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War's schön? Ich höre die Worte Im Vorbeigehen und kann ihren Ursprung nicht orten. Eine Frage nach dem Lebensgefühl. Wann fällt mir sowas ein? In der Regel macht man sich darüber keine Gedanken. Es ist etwas Vergangenes. War's schön? Wenn ich nach draußen blicke kann ich sagen schön war's.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt:
1. Vorwort
2. Eine Weihnachtsgeschichte 2024
3. Das Buch “Liebe in Zeiten der Cholera” an der Ostsee
4. Rudolf
5. Weiter denken
6. Der weite Weg
7. Eine lange Weile
8. Alt
9. Meinst du, die Deutschen wollen Krieg?
10. Große Fragen
11. Wahlkampf
12. Wissen Sie, was Sie da sagen?!
13. Meinst du, die Leute wollen Krieg?
14. Reich
15. Das ominöse W- Wort
16. Vom Ende her
17. Belohnung
18. Da geht noch weniger
19. Das Spiegelkabinett
20. Wendepunkte
21. Guten Zeiten winken
22. Narrative
23. FKK mit Sinn
24. Was aber ist die Zeit?
1. Vorwort
War’s schön? Ich höre die Worte Im Vorbeigehen und kann ihren Ursprung nicht orten. Eine Frage nach dem Lebensgefühl. Wann fällt mir sowas ein? In der Regel macht man sich darüber keine Gedanken. Es ist etwas Vergangenes.
Ich sehe was was du nicht siehst. Ein alter Kinderreim. Ich sehe viele umherirrende Menschen. Ist das der normale Sommerwind, der die Staubkörner verteilt oder ein Sturm? Ich habe Glück, ich habe einen Spalt gefunden, der relativ windstill ist.
Die Geschichten spiegeln den ruhigen Platz und die Sorgen für die Welt wider. In der Tageszeitung steht, britische Wissenschaftler wollen das Genom künstlich zusammenstellen, mal schauen was rauskommt. Dieses “mal schauen was rauskommt” macht mir Angst. Schon der Gedanke, den lieben Gott spielen zu wollen, ist eine Hybris. Dann die Information, daß weltweit die Atomwaffen modernisiert werden. Bislang haben die USA, Rußland, China, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea Atomwaffen. Die lockeren Kommentare über Einsatzszenarien und Abschreckung machen mir Angst. Ich weise die Meldung als Marktschreierei, Wichtigtuerei ab. Besser sind Erinnerungen an gute Zeiten. Der Begriff gute alte Zeit ist auch schon wieder ein Kampfbegriff, wie auch von Menschen gemacht …
War’s schön? Wenn ich nach draußen blicke kann ich sagen – schön war’s.
Eine Weihnachtsgeschichte 2024
Walter Baum sitzt in der Redaktionsbesprechung seiner Zeitung. Es ist Vorweihnachtszeit. “Wir brauchen noch eine Weihnachtsgeschichte. Aber keine zu schwülstige.” Der Chefredakteur schaut in die Runde. “Jetzt kann jeder seinem Affen Zucker geben” poltert er lachend. Alles bleibt ruhig, keiner hat etwas im Hinterkopf vorbereitet, jeder will Ruhe vor Weihnachten. Nach längerem diskutieren fällt das Los auf Walter. Er ist Single und hat noch keine Weihnachtsstory geschrieben. Es gibt immer ein erstes Mal; der Spruch ist ein schwacher Trost, den er schnell wegwischt.
Nach Feierabend geht Walter in die “Mühle”. Seine Stammkneipe ist gut besucht, Fred ist auch schon da. Sie sprechen über den Einkaufstrubel, die geschmückten Fassaden, die himmlische Geschichte. Walter rempelt Fred an. “Was wurde eigentlich aus der Familie?” - “Das Kind blieb zuhause. Kein Krippenplatz. Der Ochse wurde vier Wochen später geschlachtet, der Esel läuft im Göpel im Kreis. Das übliche.” Fred spekuliert wieder mal ganz trocken und ohne Wissen herum. Romantik ist für ihn ein Fremdwort. Als Walter von seiner Arbeitsaufgabe erzählt wird es ruhig am Tisch. Der schwache Lärmpegel in der Kneipe ist auf einmal dominierend. Walter versucht, die leise Musik im Hintergrund zu entschlüsseln. Irgendwo im Nebenraum dudelt eine alte Musikbox. Die Platte hat einen Sprung, sie leiert immer an derselben Stelle … do they know it’s christmas time at all … Walter lächelt verträumt. Der Song ist uralt und läuft jedes Jahr. Bob Geldof, Midge Ure mit der Band Aid 1984. Ob sich die Afrikaner noch an die Spenden erinnern?
