Flammenküste - Birgit Böckli - E-Book

Flammenküste E-Book

Birgit Böckli

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Seit einiger Zeit kommt es auf Spiekeroog immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen und Vandalismus. Hat der Sohn einer neu zugezogenen Familie, der angeblich eine kriminelle Vergangenheit hat, etwas damit zu tun? Kommissar Berg aus Berlin, der auch nach Jahren auf der Insel noch um die Anerkennung der Bewohner kämpft, versucht zusammen mit seiner Kollegin Freda Althuis, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Doch noch ehe ihnen das gelingt, wird die Insel von einem weiteren Verbrechen heimgesucht, und diesmal geht es um Leben und Tod. Begeisterte Leserstimmen: »...unterhaltsame Lesestunden mit sympathischen Ermittlern und gut ausgearbeiteten Figuren.« »...die beschriebene Stimmung ließ bei mir als Leser das Gefühl aufkommen, dass es unterschwellig rumorte und jeden Moment ein Ausbruch folgen könnte.« Von Birgit Böckli sind außerdem bei Knaur eBook folgende Titel bereits erschienen: »Friesensturm« und »Leise lauert der Tod«.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 342

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Birgit Böckli

Flammenküste

Ein Friesland-Krimi

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Seit einiger Zeit kommt es auf Spiekeroog immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen und Vandalismus. Hat der Sohn einer neu zugezogenen Familie, der angeblich eine kriminelle Vergangenheit hat, etwas damit zu tun? Hauptkommissar Berg, der vor einigen Jahren aus Berlin auf die Insel gezogen ist, versucht zusammen mit seiner Kollegin Freda Althuis, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Doch noch ehe ihnen das gelingt, wird die Insel von einem weiteren Verbrechen heimgesucht, und diesmal geht es um Leben und Tod.

Inhaltsübersicht

Prolog

Samstag, 13. Oktober

Samstag, 13. Oktober, nachmittags

Samstag, 13. Oktober, später Nachmittag

Montag, 15. Oktober

Montag, 15. Oktober, abends

Mittwoch, 17. Oktober

Mittwoch, 17. Oktober, mittags

Mittwoch, 17. Oktober, nachmittags

Donnerstag, 18. Oktober, nachmittags

Freitag, 19. Oktober

Freitag, 19. Oktober, abends

Samstag, 20. Oktober

Sonntag, 21. Oktober

Sonntag, 21. Oktober, mittags

Montag, 22. Oktober

Montag, 22. Oktober, vormittags

Dienstag, 23. Oktober

Dienstag, 23. Oktober, mittags

Mittwoch, 24. Oktober

Mittwoch, 24. Oktober, mittags

Mittwoch, 24. Oktober, abends

Mittwoch, 24. Oktober, später Abend

Donnerstag, 25. Oktober

Donnerstag, 25. Oktober, vormittags

Freitag, 26. Oktober

Freitag, 26. Oktober, vormittags

Freitag, 26. Oktober, abends

Samstag, 27. Oktober

Montag, 29. Oktober, mittags

Montag, 29. Oktober, 15:00 Uhr

Montag, 29. Oktober, 16:10 Uhr

Montag, 29. Oktober, 16:40 Uhr

Montag, 29. Oktober, 17:10 Uhr

Montag, 29. Oktober, 17:35 Uhr

Montag, 29. Oktober, 18:15 Uhr

Montag, 29. Oktober, 18:55 Uhr

Montag, 29. Oktober, 19:35 Uhr

Montag, 29. Oktober, 20:15 Uhr

Montag, 29. Oktober, 20:55 Uhr

Montag, 29. Oktober, 21:20 Uhr

Sonntag, 11. November

Montag, 12. November

Prolog

Silvester, war sein erster Gedanke. Sollte nicht bald Silvester sein? Oder war das auch schon wieder vorbei? Nur mühsam gelang es ihm, die verklebten Augen zu öffnen. Einen Moment lang glaubte er, noch zu träumen; er war wieder jung und wirbelte mit Anna auf der Wiese im Schlosspark herum. Wild waren sie gewesen, wild und lebendig. Bevor sich das wunderschöne Mädchen, in das er sich verliebt hatte, in eine graue Maus verwandelt hatte. War es vielleicht seine Schuld, dass alles so den Bach runterging?

Noch einmal startete er einen Versuch, hob ein steifes Bein in die Höhe. Quälend langsam rutschte die Bettdecke nach unten.

Da war es wieder, dieses Geräusch, es klang jetzt viel näher. Konnten diese Idioten nicht einmal nachts Ruhe geben?

»Prost Neujahr!«, brüllte er in das Prasseln hinein. »Auf ein weiteres beschissenes Jahr, ihr Säcke!«

Der Husten schüttelte ihn. Irgendwo musste die Bierflasche stehen. Nur einen Schluck, dann würde es besser werden. Aber wo war nur die verdammte Flasche? Wieder ein Hustenanfall. Vielleicht war es gar nicht der Alkohol, vielleicht wurde er ernsthaft krank. Wäre ja auch kein Wunder bei diesem lausigen Fraß, den sie ihm jeden Tag auftischte. Nur die Gören zählten, nur die. Wen interessierte schon, was aus ihm wurde? In Gedanken sah er Anna vor sich, das, was von ihr übrig war nach all den Jahren. Er konnte sie hinter seinem Rücken tuscheln hören. »Wenn er nicht so viel saufen würde, hätte er längst eine Arbeit finden können.« Er spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. Was konnte er dafür, dass ihm keiner eine Chance geben wollte? Überall saßen sie in ihren feinen Anzügen auf dämlichen Bürostühlen und grinsten ihn traurig an, als hätten sie jemals vorgehabt, ihn überhaupt anzuhören. Alle waren gegen ihn, und seine Frau war am schlimmsten. Er konnte ihre Verachtung riechen, selbst wenn sie mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand. Er war viel zu nachsichtig mit ihr gewesen, das wurde ihm jetzt klar. In Zukunft würde er andere Saiten aufziehen.

Seine Augen begannen zu brennen, zu tränen, ganz sicher war er krank. Keinen klaren Gedanken konnte er fassen. Und dieser verdammte Krach da draußen!

Aber es kam gar nicht von draußen, plötzlich war er sich sicher, dass es direkt aus dem Wohnzimmer kam. Hatte sie heimlich einen fremden Kerl in die Wohnung geschleppt, dieses Flittchen? Zuzutrauen wäre es ihr. Immerhin, das Mädchen sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Sollte einem Mann so etwas vielleicht nicht zu denken geben? Keuchend kam er auf die Füße, schleppte sich wankend am Bettrand entlang. Was war da los? Und wo zum Teufel steckte seine Frau, diese Schlampe? Wenn er die zu fassen bekam …

Erst jetzt bemerkte er den Rauch, der kaum sichtbar unter dem Türschlitz zu ihm hereinkroch. Wie feine Nebelschwaden sah es aus.

