First to Find - Charly Essenwanger - E-Book

First to Find E-Book

Charly Essenwanger

4,6

Beschreibung

Kaufbeuren/Allgäu - Siegfried Distl ist ein liebender Ehemann und Vater einer 15-jährigen Tochter. Gern geht er seinem Hobby, dem Geocaching, einer Art Schnitzeljagd mittels GPS, nach. Eines Tages trifft er bei einer Cachesuche seinen ehemaligen Freund, Jakob Muschke wieder, der ihn damals finanziell ruiniert hat. Die Arroganz und die Zurschaustellung seines Reichtums lässt bei Siegfried alte Wunden aufreißen. Die Wut auf seinen Widersacher steigert sich ins Unermessliche, bis er einen perfiden Plan schmiedet und Jakob durch Geocaching in eine Falle lockt und brutal ermordet. Die Kripo unter der Leitung des veganen Hauptkommissars Vincent Zeller tappt zunächst im Dunkeln, bis ein dramatisches Ereignis in der Kernstadt Kaufbeurens einen entscheidenden Hinweis gibt.

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Sammlungen



Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Epilog

Kapitel 1

11. Mai 2016

New Traditional Cache: Schau aufs Dorf GC3WTVH, 5,6 km SW

A new geocache was just published

Diese Informationen las Siegfried in der Mail, die von der Webseite geocaching.com automatisch auf sein Smartphone gespielt wurde, wenn in seiner Nähe ein neuer Geocache veröffentlicht wurde. Er klickte auf den dazugehörigen Link, eine App öffnete sich und er konnte auf der sich öffnenden Landkarte sehen, wo sich der neue Cache befand. Das Terrain und die Schwierigkeit des Caches waren recht einfach. T 1,5 D 1,5. Pillepalle.

Er blickte auf die Uhr. Um 13 Uhr hatte seine Frühschicht in der Traktorenfabrik geendet und jetzt war es schon 15:45. Kinder, wie die Zeit vergeht. Seine Frau Karin hat um 17 Uhr Feierabend. In der Stunde konnte er noch locker diese Dose eintüten, wie man umgangssprachlich in Cacherkreisen zu sagen pflegte. Allerdings musste er sich sputen, wenn er als Erster diesen Cache finden wollte. Die FTF-Jäger lassen gern alles stehen und liegen und rasen dem Objekt der Begierde entgegen. So ein FTF, ein First to Find ist eine besondere Auszeichnung, lediglich in der eigenen Statistik tauchte der Erfolg auf. Man kann sich nichts davon kaufen, aber es ist ein tolles Gefühl, als Erster im Logbuch zu stehen. Na gut, auf der Webseite können alle anderen Nutzer sehen, dass man es geschafft hat, den ersten Log zu machen. Den meisten ist es schlichtweg egal, andere finden aber, dass es sich durchaus lohnt, auch mal nachts um 3 loszurennen, wenn ein neuer Cache veröffentlicht wird. Vor ein paar Jahren noch, als er das Geocachen anfing, musste man zwingend ein GPS-Gerät haben, mit dem man die Koordinaten von Geocaches hochlud und auf Dosenjagd gehen konnte. Heutzutage kann der User mit jedem guten Handy auf Cachejagd gehen und hat sämtliche Informationen am Mann. Voraussetzung war natürlich, dass das Smartphone GPS-Empfang hat. Man lädt eine der Geocache-Apps herunter, legt sich einen Account bei geocaching.com an, gibt einen Usernamen ein, und schon kann es eigentlich losgehen.

Siegfried hatte noch 140 Meter bis zum Ziel und konnte als erfahrener Geocacher schon ahnen, wo sich der Cache befand. Dafür bekommt man mit der Zeit ein ganz gutes Auge. Kürzlich erst feierte er mit seiner Frau und seiner Tochter den 5000. gefundenen Geocache.

40 Meter und Siegfried spürte das vertraute Kribbeln. Bei einem neuen Cache war dieses Kribbeln noch stärker. Er kam an einem kleinen Wäldchen an, natürlich, ein Klassiker. Sein Handy teilte ihm mit, dass er noch acht Meter zum Cache hatte, der Kompass zeigte etwas nach links. Siegfried hob den Kopf, sah sich einen Baum an, der geradezu danach schrie, dass hier der Cache versteckt war. Er umrundete den Baum und sah den „Hasengrill“. So wird ein Versteck genannt, das mit Hölzern, Zweigen und Fichtenzapfen betont unscheinbar den Cache verbirgt. Grinsend bückte sich Siegfried. Es wurde spannend, er legte die Zweige und die Zapfen zur Seite und wurde von einer 400 ml Tupperdose begrüßt. Siegfried hob die Dose, öffnete den Deckel. Das obligatorische Logbuch lag obenauf. Darunter ein paar Kleinigkeiten, die zum Tausch luden.

Die Ursprungsidee des Geocachens war, dass der Sucher eine Kleinigkeit mitnimmt, den Cache findet, etwas hinterlässt und etwas aus dem Cache herausnimmt. Aber das funktionierte schon seit Jahren nicht mehr richtig. Es ging eigentlich nur noch darum, dass man sich ins Logbuch einträgt.

Siegfried öffnete das Logbuch und tatsächlich, er war als Erster an diesem Ort und würde den FTF klar machen.

Die Dose auf den Boden gelegt und nach dem Kugelschreiber gesucht – Siegfried fuhr plötzlich zusammen.

Eine Stimme etwa 50 cm hinter seinen Ohren fragte laut: „Gefunden?“ Siegfried drehte sich wie von der Vogelspinne gebissen um und schlug sich erstmal schmerzhaft den Kopf an einem Ast an. Vor ihm stand breit grinsend ein Mann in etwa Siegfrieds Alter, um die 45. Dunkelblond, blaue Augen und eigentlich nicht in den Klamotten, die man im Wald vermutet. Ein teuer scheinender Anzug, geleckte Frisur, Schuhe, die zum Anzug passten und den Leuten vermitteln sollten, dass dieser Herr im Anzug Geschmack hatte und sich etwas leisten konnte. Die ganze Erscheinung war einfach fehl am Platz. Dieser Typ war mit 1,80 Meter ein paar Zentimeter kleiner als Siegfried und seine ganze Aura versprühte eine Arroganz, die fast greifbar war.

„Ja, gefunden, FTF.“ Siegfried konnte in Anbetracht dieses Schnösels seine Genugtuung nicht wirklich verbergen.

Schnösel sagte: „Na, dann gratuliere, du hast dich noch nicht eingetragen?“

„Nö, war grad im Moment dabei.“

„Sag mal, würde es dich denn arg stören, wenn ich mich vor dir ins Logbuch eintrage? Denn schließlich sind wir ja praktisch zeitgleich hier angekommen. So ein weiterer First to find würde gut in meiner Statistik aussehen.“

Siegfried nahm das Logbuch, zeigte Herrn Schnösel, der ihn ungefragt duzte, das Logbuch, der wollte danach greifen, aber Siegfried zog es zurück und signierte dieses mit seinem Usernamen KaSiMir, setzte das Datum dazu und ein fettes FTF. Hinzu fügte er noch einen Dank an den Owner, den Besitzer des Caches. Erst dann hielt er Schnösel wieder das Büchlein hin, der es sich grabschte und etwas murmelte, das verdächtig nach Arschloch klang.