Nach Minuten des Schweigens murmelt Fred: “Advent. Heißt doch ankommen. Was kommt an?” Er schaut Walter provokant ins Gesicht. Der überlegt: “Vielleicht sollte ich bei den Ankömmlingen anfangen. Morgen früh fahre ich in die Flüchtlingsunterkunft nach Tegel” entscheidet er. Er weiß, dort sind eine Menge an Entwurzelten und Weitgereisten untergebracht. Alle irren wie Maria und Josef durch die Nacht des 21. Jahrhunderts. Er trinkt sein Bier aus und verschwindet wortlos in den Abend.
Am nächsten Morgen öffnet Walter eine Tür in Tegel. Er hatte gestern Abend noch die Geschichte von dem Jungen gelesen, der die Frohe Botschaft suchte. Der Junge irrte stundenlang im Botschaftsviertel im Tiergarten herum, die frohe Botschaft fand er nicht. Es war halt kein Gebäude gemeint. Der Junge hockte am Schluß der Geschichte neben einem bärtigen Obdachlosen, der dem frierenden Jungen einen heißen Tee spendierte. Es schien ein bißchen menschliche Wärme durch die Geschichte.
Der Empfang in Tegel ist düster und abweisend. Keine Weihnachtsstimmung. Ein Mitarbeiter der Aufnahmeeinrichtung nimmt ihn mit zu einem Zelt. Dort sind seit vier Monaten Asylbewerber untergebracht, deren Personalien allerdings unklar sind. Walter setzt sich zu einer fünfköpfigen Familie und fragt nach ihrer Geschichte. Sie sind aus Syrien und vor den Kämpfen geflohen. Dann waren sie in der Türkei, schließlich kamen sie auf Irrwegen nach Deutschland. Welche Mittel sie dafür eingesetzt haben wollen sie nicht erzählen. Ein kleiner Junge hört scheinbar teilnahmslos zu. Walter fragt nach ihrem Glauben, er möchte eine Verbindung zur frohen Botschaft finden. Ihre Ankunft in Deutschland ist doch schon ein kleines Happy End, oder nicht? Er spricht den Jungen an. “Er kann Sie nicht hören, er ist taub. Die Bomben sind dicht neben seinem Kopf explodiert, wie durch ein Wunder hat er überlebt.” Der Vater berichtet ruhig von der Bombennacht in Aleppo. Die Mutter hält ein Mädchen im Arm. Walter will sich dem Mädchen zuwenden, da weist ihn die Mutter zurück. “Sie kann Sie nicht sehen, Granatsplitter haben ihr Augenlicht zerstört. Sie braucht Ruhe.” Walter erschrickt. Wie soll er hier den Bogen zur christlichen Botschaft schlagen? Er hakt insgeheim diesen Teil seiner Vorbereitung ab. Hier wird er keine frohe Botschaft beschreiben können.
Am Mittwoch früh fährt Walter nach Frankfurt an die Oder. Er ist sicher, auch dort sind herzzerreißende Szenen zu finden. Die Grenze ist uninteressant, zu viele Grenzbeamte. Er beschließt, weiter nach Polen hinein zu fahren. In einem kleinen Dorf beobachtet er Geflüchtete, die eine weite Strecke hinter sich haben. Sie sehen abgehetzt und müde aus. Als er auf sie zukommt nehmen sie flugs Reißaus. Nicht so einfach, mit Migranten eine Weihnachtsgeschichte zu basteln. Im Wirtshaus wärmt er sich auf. Die polnische Bedienung ist höflich distanziert. Er ist für sie schnell als Neugieriger zu erkennen, der die Migration hautnah beobachten will. Hauptsache, er macht eine gute Rechnung. Ein SUV hält vor der Gaststätte. Eine dreiköpfige Familie steigt aus und betritt den Gastraum. Vorsichtig blicken sie in alle Gesichter, dann nehmen sie in der hinteren Ecke Platz. Sie essen Mittag und haben es nicht eilig. Nach einer reichlichen halben Stunde steht Walter auf und spricht sie an. Er fragt höflich nach ihrer Herkunft. Die Familie weiß, daß sie vielfältige Hilfe brauchen wird und nimmt den Kontakt an. Walter darf sich setzen und erfährt, daß sie aus Odessa stammen. Der Vater Anatoli ist 59 Jahre alt. Der Krieg bedrückt sie sehr. Trotzdem haben sie versucht, das Leben so normal als möglich zu gestalten. Anatoli wollte wie jedes Jahr den Weihnachtsmann für Nachbars Enkel spielen. Dieses Jahr kam am ersten Dezember der Einberufungsbefehl. Als die Regierung in Kiew eine Diskussion begann, das Alter für den Armeedienst von 25 auf 18 Jahre zu senken fingen sie an, die Ausreise zu planen. Ihr Sohn Victor ist 20 Jahre alt, er soll nicht an die Front. Walter wird klar, daß die Familie jetzt irgendwie über die deutsche Grenze kommen will. Im Stillen denkt er, das wird auch keine friedliche Weihnachtsgeschichte.
