. Ein Klotz mit Gefühlen, den die Leute vollquatschen können. Nachdem ich sechs Jahre lang Heartstrings moderiert habe, die Romantik-Radiotalkshow von Baltimore, ist mir jetzt klar, dass die Menschen nicht gesagt bekommen wollen, wie sie ihr Leben in Ordnung bringen oder Verantwortung übernehmen können. Sie wollen sich nur selbst reden hören und ihren Narzissmus bestätigt bekommen.

Außerdem wollen sie sich sechsundzwanzig Minuten und zweiunddreißig Sekunden lang darüber beschweren, dass ihr Ehemann den Geschirrspüler nicht ordnungsgemäß eingeräumt hat.

Ich seufze. »Du befürchtest, meine Einstellung könnte sich auf unsere Sendung auswirken.«

Jackson runzelt die Stirn. Brandneue Falten setzen seinen Mund beidseitig in Klammern. Ich habe ihn mit einem einzigen Gespräch um zehn Jahre altern lassen.

»Oh, das haben wir längst hinter uns, Kumpel. Ich weiß, dass sie sich auf unsere Sendung auswirkt. In diesem Gespräch geht es um dich, Aiden. Ganz fundamental für diese Freundschaftssache, auf die du dich gerne beziehst, die du aber nur selten in Handlungen umsetzt.« Er hält inne und kratzt sich am Kinn. »Außerdem hat Maggie gesagt, dass sie dir persönlich in den Hintern tritt, wenn weiter alle auf Zehenspitzen um dich und deine zarten Gefühle herumschleichen müssen.«

Maggie, unsere Chefin beim Hörfunk, hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. »Da kommt die Wahrheit ans Licht.«

»Aiden.« Jackson beugt sich vor, seine grimmige Miene zieht sein gesamtes Gesicht nach unten. »Du hast jemanden mitten in einer Livesendung ein Stück Scheiße genannt.«

»Weil der Typ ein Stück Scheiße war.« Ich tunke das Croissant in meinen Kaffee. Er schwappt über den Rand meiner angeschlagenen Tasse auf die abgewetzte Tischplatte. Ich fühle mich diesem Kaffee emotional mehr verbunden als auch nur einer der Personen, die in den letzten drei Monaten beim Sender angerufen haben. »Er hat Frauen mit Rindviechern verglichen, Jack.«

Jackson verzieht schmerzlich das Gesicht. »Ich weiß. Aber früher hattest du auch solche Anrufer.« Ich mache eine Grimasse, und er hebt die Hände in der universellen Geste für Komm runter, verdammt noch mal. »Ich sage nicht, dass er recht hatte. Er war natürlich eine Knalltüte, aber du konntest mit solchen Leuten immer umgehen, ohne …« Jackson beugt sich weiter vor, sein Blick geht über meine Schulter zu den Menschen, die sich um uns drängen. Er senkt die Stimme. »… eine äußerst kreative und anschauliche Tirade darüber vom Stapel zu lassen, wohin sie sich ihre Ansichten stecken sollten. Maggie wartet seitdem auf einen Anruf der Medienaufsicht. Sie glaubt, der einzige Grund, warum wir damit durchkommen könnten, ist der, dass es nach zehn Uhr abends passiert ist. Und weil ich dich nach der Hälfte mit einem Notfall-Wetterbericht unterbrochen habe.«

Unterbrochen ist eine höfliche Beschreibung für seine Art, in die Kabine zu platzen, mir das Mikrofon aus der Hand zu reißen und über Sturmtiefs zu schwadronieren.

Ich fahre mir mit der Hand übers Kinn. »Du hast gesagt, es würden Stürme aufziehen. Es gab aber keine Stürme.«

»Weil ich gelogen habe«, flüstert er, würde aber am liebsten schreien. »Du hast mich dazu gezwungen, über das Wetter zu lügen, Aiden.«

Ich versuche, nicht zu lachen. Ich weiß, wie ernst Jackson seinen Job nimmt. Er wollte eigentlich beim Nationalen Wetterdienst arbeiten, musste aber sein Studium abbrechen, um das volle Sorgerecht für seine kleinen Schwestern zu übernehmen, weil seine Mutter beschlossen hatte, sich einer umherziehenden Mundharmonikaband anzuschließen. Er ist den Mädchen zuliebe hiergeblieben. Er sagte, sie hätten eine beständige Sache in ihrem Leben verdient.

Jackson starrt mich an. »Was ist los mit dir?«

Ich tunke immer wieder mein Croissant in den Kaffee. Ich habe keine Ahnung, wie ich damit aufhören soll. »Ich weiß es nicht.«

»Du hattest eine kurze Zündschnur.«

»Ja.«

»Du warst wütend.«

»Yep.«

»Schnippisch und abweisend.«

»Das kommt mir übertrieben vor, aber gut.«

Jackson zieht beide Augenbrauen hoch, als wollte er sagen: Du hast jemanden als Stück Scheiße bezeichnet und dann deine Kaffeetasse quer durch den Raum geschleudert, als wolltest du bei einer Olympiaqualifikation mitmachen. »Ist was mit deiner Familie?«, fragt er vorsichtig. »Ist deine Mutter …«

»Es geht ihr gut«, falle ich ihm ins Wort. »Es geht ihr blendend. Der Krebs ist nicht mehr nachweisbar. Allen geht es gut.« Vor sechs Monaten hat sich gut wie etwas Unerreichbares angefühlt. Gut ist ein zu kleines Wort für den Riesenballon der Erleichterung, der jedes Mal unter meinem Brustkorb schwebt, wenn ich darüber nachdenke, wie kurz davor ich stand, meine Mom zu verlieren. Schon wieder. Wie verdammt schrecklich es war, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich durch diese Krankheit kämpfte. Schon wieder.

Ich presse mir die Fingerknöchel an die Schläfen und versuche, das Bild ihres zarten Körpers mit den verkabelten Armen im Krankenhausbett und dem zittrigen Lächeln im Gesicht aus meinem Kopf zu vertreiben.

Alles okay, Aiden-Schatz. Mir geht es gut.

Ich schüttle einmal den Kopf. Der Krebs ist weg. Die Ärzte sind hoffnungsvoll. Der Krebs ist weg. Ich räuspere mich und schaue Jackson an. »Zur Feier machen Mom und Dad einen Roadtrip. Die Küste hoch. Sie haben sich das während Moms Behandlung vorgenommen und ziehen es jetzt durch.«

Ständig schicken sie mir Fotos von sich vor den Schildern der verschiedenen Bundesstaaten. Strahlend am Strand von Delaware, in Parkas gehüllt. Mit passenden abgetragenen Baseballkappen auf den Köpfen aus New York. Ein Foto von meiner Mom, die sich vor einem halb verbogenen New-Jersey-Schild eine Tüte Gummiwürmer an die Brust drückt und eine Strickmütze auf dem gerade erst wieder nachwachsenden Haar trägt. In ihren Gesichtern steht unbändige Freude.

»Und du bist sauer, weil du nicht dabei bist? Hast du dich deswegen benommen wie ein Blödmann?«

Ich schüttle den Kopf. »Nö. Ich freue mich für sie.«

»Was ist dann los?«, fragt Jackson. »Was geht da bei dir ab?«

Ich drehe meinen Kaffeebecher einmal ganz herum. Ich bin im Eimer. Genauso bockig, wie Jackson es mir unterstellt. Ich kann das Grauen nicht mal erklären, das mich jedes Mal überfällt, wenn ich mich im Sender in die Kabine setze. Das undurchdringliche, bleischwere Gefühl, das mich wie ein Stein nach unten zieht, jedes Mal, wenn ich den blinkenden roten Knopf drücke, der mich mit den Hörern verbindet. Es ist ein Schmerz. Eine Abwesenheit. Ich weiß es nicht. Wenn meine Eltern ein Bild der Lebensfreude abgeben, dann bin ich das Bild der Existenzangst. Früher habe ich es geliebt, mit Menschen zu reden. Mir ihre Geschichten anzuhören und meine eigenen zu erzählen. Es hat mir das Gefühl gegeben, in Verbindung zu stehen.

Aber jetzt bin ich einfach nur … erschöpft.

