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Er ist der Geist der vergangenen Weihnacht, sie seine Zukunft
Nolan Callahan plant, auch diese Feiertage wie alle anderen davor zu verbringen: Er will die schrecklichen Menschen von Annapolis in seinem ziellosen Dasein als Geist der vergangenen Weihnacht heimsuchen.
Harriet York ist ein guter Mensch - oder zumindest versucht sie es zu sein. Sie ist durch und durch empathisch und tut immer das, was von ihr erwartet wird.
Als Nolan engagiert wird, die Antiquitätenladenbesitzerin für seinen Weihnachtsspuk heimzusuchen, hat keiner von beiden eine Ahnung, warum. Um einander zu entkommen, müssen Harriet und Nolan die Fäden entwirren, die sie miteinander verbinden - und das alles bis zum Weihnachtsabend.
Hand in Hand decken sie die Vergangenheit des jeweils anderen auf, doch warum will Nolan nicht loslassen? Und könnte Harriet der Schlüssel sein, um dem Geist der vergangenen Weihnacht eine Zukunft zu geben?
#1 New York Times-Bestseller
»Good Spirits ist ein absoluter Knaller … Borison ist wirklich eine Klasse für sich.« Hannah Grace, Autorin von Icebreaker
»Good Spirits ist die perfekte Holiday-Romance, mit B.K. Borisons typischer Mischung aus witzigem Geplänkel, einem gemütlichen Setting, das sich anfühlt, als wäre man in die wärmste Decke eingewickelt, und einer Liebesgeschichte, bei der man am liebsten in ein Kissen schreien möchte, und das alles gekrönt mit einer Schleife aus purer Magie. Borison ist ein Geschenk für Romance-Leserinnen und spielt in einer ganz eigenen Liga« – Jessica Joyce, Autorin von You, with a View
»B.K. Borison hat mit Good Spirits das Thema grumpy/sunshine auf die Spitze getrieben, und ich bin so was von dabei. Nolan ist der hundertjährige, mürrische Geist, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn brauche. Und Harriet ist so verdammt süß, dass sie ihre Taschen immer mit Zuckerstangen vollstopft. Das passt wie die Faust aufs Auge! Aber im Grunde geht es in dieser Geschichte um gebrochene Menschen, die ihr Glück finden, um das Warten und die Sehnsucht, um Seelenverwandte und um die unwahrscheinliche Magie des Verliebtseins. Es ist der perfekte Liebesroman.« – Laurie Gilmore, New York Times-Bestsellerautorin
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Zum Buch
Nolan Callahan plant, auch diese Feiertage wie alle anderen davor zu verbringen: Er will die schrecklichen Menschen von Annapolis in seinem ziellosen Dasein als Geist der vergangenen Weihnacht heimsuchen.
Harriet York ist ein guter Mensch – oder zumindest versucht sie es zu sein. Sie ist durch und durch empathisch und tut immer das, was von ihr erwartet wird.
Als Nolan engagiert wird, die Antiquitätenladenbesitzerin für seinen Weihnachtsspuk heimzusuchen, hat keiner von beiden eine Ahnung, warum. Um einander zu entkommen, müssen Harriet und Nolan die Fäden entwirren, die sie miteinander verbinden - und das alles bis zum Weihnachtsabend.
Hand in Hand decken sie die Vergangenheit des jeweils anderen auf, doch warum will Nolan nicht loslassen? Und könnte Harriet der Schlüssel sein, um dem Geist der vergangenen Weihnacht eine Zukunft zu geben?
Zur Autorin
B.K. Borison ist die Autorin von gemütlichen, zeitgenössischen Liebesromanen mit emotional verletzlichen Charakteren und einer Kulisse, die zum Schwärmen anregt. Wenn sie nicht gerade von fiktiven Charakteren träumt, die fiktive Dinge tun, ist sie zu Hause bei ihrer Familie und kauft höchstwahrscheinlich Bücher, für die sie keinen Platz mehr hat.
B. K. Borison
GOODSPIRITS
Aus dem amerikanischen Englisch von Michaela Link
HarperCollins
Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel
Good Spirits bei HarperCollins Publishers, New York.
© 2025 by B. K. Borison
Deutsche Erstausgabe
© 2025 für die deutschsprachige Ausgabe
HarperCollins in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von Guter Punkt | Agentur für Gestaltung
Coverabbildung von Brittany Keller
ISBN9783749909391
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheber und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für alle, die verloren und vergessen wurden. Und für diejenigen, die glauben und sie zurückbringen.
Harriet
Am ersten Dezembertage, da schenkt das Schicksal mir …
Ein kaputtes Knie, eine verhedderte Girlande und einen aufsässigen Kater.
Nichts davon kann ich gebrauchen, aber alle drei sind da und wetteifern um meine Aufmerksamkeit, als ich vor meiner Verandatreppe hinfalle und liegen bleibe, nachdem ich über den streunenden Kater gestolpert bin. Er miaut, huscht zu mir und leckt mir den Handrücken mit seiner rauen Zunge ab – als wäre er nicht der Grund dafür, dass ich wie in einer Anfangssequenz von CSI: Annapolis auf dem Gehweg vor meinem kleinen Haus liege, mein Knöchel in einer glitzernden Girlande verheddert.
Der Kater, den ich bei seinen Besuchen Oliver nenne, gibt ein klagendes Miauen von sich, als ich mich aufsetze und mein Knie inspiziere. Meine Strumpfhose ist zerrissen, und ich werde einen üblen blauen Fleck bekommen, aber es blutet nicht … allzu viel. Es könnte wohl schlimmer sein.
Dann bemerke ich, dass der Kater, der für meine frühmorgendliche Akrobatik verantwortlich ist, nun einen Umschlag aus schwerem Fotokarton mit Goldfolie zwischen seinen winzigen spitzen Zähnen trägt, und meine positiven Gedanken sind wie weggeblasen.
»Das hätte auch bis später warten können, Oliver«, brumme ich und streichle ihn, während er mir die Einladung in den Schoß fallen lässt.
Tatsächlich hätte das auch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten können.
Wieder miaut er, stupst mit der Stirn gegen meinen Arm und springt dann davon. Ein stummes Kopf hoch, Schätzchen. Sein orangefarbener Schwanz peitscht durch die Luft, als er um die Ecke verschwindet, um seinen alltäglichen Beschäftigungen nachzugehen, wie auch immer die aussehen mögen.
Mein Blick fällt auf den Umschlag auf meinem Schoß. Während der letzten fünfundzwanzig Jahre hat meine Mutter das Design kein einziges Mal verändert. Als ich ein kleines Mädchen war, versteckte ich mich immer im Eingangsbereich ihres Büros und beobachtete, wie sie langsam jeden Namen schrieb. Damals dachte ich, ihre Sorgfalt und Liebe zum Detail bedeuteten, dass sie etwas Besonderes schaffen wollte. Heute weiß ich, dass sie einfach nur eine gute Show liefern will.
Ich fahre mit dem Finger über meinen Namen: Harriet York.
Nicht die kleinste persönliche Note oder irgendein Hinweis darauf, dass die Person, die diese Karte geschrieben hat, dieselbe Frau ist, die mich großgezogen hat. Es ist genau die gleiche Einladung, die der Buchhalter meines Vaters bekommt, ebenso wie die restlichen Gäste, die zur jährlichen Weihnachtsgala der Familie York eingeladen werden. Der Brief kommt jedes Jahr pünktlich am ersten Dezember an, denn das Traditionsbewusstsein und die Einhaltung von Etikette sind bei meiner Mutter unübertroffen.
Ich stecke ihn in meine Tasche und achte darauf, den Karton nicht zu knicken. Sosehr ich mir auch wünsche, es wäre nicht so, liegt mir doch viel daran, dass ich eingeladen bin. Es bedeutet, dass ich immer noch als Teil der Familie gesehen werde, auch wenn unsere Beziehung angespannt ist.
Ich rapple mich vom Gehweg auf, wickle die widerspenstige Girlande von meinem Bein ab und sammle die Tüten ein, die im Gebüsch neben meinem Treppengeländer gelandet sind. Die Weihnachtsdekoration hängt bei mir immer schon, wenn die Einladung meiner Mutter eintrifft. Das ist meine kleine Tradition für die mir liebste Zeit des Jahres. Ich habe das Wochenende damit verbracht, alles von meinem Dachboden zu holen und in entsprechenden Stapeln zu ordnen. Nicht, dass es jetzt noch darauf ankäme. Die Girlande, die kunstvoll um mein Treppengeländer geschlungen war, hängt bereits lasch herunter. Dem riesigen Weihnachtsstern, für den ich sechsundzwanzig Minuten gebraucht habe, um genau die richtige Position zu finden, fehlt eins der roten Hochblätter.
Ich drehe den übergroßen Blumentopf so, dass die kahle Stelle versteckt ist.
»Na bitte«, sage ich. »So gut wie neu.«
Meine Tante Matilda pflegte immer zu sagen, dass es nur wenige Dinge gibt, die sich nicht durch einen Perspektivwechsel und mit ein paar glitzernden neuen Dekoartikeln lösen lassen. Das habe ich auf mein eigenes Leben übertragen, indem ich mir maßlos übertriebene Weihnachtsdekoration kaufe. Ich versuche, in allem das Positive zu sehen, und wenn gar nichts mehr hilft, bleibt immer noch das Blaubeer-Plundergebäck aus der heimeligen Bäckerei um die Ecke, damit die schlechte Laune verfliegt.
Ich mag mich nicht auf das Schlechte konzentrieren. Das war schon immer so.
Also tue ich es nicht.
»Alles in Ordnung, Harry?« Ein Schatten fällt über den niedrigen Holzzaun, der mein Grundstück umgibt. Darryl, der Postbote, der für unsere Gegend zuständig ist, bemüht sich sichtlich, über die gestapelten Pakete in seinen Armen zu spähen.