Auf der Rückfahrt nach Berlin nimmt er einen politischen Aktivisten mit. Er hatte sich im Hotel mit Jens angefreundet.
Die politische Farbe des Aktivisten ist für ihn schwer einzuschätzen, rot, grün, dunkelrot? Während der Autobahnfahrt hören sie Nachrichten. Der amerikanische Außenminister Antony Blinken proklamiert: “Wir liefern ausreichend Waffen … “ Jens ergänzt schlagfertig: “… und die Ukraine liefert ausreichend Soldaten.” Walter schaltet das Radio aus. Das Thema hatte er gestern, an Soldaten will er nicht denken. Ihm fällt ein, Antony Blinken ist 62 Jahre alt. Die Wehrpflicht in der Ukraine gilt nur bis 60, er hätte Schwein gehabt.
Er fragt Jens, ob er ein Wunder kennt, zum Beispiel das Weihnachtswunder von 1914. Jens macht große Augen. Das war kein Schulstoff, ihm auch sonst nicht bekannt. Walter erklärt, es gab im ersten Kriegsjahr 1914 an Weihnachten in Flandern für wenige Tage einen Frieden zwischen Deutschen und Briten.
Mitten im Krieg einen Christmas Truce. Die christliche Weihnachtsstimmung besiegte die politische Feindschaft. Ob heute an der Front davon geträumt wird? Die Fahrt geht schweigend weiter.
Walter grübelt intensiv an einem Plot für die Weihnachtsgeschichte. Es fällt ihm nichts ein. Er fährt langsam, nur mit 90 km/h, er hat Zeit. Nach 15 Minuten will Jens das Gespräch wieder aufleben lassen und fragt nach Weihnachtsgeschenken.
Als Walter still bleibt zählt er selbst seine Einkäufe auf. Stolz ist er auf das Raketenset für seinen Neffen. Zehn Oreschnik Raketen und zehn Taurus Raketen, dazu Häuser, Kirchen, Bäume, Tiere, Menschen. Die Raketen können gegenüber in Stellung gebracht werden, wenn sie einschlagen fliegen die gegnerischen Häuser, Kirchen, Bäume, Tiere und Menschen um. Das sieht lustig aus. Zwar nicht so wie in den Kriegsspielen im Internet, dafür haptisch um so besser. Er erinnert sich an Loriot. Der hatte 1978 in einem Weihnachtssketch mit einem Atomkraftwerk großen Erfolg. Weihnachten bei Hoppenstedts.
Da konnte man auch das Atomkraftwerk in die Luft fliegen lassen. Alle haben gelacht. Das muß heute auch noch funktionieren.
Im Radio wird über das Wunder von VW berichtet. Keine Werkschließungen. Klingt gut. Aber wie weiter? Walter diskutiert mit Jens über die deutsche Wirtschaft. Sie zitieren unzählige Experten, die Krise ist gewaltig. Von den Politikern sind beide enttäuscht. Bald sind Neuwahlen. Walter kommt plötzlich Kurt Tucholsky in den Sinn. Gerd E. Schäfer nuschelte in DDR- Zeiten herrlich den Tucholsky-Sketch zu den Wahlen.
Sinngemäß heißt es da: “… denn seh’n se mal, Wahlen sind der Rummelplatz des kleinen Mannes. Einmal alle vier Jahre da tun wir so als ob wir täten. … eine Partei wählen. Man hat das gute Gefühl, man tut etwas für die Revolution und weiß ganz genau, mit dieser Partei kommt sie ganz bestimmt nicht.” Könnte passen, aber das war vor 100 Jahren.
Am nächsten Morgen hat Walter immer noch keinen richtigen Plan für die Weihnachtsgeschichte. Er startet den Rechner und die KI- Software. Mit den Stichworten Weihnacht, Abenteuer im Schnee, Handicap, Inklusion, Kinder produziert sein alter PC eine rührende Story, die er dem Chefredakteur verkaufen will.