Mr. Arroganz holte einen Aufkleber aus seiner Handytasche, pappte diesen mitten in das Logbuch, setzte noch ein TFTC rein und schaute sich den Log von Siegfried an: „Kasimir? Nicht ernsthaft, oder? Du hast dir den Namen Kasimir zugelegt? Ich fass es nicht.“ Der Typ haute sich auf die Schenkel vor Lachen, „Kasimir, haha. So hieß unser Dorfesel. Das ist ja göttlich. Da, nimm“, sagte er herablassend und gab das Logbuch zurück an Siegfried, der aber keine Anstalten machte, das Buch entgegenzunehmen.

„Kannst du gern verpacken und die Dose wieder verstecken“, sagte Siegfried und ging an Kotzbrock vorbei in Richtung Weg.

Hörte er da nochmal dieses Wort, das mit ‚A‘ anfing und mit ‚rschloch‘ endete? Ihm war es egal; Siegfried freute sich dreifach. Über den FTF, dass er diesen Typen auflaufen ließ und ihm noch die Arbeit überließ, mit seinen ach so tollen Schuhen in den Wald zu latschen.

Siegfried machte sich schon auf den Weg zurück, als Mr. Arroganz zu ihm aufschloss und meinte: „Nochmal volle Gratulle zum FTF. Tja, war knapp, muss man wohl sportlich sehen.“

Siegfried erwiderte nur ein ungefähres „Hmhm“ und ging weiter.

Irgendwie merkte dieser Mensch nicht, dass er keinen Bock auf Konversation mit dem hatte. Jeder Satz von ihm war Angeberei. Es ging um ihn, wie oft es ihm schon gelungen war, als Erster bei einem Cache zu landen, was für tolle Routen er mit Geocaching gemacht hatte, dass alle andern eh dämlich sind usw. usw. Siegfried hörte kaum hin und wollte weg von hier. Bis er auf einmal hörte: „Sag mal, kennen wir uns nicht?“

Siegfried blieb stehen und sah sich seinen Begleiter genauer an.

„Klar“, frohlockte Kotzi, „wart, ich hab’s gleich, Dingsbums, na. Ja, genau, du bist doch der Sigi, ja richtig. Der Sigi, ich glaub, ich spinn.“

Sigi, wie er jetzt genannt wurde, erstarrte zu Eis. Ihm fiel es wie die guten alten Schuppen von den Augen. Auch er erkannte diesen Vogel jetzt wieder und er hatte gehofft, dass er diese Fresse in diesem Leben nicht wiedersehen würde.

„Jakob!“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Ja, genau, du erinnerst dich an mich, super, oder?“ Er griff sich die Hand von Siegfried und schüttelte diese euphorisch.

Siegfried erinnerte sich auch noch an diesen Händedruck, kein fester Druck, sondern eher schwammig und feucht. Ekelhaft wie der ganze Typ. Die Euphorie von Jakob konnte Siegfried nicht wirklich teilen; dennoch lächelte er verkrampft und sagte: „Ja, schön, dich wiederzusehen. Ist schon lang her.“

„Ja, verdammt lang, wie die Zeit vergeht. 20 Jahre waren das schon, oder? Ich fass es nicht, der Sigi. War doch eine geile Zeit damals, nicht wahr? Boah, was haben wir es krachen lassen. Bist du noch mit der Manu zusammen? Ich hab mich ja nie so wirklich festgelegt. Ich mach das so wie immer. Ich sag dir, ich schlepp die Mädels immer noch reihenweise ab. Da würd ich ja was verpassen, wenn ich ´ne feste Beziehung hätt. Also ich könnt das echt nicht. Spießer und so. Man lebt ja schließlich nur einmal. Ich fahr oft weg in den Urlaub, manchmal nehm ich eine mit, manchmal nicht, dann such ich mir halt dort so ´ne Tussi. Gibt ja genug davon.“

‚Meine Güte, mach den Kopf zu, du Pisser‘, dachte sich Siegfried. Er war früher ein Arsch und ist seitdem ganz schön gewachsen, zum Riesenarsch. Bald ist es überstanden, dort vorne stand schon der betagte Mazda 3.

Jakob laberte weiter und zeigte schließlich auf den kleinen roten Wagen.

„Sag mal, das ist ja wohl nicht dein Ernst. Du fährst mit so einer Reisschüssel durch die Gegend? Das hat ja mal überhaupt keinen Stil. Mit sowas kannst dich ja nirgends blicken lassen, das ist voll peinlich, Alter. Na, der passt ja eigentlich zur Manu.“

„Ich bin seit 18 Jahren nicht mehr mit Manu zusammen.“

„Na, sei froh, so was Verstocktes wie die. Die hat es bestimmt nur im Dunkeln gemacht, hab ich recht? Und immer schön auf´m Rücken liegen“, quäkte er, haute Siegfried auf die Schulter und fand sich sensationell witzig.

„Ja, so ungefähr.“

„Und jetzt hast ´ne Neue?“

„Seit 18 Jahren, ja. Ist noch ganz frisch und wir sind sehr verliebt.“

„Na, das freut mich doch für das junge Glück. Schau mal, das ist mein Auto. Ich mein, das ist ein Auto, nicht dieses Opferteil von dir. BMW X6 mit 340 PS, bissle was beim Spezialtuner machen lassen. Summasummarum lockere 120.000 Flocken oder so. Ich weiß es nicht so genau. Ist ja auch egal, ist nur Kohle, gell.“

Unerträglich, fand Siegfried, er musste hier weg, er musste sofort weg, bevor er diesem Simpel auf seine Designerschuhe reiherte.

„Du, ich muss dann auch schnell weg, meine Frau abholen. Hat gleich Feierabend“, sagte Siegfried. „Dann pass auf, dass deine Laube nicht auseinanderfällt“, spottete Jakob. „Wir müssen unbedingt mal wieder was machen und über alte Zeiten plaudern, das wär doch geil, oder?“

„Ja, klar, das müssen wir unbedingt.“

Jakob haute Siegfried nochmal auf die Schulter, zog seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche, hob ihn provokant in die Höhe und öffnete per Fernbedienung sein göttliches Mobil.

Siegfried wartete noch, bis Jakob startete und Staub hinterlassend verschwand. Siegfried stieg in sein Auto. Stöhnend lehnte er sich zurück, atmete tief durch und merkte, wie sehr ihn diese Begegnung aufgewühlt hatte und wie sehr er zitterte.

Kapitel 2

1991

18 Uhr. Ein Anruf. Siegfrieds Vater ging ans Telefon, lauschte eine Weile und sagte dann: „Ja, der ist da, Moment … für dich.“ Er reichte schulterzuckend den Hörer an Siegfried weiter. Dieser schaute fragend zurück und nahm den Hörer ans Ohr.