»Alles bestens, Darryl.« Ich humple zu ihm hinüber und nehme ihm das oberste Paket von seinem riesigen Stapel ab. Er grinst erleichtert, und sein dichter Schnurrbart verdeckt zwar den größten Teil seines Mundes, aber dafür sind die tiefen Lachfalten um seine Augen umso besser zu sehen.
»Woher wussten Sie, dass das gleich herunterfällt?«
»Wahrscheinlich daher, dass Sie um den Stapel herum nichts sehen können.« Der Turm in seinen Händen wackelt bedenklich, die Tasche über seiner Schulter ist prall gefüllt. Ich runzele die Stirn. »Ist das schon der weihnachtliche Hochbetrieb? So früh?«
»Nein, nein, ich bringe nur ein paar falsch zugestellte Sendungen wieder auf den richtigen Weg.« Er dreht sich um und wirft einen Blick über die Schulter. »Ich weiß nicht, wieso ich immer durcheinanderkomme.«
Er kommt schon sein ganzes Berufsleben lang durcheinander, da er seit über zwanzig Jahren die falschen Pakete an die falschen Leute ausliefert. Warum ein Mann ohne jeglichen Orientierungssinn beschließt, Postbote zu werden, ist mir ein Rätsel. Ich werfe einen kurzen Blick auf das Paket in meinen Händen und drehe Darryl dann in Richtung des grünen Straßenschilds an der Ecke. »Sie sind in der falschen Straße. Auf dem Versandetikett steht, dass es in die Morris Street muss. Sie sind in der Murray Street.«
Er kneift die Augen zusammen, um die Buchstaben auf dem Papier besser zu erkennen, und ihm bleibt ein erstauntes »Ach« im Halse stecken. »Ich kann gar nicht glauben, dass mir das nicht aufgefallen ist.«
Ich auch nicht, vor allem, da er letzte Woche den gleichen Fehler gemacht hat. Die meisten von uns verbringen ihre Sonntage damit, zu sortieren, wer was bekommen hat und wo es hingehört. Letzte Woche gab es so viele falsch zugestellte Pakete, dass wir eine Art Tauschbörse veranstaltet haben, zu der jeder falsch gelieferte Pakete mitbrachte und die richtigen abholen konnte.
»Wie wär’s …?« Ich klemme mir das verirrte Paket unter den Arm. »Ich behalte das und gebe es auf dem Weg zur Arbeit für Sie ab. Dann können Sie diese Straße fertig machen, ohne zurückgehen zu müssen.«
Sein Gesicht hellt sich auf. »Das würden Sie für mich tun?«
Ich habe schon kompliziertere Dinge gemacht und dafür weniger Anerkennung bekommen, also lächle ich ihn an. »Ich spiele sehr gerne den Weihnachtsmann«, sage ich und klopfe ihm auf die Schulter. »Bis später?«
Er zwinkert mir kurz über die Schulter zu und geht bereits den Bürgersteig entlang. »Nicht, wenn ich es verhindern kann.«
* * *
Am ersten Dezembertage, da schenkt das Schicksal mir …
Zwei weitere verirrte Pakete, die richtig zugestellt werden müssen, einen Abstecher zum Laden, um Pflaster zu besorgen, und kein Blaubeer-Plunderteilchen in Sichtweite.
»Es tut mir so leid, Schätzchen, aber wir haben keine mehr.« Paula schaut mich hinter der Theke stirnrunzelnd an, und die Falten um ihre Mundwinkel werden noch tiefer. Seit meinem sechsten Lebensjahr bin ich Stammgast in Paulas Bäckerei. Früher presste ich mein Gesicht an die Vitrine, Blaubeerflecken auf den Wangen. »Möchtest du stattdessen eins mit Cranberrys und Äpfeln?«
Nein. Ich möchte ein Blaubeer-Plunderteilchen. Nur die Aussicht auf diese süße, klebrige Köstlichkeit hat mir geholfen, diesen höllischen Morgen zu überstehen. Ich habe sie mir quasi wie eine Karotte am Stock vor der Nase baumeln lassen. Aber es ist nicht Paulas Schuld, dass sie ausverkauft sind, also zwinge ich mich zu einem Lächeln und nicke, bereit, von dieser Frau buchstäblich Krumen anzunehmen. »Cranberry klingt toll, danke.«
Sie greift in die lange Glasvitrine, während ich mein Knie inspiziere. Das Loch in meiner Strumpfhose hat sich vergrößert und zieht sich jetzt wie ein Schnitt über meinen ganzen Oberschenkel. Mit meinem Tweedrock und den kniehohen Stiefeln sehe ich aus wie eine Art festliche Grunge-Rock-Prinzessin. Das Einhorn-Pflaster sorgt immerhin für ein wenig Farbe. Das ist doch schön.
»Oje.«
Ich schaue auf. Paula beugt sich über die Auslage und sucht darin herum.
»Warum ›Oje‹?«, frage ich. Ich hasse »Oje«. Ich weiß nicht, wie viele »Ojes« ich heute noch verkraften kann.
»Ich glaube, wir haben gar keine Plunderteilchen mehr.«
»Gar keine mehr? Nicht mal mehr die mit Cranberry?«
Bei der völligen Verzweiflung, die aus meiner Stimme spricht, wird ihr Gesicht ganz weich. Am ersten Dezember hole ich mir immer ein Plunderteilchen. Immer.
»Du bist viel später dran als sonst«, sagt sie und wirft einen kritischen Blick über die Theke. Sie nickt in Richtung meines lädierten Knies. »Hast du dich in einer Gasse geprügelt? Was ist passiert?«
»Das Leben ist mir passiert«, murmle ich. Ich bin später dran als sonst, weil ich etwas Gutes tun wollte, aber ich schätze, keine gute Tat bleibt ungestraft.
Als ich die Schlange bemerke, die sich hinter mir bildet, scanne ich die Auswahl. Sie hat nur noch ein paar Buttercroissants und wenige Donuts mit Puderzucker übrig.
»Ich nehme einen Donut.« Einen Blick über die Schulter werfend sage ich: »Tut mir leid, dass alle warten müssen.«
»Mach dir deswegen keine Sorgen.« Mit ihrer Metallzange greift sie einen Donut und packt ihn in eine Tüte zum Mitnehmen. »Hol dir doch noch einen Kaffee für unterwegs. Wir haben diesen Pfefferminz-Mocha da, den du so magst. Sag Imani an der Kasse, dass er aufs Haus geht.«
Mir gelingt ein gezwungenes Lächeln. »Danke, Paula.«
Auf dem Weg zum Krähennest, dem Antiquitätengeschäft, das ich vor einigen Jahren von meiner Tante Matilda geerbt habe, esse ich meinen Mitleids-Donut und trinke meinen Mitleids-Kaffee. Puderzucker ziert die Vorderseite meines Pullovers, als ich in eine der vielen krummen Alleen einbiege, die sich durch die Innenstadt von Annapolis schlängeln, und dem Kopfsteinpflasterweg am Hafen entlang folge, der zum Krähennest führt. Am Ende der Straße taucht es auf – mein zweites Zuhause –, auf beiden Seiten von glitzerndem Wasser umrahmt.
Schindeln aus Zedernholz. Grüne Zierleisten. Ein Schild mit geschwungenen goldenen Buchstaben über der Tür. Wenn ich näher herangehe, kann ich die verblassten Bleistiftmarkierungen auf der Innenseite des Türrahmens erkennen, wo meine Schwester und ich uns jeden Sommer gemessen haben.
Während meine Eltern unsere Schulzeugnisse in einem ordentlichen braunen Umschlag in ihrem gemeinsamen Büro aufbewahrten, ritzte meine Tante Matilda unsere Kindheit in ihre Wände. Zwischen den vergessenen Dingen, mit denen die Regale vollgestopft sind, habe ich immer ein Zuhause gefunden. Diese Gegenstände haben mir Hoffnung gegeben. Sie haben mir Gesellschaft geleistet. Mehr als einmal habe ich irgendeinen verlorenen kleinen Schatz aufgehoben und die Schönheit in seiner Unvollkommenheit entdeckt. Dann habe ich mich gefragt, ob ich, wenn ich nur hart genug an meinen verletzten und kaputten Stellen arbeiten würde, auch wieder glänzen könnte. Ich habe mich gefragt, ob mich jemals jemand als etwas Wertvolles betrachten würde.
Ich trete vom Gehweg auf die kleine Holzbrücke direkt vor dem Eingang, und meine Stiefelabsätze klacken leise. »Über die Planke gehen«, pflegte Tante Matilda mit einem Augenzwinkern zu sagen. Ich hüpfe über das letzte Brett und begrüße die beiden massiven Douglasien, die geduldig an der Tür warten, eine Lieferung von einer Weihnachtsbaumplantage ein paar Ortschaften weiter. Ich habe vor, heute das Geschäft zu schmücken, während Bing Crosby im hinteren Teil des Ladens auf dem alten Plattenspieler trällert, und mich dabei mit so viel Peppermint-Bark-Schokolade vollzustopfen, dass der Morgen bald nur noch eine schlechte Erinnerung sein wird.
Aber meine sorgfältig durchdachten Pläne bleiben unter den Bäumen begraben. Ich komme nicht einmal dazu, sie in ihre Ständer zu stellen. Sobald ich das Schild »GESCHLOSSEN« zu »GEÖFFNET« umdrehe, werden wir von einem steten Strom von Kundschaft überflutet. Ich sollte für den Andrang dankbar sein, aber es ist die Art von Kunden, die viele Fragen hat und dann absolut gar nichts kauft. Sie stellen die positive Einstellung, an der ich mit purer Willenskraft festhalte, auf die Probe. Normalerweise stört es mich nicht, wenn ich mich unterhalten muss, aber eine Frau telefoniert fünfzehn Minuten lang auf Lautsprecher, eine andere versucht, mir irgendeine Haarmaske zu verkaufen, die sie seit zehn Jahren mit religiösem Eifer benutzt, und ein Mann mittleren Alters in New-Balance-Schuhen stapft schnaufend und keuchend durch die Möbelabteilung.