Für Walter ist die frohe Botschaft nur eine Fokussierung auf eine emotionale menschliche Tat, die von den großen Katastrophen ablenkt und das Herz kurzzeitig erwärmt. Sensible Menschen weinen ausgiebig, die anderen schneuzen sich die Nase. Im Januar geht das ganz normale Drama weiter.
Walter gießt sich ein Glas Wasserkefir ein. Weihnachten verbindet er noch mit Winter, Schnee und Kälte, sonst nichts.
Weihnachtsgeschichten hat er noch nie gelesen. Das russische Rezept hat er vor kurzem von einem Rußlanddeutschen bekommen, der Kefir schmeckt ihm. Werden russische Rezepte auch von der EU sanktioniert? Blödsinn, dieser Gedanke passt nicht in die Weihnachtszeit. Das wichtigste ist jetzt, den Redakteur von seiner KI- Geschichte zu überzeugen. Der will auch seine Ruhe und Walter seinen Urlaub.
Am Abend streift Walter durch die Straßen. Seine Weihnachtsgeschichte wurde erfolgreich abgekauft, jetzt ist Ende, Jahresende. Es wird zeitig dunkel, so setzt er sich in die “Mühle”. Der Wirt Heinz will heute früh Schluß machen. Er spendiert jedem noch ein Spezialgetränk, das wie wie Glühwein aussieht. Walter wird nach dem Trunk etwas mulmig, Kerzenlichter kreisen im Kopf. Er schiebt es auf den leeren Magen und stapft in die Dunkelheit. Draußen scheinen die Menschen sich anders zu bewegen. Nein, sie scheinen anders.
Walter kann ein inneres Licht erkennen, das von ihnen ausgeht.
Die meisten leuchten blau. Er schaut in ihre Gesichter und sieht Verschlossenheit, Mißmut, manchmal Bitterkeit. Da ist ein rotes Licht. Eine junge Frau läuft mit einem Blumenstrauß und lächelt. Es gibt nur wenige kräftige rote Lichter, die meisten sind schwach blau. Es sieht wie eine Gefühlsaura aus, die jeden umgibt. Walter hat einen Kloß im Halse. Da stupst ihn Fred an.
Walter erzählt ihm von seiner Erscheinung. “Ich glaub’ ich muß was komisches gegessen haben. Getrunken natürlich auch, aber in Maßen” erklärt er Fred. “Du siehst auch ganz schön blau aus” entgegnet Fred. Walter wird nachdenklich, Traurigkeit steigt in ihm auf. Ungläubig verabschiedet er sich von Fred und strebt nach Hause.
Als er die Wohnungstür aufschließen will kommt der Nachbar aus der Tür. “Ich hab’ was für Sie.” Er übergibt Walter einen Leinensack. “Sie haben Glück, viele denken an Sie. Der Postbote war ganz außer Puste. Soviele Pakete für Walter Baum wie das ganze Jahr nicht.” Erstaunt betrachtet Walter den Sack. Ist das jetzt Murphys Gesetz oder Zufall oder eine Verschwörung?
Wortlos nimmt er den Sack und verschwindet hinter seiner Tür.
Der Nachbar ist alleinstehend. Als er ihm vor ein paar Tagen eine Nachricht überbrachte und in die Wohnung blicken konnte sah er, daß er keinen Weihnachtsschmuck ausgestellt hat. Nur eine Kerze mit Tannengrün. Auch ein Blauer.
Am Küchentisch packt Walter den Sack aus, er findet kleine und große Päckchen von Bekannten und Verwandten. In den Grußkarten steht oft, daß sie lange nichts von sich hören ließen und daß sie trotzdem oft an ihn gedacht haben. Eine Einladug für das nächste Jahr ist dabei. Walters Augen werden feucht, das hatte er nicht erwartet.
Walter geht in den Flur und zieht sich die Schuhe an. Er geht nochmal zu seinem Späti und holt zwei Flaschen Glühwein. Er will heute Abend den Nachbarn einladen und gemeinsam mit ihm das Jahr besprechen. Es kann nicht alles schlecht gewesen sein. Als erstes wird er ihn auffordern: “Definieren Sie das Wort Frohe Botschaft.” Vielleicht ist ja doch was dran.
Das Buch “Liebe in Zeiten der Cholera” an der Ostsee
Der Winter ist trist. Egal wo man sich befindet, es ist ungemütlich. Das kalte und nasse Wetter, die tief hängenden Wolken erzeugen eine schwermütige Stimmung. Es ist Februar, der Winter ist erst in der Mitte angekommen. Die ersten Schneeglöckchen sind da, sogar Weidenkätzchen sieht man. Aber es ist noch zu früh, die Winterstarre ist nicht zu übersehen. Alles Verfrühte wird nochmal erfrieren. Wir sind für eine Woche in den Norden an die See gefahren. Die gewohnte Umgebung der Stadt engt irgendwann ein. Frische Luft, andere Klänge und Gebäude reißen den Trott nieder. Der Schein von etwas Neuem lenkt ab.