„Ja? Siegfried Distl?“

„Hallo, hier Muschke. Ich wollte mal mit Ihnen über Ihre Finanzen reden. Ich hab zunächst nur eine Frage, zahlen Sie gerne Steuern? Ich nehme an, dass dies nicht der Fall ist. Wer zahlt schon gerne Steuern, nicht wahr? Haha. Aber wir sorgen dafür, dass Sie dem Staat nicht mehr willkürlich die Steuern in den Rachen werfen. Vielleicht haben Sie ja ein paar Minuten Zeit für ein Aufklärungsgespräch. Sie wohnen in Marktoberdorf, nicht wahr? Ich kann in 15 Minuten bei Ihnen sein, wenn Sie mir sagen wollen, wo ich Sie treffen kann.“

Siegfried war einigermaßen überrumpelt ob der Dreistigkeit dieses Anrufes, aber als freundlicher Mensch, der zuvorkommend ist und nett, wollte er diesen Anrufer auch nicht in die Schranken weisen und willigte ein, dass man sich beim Parkplatz des Gasthofes Meitinger treffen könnte. In 20 Minuten wäre völlig okay. Siegfried konnte sich ja freundlicherweise anhören, was dieser Typ zu sagen hätte.

Siegfried beendete das Gespräch. Seine Eltern sahen ihn an und wollten wissen, wer das wohl war.

„Ich weiß es nicht, will mir etwas über Finanzen erzählen.“

„Unterschreib bloß nix!“, drohte seine Mutter mit erhobenem Zeigefinger, um den noch die Wolle hing, mit der sie gerade einen Pullover strickte.

„Nönö, mach ich schon nicht, ich horch halt zu, was der von mir will, hab eh nicht viel Zeit, weil ich dann zu Manu fahre.“

Seine Eltern waren einigermaßen beruhigt. Aber ein ungutes Gefühl hatten seine Erzeuger immer, denn sie wussten natürlich auch, dass Siegfried der Typ ist, der es allen recht machen will und nur sehr schwer nein sagen, geschweige denn auf den Tisch hauen konnte.

Siegfried lebte mit seinen 21 Jahren noch bei seinen Eltern. Weder er noch seine Eltern hatten einen Grund, ihren Sohn in eine eigene Wohnung zu stecken. Sie harmonierten gut miteinander, im eigenen Haus war genug Platz und Siegfried hatte unter dem Dach praktisch sein eigenes Reich, in dem ihn keiner störte. Er konnte tun, was er wollte. Freunde einladen, mit seiner Clique Party machen, wenn auch bitte nicht allzu laut. Aber Sigi, wie er von allen genannt wurde, war eh nicht der Hau-Drauf und eher ein ruhiger, angenehmer junger Mann. Ausschweifungen und Exzesse, dafür war Siegfried nicht der Typ. Klar, er trank durchaus seine Bierchen, gerne auch bis zu einer gewissen Heiterkeit, aber alles im Rahmen. Warum also etwas an seiner Situation ändern.

Seit etwa einem Jahr war er mit seiner Freundin Manuela zusammen. Manu war 18 Jahre alt, hatte wunderbare blonde Haare, eine nette Figur, die man nicht schlank nennen konnte, aber auch nicht dick. Naja, so ein Mittelding. Griffig würde es vielleicht treffen.

Manu war ebenso wie Sigi ein angenehmer, bodenständiger Typ. Sie ging mehr aus sich heraus. Gerne nahm sie Sigi mit zum Tanzen. Sehr gerne auch mit der ganzen Clique zusammen. Dann hatten alle Spaß und auch ihr Freund konnte dann richtig witzig und frech sein. Die Clique fand durchaus, dass das Paar herrlich zusammenpasste.

Siegfried war glücklich mit Manu. Für beide war es die erste richtige Beziehung und es dauerte immerhin neun Monate, bis sie sich gegenseitig entjungferten. Wer damals nervöser war, konnte man so nicht feststellen. Es war jedoch das aufregendste Erlebnis des Paares in ihrem jungen Leben. Es wurde nicht viel geredet, aber sehr viel falsch gemacht. Aber letztendlich kam dann doch zusammen, was zusammen gehörte. Seit diesem Tag schien die Liebe ins Unendliche zu wachsen.

Siegfried hatte bei der Traktorenfabrik in der Stadt einen sicheren Job als Mechaniker am Band und verdiente für sein Alter doch schon recht ordentlich. Bei dieser Fabrik hatte er nach der Realschule auch die Lehre als Industriemechaniker gemacht und nach drei Jahren den Abschluss mit guter Note geschafft.

Er war ein gern gesehener Mitarbeiter. Zuverlässig, hilfsbereit und immer ein angenehmer Ansprechpartner. Das lag auch daran, dass Siegfried nicht gerne widersprach.

Siegfried strahlte aber immer eine gewisse Konservativität aus. Das fing bei seiner Frisur an, die schon seit Jahren immer gleich war. Für Experimente war Siegfried diesbezüglich nicht zu haben. Immer die gleiche Kurzhaarfrisur mit immer demselben Scheitel, unscheinbare hellbraune Haarfarbe und ebenso unscheinbar der ganze Kerl.

Natürlich experimentierte er auch nicht an seiner Kleidung herum. Am liebsten waren ihm die blauen Jeanshosen, die obligatorischen T-Shirts, die sich nur unwesentlich in den Farben unterschieden. Dazu noch die Turnschuhe, dann war Siegfried fertig angezogen.

Doch auch das änderte sich etwas, seit er mit Manu zusammen war. Sie hatte ihre Arbeitsstelle in einem Modeladen und schaffte es tatsächlich, Siegfried immer mal wieder von modernen Klamotten zu überzeugen. Tatsächlich sah man Siegfried sogar hin und wieder mit einer gelben Hose und einer schneeweißen Jacke. Die Krönung war Gel in seinen Haaren, eine neue Frisur, die Manu mit diesem Hilfsmittel kreiert hatte. Und Siegfried fühlte sich damit, nach anfänglichem Unbehagen, ganz wohl. Auch dadurch, dass seine Kumpels und deren Freundinnen nicht gelacht hatten, sondern ziemlich angetan waren von seinem neuen Look.

Da stand doch wirklich ein ansehnlicher junger, schlanker Mann vor ihnen, der sich sehen lassen konnte und nach dem auch andere Mädels bei Tanzveranstaltungen aus dem Augenwinkel linsten. Manu verspürte das erste Mal Eifersucht und freute sich paradoxerweise darüber.

Überpünktlich, wie es für Siegfried üblich war, nach genau 20 Minuten, stand er vor dem Gasthaus Meitinger und wartete. 10 Minuten später wollte er schon wieder zurückgehen, als dann doch ein Mercedes 350 neben ihm hielt und mit einem Surren das Fahrerfenster herabgelassen wurde.

„Herr Distl?“

„Ja, schon.“

„Ach DU bist der Herr Distl, Mensch, hättest ja direkt am Telefon sagen können, dass du das bist. Ich steig mal aus“, sagte Jakob Muschke.

Locker flockig hüpfte Jakob aus dem Auto und sperrte den Benz ab. Mit etwas Theatralik wischte er einen ominösen Dreck vom weißen Lack und drehte sich breit lächelnd Siegfried zu.

