Flammen über Verden - Alexander Janke - E-Book

Flammen über Verden E-Book

Alexander Janke

0,0

Beschreibung

Markus Voss, ein Verdener Antiquitätenhändler, ist ermordet worden. Journalist Ben, aus der Stadt stammend, aber schon länger weggezogen, will darüber berichten. Deshalb trifft er nach vielen Jahren Laura, eine frühere Klassenkameradin und heutige Polizistin, die für den Fall zuständig ist. Was hatte Voss zu verbergen? Und welche Rolle spielt eine verfallene Geistervilla? Gemeinsam lüften die beiden die dunklen Geheimnisse der örtlichen Upperclass. Dabei erinnern sie sich an ihre intensive Jugend und stellen fest: Sie fühlen sich immer noch zueinander hingezogen. Was zu weiteren Verwicklungen führt. Ein kurzweiliges, spannendes Lesevergnügen mit viel Lokalkolorit und einem unvergesslichen Ermittlerduo!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Markus Voss, ein Verdener Antiquitätenhändler, ist ermordet worden. Journalist Ben, aus der Stadt stammend, aber schon länger weggezogen, will darüber berichten. Deshalb trifft er nach vielen Jahren Laura, eine frühere Klassenkameradin und heutige Polizistin, die für den Fall zuständig ist.

Was hatte Voss zu verbergen? Und welche Rolle spielt eine verfallene Geistervilla? Gemeinsam lüften die beiden die dunklen Geheimnisse der örtlichen Upperclass. Dabei erinnern sie sich an ihre intensive Jugend – und stellen fest: Sie fühlen sich immer noch zueinander hingezogen. Was zu weiteren Verwicklungen führt.

Ein kurzweiliges, spannendes Lesevergnügen mit viel Lokalkolorit und einem unvergesslichen Ermittlerduo!

Oh je, die schöne Sitzbank. Die wäre teuer weggegangen, mächtig Marge. Kann man jetzt natürlich vergessen. Polster, Holz, alles eingesaut. Das zieht ja ein. Die kauft keiner mehr.

Unter normalen Umständen würde sich Voss über den Verlust rappelig ärgern. Unter normalen Umständen ist er aber auch nicht tot und verteilt sein Blut auf einem der kostbaren Stücke in seinem Laden.

Einmal Kopf, zweimal Brust, einmal Bauch. Die Stellen mit Linien zu verbinden ergäbe eine schöne Raute. Gering im Durchmesser, entlassen die vier Löcher in seinem Körper überraschend große Mengen dicker, roter Tunke, es riecht nach Metall und klebt. Die heikle Angelegenheit ist deutlich siffiger, als man es sich so vorstellt, und kein bisschen malerisch: Man stirbt nicht opernhaft, bloß weil man es auf Antiquitäten tut. Nein, man ist genauso ein nasser, verdrehter Plumpsack wie jeder andere frisch erschossene Mensch auch.

Im Taumel des Aufpralls der ersten Kugel fiel Voss auf der Bank in sich zusammen wie eine Marionette mit gerissenen Fäden, und der Täter, nähertretend, ballerte drei weitere in ihn, wobei Voss immer etwas zuckte.

Ob jemand das Knallen der Waffe gehört hat? Um die Uhrzeit äußerst unwahrscheinlich. Industriegebiet. Wo Laternen Tupfer auf die Straße setzen, glänzt der Asphalt. Darüber bildet sich ein heller, nebelfeuchter Kegel, fast nie von Autos durchbrochen. Bloß in der Ferne rauscht leiser, gleichmäßiger Verkehr, ans Zischende grenzend und nicht zu orten.

Der Täter hat sich absentiert, befindet sich jenseits der Max-Planck-Straße auf der Autobahn. Flucht auf der A1 nach einem 1A-Mord.

Eine Hand am Steuer, gleitet er tief im Sitz seines silbernen Golfs dahin, schlappt mit Richtgeschwindigkeit gleichmäßig Kilometer um Kilometer runter. Manchmal reflektiert ein Straßenschild das Scheinwerferlicht, gelegentlich kommen zwei grelle Augen von vorne und brausen vorbei. Sein Magen grummelt einem Nachtmahl entgegen. Der Körper verbraucht beim Morden unfassbare Energiemengen. Es ist die Heimtücke, die so anstrengt, das Anschleichen, Abdrücken, Abdampfen. Jeder kennt das von sich im Kleinen. Der Puls steigt, Aufregung, Anspannung. Man will sich nach überstandener Action massenhaft schlechte Fette und kurzkettige Kohlenhydrate reinbimsen. Stress macht Jieper, aufpassen. Große Gefahr: Übergewicht! Eine ausgewogene Ernährung, protein- und ballaststoffreich mit wenig Zucker, ist auch für Gewaltverbrecher essenziell.