»Ich weiß nicht«, murmle ich. »Ich habe …« Probleme, denke ich und habe Angst, das Wort laut auszusprechen. Angst davor, es damit wahr zu machen. Ich habe Probleme und keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll. Ob ich sie jemals wieder loswerde. Ich glaube, ich bin … möglicherweise bin ich nicht mehr in die Liebe verliebt, ausgebrannt von einem belanglosen Anruf zu viel. Ausgebrannt von den Schicksalsschlägen, die meine Familie getroffen haben. Es fühlt sich an, als würde die Realität jedes Mal, wenn in mir Hoffnung auf etwas Gutes aufkeimt, zum Kinnhaken ausholen. Ich weiß nicht mehr, wie ich ein hoffnungsvoller Mensch sein soll.

Da ist es einfacher, es nicht zu sein.

Ich reiße einen Zipfel von meinem Croissant ab. »Vielleicht sollte ich darüber nachdenken, etwas anderes zu machen.«

Eine Furche erscheint zwischen Jacksons Augenbrauen. »Das glaubst du doch selbst nicht.«

Ich zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung, Mann. Irgendwie schon.« Ich stütze die Ellbogen auf den Tisch. »Du hast Maggie in unseren Mitarbeiterkonferenzen doch gehört. Die Hörerzahlen für unser Programm sind nicht gut. Die Sponsoren-Pakete sind stark rückläufig. Wir haben nur noch halb so viele Anrufer wie früher, und jeder einzelne von ihnen ist …«

»Herausfordernd?«, schlägt Jackson vor.

»Eine traurige Gestalt«, sage ich stattdessen. Wir sind eine Romantik-Hotline mit null Romantik.

Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück. »Ich weiß, aber … Maggie hat da ein paar Ideen. Sie hat massenweise neue Programmsegmente gepitcht, die vielversprechend sind. Und sie hat die Sendung als Podcast gestartet, damit die Leute sie hören können, wann immer sie wollen.«

»Der Podcast hat vierzehn Abonnenten«, sage ich. »Und eine davon ist meine Mom.«

Jackson lacht grunzend. »Und drei davon meine Schwestern.«

Heartstrings hat schon seit Monaten keine gute Hörerquote mehr. Wir halten uns nur mit Mühe über Wasser.

Die Tür des Cafés fliegt auf, und ein harscher Wind fegt zwischen den Tischen hindurch. So nah am Hafen, wie wir sind, kommt es einem vor, als säße man mitten in einem Polarwirbel. Die Leute in der Nähe der Tür beschweren sich lautstark, und sie knallt wieder zu. Die Glocken bimmeln ihren Protest. Der Amor mit den dämonischen Augen starrt mich an und schwingt wild hin und her. Mit seinem Pfeil und Bogen zielt er genau zwischen meine Augenbrauen.

Poetisch.

»Es war eigentlich nie mein langfristiger Plan, beim Radio zu bleiben«, sage ich langsam. »Vielleicht sagt mir das Universum, dass ich weiterziehen soll.«

Jackson greift über den Tisch und schnappt sich den Rest meines Croissants. Ich lasse ihn. »Ach, jetzt glaubst du also an Zeichen aus dem Universum? Bist du nicht der Typ, der verächtlich geschnaubt hat bei Maggies Vorschlag, was über Horoskope zu machen?«

»Na ja, Horoskope sind ja auch lächerlich.«

Jackson verdreht die Augen. »Typisch Stier.«

Ich ignoriere ihn. »Es muss sich etwas ändern.«

Ich glaube, ich mich selbst.

Hinter mir erkämpft sich jemand einen Platz am Tresen und bohrt seinen Ellbogen zwischen meine Schulterblätter. Mit einem Ächzen rutsche ich auf der Bank weiter nach innen. »Hast du Maggies Verhörauftrag erfüllt? Kann ich mir jetzt noch ein Croissant holen?«

Jacksons Lippen werden zu einem Strich. »Klar. Ich sage ihr einfach, dass du keine Ahnung hast, was los ist, dass du nicht weißt, ob du beim Sender bleibst, und dass du nicht mal weißt, ob du Menschen überhaupt noch magst, obwohl du Baltimores beliebteste Late-Night-Show im Radio moderierst.«

»Ehemals beliebteste«, brumme ich und kippe meinen halb leeren Kaffeebecher hin und her in der Hoffnung, dass er sich auf magische Weise wieder füllt. »Ich glaube, inzwischen rangieren wir hinter dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dieser Katzen-Sendung.«

»Primetime Pussycats?«

»Genau der.«

Er sieht verwirrt aus. »Es geht also im Grunde um Katzen?«

Ich werfe ihm einen schrägen Blick zu. »Worum soll es denn sonst gehen, Jack?«

»Pussycat ist ein eigenartiger Begriff«, sagt er abwehrend. »Und das wird spätabends ausgestrahlt. Hör auf, mich so anzuschauen.«

Ich kichere in meinen letzten Schluck Kaffee hinein. In Primetime Pussycats werden ausschließlich Songs gespielt, in denen das Wort Katze vorkommt. Der Rest der Sendezeit widmet sich dem Vergleich von Katzenstreu und der Frage, wo in Baltimore man die beste Katzenminze findet. Es ist auf seltsame Weise beruhigend.

Ich habe ihre Radioquote gesehen. Ihre Zahlen sind dreimal so hoch wie unsere.

Ich seufze und lasse mich in meinen Sitz zurücksinken, wobei ich nur knapp einer Handtasche gegen den Hinterkopf entgehe. Seitdem wir gekommen sind, ist es in diesem winzigen Laden kein bisschen leerer geworden. Es drängen sich immer mehr Leute am Tresen, die den über das Wasser heraufziehenden dunklen Wolken entkommen wollen. Auch der Loftbereich am oberen Ende der Treppe ist überfüllt, sodass sich die Leute mit aufgeschlagenen Büchern im Schoß auf den Boden setzen.

»Betrachte deine Pflichten als erfüllt«, murmle ich und sehe zu, wie sich der Himmel draußen blaugrau verfärbt. Der Februar ist in Baltimore ein düsterer Monat, und ich glaube nicht, dass die kopflosen Amoretten dabei irgendjemanden voranbringen. »Ich bin angemessen gezüchtigt worden. Et cetera et cetera.«

»Das war nicht der Zweck dieser Unterhaltung.«

Ich weiß das, aber ich fühle mich trotzdem peinlich berührt, so als wäre es doch ihr Zweck gewesen.

Mir war nicht klar, dass andere meinen nachlassenden Enthusiasmus bemerkt haben, obwohl es nicht gerade subtil ist, in einem Anfall von Frust einen Kaffeebecher quer durch die Kabine zu pfeffern.

»Ich weiß«, sage ich. Jackson ist mein Freund, und er hat sich wahrscheinlich freiwillig bereit erklärt, bei mir nachzufragen, weil ich ihm nicht egal bin. Diese Freundschaftssache, wie er es so treffend ausgedrückt hat. »Ich werde versuchen, mich zu bessern. Ihr habt recht. Vielleicht bringt der Podcast was. Ich mache ein Brainstorming. Mal sehen, ob mir neue Konzepte einfallen.«

»Vielleicht versuchst du es auch mal mit Meditieren«, schlägt er vor. »Ich habe da eine App, die du ausprobieren könntest.«

Er öffnet den Mund, um weiterzusprechen, aber das plötzliche, brüllend laute Tuten eines Nebelhorns bewahrt mich vor den Einzelheiten seiner Meditationsroutine. Die Hälfte der Leute im Café zuckt zusammen, die andere Hälfte jubelt. Die Grenze zwischen den Gruppen verläuft mitten durch unseren Tisch.

»Was zum Teufel ist das?«, schreie ich über das Tuten hinweg und presse mir die Hände auf die Ohren.

»Wenn sie jemanden mehr als zweimal aufrufen müssen, damit er seine Bestellung abholt, tuten sie mit dem Horn.« Jackson rührt weiter in seinem Tee, als wäre nichts Ungewöhnliches passiert. Als wäre dieses unerträgliche Getute etwas vollkommen Alltägliches. Ist es vielleicht auch. »Jetzt, da es leise ist, ruft die Barista den Namen sicher noch mal aus.«

Auf der anderen Seite des Tresens taucht ein blonder Haarschopf auf. Auf ihrem Gesicht spiegelt sich genervte Nachsicht, in der rechten Hand hält sie einen extragroßen Iced Coffee. Sie hebt ihn über ihren Kopf und erwischt damit fast einen glatzköpfigen Mann, der die Nase in einem Taschenbuch vergraben hat.

