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Jetzt auch als Knaur Taschenbuch: Auf Spiekeroog treibt ein Mörder sein Unwesen. Die Insulaner schließen von vornherein aus, dass der Täter einer von ihnen ist. Diese eingeschworene Haltung der Friesen erschwert die Ermittlungen der beiden Hauptstadtkommissare Thomas Berg und Freda Althus erheblich. Und der Sturm, der sich vor der Insel zusammenbraut, wird bald alle Spuren verwischen ... "Birgit Böckli ist eine überaus vielversprechende junge Autorin. Ich freue mich sehr auf ihren ersten Roman und bin sicher, dass er eine große Leserschaft begeistern wird." Tanja Kinkel Zunächst nur als neobooks eBook - seit März 2012 auch im Knaur Taschenbuch
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Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2011
Birgit Böckli
Kriminalroman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Kriminalkommissar Thomas Berg lässt sich auf eigenen Wunsch aus der Hauptstadt auf die Nordsseeinsel Spiekeroog versetzen. Doch von Anfang an gibt es Probleme mit dem gesundheitlich angeschlagenen Revierleiter Herrlich, der hinter der Ankunft des Kollegen eine Verschwörung wittert. Und plötzlich geschieht ein Mord. Verstärkung muss angefordert werden. Vom Festland trifft neben der Spurensicherung auch Hauptkommissarin Freda Althuis ein, die die Ermittlung übernehmen soll. Und während Kommissar Berg und Freda Althuis noch über Kompetenzen streiten, geschieht ein weiterer Mord und die Insel wird von einem heftigen Sturm heimgesucht …
Prolog
Freitag, 12. Juni
Montag, 15. Juni
Dienstag, 16. Juni
Mittwoch, 17. Juni
Donnerstag, 18. Juni
Donnerstag, 18. Juni, abends
Freitag, 19. Juni
Samstag, 20. Juni
Sonntag, 21. Juni
Montag, 22. Juni
Dienstag, 23. Juni
Dienstag, 23. Juni, nachmittags
Mittwoch, 24. Juni
Mittwoch, 24. Juni, abends
Donnerstag, 25. Juni
Donnerstag, 25. Juni, nachmittags
Freitag, 26. Juni
Freitag, 26. Juni, mittags
Freitag, 26. Juni, 15:00 Uhr
Freitag, 26. Juni, 16:00 Uhr
Freitag, 26. Juni, 16:35 Uhr
Freitag, 26. Juni, 17:35 Uhr
Freitag, 26. Juni, 18:30 Uhr
Freitag, 26. Juni, 18:55 Uhr
Freitag, 26. Juni, 19:35 Uhr
Freitag, 26. Juni, 21:30 Uhr
Freitag, 26. Juni, 22:30 Uhr
Montag, 6. Juli
Die Kälte stach sie wie mit eisigen Nadeln. Sie hatte keine Lust gehabt, weiter unter dem Vordach zu warten, wo jeder Idiot sie anstarren konnte, also hatte sie sich an den Rand des Parkplatzes zurückgezogen.
Jetzt fing es auch noch an zu regnen.
Punkt elf, hatte Thomas gesagt, keine Minute später. Inzwischen war es beinahe halb eins, und ihr Bruder war noch immer nicht aufgetaucht.
Mit zittrigen Fingern suchte Kerstin in ihrer Jackentasche nach dem Handy, um einen letzten Versuch zu starten, als die Tür der Disco aufschwang und ihr das Wummern der Bässe in den Magen fuhr. Ein junger Mann in einer leuchtend grünen Jacke kam die Stufen herunter.
Kerstin spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Die paar Autos, die noch übrig waren, konnte sie an einer Hand abzählen. In einer halben Stunde würde der Laden schließen, dann wäre sie ganz alleine hier draußen …
Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie der Mann auf sie zukam.
»Wie bitte?«
»Ich hab dich gefragt, ob du mitfahren willst. Oder stehst du gern hier im Regen herum?«
Einen Moment lang starrte Kerstin ihn unentschlossen an. Sie war noch niemals zu einem Fremden in den Wagen gestiegen. Zu viele Horrorgeschichten hatte man ihr im Laufe ihres Lebens erzählt. Aber sollte sie vielleicht hier draußen übernachten?
Als sie nicht antwortete, zuckte er gleichgültig die Schultern. »Dann eben nicht.«
Erst das Aufheulen des Motors riss Kerstin aus ihrer Lethargie. Mit wenigen Schritten hatte sie den Toyota erreicht.
Im Wageninneren roch es nach kaltem Rauch. Der Typ, der sich noch immer nicht vorgestellt hatte, angelte im Fußraum nach einer Dose Bier.
»Gehst du noch zur Schule?«, fragte er und fummelte am Radio herum, während sie das Industriegebiet hinter sich ließen. »Wie alt bist du überhaupt?«
Kerstin versuchte, entspannter auszusehen, als sie sich fühlte. »Achtzehn«, log sie.
Er lachte schallend, trank einen Schluck Bier und klemmte sich die Dose zwischen die Oberschenkel. »Du bist niedlich, wenn du lügst, weißt du das?«
Irgendetwas in seinem Blick hatte sich verändert. Kerstin spürte, wie sich vor lauter Angst ihr Magen zusammenzog. Sie musste sich zusammenreißen, durfte sich ihre Furcht auf keinen Fall anmerken lassen. Während sie krampfhaft den Seitenstreifen im Auge behielt, nahm sie von der Fahrerseite eine Bewegung wahr. Dann spürte sie seine Hand auf ihrem Knie.
»Lass das.« Ihre Stimme klang viel zu leise.
Seine Finger spielten am Saum ihres Rockes.
