Fliehkräfte - Ernst von Wegen - E-Book

Fliehkräfte E-Book

Ernst von Wegen

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Beschreibung

Wenn der beste Freund sich als Betrüger entpuppt; wenn einer zwischen Leben und Tod stecken bleibt; wenn eine Frau erkennt, dass weder Rückkehr noch Fluchtmöglich ist; wenn ein Frommer mit der Liebe kurzen Prozess macht; wenn ein Jäger seine Rolle überschätzt; wenn einer dorthin will, wovon ein anderer fliehen möchte - dann dreht alles sich um den Menschen und der Mensch dreht sich um sich selbst. Und alles dreht sich rasend schnell. Fliehkräfte drohen uns zu zerreißen, Angstschwindel verzerrt unser Weltbild. Fliehkräfte treiben uns, doch die Kraft zu fliehen haben nur Wenige. Denn wer der Fliehkraft nachgibt, wird zerrissen, löst sich auf. Die hier gesammelten Geschichten handeln allesamt von den Zentrifugalkräften des bewussten Seins und dem diffusen Drehschwindel der Gefühle. Einen thematischen Zusammenhang der einzelnen Geschichten gibt es nicht, bloß die eine Gemeinsamkeit: im Zentrum steht der Mensch in seinem Bemühen, die Drehachse seines Lebens zu orten, zu stabilisieren und irgendwie Einfluss auf die Umlaufgeschwindigkeit zu üben.

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Seitenzahl: 218

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Über das Buch:

Alles dreht sich um den Menschen und der Mensch dreht sich um sich selbst. Und alles dreht sich rasend schnell. Fliehkräfte drohen uns zu zerreißen, Angstschwindel verzerrt unser Weltbild. Fliehkräfte treiben uns, doch die Kraft zu fliehen haben nur Wenige. Denn wer der Fliehkraft nachgibt, wird zerrissen, löst sich auf.

Die hier gesammelten Geschichten handeln allesamt von den Zentrifugalkräften des bewussten Seins und dem diffusen Drehschwindel der Gefühle.

Einen thematischen Zusammenhang der einzelnen Geschichten gibt es nicht, bloß die eine Gemeinsamkeit: im Zentrum steht der Mensch in seinem Bemühen, die Drehachse seines Lebens zu orten, zu stabilisieren und irgendwie Einfluss auf die Umlaufgeschwindigkeit zu üben.

Über den Autor:

Ende der 50er Jahre in Mautern geboren und aufgewachsen, verließ Ernst von Wegen schon mit 20 seine Heimat und zog jahrelang als Arbeits-nomade durch die Welt.

Das Pseudonym ist dem Spott geschuldet, der seinen Vornamen lebenslang verlässlich begleitete: aus dem trotzigen: „von wegen, Ernst“ wurde Ernst von Wegen.

Der Autor sieht sich als Solitär im Literaturbetrieb; nichts anderem als dem eigenen Anspruch verpflichtet sucht er seine Nische im vollgestopften Büchermarkt.

Inhalt

Eine Sonnabend-Story

Hafis und die kopflose Liebe

Spiegel-Reflex

Es war die Nachtigall...

Die zweite Haut

Innenansicht eines Arbeitslosen

Stefani-Tag

Glück gehabt

Futzi hat die Gans gestohlen

Schuldig

Trautes Heim, Glück - allein?

Mein Wille geschehe

Ultrakurzgeschichten

Anmerkungen des Autors:

Impressum:

Fliehkräfte

Erzählungen aus zwei Jahrzehnten

Published by: epubli GmbH, Berlin,www.epubli.de

Copyright: © 2014 Ernst von Wegen

Grafische Gestaltung: Iconix

Titelbild: Melancholie, von Ingeburg Schulze

Innen: Montage einer Fotografie des Autors

ISBN 978-3-7375-1255-8

Eine Sonnabend-Story

Wie ein Bogen, der sanft über die Saite streicht und der Geige ihren höchsten Ton entlockt: Stille, die man hören kann! Mit diesem Ton von hörbarer Stille beginnt ein Stück von Charles Ives, dessen Titel mir leider entfallen ist. Mit diesem durchsichtigen Ton beginnt mein Morgen. Ein zartes Flirren der Luft, mehr geben Raum und Zeit noch nicht her.