»Brooks Robinson«, brüllt sie, und ihre Stimme ist fast so laut wie das Nebelhorn. »Ich habe einen Café au Lait für Brooks Robinson.«

Die Menge teilt sich, trippelt zur Seite, gerät in Bewegung. Die Leute, die sich zwischen den Regalen im Loft versteckt hatten, spähen über das Geländer. Ein interessiertes Raunen geht durch die Menge. Brooks Robinson ist ein wichtiger Name in Baltimore.

»Glaubst du wirklich, dass er es ist?«, fragt Jackson. Er verrenkt sich auf seiner Bank, um besser sehen zu können.

»Ich bezweifle, dass der größte Third Baseman aller Zeiten sich an einem Dienstagmorgen seinen Café au Lait in einer Buchhandlung holt, in der Anti-Valentinstag gefeiert wird.«

Jackson zuckt mit den Schultern. »Man kann nie wissen.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Falls er es ist, fragen wir ihn, ob er bei Baltimores ehemals beliebtester Late-Night-Radioshow einen Gastauftritt hinlegen möchte.«

Jackson dreht sich lächelnd zu mir um. »Das ist die richtige Einstellung. Wenn wir positiv denken, können wir diesen Dampfer wieder auf Kurs bringen.«

Ich reagiere nicht darauf. Meiner Einschätzung nach liegt dieser Dampfer bereits auf dem Grund des Ozeans.

AIDENVALENTINE: Fragst du dich manchmal, was der Sinn von alledem ist?

ANRUFER: Wie bitte?

AIDENVALENTINE: Was ist der Sinn von allem? Was machen wir hier? Wursteln wir uns nur so durch? Und hoffen einfach auf das Beste?

[Schweigen]

ANRUFER: Ich habe gefragt, ob ich meiner Freundin öfter Blumen mitbringen soll.

AIDENVALENTINE: Blumen verwelken. Alles stirbt.

ANRUFER: Ich dachte, das hier wäre eine Romantik-Hotline.

2LUCIE

Da ist etwas im Flur.

Ich höre immer wieder so ein Kratzen oder Flüstern oder … Es klingt wie Wäsche im Trockner, in der sich noch die Handvoll Münzen befindet, die Maya aus unerfindlichen Gründen immer in ihren Taschen lässt. Ein leises Schaben und dann ein dumpfer Aufprall.

Ich habe keine Ahnung, was zum Teufel das ist.

Ich lasse das Buch auf meine Brust sinken und setze mich im Bett auf. Immer wenn ich denke, ich hätte es mir nur eingebildet, höre ich es erneut. Aber in Mayas Zimmer ist es dunkel, und das Einzige, was sich sonst auf dieser Flurseite befindet, ist die Wäschekammer, deren Tür ich noch nie weiter als fünf Zentimeter aufziehen konnte. Darin lagern wir Handtücher. Schachteln mit Taschentüchern, die wir nie wieder herausbekommen werden. Andere kleine Gegenstände, die wir durch den winzigen Spalt quetschen können.

Oh Gott! Spukt es in unserer Wäschekammer? Gibt es da einen bösen Geist, der sauer ist, weil ich keine Spannbettlaken falten kann? Wenn es hier spukt, brenne ich das ganze Haus nieder. Dann ziehen Maya und ich in dem Café auf der anderen Straßenseite ein. Unsere Klamotten werden nach Bagels und zu starkem Kaffee riechen, aber wir werden die Geister los sein.

Ich schlüpfe aus dem Bett, greife nach meinem leeren Teebecher und schwenke ihn wie eine Waffe. Ich weiß nicht, was genau ich damit anstellen werde, wenn mir auf dem Flur die verschwommene Gestalt einer viktorianischen Frau entgegengeschwebt kommt, aber er gibt mir das Gefühl, die Situation unter Kontrolle zu haben. Ein bisschen.

Ich lehne mich aus meiner Zimmertür und blicke die Treppe hinunter zur Haustür, um sicherzugehen, dass sie noch fest verriegelt ist. Von der Straßenlaterne draußen fällt goldenes Licht durch die Buntglasscheiben zu beiden Seiten der Tür und taucht unseren kleinen Eingangsbereich in ein Kaleidoskop sanfter Farben.

Alles ist genau dort, wo es sein soll. Unsere Schuhe stehen ordentlich aufgereiht unter den Haken an der Wand. Meine Arbeitstasche liegt neben Mayas Rucksack.

Nichts Böses und Gespenstisches da unten.

Da höre ich das Geräusch erneut, und es ist näher als die Wäschekammer. Ich drehe den Kopf scharf in Richtung von Mayas Zimmer. Da steckt etwas in dem Spalt zwischen Fußboden und Tür. Dunkelblau wie Mayas Überdecke. Ein weiteres Geräusch dringt durch das Holz. Ein Lachen diesmal. Es klingt exakt wie das Lachen meiner zwölfjährigen Tochter. Meiner zwölfjährigen Tochter, die mitsamt ihrer Decke längst im Bett liegen sollte, anstatt mit jemandem zu reden und zu lachen.

Auf Zehenspitzen schleiche ich näher und drücke mein Ohr an ihre Tür. Wir haben sie, als sie acht war, blassrosa angestrichen und Glitzersterne daraufgeklebt, aber als sie elf wurde, beschloss sie, das schrecklich zu finden. Da habe ich versucht, die Sterne wieder abzupopeln, aber die besonders hartnäckigen kleben immer noch oben in der Ecke, wo wir beide nicht hinkommen. Ihre ausgebleichten Zacken haben sich aufgerollt.

»Ich weiß nicht«, höre ich Maya mit gedämpfter Stimme durch die Tür hindurch sagen. »Ich glaube nicht, dass meine Mom das gut fände.« Dann kommt ein langes Schweigen. »Ja, ich meine, da hast du recht. Sie ist ja gerade nicht hier. Und wir sind immerhin schon so weit gekommen.«

Wer ist wir? Und womit sind sie schon so weit gekommen? Mir sackt das Herz in die Hose, und vor Panik schnürt sich mir der Hals zu. Plötzlich steht mir jede Horrorgeschichte vor Augen, die ich je im Internet gelesen habe. Ich greife nach der Klinke, reduziert auf eine Serie angstinduzierter chemischer Reaktionen. Wie ein Mentos, das in eine Sprudelflasche geworfen wurde, sprudelt da etwas Erschreckendes in mir hoch. Ich schwebe in einer Angstwolke irgendwo über meinem Körper und stoße die Tür auf. Irgendwie landet mein Teebecher auf der anderen Seite des Zimmers in dem weichen, plüschigen Sessel, in dem Maya gerne liest. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich mein Herz darin befindet.

Maya schreit bei meinem Erscheinen aus voller Kehle auf, die Decke unter ihr hat sich um ihren schlaksigen Körper gewickelt. Sie versucht, ihr Telefon darunter zu verstecken, aber ich reiße ihr die Decke weg und schmeiße sie in dieselbe Richtung wie meinen Becher. Ich bin offiziell Furcht einflößender als der Geist aus der Wäschekammer.

»Mit wem redest du da?«, schreie ich. Bange Sorge würgt mich, darunter spüre ich die scharfen Kanten der Angst. Ich channele gerade ungefähr null Prozent der Bücher über bedürfnisorientierte Erziehung, die ich wie besessen aus der Bibliothek ausgeliehen habe, als Maya sechs wurde, aber das ist mir egal.

Meine Tochter flüstert mitten in der Nacht an ihrem Handy, und sie verbirgt es vor mir. Jede Folge von Dateline beginnt exakt auf diese Weise.

Maya verheimlicht eigentlich nichts. Jeden Gedanken, der ihr durch den süßen kleinen Kopf schießt, teilt sie mit mir. Selbst dann, wenn ich ihn auf keinen Fall hören will. Das einzige Mal, dass sie mich angelogen hat, war in der dritten Klasse, da ist ihr ganzes Mittagessensgeld immer auf rätselhafte Weise verschwunden. Anscheinend hat sie der gesamten Klasse davon Minibrezeln gekauft. Jeden Tag. Sie nannte es Brezel-Party. Ich habe ihr gesagt, sie solle damit aufhören, und darüber hat sie fast zwei Wochen lang beim Abendessen leise geweint.