Für die Reise habe ich ein Buch eingepackt, das ich vor über 40 Jahren das erste Mal gelesen habe. Es ist “Liebe in Zeiten der Cholera” von Gabriel Garcia Marquez. In jungen Jahren hatte ich ein Faible für lateinamerikanische Autoren wie Asturias, Cortazar, Borges oder Fuentes. Sie schaffen es, das Flair des Äquators, der Küstenregionen, des Meeres, des 19. und 20.
Jahrhunderts mit dem Mystischen, dem Zauber des Übersinnlichen zu verbinden. Das Träumen ist das wesentliche, die Realität ist eine Randerscheinung. Mythen und Traumwelten verklären die Fantasie.
Das Buch von Marquez ist eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Die Handlung beschreibt das über 50jährige Werben eines Jungen bzw. Mannes, der erst im Alter von 76 Jahren die Erfüllung seiner Liebe erfährt. Als junger Mann hatte mich die Liebesgeschichte fasziniert. Welch eine Ausdauer, welch eine tragische Geschichte. Der Liebreiz des jungen Mädchens und Frau und die tragischen Gefühle des Mannes werden so farbenprächtig beschrieben, daß ich mit dem Unglücklichen die ganzen langen Jahre seiner Tortur mitfühlen konnte. Das ist meine Erinnerung an die Geschichte.
Es sind seitdem über 40 Jahre vergangen. Es ist Winter, das Buch soll mich hier an der Ostsee aufwärmen. In dieser kalten Jahreszeit will ich etwas von den vergangenen Träumen wiederholen oder nachträumen, Hauptsache, das schöne Lesegefühl wird wieder lebendig. Wir sind in einem vornehmen Hotel im Hinterland abgestiegen. Der Strand liegt etwa 7 km nördlich, um dahin zu kommen muß man sich schon ins Auto setzen. Doch erstmal das Buch aufschlagen und lesen. Die Geschichte spielt in der Karibik. Sie beginnt um 1870 und spannt sich bis Mitte der zwanziger Jahre im zwanzigsten Jahrhundert.
Die ersten 70 Seiten handeln von den Hauptpersonen an ihrem Lebensende. Doktor Juvenal Urbino ist mit Fermina Daza seit über 50 Jahren verheiratet. Er ist ein überaus erfolgreicher Arzt, der die Oberklasse, den Geldadel repräsentiert. Seine Frau liebt ihn wie er sie, sie blicken auf ein erfülltes Leben zurück. Als am Pfingstsonntag sein Papagei entflogen ist stürzt er beim Versuch ihn einzufangen von der Leiter und stirbt. - Ende des ersten Kapitels.
Das Hotel bietet als Höhepunkte das Frühstück, das Abendbrot und die Sauna an. Halbpension. Mir fällt beim Frühstück ein altes Ehepaar auf, das etwa 80 Jahre alt ist. Sie ist klein und dünn und geht leicht gebeugt. Der Körper scheint eingetrocknet, zusammengeschrumpelt zu sein. Schmale Schultern, ich schätze sie wiegt nur 60 kg. Der Mann ist einen Kopf größer und hager.
Seine weiße Mähne läßt ihn drahtig erscheinen, die langsamen Bewegungen zeigen aber das zerbrechliche Alter. Das Paar redet fast nicht, die Gesichter der beiden sind eigenartig starr. So als hätten sie sich schon alles gesagt. Das, was noch aus ihrem Mund kommen kann, ist eine Wiederholung von alten Gesprächen. Ein bißchen kann ich das Paar mit Fermina Daza und Juvenal Urbino vergleichen. Diese hatten sich am Ende auch auseinandergelebt und lebten nebeneinander her. Jeder hatte seinen Bereich im Herrenhaus, das genügend Platz zum Aus-dem-Wege-gehen ließ.
Am Büfett schaue ich der alten Dame ins Gesicht. Die Augen wirken kalt und teilnahmslos. Doch das ist nicht Absicht. Das Leben hat nur zuviel Kraft gekostet. Sie will nicht mehr an allem teilhaben, sie will ihre Ruhe. Die Wangen sind mit kleinen Falten durchzogen, der Mund mit den schmalen Lippen ist fest zusammengepreßt. Eine kleine feste Nase führt zu den kühlen Augen, die schnell das Büfett nach etwas Eßbaren absuchen.