~

Das Abendlicht fiel in schrägen Streifen durch die hohen Fenster des Hauses, das die perfekte Mischung aus Komfort und Understatement ausstrahlte. Markus Voss machte es sich in einem weichen Ledersessel bequem, ein Kristallglas mit Whiskey in der Hand, während sein Freund über den jüngsten Erfolg eines gemeinsamen Bekannten plauderte. Voss lächelte höflich, doch seine Gedanken schweiften bereits ab. Ihn trieb sein Vorsatz, sich um Informationen zu bemühen.

Als sein Gastgeber aufstand, um einen Anruf anzunehmen, nutzte Voss die Gelegenheit. Er leerte sein Glas, erhob sich gemächlich und streifte durch das elegante Wohnzimmer. Die Wände waren geschmückt mit dezenten, aber zweifellos teuren Kunstwerken. Die Einrichtung war geschmackvoll, jeder Gegenstand wirkte bewusst ausgewählt. Voss ließ sich spontan von einer antiken Standuhr hypnotisieren, bevor er sich zur Toilette verabschiedete.

Der Flur war lang, das Badezimmer in der Mitte. Doch seine Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem gefesselt: einem Büro, dessen Tür nur angelehnt war. Der Spalt reichte aus, um einen Blick auf den massiven Schreibtisch und die darauf gestapelten Unterlagen zu werfen.

Er zögerte einen Moment, seine Finger spielten am Revers seines Sakkos. »Rein da jetzt, hier finde ich vielleicht etwas«, flüsterte er sich Mut zu und schob die Tür auf. Der Raum duftete nach Leder und Papier, war kühl und etwas unaufgeräumt. Ein Hauch von Parfüm schwebte in der Luft. Voss bewegte sich vorsichtig, seine Schritte wurden vom weichen Teppich gedämpft.

Am Schreibtisch angekommen, glitten seine Finger wie von selbst über die Schublade. Sie war nicht verschlossen. Mit einem schnellen, kontrollierten Ruck zog er sie auf. Lose Blätter, Notizen, einige Briefe. Nichts Besonderes. Doch darunter lag ein schlichter Umschlag, dessen Ecken abgenutzt waren. Ohne nachzudenken, zog Voss ihn hervor und öffnete ihn.

Seine Pupillen weiteten sich, als er den Inhalt betrachtete. Dokumente, die eindeutig brisante Informationen enthielten – mehr, als er erhofft hatte. Es war nicht sofort klar, worum es ging, doch die Namen, die erwähnt wurden, und die Sprache ließen keinen Zweifel: Das hier war wertvoll. Und gefährlich.

Er lauschte und faltete behutsam die Beute zusammen, schob sie unter seine Jacke und schloss die Schublade, genau wie er sie vorgefunden hatte.

»Markus? Alles in Ordnung?«, rief der Freund aus dem Wohnzimmer.

»Ja, gleich zurück!«, antwortete Voss mit seiner gewohnten Freundlichkeit, während er sich zügig zurück zum Saufen begab, die Dokumente sicher verstaut. Sein Herz schlug schneller, doch er wusste, dass er die Fassade wahren musste.

~

Der Raum ist erfüllt von verwaschenen Stimmen. Ein Beamter markiert mit nummerierten Kärtchen jeden Beweis: Die Zigarettenkippen am Boden bekommen die Nummer drei, die verkohlte Quittung die Nummer vier. Eine Kollegin scannt akribisch die Wände und Decken nach Einschussspuren. Ihr Laser projiziert eine dünne rote Linie, die den möglichen Schusswinkel nachzeichnet.

Ein Techniker untersucht den Körper von Markus Voss. »Die Einschusswinkel deuten darauf hin, dass der Täter stand. Distanz zwischen zwei und drei Metern«, sagt er und zeigt auf die Öffnung im Schädel. »Das war der letzte. Eiskalt.«

Neben der Leiche eine umgekippte antike Lampe, ihr Schirm ist verbogen, der Sockel blutverschmiert. »Das hier könnte während des Sturzes passiert sein, als das Opfer fiel«, spekuliert ein Ermittler.

Die Spurensicherung richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Kasse. Sie ist unberührt, aber eine Schublade darunter steht offen. Darin diverse handschriftliche Notizen, einige Listen mit Möbelstücken und unleserlichen Zahlenkolonnen. »Das sieht nach privater Buchhaltung aus. Schwarzgeschäfte?«, überlegt eine Ermittlerin, während sie die Papiere in Beweissicherungsbeutel steckt.