»Feuer! Hier brennt’s!« Seine Stimme versagte, ein neuer Hustenanfall schüttelte ihn. Er musste hier raus! Mit halb geschlossenen Augen sah er das Flackern unter der Tür. Die Klinke war unerträglich heiß. Mit zittrigen Fingern zog er seine Schlafanzugjacke über die Hand, das glühende Metall schmerzte dennoch unerträglich. Immer wieder zog er die Finger zurück, rieb sich die pochende Handfläche. Das war alles nur ihre Schuld, anscheinend hatte er sie in letzter Zeit zu sanft angefasst. Aber das würde sich ändern. Wenn er hier rauskam, dann würde er …

Ihm blieb keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Ein letztes Mal umschloss er die heiße Klinke, drückte trotz der anschwellenden Schmerzen das Metall herunter und riss die Tür auf.

Vor ihm öffnete die Hölle ihre Pforten.

Samstag, 13. Oktober

Die Bank war hart und ungemütlich, die kleine Kapelle in ein schummriges Nachmittagslicht getaucht. Berg überlegte zum wiederholten Male, warum er sich von Erik Johanssen hatte breitschlagen lassen, überhaupt mitzukommen. Er kannte diese Leute doch gar nicht. Seine Kollegin Freda Althuis saß mit versteinerter Miene neben ihm und blätterte hin und wieder in dem kleinen Gesangbuch. Außer Johanssen, der mit ehrfurchtsvollem Schweigen links von ihm saß, einem älteren Ehepaar und der jungen Frau mit dem kleinen Mädchen war nur noch der Pastor anwesend. Und der Tote natürlich.

Mit einem Kloß im Hals betrachtete Thomas Berg den blumengeschmückten Sarg. Nachdem der Trauermarsch vom Band verklungen war und der Pastor ein letztes Mal die Stimme zum Gebet erhoben hatte, erschienen am Seiteneingang die beiden Angestellten des kleinen Friedhofs, um den Sarg vorsichtig hinauszubefördern. Schweigend und in gebührendem Abstand folgten sie ihnen ins Freie.

»Sieht schwer nach Regen aus«, bemerkte Althuis im Flüsterton, während sie den Weg an den Gräbern entlanggingen. Sie machte seltsame kleine Trippelschritte, was vermutlich an ihren neuen Schuhen lag.

Berg nickte. Es war ihm egal, wie der Himmel aussah, er wollte nur so schnell wie möglich wieder von hier verschwinden. Beerdigungen waren noch nie sein Ding gewesen, ebenso wenig wie Krankenbesuche, sie machten ihm Angst. Aber welcher erwachsene Mann würde so etwas gerne zugeben?

Vom Rest der Feier bekam er kaum etwas mit. Johanssen versperrte ihm mit seiner riesigen Gestalt die Sicht, doch an diesem Tag war Berg ihm regelrecht dankbar dafür. Er wollte nicht sehen, wie der Sarg in die Erde gelassen wurde. Seit dem Tod seiner Schwester war er allen Begräbnissen aus dem Weg gegangen.

Althuis holte ihn zurück in die Gegenwart. »Mach schon«, drängte sie ihn in Richtung Johanssen, der bereits am Fußende des offenen Grabes stand und die Schaufel noch in der Hand hielt. Widerwillig schritt Berg vorwärts und tat schließlich, wozu er aufgefordert worden war. Er war froh, als er das Werkzeug an Althuis weitergeben konnte.

Die älteren Leute unterhielten sich inzwischen am Rande der Wiese leise mit den beiden Friedhofsangestellten. Und die Frau mit dem kleinen Mädchen war ein Stück zurückgetreten; sie sah aus, als würde sie überhaupt nicht dazugehören. Berg betrachtete die schmale Silhouette, die sich nur schwach unter dem dicken, schwarzen Mantel abzeichnete. Das rotblonde Haar der Frau war zu einem lockeren Knoten aufgesteckt. Die Kleine trug ein dunkelblaues Kleidchen, das eigentlich zu dünn für diese Jahreszeit war, schien aber dennoch nicht zu frieren. Sie klammerte sich an das Bein ihrer Mutter, als wollte sie sie nie mehr loslassen.

Berg rieb sich die Stirn und sah sich nach Wieland um, der nun offenbar zu einem letzten Gebet anhob. Die geflüsterten Gespräche verstummten, die Menschen sahen stumm zu Boden.

Endlich löste sich die kleine Gemeinschaft vom Rand der Grube. Der Pastor trat auf die junge Frau mit dem Kind zu, offenbar die einzigen Verwandten des alten Onno, die zum Begräbnis gekommen waren.

»Werden Sie zurechtkommen?« Wieland beugte sich ein Stück nach vorne, um dem kleinen Mädchen über die Haare zu streichen. »Wenn Sie etwas brauchen, Sie können mich jederzeit im Gemeindehaus erreichen.«

Eigentlich lag es nicht einmal an Kerstins Tod, überlegte Berg. Bereits vor der Beerdigung seiner Schwester hatte er Friedhöfe gemieden. Sie verursachten ein seltsames Unbehagen, das ihm durch Mark und Bein ging. Allein der Gedanke, älter und eines Tages gebrechlich zu werden, machte ihn unruhig, deshalb verscheuchte er ihn sofort wieder.

»Das ist aber nicht der gewöhnliche Pastor«, flüsterte er seiner Kollegin zu.

Althuis betrachtete ihn mit diesem typischen Blick, der ihm sagte, dass er mal wieder etwas nicht mitbekommen hatte. »Das ist der neue Pastor der Freien Christengemeinde. Wurde doch im Inselboten vor einiger Zeit ausführlich vorgestellt. Sollte vielleicht auch mal reinschauen in die Zeitung, der Herr Hauptkommissar.«

»Ja, richtig.« Berg erinnerte sich dunkel, etwas darüber gelesen zu haben. Verlegen zuckte er die Schultern. Er hatte öfter das Gefühl, dass ihm seine Kollegin ständig einen Schritt voraus war, andererseits konnte er ihr daraus keinen Vorwurf machen. Er war gerne hier auf der Insel, er mochte die Menschen, ihre ruhige, pragmatische Art. Aber an Politik und Wirtschaft hatte er kein Interesse. Zeitungen überflog er meist nur oberflächlich. Das war schon immer so gewesen.