Nur kleine Häppchen schaufelt sie sich auf den Teller, ein Stück Fisch, zwei Scheiben Gurke, ein Brötchen. Ihr Mann in gehörigem Abstand tut es ihr gleich.
Zurück zum Buch. Der junge Florentino Ariza ist ein Bastard.
Seine Mutter hatte ein Verhältnis mit einem Vorstand der Flußschifffahrtgesellschaft, der Sohn wurde nicht vom Vater anerkannt. Als Heranwachsender arbeitet er als Telegrafist. Sein Vorgesetzter Lothario Thugut nimmt ihn mit ins Bordell, in dem er das Leben der Dirnen und Freier kennenlernt. Es ist ein Leben ohne Liebe, nur körperlicher Vollzug des Geschlechtstriebes.
Die Männer und Frauen begegnen sich ohne wirkliche Gefühle, die Frauen sind Arbeiter in einem schweren, oft brutalen Job.
Florentino sieht verschiedene Liebesspiele, die Missionarstellung, das Meeresfahrrad, das Hühnchen am Spieß, den gevierteilten Engel. Die Männer wollen in kurzen Liebesakten den Tag vergessen, es geht zu schnell, die Ablenkung wirkt nicht. An den Bordellwänden sind Gucklöcher angebracht, mit denen zusätzliches Geld von Voyeuren verdient wird. Das ist keine Liebe.
Bei der Zustellung eines Telegrammes sieht Florentino die 13jährige Fermina in einer Leseecke mit ihrer Tante. Der Anblick gräbt sich für ein ganzes Leben in sein Gedächtnis ein.
Das Aufblühen der zärtlichen Liebe erfolgt behutsam, zuerst einseitig. Aufgrund der Konventionen können sich beide nicht direkt sprechen. Er beginnt glühende Liebesbriefe zu schreiben, die endlich ihr Herz erreichen. Ihre Tante wird Komplizin. Als der Vater davon erfährt verstößt er die Tante und verbannt das 15jährige Mädchen in die fernen Anden. Dort lenkt ihre Kusine Hildebranda sie ab. Fermina lernt ihren Körper kennen und verschwendet doch keinen Gedanken an das andere Geschlecht.
Nur in den Telegrammen lebt die Liebe zu Florentino. Als der Vater sie nach fast zwei Jahren zurückholt erkennt sie ihre kindliche Schwärmerei für einen blassen Jungen und weist den Unglücklichen ab. Der Vater pocht aus Geld- und Statusgründen auf eine standesgemäße Heirat. Sie ergibt sich dem Arzt Juvenal Urbino, es wächst eine stabile Liebe zwischen dem Arzt und Fermina.
18.00 Uhr. Wir haben pünktlich zum Abendbeginn reserviert.
Nur wenige Gäste schlendern ins Restaurant. Wie immer wird ein Büfett angeboten. Wir suchen uns einen Platz am Fenster und beginnen die Zeremonie. Nach dem Essen bleiben wir noch sitzen. Mir fällt ein junger Mann auf, der in der Mitte allein sitzt.
Er ist sportlich, hat kurzes ungeschnittenes schwarzes Haar und einen lichten schwarzen Vollbart. Auf den ersten Blick eine gute Partie. Was macht er allein hier? Sein wacher ernster Blick verrät keine Absichten. Vielleicht braucht er eine Auszeit. Jetzt kommt eine junge Frau ins Restaurant. Sie ist tadellos geschminkt und sucht einen Tisch. Zielstrebig steuert sie einen Wandtisch im hinteren Teil an. Von dort läßt sich das ganze Lokal am besten beobachten. Auch sie scheint Single zu sein.
Sie schaut intensiver zu den Gästen, vielleicht sind interessante Partien vorhanden. Die Gäste nehmen während des Abendbrotes keinen Kontakt untereinander auf. Zuviele Augen suchen Ablenkung, zuviele Blicke scannen den Raum. Ein beliebter Treff am frühen Abend nach dem Abendmenü ist die Sauna.
Dort kann man sich ganz natürlich betrachten und eventuell ins Gespräch kommen. Es sind freie Valenzen vorhanden. Der Aufenthalt kann kleine Abenteuer bereithalten.
Florentino steht mit 26 Jahren vor dem Scherbenhaufen seiner Liebesträume. Er ist für Fermina zu blaß und unscheinbar, zu erfolglos und unbedeutend. Doch Florentino besitzt wertvolle Talente. Er spielt Geige und komponiert für Fermina einen Walzer. Er hat das Gespür für Verständnis, seinem Charme erliegen die Frauen. Er kann wunderschöne Liebesbriefe schreiben, dieser Schreibstil fließt in alle Briefe ein. Selbst seine Geschäftsbriefe zerfließen vor Liebesbekundungen. Das ruiniert fast seine Karriere.