Ein Beamter ruft vom Lagerraum: »Hier hinten ist noch mehr!« Laura Freese und Kommissar Stein folgen ihm in das angrenzende Areal. Dort stehen mehrere halbfertige Möbelstücke – ein Schreibtisch ohne Schubladen, ein Schrank mit einem begonnenen Finish. Beißender Lackgeruch und Staub.

Stein inspiziert einen anderen Schreibtisch, auf dem verstreute Werkzeuge liegen: ein Stechbeitel, ein Hammer. »Das sieht aus, als hätte er noch kurz vor seinem Tod gearbeitet«, schlussfolgert er.

Laura entdeckt eine unscheinbare Kiste in einer Ecke, die kaum auffällt, da sie von zerknüllten Zeitungen bedeckt ist. Beim Öffnen findet sie eine Reihe alter Quittungen – einige sauber beschriftet, andere unleserlich.

»Hier könnte der Schlüssel sein«, sagt sie, ihre Stirn in Falten gelegt. »Das muss ins Labor.«

Hinter einer abgedeckten Werkbank entdecken sie einen fast unsichtbaren Blutfleck.

»Das hier passt nicht zum Leichenfundort«, sagt der Spurensicherer, der mit der Chemikalienlampe die Umgebung absucht. »Möglicherweise hat der Täter sich geschnitten oder wurde verletzt.«

Ein Beamter findet schließlich ein einzelnes Patronenhülsenstück, das sich in einer Ritze unter einem Regal versteckt hat. »9 mm. Sieht aus wie die Tatwaffe«, sagt er, während er die Hülse mit einer Pinzette in einen Beweissicherungsbeutel legt.

»Wird kompliziert«, murmelt Laura, während sie den Tatort inspiziert, wo die Geschichte von Markus Voss’ letztem Moment in Blut und Chaos geschrieben steht.

~

Im Zug Richtung Kindheits- und Jugendheimat, quer durch das von Bächen durchzogene, flach um Wälder und einzelne Baumgruppen gelegte Matschackergrünbraun Niedersachsens, schwelt in Ben Albers das warme Gefühl von Identität und Biografie, das nichts mit landschaftlicher Schönheit und fast nur mit Wiedererkennung zu tun hat.

Niemals der eigenen Kindheit hinterherschwärmen, ihr Vergangensein nicht betrauern, das schwor er sich früh. Trotzdem resümiert er: Die Patina aus Zauberstaub, die damals auf allem lag, ist weggefeudelt. Die Adventszeit, wenn in der ersten Schulstunde der Klassenraum abgedunkelt wurde, jeder eine Kerze bekam und die Lehrerin Geschichten vorlas. Weihnachten allgemein, Heiligabend und dann Silvester! Oder durch den Wald stromern, zelten an der Weser mit Lagerfeuer am Abend – wie aufregend war das alles, und wie weit weg ist das heute.

Als Ersatz für die Intensität des Moments ist die der Erinnerung herangewachsen. Die damals ausgestreute Saat des Romantischen ist aufgegangen in verträumten Geschichten und rekapitulierten Momenten, an denen Ben sich erfreut, ohne sentimental zu werden. Romantik ist eine Kategorie der hinterher erfolgenden Erzählung, nicht des Erzählten. Als Kind war das alles toll, aber romantisch wird das erst in der späten, sehr späten Rückschau. Der Bericht ist die Beute der abgeschlossenen Erlebnisjagd, das Frühere bildet den Rohstoff für das Gehirn, das ihn im Nachhinein memorierend veredelt.

Aus diesem Sinnieren reißt der bevorstehende Umstieg in Rotenburg (Wümme) Ben jäh heraus. Er richtet sich auf und zuppelt in von Sitzkante, Vordersitz und obiger Gepäckablage forcierter S-Form – Knie und Rücken gebeugt – sein dunkelblaues, dünnes Rollkragenshirt zurecht, das er enganliegend trägt, damit keine Gefahr besteht, dass Laura seinen neuen schlanken Bauch und die erworbenen Muskeln übersieht. Er hat sich die Steaks ja nicht mühsam draufgepackt, um sie zu verstecken.

Jetzt zieht er die graue Hose aus feinerem Stoff in Position, um dann nach seiner auf dem Nebensitz lagernden dunklen, dem Motorrad-Stil nachempfundenen Wachsjacke zu greifen, einem effektvollen, angemessen unpraktischen Kleidungsstück namens Trialmaster mit zahlreichen Aufnähern und Verstärkungen, groben Brust- und Schoßtaschen, goldgelben Metallknöpfen und einem breiten, taillierenden Gürtel. Nur in Notfällen nutzt Ben die Haken am Fenster, an denen die Jacken ständig im Weg hängen und Platz rauben.