Althuis warf ihm einen tadelnden Blick zu. Scheinbar gab es noch mehr, das er nicht wusste. »Onno ist erst vor ein paar Monaten konvertiert. Die haben überhaupt regen Zulauf im Moment.« Sie kicherte vor sich hin. »Was immer das auf einer Insel mit achthundert Seelen auch heißen mag. Aber predigen kann der. Solltest du dir auch mal anhören.«

Berg blickte zu dem offenen Grab hinüber, in dem der alte Gastwirt vom Anker nun seine letzte Ruhe gefunden hatte. Nachdenklich sah er zu, wie die Friedhofsangestellten damit begannen, das Grab zuzuschaufeln. Der alte Onno war ein Eigenbrötler gewesen, nicht unsympathisch, aber auch keiner, mit dem man sich näher anfreunden würde.

Die rotblonde Frau wandte sich zu Johanssen um. »Wenn Sie vielleicht noch mitkommen möchten, ich habe einen Apfelkuchen gebacken und …«

Den Rest verstand Berg nicht mehr, weil Althuis ihn unsanft am Ärmel zupfte.

»Wie bitte?«

»Wer ist das überhaupt?«, wiederholte die Hauptkommissarin leise ihre Frage und nickte zu der Hinterbliebenen mit dem Mädchen hinüber. »Ich meine, Apfelkuchen klingt gut, aber ich kenne die Frau überhaupt nicht.«

Berg zuckte die Schultern, er hatte keine Ahnung. Hatte Onno Kinder gehabt? Familie? Auf den Gedanken war er nie gekommen.

Ein paar Tropfen lösten sich aus der dichten Wolkendecke und fielen schwer zur Erde.

Berg spürte, wie sich jemand von hinten über seine Schulter beugte. Es war Johanssen, sein treuer Freund, der vom ersten Tag an auf dem kleinen Polizeirevier für Ordnung gesorgt hatte. Ihm zuliebe waren sie überhaupt zu dieser Beerdigung gegangen.

»Das ist die Anna«, erklärte er leise. »Onnos Tochter. Sie ist schon vor vielen Jahren aufs Festland gezogen, ich glaube, ins Ruhrgebiet. Wäre schon nett, wenn wir sie ein bisschen unterstützen könnten, sie war so lange nicht auf der Insel.« Er grinste und pustete Berg seinen heißen Atem ins Genick. »Apfelkuchen?«

Berg machte einen hektischen Schritt zur Seite und rieb sich den Nacken. War für solche Anlässe nicht der Pastor zuständig? »Muss das sein?«, fragte er.

Johanssens Gesichtsausdruck sprach Bände. »Es muss natürlich nicht, aber …« Den Rest sparte er sich geflissentlich.

Berg seufzte. Er sah Althuis an, die im Gegensatz zu ihm kein bisschen genervt wirkte. »Und wenn inzwischen jemand auf dem Revier anruft?«, fragte er hoffnungsvoll.

Die Hauptkommissarin hob die Handflächen zum Himmel. Anschließend pochte sie mit dem Zeigefinger auf ihre Handtasche, in der sich ihr grellrosa Handy befand, dessen grauenhafter Klingelton bei allen Umstehenden für Zahnschmerzen sorgte. »Dann landet er genau hier«, behauptete Althuis nicht ohne Stolz in der Stimme.

Berg warf ihr einen skeptischen Blick zu. »Hast du das mit der Rufumleitung tatsächlich hingekriegt?« Er dachte an die letzten Tage zurück, als seine Kollegin mehrmals versucht hatte, die Einstellung vorzunehmen. Geklingelt hatte es zuerst überhaupt nicht mehr, dann auf allen Geräten gleichzeitig, und Althuis war zunehmend unleidiger geworden. Aber fremde Hilfe hatte sie nicht annehmen wollen.

»Na, das hoffe ich doch.« Sie verzog das Gesicht zu einem zufriedenen Lächeln. »Und jetzt sollten wir uns beeilen. Ich traue dem Wetter nicht.«

Samstag, 13. Oktober, nachmittags

Zumindest mit ihrer Ahnung, was das Wetter betraf, hatte Althuis recht gehabt. Sie schafften den kurzen Weg gerade noch rechtzeitig, bevor Petrus endgültig seine Schleusen öffnete.

Der Anker lag im östlichen Teil des Inseldörfchens. Nur wenige Wohnhäuser standen in der abgelegenen Straße nebeneinander, zwei davon mit Fremdenzimmern, wie die Schilder an den Gartentoren verkündeten. Die alte Gaststätte besaß keinen Vorgarten wie die übrigen Häuser, nur ein schmaler Rasenstreifen trennte die Hausmauer von der Straße. Ein wenig verwittert und trostlos erhob sich das zweistöckige Haus hinter einer fast kahlen Hecke, die hölzerne Eingangstür wurde von einem kleinen Vordach beschattet, das keinen besonders stabilen Eindruck erweckte.

Auf dem Weg dorthin versuchte Berg, Ähnlichkeiten zwischen Anna und ihrem Vater auszumachen, aber Onno war weder besonders schmal noch rothaarig gewesen. Im Grunde hatte er überhaupt keine Haare mehr gehabt. Berg blickte auf die Tafel vor dem Haus, auf der noch in der ungelenken Handschrift des Verstorbenen auf ein paar ortsübliche Gerichte hingewiesen wurde. Der Alte hatte seine Gaststube bis zuletzt weitergeführt, sein Tod war überraschend gekommen. Ein Herzanfall, hatte Johanssen gesagt.

Er dachte an den Poststapel, der im Büro auf ihn wartete. Eigentlich hätte er nichts lieber getan, als sich hinter seinem Schreibtisch zu verschanzen, doch dann bemerkte er Johanssens dankbaren Blick und bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Die kleine Familie Starnitzke hatte eine schwierige Zeit hinter sich und konnte sicherlich jede Unterstützung gut gebrauchen. Tatsächlich war außer ihnen niemand mitgekommen, nicht einmal Wieland, doch das war kein großer Verlust.

»Hat er aber ganz schön gemacht, die Beerdigung, findest du nicht?«, fragte Althuis, als könnte sie seine Gedanken lesen, während sie auf den Eingangsstufen stehen blieb.

Berg brummte irgendetwas und hielt seiner Kollegin die Tür auf. Er hatte den Pastor heute zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, aber sympathisch war ihm der Mann nicht, mochte er noch so hübsche Trauerreden halten. Wieland hatte etwas Herrisches an sich; ohne viele Worte machte er seinem Gegenüber innerhalb von Minuten klar, wer das Sagen hatte. Obwohl Berg sich schon oft vorgenommen hatte, Menschen nicht aufgrund ihrer äußeren Erscheinung zu beurteilen, bereitete ihm Wielands stechender Blick ein gewisses Unbehagen.