Als Siegfried diesen Jakob das letzte Mal gesehen hatte, war er noch gar nicht mit Manu zusammen und Jakob fuhr noch einen ramponierten, rostigen Ford Fiesta. Jakob hatte nie Geld, musste immer eingeladen werden, wenn man ihn mitnahm am Wochenende. So richtig dicke wurde Siegfried mit Jakob nicht. Er war zwar ab und zu witzig, aber meist einfach nur nervig mit seiner ichbezogenen Art. Seine Freundin damals hatte schnell die Faxen dicke und beendete die Beziehung. Ihr wurde es auch einfach zu teuer. Denn ging sie mit ihm weg, war klar, wer den ganzen Abend über zahlen würde. Hemmungen hatte Jakob keine; da schluckte er schon gern ein Weißbier mehr, kostete ja nix. Diese Dreistigkeit gegenüber dem Geldbeutel seiner bemitleidenswerten Freundin war so extrem, dass er sogar andere Leute auf Getränke einlud und sie fast vom Hocker fiel, als ihr die Rechnung präsentiert wurde. Dass Gisela, seine Freundin, Schluss machte, störte ihn deshalb insofern, dass der Geldgeber weggebrochen war.

Aber auch so schmarotzte er sich durchs Leben und lieh sich ungehemmt Geld von jedem, der in seinen Dunstkreis kam. Das Unglaubliche war, dass er immer einen fand, der ihm Geld gab. Seine Maxime lautete: „Jeden Tag steht ein Depp auf!“

Schön war dieser Jakob auch nicht. Mit Anfang 20 hatte er seltsam buschige Augenbrauen und tiefliegende Augen, die einen unergründlich anstarrten. Siegfried war bei diesem Blick immer unwohl, aber Jakob schleimte sich in die Clique und so wurde er halt mitgenommen.

War der ganze Freundeshaufen beim Pizza essen, fiel Jakob sehr spät ein, dass er ja kaum Geld dabei hatte. Bloß fünf Mark und die bräuchte er ja noch für Zigaretten. Ob ihm wohl jemand was leihen könne? Und immer wieder wurde ein Trottel gefunden.

Einmal jedoch wurde Jakob richtig hereingelegt. Aber vom Allerfeinsten. Wieder einmal stand ein Essen an. Die Clique verabredete sich zu einem Chinesen.

Natürlich wanzte Jakob sich mit rein und wollte mit. Er habe zwar kaum Geld, aber für ein Getränk würde es schon reichen. Es wurde zum Schein beraten und verkündet, dass Jakob gern mitkommen könne.

Es wurde gegessen, getrunken und gelacht, es war ein netter Abend. Irgendwann verabschiedete sich das erste Pärchen von der Runde. Sie sprachen an der Theke mit dem Kellner und verschwanden. Zwei Kumpels hatten noch etwas vor, darunter auch Siegfried. Sie sprachen mit dem Kellner und verließen das Lokal. Nun waren sie nur noch zu dritt. Selbstredend hatte Jakob sich ordentlich was zu essen kommen lassen. Aus einem Getränk wurden drei Weizen. Nachtisch gab es auch noch.

Markus merkte an, dass er jetzt mal aufs Klo gehen müsse. Klaus sagte: „Nimm meins gleich mit.“

„Nene, mein Lieber, da musst du schon selber mitkommen, ich tu viel für dich, aber da hört die Freundschaft auf. Auf, komm mit, Schwanzvergleich.“ „Na gut, du weißt, du wirst verlieren“, erwiderte Klaus, und gemeinsam gingen die zwei Kumpels aus der Tür, latschten an der Toilette vorbei, raus aus dem Restaurant und dann im Laufschritt und laut lachend zu ihrem Auto. Sie klatschten sich ab ob dieser genialen Aktion und boxten sich vor lauter Gaudi gegenseitig immer wieder auf die Schultern.

So saß Jakob alleine beim Chinesen und konnte zusehen, wie die Rechnung für alle beglichen würde. Ob er beim Spülen helfen musste, oder wie er sich aus der Patsche half, darüber hat Jakob nie ein Wort verloren. Er war auf jeden Fall sensationell angepisst und hat der Clique, zu deren Bedauern, die Freundschaft gekündigt. Es sollte klar sein, dass der ganze Freundeskreis danach Tränen in den Augen hatte …vor Lachen.

„Servus, Sigi“, sagte Jakob und schüttelte ihm mit einem läppischen Händedruck die Hand. „Ich hab jetzt seit ein paar Monaten einen neuen Job, wie du dir vielleicht schon gedacht hast“, sagte Jakob mit betontem Blick auf diesen weißen Mercedes. „Komm, gehen wir in die Kneipe hier rein, dann erzähl ich dir was.“

Gemeinsam gingen sie in die Gaststätte, setzten sich und bestellten ein Getränk.

„Klar, dass das Weizen auf meine Rechnung geht, gell?“, sagte Jakob generös.

„Wie geht’s dir denn, was macht die Liebe, alles super im Job?“

„Ja, alles super. Ich bin ja jetzt schon eine Weile mit Manu zusammen, läuft ganz gut, bin in der Traktorfabrik am Band und kann mich nicht beschweren.“

„Ach, die Manu, ja. Nettes Mädel, da hast du echt Glück in der Liebe. Beneidenswert, freut mich so richtig für dich. Hör ich da schon die Hochzeitsglocken läuten?“, blinzelte Jakob Siegfried frech zu.

„Ne, darüber haben wir noch überhaupt nicht nachgedacht, so lange sind wir jetzt auch noch nicht zusammen, etwas mehr als ein Jahr, aber wer weiß“Siegfried hatte den Eindruck, dass Jakob seinen Job gern machte und er ihm gefiel. Er schien tatsächlich sehr interessiert zu sein, was im Leben von Siegfried vor sich ging. Auch dass er ihn auf das Getränk einlud, das waren ja ganz neue Seiten an Jakob.

Sie prosteten sich zu und nahmen einen großen Schluck. „Also“, wechselte Jakob nun das Thema. „Da hab ich ja den Richtigen angerufen. Warum ich dich kontaktiert hab: Ich hab ja schon am Telefon eine Andeutung gemacht. Ganz einfache Frage, zahlst du gerne Steuern?“ „Hm, ich weiß nicht, ich hab da nie drüber nachgedacht. Steuern muss man doch zahlen, und es geht doch alles ganz automatisch vom Lohnzettel weg“, war Siegfried der Meinung.

„Ich sag dir was, niemand zahlt gerne Steuern. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Dann gleich die nächste Frage: Wie viele Steuern zahlst du?“ Jakob verschränkte auf dem Tisch die Arme und sah Siegfried mit hochgezogenen Augenbrauen herausfordernd an.