Rotenburg ist ein zugiger Bahnhof, an dem Ben gelegentlich ohne Zusatzkosten deutlich länger verbringen durfte, als er ursprünglich gehofft hatte. Heute aber flutscht es, wie so oft in dieser Richtung, und die Bimmelbahn zockelt ihn die letzten rund 20 Minuten ans Ziel.

Es ist nicht Nostalgie, die ihn treibt, es ist der Job. Markus Voss tot – klar, da mussten sie einen losschicken, und als an Bens Herkunft erinnert wurde, konnte er sich nicht mehr wehren. Antiquitätenhändler erschossen aufgefunden, hatte es in der Kreiszeitung geheißen, mehr war zum Tathergang nicht bekannt, keine Details. Fraglich, ob er mit der Story reüssieren wird, ob sie genug bietet und er sie im Rahmen enger Redaktionsvorgaben für Zeit und Budget umsetzen kann. In dieser Gemütslage erreicht er die Stadt, in der er einst pubertierte.

Verden – das sollen ortsfremde Leser gleich richtig sagen, wir üben es kurz. Eselsbrücke: Das V wird ausgesprochen wie das F in der Tierart, die in der »Reiterstadt« Popularität genießt. Es geht in Verden um Pferde, nicht ums ewige Werden, in jüngerer Vergangenheit sogar wieder mehr, mehr denn je, denn die Exemplare aus der Region spielen neuerdings noch viel weiter vorne mit, was manche Gutbetuchte – sagen wir hier doch lieber: Wohlbestallte – ganz neue Prestigelevel hat erobern lassen. Also: »Ferden«. Gleiches gilt übrigens für die Landeshauptstadt. Ein »Hannower« existiert nicht.

Nachdem Ben ausgestiegen ist, stechschreitet er bis zum Treffpunkt.

Laura erscheint pünktlich im Blumenwisch (das ist ein Straßenname; kein Farbmuster für Kleidung) direkt an der Aller.

»Na, du alter Kirmesboxer!« Laura neigt ihren Kopf zur Seite, sodass ihr zu einem kecken Grinsen verzogener Mund niedlich schief wird.

Rustikale Begrüßung, denkt der Angesprochene. Wahrscheinlich berufsbedingt. »Frech isse! Von mir hat se das nich. Du kleiner Vogel.«

Bei ihrer Umarmung nähern sich Köpfe, Hälse und tiefere Regionen länger als zur Stippvisite und die Arme helfen beim Zusammendrücken der Körper bestätigend mit, es dauert einen angenehmen Tick zu lang. Das ist keine halbintime Teilumarmung, bei der man sich vorbeugt und, kaum dass einzelne Finger die seitlichen Schultern des Gegenübers streifen, gleich wieder zurückflippt. Nein, es ist veritable Verschlungenheit. Lauras blonde Locken, in Bewegung geraten, geben den vertrauten Odeur ihres Stamm-Shampoos frei, offenbar hat sie ihre langen Haare für das Wiedersehen extra gewaschen (gutes Zeichen). Bens Nase jedenfalls ist zufrieden gebettet im unübersichtlichen Gewuschel. Einzelne Strähnen lösen sich aus der Wolke, streichen über die Flügel und bahnen sich ihren Weg bis zu seinen Augen, in denen ihr Stich leicht brennt wie bei einer milden Zwiebel. Laura registriert seine geringere Bauchmasse zugunsten oberer Bereiche, verbeißt sich aber einen Kommentar. Sie kennt ihren eitlen Pappenheimer, das will er ja nur, und genau den Gefallen wird sie ihm nicht tun, damit er sich ein wenig ärgert. Sie ist sicher: Wenn sie es nicht anspricht, wird er es tun. Das hält er nicht aus, er muss einfach ein bisschen angeben.

Laura löst die Verbindung mit sanfter Eile. »Na, wie geht’s denn, alles klar bei dir?«

»Bei mir ist immer alles oberklar. Und selbst?«

»Logisch!«

Ihr letztes richtiges Gespräch liegt über zehn Jahre zurück. Anschließend gab es die üblichen schnellen Grüße zum Geburtstag per Textnachricht, doch eigentlich bestand kein Kontakt, und entsprechend fremd sind sie einander geworden. Die Basis ihrer Vertrautheit ist noch da, aber der Überbau fehlt. Das will Ben zügig ändern.

»Wollen wir direkt am Wasser entlang?«, schlägt Laura vor. Spazierengehen ist besser, als sich in einem Café oder Restaurant gemeinsam an einen Tisch zu setzen, findet Ben. Wenn Schweigen entsteht, ist es nicht nervtötend, es gibt keinen Zwang zum ständigen Blickkontakt und es schälen sich in der wechselnden Umgebung immer wieder Sub- und Objekte heraus, über die man notfalls spricht. Außerdem kommt man sich schneller näher … Er ist schon wieder im Date-Modus, dabei soll er sich doch auf den Mord fokussieren! Wie hieß der Tote nochmal?