»Schon möglich«, sagte er und folgte den anderen in den Gastraum. Hier war offensichtlich eine Rundumerneuerung in ihren letzten Zügen. Drei Wände waren bereits frisch gestrichen, nur auf der rechten Seite des Raumes verrieten noch einzelne weiße Flecken, wo einmal Onnos Bilder und Trophäen gehangen hatten.

Ein kurzes Stück vor dem Tresen hielten sie an einer Sitzecke, und Anna, die die letzten Meter ihre Tochter auf dem Arm getragen hatte, setzte das Kind ab und machte eine einladende Geste. »Es ist noch nicht alles ganz so, wie es sein soll«, erklärte sie, und Berg glaubte trotz des Halbdunkels einen rötlichen Schimmer auf ihren Wangen zu erkennen. »Mein Vater ist anscheinend nicht mehr so gut zurechtgekommen in letzter Zeit.« Sie verstummte, blickte einen Moment zu Boden, als hätte sie plötzlich vergessen, dass außer ihr noch jemand da war, dann warf sie den Kopf zurück und lächelte ihre kleine Gesellschaft an. »Macht es euch bequem. Ich bin gleich zurück. Ich setze schon mal Teewasser auf. Oder möchte lieber jemand Kaffee?«

Widerwillig ließ sich Berg von Althuis in den hintersten Winkel der Eckbank drängen. Seine Kollegin trumpfte wie immer mit ihrer schwachen Blase auf und sicherte sich so den bequemeren Platz. Seufzend sah er aus dem Fenster in den Regen hinaus und überlegte, ob Anna ihm vielleicht einen Schirm leihen würde. Doch beim Blick auf die zierliche Linde dort, die vom Wind arg gerüttelt wurde, schüttelte er nur sachte den Kopf. Bei diesem Wetter würde ihm auch ein Regenschirm nicht viel nützen.

Mit einem Tablett kehrte Anna an den Tisch zurück und begann, Tee und Kaffee auszuschenken und den Kuchen zu verteilen. Berg musterte schweigend das riesige Stück, das ihn unverhohlen von seinem Teller aus anzulachen schien. In den zwei Jahren, seit er von Berlin hierher nach Spiekeroog gekommen war, hatte er über sechs Kilo an Gewicht zugelegt. Und auch wenn Althuis ihn noch immer als halbes Handtuch bezeichnete, die Größenvergleiche der Hauptkommissarin entsprachen einfach nicht seinem Maßstab.

Anna hatte neben Johanssen Platz genommen und stocherte wie ein Spatz an einem halben Stück Apfelkuchen herum, nippte schweigend an ihrer Tasse. Berg betrachtete die junge Frau verstohlen von der Seite, die etwas hagere Erscheinung, das leuchtende, leicht verstrubbelte Haar. In ihrem Gesicht mit den jugendlich glänzenden Augen entdeckte er einen herben Zug, der eigentlich eher zu einem älteren Menschen gepasst hätte. Das Mädchen, das auf den Namen Ria hörte, hatte sich in den hintersten Winkel des Gastraums zurückgezogen und wiegte in langsamen, regelmäßigen Bewegungen den Oberkörper vor und zurück.

Die Mutter schien seinen Blick verfolgt zu haben. Liebevoll betrachtete sie ihr Töchterchen und wandte sich dann ihren Gästen zu. »Sie war schon immer so. Die Ärzte meinen, es ist keine Krankheit, sie lebt einfach nur in ihrem eigenen Rhythmus.«

»Was denn?« Althuis schob ihre Tasse klirrend ein Stück zur Seite und sah die Kleine besorgt an. »Ist was nicht in Ordnung mit dem Kind?«

»Nein, nein.« Beinahe ängstlich hob die Frau die Arme, wie um ihre Tochter zu beschützen. »Ria ist einfach nur ein bisschen langsamer. Aber sie ist nicht dumm, sie kommt nächstes Jahr schon in die erste Klasse.«

Berg stutzte einen Moment. Er hatte das Alter des Mädchens auf drei oder vier Jahre geschätzt. Es wirkte so winzig und unglaublich zerbrechlich, wie eine kleine Blume, die leicht umknickte. Aber wie Freda Althuis ihm nur allzu gerne vorhielt: Was verstand er schon von Kindern?

Anna Starnitzke schien sich mit einem Mal unwohl zu fühlen. Sie erhob sich von ihrem Platz und begann, die ohnehin glänzende Spüle mit einem Lappen zu bearbeiten. »Ich habe wunderbare Kinder«, erklärte sie so leise, dass Berg nicht sicher war, ob sie nicht einfach mit sich selbst sprach.

»Kinder?«, hakte Althuis nach. »Haben Sie mehrere?«

»Ja, ich habe noch einen Sohn. Josua, er ist im Februar dreizehn geworden. Im Moment geht es ihm aber nicht so gut. Er hatte heute Morgen noch etwas Fieber, deshalb ist er auch nicht mit auf die Beerdigung gekommen.«

»Na, dann gute Besserung.« Die Hauptkommissarin verzog mitfühlend das Gesicht. »Werden Sie den Gasthof verkaufen?«

Johanssen, der bisher schweigend über seiner Tasse gebrütet hatte, schüttelte den Kopf. »Anna bleibt hier auf Spiekeroog, um den Anker zu übernehmen. Das wirst du doch, nicht wahr?« Er warf ihr einen fragenden Blick zu und blinzelte nervös.

Anna nickte ihm mit einem traurigen Lächeln zu. »Wir werden es jedenfalls versuchen.«

Althuis nickte interessiert. »Sie haben Ihren Vater wohl in letzter Zeit nicht mehr oft besucht, nicht wahr?«

Berg sah, wie Anna Starnitzke verlegen den Kopf zur Seite neigte, und musste sich zusammenreißen, um seiner Kollegin nicht unter dem Tisch einen Tritt zu verpassen.

Sogar Johanssen schien es ungemütlich zu werden. Er klapperte ungewöhnlich laut mit dem Besteck und hätte vor lauter Eifer beinahe den Tee verschüttet. Den Kopf hielt er stoisch gesenkt.

»Wir haben uns nicht sehr gut verstanden«, antwortete die junge Frau schließlich, und Tränen schimmerten in ihren Augen.

»Das tut mir leid«, sagte Berg leise. Es musste schlimm sein, zu spät zu kommen. Prompt fiel ihm der Brief seines Vaters ein, den er vor über zwei Wochen erhalten hatte, und er versuchte, rasch an etwas anderes zu denken.

»Und Ihr Mann?«

Berg holte tief Luft. An Althuis’ neugierige Fragen würde er sich wohl nie gewöhnen.