»Haben Sie keine unmontierten Nachttische?«, ruft er, die Hände in die Hüfte gestemmt und einen cremefarbenen Turnschuh zur Seite gestreckt.
Das hier ist kein IKEA, möchte ich ihm zurufen. Aber ich begrabe es tief in mir an derselben Stelle, an der schon die Trauer über das Blaubeer-Plunderteilchen liegt, und setze ein Lächeln auf.
Das Positive sehen, sage ich mir. Das Positive sehen, das Positive sehen, das Positive sehen.
»Nein, wir verkaufen keine unmontierten Antiquitäten.« Ich bin stolz auf mich, dass mein Tonfall ruhig bleibt. »Aber wir haben einige wirklich schöne Stücke.«
Als die Sonne durch die hinteren Fenster scheint, bin ich müde, mein Knie schmerzt, und im Laden ist keine einzige Dekoration angebracht, außer einem halbherzigen Mistelzweig über der hinteren Abstellkammer. Ich drehe das Schild an der Tür um, tätschle einen der Bäume und fahre mit den Fingern über die stachligen Zweige.
»Keine Sorge, Kumpel. Morgen ist auch noch ein Tag.«
Hoffentlich ein besserer. Hoffentlich einer, an dem ich Lichterketten an meinen Bäumen anbringen kann.
Der Wind pfeift übers Wasser, als ich die Tür zum Laden hinter mir abschließe, und der verzierte Messingschlüssel liegt schwer in meiner Hand. Eine weitere von Tante Matildas Eigenheiten, die ich noch nicht zu modernisieren übers Herz gebracht habe. Ich stecke den Schlüssel in meine Tasche und gehe die Straße entlang, während die Laternen auf beiden Straßenseiten in der beginnenden Dämmerung zum Leben erwachen.
Auf meinem Heimweg treffe ich keine streunenden Katzen. Es gibt auch keine falsch zugestellten Pakete, und es liegt kein verhedderter Haufen übertriebener Weihnachtsdekoration vor der Veranda. Ich finde nur mein ruhiges im Craftsman-Stil gehaltenes Haus in einer Seitenstraße von Annapolis vor und eine Tür, gegen die ich unten rechts treten muss, um sie zu öffnen.
Mein leuchtender Weihnachtsbaum begrüßt mich, als ich meine Sachen neben der Tür fallen lasse und mich aus meiner Strumpfhose schäle. Ich ziehe meinen Lieblingspyjama an – ein rot-weißes Flanellset mit tanzenden Rentieren – und binde meine Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen. Heute Abend werde ich die Enttäuschungen des Tages mit »White Christmas« und Pfefferminztee hinter mir lassen. Morgen wird es dann hoffentlich besser.
Für mich war die Weihnachtszeit schon immer die schönste Zeit des Jahres. Nur zu dieser Jahreszeit hat man das Gefühl, dass Magie tatsächlich existieren könnte und lediglich knapp unter der Oberfläche verborgen liegt. Als könnte man sie mit den Händen greifen. Als könnte man sie zwischen den vor Kälte tauben Fingerspitzen spüren wie Bonbons und Popcorn am Schleifenband. Knisternde Feuer im Kamin und frisch gebackene Lebkuchen. Weihnachten hat sich immer richtig angefühlt. Weihnachten hat sich immer echt angefühlt.
Ich lasse mich auf meine bequeme Couch sinken, schaue mir meinen Lieblingsfilm an und packe eine Zuckerstange aus, während Betty und Judy über Schwestern singen. In meiner Kehle bildet sich ein Kloß. Schwestern.
Als wir klein waren, lagen meine Schwester und ich auf dem Boden und lehnten uns aneinander, wenn wir uns diese Szene immer wieder anschauten. Wir versprachen uns, dass wir genauso sein würden, fröhlich, lächelnd und tanzend – und immer zusammen.
Wir mussten mit ansehen, wie unsere Mutter und unsere Tante so lange aneinandergerieten, bis ihre Beziehung nur noch ein Häufchen Asche war. Wir wussten, dass wir etwas anderes wollten. Etwas Besseres.
Aber als ich das letzte Mal mit meiner Schwester sprach, blühten die Kirschbäume, und ihr liefen die Tränen über die Wangen. Irgendwie sind wir trotz aller guten Vorsätze genau wie meine Mutter und ihre Schwester geworden.
Ich schlug einen Weg ein. Samantha einen anderen.
Diesen Gedanken verdränge ich. Heute ist der erste Dezember. Kein Tag für schmerzliche Erinnerungen. Es ist ein Tag für Danny Kaye und Pfefferminzbonbons und meine kuschligsten Socken.
Tradition. Hoffnung. Herzensgüte.
Ich bin so damit beschäftigt, Tee in mich hineinzuschütten und mir selbst einzureden, dass es mir gut geht, dass ich die wichtigen Dinge gar nicht bemerke. Und zwar den fremden Mann in meinem Wohnzimmer. Ich sehe ihn erst, als er um meinen Weihnachtsbaum herumschleicht. Es ist das Scharren seiner Stiefel auf dem Boden, auf das ich aufmerksam werde, sein Schatten groß und bedrohlich im Schein meiner Lichter. Er räuspert sich, mein Kopf schnellt zu ihm herum, und ich … ich schreie. Ich schreie aus vollem Halse und schleudere das nächstbeste Wurfgeschoss, das sich mir bietet, in seine Richtung. Die Fernbedienung fliegt über seine Schulter und landet vorbei an einem Baumschmuck in Form eines Leuchtturms zwischen den Ästen.
Er zuckt nicht einmal zusammen und starrt mich unverwandt aus dem Schatten heraus an. »Hallo, Harriet«, sagt er gelassen.
Seine Stimme ist rau. Ein schwacher Akzent, den ich nicht einordnen kann oder erkenne. Ich erkenne gar nichts an ihm, denn er ist größtenteils im Schatten verborgen. Das bisschen, was ich doch sehen kann, sind ein markantes Kinn, ein kräftig gebauter Körper und locker an den Seiten herabhängende Arme.
Ich sinke tiefer in die Couch. Mein Atem wird flach. Jeder Krimi-Podcast, den ich je gehört habe, hat genau so angefangen.
Der Fremde hebt die Hände, die Handflächen nach außen gerichtet. »Keine Angst.«
Keine Angst. Okay. Sagt der Mann, der – ungebeten – mitten in meinem Wohnzimmer steht. Als er näher kommt, tanzen Lichter über sein kantiges Gesicht. Er fährt sich mit einer Hand durch sein wirres, vom Wind zerzaustes Haar.
Ich umklammere meine Zuckerstange. Sie ist nicht spitz genug, um ihn damit zu erstechen, aber mein Adrenalinspiegel ist so hoch, dass ich damit wahrscheinlich etwas Schaden anrichten könnte.
»Was wollen Sie?«, keuche ich.
»Ich will dir helfen.« Er kommt näher. »Es ist noch nicht zu spät, Harriet. Du kannst dein Leben noch in Ordnung bringen.«
Ich blinzle. »Sind Sie so jemand, der alle Häuser abklappert und überall klingelt? Ich habe kein Interesse, Ihrer Sekte beizutreten, danke.« Sein Gesicht bleibt ausdruckslos. Mein Blick huscht zur Tür und wieder zurück. »Wie sind Sie in mein Haus gekommen?«
»Ich …«
»Viel wichtiger, wann gehen Sie wieder?«
»Ich bin nicht …«
»Ich habe keine Wertsachen«, sage ich und beiße mir auf die Unterlippe. »Eigentlich ist das gelogen. Das Lebkuchenhaus zu Ihren Füßen ist handbemalt. Dafür könnten Sie auf dem Schwarzmarkt wahrscheinlich ein bisschen was bekommen.«
»Schwarzmarkt«, wiederholt er langsam. Er betrachtet das fragliche Lebkuchenhaus und zieht die Augenbrauen hoch.
»Sie können es haben«, flüstere ich. »Bitte gehen Sie jetzt.«
Er schüttelt den Kopf und richtet seinen Blick wieder auf mich. Seine Augen verweilen einen Tick zu lange auf dem gemusterten Stoff meiner Pyjamahose. Er fährt sich mit der Hand übers Kinn. »Dein Lebkuchenhaus interessiert mich nicht.«
»Was interessiert Sie dann? Mord?«
Gut gemacht, Harriet, zwitschert es in meinem Gehirn. Sehr dezent.
»Ich habe auch kein Interesse an Mord.« Das Licht wandert über sein Gesicht. Er besteht nur aus Kanten und scharfen, wissenden Augen. Er spannt die Kiefer an und hebt das Kinn. »Ich interessiere mich für deine Seele«, sagt er ominös, und mir krampft sich der Magen zusammen.
Abwartend schweige ich, aber er sagt nichts weiter. »Sehen Sie, das klingt ein bisschen nach Mord.«
»Es geht hier nicht um Mord.«
»Es klingt aber wirklich sehr nach Mord.«
»Ist es aber nicht«, beharrt er. »Ich bin kein …«
»Es ist nur so, wenn Sie kein Mörder sind, sollten Sie wirklich mal daran arbeiten, wie Sie rüberkommen, denn …«
»Ich bin hier, damit du Bilanz ziehen kannst.« Er unterbricht mich schnell und erhebt die Stimme. Er klingt frustriert, als würde nie etwas nach Plan laufen. Gut. Damit wären wir schon zu zweit. Dann presst er die Lippen zusammen und wirft mir einen Blick zu, bei dem etwas hinter seinen Augen aufflackert. Eine Flamme. Oder eine Kerze. »Ich bin ein Geist der vergangenen Weihnacht, Harriet. Deine Läuterung wartet auf dich.«
Mein Mund steht offen. Die Zuckerstange fällt zu Boden. Am ersten Dezembertage, da schenkt das Schicksal mir …
Eine Pechsträhne und einen Geist, wie es scheint.