Laura Freese entschied sich nach dem Schulabschluss, fortan für Recht und Ordnung zu sorgen, und so bewarb sie sich bei der Polizei. Für den Aufnahmetest musste sie reinhauen, die Sportlichste war sie nämlich nicht, aber dennoch sportlicher als Ben, der sich damals praktisch gar nicht bewegte, abgesehen vom Crossgolf, für das die Kumpels sich zu siebt in nächtlichen Aktionen auf dem nahe gelegenen Golfplatz mit Bällen eindeckten, die sie tüten- und rucksackweise vom Areal wegschafften. Lauras Berufswahl hatte befremdet. Die Clique war anders geschient und einige befiel danach ein latentes Maulwurfs-Gefühl, sodass sie vorsichtiger wurden bei dem, was sie Laura erzählten.

Verkrampfungen von gestern, alles vergessen, Schwamm drüber. Heute ermittelt Laura im Fall Markus Voss und Ben will sie ausquetschen.

Also, quetsch los!

Nein, das ist unhöflich, und Ben will jetzt erst einmal wissen, was in Lauras Leben stattfindet. Immerhin: Sie stürmen auf die vierzig zu, da ist man der fünfzig seit einigen Jahren näher als dem Abitur, paar Pflöcke sind in den Boden gerammt und die meisten haben auch schon eins auf die Nuss bekommen.

Sie setzen sich in Bewegung an diesem verhangenen Oktobernachmittag, der ununterbrochen damit droht, einen Schauer auf sie niederprasseln oder ihnen Tröpfchen in ihre Gesichter nieseln zu lassen beziehungsweise, von Böen beschleunigt, zu sprühen. Sie sind trotzdem heiter. Wenn alles lange genug grau ist, ist gar nichts mehr grau. Das Triste fällt nicht auf, weil das Kontrast-Element vergessen wurde.

»Wie machen wir es denn, sollen wir das Eckdaten-Update einfach jetzt gleich durchhecheln?«, zeigt sich Ben progressiv.

»Schieß du zuerst.«

»Keine Ehe, keine Kinder, kein Haus, Journalist in Hamburg.«

»Verheiratet, siebenjähriger Sohn, Eigenheim, Hauptkommissarin.«

»Mit Thomas?«

»Mit Thomas.«

»Danke, jeglicher Wissendrang wurde befriedigt.«

»Nicht ganz! Single?«

»Ja.«

»Lange oder frisch?«

»Frisch. Ich habe noch versucht, die Probleme wie ein moderner Mann zu lösen, und ihr mit Paartherapie gedroht. Hat nix genützt.«

»Du hast alles gegeben. Mehr, als seinen Partner zu bedrohen, kann man nicht tun – aber das war übertrieben. Statt mit Paartherapie hättest du mit etwas Harmloserem beginnen sollen. Waterboarding oder so.«

Ben führt die die Spitzen seiner drei mittleren Finger zur Stirn und schwenkt sie zurück. »Vollkommen korrekt! Kommen wir jetzt mal zu den anderen Heinis.«

Und sie tauschen sich aus zu ihren damaligen Jahrgangsgenossen.

Laura gehört zu den wenigen, die in der Region geblieben sind, nicht ungewöhnlich bei einer Tätigkeit im Öffentlichen Dienst. Für sie ist Verden bis heute Heimat und täglicher Wirkungsort. Für die Weggezogenen ist eigentlich nur Weihnachten ein Quasi-Pflichttermin und doch durchkreuzen selbst diesen ab dreißig immer wieder andere Aufgaben. Es mögen die Arbeit oder die Schwiegereltern sein, die naturgemäß woanders leben und ebenfalls besucht werden wollen.

Warum naturgemäß? Es ist die klassische Erfahrung der Gymnasiasten vom Land: Nach dem Abitur studieren sie fern von zu Hause, und wenn man mit zwanzig erst einmal weg ist, kann man sich eine anschließende Tätigkeit beinahe überall vorstellen. Sich früh herausreißen, bevor die Phase des Verwurzelns beginnt, das öffnet die Räume. So wild, wie sie in ihren Zwanzigern umherziehen, sind sie danach nie wieder. Wohnorte wechseln und weite Reisen werden unternommen oder gleich ein Auslandssemester eingeschoben.