Doch Frau Starnitzke schien ihr das nicht übelzunehmen. »Ich bin verwitwet.«

»Oh, das tut mir leid«, erwiderte die Hauptkommissarin und betrachtete den kläglichen Rest ihres Apfelkuchens. »Ob ich wohl noch ein Stückchen haben könnte?«

»Immer die richtige Frage zur richtigen Zeit«, murmelte Berg vor sich hin. Dann hob er entschieden den Kopf. »Wenn ihr mich entschuldigen würdet, ich hab noch etwas im Büro zu erledigen.«

Althuis brummte irgendetwas, aber er gab sich keine Mühe, sie zu verstehen. Ja, seine Kollegin war eine Seele von Mensch, und er arbeitete gern mit ihr zusammen, aber es gab auch Tage, an denen er sie liebend gern auf den Mond geschossen hätte. Tage wie diesen zum Beispiel.

Berg quälte sich mühsam hinter Althuis aus der Eckbank heraus und machte einen Diener, der ihm im nächsten Moment schon wieder peinlich war. »Ich wünsche Ihnen alles Gute, Frau Starnitzke. Und wenn Sie mal Hilfe brauchen …« Er bemerkte, wie sie ihn freundlich anlächelte, ein bisschen traurig vielleicht. Verloren zwischen all den leeren Tischen und Stühlen. Aber was erwartete er auch? Er wusste nichts über diese Frau, nur, dass sie gerade ihren Vater zu Grabe getragen hatte. Berg warf ihr einen letzten Blick zu, der aufmunternd wirken sollte.

Dann verschwand er im Regen.

Samstag, 13. Oktober, später Nachmittag

Althuis erschien eine Dreiviertelstunde nach ihm auf dem Revier. Fluchend warf sie den eher nutzlosen Schirm zum Trocknen in die Ecke und setzte sich an ihren Schreibtisch.

»Noch was zu tun heute?«, erkundigte sich Berg, der gerade den letzten Stapel Blätter abgeheftet hatte.

Althuis starrte in den Regen hinaus. »Das sieht aus, als ob einer mit der Gießkanne auf dem Dach steht«, bemerkte sie, ohne auf seine Frage einzugehen.

Berg fragte sich, ob sie ihm überhaupt zugehört hatte. Manchmal waren sie nicht auf derselben Wellenlänge, doch das war kein Beinbruch. Er nahm seine Kollegin, wie sie war, und hoffte einfach, dass es ihr mit ihm genauso ging. Nachdem der alte Revierleiter die Insel verlassen hatte, hatten er und Althuis die Polizeiarbeit auf der Insel gemeinsam übernommen. Es mochte nicht üblich sein, zwei Hauptkommissare Seite an Seite auf einem so kleinen Revier anzutreffen, doch so war es vom Polizeipräsidenten persönlich gewünscht worden, nachdem vor zwei Jahren ein Mörder auf Spiekeroog sein Unwesen getrieben hatte. Heute hatte Berg ohnehin keine Kraft mehr, sich über Althuis aufzuregen. Er war müde, und das trübe Wetter der letzten Tage schlug ihm aufs Gemüt. Mit Grausen erinnerte er sich an seinen ersten Sommer auf der Insel, als der Regen über Wochen kein Ende genommen und ihre Ermittlungen immer wieder behindert hatte. Immerhin hatten sie dieses Jahr einen vernünftigen Sommer gehabt.

Während er sich in Erinnerungen erging, war Althuis aufgestanden. Mit gerupften Haaren stand sie vor dem Fenster und blickte nachdenklich auf den Wüppspoor hinaus.

Berg fuhr zusammen, als plötzlich der General vor seinen Füßen landete. Der kräftige, rotgetigerte Kater schien stets aus heiterem Himmel von irgendwo angeflogen zu kommen, meist von seinem Lieblingsplatz auf dem Aktenschrank. Maunzend begann er, um Bergs Beine herumzustreichen. Der wusste schon, was gleich kommen würde.

»Du armer Kerl«, säuselte Althuis und warf ihrem Kollegen einen anklagenden Blick zu. »Hat der böse Thomas dir noch nichts zu fressen gegeben?«

»Der ist fett genug, da kann er auch mal ein paar Minuten warten«, behauptete Berg, doch Althuis wollte davon nichts hören. Mit ausdrucksloser Miene machte sie sich daran, der Polizeikatze das Abendessen hinzustellen.

»Sag mal«, fragte sie anschließend und fummelte abwesend an der Gardine herum. »Was hältst du eigentlich von diesem Uhlen?«

Berg schaltete das Licht ein und legte den Kopf schief. Mit Musik hatte er weiß Gott nicht viel am Hut. »Der Schlagersänger? Scheint ja einen ganz schönen Wirbel zu veranstalten. Vor zwei Wochen hat er sich wieder mit einem Journalisten angelegt. Hast du das Foto gesehen, auf dem der Mann diesen riesigen Kopfverband trägt?« Er musste unwillkürlich lachen, obwohl der Fall ganz sicher nicht lustig war. Zumindest nicht für den Journalisten.

Althuis reagierte auch diesmal nicht auf seine Antwort. »Ich meinte, dass er herkommen will.«

»Was will er?«

»Mann!« Die Hauptkommissarin verdrehte die Augen. »Du bist mir ein schöner Inselpolizist. Das ganze Dorf redet von nichts anderem. Nächste Woche reist er an, der werte Herr. Samt Gemahlin und Anhang.«

»Wow.« Berg gab sich redlich Mühe, beeindruckt zu klingen. »Dieser Krawallheini? Für die Malediven hat das Geld wohl nicht mehr gereicht. Aber wenn ich ehrlich sein soll«, gab er etwas leiser zu, »ich kenne kein einziges Lied von dem.«

»Das wundert mich überhaupt nicht.« Mehr sagte sie nicht, aber es genügte, um Bergs Laune noch ein wenig zu verschlechtern. Sie schien heute mal wieder richtig in Fahrt zu sein.

Bevor er jedoch etwas erwidern konnte, fügte Althuis hinzu: »Das mit der Kirche war übrigens ernst gemeint.«

Berg unterdrückte einen Hustenanfall. Ihm gelang gerade noch ein besorgtes Stirnrunzeln. »Läufst du diesem Wieland jetzt auch hinterher, oder bist du unter die Heiligen gegangen? Wirklich, Freda, ich hab eine seiner Predigten im Internet gefunden. So wie der loswettert, ist das ein Fanatiker erster Güte. Und so was hier auf der Insel, das passt doch überhaupt nicht. Die Leute wollen hier Urlaub machen und sich nicht sagen lassen, dass sie später alle in der Hölle landen.«

»Trotzdem gibt es anscheinend genügend Leute, die ein bisschen Hölle zwischen Strand und Restaurant ganz gut verkraften können. Seit der hier seine Predigten schwingt, stehen die Leute sonntags vor dem Gemeindehaus Schlange. Ich wäre ja auch nie auf die Idee gekommen, dahin zu gehen, aber als Ordnungshüter muss man sich schließlich einen Überblick verschaffen.« Sie reckte ihm entschieden das Kinn entgegen und versuchte, streng auszusehen.