Nolan
Sie beobachtet mich mit stummem, erstarrtem Staunen von ihrem Platz auf der Couch aus, ihre braunen Augen weit aufgerissen, die Decke fest an die Brust gepresst. Nach der heftigen ersten Reaktion scheint sie beschlossen zu haben, so zu tun, als wäre sie unsichtbar.
Das ist völlig in Ordnung. Ich bin ein geduldiger Mann.
Außerdem erhole ich mich selbst immer noch von dem Schock, dass die Fernbedienung mir fast das Ohr abgerissen hätte. Heftige Reaktionen auf mein Auftauchen sind zwar nichts Ungewöhnliches, aber ich kann nicht behaupten, dass ich so etwas von dieser winzigen Frau in ihrem lächerlichen Pyjama erwartet hätte.
Ich drehe mich halb um und greife in den Baum hinter mir, um das schmale Teil herauszuholen, während sie noch alles verarbeitet. Ich lege das Gerät behutsam auf ihren Couchtisch.
Sie stößt ein unverständliches, brabbelndes Geräusch aus.
Reizend.
»Sie sehen …« Sie schluckt, holt kurz Luft und atmet dann wieder aus. »Sie sehen nicht aus wie ein Geist«, sagt sie schließlich.
»Nun …« Das Wort kommt mir nur stockend über die Lippen. Ich bin es nicht gewohnt, dass Menschen an meiner Existenz zweifeln, wenn ich vor ihnen stehe.
»Nun?«, wiederholt sie und starrt mich verwirrt an. Neben ihr steht eine Tasse in Form eines Weihnachtsbaums, und an verschiedenen Lampen hängen so viele Zuckerstangen, dass sie wahrscheinlich eine Brandgefahr darstellen. Jeder Zentimeter des verfügbaren Raums hier ist mit Krempel vollgestopft. Dieses Haus ist eine Katastrophe, aber … weihnachtlich, schätze ich. Eine weihnachtliche Katastrophe.
Ich versuche, all meine geisterhafte Kühnheit zu mobilisieren. »Ich bin aber einer.«
»Ein Geist?«
»Ja.« Ich nicke. »Ich bin ein Geist. Oder ein Gespenst. Wie auch immer du es nennen willst.«
Als Antwort blinzelt sie mich einmal langsam an. Ihr Haar ist ein Wirrwarr wilder blonder Locken, die achtlos zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden sind. Zwei Strähnen haben sich gelöst und streichen über ihre hohen Wangenknochen. Sie drückt sich eine Faust aufs Auge, als wollte sie ihren Blick klären, lässt sie dann wieder sinken und blinzelt mich trübe an.
»Natürlich. Das leuchtet ein.« Ein leicht hysterisches Lachen dringt aus ihr heraus, als sie die Augen zur Decke verdreht. »Sie sind ein Geist«, sagt sie leise. »Er ist ein Geist.«
Ich nicke. »Ja. Ich bin ein Geist.«
Das Lächeln verschwindet allmählich von ihrem Gesicht. »Sie sind ein Geist«, wiederholt sie, und der Sarkasmus weicht der Ungläubigkeit.
»Ein Geist der vergangenen Weihnacht, ja.«
»Der geschickt wurde, um mich heimzusuchen?« Sie bohrt sich einen Finger in die Brust. »Mich?«
Ich brumme bestätigend.
»Ich werde heimgesucht? Jetzt gerade?« Sie kneift die Augen zusammen und rümpft die Nase. »Das ist … Es fällt mir schwer, das zu glauben.«
»Das ist eine ziemlich gängige Reaktion.«
»Sie suchen mich heim? Mich. Ich bin ein guter Mensch. Ich zahle meine Steuern. Ich füttere die Katze meines Nachbarn.« Sie kneift die Augen zusammen. »Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht einfach nur bei mir einbrechen?«
Kopfschüttelnd deute ich ins Zimmer. »Ich bin nicht eingebrochen. Ich erscheine dort, wohin ich gerufen werde. Das ist eine unbeabsichtigte Folge des allgemeinen Spukens.«
Sie setzt sich unter ihrer Decke anders hin und verzieht nachdenklich den Mund. Auch das passiert. Der langsame Übergang von Schock zu Verwirrung zu Verleugnung. Dass die Menschen versuchen, sich mein plötzliches, unerwartetes Auftauchen logisch zu erklären. Ich weiß, dass ich nicht wie ein Geist aussehe. Ich sehe aus wie ein ganz normaler Mensch. Braune Stiefel. Dunkle Jeans. Ein warmes Flanellhemd. Mit dem ganzen Blitz-und-Donner-Programm konnte ich noch nie viel anfangen, im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen. Kostüme sind überflüssig, wenn ich einfach aus dem Nichts auftauchen kann. Ich habe nicht vor, mir einen langen weißen Umhang zuzulegen, nur um das Ganze dramatischer zu gestalten.
Aber vielleicht sollte ich das. Es könnte die Dinge beschleunigen.
Kleine Randnotiz fürs nächste Mal.
Ihr Blick kehrt langsam zu meinem zurück, und irgendetwas an ihrem Gesichtsausdruck verursacht ein Kribbeln in meinem Hinterkopf. Ich lege den Kopf schief und betrachte sie genauer. Irgendetwas an dieser Frau kommt mir bekannt vor. Wie der Hauch einer Erinnerung, die ich nicht ganz zu fassen kriege. Oder fast wie ein … Sinneseindruck. Ein Lied, das ich schon mal gehört habe.
»Kennen wir uns?«, frage ich.
»Das weiß ich nicht«, sagt sie mit schwacher Stimme. Sie rutscht auf der Couch so zur Seite, dass das Licht aus einem anderen Winkel auf sie fällt. Das Gefühl verschwindet. »Sagen Sie es mir. Sind Sie außer einem Einbrecher auch noch ein Stalker?«
Als Antwort verdrehe ich die Augen. »Ich bin nicht in dein Haus eingebrochen, Harriet. Ich habe meine Magie eingesetzt.«
»Magie«, wiederholt sie skeptisch. »Ihnen ist schon klar, dass die Methode nichts an dem eigentlichen Einbruch ändert, oder?«
Ich kneife mir in die Nase. »Können wir bitte das Thema Einbruch hinter uns lassen?«
»Das hätten Sie wohl gerne, was?«
Ja, hätte ich. Und wie. Diese Aufgabe hat gerade erst begonnen, und ich bin bereits genervt. Normalerweise stellt sich dieses Gefühl erst bei der zweiten oder dritten Erinnerung ein. Dass ich meine Weihnachtszeit damit verbringe, die schlimmsten Vertreter der Gesellschaft heimzusuchen, hat meine rauen Kanten im Jenseits nicht gerade abgeschliffen.
Mir entgleitet die sorgfältige Kontrolle über einen Teil meiner Magie, sodass die Lichter im Raum kurz aufflackern. Ihre Augen werden groß.
»Machen Sie das noch mal«, haucht sie.
»Nein.«
»Warum nicht?«
Weil es nicht beabsichtigt war, aber das muss sie nicht wissen. »Weil du nicht das Sagen hast.«
Das scheint einen Funken Rebellion in ihr zu entfachen. Sie setzt sich aufrechter auf die Couch, sodass die Decke, die sie um ihre Schultern gewickelt hat, ein wenig verrutscht.
»Ich will Beweise«, fordert sie.
»Wofür?«
»Für Ihre … Geisterhaftigkeit. Haben Sie irgendeine Art von Bescheinigung?« Eine schlanke Hand taucht unter der Decke auf und hält eine Zuckerstange. Das Ende läuft spitz zu. »Eine … Dienstmarke vielleicht?«
»Eine Geisterdienstmarke?«
»Ich weiß nicht, wie solche Dinge funktionieren.«
»Wir tragen keine Dienstmarken mit uns rum. Und auch sonst keine Nachweise.«
Ihr Blick wird schmal. »Wie außerordentlich praktisch.«
Ich zucke mit den Achseln. »Dann werde ich das bei der nächsten Mitarbeiterversammlung ansprechen.«
»Mitarbeiterversammlung? Gibt es noch mehr von Ihnen?«
Ich nicke. Uns gibt es zu Hunderten. Sie glaubt doch nicht etwa, dass es nur einen einzigen Geist der vergangenen Weihnacht gibt, der die schlimmsten Übeltäter heimsucht. Das wäre eine unmögliche Aufgabe.
»Okay, gut. Das ist in Ordnung. Das hier ist in Ordnung«, flüstert sie vor sich hin. Ihre Augen huschen nach oben und dann weg. Zurück und wieder weg. Beim dritten Mal bleibt ihr Blick schließlich hängen.
»Tun Sie irgendwas Gespenstisches«, fordert sie.
Meine Güte. Diese Frau. »Nein.«
»Beweisen Sie, dass Sie ein Geist sind«, beharrt sie. »Tun Sie etwas, das nur ein Geist tun würde. Machen Sie noch mal diese Sache mit dem Licht.«
Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Ich bin nicht zu deiner Unterhaltung hier.«
Sie wird aufmüpfig. »Das würde jemand sagen, der kein Geist ist.«
»Ich bin gerade in deinem Wohnzimmer aufgetaucht. Das sollte doch wohl genügen.«
»Sie sind hinter dem Baum hervorgetreten«, stellt sie klar. »Es ist durchaus möglich, dass Sie durch die Haustür hereingekommen sind.«
Demonstrativ drehe ich den Kopf und starre auf das Schloss an ihrer Tür. Die Kette ist immer noch vorgelegt. »Das bin ich nicht.«
»Dann durchs Fenster.«
»Das Fenster ist auch verriegelt.«
Ihre Augenbrauen schießen nach oben, während sie angestrengt nach einer Erklärung sucht.
»Vielleicht träume ich ja sehr intensiv«, sagt sie mit schwacher Stimme. Sie kneift sich in die Innenseite ihres Handgelenks.
Ich grinse. »Das tust du nicht.«
Sie stößt einen genervten Seufzer aus. »Sie sind ein bisschen zu jung, um ein Geist zu sein.«
»Sagt wer?« Ich zucke mit den Achseln. »Ich bin jung gestorben.«
»Und Ihre Stimme. Was hat es damit auf sich?«
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Mein Akzent?«
Sie nickt.