Florentino beginnt ein Leben als Jäger nach Liebesabenteuern und führt Tagebuch. In den Kassenbüchern der Amouren stehen nach 50 Jahren Hunderte Einträge. Hätte ein Außenstehender Florentino gesehen wäre er zu dem Schluß gekommen, er ist liebestoll, er leidet an Priapismus. Seine Hormonproduktion ist zu hoch und er muß sie in permanenten Liebesakten abbauen.
Seine Jagd nach Frauen ist seine tägliche Beschäftigung abseits der Büroarbeit. Es ist ein Mittel, sich von der immerwährenden Liebe zu Fermina Daza abzulenken, es sind oberflächliche Abenteuer. Seine Unschuld hatte er auf einer nächtlichen Flußfahrt verloren, eine von drei jungen Frauen, vielleicht Rosalba hatte ihn des nachts minutenschnell entjungfert. Es folgen später die Witwe des Generals Nazaret, die Doppelwitwe Prudencia Pitre, Andrea Varón, Leona Cassiani, Prudencia Arellano, eine Irre aus der Klapsmühle, Sara Noriega, Olimpia Zuleta, Josefa, die Witwe Zuňiga, Àngeles Alfaro und viele andere. Die letzte große Affäre durchlebt er mit einem Pflegekind, das ihm 14 jährig anempfohlen wird und das er nach und nach verführt. Florentino ist Jahrzehnte älter als Amèrica Vicuña.
Schon vorzeitig ist Florentino ein Greis, die meisten seiner Beziehungen sind oberflächlich, ohne emotionale Tiefe. Diese Liebe macht ihn unglücklich. Er fühlt, auf der ganzen Welt ist keiner liebesbedürftiger als er, in vielerlei Hinsicht bemitleidenswert. Verbissen betont er. “Alles in der Welt verändert sich. - Ich nicht!” Er will am Alten festhalten und auf keinen Fall als guter Mensch gelten. Er weiß, das Alter ist hoffnungslos, es bleibt nur das Warten auf das Ausblasen der Kerze.
Für Fermina Daza ist er in dieser Zeit fast unsichtbar. “Es ist, als sei er keine Person, sondern ein Schatten.” Er schleicht herum wie ein Gespenst.
Es gibt skurrile Episoden im Buch. Einmal wird bei einem Schäferstündchen mit der Kapitänsfrau Ausencia Santander das ganze Haus der Frau ausgeräumt. Nur drei Stühle stehen noch in den leeren Räumen. Am Spiegel prangt lakonisch der Spruch:
“Das kommt vom ficken!”
Am nächsten Tage fahren wir alle in ein Touristenspektakel an der Küste, in die Schmetterlingsfarm. Es ist eine unscheinbare marode Lagerhalle, in der ein schwüles Saunaklima erzeugt wird, das den Lebensraum tropischer Schmetterlinge nachbildet.
Dazu sind aufgepiekste Insekten ausgestellt, exotische Steine, Blätter voller Geschichte. Es ist eine willkommene Abwechslung in der Landschaft. Wieder zurück spazieren wir am frühen Nachmittag um den kleinen See, über die Golfwiesen, durch die menschenleere Gegend. Die Stille im Urlaubsort ist beeindruckend. Es ist ungewohnt, in einem belebten Ort keinen Mucks zu hören. Totenstille. Die Ohren sind offen und lauschen – nichts.
Im Hotel checkt ein Ehepaar ein. Die zwei Kinder von 5 und 11 Jahren wuseln neugierig durch die Lobby. Die Eltern Mitte dreißig sind eingespielt und unaufgeregt. Mit aufmerksamen Augen streifen sie uns und erledigen routiniert die Formalitäten.
Beide sind an Armen und Oberkörper tätowiert. Diese Jugendsünden erscheinen nur Fremden unpassend. Sie sind Ausdruck jugendlichen Übermuts. Irgendwann werden sie ihnen selbst peinlich sein. Die Familie macht einen harmonischen Eindruck, die immanente Liebe ist spürbar. Eine heile Welt scheint es zu geben.
Wir gehen für eine kurze Pause auf’s Zimmer. Die nächsten Stunden wollen wir gemeinsam Karten spielen. Das Telefon klingelt, ein guter Freund ruft an. Eine schlimme Nachricht unterbricht die Urlaubsstimmung und trifft uns wie ein Blitz.