Berg musste lachen. Er legte den Ordner zur Seite und streckte die Beine aus, doch Althuis war schon wieder ernst geworden.

»Sag, was du willst«, fuhr sie mit gerunzelter Stirn fort, während sie begann, die Topfpflanze zu gießen, deren Namen keiner von ihnen behalten konnte. »Aber der Mann hat was. Der reißt die Leute mit. Die wollen so was hören.«

Als Johanssen das kleine Blätterbündel vor einem halben Jahr angeschleppt hatte, hatten sogar noch ein paar Knospen zwischen dem dunkelgrünen Laub hervorgelugt, inzwischen sah die ganze Pflanze recht kränklich aus.

»Wo hast du eigentlich Erik gelassen?«, erkundigte sich Berg nach dem Insulaner.

»Der hatte noch etwas zu erledigen.« Althuis schüttelte langsam den Kopf hin und her und sah ratlos zu ihm hinüber.

Sie schien dasselbe zu denken wie er. Natürlich war ihr Freund kein Polizist. Es war überhaupt nicht seine Aufgabe, hier auf dem Revier für Ordnung zu sorgen oder die Böden zu wischen. Niemand hatte ihn dazu aufgefordert, seit der alte Revierleiter Herrlich die Insel verlassen hatte, und niemand hatte das Recht dazu. Trotzdem war es für Berg und Althuis während all der Monate zu einem Teil ihres Arbeitslebens geworden, den gutmütigen Rentner beinahe täglich um sich zu haben. Es war weniger seine Hilfe als seine reine Anwesenheit, die dem kleinen Revier stets etwas Helles, Warmes verlieh, das sie nicht gerne missen wollten. Doch in letzter Zeit ließ Johanssen sich nur noch selten blicken, eine Tatsache, die Berg ein wenig wehmütig und auch hilflos zurückließ. Er hatte nie gewagt, Johanssen nach dem Grund zu fragen, denn das stand ihm nicht zu.

Schweigend spielte er mit einem Kugelschreiber und beobachtete Althuis, die ein paar welke Blätter vom Boden auflas. Dann erhob er sich vom Stuhl und machte sich auf die Suche nach seinem Schirm. Seit Johanssen hier nicht mehr so häufig nach dem Rechten sah, ließ auch die Ordnung hin und wieder zu wünschen übrig. Der Mythos von der Frau im Haus stieß bei Althuis auf taube Ohren. Tatsächlich fiel es ihr schwerer, ihre Unterlagen in Ordnung zu halten als Berg selbst. Nachdem er den Schirm endlich entdeckt hatte, verabschiedete er sich von seiner Kollegin.

Schon an der Eingangstür schlug ihm der Regen mit unerwarteter Kraft ins Gesicht. Am liebsten hätte er sofort wieder kehrtgemacht. Das kleine Mansardenzimmer bei den Petrells, das er anfangs als so bedrückend empfunden hatte, war für ihn mittlerweile zu einem Zuhause geworden. Doch an Tagen wie diesem beneidete er Althuis, die die Wohnung des ehemaligen Revierleiters Herrlich bezogen hatte. Für sie endete der Arbeitstag ganze vierzehn Stufen höher, ohne jeden Anfahrtsweg.

Mit zusammengekniffenen Augen ging er zu seinem Fahrrad. Fast drei Wochen hatte er warten müssen, bis das Gefährt es endlich bis auf die Insel geschafft hatte, und jetzt benutzte er es kaum noch. Die meisten seiner täglichen Wege waren einfach zu kurz. Mit dem Finger fuhr er über den vom Regen schmutzverkrusteten Rahmen. Irgendwann würde er sich einen ganzen Nachmittag Zeit nehmen, um das gute Stück ausgiebig zu putzen. Irgendwann, dachte er mit einem Anflug von Bitterkeit. Es wurden immer mehr Dinge, die er auf seiner geistigen Liste ganz nach hinten geschoben hatte, wie auch den Brief an seinen Vater. Disziplin hatte nie zu seinen Stärken gehört, und manchmal hatte er das Gefühl, dass es damit in den letzten Jahren nicht eben besser geworden war. Berg seufzte leise, legte kurz eine Hand auf den nassen Sattel, dann entschied er sich, zu Fuß zu gehen.

Montag, 15. Oktober

So sind sie heutzutage! Nichts als Unsinn im Kopf, und unsereiner hat darunter zu leiden.«

Berg erwiderte erst mal gar nichts. Als er Frau Garst zum letzten Mal gesehen hatte, war sie noch geschwächt von ihrer Hüftoperation gewesen, ein zartes Persönchen, das von Schmerzen gebeugt mit einem Rollator vorwärtsgeschlichen war. Pastor Wieland wäre sicherlich begeistert gewesen. Ein Bild der Demut. Ein jeder nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

Doch von dieser Demut war heute nicht mehr viel zu spüren. In den blassgrauen Augen der alten Frau loderte die Entrüstung, und die Krücke, die ihr als letzte Erinnerung an die Zeiten des Leidens noch geblieben war, schwang sie so heftig durch die Luft, dass Althuis ausweichen musste, um nicht getroffen zu werden.

»Immer langsam mit den jungen Pferden«, sagte die Hauptkommissarin und versuchte ein Lächeln, das ihr sofort wieder verging, als die Alte erneut begann, wild in der Gegend herumzufuchteln. »Von wem reden Sie denn überhaupt?«

»Na von denen, die das hier fabriziert haben.« Frau Garst schüttelte den Kopf in Unverständnis. »Sehen Sie sich das doch mal an. Und mein Johann hat im Juli gerade erst die Hauswand frisch verputzen lassen. Was glauben Sie, was das gekostet hat?«

Berg betrachtete die Schrift an der Hauswand. In überdimensionalen roten Buchstaben hatte jemand zwei Wörter an die Seitenwand des schmalen Eckhauses geschrieben. Geschmiert traf es wohl besser. VERDAMMTE WICHSER. Die Schrift war im Regen der vergangenen Nacht an einigen Stellen weit nach unten verlaufen. Einen frisch verputzten Eindruck machte die Hauswand nicht gerade auf ihn, aber das war natürlich Nebensache. Seine Aufgabe war es im Moment, die alte Dame zu beruhigen und, falls notwendig, eine Anzeige aufzunehmen.