Panik erfasste Kerstin so plötzlich, dass sie kaum atmen konnte.
»Komm schon. Nun hab dich nicht so.«
Kerstin presste die Knie zusammen. »Wenn du nicht sofort aufhörst …«
»Was dann?«, fragte er lachend und griff fester zu.
Ihr wurde übel. Warum nur hatte Thomas sie nicht abgeholt, warum war sie zu diesem Kerl ins Auto gestiegen?
Mit aller Kraft schlug sie seinen Arm zur Seite, sah, wie die Bierdose zu Boden fiel und sich eine Lache zu seinen Füßen bildete.
Dann tauchte der Laster aus dem Regen auf.
Thomas Berg vergrub die Hände in den Jackentaschen. Das kurze Stück Straße erschien ihm endlos, lang genug in jedem Fall, um die Frage wieder aufkommen zu lassen, ob er das Richtige tat. Eine Nacht lang war er sich dessen sicher, doch der Anblick der rotgeziegelten Häuschen genügte, dass er abermals an seiner Entscheidung zweifelte.
Die Kirchturmuhr schlug gerade erst neun, als er in den Wüppspoor einbog. Von den zahlreichen Feriengästen, die Spiekeroog in den Sommermonaten heimsuchen würden, war noch nichts zu sehen. Sonnenstrahlen tanzten auf dem Pflaster, beinahe wie eine stumme Einladung.
Schon gestern war er zweimal um das Haus mit der Nummer 17 herumgeschlichen, hatte die grüngestrichene Tür aus sicherer Entfernung betrachtet wie auch das beleuchtete Schild mit der Aufschrift POLIZEI. Nun gab es kein Zurück mehr.
Das Rosenbäumchen neben dem Eingang sah verkümmert aus, ein paar Knospen waren abgefallen.
Berg holte tief Luft und drückte den Klingelknopf. Er drückte ihn lange.
Hinter dem Milchglas tauchte ein Schatten auf, dann schwang die Tür nach innen auf. Der Mann, der vor ihm stand, hätte leicht den Türrahmen füllen können, wäre er nur ein wenig aufrechter gestanden. Lächelnd musterte er Berg von Kopf bis Fuß und stützte sich dabei auf einen Besen, der schon bessere Tage gesehen hatte.
»Bist du der Neue?«, fragte er freundlich und nickte im gleichen Atemzug. »Sicher bist du’s. Ich bin Erik Johanssen. Willkommen auf der Insel.«
Aus dem Dunkel des Flurs tauchte ein uniformierter Mann auf, einige Jahre jünger als Johanssen, aber ebenfalls mindestens eins neunzig groß, und Berg fragte sich, ob sie den Kindern hier irgendeine geheime Zutat ins Essen mischten. Das musste Theo Herrlich sein, der Revierleiter.
Die Ähnlichkeit zwischen den beiden hörte jedoch eindeutig bei der Körpergröße auf. Während Johanssen trotz seines vorgerückten Alters noch immer eine athletische Figur besaß, war Herrlichs Bauchansatz nicht zu übersehen.
»Sie müssen Thomas Berg sein«, stellte Herrlich mit zusammengekniffenen Lippen fest. »Der Kriminalkommissar, der sich auf eigenen Wunsch von Berlin hat hierher versetzen lassen«, fügte er abschätzig hinzu.
Die Unfreundlichkeit überraschte Berg eigentlich nicht, trotzdem setzte sie ihm zu. Wie ihm so vieles zusetzte seit dem Tod seiner Schwester. Als wäre mit Kerstin auch ein Teil von ihm gestorben, der Teil, der ihn alltägliche Dinge wie diese meistern ließ.
Er räusperte sich und wollte gerade etwas erwidern, als von drinnen ein Telefonläuten zu hören war und Herrlich ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz kehrtmachte.
Verlegen murmelte Johanssen etwas von Herrlichs schlechter Laune. »Eigentlich bin ich kein Polizist«, erklärte er dann wieder mit fröhlicher Stimme. »Ich helfe hier nur aus. Vor allem …« Er schwang den Besen wie eine Waffe und strahlte Berg erneut auf diese unverwechselbare Art an. »Vor allem, was die Ordnung angeht. Ich wünsch dir einen guten Start. Ich bin sicher, du lebst dich hier schnell ein. Nur Theo ist …«
Er verstummte, da der Revierleiter zurückkehrte.
»Ich würde Sie jetzt gerne mit unseren Räumlichkeiten vertraut machen«, sagte Herrlich trocken.
Berg folgte ihm.
»Das ist also das Polizeirevier Spiekeroog, der Raum für Öffentlichkeitsarbeit und Bürgernähe.« Herrlich öffnete eine der Türen, und Kaffeeduft schlug ihnen entgegen.
Das Zimmer glich eher einem Korridor, die wenigen Möbel füllten es vollständig aus, und durch das einzige Fenster drang nicht viel Licht. In dem schmalen Gang davor standen zwei blaue Holzstühle und eine mickrige Bank. Die altmodische Bahnhofsuhr vervollständigte das Bild eines nüchternen Amtszimmers. »Und hier ist unser Notruftelefon, aber die Leute rufen uns lieber direkt an. Jeder kennt die Nummer. In diesem Raum werden Anzeigen entgegengenommen, verlorengegangene Kinder als vermisst gemeldet, der übliche Kleinkram. Ich nehme an, Ihr ehemaliger Vorgesetzter hat Sie ausreichend über die Arbeit auf einer Insel informiert?«
»Man hat mir nur erzählt, dass hier selten etwas Ernsthaftes vorfällt«, antwortete Berg gedehnt. Allmählich ging ihm Herrlichs schroffe Art auf die Nerven. Außerdem fühlte er sich zunehmend unwohl. Der Kaffeedunst bereitete ihm Kopfschmerzen, und das Ticken der Uhr schien in seinen Ohren anzuschwellen.