»Ich bin als Ire gestorben.«
Ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen. »Und jetzt sind Sie kein Ire mehr?«
»Doch, ich bin immer noch Ire.«
»Warum suchen Sie dann nicht irgendein nettes Mädchen in Irland heim?«
»Ich weiß es nicht. Das hier ist der Ort, der mir zugewiesen wurde.« Ich kratze mich am Kinn. »Wahrscheinlich, weil ihr Amerikaner mehr heimgesucht werden müsst als die meisten anderen Menschen.«
Sie schnappt beleidigt nach Luft. »Wie unhöflich.«
Wieder zucke ich mit den Achseln. »Stimmt aber. Ihr seid ein Haufen Narzissten.«
Sie wird still und denkt darüber nach. Man hört nur das Summen ihres Fernsehers hinter mir und das Knacken, als sie das Ende ihrer Zuckerstange abbeißt. Sie trägt einen Flanellpyjama mit lauter kleinen Rentieren darauf und dicke rote Socken. Das Outfit ist merkwürdigerweise entzückend, aber auch völlig absurd.
»Ich werde von einem Geist heimgesucht«, stellt Harriet fest. »Ich habe anscheinend irgendetwas Schreckliches getan und werde jetzt heimgesucht. Von einem Geist.«
»So ungefähr, ja.«
»Und Sie sind sich sicher, dass Sie mich heimsuchen sollen? Mich?«
Mit einem Fingerschnippen erscheint ein Stück Papier in meiner Hand. Ich entrolle es und blinzle die krakelige Handschrift an. Isabella, meine Vorgesetzte in der Abteilung für Heimsuchungen und Geister, bevorzugt altmodische Methoden. Unsere Aufträge werden immer handschriftlich verfasst und persönlich überbracht.
»Du bist Harriet York, ja? Siebenundzwanzig Jahre alt? Eigentümerin des Krähennests?«
Sie blinzelt mich an und starrt auf die Stelle, an der das Papier aufgetaucht ist. »Sie haben da ein Stück Papier mit meinem Namen?«, flüstert sie.
»Es wurde mir gegeben, ja.«
»Nicht gerade hilfreich, um die Stalker-Theorie zu widerlegen.«
Ich seufze. »Das ist kein Stalking. Das ist Heimsuchen.«
»Klar.«
»So wird das nun mal gemacht.«
Jeder Geist der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht erhält am letzten Tag im November ein Schreiben von Isabella, und los geht’s. Wir haben den ganzen Dezember lang Zeit, um die Einstellung unserer widerspenstigen Klienten zu ändern, sonst sind sie zu einem elenden und traurigen Leben verdammt. Ich muss Harriet vor Heiligabend an ihren nächsten Geist weiterreichen, sonst ist sie für immer verloren.
Oder so ähnlich. Ich habe mich nie genug dafür interessiert, um im Detail zu erforschen, was passiert, wenn meine Arbeit getan ist. »Sollen wir noch mal von vorne anfangen?«, frage ich. »Hilft dir das, mit dem, was hier passiert, klarzukommen?«
Sie schlägt die Beine auf der Couch unter. Eine weitere wilde Locke bahnt sich den Weg in die Freiheit. »Versuchen können wir es ja.«
»Ich bin ein Geist der vergangenen Weihnacht. Ich wurde geschickt, um dir zu helfen, dich zu bessern. Wir werden deine Vergangenheit durchgehen, damit du aus deinen Fehlern lernen kannst.«
»Okay«, sagt sie langsam und zieht das Wort in die Länge, bis es eher wie eine Frage als wie eine Aussage klingt.
»Ja? Alles klar? Können wir loslegen?«
»Nicht ganz.« Sie presst sich ihre Zuckerstange fest in eine Wange. »Ich habe ein paar Fragen.«
Ich lasse die Schultern hängen. »War ja klar.«
»Diese Fehler …« Ihre Stimme wird leiser. Ein Anflug von Bedauern blitzt in ihren braunen Augen auf. Sie blinzelt, und es ist verschwunden. »Welche sind das?«
»Alles wird offenbart, wenn wir deine Vergangenheit besuchen.«
»Das ist alles?«
»Mehr oder weniger.«
Sie wirkt nicht überzeugt. »Und Sie sind sich sicher, dass ich diese Fehler gemacht habe? Dass ich mir diesen Spuk verdient habe?«
Fast greife ich erneut nach dem Papier, das jetzt wieder zerknittert in der Gesäßtasche meiner Jeans steckt, um es ihr unter die Nase zu halten. Auf dem Papier steht dein Name, möchte ich sie anschreien. Warum stellst du die Magie eines Weihnachtsgeistes infrage? Frustriert fahre ich mir mit einer Hand durch die Haare und reibe mir den Nacken. »Die Magie entscheidet. Du wurdest als noch zu retten eingestuft, wenn du nur dein Verhalten änderst. Du musst Wiedergutmachung leisten.«
Diese Sterblichen sind alle gleich. Am Anfang wehren sie sich noch dagegen – behaupten, sie seien gut, sie hätten es nicht verdient –, aber sie können der Wahrheit nicht entkommen. Die Erinnerungen lügen nicht.
Und ich kann nicht weiterziehen, solange ich meine Geisterpflichten nicht erfüllt habe. Mir liegt nichts daran, länger als nötig an diesem höllischen Ort zu bleiben. Ich habe hundert Jahre mit Bleiben verbracht. Ich bin es leid, auf der Stelle zu treten.
Ungeduldig strecke ich meine Hand aus. »Lass uns anfangen.«
»Das könnten wir wohl tun. Schätze ich«, sagt sie. »Oder wir könnten warten.«
Ich unterdrücke nur mit Mühe ein Stöhnen. »Warum sollten wir warten?«
»Weil ich alles andere als überzeugt bin, dass es sich hierbei nicht um einen medizinischen Notfall handelt, und weil ich mich heute Abend einer Heimsuchung durch Geister nicht gewachsen fühle, vielen Dank. Sie können … Du kannst wieder in die Ecke meines Gehirns zurückkehren, aus der du aufgetaucht bist, und ich kann schlafen gehen und diesen ganzen Abend einer seltsamen Charge Pfefferminztee in die Schuhe schieben.« Sie runzelt die Stirn und drückt sich zwei Finger an die Schläfe. »Oder einer Gehirnerschütterung.«
»Auch wenn ich mich freue zu hören, dass ich im Einklang mit irgendwelchen Träumen bin, die du vielleicht hast, so funktioniert das nicht. Ich kann nicht einfach verschwinden. Ich bin für die Weihnachtszeit an dich gebunden, bis du die Fehler deiner Vergangenheit erkennst und ich dich an den Geist der gegenwärtigen Weihnacht weiterreichen kann.«
Sie lacht, fast schon etwas irre. »Oh gut. Noch mehr Regeln.«
Ich nicke. »Ja. Es gibt einen Übergabeprozess.«
Sie formt mit den Lippen das Wort Übergabeprozess. »Das ist ja alles sehr gut durchorganisiert.«
»Ja«, gebe ich zu. »So hatte ich es mir auch nicht vorgestellt.«
Als ich starb, hatte ich keine Wahl, aber wenn ich eine gehabt hätte, hätte ich das hier nicht gewählt. Dieses völlig banale Dasein, bei dem ich anderen Menschen dabei zusehe, wie sie ihr Leben leben, während ich immer genau dort bleibe, wo ich bin. Als Geist schreckliche Menschen heimsuche. Ihre trostlosen, traurigen Erinnerungen beobachte.
Nachdem ich fast hundert Jahre lang die schlimmsten Vertreter der Menschheit heimgesucht habe, kann ich mich kaum noch an mein menschliches Leben erinnern. Es kommt und geht in Farb- und Klangblitzen. Türkisblau. Meerglasgrün. Blasses Rosa. Wellen, die an der Seite eines Schiffes plätschern, und eine Kirchenglocke irgendwo in der Ferne. Ein Leuchtturm am Ufer.
Blitze statt Momente. Ich habe alles verloren, was ich einmal war. Stattdessen bin ich jetzt das hier. Der Schatten eines Mannes, gezwungen, das Schlimmste von dem zu ertragen, was andere durchmachen.
Wieder strecke ich frustriert meine Hand aus. »Zeit, anzufangen.«
Sie rührt sich nicht. »Nein, danke.«
Ich lasse die Hand sinken. »Harriet.«
Sie nimmt ihre Tasse. »Geistermann.«
»Du kannst deinem Schicksal nicht entkommen.«
Sie zieht eine Augenbraue hoch. »Oh, das ist ein toller Spruch.«
Ich fühle mich unwohl und trete von einem Fuß auf den anderen. Diesen Spruch habe ich mal von einem anderen Geist der vergangenen Weihnacht gehört. Er schien immer sehr überzeugend zu sein.
Anscheinend nicht.
»Wie kann ich dich dazu überreden, meine Hand zu nehmen?«
Nachdenklich lässt sie ihren Blick an meiner Schulter entlang und an meinem Arm hinunter wandern. Als Geist werde ich selten gesehen – fast nie genau betrachtet. Es ist ein ungewöhnliches Gefühl. Ihr langsames Mustern jagt mir ein Kribbeln über den Rücken.
Meine Finger zucken.
»Du kannst mir beweisen, dass du wirklich hier sein sollst.« Sie blickt wieder zu mir auf. »Ich würde gerne mit deinem Vorgesetzten sprechen, Geist der vergangenen Weihnacht.«
»Ach bitte. Sei nicht so.«
Sie lacht. Ein fröhlicher Ausbruch, mit dem sie plötzlich herausplatzt. Sie lacht, als wäre sie genau dafür geschaffen, und das reicht aus, dass ich beinahe ins Wanken komme.