Althuis rümpfte die Nase, sie wirkte mehr als nur ein bisschen genervt. »Hören Sie mal, am Telefon haben Sie was von einem Notfall gesagt, und jetzt geht es nur um diese Schmiererei hier?« Sie wischte mit dem Finger über die noch feuchte Farbe. »Wenn Sie Glück haben, lässt sich das sogar mit einem Lappen entfernen.«

Berg schaute zweifelnd auf die riesigen Buchstaben. »Und Sie wissen also, wer das getan hat?«, erkundigte er sich vorsichtig, um sie nicht wieder in Rage zu versetzen.

»Natürlich weiß ich das. Die Urlauber waren das, die Jungen, die nachts so einen Krach machen mit ihrer lauten Musik. Humtata, humtata!« Erneut flog die Krücke durch die Luft.

Berg zog den Kopf ein. Ganz so einfach würde das Gespräch anscheinend nicht werden.

In diesem Moment öffnete sich die Haustür, und eine jüngere Frau trat zu ihnen auf die Straße. Sie kam ihm vage bekannt vor, aber er konnte sie nicht wirklich einordnen. Althuis jedoch begrüßte sie wie eine alte Bekannte.

»Moin, Raphaela, haben Sie vielleicht gesehen, wer das war?« Die Hauptkommissarin tippte mit dem Zeigefinger auf die Schmiererei.

Die blonde Frau knöpfte mit klammen Fingern ihre Strickjacke zu und schüttelte den Kopf. »Nein, von uns hat die keiner gesehen. Aber gestern Abend hab ich noch den Müll rausgebracht, so gegen acht. Da war das noch nicht.« Sie wandte sich der Älteren zu und versuchte behutsam, sie zur Tür zu manövrieren. »Komm, Mutti, was rennst du denn wieder ohne Jacke draußen herum? Geh doch ins Haus, ich rede schon mit der Polizei.«

In Sekundenschnelle ging eine Veränderung mit der alten Dame vor, alle Angriffslust wich aus ihrem Blick, und Berg musste schlucken, als er die Leere sah, die zurückblieb. »Aber dein Vater hat doch gerade erst alles so schön gemacht«, begann sie mit weinerlicher Stimme.

»Er wird sicher noch einmal drüber streichen. So schlimm ist das nicht.«

»Ja«, Frau Garst lächelte wie ein kleines Mädchen, »dein Vater ist ein guter Mann. Ein guter Mann.« Dann verschwand sie im Haus.

»Hören Sie«, wandte sich Raphaela nun an die beiden Kommissare. »Tut mir leid, wenn wir Ihnen Umstände gemacht haben. Ich hätte wegen so etwas nicht gleich die Polizei gerufen.« Sie rieb sich über die Wangen, und Berg konnte sehen, dass ihr die Situation peinlich war.

»Nun ja, Ihre Mutter hat am Telefon etwas übertrieben, aber im Prinzip hat sie recht«, konterte Althuis. »Dafür sind wir schließlich da, und ich hoffe, wir finden den oder die Verantwortlichen, bevor das halbe Inseldorf seiner Kreativität zum Opfer fällt. Solche Typen geben sich selten mit einer einzelnen Hauswand zufrieden. Und schließlich geht es dabei nicht nur um ein paar Schmierereien an der Wand, es geht um den Frieden im Dorf. Sie sollten wirklich Anzeige erstatten.« Sie nickte Raphaela aufmunternd zu.

»Gut. Dann komme ich später bei euch vorbei, auch wenn es mir ein bisschen unangenehm ist. Das bisschen Farbe …«

Berg schoss noch ein paar Fotos, dann verabschiedeten sie sich. »Alles Gute für Ihre Mutter und für Ihren Vater natürlich auch«, sagte Berg und wandte sich zum Gehen.

»Mein Vater?« Raphaela zog die Stirn in Falten, dann klärte sich ihr Blick, und sie nickte Berg traurig zu. »Oh, natürlich. Meine Mutter lebt leider seit ein paar Jahren immer mehr in der Vergangenheit. Mein Vater ist schon vor fünf Jahren gestorben.«

 

Auf dem Rückweg blickte Berg argwöhnisch zum Himmel auf. Die Sonne lugte als blinkende Scheibe blass durch die dünne Wolkendecke, aber der Wind hatte sich gelegt.

Althuis zog nachdenklich die Stirn kraus. »Denkst du, das war derselbe wie bei den anderen?«

»Keine Ahnung.« Berg zuckte die Schultern. Bei dem Gedanken an die Vorfälle der letzten Woche überfiel ihn jedes Mal ein leichtes Unbehagen. Angefangen hatte alles mit einer Anzeige wegen zwei zerschnittenen Fahrradreifen. Berg hatte an einen dummen Streich geglaubt, und vielleicht war es das auch gewesen. Tatsache war jedoch, dass es nicht bei dieser einen Sachbeschädigung geblieben war. Sicher, die Fahrradreifen waren leicht zu ersetzen, und auch Olesson, dem man seine Blumenrabatte zertreten hatte, würde über den Verlust hinwegkommen, aber wie Althuis gerade zu der alten Frau Garst gesagt hatte, betrafen diese Dinge nicht nur einzelne Personen. Berg wusste aus Erfahrung, dass von ihrer Arbeit der Friede auf der ganzen Insel abhängen konnte, und bisher hatten sie keinerlei Hinweise auf den oder die Täter erhalten.

»Sollen wir was essen gehen? Der Anker hat, soweit ich weiß, wieder offiziell geöffnet«, fragte Althuis.

»Schon?« Berg staunte. Eigentlich war er noch satt vom Frühstück, aber die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Anna Starnitzke kam ihm nicht ungelegen. Die junge Frau war ihm sympathisch. Nicht mehr und nicht weniger, aber das musste er sich eingestehen. Und sie sah wirklich gut aus, ein bisschen verhärmt vielleicht, doch wer konnte ihr das verdenken? Ohne Mann und mit zwei Kindern einen kompletten Neuanfang zu wagen, dazu gehörte schon einiges. Er dachte an die kleine Ria und wie sie sich an das Bein ihrer Mutter geklammert hatte. Nur den Sohn hatte er bisher nicht kennengelernt, den Jungen mit dem biblischen Namen.

»Elia?«, fragte er deswegen auch hoffnungsvoll, als ihm ein schlanker Teenager die Speisekarte brachte.

»Fast. Ich heiße Josua.« Der Junge grinste leicht, als würde er sich nicht wirklich trauen, eine Regung zu zeigen. Schüchtern wirkte er, stellte Berg fest, die Schultern leicht gebeugt, aber vielleicht lag das auch am schnellen Wachstum. Von Josuas Mutter war im Moment nichts zu sehen, doch er konnte sie in der Küche mit Geschirr klappern hören. Das Mädchen vermutete er bei ihr.