»So ist es«, fuhr Herrlich unterdessen fort. »Natürlich gibt es auch hier schwarze Schafe. Vor allem in den Sommermonaten, wenn die Touristen da sind, kommt es immer mal wieder zu Ruhestörungen, Schlägereien, Diebstählen und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Trotzdem bleibt alles in einem überschaubaren Rahmen. Und bisher bin ich stets alleine damit fertig geworden.«
Berg blickte schweigend zu Boden. Er hatte sich schon gedacht, dass er hier nicht mit offenen Armen empfangen werden würde, als sein ehemaliger Vorgesetzter Freier ihm die Stelle beschrieben hatte. Offensichtlich hatte er recht behalten.
»Soweit ich weiß, hatten Sie gesundheitliche Probleme«, begann er zögernd.
»Ach, das! Das war nichts weiter.« Der Revierleiter starrte ihn nahezu feindselig an, dann ließ er seinen Blick über die fleckigen Tapeten schweifen. »Es wirkt alles ein wenig ungemütlich im Moment, aber Sie werden sehen, ein frischer Anstrich und ein neuer Teppichboden wirken Wunder.«
»Ich bin sicher, dieses Büro erfüllt seinen Zweck«, erwiderte Berg nur. »Und worin besteht unsere Aufgabe, wenn es, wie Sie sagen, kaum Verbrechen auf der Insel gibt?«
Im selben Augenblick wurde ihm klar, dass diese Frage auch Herrlichs Arbeit der letzten Jahre in Frage stellte. Und tatsächlich war Herrlich empört.
»Soweit ich informiert bin, kehren Sie freiwillig dem KDD den Rücken zu. Sie, Herr Berg, haben ausdrücklich um diese Versetzung gebeten. Hier geht es nicht zu wie in Berlin. Es gibt nicht einmal achthundert Einwohner, der Rest sind Feriengäste. Da geht es nun einmal nicht so laut und hektisch zu wie in der Großstadt, ob es Ihnen passt oder nicht.«
»Das ist richtig«, versuchte Berg einzulenken. »Ich freue mich ja auch wirklich, hier zu sein.« Tat er das?
Herrlich jedenfalls wirkte ein wenig besänftigt. Er trat zurück auf den Flur, um die nächste Tür zu öffnen.
»Und das hier ist unser Büro. Sie können den Tisch am Fenster haben.«
Schweigend betrachtete Berg das Mobiliar. Er verbiss sich jede Bemerkung. Immerhin waren die Wände hell gestrichen.
»Um noch einmal auf meine Frage zurückzukommen …«, begann er abermals.
»Darf ich raten? Sie fragen sich, was ein Dorfbulle mitten auf einer Ferieninsel zu suchen hat? Aber genau das ist Spiekeroog. Und wenn Sie hierbleiben wollen, werden Sie sich wohl oder übel mit den Gegebenheiten anfreunden müssen. Wir schlagen uns hier nicht die Nächte um die Ohren, und nach einer Discothek werden Sie vergeblich suchen. Vom Strand bis zur Anlegestelle sind es gerade mal fünfzehn Minuten zu Fuß, und auch die Fähre geht nicht regelmäßig, weil wir hier von den Gezeiten abhängig sind. Bei schlechtem Wetter oder schwachem Tidehub kommt sie vielleicht zu spät oder auch gar nicht. Autonomie ist für die Menschen hier wie ein Zauberwort. Jeder strebt nach Eigenständigkeit. Die Leute wollen niemandem zur Last fallen. Manche sind vielleicht ein wenig eigen, aber sie stehen auf eigenen Füßen, und sie sind stolz darauf. Ich sorge hier schon seit über zwanzig Jahren für Ruhe und Ordnung, und ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum man Sie überhaupt hergeschickt hat. Nun gut, jetzt sind Sie eben da. Wir werden schon irgendwie klarkommen.«
Berg presste die Lippen aufeinander. Davon war er nicht überzeugt.
»Wobei es, wie gesagt, kaum einmal ein größeres Problem gibt«, redete Herrlich unermüdlich weiter. »Und sollte tatsächlich einmal etwas vorkommen …«
Rufen wir auf dem Festland an und bitten um Hilfe, dachte Berg verächtlich. »Und was genau tun wir den ganzen Tag?«, fragte er dann.
»Oh, wenn wir nicht gerade auf Streife sind, widmen wir uns vor allem dem Bürokram, lieber Herr Berg. Aber die meiste Zeit werden Sie wohl an der frischen Luft verbringen. Ich hoffe, Sie haben ein Fahrrad mitgebracht.«
Berg zuckte unmerklich zusammen. Er hatte gelesen, dass Spiekeroog eine autofreie Insel war, trotzdem hatte er angenommen, dass für die Polizei eine Ausnahmeregelung galt.
»Kein Streifenwagen?«, erkundigte er sich.
Herrlich schenkte ihm ein überhebliches Grinsen. »Selbstverständlich nicht. Nur die Feuerwehr verfügt über ein Fahrzeug, dann gibt es da noch den Krankenwagen und ein paar von diesen kleinen Elektroautos, um die Post auszufahren oder das Gepäck zu den Hotels zu bringen. Sagen Sie bloß, Sie haben kein Fahrrad.« Das Grinsen wurde noch etwas selbstgefälliger.