Sie ist ein gutes Kind. Ein weichherziges Kind. Sie macht ihre Hausaufgaben. Hilft mir im Haushalt. Sie findet sich mit meinen manchmal eigenartigen Arbeitszeiten ab und führt mitten in der Nacht keine geheimen, geflüsterten Gespräche mit Fremden.

Ich greife nach ihrem Telefon, doch sie hält es außer Reichweite und presst es sich dann an die Brust. Moosgrüne Augen, die perfekt zu meinen passen, geweitet vor Angst.

»Nein«, flüstert sie. »Das geht nicht.«

Ich höre das tiefe Brummen einer Stimme am anderen Ende der Leitung. Ihre Intonation geht am Ende nach oben, so als hätte sie gerade eine Frage gestellt. Es ist jemand mit einer tiefen Stimme. Einer Männerstimme.

Eine Männerstimme, die sich mitten in der Nacht mit meinem minderjährigen Kind unterhält.

»Maya.« Ich versuche, durch die Nase ein- und durch den Mund wieder auszuatmen. »Gib mir dein Telefon.«

Ihre Finger umklammern die Hülle. »Es ist nicht so, wie du denkst«, flüstert sie.

»Du hast keine Ahnung, was ich gerade denke.«

»Doch. Du machst dein Dateline-Gesicht. Wahrscheinlich denkst du, du hättest meine Internetaktivitäten besser überwachen sollen, aber ich sage dir, es ist nicht so, wie du denkst.« Langsam hebt sie das Telefon an ihr Ohr, ohne den Blickkontakt mit mir zu unterbrechen. Ich habe das Gefühl, wir befinden uns am Höhepunkt von einem dieser absurd gewalttätigen Filme, die sich mein Dad immer angesehen hat, als ich ein Kind war. Der Bösewicht hält einen niedlichen, fluffigen Hund über den Rand eines Wolkenkratzers. Ich weiß nicht, ob ich der Bösewicht bin oder der Hund.

»Eine Sekunde«, sagt Maya zu der Männerstimme am anderen Ende der Leitung.

Mein Auge zuckt. Ich bin der Bösewicht. Ich bin definitiv der Bösewicht, und das hier ist meine Entstehungsgeschichte.

»Du hast keine Sekunde. Gib mir dein Telefon«, sage ich, so ruhig es mir möglich ist, was nicht ruhig genug ist, denn Maya zuckt erschrocken vor mir zurück. Sie nickt, dann schüttelt sie den Kopf, dann nickt sie wieder.

»Okay«, murmelt sie nickend vor sich hin. »Das geht alles ein bisschen schneller, als es mir lieb wäre, aber damit kann ich arbeiten.«

»Womit kannst du arbeiten?«, blaffe ich.

»Dieser Anruf …«, sagt Maya, hält das Telefon hoch und wackelt damit herum. Der Anruf dauert schon ungefähr zehn Minuten, und mein Herz überschlägt sich und kreiselt in die nächste Panikspirale. Sie telefoniert seit zehn Minuten mit irgendjemandem, während ich in meinem Bett liege und über die Wahrscheinlichkeit von Wäschegeistern nachdenke. »… ist für dich.«

»Was?«

»Der Anruf. Er ist für dich«, wiederholt sie seelenruhig.

Ich spreche mit exakt vier Menschen, und einer davon befindet sich mit mir im Zimmer. »Super. Dann gib mir das Telefon.«

»Es ist nur …« Sie presst die Lippen aufeinander. »Gib der Sache eine Chance, okay? Sei offen.«

Ich werde so was von offen sein, wenn mein Kopf erst mitten in diesem Zimmer explodiert ist.

»Gib mir das Telefon.«

»Okay.« Sie rutscht an die Bettkante und reicht es mir. Wie eine professionelle Bombenentschärferin. »Cool. Danke, Mom. Du bist die Beste.«

»Hör auf zu schleimen«, sage ich durch zusammengebissene Zähne hindurch. Sie hält einen zittrigen Daumen in die Luft.

Ich hebe das Telefon an mein Ohr. Ich schnaufe wie ein Drache. Oder eine Serienkillerin. Ein Serienkiller-Drache. Ich schnappe tief und keuchend nach Luft in dem Versuch, meinen Herzschlag zu regulieren, aber ich glaube, es funktioniert nicht.

»Wer …« Ich lecke mir über die trockenen Lippen und räuspere mir das Krächzen aus der Stimme. Ich will kraftvoll klingen. Ich will Furcht einflößend klingen. »Wer zum Teufel ist da?«

Am anderen Ende der Leitung herrscht Schweigen. Ich höre ein ersticktes Geräusch. Ein Husten vielleicht. Oder ein Lachen.

Meine gesamte Furcht ballt sich zu einer winzigen Kugel, bis ich die Wut in Person bin.

»Habe ich etwas Lustiges gesagt?«

»Du wirst meine Belustigung jeden Moment nachvollziehen können«, sagt der Fremde am anderen Ende der Leitung. Er klingt nicht überrascht genug darüber, dass aus dem Mädchen, mit dem er gerade gesprochen hat, eine Feuer speiende Frau geworden ist. »Hallo. Ich heiße Aiden.«

»Okay, Aiden.« Ich sehe meine Tochter an, die im Schneidersitz ganz außen auf der Bettkante sitzt und sich eine Decke mit aufgedruckten Meerjungfrauen um die Schultern geschlungen hat. Ich blinzle, und sie ist vier Jahre alt, hat einen struppigen Pferdeschwanz und baumelt mit den nackten Füßen über dem Boden. Ich blinzle erneut, und sie ist wieder ein Teenie, der mich mit wachsamem Blick betrachtet. »Warum telefonierst du nachts um zweiundzwanzig Uhr zweiundvierzig mit meinem Kind?«

Ein weiteres Schweigen. »Würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass sie mich angerufen hat?«

»Es ist mir egal, ob sie dich angerufen hat.« Ich verliere ein Stück weit die Beherrschung. »Und es wäre mir auch egal, wenn sie insgeheim Jack Reacher wäre und es sich hier um eine Geiselnahme handeln würde. Sie ist zwölf Jahre alt.«

Maya schlägt sich die Hände vor die Augen und lässt sich entnervt rückwärts aufs Bett fallen.

»Mir gefällt nicht, was du da andeutest«, sagt er.

»Tja, und mir gefällt nicht, was du da machst.«

»Warte mal einen Moment. Wenn ich vielleicht einfach erklären dürfte …«

»Ist es eine Angewohnheit von dir, nachts mit minderjährigen Mädchen zu telefonieren?«

»Ich habe überhaupt keine Angewohnheiten, die minderjährige Mädchen betreffen«, haspelt er.

Das Entgleisen seiner Stimme befriedigt mich zutiefst. Aiden ist nicht mehr belustigt. Gut.

»Ich bin nicht …« Er schnauft, prustet und gibt ein paar verärgerte Laute von sich. »Ich glaube, wir sollten von vorne anfangen.«

»Nein, vielen Dank. Ich habe diese Unterhaltung ausreichend genossen. Ich lege jetzt auf.«

»Warte einen Moment.«

»Worauf?«

»Eine Erklärung.«

»Du kannst bestimmt mit einer hervorragenden Erklärung aufwarten, aber ich habe kein Interesse daran.«

Am anderen Ende der Leitung erklingt ein weiteres grollendes Geräusch. »Dann frag Maya.«

»Was?«

»Da du vermutlich nichts von dem glauben würdest, was ich dir sage, frag doch Maya, warum sie nachts um zweiundzwanzig Uhr zweiundvierzig mit mir telefoniert.«

Seine Stimme klingt tief. Rau. Wie die Stürme, die schnell über dem Hafen aufziehen und dort unter Donnergrollen hängen bleiben, bei denen ein Donner in den nächsten übergeht, bis der Himmel in den Knochen vibriert. Oder vielleicht ist es auch einfach meine Wut. Ich weiß es nicht. Ich kneife die Augen zusammen, nehme das Telefon vom Ohr und bedecke das Mikrofon mit der Handfläche.

»Bist du einer Sekte beigetreten?«, frage ich Maya. Er klingt, als gehörte er zu einer Sekte. Oder zumindest, als wäre er für ein Schneeball-Vertriebssystem zuständig.

Sie schüttelt stumm den Kopf.