»Dann sprich du mit deinem Vorgesetzten«, sagt sie und grinst immer noch. »So kannst du mich davon überzeugen, mir meine Vergangenheit anzuschauen oder was auch immer du vorgibst zu tun.« Sie zieht ihre abgeworfene Decke wieder zurecht und kuschelt sich hinein wie eine Art Wühlmaus. Ihre Wangen sind rosig, und ihre Lippen sind so rot wie ein Liebesapfel. Sie passt zu den Lichtern an ihrem Baum, die alle bunt und hell sind. Sie hat nur ein paar kleine Macken. »Wenn du morgen wieder auftauchst, glaube ich vielleicht, dass das hier kein seltsamer Fiebertraum war.«
»Ist das alles, was du brauchst? Dass ich zurückkomme?«
Sie nickt und schaut an mir vorbei zu ihrem Fernseher, wo der Film noch immer läuft. Ich erinnere mich an das Jahr, in dem White Christmas in die Kinos kam. Ich saß ganz hinten im Saal, zusammen mit all den Sterblichen, eine Schachtel Hot Tamales auf dem Schoß und mit klopfendem Herzen. Ich sah zu, wie Danny Kaye Vera-Ellen in einem blassrosa Kleid herumwirbelte, und spürte eine schmerzhafte Sehnsucht in meinen Handflächen. Heimweh oder so etwas in der Art. Ein Ziehen unter meiner Brust wegen etwas, das ich nicht haben konnte. Etwas, das ich nicht einmal benennen konnte.
Mich packt wieder dieses Gefühl, dass sie mir irgendwie bekannt vorkommt.
Das Knarren eines Bootes unter meinen Füßen. Die salzige Seeluft, und meine Hände auf poliertem Metall.
Sehr blasses Rosa.
»Morgen«, wiederhole ich langsam und versuche, das Gefühl festzuhalten, aber es gelingt mir nicht, während ich mitten in ihrem Wohnzimmer herumtrödele. So etwas ist mir noch nie passiert. Noch nie hat sich jemand geweigert, meine Hand zu nehmen, und … darum gebeten, mit einem Vorgesetzten zu sprechen. Wenn ich mich nicht gerade auf sie stürze und sie zwinge, zuzustimmen, kann ich sie nicht dazu bringen, ihre Vergangenheit noch einmal zu durchleben. Sie muss sich selbst dafür entscheiden.
Eine weitere unserer kleinen Regeln.
»Ja. Morgen.« Wie aus dem Nichts holt sie eine Schüssel Popcorn hervor. Ihre eigene Art von Magie. »Wenn du beim Gehen das Fenster benutzt, denk bitte daran, es ganz zu schließen. Sonst zieht es.«
Ich atme aus, widerwillig amüsiert. »Ich werde nicht das Fenster benutzen, Harriet. Ich bin ein Geist.«
»Das behauptest du.«
Zögernd trete ich einen Schritt zurück zum Baum. »Bis morgen«, sage ich mit fester Stimme. Vielleicht habe ich bis dahin wieder die nötige Entschlossenheit beisammen.
Abwesend macht sie eine Daumen-hoch-Geste. Ich verdrehe die Augen und rufe meine Magie herbei. Sie erfasst mich, bevor Harriet weitere Ausreden vorbringen kann.
Oder mir noch etwas an den Kopf werfen kann.
Nolan
Auf halber Strecke über das Kopfsteinpflaster zwischen dem Annapolis State House und dem Hafen befindet sich ein leer stehendes Lokal. Es ist unscheinbar und liegt direkt zwischen einer Eisdiele und einem Geschäft für maritime Artikel. Die Fenster sind mit vergilbtem braunem Papier verkleidet, und die Markise hängt schief. Der grüne Stoff ist zerrissen, als hätte jemand versucht, sie herunterzureißen.
Die Leute gehen achtlos daran vorbei, ohne die staubigen Fenster eines Blickes zu würdigen, weil sie weiter entlang der Straße auf Süßigkeiten hoffen. Zu dieser Jahreszeit duftet alles nach Karamell und Kakao. Nach heißem Buttertoffee. Nach Crushed Velvet und frischer Kiefer.
Ich werde genauso wenig beachtet wie das leere Schaufenster, auf das ich zusteuere, und vergrabe mein Kinn im Mantelkragen, während die Menschen an mir vorbeiziehen, die ihre Weihnachtseinkäufe erledigen. Als ich vom Gehweg trete, rempelt mich eine Frau mit ihrer Schulter an, und ihre leuchtend rote Tasche mit Goldverzierung reißt mir fast die Beine weg. Ich packe die Frau an den Armen, damit sie nicht hinfällt, und sie lächelt mich verlegen und geistesabwesend an, entschuldigt sich und eilt davon, um sich ihren Freunden anzuschließen.
Sie wird sich nicht an mich erinnern. Sie wird nie wieder an mich denken. Mit Ausnahme der Menschen, denen ich im Rahmen meiner Missionen zugeteilt werde, und der Handvoll Geister, die diese Stadt bevölkern, hat mich seit fast einem Jahrhundert niemand mehr direkt angesehen. Die Menschen halten ganz von allein Abstand und bewegen sich an mir vorbei, wie ein Fluss um einen Felsen herumfließt. Irgendwo in ihren Köpfen ist ein sechster Sinn verborgen, der ihnen sagt, dass ich etwas anderes bin, dass sie sich von mir fernhalten sollten. Ich bin nicht von hier oder dort, sondern komme von einem ganz anderen Ort. Aus einer anderen Zeit. Ich warte und höre zu und beobachte, wie die Welt um mich herum wächst und sich verändert, ohne dass ich mich selbst von der Stelle bewege.
Wenn ich ein griesgrämiger Mensch wäre, würde ich es ein Schattenleben nennen.
So wie es aussieht, ist es einfach mein Leben nach dem Tod.
Die Tür des verlassenen Ladens knarrt, als ich sie öffne, und dann verkündet ein Glöckchen an einem hübschen roten Band meine Ankunft. Lange Zeit fand irgendjemand, dass es eine gute Idee wäre, den Zugang zum Büro in der Handtuchabteilung eines Bed Bath & Beyond zu haben. Das Beyond sollte wohl auf das Great Beyond, das Jenseits anspielen. Aber dann gab es einen Zwischenfall mit einem Poltergeist und einem Sitzsack in Form eines Cheeseburgers, und die Sterblichen begannen, Fragen zu stellen. Jetzt sind wir diskreter.
Trotz der schäbigen, verfallenen Fassade ist der Raum durch ein breites Oberlicht, das sich über die gesamte Länge der Decke erstreckt, hell und sonnendurchflutet. Eine massive Eibe hat sich mitten im Raum durch den Fliesenboden gebohrt und streckt ihre knorrigen Äste in die Höhe. Zwei bequeme Stühle stehen an ihrem Stamm, und ein großer Mahagonischreibtisch füllt den Raum dahinter aus, bewusst vor einer einzelnen Tür aufgestellt.
»Nolan!« Eine kleine Frau mit glattem blondem Haar winkt mir hinter dem Empfangsschreibtisch zu, dabei klimpern die Armreifen an ihren Handgelenken. Ihre Bluse ist vorne mit Marmelade bekleckert, und an einer Ecke ihres Schreibtisches liegt ein halb aufgegessenes Gebäckstück. »Was für eine Überraschung!«
Der Mann, der geduldig vor ihrem Schreibtisch steht, dreht sich halb um, einen abgegriffenen Cowboyhut unter den Arm geklemmt. Als er mir zunickt, hebe ich grüßend die Hand. Ich kenne ihn nicht, aber das ist nicht ungewöhnlich. Manchmal glaube ich, dass es in dieser Stadt mehr Geisterwesen als Menschen gibt.
Betty, die schon die Empfangsdame ist, solange ich denken kann und wahrscheinlich noch länger, deutet auf einen der Stühle. »Ich kümmere mich erst um den Herrn hier, bin dann aber gleich bei dir.«
»Lass dir ruhig Zeit, kein Problem.« Ich lasse mich auf einen der Sitze fallen und strecke meine Beine unter dem Baum aus. »Ich kann warten.«
Durch das Oberlicht beobachte ich die Wolken, während sie ihr leises Gespräch mit dem seltsamen Cowboy beendet. Wenn ich in diesem Raum sitze, fühle ich mich immer wie am Boden eines Kaleidoskops. Sanfte, verschwommene Farben und gedämpfte Klänge.
In Harriets Haus habe ich mich genauso gefühlt, aber mit etwas mehr Überschwang. Ein Weihnachtskaleidoskop.
Die Zuckerstangen. Ihr wildes Haar, das fast schon ein Eigenleben zu führen schien. Dieser Rentierpyjama. Noch nie in meinem Leben habe ich einen so lächerlichen Pyjama gesehen, und das schließt die Zeit ein, in der ich einen Mann heimsuchte, der es für angebracht hielt, einen einteiligen Schlafanzug aus Spandex zu tragen.
War das ein Geschenk von jemandem? Ein Witz? Hat sie ihn sich selbst gekauft?
Was für eine seltsame, schrullige Frau. Und meiner Meinung nach eine richtige Nervensäge.
Als sich die Tür hinter dem Schreibtisch öffnet und schließt, richte ich den Blick auf Betty.
»Nolan.« Sie winkt mich zu sich heran, ein Marmeladentörtchen in der Hand. »Ich bin jetzt so weit.«
Sie nimmt einen riesigen Bissen, und dabei regnen Krümel auf ihre Bluse. Vor Verzückung schließt sie die Augen.