„Äh, weiß ich nicht auswendig“, erwiderte Siegfried etwas überrumpelt. „Aber ich kann es dir sagen“, sagte Jakob nun mit erhobenem Zeigefinger. Er legte eine Kunstpause ein und verkündete dann, indem er sich zurücklehnte und langsam die Arme verschränkte: „Viel zu viel. Pass mal auf, du zahlst mehr Steuern als zum Beispiel der Chef von BMW.“ Wieder eine künstlerische Pause, bevor Jakob weitersprach. „Und warum zahlst du mehr Steuern als Mr. BMW? Weil du dir keine Gedanken darüber machst, stimmt´s?“

„Ne, eben, das macht doch alles der Arbeitgeber? Das ist halt einfach so, dass man Steuern zahlt. Ohne Steuern würde doch ein Land gar nicht funktionieren.“

Jakob schnellte nach vorne, stützte sich auf den Tisch und hob wieder den Zeigefinger. „Ja, Sigi. Genau das ist der Punkt. Weil solche Schafe wie du sich nie Gedanken darüber machen, ob das völlig in Ordnung ist, wie viele Steuern du zahlst. Was würdest du davon halten, wenn ich dir sage, dass du deine Steuerlast senken und dabei noch Rendite machen kannst? Stell dir das mal vor, du schlägst dem Staat völlig legal ein Schnäppchen und verdienst dabei sogar noch etwas.“ Jakob starrte Siegfried tief in die Augen.

Über solche Dinge hatte er sich natürlich noch nie Gedanken gemacht. Aber Jakob ließ da etwas bei Siegfried klingeln. Sicher tat es weh, jeden Monat in der Lohnabrechnung zu sehen, wie viel sich der Staat monatlich unter den Nagel riss. Und klar war auch, dass Siegfried nicht gerne Steuern zahlte. Hier hatte Jakob auf jeden Fall recht. Und es ist schließlich auch eine Sauerei, dass der Vorstand von BMW, der mit Sicherheit mehrere Hunderttausend Mark bekam, kaum Steuern zahlte. Das Interesse von Siegfried war geweckt. Und das entging den forschenden Blicken seines Gegenübers nicht. Auch die Haltung von Siegfried mit dem vorgebeugten Körper signalisierte Jakob, dass er den Köder geschluckt hat.

„Und wie soll so eine Steuerersparnis aussehen? Und das ist alles legal?“

„Meinst du, der BMW-Chef würde illegale Sachen machen? Wenn sowas rauskäme, dann wär er die längste Zeit Chef gewesen. Natürlich gibt es viele Steuersparmodelle. Und glaub mir, die oberen Zehntausend wissen, wie man die letzte Mark vom Staat zurückholt.“

Das hatte für Siegfried durchaus eine gewisse Logik. Trotzdem war ihm nicht wohl bei der Sache. Er nahm einen Schluck von seinem Weizen und fragte Jakob: „Und wie kann zum Beispiel ich als kleiner Mann Steuern sparen?“

„Natürlich steigst du nicht bei Öltankern ein. Du glaubst nicht, wie findig die Rechtsanwälte der Millionäre sind. Und was der große Mann für Möglichkeiten hat, die hat auch der Kleine, also du.“

Jakob zauberte einen Kugelschreiber mitsamt einem Block hervor. Legte den Block vor sich und fuchtelte beim Reden mit dem Kugelschreiber in der Luft herum. Kam hin und wieder dem Block nahe, schrieb aber nichts auf. Diesen Trick, wie auch andere Tricks zur Beeinflussung von potentiellen Kunden, lernte Jakob auf einem speziellen Seminar, das z. B. auch Versicherungsvertreter besuchen.

Dieses Herumwedeln mit einem Schreibstift suggeriert dem Kunden, dass das ja schön ist, was der Herr von sich gibt, aber er solle doch endlich etwas aufschreiben. Denn dazu ist der Stift da, zum Schreiben. Aber der Anbieter von Dienstleistungen wird zunächst den Teufel tun. Der Kunde wird unbewusst irre deswegen. Irgendwann schreibt der Mensch, der nur das Beste für den Kunden will, etwas auf, und das ist für den Kunden wie ein Tor für seine Lieblingsfußballmannschaft. Erleichterung ist das gewollte Ergebnis.

Den Kuli immer noch in der Luft fragte Jakob nun Siegfried: „Willst du denn wirklich Steuern sparen? Ich will dich zu nichts drängen. Das musst du wissen, ob du weiterhin dem Fiskus dein Geld in den Rachen werfen willst oder lieber das Geld für dich verwendest. Überleg mal, was du mit dem gesparten Geld alles machen könntest. Schnappst dir deine Manu und fährst spontan für eine Woche in Urlaub an einen schönen Strand. Was glaubst du, wie sie dir aus der Hand frisst?“ Jakob legte bewusst unbewusst eine Hand auf seinen Autoschlüssel und legte nach, „oder kannst dir ein schönes Auto kaufen, ohne auf der Bank nach einem Kredit betteln zu müssen.“ Jakob legte eine Pause ein und starrte Siegfried motiviert an.

„Ja, klar, das wär schon toll. Und was käme denn da für mich infrage?“

„Immobilien!“ sagte Jakob mit fester Stimme und klopfte fest auf den Tisch, so dass das Weißbierglas einen leichten Hüpfer machte.

Siegfried glotzte Jakob an, als hätte er nicht richtig gehört.

Jakob fuhr nach ein paar Sekunden fort. „Ja, mein Freund, diesen Blick kenne ich von anderen Kunden. Das haut dich jetzt erst mal um. Ich wette, dass du noch nie darüber nachgedacht hast, dir eine Immobilie zu kaufen. Und genau das ist der Fehler vom braven Steuerzahler. Ihr lasst euch melken und denkt nicht weiter darüber nach. Aber durch mich“, Jakob lehnte sich zurück und zeigte mit beiden Händen auf sich, „wirst du nicht mehr zu den Melkkühen gehören. Du wohnst ja noch bei Papi und Mami, nicht wahr? Aber stell dir bloß mal vor, du ziehst von zu Hause aus und suchst dir eine Mietwohnung. Diese Wohnung gehört doch jemandem, oder? Und jetzt frag dich mal, warum der Eigentümer dieser Wohnung nicht selbst darin wohnt.“ Sprach Jakob energisch weiter. Und er sah, dass ein Groschen, der über Siegfried schwebte, anfing zu fallen. Tatsächlich hatte Siegfried nie über solche Dinge nachgedacht und fand, dass Jakob Argumente hatte, die man kaum dementieren konnte.

„Der Eigentümer einer Wohnung, in die du einziehst, der wohnt ja auch irgendwo. Du glaubst es nicht, aber auch Eigentümer wohnen oft zur Miete.“

Nein, Siegfried fiel es schwer, dies zu glauben. „Wenn einer eine Wohnung hat, die er vermietet, dann wohnt er bestimmt in einem großen Haus und hat Kohle ohne Ende?“, legte Siegfried seine Sichtweise dar. Aber diese Sicht wurde von Jakob zerstört.

„Tja, Sigi, unser Freund, der Vermieter, ist keine Melkkuh. Er hat sich schlau gemacht, hat sich diese Wohnung gekauft, bekommt vom Staat Geld dafür und von dir als Mieter auch noch deine sauer verdiente Kohle.“

Das ließ Jakob eine Weile wirken, nahm einen großen Schluck vom Weizen und sagte erst mal gar nichts.

In Siegfried arbeitete es; seine Gehirnsynapsen versuchten, das Gehörte auf einen Nenner zu bringen, schafften es aber immer noch nicht. Das wusste Jakob und ließ sein Gegenüber noch etwas in seinen Gedanken schmoren. Auch was nun kommen würde, das wusste Jakob bereits.