»Bisher habe ich keines gebraucht«, antwortete Berg schulterzuckend. »Aber dann werde ich mir eben eins zulegen.«
Herrlich nickte beiläufig und setzte sich wieder in Bewegung. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Rest.«
Sie besichtigten einen notdürftig eingerichteten Aufenthaltsraum und eine Abstellkammer voller Gerümpel. Den Abschluss bildete die gekachelte Ausnüchterungszelle.
»Und hier beginnt der Privatbereich«, sagte Herrlich und zeigte auf einen düsteren Treppenaufgang.
»Sie wohnen hier im Haus?«
»Was dagegen?«, fragte Herrlich barsch.
Berg rang sich ein Lächeln ab. »Immer im Dienst, nicht wahr?«
Herrlich beäugte ihn misstrauisch. »Genau so ist es, auch wenn ihr jungen Leute euch das nicht vorstellen könnt.« Dann verlor sein Gesicht ein wenig von der Anspannung, und er begleitete Berg zurück zur Eingangstür. »Wenn Sie sonst keine Fragen haben, sehen wir uns am Montag. Haben Sie schon eine feste Bleibe?«
»Ein Zimmer drüben im Pollerdiek. Nichts Großartiges, aber für den Augenblick genügt es.« Berg schüttelte die dargebotene Hand, dann fiel ihm noch etwas ein. »Was ist denn mit diesem Herrn …«
Herrlich lachte. »Johanssen? Das ist unser guter Geist hier. Auf den lasse ich nichts kommen.« Jetzt sah er beinahe freundlich aus.
»Der Mann ist aber kein Polizist?«
»Nein.« Die Augen des Revierleiters weiteten sich entsetzt. »Erik gehört sozusagen zum Inventar.«
Berg verkniff sich die Frage nach dem Sinn. Wenn der Revierleiter Wert darauf legte, dass sie sich in dem kleinen Büro gegenseitig auf die Füße traten, sollte es ihm recht sein.
»Bis Montag dann.« Mit einem letzten Kopfnicken verschwand Herrlich hinter der Tür.
Berg schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Es war ungewöhnlich kalt für Juni, und der Wind zerrte an seiner Kleidung. Nach diesem unerfreulichen Auftakt schlenderte er unschlüssig die Straße bis zum Hafen hinunter. An der Anlegestelle entdeckte er einen Plan der Insel. Ihre Form darauf glich einer Raubtierklaue. Das Dorf befand sich ziemlich weit im Westen, eingebettet zwischen Deichen und Futterwiesen, im Norden gab es einen breiten Badestrand. Beim Lesen der ungewohnten Straßennamen verspürte Berg ein leichtes Brennen im Magen. Fröstelnd schlang er die Arme um den Oberkörper und machte sich auf den Weg, seine neue Heimat zu erkunden, auch wenn ihm der Gedanke mit jedem Schritt weniger behagte.
Zweieinhalb Stunden später hatte Berg sich einen ersten Überblick verschafft. Trotz aller Zweifel, ob er seinem Leben die richtige Wendung gegeben hatte, musste er sich eingestehen, dass die Insel einen ganz eigenen Reiz besaß. Das viele Grün schien seine Anspannung zu mildern, und obwohl sich erste Touristen auf den engen Straßen tummelten, strahlte das Inseldorf eine bezaubernde Ruhe aus. Er wusste nicht, ob er es der Seeluft zuschreiben sollte, aber zum ersten Mal seit Wochen fiel das Gefühl des Gehetztseins für einen Moment von ihm ab.
Das Wochenende verbrachte Berg mit ausgedehnten Spaziergängen. Trotz des unangenehmen Windes wanderte er stundenlang zwischen Strand und Ortschaft hin und her, um dem stickigen Dachzimmer zu entfliehen und seinen Vermietern zu entkommen. Die Petrells mochten zwar nette Leute sein, doch schon bei seiner Ankunft hatte ihn der Verdacht beschlichen, dass hinter den freundlichen Worten mehr steckte als die übliche Höflichkeit. Vor allem Frau Petrell schien mit ihrer mütterlichen Fürsorge seine Nähe zu suchen, aber er konnte seit Kerstins Tod keine Nähe mehr ertragen. Nachdem er die dritte Einladung zum Essen bedauernd ausgeschlagen hatte, hörte sie endlich auf, ihn zu bedrängen, doch ihre Blicke verfolgten ihn weiterhin.
Berg aß in einem Fischrestaurant zu Mittag und beobachtete eine Gruppe von Urlaubern, die sich am Nebentisch angeregt unterhielten. Noch bin ich einer von ihnen, dachte er und schüttelte sich. Ab Montag gehöre ich offiziell hierher, und es gibt niemanden, den ich für diesen Entschluss verantwortlich machen kann, niemanden außer mich selbst. Alle haben mir davon abgeraten, einer wie der andere.
Das Gesicht seines Vaters fiel ihm ein, die entsetzliche Hilflosigkeit, die er beim Abschied darin gelesen hatte, und er wandte sich schnell wieder seinem Kabeljau zu.
Am ersten Tag der neuen Woche erwachte Berg verschwitzt und wenig ausgeruht. Nach dem Duschen verbrachte er lange Minuten damit, seine Haare über die runde Stelle zu kämmen, an der die Kopfhaut verräterisch durchschimmerte und die sein Vater als »Hubschrauberlandeplatz« bezeichnete. Als er endlich zufrieden war, spähte er durch die Dachluke nach draußen. Er entdeckte Frau Petrell, die mit zwei Gießkannen zu dem Gemüsebeet schlurfte. Ihr Mann saß reglos wie eine Statue auf einer schmalen Bank und hielt eine Zeitschrift in den Händen.