Ich starre sie an. »Bist du dir sicher? Wenn du einen Moment allein sein willst, kann ich auch später wiederkommen …«
»Nein, nein.« Sie isst den Rest des Törtchens auf und bekommt ganz dicke Backen. »Es gibt ein kleines Problem mit dem Gasthof am Church Circle«, erklärt sie, nur undeutlich zu verstehen, da sie den Mund voller Gebäck und Marmelade hat. Sie schluckt und drückt sich die Faust auf den Mund. »Reed hat Schwierigkeiten mit seinem Auftrag. Es gibt eine neue Besitzerin, und die besteht darauf, die oberen Räume mit Salbei auszuräuchern. Das vertreibt ihn jedes Mal, und er kann nirgendwo anders hin.« Sie schenkt mir ein knappes Lächeln. »Aber genug davon. Womit kann ich dir helfen? Normalerweise sehe ich dich nie so früh in der Weihnachtszeit. Wie läuft dein Auftrag?«
Mein Auftrag ist eine Katastrophe. Meine Zielperson glaubt mir kein Wort und besteht darauf, sie sei unschuldig. Ach ja, und sie hat verlangt, dass ich herkomme und mit meiner Vorgesetzten spreche.
Ich kratze mich am Kinn. »Ich bin auf eine kleine Hürde gestoßen«, antworte ich ausweichend. »Und ich hatte gehofft, das mit Isabella besprechen zu können.«
Bettys Gesicht verzieht sich mitfühlend. »Hat deine Zielperson versucht, dich auszuräuchern?«
»Nein. Es war kein Salbei im Spiel.«
»Diese billigen Kerzen von der Wahrsagerin drüben in Waldorf?«
»Die auch nicht.« Zum Glück. Ich habe gehört, dass man von diesen Kerzen noch zehn Jahre später Kopfschmerzen hat. »Ich hatte nur gehofft, dass Isabella einen Moment Zeit für mich hat, wenn es nicht zu viel Mühe macht.«
Betty sieht mich wissend an. »Na ja«, sagt sie und wischt sich die Krümel von ihrem Rock. »Du kennst ja Isabella.«
Ja, ich kenne Isabella. Ich kenne Isabella seit dem Tag, an dem ich in ihr blitzblankes Büro kam, verwirrt und immer noch klatschnass vom Meer, in dem ich ertrunken war. Sie warf mir einen Blick zu, zog eine Augenbraue hoch und sagte: Warum schaust du mich so an?
Als hätte ich mich mitten in einem Wintersturm absichtlich über Bord gestürzt. Feingefühl ist nicht gerade ihre Stärke.
»Ich würde sie trotzdem gern sehen.«
Betty nimmt das Telefon vom Rand ihres Schreibtisches und tippt drei Zahlen ein. Direkt daneben erscheint wie durch Zauberhand ein weiteres Gebäckstück, als wüsste das Universum oder das Schicksal oder was auch immer diese Welt regiert, dass sie eine Stärkung braucht.
»Du schaufelst dir dein eigenes Grab«, sagt sie zu mir.
Ich lächle schwach. »Wäre nicht mein erstes.«
Sie prustet vor Lachen. »Behalte unbedingt deinen Humor, wenn du Isabella siehst.«
Ich höre das träge Summen eines Wähltons, eine scharfe Stimme und dann eine Pause, während Betty die Situation erklärt. Die Pause dauert mehrere ungemütliche Sekunden. Sogar der Baum hinter mir raschelt nervös mit seinen Nadeln.
Betty legt das Telefon zurück auf die Gabel und verzieht das Gesicht. »Sie empfängt dich jetzt.«
Ich rühre mich nicht. »Ist sie sauer?«
Betty verschränkt die Finger auf dem Schreibtisch. Sie öffnet den Mund, schließt ihn wieder und versucht es dann noch einmal. »Das darf ich nicht sagen.«
Ich seufze. »Also ja.«
»Am besten abwarten und Tee trinken«, schlägt sie vor. Sie deutet auf die geschlossene Tür hinter sich. »Du kennst ja den Weg.«
Die unscheinbare Tür hinter Bettys Schreibtisch führt in einen ebenso wenig eindrucksvollen Flur, der statt von natürlichem Licht von Leuchtstoffröhren erhellt wird. Zu beiden Seiten befinden sich in gleichmäßigen Abständen ordentlich beschriftete Türen zu den Büros. Ich sehe sie mir im Vorbeigehen an.
Phantome, Ghule, Böse Geister auf der linken Seite. Schutzengel, Armors, Beseelte auf der rechten Seite.
Harriets Stimme schallt mir noch in den Ohren. Das ist ja alles sehr gut durchorganisiert.
Wenn sie wüsste.
Ich habe nicht gescherzt, als ich von den Mitarbeiterversammlungen sprach. Es gibt auch Quartalsberichte. Eine Stelle für Zusatzleistungen, deren Nutzung ich noch nicht ganz verstanden habe, und ein Sommerpicknick, an dem teilzunehmen immer von uns erwartet wird.
Die Tür zu Besitzergreifungen klappert bedrohlich, als ich daran vorbeigehe. Vor Sensenmänner tropft ein Wasserspender. Ich komme an Poltergeister vorbei, wo ein hitziger Streit durch die Tür dringt, bei dem jemandes starker Südstaatenakzent lauter wird und dann wieder verhallt. Ich frage mich, ob der Cowboy aus dem Empfangsbereich dort gelandet ist.
Weihnachtsgeister liegt ganz am Ende des Flurs hinter einer dunklen Holztür mit glänzendem goldenem Türgriff. Früher hing ein hübscher Mistelzweig über der Tür. Ich habe nie verstanden, warum Isabella ihn heruntergerissen hat.
Ich klopfe zweimal zu der vagen Melodie von »Jingle Bells« an, in der Hoffnung, Pluspunkte zu sammeln.
Es funktioniert nicht.
»Herein«, hallt es von drinnen.
Ich stecke erst einmal nur den Kopf durch die Tür, bevor ich ganz eintrete. Isabella runzelt bereits die Stirn, und die Strenge ihres Gesichts wird durch das blinkende Rentier-Stirnband, das sie trägt, noch verstärkt. Nur Isabella schafft es, selbst eine festliche Weihnachtskopfbedeckung einschüchternd wirken zu lassen. Ihr dunkles Haar ist ordentlich hinter die Ohren geklemmt, ihre gebräunte Haut ist glatt und makellos. Scharfe Wangenknochen. Dunkle, wissende Augen.
Gerüchten zufolge starb sie kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag und war zu wütend über ihren frühen Tod, um loslassen zu können. Sie begann in der Abteilung für Déjà-vus, wechselte aber irgendwann zu Heimsuchungen und Geister. Seitdem ist sie Leiterin der Abteilung für Weihnachtsgeister.
Ihr Büro ist genauso karg wie der Rest der Abteilung, abgesehen von ihrem Schreibtisch und dem Bücherregal dahinter. Jeder Zentimeter des verfügbaren Raums ist mit Schneekugeln in verschiedenen Größen und Formen ausgefüllt. In einigen wirbelt der Schnee herum, andere sind völlig still. Sie hält eine mit einer kaum erkennbaren Skyline in der Hand, in der kleine weiße Schneeflocken träge hinter dem Glas treiben.
Sie stellt sie beiseite, während ich die Tür hinter mir schließe. »Nolan«, begrüßt sie mich nüchtern.
»Isabella.« Ich nicke. »Immer ein Vergnügen.«
Sie summt und zieht einen blutroten Fingernagel über eine andere Schneekugel. »Du hast entweder einen bemerkenswerten Rekord aufgestellt oder du bist hier, um mich zu ärgern.« Sie hält inne. »Was ist es?«
Ich verschränke die Hände hinter dem Rücken. »Ich habe keinen bemerkenswerten Rekord aufgestellt.«
Sie spitzt die Lippen. Das Rentier-Stirnband blinkt abwechselnd rot und grün.
Rot. Grün. Rot. Grün.
»Was hat es mit dem Stirnband auf sich?«, frage ich. Noch nie habe ich sie auch nur mit peppigen Ohrringen gesehen.
Ihr Gesicht verfinstert sich. »Die Chefetage war der Meinung, ich sollte etwas mehr Weihnachtsstimmung verbreiten. Für die Moral des Teams. Bist du hier, um mich wegen meines Stirnbands zu befragen?«
»Nein, ich …«
»Vielleicht wegen des Weihnachtsessens, zu dem jeder etwas mitbringen soll?«
»Auch nicht. Ich habe mich gefragt, ob …«
»Ich gehe davon aus, dass du dich irgendetwas fragst, wenn du hier bist. In meinem Büro. Zu Beginn der Weihnachtszeit.« Sie lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. »Spuck’s aus, Nolan.«
Ich beiße die Zähne zusammen und entspanne den Kiefer dann wieder. Man kann wohl mit Sicherheit sagen, dass das Stirnband heute nicht gerade für gute Laune sorgt. »Bin ich gerade in irgendeine Art von Übung zu Trainingszwecken verwickelt?«
Ihr Stirnrunzeln ist wie ein Strich quer über ihrem Gesicht. »Was?«
»Findet gerade eine Übung zu Trainingszwecken statt, von der ich nichts weiß?«
Isabella starrt mich so lange an, dass ich schon überlege, wieder durch die Tür zu verschwinden. Ich taxiere sie misstrauisch.
»Welches Datum haben wir heute, Nolan?«
Ich inspiziere das Bücherregal hinter ihr. Inmitten all der Schneekugeln befindet sich ein kleiner quadratischer Kalender. Der zweite Dezember starrt mich praktisch über ihre Schulter hinweg finster an.
»Heute ist der zweite Dezember.«
»Richtig.« Sie berührt leicht ihr Stirnband, und die blinkenden Farben wechseln zu einem gleichbleibenden Rot. Es wirft scharfe Kanten und Schatten auf ihr Gesicht, und der tiefe Purpur ihrer Lippen sieht für meinen Geschmack ein wenig zu sehr nach Blut aus. Sie könnte wirklich für Böse Geister arbeiten, wenn sie wollte. Ich habe keine Ahnung, warum sie nie gewechselt ist.