Irgendwo auf diesem Ritt treffen sich dann zwei Nomaden, die aufeinander zukünftig nicht mehr verzichten wollen, etwa der eine von der Küste, der andere vom Berg. Unverhofft findet man sich wieder an einem Fleck, den beide noch nicht kennen, und macht die interessante Erfahrung, dass sich Heimat verändern kann. Trotzdem bleiben die jeweiligen Familien im Ursprungsgebiet ein Anker, und an den besinnlichen Tagen ist es für die Verliebten und Verehelichten, gerade mit kleinen Kindern, häufig ein Sich-Zerreißen. Dann schweifen sie wieder umher, deutlich gestresster als früher, oder wechseln im Jahresturnus ab, was beide Großelternpaare unbefriedigt lässt. Und die Freunde will man ja auch noch sehen. Ende November oder Anfang Dezember die routinierte Frage dazu: »Bist du Weihnachten im Lande?« Genau so, original bei »Land« mit Dativ-E, das sonst wegen seiner als übertrieben empfundenen pathetischen Feierlichkeit vermieden wird.

»Wie nennt man einen professionellen Reiter bei Pferderennen, der andere verächtlich macht und dabei Musik spielt?«

Laura kennt das von ihm, diese unvermittelten Wortwitze von fragwürdiger Qualität. »Na?«

»Diss-Jockey.«

»Ach, du Scheiße!«

Sie gehen ein Stück weiter.

»So, und du bist hier, weil du was über den Tod von Markus Voss schreiben sollst?«, lenkt Laura das Gespräch auf den Anlass ihrer Verabredung. »Sagen darf ich dir dazu gar nichts.«

»Vielleicht habe aber ich interessante Infos für euch. Für einen banalen Provinzmord würde sich mein Blatt jedenfalls nicht so sehr interessieren, dass mich die Chefredaktion zur langen Vor-Ort-Recherche abkommandiert.«

Laura stutzt. Eröffnet sich gerade die Chance auf eine neue Spur? »Welche Informationen sind das?«

»Du hältst mich auf dem Laufenden über eure Ermittlungen. Ich erfahre, mit wem ihr sprecht und warum. Alles, was ihr wisst.«

Sie zögert.

»Du genießt absoluten Quellenschutz. Wir haben solche Dinge professionalisiert und halten dicht.«

»Was weißt du?«

»Deal? Ich will es von dir hören.«

» Ja. Deal.«, antwortet Laura zerknirscht. Sie willigt hastig ein und wendet sich ruckartig von Ben ab, schweift über den Fluss und die Felder in die Weite, als könnte sie sich so entziehen und Distanz zu dem gewinnen, was sie gerade tut. Als wäre es dann weniger real, so wie manche Menschen beim Einkaufen im Supermarkt gesundes Zeug in den Wagen legen und kurz vor der Kasse, eingebogen in den Gang mit den etwas zu leckeren Sachen, salamanderzungenschnell nach Süßem schnappen und es nebenbei zu den anderen Waren werfen, als ob die Kalorien in Schokolade, Chips und Keksen dadurch nicht zählen würden.

Dann findet Laura sich wieder. Wozu das innere Theater der Selbstkasteiung?, denkt sie, ich kann Ben über den Stand der Ermittlungen doch einfach anlügen und ihm etwas verheimlichen, wann immer ich will.

»Aber es darf absolut nichts zu mir zurückführen, auch nicht im Artikel. Den Text müssen wir unbedingt vorher abstimmen. Und keine Mails! Jetzt will ich ein Ja von dir hören.«

»Okay.«

»Dann sag an, was ihr gefunden habt.«

Laura ahnt, dass die Polizei selbst auf die Info von Ben stoßen würde. Andererseits kann es echte Vorteile bringen, etwas Wichtiges früher zu wissen, und sie vertraut Ben, fühlt sich auch verbunden mit ihm, trotz allem, was war. Naja, und sie ist notorisch neugierig. Der blöde Penner hat mal wieder die richtigen Knöpfe gedrückt.

»Also«, beginnt Ben, »wir recherchieren gerade im Hamburger Kriminellenmilieu über eine größere Geschichte und dort tauchte vor Kurzem der Name Markus Voss auf. Nur am Rande, muss ich zugeben. Aber sein Tod macht die Sache interessant.«

»Was genau habt ihr denn?«

Ben lässt ihre Frage einen Moment lang unbeantwortet. »Wir haben ein paar Chatnachrichten bekommen. Die sind zwar codiert, aber wir konnten einiges entziffern. Dort stand Voss’ Name, zwischen vielen anderen, wohlgemerkt, allerdings so, dass es für uns relevant wurde. Außerdem gibt es einen Bewegungsdatensatz von jemandem, der zumindest mal vor seinem Antiquitätengeschäft und an seinem Wohnhaus in Verden war. Hat sich dort sogar eine Weile aufgehalten.«