»Ist das hier ein Hilferuf?«

Ein Lächeln zuckt um ihre Mundwinkel, und sie ist klug genug, es zu unterdrücken. »Nicht für mich«, murmelt sie.

»Was soll das heißen?«

»Sie meint, es ist einer für dich«, mischt sich Aiden ein. Bei irgendeiner ahnungslosen, unschuldigen Seele, die er in sein Imperium für ätherische Öle locken will, mag diese Stimme ihre Wirkung entfalten, aber bei mir beißt er auf Granit. »Es ist ein Hilferuf, aber er gilt dir. Deshalb hat sie angerufen.«

»Hilfe wobei?«, blaffe ich, verärgert darüber, dass er mich offenbar gehört hat.

Ich bin ganz kurz davor, aufzulegen und dieses Telefon in der Küche in den Abfallzerkleinerer zu werfen. Meine Geduld ist am Ende. Verdunstet. Zu Staub zerfallen. In der Wäschekammer, zusammen mit den Handtüchern und den Matchboxautos, die Maya auf Nimmerwiedersehen dort reingeworfen hat, als sie sechs Jahre alt war.

»Ich moderiere eine Radiosendung«, sagt Aiden ruhig. »Maya hat angerufen und um Tipps für eine Partnersuche gebeten.«

Meine Hand krampft sich um das Telefon. »Partnersuche? Sie ist zwölf.«

»Sie hat nicht für sich selbst angerufen. Sie hat für dich angerufen.« Er schnaubt amüsiert. »Ich bin Aiden Valentine, und du bist live bei Heartstrings, Baltimores Romantik-Hotline.«

AIDENVALENTINE: Willkommen bei Heartstrings. Du bist live auf Sendung.

ANRUFERIN: Echt? Also jetzt in diesem Moment?

AIDENVALENTINE: Yep. In diesem Augenblick.

ANRUFERIN: Mega.

AIDENVALENTINE: Du klingst … jung.

ANRUFERIN: So jung nun auch nicht.

AIDENVALENTINE: Jünger als unsere sonstigen Anrufer.

ANRUFERIN: Ich bin ziemlich sicher, dass die meisten deiner sonstigen Anruferinnen sich verwählen und denken, du wärst ein Chinarestaurant.

AIDENVALENTINE: Guter Punkt. Wie heißt du?

ANRUFERIN: Maya, aber ich rufe nicht für mich an. Ich rufe für meine Mom an.

3AIDEN

Im Äther herrscht Funkstille.

Das ist eine nachvollziehbare Reaktion. Ich bin mir sicher, Mayas Mom hat nicht damit gerechnet, ihre Tochter dabei zu erwischen, wie sie nach ihrer Schlafenszeit mit dem Moderator einer öffentlichen Radiosendung plaudert. Ich weiß nicht, ob Maya dachte, sie würde nicht ertappt werden, oder was der Plan war, aber ihre Mom war an der Entscheidungsfindung ganz offensichtlich nicht beteiligt.

Auf der großen Uhr, die bei uns über der Tür hängt, sehe ich die Sekunden verstreichen.

Zwölf Sekunden völlig tote Sendezeit und es könnte die spannendste Sendung des ganzen Jahres werden. Ich werfe einen Blick auf das rote Licht an der Telefonanlage, um sicherzugehen, dass der Anruf nicht beendet wurde. Ich habe Jackson Anfang der Woche gesagt, dass ich mich mehr anstrengen würde, Spaß an der Sendung zu haben, und hier bin ich … und strenge mich an.

Dabei muss ich mir heute Abend meinen Enthusiasmus oder mein Interesse nicht abringen. Das Erste, was Maya sagte, als ich ihren Anruf entgegennahm, war: »Hör zu. Meine Mom bringt mich vielleicht um, aber es ist eben so, wie es ist.« Und es ist folgendermaßen: Auf einen langen Dialog über das uninspirierte Liebesleben ihrer Mutter und Anschuldigungen gegen mich, einer Sekte anzugehören, folgte – ich schaue auf die Uhr – eine volle Minute Schweigen.

So viel Spaß hatte ich in der Kabine seit Monaten nicht mehr.

Die anderen Anrufe heute Abend waren die übliche fade Soße. Eine Frau meldete sich, um sich darüber zu beschweren, dass ihr Mann ihren Kartoffelauflauf nicht zu schätzen wisse, und eine andere Anruferin zählte die Unstimmigkeiten in einem historischen Liebesroman auf, den sie versehentlich auf einem Bibliotheksflohmarkt gekauft hatte. Ein Anrufer hatte sich verwählt und wollte eigentlich ein Taxiunternehmen erreichen.

Es war trostlos.

Ich gestehe Mayas Mom gerne so viel Zeit zu, wie sie braucht. Wir haben mit Sicherheit nichts Besseres zu tun.

»Lucie? Bist du noch dran?«

Am anderen Ende der Leitung ist ein ersticktes Geräusch zu hören, so als würde sie ihre Hand auf das Telefon drücken. »Du hast ihm meinen Namen gesagt?«, tönt es in meinen Kopfhörern.

Maya hat mir vieles gesagt. Den Namen ihrer Mom. Ihren Lieblingswein, den sie trinkt, wenn sie allein auf dem Sofa sitzt und in einer Binge-Session Der gefährlichste Job Alaskas durchsuchtet, eine Serie über Krabbenfischer im Beringmeer. Wie sie weint, wenn ein paar Krabben im Topf kleben bleiben.

Ich weiß eine Menge über Lucie.

»Ja«, antworte ich. »Außerdem hat sie mir erzählt, dass du in Mayas gesamtem Leben noch nicht ein Mal auf ein ernsthaftes Date mit jemandem gegangen bist. Was hast du gegen Dates, Lucie?«

Irgendwo am anderen Ende der Leitung wird ein gequälter Laut ausgestoßen. »Dieses Gespräch ist live?«

Ich nicke. »Mhm.«

»In diesem Moment?«

»Das jedenfalls sagt mir dieses blinkende rote Lämpchen.«

»Oh, toll.« Lucie klingt erschöpft. »Ich hatte schon befürchtet, dass es peinlich werden könnte.«

Ich grinse auf mein Bedienpult hinab. »Was sollte dir peinlich sein?«

»Hm. Was könnte peinlich daran sein, dass meine Tochter bei einem Radiosender anruft, um über mein Liebesleben zu sprechen?«

»Dein mangelndes Liebesleben«, schlägt Maya vor.

Es entsteht eine Pause, man hört den dumpfen Aufprall eines Kissens, das durch den Raum geworfen wurde, und dann helles, blubberndes Gelächter.

Ein Anflug von Heimweh zerrt an meinem Brustkorb. Ich denke an meine Mom, wie sie sich diese Tüte mit Gummiwürmern an die Brust drückt. Dieselbe Sorte, von der sie mir als Kind jeden Tag etwas in meine Lunchbox eingepackt hat, zusammen mit einer außen auf die braune Papiertüte gekritzelten Nachricht.

Ich versuche es mit »Deine Tochter liebt dich sehr«, wohl wissend, dass am anderen Ende der Leitung wahrscheinlich gerade ein leises, aber intensives Gespräch geführt wird. Ich möchte Lucie in der Leitung halten. Ich will mal etwas anderes zu hören bekommen. Ich bin die Beschwerden über Aufläufe leid. Zum ersten Mal seit langer Zeit möchte ich wissen, was als Nächstes passiert.

»Und so drückt sich Liebe also aus, Herr Experte? Indem meine Tochter heimlich bei einer Radiohotline anruft und meine Geheimnisse ausplaudert?«, fragt Lucie mit einem Lachen. Ihre Stimme klingt sanft. Honig in einer Tasse mit heißem Tee. Das gekippte Fenster, durch das frische Luft hereinströmt. »Weil es sich nämlich eher nach einer öffentlichen Demütigung anfühlt.«

»Wollen wir vielleicht einfach sagen, es sind siebzig Prozent Liebe und zwanzig Prozent jugendliche Rebellion?«

Lucie lacht erneut, und die Hand, mit der ich meinen Kaffeebecher halte, zuckt. »Und die restlichen zehn Prozent?«

»Sorge«, antworte ich. »Maya hat mir gesagt, dass sie sich Sorgen macht, du könntest einsam sein. Sie hatte die Hoffnung, dass ich dir helfen kann.«

Lucie wird wieder still. Diesmal fühlt sich das Schweigen belasteter an.