Ein naher junger Bekannter ist gestorben. In fernen Landen ist er plötzlich umgefallen und im Dunkel des Jenseits verschwunden.
Es geht schnell.
Nachdem der Ehemann von Fermina Daza mit 81 Jahren gestorben ist beginnt Florentino wieder um Fermina zu werben.
Er ist mittlerweile Präsident der Karibischen Flußschifffahrtkompanie. Fast täglich sendet er Briefe, die seine Lebensweisheit bekunden und die von ihr dankbar angenommen werden. Ein Rest von Schuld ob der Zurückweisung von vor über 50 Jahren liegt noch auf dem Grund ihrer Seele. Die Briefe entzünden die Witwe Fermina auf’s Neue. Ihre Liebe hat einen ständigen Kampf mit Konventionen auszufechten. Als die Witwe sich dem alten Florentino Ariza zuwendet und seine ewige Liebe erkennt wollen ihre Freundinnen und ihre Tochter Ofelia den Alten schlechtreden und unterstellen ihm niedere Absichten. Außerdem meinen sie, Liebe ist im Alter anstößig, eine Ferkelei. Fermina wirft ihre Tochter aus dem Haus und bricht mit ihr. Sie sagt: “Vor einem Jahrhundert haben sie mich um mein Leben mit diesem armen Mann beschissen weil wir zu jung waren, und jetzt wollen sie uns bescheißen weil wir zu alt sind.”
Florentino organisiert eine Hochzeitsreise auf dem Schiff “Nuevo Fidelidad”. Er führt sie in die Luxussuite, die Präsidentenkabine. Sie leben die Liebe der gemeinsamen Nachmittage, der Teestunden, der Gespräche. Sie verbindet eine Seelenverwandtschaft, jeder kann dem anderen sein Herz ausschütten. Wohin mit der Liebe, die herrenlos ist? Die alten verknöcherten Hände finden sich wieder. Als sie am zweiten Abend nackt im Bett liegen gehen sie den nächsten Schritt. Sie sind von Anisschnaps beschwipst und plaudern sich in Stimmung. Ihre Hand sucht ihn, Florentino bekennt nüchtern: er ist tot. Er legt ihre Hand auf seine Brust und sie spürt die Kraft und das Ungestüm eines Jünglings. Am nächsten Morgen steht er früh vor ihrem Bett. Sein Gewehr funktioniert noch einmal.
Doch es ist eine schnelle Umarmung, die mechanisch wirkt, kaum Gefühle hinterläßt und sie enttäuscht.
Das Buch ist übervoll von Liebe, körperlicher Liebe und platonischer Liebe. Es beschreibt das Wachsen der ersten zärtlichen Gefühle im jugendlichen Alter ohne die Chance einer körperlichen Nähe. Die brutalen Fleischesgenüsse im Bordell, die reine Studienzwecke sind, ohne Anteilnahme von Florentino.
Das Schwanken der Gefühle des Mädchens Fermina, das nach langem Austausch von heimlichen Liebesbriefen sich endlich zu Florentino bekennt und verspricht ihn zu heiraten, jedoch mit der Bedingung, niemals Auberginen essen zu müssen. Der Verlust der Unschuld des Jungen auf einer nächtlichen Flußfahrt, ohne die Identität der jungen Frau zu erfahren, die ihn benutzt hat. Es wird die Liebe des Alters ausgemalt, in dem die Rationalität und der körperliche Verfall eine große Rolle spielen. Das Träumen in die Vergangenheit verklärt die Zeit.
Die fantastische Liebesbeschreibung von Marquez ist überirdisch schön. Das Buch ist wie eine große irdene Kruke, auf der in leuchtenden Lettern “Liebe” steht. In diese Kruke gießt der Autor ständig neue Variationen der Liebe. Die profane rationale vulgäre Liebe dominiert, platonische und auch erotisch starke Liebesszenen sind Farbtupfer, die Liebe ist in vielen Facetten erkennbar. Das Leben des Florentino Ariza ist ein mittelamerikanischer Traum in der Karibik. Ein Traum der Liebe und ein Albtraum der zurückgewiesenen Liebe.
Ich schaue mich im Hotelzimmer um. Es ist neutral, zweckmäßig eingerichtet, warm. Nichts anregendes zu finden.
Auf der Suche nach Abwechslung bleibt der Blick an der schwarzen Fläche hängen. In zwei Meter Höhe scheint mich da ein schwarzes Loch an. Auf Knopfdruck wechselt es die Farbe und Kontur, Bilder zucken in den Raum, Geräusche verändern die Atmosphäre. Die Fläche zeigt einen Eisberg in Grönland.