Laura stutzt. »Interessant. Ihr denkt also, dass dieser jemand ihn nicht nur flüchtig kannte?«

Ben genießt den Moment des Wissensvorsprungs. »Sagen wir, da scheint es Berührungspunkte gegeben zu haben, auch wenn sie in den Chats ziemlich uneindeutig bleiben. In Kombination mit den Bewegungsdaten könnte das ein Hinweis sein, dass Voss zumindest indirekt in dieser Sache steckte – oder irgendeine Verbindung zu einem von denen hatte.«

Sie wiegt den Kopf. »Und wie verlässlich ist diese Information? Verschlüsselte Chats sind das eine, aber wenn ihr Bewegungsprofile habt.«

»Das Magazin hat einiges zusammengepuzzelt, nichts Bahnbrechendes. Aber die Chefredaktion findet, dass Voss auf einmal spannende Lücken in ein paar ihrer bisherigen Thesen reißt. Wäre doch schade, wenn ich dir damit zuvorkommen würde.«

Laura schnaubt. »Ich komm DIR gleich mal zuvor und reiß dir ein paar Lücken. Wehe, du stellst es so dar, als wüsste die Polizei nichts oder ich würde dir hier irgendeine Sonderbehandlung gewähren.«

Ben hebt die Hände. »Ich wäre verrückt, meine Quelle zu gefährden. Und das hier, Laura … das bleibt ganz zwischen uns.«

»Dann jetzt mal her mit den Namen.«

Ben nennt ihr zwei Personen, die sie sich gleich notiert, und gibt ihr auch ein paar Hinweise zu deren Umfeld.

Die beiden sind bereits weit vorangekommen.

»Na, weißt du noch?«, fragt Laura, auf eine Sitzbank deutend, die sie gerade passieren.

Ben überlegt. »Nee. Was war da los?«

»Wir haben dort mit mehreren aus der Clique in einer Freistunde rumgehangen und du hast mit deiner kurzen Taschen-Bong einen durchgezogen.«

Es fällt ihm wieder ein. »Und dann kam sozusagen ein früherer Kollege von dir, ein Berufsvorfahr, hier den Weg entlang. Völlig absurd, warum läuft der an der Aller rum?«

»Ich hatte plötzlich Panik. Klar, die haben das damals auch schon liberal behandelt in Niedersachsen und du hattest nur geringe Mengen dabei. Aber man weiß ja nie und ich hätte es nicht gebraucht, dass der Bulle jetzt rumzickt wie der Papst im Puff«, erinnert sich Laura.

»Ja, meine Mengen waren gering. Zum Glück haben die nie was von Yannick mitbekommen. Der hat ja jedes Jahr Erntefest gefeiert. Hat uns da eingeladen und einfach mal 100 Gramm als Geschenk in die Runde geschmissen.«

»Die Pflanzen standen auf dem Bauernhof seiner Eltern, oder wie war das?«

»Ja, bis sie von Dieben abgeräumt wurden. War ein richtiges Feld mit hohen Biestern. Viel Liebe reingesteckt. Tat mir leid für ihn. Aber bis dahin hatte er sich ja schon dick was verdient. Wie ging es damals eigentlich weiter mit dem Schutzmann?«

Laura erinnert sich ganz genau. »Du hast erschrocken deine Pfeife geleert und in die große Hosentasche gefriemelt. Der Beamte kam, hielt an und fragte uns launig: ›Na, seid ihr am Kiffen?‹ Und weißt du, was du, bleicher als der Voss heute, geantwortet hast?«

»Irgendwas Smartes?«

»Fast. Um seinen Verdacht zu zerstreuen, hieltest du es für schlau, ihn in der Sache zu beschwichtigen: ›Aber Herr Wachtmeister, doch nicht in der Schule!‹ Es war Vormittag und hier direkt hinter uns ist ja das DoG.«

»Breiterstadt Verden.«

Die Schüler des Domgymnasiums haben keine Zeit, den episch langen Namen ihrer Lehranstalt auszusprechen, deshalb heißt die Institution kurz DoG, was die Abiturienten bei ihrem Abschluss regelmäßig wortspielerisch aufnehmen und bildlich unterstreichen. Ein riesiges Plakat dazu ist aufmerksamkeitsstark an der Außenmauer befestigt. Bei Laura und Ben war es »Wir haben abgeDoGt!«, illustriert mit einem Schiff. Andere Jahrgänge mochten es zünftiger, etwa »We did it doggy style!«. Wie stark das dazugehörige Plakat, das eine Text-Bild-Schere geflissentlich vermied, die Schulleitung amüsierte, ist nicht überliefert.