»Und glaubst du wirklich«, fährt sie fort, »dass ich am zweiten Dezember – dem Beginn unserer betriebsamsten Zeit – eine Übung zu Trainingszwecken abhalten würde?«
Ich stecke die Hände in die Taschen und fühle mich in die Ecke gedrängt. »Nein.«
»Brauchst du eine Übung zu Trainingszwecken, Nolan?«
»Nein?«
»Das klang wie eine Frage.«
»Nein«, sage ich noch einmal, bemüht, meine Antwort knapp zu halten. »Nein, ich brauche keine Übung zu Trainingszwecken.«
»Du bist seit über hundert Jahren ein Geist. Das sollte man also meinen.« Sie tippt erneut auf ihr Stirnband, und das Blinken setzt wieder ein. »Warum bist du hier und fragst mich nach Übungen zu Trainingszwecken? Hast du nichts zu tun?«
»Deshalb bin ich ja hier. Irgendetwas stimmt da nicht.«
Isabella starrt mich an.
»Mit meiner Zielperson«, erkläre ich.
»Wie meinst du das?«
»Sie ist …« Chaotisch. Unordentlich. Ehrlich. »Jung.«
»Das Alter sagt nichts über den Charakter aus, Nolan«, sagt sie mit abschätzigem Tonfall und Blick. »Du hast schon Jüngere heimgesucht als sie.«
»Ich weiß. Aber irgendetwas stimmt bei ihr nicht.«
Wie ein Buch, das am falschen Platz im Regal steht. Eine einzelne Note, die schief ist. Ein Seil, das in der Mitte ausgefranst ist. Harriet York ist irgendwie anders, und ich kann nicht genau sagen, was es ist.
»Sie ist nett«, füge ich unbeholfen hinzu und versuche, das bizarre Gespräch, das ich gestern Abend mit ihr geführt habe, in Worte zu fassen, was mir nicht gelingt. »Meine Zielpersonen … sind normalerweise nicht nett.«
Sie ist ein bisschen besessen von Zuckerstangen und besitzt eine etwas seltsame Auswahl an Nachtwäsche, aber sie hat etwas an sich, das aufrichtig wirkt. Authentisch. Sie hat mir gesagt, dass sie ein guter Mensch sei, und ich …
Ich habe ihr wohl geglaubt.
Das ist mir noch nie passiert.
Isabella sieht gelangweilt aus. »Und du bist nach einem einzigen Gespräch zu dieser erstaunlichen Einschätzung ihres Charakters gekommen?«
Ich schaue finster, und meine Zurückhaltung weicht allmählich der Frustration. »Hast du mir nicht immer wieder gesagt, ich solle auf mein Bauchgefühl hören?«
»Du hast keinen Bauch mehr«, sagt sie knochentrocken. »Du bist tot.«
»Irgendetwas an ihr fühlt sich anders an.« Fast vertraut. Vielleicht fehl am Platz. »Ich glaube nicht, dass sie wirklich heimgesucht werden soll. Ich wäre dir dankbar, wenn du überprüfen könntest, ob es sich um einen Fehler handelt.«
Isabellas Lippen werden schmal. Sie nimmt eine weitere Schneekugel in die Hand – diesmal ein Hafen mit einem Leuchtturm in der Mitte. Sie schüttelt sie mit einer anmutigen Bewegung ihres Handgelenks, und das Glas wird weiß. Als sich die Schneeflocken gelegt haben, ist der Leuchtturm in funkelnde Lichter gehüllt. Ein fahler Schein der Laterne im Inneren flackert auf und wird dann schwächer.
»Ich bin schon seit Hunderten von Jahren hier, Nolan. Ich habe jede Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesehen, die du dir vorstellen kannst. Ich habe Dinge zu Gesicht bekommen, die du nicht einmal ansatzweise verstehen könntest.« Sie blickt von ihrer Schneekugel auf, ihre dunklen Augen sind ernst. Müde. So menschlich habe ich sie noch nie gesehen.
»Es werden keine Fehler gemacht«, sagt sie. »Nicht hier. Nicht bei diesen Dingen. Du hast deine Aufgabe aus einem bestimmten Grund bekommen. Es liegt an dir, herauszufinden, warum.«
Der Herzschlag, den ich gar nicht brauche, pocht unregelmäßig in meiner Brust. Irgendwo in diesen Worten liegt eine Drohung. Oder zumindest eine Warnung.
»Und wenn ich es nicht tue?«
Isabella dreht die Schneekugel erneut, und das Licht erlischt abrupt. »Dann wirst du mit den Konsequenzen deines Versagens konfrontiert werden.«
Harriet
»Da unten ist ein Riss. Sehen Sie? Genau da.«
Ich beiße mir innen auf die Wange und heuchle Interesse, während ich den winzigen Riss am unteren Rand der Spieluhr untersuche, die ich letzte Woche verkauft habe. Es ist eines meiner Lieblingsstücke. Ein goldener Käfig mit einem Vogel in der Mitte, umgeben von blühenden Ranken. Ich hatte mich gefreut, es an jemanden zu verkaufen, der es verschenken wollte, und hatte mir besonders viel Zeit fürs Einpacken genommen.
Ich hatte das gute Geschenkpapier verwendet und das Geschenkband gekräuselt.
Jetzt ist das Geschenkband weg. Und das zarte Goldpapier auch. Ich stelle mir vor, wie meine mühsame Arbeit irgendwo in einem Mülleimer gelandet ist, und der Frust nagt an mir. Ich gebe dem Ganzen einen Moment Zeit, atme tief durch und verdränge den Ärger dann.
Es ist nur Papier. Nur Geschenkband. Leicht ersetzbar.
Die Frau in den lululemon-Leggings dreht die Spieluhr auf die Seite und tippt mit dem Finger immer wieder auf den Riss von der Größe einer Reißzwecke.
»Ich kann meiner Schwester doch zu Weihnachten keine kaputte Spieluhr schenken«, sagt sie. »Es ist unglaublich, dass Sie kaputte Spieluhren überhaupt verkaufen.«
»Sie ist nicht kaputt«, erkläre ich. Vorsichtig drehe ich die Spieluhr um und ziehe sie auf. Der Vogel dreht sich, und eine liebliche, glockenhelle Melodie erklingt. »Sehen Sie? Sie spielt die Musik.«
Die Frau ignoriert das Lied und kippt die Spieluhr wieder auf die Seite. Sie schlägt dumpf auf der Arbeitsplatte auf, und ich beiße die Zähne so fest aufeinander, dass sie knirschen. Sie ist nicht gerade vorsichtig.
»Aber da ist ein Riss«, sagt sie erneut.
»Ja, aber …«
»Da ist ein Riss«, wiederholt sie, wobei sie ihre Worte verlangsamt und jede Silbe betont, als hätte ich sie die ersten siebenundvierzig Mal nicht gehört. Der Frust in meiner Brust breitet sich bis in meine Wangen aus, und mein Gesicht brennt heiß. Der Drang, mich zu entschuldigen, brodelt in meiner Kehle, aber ich ignoriere ihn. Sie kneift die Augen zusammen. »Ein Riss bedeutet, dass sie kaputt ist.«
Ein Riss bedeutet nicht, dass sie kaputt ist. Ein Riss bedeutet, dass sie über Generationen hinweg genau das getan hat, was sie tun sollte. Ein Riss bedeutet, dass Hunderte von Händen sie gehalten haben … diesem kleinen Vogel beim Singen zugehört haben. Ein Riss bedeutet, dass sie einzigartig ist. Anders als alles andere.
Ein Riss bedeutet, dass sie etwas Besonderes ist.
Wegen einer winzigen Unvollkommenheit ist diese Frau bereit, das Stück abzuschreiben.
Als ich die Spieluhr näher zu mir heranziehe, unterdrücke ich die Seite in mir, die protestieren will. Heute bin ich müde, und kein noch so guter Kaffee aus dem Café gegenüber kann mich munter machen. Ich hatte letzte Nacht seltsame Träume. Von einem gut aussehenden Mann in einem alten, verblichenen Flanellhemd. Stirnrunzelnd hielt er mir seine Hand hin.
Das kommt davon, wenn man im Schein des Weihnachtsbaums einschläft, nachdem man eine halbe Schachtel Pfefferminztee mit abgelaufenem Verfallsdatum getrunken hat. Ich bin auf der Couch aufgewacht, hatte meine Haare im Mund, und auf dem Fernseher lief erstaunlicherweise immer noch White Christmas, ohne dass der Mann, der behauptete, ein Geist zu sein, zu sehen war.
Ich habe die Schlösser an meinem Fenster überprüft, nur um sicherzugehen.
»Was sollen wir wegen des Sprungs tun?«, frage ich. Was ich tun möchte, weiß ich. Ich würde am liebsten den ganzen Tag anhalten und wieder ins Bett gehen. Bei jedem Gespräch habe ich das Gefühl, zwei Schritte hinterher zu sein, was mich ärgert.
»Nun, ich hätte gerne eine andere Spieluhr«, sagt die Frau und spricht immer noch so mit mir, als wäre ich blöd. »Ohne den Sprung.«
Ich runzle die Stirn. »Ich habe keine andere Spieluhr. Das hier ist ein Antiquitätengeschäft. Hier gibt es nur Einzelstücke.«
Einzigartig und echt und von mir persönlich auf Online-Auktionen, bei Haushaltsauflösungen und bei Schnäppchenjagden bei Goodwill im ganzen Bundesstaat handverlesen, genau wie meine Tante Matilda es immer gemacht hat. Ich habe meine Kindheit damit verbracht, durch die überfüllten Gänge zu rennen, während meine Eltern im Parlamentsgebäude ihren Aufgaben nachgingen. Damals kam es mir wie Magie vor. Halsketten und Ringe, so groß wie meine Handfläche, mit glänzenden bunten Edelsteinen. Spieluhren und Teller mit aufgemalten Pferden. Handgeflochtene Körbe und Kristallgläser, die Regenbögen an die Decke warfen. Tante Matilda pflegte zu sagen, wenn man durch die Eingangstür des Krähennests schritt, sei das so, als würde man in eine Schatztruhe eintreten.
Diese Magie hat es immer noch, aber heute Morgen fällt es mir schwer, sie zu spüren. Ich mag es nicht, wenn Leute hierherkommen und alles wie eine amüsante kleine Kuriosität behandeln.