„Ich hab überhaupt kein Geld, um mir ´ne Wohnung zu kaufen. Ich hab überhaupt nichts gespart. Das können wir voll vergessen“, meinte Siegfried. Ihm war das überhaupt nicht recht, dass er Jakob praktisch über seine Finanzen aufklärte. Doch Jakob blinzelte nicht mal. „Sigi“, lehnte Jakob sich wieder auf den Tisch und zeigte mit der Kulispitze auf dessen Nase, „die wenigsten Kunden von uns haben viel Geld. Du kannst eine Wohnung kaufen, völlig ohne Kapital, und hast trotzdem nicht weniger Geld!“ Er machte weiter seine Überzeugungsarbeit. „Sieh mal, Sigi“, der Kuli zeigte nun wieder auf den unbeschriebenen Block, „ich muss dich das fragen, damit ich dir ein tolles Angebot machen kann. Wieviel verdienst du in deiner Traktorfabrik?“

Siegfried druckste etwas herum, sagte schließlich, „So um die 2.000 Mark, mal etwas mehr, mal etwas weniger. Kommt auf die Schichtzulagen an.“

„Das ist ja super“, freute sich Jakob offensichtlich, als hätte Siegfried soeben verkündet, dass er einen Lottogewinn mit ihm teilen wolle.

„2.000 Mark, da können wir tatsächlich richtig was in die Wege leiten. Ich habe Kunden, die verdienen weniger als du und haben sich eine tolle Wohnung gekauft. Und ich sag dir, die Kunden bereuen. Und weißt du, was sie bereuen? Dass sie nicht schon früher darauf gestoßen wurden, dass es so einfach ist, Steuern für sich zu behalten und dabei auch noch eine Immobilie zu besitzen.“

Jakob klatschte in die Hände, lehnte sich noch weiter vor und zielte erneut mit dem Kugelschreiber auf die Nase von Siegfried. „Du kannst dich jetzt schon mal bedanken, ich schau bis morgen, was sich machen lässt. Ich glaub, wir haben tatsächlich momentan die optimale Immobilie für dich. Das wird super.“ Scheinbar überschlug sich schon die Stimme von Jakob, so freute er sich für Siegfried, dass er ihm was Gutes tun würde. Dann wurde er plötzlich wieder leiser und um einige Stufen ernster. Klickte mit seinem Kugelschreiber und fing nun endlich an, etwas auf den Block zu schreiben.

„Okay, Sigi, pass auf“, Jakob schrieb ganz oben 2.000 auf das Papier und zeigte direkt wieder mit dem Kuli auf Siegfried. „Was hast du für Ausgaben? Du kannst gern großzügig sein mit den Zahlen, denn irgendetwas Unvorhersehbares ist immer, gell?“

Siegfried legte die Stirn in Falten, sah in Gedanken nach oben und überlegte.

„Also, ich zahl meinen Eltern 700 Mark im Monat, fürs Wohnen und Essen und so weiter.“

„Wow, das ist aber ein ganz schönes Brett. 700 Mark, also für dieses Geld könntest du schon eine hübsche Wohnung mieten. Schon mal drüber nachgedacht?“, fragte Jakob.

„Ja, schon, da hab ich natürlich darüber nachgedacht. Aber eigentlich wohne ich ganz gut bei meinen Eltern“, argumentierte Siegfried.

„Klar, bei Mutti ist es einfacher, nicht wahr? Aber irgendwann, wenn nicht jetzt, dann in ein paar Jahren spätestens, wirst du ausziehen. Manu will ja auch nicht immer mit Sigi ins Kinderzimmer zum …“ Jakob hob und senkte schnell hintereinander seine buschigen Augenbrauen und grinste dabei über das ganze Gesicht.

„Ja, stimmt, irgendwann werde ich bestimmt mal was suchen zum Mieten.“

„Wie auch immer, wir rechnen jetzt mal mit 900 Mark.“ Jakob schrieb die Zahl schwungvoll unter die erste und sah wieder hoch. „Was kommt noch dazu? Hast Versicherungen, Bausparer, sonstige Ausgaben?“

„Jo, Versicherungen hab ich, das Übliche halt“, legte Siegfried die Stirn in Falten, um nachzudenken, „ich glaub, das sind um die 200 Mark im Monat und einen Bausparvertrag, wo jeden Monat 100 Mark drauf kommen.“

Jakob schrieb die genannten Zahlen untereinander und fragte erneut, „sonst keine festen Kosten? Auto hast du ja auch noch, da kommt Benzin dazu, Versicherungen, Rücklagen für ein neues Auto irgendwann? Wie viel dürfte da zusammenkommen? 250 Mark im Monat?“ Der Kugelschreiber von Jakob harrte über dem Papier.

„Ja, das könnt wohl hinkommen“, stimmte Siegfried zu.

Jakob sah wieder mit seinen tiefliegenden Augen zu Siegfried und schien nachzudenken.

„Das ist echt super. Da können wir was machen. Du hast jetzt“, Jakob zählte zusammen und meinte: „1450 Mark, dann hast du immer noch 550 Mark übrig, die du jeden Monat auf den Kopf hauen könntest, also wenn wir da nicht was Tolles für dich finden, dann kannst mich Hofnarr nennen, Sigi.“

Siegfried schwieg, Jakob schwieg und ließ sein Gegenüber denken. Dann nach einer Weile beendete Jakob die Stille und sagte: „Weißt du, wie wir es machen? Du gehst jetzt zu deiner Schnecke und machst dir noch einen schönen Abend, denkst darüber nach, ob du weiterhin Geld verlieren willst und morgen treffen wir uns wieder um …, sagen wir Nachmittag um 4 Uhr? Da musst du nicht arbeiten, oder? Bis dahin hab ich dir was Schnuckeliges ausgesucht und dann reden wir weiter. Aber ich sag dir ganz klar, ich will dich zu nix zwingen. Du bist da selber deines Glückes Schmied, oder eben deines Peches, wenn du dich weiterhin vom Staat melken lässt. Also, morgen 16 Uhr?“, fragte Jakob und stierte Siegfried unverwandt an.

Dieser grübelte immer noch vor sich hin, hatte eigentlich momentan genug von der neuen Informationsflut.

„Das war jetzt alles etwas viel auf einmal“, sagte Siegfried. „Ja, ich denk jetzt mal drüber nach. Ich müsst eh schon lang bei Manu sein, die wartet auf mich. Ich hab ja nicht gewusst, dass das hier so lange dauert.“

„Ach weißt, Sigi, das ist es wert, dass du einmal etwas später zu deiner Maus kommst. Glaub mir das.“

Jakob winkte der drallen Bedienung in der Dorfgaststätte, die in ihrem Dirndl schwungvoll rüberkam und fragte, ob´s noch was sein dürft. Das verneinte Jakob. Siegfried wollte seinen Geldbeutel zücken, aber Jakob hielt ihn davon ab.

„Ach komm, Sigi, ich hab dir doch gesagt, dass die Getränke auf mich gehen. Ist doch klar.“

Die Bedienung nannte Jakob die Summe, der großzügig aufrundete und gut sichtbar einen 20-Mark-Schein hochhielt. Die Bedienung steckte den Schein in ihre Börse und bedankte sich höchst erfreut bei Jakob.