Als Berg die schmale Treppe hinunterstieg, gab er sich Mühe, keinen Lärm zu machen. Um jeden Preis wollte er einer Unterhaltung entgehen und verließ auf dem schnellsten Weg das Haus.
Mit düsterem Blick schlich er durch die leeren Straßen, begleitet nur von dem Blöken vereinzelter Deichschafe. Vor dem Revier linste er durch die Scheibe der Milchglastür und erkannte schemenhaft die riesige Gestalt Johanssens, von dem er immer noch nicht sicher wusste, was er überhaupt hier verloren hatte.
»Guten Morgen«, sagte Berg beim Eintreten.
Johanssen kramte in einem Aktenschrank.
»Moin, Kollege.« Das war alles.
Berg nickte dem Mann zu und ging schweigend weiter. Was hatte er erwartet? Eine Willkommensparty?
Als er das hintere Büro betrat, erhob sich Herrlich umständlich vom Schreibtisch und musterte ihn einen Moment lang. »Pünktlich, ordentlich, bis jetzt alles in Ordnung.«
Berg starrte ihn wütend an. »Sonst noch was?«
Doch Herrlich gab keine Antwort. Er schien auf etwas zu warten.
»Falls Sie es vergessen haben sollten, dies ist heute mein erster Tag. Wenn Sie also so freundlich wären …«
»Ich glaube, eines sollten wir gleich klarstellen«, fiel Herrlich ihm ins Wort. »Wenn Sie sich jemals unterfordert fühlen, geben Sie mir rechtzeitig Bescheid. Vergessen Sie bitte nicht, dass Sie auch hier als Staatsdiener fungieren.«
Berg schluckte jede Form von Kommentar hinunter. »Zeigen Sie mir einfach, was ich machen soll«, forderte er Herrlich auf.
Der Tag zog sich schmerzhaft in die Länge.
Herrlich hatte sich seit über zwei Stunden hinter dem Computer vergraben und war noch nicht wieder aufgetaucht.
Mühsam quälte Berg sich durch die einzelnen Anfragen und hoffte, nicht wieder mit einem Problem an Herrlich herantreten zu müssen. Dessen selbstgefälliger Gesichtsausdruck bereitete ihm jetzt schon Magenschmerzen.
Immer wieder musste er an die letzten Gespräche mit seinem Vater denken und an seinen Vorgesetzten in Berlin, der für seinen Versetzungsantrag nur ein trauriges Lächeln übrig gehabt hatte.
»Ich weiß nicht, ob du wirklich für so ein Leben geschaffen bist«, hatte Freier gesagt und dabei den Kopf geschüttelt. »Durch Flucht ist noch kein Problem gelöst worden.«
Ob er am Ende recht behalten sollte?
Im Hintergrund hörte er Johanssen das Staubsaugerkabel über den Boden schleifen. Was immer dieser Mann hier zu suchen hatte, er schien ununterbrochen beschäftigt zu sein. Schon heulte der Motor der alten AEG auf, und Berg zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern.
Als Herrlich aufstand, erstarb das Summen wie auf einen stummen Befehl.
»Ich geh dann mal los«, erklärte er gutgelaunt. »Ich hab der Janina versprochen, noch einmal bei ihr vorbeizuschauen. Irgendein Spinner hat ihr jetzt schon zum dritten Mal den Gartenzaun mit Farbe vollgeschmiert.« Er blickte stur an Berg vorbei, als hätte er sich geschworen, ihn in Zukunft zu übersehen. »Kommen Sie hier zurecht?«, erkundigte er sich, den Blick weiter auf die Wand geheftet. »Wenn Sie Fragen haben, Johanssen kann Ihnen sicher alles erklären.«
Als die Tür scheppernd ins Schloss fiel, empfand Berg regelrechte Erleichterung. Die angespannte Atmosphäre, die Herrlich verbreitete, war mit einem Mal verflogen. Berg wusste, dass der Revierleiter sich durch seine Anwesenheit gemaßregelt fühlte, und bis zu einem gewissen Grad brachte er sogar Verständnis für Herrlichs kindische Reaktion auf. Trotzdem hoffte er, dass sich das mit der Zeit legen würde.
Er hob den Kopf, als er Johanssens Hand auf der Stuhllehne bemerkte.
»Du solltest dir nicht zu viele Sorgen machen«, erklang die beruhigende Stimme. »Theo ist kein schlechter Kerl. Der kriegt sich irgendwann wieder ein. Ist halt einer von denen, die sich nicht gern helfen lassen.«
Abrupt drehte Berg sich um. »Er hatte einen Herzanfall, oder?«
Johanssen zuckte zusammen und legte den Finger an die Lippen. »Sprich ihn lieber nicht darauf an. Ich glaube, er schämt sich dafür.«
»Er schämt sich?«, fragte Berg verwundert.
»Mhm.« Der Riese machte ein Gesicht, als sei er dafür verantwortlich. »Ich glaube, das ist schlimmer für ihn als die Krankheit selbst. Er hat Angst, dass er nicht mehr gebraucht wird. Dass sie ihn abservieren.«
Berg nickte widerwillig, trotzdem war er nicht bereit, sich deswegen wie einen Störenfried behandeln zu lassen.
Berg saß am Schreibtisch und wühlte sich durch die Berichte der letzten Monate, als Johanssen im Türrahmen erschien.
»Komm doch bitte mal mit«, brachte er mühsam hervor.
Berg erhob sich und folgte ihm hinüber in den Nebenraum, wo Herrlich schon auf sie wartete. Die Anspannung in dem kleinen Zimmer war beinahe greifbar. Irgendetwas musste passiert sein, das begriff er sofort.