»Glaubst du, dass ich einsam bin?«, fragt sie mit weicher Stimme. Ein Rascheln von Stoff, dann ein geflüstertes »Ja, Mom«, und Lucie atmet aus.

Das Schweigen hält an.

»Wie wäre es damit …« Ich werfe einen Blick auf die Uhr über der Tür. »Wir machen eine Werbepause, und du nutzt die Zeit, um zu entscheiden, ob du in der Leitung bleiben und mit mir sprechen willst oder nicht. Ich beantworte alle deine Fragen, und dann sehen wir weiter, okay?«

Sie zögert einen Moment. »Auf einer Skala von eins bis zehn, wie peinlich wird das?«

»Kommt drauf an. Wo stehen wir im Augenblick?«

»Bei sieben vielleicht? Tendenz acht?«

»Nicht vorherzusagen. Du wirst wohl weiter mit mir sprechen müssen, um es herauszufinden.« Ich schiebe meinen Stuhl zurück, drehe mich damit um und fummle an der Programmsoftware, mit der ich immer noch nicht zurechtkomme, obwohl ich diesen Job schon seit fast sechs Jahren mache. »Okay, Baltimore. Bleibt dran. Nach den Botschaften unserer Sponsoren sind wir gleich wieder da.«

»Möglicherweise sind wir nach den Botschaften seiner Sponsoren wieder da«, korrigiert Lucie missmutig, aber schicksalsergeben.

»Einer von uns wird nach den Botschaften unserer Sponsoren auf jeden Fall noch da sein.« Ich drücke auf ein paar Knöpfe und spiele die vorproduzierten Werbespots ab. »Hi«, sage ich in mein immer noch mit Lucie und Maya verbundenes Headset, während im Hintergrund der Werbespot einer Baumschule läuft. »Entschuldigung für den Überfall.«

»Du klingst total so, als würde es dir leidtun«, murrt Lucie. Ein Seufzen wandert zwischen unseren Ohren hin und her, verstärkt durch mein Headset. Tapferkeit und Ausdauer in Stereo. »Ich bin mir nicht sicher, ob du derjenige bist, der sich entschuldigen sollte.«

»Trotzdem.« Auf der Suche nach der Kaffeekanne patsche ich blind hinter mich. Ich finde sie, fülle meinen Becher wieder auf und schlürfe geräuschvoll, solange ich noch kann. »Was denkst du?«

»Worüber? Darüber, einem Fremden meine Geheimnisse anzuvertrauen, während andere Fremde dabei zuhören? Sieht nicht gut aus, Aiden Valentine.«

»Welche Geheimnisse?«, mischt Maya sich im Hintergrund ein. Ein weiteres dumpfes Geräusch, leiser diesmal, und ein müder Ausbruch von Gelächter. »Ernsthaft, Mom. Das ist doch keine große Sache.«

»Keine große Sache, sagt das Mädchen, das bei einem Radiosender angerufen hat, um öffentlich meine schmutzige Wäsche zu waschen.«

»Noch mal: Welche schmutzige Wäsche?«

»Falls es dir damit besser geht«, mische ich mich ein, »wir haben nur ungefähr zwölf Zuhörer.« Ich lehne mich so weit in meinem Stuhl zurück, dass die Rückenlehne ächzt. Alles in diesem Studio wird von Klebeband zusammengehalten, damit es nicht auseinanderfällt. »Davon ist eine wahrscheinlich meine Mom.«

»Ich weiß nicht, ob das die Sache besser macht.« Lucie atmet heftig aus. Ich warte, während sie ihre Optionen abwägt. »Was ist deine Qualifikation? Bist du Psychologe oder so was?«

»Nein.«

»Psychiater?«

»Nö.«

»Ich kann mir nie merken, was der Unterschied ist«, sinniert sie.

»Ich glaube, es hat was mit dem Verschreiben von Medikamenten zu tun.«

»Interessant.« Sie könnte kaum weniger interessiert klingen. »Und was bist du dann? Ein Schamane? Ein Liebes-Guru? Kannst du den Leuten aus der Hand lesen?«

Diese Frau. »Nein. Ich lese den Leuten nicht übers Radio aus der Hand. Ich leite auch keine Sekte.«

»Das hast du gehört, was?«

»Es ist erstaunlich, was man alles hören kann, wenn jemand in ein Mikrofon spricht.«

Im Hintergrund raschelt Stoff, Decken und Kissen werden verschoben. Ich nehme noch einen Schluck aus meinem Kaffeebecher und warte.

»Wenn du also nichts von alledem bist … wie sollst du mir dann Ratschläge erteilen?«

Ich grinse. »Aha, jetzt will sie also Ratschläge.«

»Ich sag’s ja nur. Rein hypothetisch. Falls ich mitmache.«

»Es ist ziemlich einfach. Du redest, und ich höre zu.«

»Und dann reparierst du alles?« Sie gibt einen abschätzigen Laut von sich. »Zack, bumm?«

»Es gibt nichts zu reparieren, Lucie.« Das Lächeln auf meinem Gesicht erlischt, und ich starre auf die abgeschlagene Kante meines Kaffeebechers. Ich fahre mit dem Daumen darüber. »Du bist ja kein Toaster. Oder falsch verkabelt. Und ich bin kein Guru oder Hellseher oder … in irgendeinem wörtlichen Sinne … professionell ausgebildet. Ich bin bloß ein Mensch. Ein Mensch, der gern mit anderen Menschen redet. Der gelegentlich mittelgute Ratschläge erteilt. Bei mir und den Leuten, die hier zuhören, kannst du dich sicher fühlen. Versprochen. Wenn sich das Gespräch in eine Richtung entwickelt, die dir unangenehm ist, sag es einfach. Dann machen wir Schluss, und du kannst bei dir zu Hause auf absehbare Zeit Fernsehverbot erteilen.«

Maya stößt im Hintergrund einen Protestlaut aus. Lucie kichert.

»Aber ich werde nicht … ich werde nicht versuchen, irgendetwas an dir zu reparieren, Lucie. Ich höre nur zu, okay? Wir reden, und dann schauen wir, was passiert.«

»Schauen, was passiert«, wiederholt sie.

Ich blicke auf die Uhr. »Genau. Wir schauen, was passiert. Aber du hast jetzt noch ungefähr eine Minute Zeit, dich zu entscheiden.«

»Bitte, Mom«, flüstert Maya hinter ihr. »Ich glaube, es wird helfen.«

Lucie macht »hm« und denkt über ihre Möglichkeiten nach. »Ich schätze, ich kann jederzeit einfach auflegen.«

»Absolut«, versichere ich, obwohl ich hoffe, dass sie es nicht tun wird. Meine Schicht dauert noch ein paar Stunden, und die will ich nicht damit verbringen, mit Kaffeerührstäbchen quer durch den Raum auf den Papierkorb zu zielen. Wenn ich allein bin, wird es in der Kabine zu ruhig, und die Ruhe lässt mir zu viel Raum zum Nachdenken.

»Versprichst du, dass du kein Sektenführer bist?«

»Im Moment bin ich keiner, obwohl ich mir vorstellen kann, dass das eine Richtung ist, in die ich mich entwickeln könnte, wenn das mit dem Radio nicht mehr klappt.« Eine Matratzenwerbung kommt zu ihrem misstönenden Abschluss, irgendwas über »Komfort für Kaskaden von Träumen«, was auch immer das bedeuten mag. »Es ist deine Entscheidung, Lucie. Wie auch immer du es haben willst. Aber wir sind bald wieder auf Sendung.«

»Mit zwölf Zuhörern.«

»Wahrscheinlich eher neun, wenn man bedenkt, wie spät es ist.«

»Das ist eine Erleichterung.«

Ich grinse ins Mikrofon und drücke die richtigen Tasten. »Bereit?«

Sie seufzt. »So bereit ich sein kann, schätze ich.«

Maya jauchzt im Hintergrund auf, und ich ziehe den Lautstärkeregler nach oben, wobei der Schalter wie immer vorspringt.