Auch Siegfried sagte höflich danke und war erstaunt über die Reinkarnation von Jakob, der vor nicht allzu langer Zeit noch jede Situation nutzte, um billig durchs Leben zu kommen.

„Kein Problem, Sigi. Auf geht’s, gehen wir.“

Jakob voraus, Siegfried hintendrein, stapften die beiden durch den Gasthof, der lediglich noch mit dem Stammtisch besetzt war, an dem lautstark Schafkopf gespielt wurde. Eine dicke Wolke aus Zigarettenrauch schwebte über deren Köpfen, neben vollen Aschenbechern hatte jeder Gast sein Lieblingsbier stehen. Ein paar Kiebitze schauten den Spielern beim Karteln zu und gaben ihren mehr oder weniger kompetenten Kommentar zum Besten.

Kurz wurde das Spiel unterbrochen, um die Fremdlinge zu begutachten. Befanden, dass die beiden uninteressant waren und widmeten sich wieder ihrer Freizeitgestaltung.

Draußen vor der Tür schüttelten sich Siegfried und Jakob die Hand und vermeintlich plötzlich kam Jakob eine Idee.

„Hey, du könntest doch mit meinem Autotelefon dein Schnuckel anrufen, oder? Was meinste, wie die guckt, wenn du ihr sagst, dass du von einem Autotelefon aus anrufst! Wart mal kurz.“

Jakob sperrte den Benz auf, steckte den Schlüssel ins Zündschloss, langte zur Mittelkonsole und präsentierte Sigi voller stolzer Beiläufigkeit das Autotelefon.

Die übliche Telefonschnur, die im Innern des Mercedes verschwand, wie sie jeder Haushalt zu Hause hatte, wirkte seltsam deplatziert hier in einem Auto.

Siegfried staunte nicht schlecht. Klar hatte er schon von Autotelefonen gehört, aber gesehen hatte er noch keines.

Vorsichtig nahm Siegfried das Telefon entgegen.

„Kannst ganz normal telefonieren, drück auf den grünen Knopf, dann kommt irgendwann ein Freizeichen, und schon kannst die gewünschte Nummer eingeben. Geil, oder?“

Siegfried war natürlich beeindruckt, drückte den Knopf, lauschte dem Freiton, der sich seltsam entfernt anhörte, und tippte umständlich die Telefonnummer von Manu ein. Es tutete ebenso entfernt im Hörer, und schließlich meldete sich mit einem Knacken in der Leitung Manu.

„Hallo, ich bin´s. Ich weiß, dass ich zu spät bin, ich hab noch Jakob getroffen, mit dem ich noch eine Weile geredet hab, aber ich komm jetzt dann gleich.“

„Du weißt aber schon, wie spät es jetzt ist, oder? Du wolltest um 7 da sein und jetzt ist es fast 8. Wenn ich etwas hasse, dann ist es Unpünktlichkeit, und das weißt du auch!“, schimpfte es aus dem Hörer.

Manu war eigentlich immer recht ausgeglichen, aber wenn sie versetzt wurde, dann wurde sie pampig. Da hatte sie eigentlich Glück mit Siegfried, der eben normalerweise auch immer sehr zuverlässig war.

„Und warum hörst du dich eigentlich so komisch an?“, fragte Manu skeptisch.

„Ich ruf mit dem Autotelefon von Jakob an“, antwortete Siegfried, mit der Betonung auf das Wort Autotelefon.

„Wo hat der das denn her? Geklaut oder was? Ja, klar, was denn auch sonst, selber kann der sich das nicht leisten! Also, kommst du jetzt noch, oder soll ich allein ins Bett?“

„Ne, Mäusle, ich komm jetzt. Bin in 20 Minuten da. Ich muss jetzt aufhören, das ist ja auch sauteuer mit so ´nem Telefon anzurufen.“

„Nicht mein Problem“, sagte Manu säuerlich, „und wenn´s auf die Kosten von Jakob geht, umso besser“, kicherte sie nun versöhnlicher. „Also, bis gleich, ich freu mich trotzdem auf dich, Bussi.“

„Bussi“, erwiderte Siegfried und suchte den roten Knopf, um das Gespräch zu beenden.

„Bussi“, wiederholte nun auch Jakob und grinste Siegfried breit an. „Mach dir mal wegen der Kosten keine Gedanken. Eine Minute kostet bloß zwei Mark. Das geht schon beim D-Netz.“

Zwei Mark, das geht schon, resümierte Siegfried in Gedanken. Der spinnt doch.

Jakob nahm Siegfried das Telefon aus der Hand, beugte sich in den weißen Mercedes und steckte es zurück auf die Station, kam wieder zum Vorschein und sagte blinzelnd zu ihm: „Zahlt auch der Staat.“

Die beiden verabschiedeten sich voneinander und Jakob wiederholte nochmal den Termin für den Folgetag. „Also dann bis morgen. Gruß an die Holde, ich muss dann“, stieg in den Mercedes und fuhr mit aufheulendem Motor davon.

Auch Siegfried stieg in seinen roten Ford Sierra und fuhr mit 1.000 Gedanken im Kopf auf schnellstem Weg zu seiner Freundin.

Kapitel 3

11. Mai 2016

Um 16:58 Uhr stand Siegfried vor dem Kindergarten in Kaufbeurens Norden, wo seine Frau Karin als Erzieherin arbeitete. Die Kinder waren schon eine Stunde weg, aber Karin blieb immer noch bis 17 Uhr, räumte die Spielsachen des Tages weg, putzte die Tafel und wollte einfach die Räumlichkeiten ordentlich verlassen. Und in der Stunde bis zu ihrem Feierabend machte sie sich gerne noch Gedanken über den Ablauf des folgenden Tages. Ihre Kreativität mit den drei- bis fünfjährigen Steppkes kannte keine Grenzen. Sie wurde gleichermaßen geliebt von den Kindern und den Eltern. Sie konnte einfach gut mit Menschen umgehen. Egal welchen Charakters, egal welchen Alters.

Begeistert erzählten ihre kleinen Schäfchen meist schon kurz nach dem Rausrennen aus dem Kindergarten den wartenden Eltern von ihren Erlebnissen des Tages. Glänzende Kinderaugen und lächelnde, stolze Eltern. Das war der Alltag vor dem Kindergarten Sonnenschein.

Karin leitete diesen Kindergarten schon seit über vier Jahren. Ihre Kolleginnen, deren Vorgesetzte sie war, sprachen untereinander selten negativ über ihre Chefin. Karin hatte so eine natürliche, angenehme Autorität, bei der sich jeder wohlfühlte. Es kam den Erzieherinnen überhaupt nicht in den Sinn, diese Autorität anzuzweifeln. Dabei legte Karin großen Wert auf die Meinungen und Vorschläge ihrer Mädels, wie sie sie gern nannte.

Karin ging noch kurz auf die Toilette, um ihren braunen, langen Pferdeschwanz zu richten, der trotz ihrer 42 Jahre noch von keinem grauen Haar durchzogen wurde. Mit Kajal betonte sie noch ihre ebenso braunen, freundlichen Augen und machte sich auf, den Kindergarten zu verlassen.