Mit einer Hand, die vor Aufregung zitterte, schaltete Johanssen das Telefon auf Wiedergabe, und schweigend verfolgten sie das Gespräch, das er offenbar gerade aufgenommen hatte.
Die Sache war im Grunde unmissverständlich. Ein älterer Mann erklärte mit knappen Worten, er habe soeben eine leblose Person aufgefunden.
»Gütiger Himmel«, knurrte Herrlich und knallte seine Coladose auf den wackeligen Tisch.
Berg zuckte die Schultern. »Fahren wir hin und sehen uns die Bescherung an.«
Im nächsten Moment fiel ihm ein, dass von Fahren keine Rede sein konnte, dann sah er, wie Johanssen ihm einen kleinen Schlüssel unter die Nase hielt.
»Du kannst mein Rad nehmen. Aber sei vorsichtig, die Bremsen funktionieren nicht richtig.«
Die Erleichterung über den fahrbaren Untersatz hielt nicht lange an. Bereits an der Kirche wäre Berg beinahe in eine Gruppe älterer Damen hineingefahren. Unter unzähligen Entschuldigungen schob er das klapprige Rad um die nächsten Passanten herum, bevor er es endlich wagte, wieder aufzusteigen. Genervt versuchte er, seinem neuen Vorgesetzten zu folgen, der natürlich nicht auf ihn wartete. Mit einiger Muskelkraft gelang es ihm, Herrlich einzuholen.
Der Anrufer stand am Straßenrand, in der einen Hand eine Leine, an der ein Hund zog, mit der anderen winkte er so fröhlich, als hätte ihn endlich etwas aus seinem tristen Rentnerleben herausgerissen. Ein Ereignis, auf das er schon lange gewartet hatte.
»Da, sehen Sie, den hat bestimmt einer umgebracht.« Er zeigte auf einen Mann, der ein Stück abseits des Weges am Rand der Dünen lag, das Gesicht halb verdeckt vom Strandhafer, doch das Einschussloch an seiner Schläfe war nicht zu übersehen.
Herrlich und der Zeuge traten ein Stück zur Seite, damit Berg den Tatort absperren konnte.
»Seien Sie vorsichtig«, ermahnte ihn der Zeuge mit steil erhobenem Zeigefinger. »Trittspuren können einer Düne erheblichen Schaden zufügen.«
Berg bedachte ihn mit einem wütenden Blick und machte sich dann stumm an die Arbeit. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem Mord. Nicht hier.
Währenddessen nahm Herrlich die Aussage des Zeugen handschriftlich auf. Albert Strom, so stellte er sich vor, hatte seine Susie ausgeführt und war dabei auf die Leiche gestoßen. Das war alles.
»So, Herr Strom, dann hätten wir das erledigt. Kommen Sie bitte im Laufe des Tages bei uns vorbei. Wir brauchen noch Ihre Unterschrift unter dem Protokoll. Ja, muss eben alles seine Richtigkeit haben, nicht wahr?« Herrlich schenkte dem Rentner sein schönstes Lächeln, bis er sah, mit welcher Begeisterung sich Susie der Leiche zu nähern versuchte. »Tun Sie doch den Hund da weg. Herrgott, der ruiniert ja sämtliche Spuren!«
Strom zog den Kopf ein und zerrte an der Leine, woraufhin der Dackel heulend den Rückzug antrat. Leicht gekränkt verabschiedete er sich schließlich.
Berg registrierte all das nur am Rande. Er hatte inzwischen ein paar Gummihandschuhe aus Herrlichs sogenanntem Erste-Hilfe-Köfferchen, das wie ein Picknickkorb an der Lenkstange baumelte, geholt.
Der Tote, er mochte um die fünfzig sein, lag halb auf der Seite. Berg ging in die Hocke, zog eine dunkelbraune Brieftasche aus der Gesäßtasche des Mannes und öffnete sie.
»Hier. Das Geld ist noch da.« Er gewährte Herrlich einen oberflächlichen Blick auf die wenigen Scheine. Auch ein Ausweis fand sich in einem der Fächer. »Walter Riemann, sagt Ihnen der Name etwas?«
Herrlich trat einen Schritt zurück und betrachtete den Toten prüfend von der Seite. »Natürlich. Dass ich den nicht gleich erkannt habe. Der leitet doch den Souvenirladen im Limperding. Na, einen Raubmord können wir wohl ausschließen«, fügte er sauertöpfisch hinzu.
Berg warf einen skeptischen Blick auf die ersten Fliegen, die den Toten umschwirrten. Es lag eine drückende Wärme über der Insel. Er sah zum Himmel auf, wo die Sonne zwischen dunklen Wolken hervorstach.
In diesem Moment tauchte Dr. Nürnberger auf, der Notarzt, den Herrlich gerufen hatte. Es war ein zierlicher, älterer Herr mit Hut und Krawatte, der auf seinem Fahrrad einen ziemlich seltsamen Eindruck machte. Er begann mit seiner Untersuchung und bestätigte nach wenigen Minuten den Tod von Walter Riemann.
»Verursacht vermutlich durch die Schussverletzung. Mehr kann ich dazu leider nicht sagen. Da müssen Sie schon abwarten, was der Gerichtsmediziner meint.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich jetzt gehen. Ich müsste längst wieder bei meinen Patienten sein.«
Er packte sein Stethoskop ein und verabschiedete sich höflich.