»Hey, Baltimore, willkommen zurück. Wir haben Maya und Lucie in der Leitung. Maya hat für ihre Mom angerufen, um sich ein paar Beziehungsratschläge abzuholen.« Jackson geht an der Scheibe der Kabine vorbei zu dem Kabuff, das er sein Büro nennt. Ich bin nicht überzeugt davon, dass er für seine Wetterberichte so spät noch hier sein muss, aber er mag seine Routinen, und ich mag es, gelegentlich Gesellschaft zu haben. Ich hebe die Hand zum Gruß, und er winkt zurück, bleibt stehen und sieht ein zweites Mal hin, als er meine Miene bemerkt.

»Ich würde nicht sagen, dass sie fürmich angerufen hat«, sagt Lucie und zieht meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Ihre Stimme ist eine sehr eigenartige Kombination aus Rauch und Süße. Wie der Geschmack eines guten Whiskeys. »Sie hat mir zum Trotz angerufen.«

Ich lache, und Jackson fallen auf der anderen Seite der Scheibe fast die Augen aus dem Kopf. Er presst das Gesicht ans Glas, drückt sich die Nase daran platt und legt die Hände um die Augen, um besser sehen zu können.

Was?, forme ich mit den Lippen, während Maya und Lucie über den wahren Grund für den Anruf diskutieren.

Jackson verzieht das Gesicht zu einem gezwungenen Grinsen und zeigt darauf. Er sieht aus wie ein verrückter Clown. Einer dieser mechanischen Clowns vor dem Flohmarkt auf dem Broadway, die stillgelegt und kaputt sind und dieses Dauergrinsen in abgeplatzter roter Farbe im Gesicht haben. Es ist gruselig.

Hör auf damit, forme ich lautlos mit den Lippen.

Er weicht rückwärts von der Scheibe zurück und geht langsam den Flur hinunter, wirft aber alle paar Schritte einen Blick über die Schulter zu mir zurück. Er läuft gegen den Getränkeautomaten, korrigiert seinen Kurs und verschwindet mit einem letzten verwirrten Blick.

Ich runzle die Stirn und rücke mein Headset zurecht.

»Meine Mom hatte seit einem Jahrzehnt keinen Freund mehr«, sagt Maya hastig. Es wirkt so, als wäre sie sich nicht sicher, wie viel ihre Mom ihr wird durchgehen lassen, und als versuchte sie deshalb, alles auf einmal vorzubringen. »Sie geht zur Arbeit und kommt nach Hause. Manchmal geht sie auf einen Wein zu Patty auf die andere Straßenseite. Das ist ihre Freundin. Patty. Ihre einzige Freundin. Sie geht nie aus, weißt du? Sie ist immer hier.«

»Entschuldige bitte«, sagt Lucie, »dass ich immer hier bin. In dem Haus, das mir gehört.«

»Mom.«

»Was?« Sie lacht. »Ich dachte, du magst es, wenn ich zu Hause bin.«

»Ja«, sagt Maya abwehrend. »Ich mag es, wenn du hier bist. Aber manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mit meinen Freundinnen rausgehe und du allein bleibst.«

Das Lachen verschwindet aus Lucies Stimme. »Ich bin gern allein«, sagt sie leise. »Das weißt du doch.«

»Klar, aber doch nicht, also, doch nicht immer.«

Ich fahre mir mit der Handfläche über den Kiefer, bis meine Finger den Nacken berühren. »Und du glaubst, ein Freund würde dieses Problem für deine Mom lösen?«

»Ich weiß nicht«, sagt Maya. »Ich glaube, ein Freund könnte sie glücklich machen.«

»Würde er das?«, frage ich Lucie. »Dich glücklich machen?«

»Auf gar keinen Fall«, sagt sie, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

Mir rutscht ein Lachen heraus. »So viel Leidenschaft.«

»Lass mich dir eine Frage stellen, Mr Valentine.«

»Aiden, bitte«, murmle ich. Ich achte darauf, die Stimme zu senken, so wie ich es im College getan habe, wenn ich versucht habe, mit Radiostimme zu sprechen.

Sie gibt ein amüsiertes Geräusch von sich. Es klingt wie eine Mischung aus Lachen und Husten. »In Ordnung, Aiden. Bist du Single?«

Ich starre überrascht an die Kabinenwand. Lucie biegt immer nach links ab, wenn ich erwarte, dass sie nach rechts schwenkt, und ich renne dann ein Stück hinter ihr her und habe Mühe, sie einzuholen. »Bin ich.«

»Und gehst du auf Dates?«

»Gelegentlich.«

»Wie gefällt dir das?«

Das letzte Date, das ich hatte, ist wahrscheinlich vier Monate her und endete mit einem kurzen, aber befriedigenden Schäferstündchen. Auf dem Heimweg von ihrer Wohnung habe ich mir einen Cannolo von der kleinen italienischen Bäckerei geholt. Seitdem hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihr.

Ich halte Dates im Allgemeinen für eine enorme Zeitverschwendung. Aber in dieser Sendung geht es nicht um mich.

»Mich interessiert mehr, was du über Dates denkst«, weiche ich aus.

»Also ich finde sie scheiße.«

Ich lache und reibe mir mit der Hand über den Kopf, wobei ich mein Headset verschiebe. Statisches Rauschen explodiert in meinem linken Ohr, und ich rücke die Kopfhörer wieder gerade und schiebe dabei den Bügel weiter nach hinten. »Wieso sind sie scheiße?«

»Ich hasse Dates. Es kommt mir so vor, als müsste man dabei irgendeinen Tanz aufführen, zu dem ich nie die Schritte gelernt habe. Ich bin planlos, und das ist keine Ausrede. Ich bin wirklich planlos. Ich kapiere nicht, durch welche … Schritte man sich durcharbeiten muss, bevor man man selbst sein darf.« Sie seufzt. »Es fühlt sich an wie dieser Traum, weißt du, der, in dem man in Unterwäsche den Flur entlangläuft.«

»Ich glaube nicht, dass sich ein Date so anfühlen sollte.«

»Ist das deine Expertenmeinung?«

»Ja.« Ich lache. »Ja, ist es.«

»Ich habe zwei Wochen lang eine Dating-App ausprobiert«, gesteht Lucie. »Das waren die peinlichsten zwei Wochen meines Lebens.«

»Für dich? Oder für deine potenziellen …«

»Opfer?«, fragt sie.

»Ich wollte eigentlich ›Verabredungen‹ sagen, aber was auch immer dir angemessen erscheint.«

Ihr entschlüpft ein weiterer nachdenklicher Laut, während sie sich mit ihrer Antwort Zeit lässt. »Wie verpackt man sich so, dass man attraktiv ist?«, fragt sie leise. »Das hätte mir gleich schon eine Warnung sein sollen, glaube ich. Es hat mich solche Mühe gekostet, mein Profil zu erstellen. Meine Freundin musste mir dabei helfen.«

»Patty?«

»Ja«, antwortet Lucie. »Meine anscheinend einzige Freundin.«

»Vielleicht hast du kein klares Bild von dir selbst.«

»Vielleicht haben wir alle kein klares Bild voneinander. Nicht mehr. Als ich auf dieser App war, kam ich mir die ganze Zeit vor wie eine Karikatur meiner selbst. Es fühlte sich an … Es fühlte sich so an, als würde ich aus meinem Herzen ein Spiel machen, und das hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich bin wirklich froh, dass so viele Menschen auf diesem Weg Partner gefunden haben, aber ich weiß nicht, ob ich es richtig angestellt habe. Für mich war es nichts, obwohl ich mir so sehr gewünscht hätte, dass es anders wäre. Ich hatte den Eindruck … dass ich vielleicht nicht der richtige Typ Mensch dafür bin.«

»Für Dates?«

Ihr Lachen klingt diesmal scharf. Eigentlich ist es gar kein Lachen. »Für das alles. Für die Liebe vielleicht. Ich weiß es nicht.«

Meine Lippen werden zu einem Strich. »Bist du denn überhaupt auf ein Date gegangen?«

»Mhm«, brummt sie. »Bin ich. Ich war auf zweien, glaube ich. Und nachdem ich entschieden hatte, dass die App für mich nicht das Richtige ist, habe ich es auf anderen Wegen versucht. Der Freund einer Freundin kannte einen Typen und vermittelte uns ein Date. Alle, ich meine, alle meine Dates, waren vollkommen in Ordnung. Die Typen waren anständig. Aber ich weiß nicht. Ich hatte nie das Gefühl, das weiter betreiben zu wollen.«

»Es hat nicht gefunkt«, mutmaße ich. »Es hat für dich keinen Unterschied bewirkt.«

»Es hat bewirkt, dass ich mich klein gefühlt habe. Weniger verbunden. So als ob … als ob wir in dieser großen, hektischen Welt einfach alle voneinander abprallen würden und ich niemanden hätte, der mich festhalten will. Ich habe mich nicht wie ich selbst gefühlt, und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass die anderen sie selbst waren.« Sie atmet tief und zittrig aus. Ich spüre, dass ihr wieder bewusst wird, wer sich am anderen Ende der Leitung befindet. »Ich weiß nicht. Das ergibt alles keinen Sinn. Ich brabbele dummes Zeug.«

»Nein«, sage ich und starre angestrengt auf den Kaffeering, den ich auf dem Schreibtisch hinterlassen habe. Sie ist gerade ehrlich. Ehrlicher als alle anderen, die jemals in dieser Sendung angerufen haben. »Doch, das ergibt schon Sinn.«

Wie oft hatte ich das Gefühl, dass ich mich bloß von einer Sache zur nächsten treiben lasse? Wie schwer ist es mir in letzter Zeit gefallen, Begeisterung aufzubringen für … irgendetwas? Ich bin in einem Nebel gefangen, aus dem ich mich nicht befreien kann.