Die Schule unterhält eine Ruder-AG, die über einen sehr großen Steg in der Aller verfügt, an dem die beiden jetzt angelangt sind. Hier fand unter anderem das Grillen und Trinken vor der Domweih statt, Verdens jährlichem Spektakel. Der gesamte Steg war voll mit Schülern, tauchte tief ins Wasser. Sonne, Musik, gemütliches Zusammenhocken, das lediglich gestört wurde, wenn man vom hinteren Ende aufsprang ob des Harndrangs, sich schwankend durch die Massen schlängelte, um sich in den Büschen zu erleichtern.

Ben wählte auch einmal diese AG. Mit den schmalen, roten Einer-Booten war das Kentern gängig. Hauptsorge des Lehrers dabei: dass der lose Sitz, der sich auf einer Schiene bewegte, nicht verlorenging. Für den in der kühlen, schnellen Strömung in seinen Klamotten strampelnden und das Boot mühsam bugsierenden Schüler hatte er von seinem trockenen Motorboot aus viel Lebensweisheit übrig: »Bleib locker, das Wasser kommt nur bis auf die Haut und das meiste fließt vorbei!«

Ben legt seinen Kopf in den Nacken, um das aktuelle Plakat zu studieren. »Eben war ich 18, dann habe ich geblinzelt und wurde 38. Ein paar Mal noch und dann … Um die vierzig will man es noch einmal wissen. Besser so, als sich, im Gegenteil, aufzugeben. Lieber einen rührenden Anblick bieten als einen traurigen.«

»Fast alle Lehrer, die uns in der Schule unterrichteten, sind pensioniert oder kurz davor, manche tot«, sagt Laura. »Damals standen sie mitten im erwerbsfähigen Alter, befanden sich auf ihrer Laufbahn, wollten in Einzelfällen noch etwas werden. Wir, ihre Schüler, waren die Aufsteigenden, Nachwachsenden, Erblühenden. Jetzt werden wir sie.«

Sie kehren zur Innenstadt zurück.

»Ach, die beiden ollen Gäule.« Laura zeigt auf zwei Fohlen-Skulpturen aus Bronze, die in der Fußgängerzone stehen.

»Die Viecher bin ich schon oft geritten, erst als Kind und später als besoffener Oberstufenschüler.«

»Neulich wollte die jemand zocken. Ist ziemlich rabiat zu Werke gegangen. Musste aber unverrichteter Dinge verschwinden. Danach war eines der beiden in Reparatur. Das haben sie gleich gepimpt, sodass es besser standhält.«

»Wären die mal auf mich zugekommen, ich kann störrische Wildpferde zähmen. Weißt du ja!« Ben grinst wie ein zwölfjähriger Macho.

»Hättste gerne.«

Weiter geht es bis zum Rathaus, an das sich eine markante Erinnerung knüpft.

Ben öffnete damals die Tür des Gebäudes und die meisten Karnelval-Besoffskis aus seinem Jahrgang steuerten den Sitzungssaal an, um diesen zu besetzen. Nach kurzem Pausieren folgte ein Marsch durch die Institution, um den Bürgermeister zu besuchen. Benni war als Golfer verkleidet und nahm die Gelegenheit wahr, auf den Gängen sein Handicap zu verbessern.

Auf dem Rückweg passierten sie Verdens Justizvollzuganstalt. Da wollte Ben auch hineingehen und für Stimmung sorgen, aber niemand folgte ihm. Ganz alleine stand er vor dem Tor. »Abi 2004 – Wir kommen nach!«, schrie er mehrfach, bevor er sich erschöpft auf den Rückweg machte.

Schließlich entscheiden sie sich für ein Lokal.

»Was die italienischen Dörfer den deutschen voraushaben, ist ihre größere Chance, durch Bücher, Filme und Musik international berühmt zu werden«, sagt Ben mit einem Hinweis auf den Namen des von ihnen gewählten Restaurants.

Laura recherchiert. Hatte Ben auch getan, natürlich hat er solches Wissen nicht parat. »Stimmt. Und mit einem gewissen Recht. Ich sehe gerade: Portofino war früher ungefähr die Hälfte von Hassel und ist heute ein Bruchteil, bezogen auf die Einwohner. Aber wenn man seinen Lebensmittelpunkt wählen müsste …«

»Vorbildlich an Italien ist außerdem, dass sich dort auch Männer gut kleiden dürfen.«

»Ja, hier will ja jeder immer ganz natürlich er selbst sein, bloß keinen Aufwand treiben, sich nicht so ausstellen, Hauptsache bequem. Aber Authentizität ist oft ein ästhetisches Problem.«

Ben hebt seinen rechten Unterarm, reckt seinen Zeigefinger