»Da muss die Spurensicherung ran«, murmelte Herrlich resigniert. »Ich rufe jetzt die Jungs vom Festland an. Sollen die sich darum kümmern.«
Berg beobachtete den Revierleiter. Herrlich war blass geworden. Seltsam leblos stand er am Wegrand und ließ einen Moment lang die Arme hängen, ehe er sein Handy herausholte und die Nummer wählte. Er fragte sich, ob Herrlich tatsächlich Angst hatte, seinen Posten zu verlieren. Nachdenklich wandte er sich den Dünen zu. Trotz des schönen Wetters waren im Augenblick keine Touristen zu sehen, es war beinahe unheimlich still.
Herrlich lief den Slurpad auf und ab und sprach mit ungewohnt amtlicher Stimme. Nachdem er geendet hatte, trat er wieder auf Berg zu. »Sie fahren jetzt zurück zum Revier und warten dort auf die Verstärkung. Die Kollegen vom Festland werden die nächste Fähre nehmen, dann dürften sie gegen Mittag hier sein. Hoffentlich hält das Wetter. Im Radio haben sie was von einem Gewitter gesagt.«
Berg blinzelte in die Sonne. Er konnte keine Vorboten für ein Gewitter erkennen.
»Das Wetter kann sich hier manchmal ganz schnell ändern, müssen Sie wissen«, fügte Herrlich belehrend hinzu. »Und jetzt fahren Sie endlich. Und schicken Sie mir Johanssen vorbei, er soll mir etwas zu essen mitbringen.«
Zuerst überlegte Berg, ob das ein Scherz sein sollte, aber nichts in Herrlichs feistem Gesicht deutete darauf hin.
»Sollte ich nicht besser …«, begann er, erntete jedoch sofort einen wütenden Blick.
»Habe ich mich vielleicht undeutlich ausgedrückt?«
»Schon gut.« Berg ersparte es sich, nach den genauen Wünschen des Revierleiters zu fragen, wahrscheinlich war Johanssen es gewohnt, dem Herrn die belegten Brote hinterherzutragen. Er bückte sich nach dem Rad, stieg auf und radelte davon.
Johanssen schien an diesem Tag sein Interesse an der Hausarbeit verloren zu haben. Er wirkte nervös, beinahe ängstlich. Dauernd strich er sich irgendwelche widerspenstigen Haarsträhnen hinter die Ohren, und auch sonst blieben seine Hände ständig in Bewegung.
»Sag mal«, fragte Berg vorsichtig. »Hattet ihr vorher noch nie einen Toten? Ich meine, selbst bei achthundert Einwohnern wird doch hin und wieder etwas passieren.«
»Ein Unglück gab es mal vor zwei oder drei Jahren. Als die alte Frau Grams beim Gardinenaufhängen von der Leiter gestürzt ist. Ach, und dann im letzten Winter der Fahrradunfall hinten bei der Reithalle. Aber ein Mord?«, er sah Berg mit einem Blick voller Abscheu und Entsetzen an. »So etwas hat es hier noch nie gegeben.«
Im nächsten Moment klingelte das Telefon im Vorraum.
»Vergesst das Essen«, verkündete Herrlich lautstark durch den Hörer. »In einer dreiviertel Stunde treffen die Kollegen vom Festland ein. Sorgt lieber dafür, dass der Laden aufgeräumt ist!«
Auf einmal schämt er sich seiner heiligen Hallen, dachte Berg. Eigentlich hatte er die Ordnung auf dem Revier von Anfang an als überdurchschnittlich empfunden, aber mit dieser Annahme schien er allein dazustehen. Johanssen jedenfalls wirbelte aufgeregt durch die Räume und rückte die Papierstapel auf den Schreibtischen gerade, als hätte sich die Queen persönlich angekündigt. Aber andere um Hilfe bitten zu müssen, so etwas kannte und schätzte man auf Spiekeroog nicht, erinnerte Berg sich an Herrlichs Worte. Gedankenverloren hob er ein Stück Papier auf, dann sah er zu, dass er Johanssen für die nächste halbe Stunde nicht im Weg stand.
Als es läutete, eilte der Insulaner zur Tür und stolperte dabei beinahe über eine Ecke des welligen Läufers. Bestimmt hatte er sich ein paar freundliche Begrüßungsworte zurechtgelegt, doch die Truppe vom Festland ließ ihn kaum zu Wort kommen. Im Handumdrehen war der winzige Vorraum überfüllt mit Polizisten. Berg zählte drei Männer und zwei Frauen. Vergeblich versuchte er, sich die Namen zu merken. Die junge Polizistin hieß Pragida, der mit den abstehenden Ohren Ohling, die beiden Polizeitechniker Dorsten und Rosenholz. Schon beim zweiten Durchgang warf er sie durcheinander. Er hatte noch nie ein gutes Namensgedächtnis gehabt.
Eine rundliche Frau, deren rötliche Löckchen noch von der Überfahrt ganz zerzaust waren, stellte sich als Kriminalhauptkommissarin Freda Althuis vor. Sie betrachtete den aufgeregten Johanssen belustigt.
»Sobald Sie wieder Luft bekommen, wäre es nett, wenn Sie uns Bericht erstatten könnten. In den Dünen wurde eine Leiche gefunden?«
Johanssen nickte eifrig, brachte jedoch kein Wort heraus. Er sah die Polizistin an, die ihm gerade bis zur Schulter reichte, als hätte er noch nie eine Frau zu Gesicht bekommen. Althuis’ Figur überdeckte nicht die Tatsache, dass bereits nach dem ersten Atemholen jedem im Raum klar war, wer die Ermittlungen leiten würde.
Berg musste sich ein Lächeln verkneifen, dann wandte er sich der Kommissarin zu. Nachdem er mit wenigen Sätzen die Situation umrissen hatte, wollte die Hauptkommissarin den Fundort begehen.
Johanssen nahm unterdessen das Gepäck entgegen und versprach, sich sofort um die Unterkünfte zu kümmern.