Sie musste nicht nachsehen, ob Siegfried schon auf sie wartete. Sie wusste es. Sie schloss ab, federte die Treppe hinab und küsste ihren Mann durchs Autofenster auf den Mund, umrundete den Mazda und schwang sich auf den Sitz.

„Huhu, Feierabend“, rief Karin fröhlich aus und schnallte sich an. „Wie geht’s, wie war dein Tag, alles fit?“, fragte sie sich durch.

Siegfried lächelte Karin etwas gekünstelt an, während er losfuhr, sagte dann: „Alles ok, war ein ganz guter Tag und fit bin ich doch immer.“

„Was hast gemacht? Lass mich raten“, Karin legte gespielt nachdenklich die Hand unters Kinn, um dann den Zeigefinger blitzartig in die Luft zu strecken, wie Wickie bei den starken Männern, der eine tolle Idee hat, „Dooose!“

Siegfried musste grinsen. Es war eine Art running Gag. Sie wussten gar nicht mehr, wie es dazu kam, aber irgendwann sagte Karin mal Dooose zu Siegfried, worauf dieser wie ein Hund glotzte, dem man ein Leckerli versprach. Damals schmiss sich Karin fast weg vor Lachen und Siegfried musste bei Karins Anblick mitlachen. So weinten die beiden vor Fröhlichkeit Tränen, bis sie sich wieder einkriegten. Und immer, wenn nun dieses ‚Dooose‘ von Karin kam, guckte Siegfried immer betont wie ein Hund. Fehlten nur der wedelnde Schwanz und die raushängende Zunge.

„Ja, Dose“, antwortete Siegfried. „In Biessenhofen wurde ein neuer Cache gelegt, da bin ich hin und hab den FTF klargemacht.“

„Gratuliere, so kenn ich meinen Mann. Immer auf der Lauer, wenn´s ´ne Dooose gibt“, lachte Karin. „Wo war der Cache? Erzähl mal.“

„Naja, nix Besonderes. Der liegt oben, über Biessenhofen in einem kleinen Wäldchen, easy zu finden, ´ne normale Tupperdose, aber Erster.“

„Mein Held, der Kasimir“, lächelte sie ihren Sigi an, „na, wenigstens nicht so ´ne schnöde Filmdose mit Logbuch drin.“

„Darf ich dich dran erinnern, dass du ein Teil von Kasimir bist?“

„Ok, dann war ich ja auch ein Teil des FTF. Hast du für mich TFTC geschrieben?“

„Nein, ich hab es ausgeschrieben, Thanks for the Cache. War genug Platz. Ich gratuliere dir“, bemerkte Siegfried mit einem schiefen Grinsen.

Dass Siegfried eine Begegnung mit diesem Jakob hatte, das erwähnte er nicht.

Zehn Minuten später kam das Paar bei seinem Wohnblock in Neugablonz an, das zu Kaufbeuren gehört und nach dem 2. Weltkrieg für tausende Flüchtlinge aus Gablonz an der Neiße, im heutigen Tschechien, aus dem Boden gestampft wurde. Heute leben hier neben den Menschen aus den damaligen Flüchtlingsgebieten sehr viele Russlanddeutsche, die hier übergesiedelt sind. Zudem wohnen hier auch noch einige türkische Staatsbürger. Dieses Zusammenleben von diversen Menschen ist Nährboden für Reibereien zwischen den Kulturen. Der Vorteil ist, dass die Mieten hier erschwinglicher sind als in der Kernstadt Kaufbeuren.

Und hier, in diesem Teil der Stadt, wohnten Siegfried und Karin zusammen mit ihrer 15-jährigen Tochter Mirjam im 4. Stock dieses Blocks in einer 90 m2 großen 3-Zimmer-Wohnung.

Siegfried fuhr den Mazda in die Tiefgarage, stellte den Wagen ab und das Paar fuhr mit dem Aufzug bis zu ihrem Stockwerk.

Karin öffnete mit ihrem Schlüssel die Haustüre und wurde direkt mit einem aktuellen Song aus den Charts begrüßt, der viel zu laut aus dem Zimmer des Teenagers dröhnte.

„Mach leiser!“, schrie Karin in die Wohnung hinein, nachdem die Haustüre geschlossen war. Doch nichts geschah.

„Herrgott, macht mich diese Musik krank, echt“, erzürnte sich Karin. Sie schritt durch den Flur, hämmerte mit der flachen Hand gegen die Zimmertür und rief nochmal: „Mach diesen Müll leiser, sonst ist in 3 Sekunden die Sicherung draußen!“

Karin war sehr ausgeglichen, aber nicht bei lauter Musik. Nein, so konnte man es nicht sagen. Bei lauter Musik dieser Art, diesem kalkulierten Popmist, der, Karins Meinung nach, nur dafür gemacht wird, um die jungen Leute auszunehmen, dieser Murks aus der Studioretorte, da sah Siegfrieds Frau rot.

Die Lautstärke wurde im Innern auf ein erträgliches Maß reduziert. Kurz darauf sogar abgestellt. Sehr zur Nervenberuhigung der Mutter. Sekunden später linste Mirjam mit etwas mürrischem Gesicht aus dem Zimmer.

„Hallo Mum, sorry, hab nicht auf die Uhr geschaut. Sonst hätt ich leiser gemacht, bevor ihr kommt. Hallo Babba“, rief sie über die Schulter ihrer Mutter zu Siegfried, der auf direktem Weg zum Kaffeevollautomaten war. Kaffee, Siegfrieds Lebenselixier. Auf Luxus konnte die Familie verzichten, aber diese Maschine, die musste man sich unbedingt gönnen.

Versöhnt beugte sich Karin zu ihrer Tochter und gab ihr ein sanftes Küsschen auf die Wange. „Wie geht’s dir? Was macht die Schule? Alles fit?“ fragte sie nun ähnlich wie zuvor ihren Mann ihre Tochter. Die auch in etwa wie ihr Vater antwortete.

„Mir geht’s gut, in der Schule hab ich für die Mathearbeit eine 2 bekommen. Fit bin ich doch immer“, sagte Mirjam, „wusstest du, dass das Licht eine Geschwindigkeit von fast 300.000 km pro Sekunde hat? Pro Sekunde! Das heißt, dass das Licht theoretisch die Erde in einer Sekunde 7,5 Mal umrunden könnte. Pro Sekunde!“, wiederholte Mirjam mit dem Zeigefinger, der imaginär einen Planeten umkreiste.

„Nein.“

„Doch!“

„Ooh!“

Beide lachten. Auch Siegfried lächelte mit der Kaffeetasse in der Hand zu seinen Lieben ob der täglichen Louis de Funés Parodie. War aber in Gedanken immer noch bei seiner Begegnung mit Jakob.

Mirjam sah ihrer Mutter sehr ähnlich. Sie hatten die fast identische Haarfarbe, hatten auch ungefähr die gleiche Haarlänge und favorisierten den praktischen Pferdeschwanz. Beide hatten sie braune Augen und auch Mirjam lächelte meist sehr warmherzig ihre Mitmenschen an.