»Wirklich schön habt ihr es euch gemacht.« Freda Althuis ließ die frischgewaschene Gardine mit einem anerkennenden Nicken durch ihre Finger gleiten und sah sich ausgiebig im Gastraum um.

Mittlerweile hatten alle Wände einen hellen Anstrich bekommen, auf den Tischen standen frische Nelken, und in der Ecke entdeckte Berg eine Jukebox.

Josua rieb sich unsicher die Hände, eine Geste, die Berg auch schon bei der Mutter des Jungen beobachtet hatte. »War auch viel Arbeit. Jetzt müssen nur noch die Kunden kommen.«

Althuis war zuversichtlich. »Oh, die kommen, ganz sicher. Vielleicht sogar öfter, wenn ihr sie beim ersten Mal nicht verhungern lasst.« Sie zwinkerte dem verlegenen Josua über den Rand ihrer neuen Brille vielsagend zu. »Ich hätte gerne die Fischsuppe.«

Das Essen kam erstaunlich schnell, und es duftete vorzüglich. Berg staunte darüber, wie geschickt der Junge das Essen servierte. Er selbst wäre in diesem Alter vermutlich über die eigenen Füße gestolpert. Während er nach einer Serviette angelte, erschien Anna hinter der Theke, ein weißes Kopftuch auf den rotblonden Haaren. Hinter ihr stand Ria und klammerte sich erneut wie ein Kleinkind an ihrer Hose fest. Berg konnte nur den Haarschopf des Mädchens erkennen, der Rest verschwand hinter der schweren Holztäfelung.

»Hast du Angst vor uns?«, fragte Althuis und pikste amüsiert mit der Gabel in die Luft. »Keine Sorge, wir jagen nur Verbrecher, zu Kindern sind wir eigentlich immer ganz nett.«

Josua blieb mitten im Raum stehen, den Brotkorb noch in der Hand. »Sind Sie von der Polizei?«

»Na, und wie. Sieht man das nicht?« Althuis lachte laut auf und zeigte auf ihre Uniformjacke, die über dem Stuhl hing. »Wir sind die Sheriffs hier. Wenn du mal Ärger mit irgendwelchen Idioten hast, komm einfach zu uns.« Sie tippte Berg, der sich gerade eine Gabel voll Nudeln in den Mund schieben wollte, demonstrativ an die Brust. »Mein Kollege hier ist der Schreck aller Zehntklässler.«

Berg verschluckte sich und rutschte hustend ein Stück von Althuis weg, damit sie ihm nicht auch noch auf den Rücken klopfen konnte. Mit Tränen in den Augen registrierte er, wie ein schwaches Lächeln über Josuas Gesicht huschte. Anna Starnitzke kam hinter der Theke hervor und schickte ihren Sohn in die Küche, um nach den Vorräten zu sehen. Die Kleine hing noch immer stumm an ihrem Bein und stolperte nicht ein einziges Mal beim Laufen. Sie schien diese Art der Fortbewegung über Jahre einstudiert zu haben. »Herzlich willkommen.« Um Annas Augen bildeten sich winzige Lachfältchen. »Ich wollte Ihnen eigentlich einen Aperitif anbieten zur Feier des Tages, aber im Supermarkt gab es keinen Sekt mehr. Stattdessen gibt es ein Dessert auf Kosten des Hauses.«

Berg, der schon mit seinem Mittagessen zu kämpfen hatte, schob unbemerkt zwei Finger in den spannenden Hosenbund und richtete sich wieder auf. »Das ist nett von Ihnen. Was gibt es denn zu feiern?«

Althuis war wohl schneller von Begriff. »Natürlich, Sie haben erst heute wiedereröffnet, nicht wahr?«

»Nein, offiziell schon gestern. Es sollte eigentlich im Inselboten erscheinen, aber offenbar haben wir einen schlechten Termin erwischt. Nichtsdestotrotz sind Sie meine ersten Gäste. Abgesehen von …« Mit einer zärtlichen Geste löste sie die Hand ihrer Tochter von ihrem Hosenbein und beugte sich zu ihr hinunter. »Ria, Schätzchen, was hältst du davon, wenn du in die Küche gehst und deinem Bruder hilfst? Später melden wir dich im Kindergarten an.«

Zum ersten Mal konnte Berg die Kleine richtig sehen. Unter einer Flut dunkler Locken erschien das Gesichtchen winzig und zart wie bei einer Puppe. Große, fast schwarze Augen blickten ihn unsicher an, dann drehte sich Ria blitzartig um und rannte zurück zur Küchentür.

»Die ersten Gäste?«, fragte Althuis verständnislos. »Das kann ich gar nicht glauben. Na, das wird sich sicher bald ändern. Das Essen ist übrigens toll. Hatten Sie früher schon einmal in der Gastronomie zu tun?«

Anna schüttelte den Kopf und schaute ihrer Tochter nach, die längst durch die Tür verschwunden war. »Meine Mutter war Köchin, sie hat mir einiges beigebracht.«

Berg nahm sich eine Scheibe von Althuis’ Brot und begann, damit die restliche Soße aufzutunken.

»Meinen Sohn haben Sie ja bereits kennengelernt«, setzte Anna Starnitzke das Gespräch halbherzig fort. »Ein wunderbarer Junge. Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn machen würde.«

Berg nahm nur am Rande wahr, worüber sich Althuis und die Wirtin in den nächsten Minuten unterhielten. Ihn beschäftigte etwas anderes, ein Satz, den Anna nicht einmal zu Ende gesprochen hatte. Obwohl er in den letzten beiden Jahren gut mit seiner Kollegin ausgekommen war, kam es ihm falsch vor, seine Bedenken offen vorzubringen, und so wartete er ab, bis Freda Althuis irgendwann die Toilette aufsuchte. »Frau Starnitzke?«

Anna stand noch immer in der Nähe der Theke und zupfte an den Vorhängen herum, er konnte sehen, dass es ihr unangenehm war, nichts zu tun zu haben.

»Sie haben da vorhin etwas erwähnt.«

»Ja, bitte?« Ihr Tonfall war plötzlich unsicher, geschäftlich, mit gefalteten Händen stand sie vor ihm, als hätte er sich nur nach der Getränkekarte erkundigt.

Berg blickte einen Moment lang nachdenklich zur Küchentür, von nebenan konnte er Josua hören, der seiner Schwester offenbar aus einem Buch vorlas. Er legte die Gabel zur Seite. »Sie sagten, wir wären nicht die ersten Gäste. Nicht ganz jedenfalls.«