Ich habe mich klein gefühlt. Weniger verbunden. Ich weiß genau, wie es ihr geht.

»Also habe ich die Versuche eingestellt, mich zu verabreden. Ich habe so viel Liebe in meinem Leben, dass ich gar nicht weiß, ob ich noch mehr davon brauche. Ich will nicht … Ich will mich nicht mit etwas zufriedengeben, nur damit ich einen Haken darunter machen kann. Das jedenfalls habe ich mir eingeredet, und da sind wir nun.« Sie lacht voller Selbstironie. »Ich habe eine neue Stufe der Erbärmlichkeit erreicht. Mein Kind hat bei einem Radiosender angerufen, denn sie macht sich Sorgen, weil ich allein zu Hause auf dem Sofa sitze.«

»Ich glaube nicht, dass es das ist, worüber sie sich Sorgen macht.« Ich strecke unter dem Schreibtisch die Beine aus. »Ist sie weg? Es ist so leise da drüben.«

»Sie schläft«, antwortet Lucie sanft. Ich sitze in meinem knarrenden, kaputten Stuhl und lausche den Nebengeräuschen. Denen, die vor meinem inneren Auge Bilder entstehen lassen. Füße in Strumpfsocken auf der Bettdecke. Ein rumpelnd vorbeifahrendes Auto. Wind an den Fenstern und das Knarren einer Bodendiele.

Für einen Moment kann ich die Form ihres Lächelns hören. Ein Halbmond in der Dunkelheit.

»Glaubst du, du wirst noch einmal versuchen, dich zu verabreden? Jetzt, wo du weißt, dass Maya das möchte?«

»Ich weiß nicht«, sagt Lucie. »Es liegt nicht in Mayas Hand. Auch wenn sie es gut meint, ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Tür in mir wieder öffnen will.«

»Und was willst du selbst?«, frage ich. »In einer perfekten Welt, würdest du da auf deinem Sofa sitzen bleiben? Und Der gefährlichste Job Alaskas schauen?«

»Wahrscheinlich«, sagt sie mit einem Lächeln in der Stimme. »Aber vielleicht … vielleicht würde jemand neben mir sitzen.« Sie hält inne, und ich halte die Luft an. »Vielleicht bin ich einsam.«

Es sind nicht ihre Worte, sondern es ist die Art, wie sie sie ausspricht. Leise. Verlegen. Als wäre es irgendwie ihre eigene Schuld, dass sie noch nicht gefunden hat, wonach sie sucht.

»Hmm«, mache ich. »Ich glaube, wir sind alle ein bisschen einsam.«

»Bist du das?«, fragt sie. »Einsam?«

Ich lege den Kopf zur Seite und schaukle mit meinem Stuhl hin und her. Nachdem Jackson mich gestern Morgen im Buchladen zurückgelassen hatte, saß ich noch eine Stunde lang an diesem Tisch und beobachtete, wie die Leute kamen und gingen. Ich musste nirgendwohin, und es war angenehm, von Geplauder und Wärme umgeben zu sein. Von dem Geschrei der Barista hinter dem Tresen und dem Geruch nach Kaffee und Büchern.

»Ja«, krächze ich und starre angestrengt auf meinen Kaffeebecher. Ich drücke mir einen Fingerknöchel gegen die Wange. »Ja, ich schätze, manchmal bin ich einsam.«

Mein Herzschlag wummert etwas zu schnell in meinen Ohren. Ich kratze mich grob am Hinterkopf und räuspere mich. Ich muss dieses Gespräch in eine andere Richtung lenken. Irgendwohin, wo es sich nicht so anfühlt, als würde es auf die empfindlichste Stelle eines Blutergusses drücken.

»Was könnte dich dazu bringen, es noch einmal zu versuchen? Mit den Dates.«

Sie gibt am anderen Ende der Leitung einen kurzen schnaubenden Laut von sich. »Ich will es eigentlich nicht versuchen.«

Mein Lächeln purzelt kopfüber in ein raues Lachen. Ich schwöre, es fühlt sich so an, als hätte ich vergessen, wie man lacht. »Das ist auch okay«, sage ich zu ihr und grinse hier allein in der Kabine immer noch wie ein Idiot. »Du musst nichts machen, was du nicht machen willst.«

»Nein, so habe ich das nicht gemeint. Ich will es nicht versuchen. Ich mache nichts anderes als versuchen. Den lieben langen Tag versuche ich es, und ich bin so müde. Wieso kann das nicht die eine Sache sein, bei der ich mich nicht anstrengen muss? Warum kann es nichts sein, das einfach … passiert? Ich will nicht … Ich will nicht darüber nachdenken, was ich sagen sollte oder wie ich mich verhalten sollte, oder … in der Notizen-App auf meinem Telefon Gesprächsthemen auflisten für ein Date zum Abendessen in einem Restaurant, das ich eigentlich nicht mag. Ich will etwas fühlen, wenn ich mit jemandem eine Verbindung eingehe. Ich will, dass der Blitz einschlägt. Im guten Sinne, weißt du? Ich will lachen und es auch so meinen. Ich will Gänsehaut. Ich will mich fragen, was meine Verabredung denkt, und dabei hoffen, dass es vielleicht um mich geht. Ich will … Ich will Magie.«

»Magie?« Ich versuche, einen Teil von mir zu finden, der nicht von jedem Wort, das aus dem Mund dieser Frau kommt, so verdammt verunsichert ist. »So eine bist du also, ja?«

»Was für eine?«

»Eine Romantikerin«, sage ich. »Blitzeinschläge. Seelenverwandtschaft. Glücklich bis ans Ende aller Tage. Zwei Herzen, verbunden mit einem glänzenden goldenen Band.«

»Pff«, macht sie. »Du moderierst eine Romantik-Sendung und willst mir weismachen, dass du kein Romantiker bist?«

»Ich weiß es nicht«, antworte ich ihr ehrlich. Ich glaube, ich war mal einer, aber dieser Teil von mir fühlt sich zerbrochen an. Unsicher. Zermalmt unter den Tausenden von Anrufern, denen die Liebe abhandengekommen ist. Denjenigen, die von vornherein keine empfunden haben. Liebe und Romantik kommen mir heute wie ein Märchen vor, das wir Kindern erzählen, damit sie nachts besser schlafen können. Mit dem wir auch uns selbst etwas vormachen.

»Also, was auch immer du für einer bist, lach mich nicht aus, weil ich so eine bin«, grummelt sie.

Ich richte mich auf meinem Stuhl auf. »Ich lache nicht«, sage ich. »Versprochen. Das würde ich nicht tun.«

Sie atmet aus, und ich entspanne mich. Mein Blick wandert zu dem kleinen Fenster an der oberen Kante der Kabine, von dem aus man Baltimore überblicken kann. Gebäude ragen wie schlafende Riesen in der Dunkelheit auf. Winzige Lichtblitze tanzen über den Hafen. Der Natty Boh Tower zwinkert am anderen Ende der Stadt, als wäre er lebendig, und wirft einen warmen roten Schein über die Dächer.

Und irgendwo da draußen sitzt Lucie auf dem Bett ihres Kindes. Und spricht mit mir.