Während Berg die Kollegen den Süderloog entlangführte, spürte er die neugierigen Blicke der Passanten im Rücken. Auch wenn er aus Berlin weitaus größere Ermittlungsgruppen gewohnt war, wirkte das Polizeiaufgebot hier irgendwie fehl am Platz. Er zupfte seine Uniform zurecht und hielt nur mühsam mit der Kommissarin Schritt, die trotz ihrer Leibesfülle nicht zu schwitzen schien.
Berg war froh, als sie den Slurpad erreichten. Die Sonne war inzwischen von dunklen Wolken verdeckt, und einzelne Windböen zerrten an seiner Jacke.
Die beiden Kollegen von der Spurensicherung machten sich eilig an die Arbeit, bevor der Wind alle Spuren verwehen konnte.
»Althuis vom ZDK Aurich.« Die Hauptkommissarin trat vor und wollte Herrlich die Hand reichen, doch der beäugte die Neuankömmlinge nur misstrauisch.
»Ich hatte eigentlich mit einer größeren Ermittlungsgruppe gerechnet«, erklärte er nach einigem Zögern.
Althuis hielt in der Bewegung inne. Ihr gewaltiger Brustkorb wölbte sich bedrohlich nach vorne. »Jetzt beruhigen wir uns mal ganz schnell wieder und sind froh, dass wir überhaupt Verstärkung bekommen, nicht wahr?«, sagte sie mit schneidender Stimme. »Bei uns liegt die halbe Belegschaft mit einer Magen-Darm-Grippe im Bett.«
Herrlich starrte sie feindselig an, nickte jedoch. Was für Memmen, sagte sein Blick.
»Wann soll denn die Leiche in die Gerichtsmedizin überführt werden?«, erkundigte Berg sich bei seinem Vorgesetzten.
»Gleich mit der nächsten Fähre«, murmelte Herrlich. Er schien in Gedanken sehr weit weg zu sein.
»Riemann. Über den gibt es doch auch eine Akte«, stieß Johanssen hervor. »Die hatte ich letzte Woche noch in der Hand.«
Er verschwand kurz aus dem Aufenthaltsraum und kehrte mit einem dünnen Ordner und einer Tasse Tee zurück. Berg, der zwischen Herrlich und Pragida saß, schaute erwartungsvoll zu ihm auf.
Johanssen schlug den Ordner auf und blätterte in den wenigen Seiten. »Hier steht es. Er soll vor zwei Jahren seine Stieftochter misshandelt haben. Er hat sie die Treppe hinuntergestoßen. Da war das Mädchen zwölf Jahre alt.«
Berg reichte ihm den Kandis. »Und weiter?«
Herrlich griff unwirsch nach dem Papier. Das Thema behagte ihm offensichtlich nicht. »Nichts«, entgegnete er. »Das war alles nur Gerede.«
Althuis betrachtete ihn skeptisch. »Und würden Sie uns wohl trotzdem informieren, was damals passiert ist?«
Der Revierleiter verdrehte die Augen. »Überhaupt nichts ist passiert. Bevor ich die Anzeige aufnehmen konnte, hatte sie es sich anders überlegt. Sie hatten Streit, und sie wollte ihm eins auswischen. Der Sturz war in Wirklichkeit ein Unfall.«
Damit schien für Herrlich der Fall erledigt gewesen zu sein. Berg machte das eher stutzig, aber er hütete sich davor, das vor versammelter Mannschaft auszusprechen.
Althuis dagegen kannte da keine Bedenken. »Welchen Eindruck hat das Mädchen denn damals gemacht?«, fragte sie geradeheraus.
Johanssen wischte ein paar Krümel vom Tisch, nahm die Akte wieder entgegen und legte sie an der saubersten Stelle ab. Die Geste hatte beinahe etwas Zärtliches. »Nun komm schon, Theo«, wandte er sich an Herrlich und fing sich einen giftigen Blick ein.
»Ein bisschen verstört hat sie schon gewirkt«, räumte der Revierleiter schließlich ein. »Aber was hätte ich machen sollen? Sie blieb steif und fest bei der Version mit dem Unfall. Die Mutter war auch zweimal hier. Alle sind herumgetanzt wie aufgescheuchte Hühner, bis die Sache endlich vom Tisch war.«
»Und Riemann?«, fragte die junge Polizistin.
»Der wollte sich finanziell erkenntlich zeigen, aber das konnte ich selbstverständlich nicht annehmen. Später kam er mit einer Riesenschachtel Pralinen, für die Unannehmlichkeiten, wie er sagte.«
»Und jetzt ist er tot«, folgerte Berg. »Ob da ein Zusammenhang besteht? Wer sagt es überhaupt den Angehörigen?«
Betretenes Schweigen machte sich breit. Pragida kramte in ihrer Handtasche, Johanssen nippte an seinem Tee. Der Raum schien mit einem Mal enger zu werden.
»Kommen Sie«, sagte Althuis und nickte Berg zu. »Bringen wir es hinter uns. Gibt es auf diesem Eiland einen Seelsorger, den wir mitnehmen können?«
Niemand antwortete ihr. Bisher waren derartige Überlegungen nie nötig gewesen.
Berg fragte sich, weshalb sie ausgerechnet ihn zu ihrer Begleitung auserkoren hatte, aber er folgte ihr wortlos durch den kurzen Flur ins Freie.
»Sie sind die Verstärkung für diesen Sommer?«, wollte Althuis wissen, als sie die Apotheke passierten.
Berg blieb stehen, sah auf das Straßenschild und holte den zerknitterten Ortsplan, den Johanssen ihm gegeben hatte, aus seiner Hosentasche.