Die Sonne steht schon über dem Tannengrund, der eigentlich ein Fichtengrund ist, aber man nimmt es mit der Sprache nicht so genau, wenn jeder weiß, was gemeint ist. Zwischen der feinen Gaze der Stores und der Fensterscheibe beginnt ein Nachtfalter zu flattern. Macht Überstunden, der kleine Kerl, denke ich und weiß, dass mein Scherz ein schlechter ist: „Über“ ist eine menschliche Erfindung, das Leben an sich leistet sich kaum Überschuss und kennt erst recht keine Überzeit. Ich schiebe die Gardine zur Seite und öffne das Fenster. Der verwirrte Falter erkennt nicht, dass ich ihm den Weg in die Freiheit zeigen will. Er verfängt sich in meinem Haar. Dummer Kerl! Wieso eigentlich Kerl? Vielleicht ist es ein Weibchen, das den Taumel der Nacht zu verlängern sucht.

Go away from my window,

Leave at your own chosen speed.

I’m not the one you want, Babe,

I’m not the one you need!

Die Melodie mitsummend, kommt mir Bob Dylans Lied mit Johnny Cashs Stimme in den Sinn. Ich beuge mich aus dem Fenster und schüttle den Kopf. Der Nachtfalter oder die Nachtfalterin erkennt seine/ihre Chance und surrend fliegt dieses Kind der Dunkelheit dem Licht entgegen, seinem feindlichen Element. Oh ja, ich bin überzeugt davon, dem Tier mit der wiedergeschenkten Freiheit einen Gefallen erwiesen zu haben. Der Falter, die Falterin gewahrt etwas Dunkles, ändert flugs die Richtung und landet in der Kiefer, die einige Meter vom Haus entfernt steht. Dort fühlt sich das Tier gut aufgehoben bis zur nächsten Nacht, ich bin mir sicher.

Keine Wolke am Himmel, die Kiefer duftet harzig. Tautröpfchen hängen glänzend an ihren Nadeln. In der Ferne höre ich ab und zu ein Auto entlang brummen. Dann wieder Stille. Das Frühlingsgezwitscher der Vögel ist längst verstummt. Dunkel liegt der Tannengrund unter der auf-strebenden Sonne. Links davon leuchten Felder, hoch bis zur Kuppe, die der dunkle Saum des Waldrandes kontrastreich einfasst. Der zarte Ton der Stille bekommt nach und nach Gesellschaft: Noch nicht zu sehen, beginnen irgendwo in der Nachbarschaft Kinder spielend den Tag. Wo der Weg von unserem Vorplatz in die Straße mündet, treffen zwei Frauen auf einen kurzen Plausch zusammen, Stoffbeutel in ihren Händen. Frische Brötchen, vermute ich. Der Gedanke daran macht mich hungrig auf das Frühstück mit dir.

Ein Dauerläufer nutzt die Kühle des Morgens, er kurvt in knappem Bogen um die schwatzenden Frauen herum. Die Frauen grüßen, der Läufer hebt nur flüchtig die Hand, er hat keinen Atemzug zu verschenken. Keuchend rennt er am Vorplatz vorbei, verschwindet auf dem schmalen Fußweg hinter der Hecke, kein Auge, kein Ohr für das plätschernde Bächlein neben dem Weg. Kinderstimmen, Frauenstimmen, das Gurgeln des Baches, das ich erst wahrnehme, als ich darauf schaue, der kratzende Besen des Nachbarn, der die Straße fegt – das Konzert des Tages bekommt allmählich orchestrale Dimension.

Es sind immer mehr Autos zu hören. In der Summe der Motoren wirkt die Straße näher. Sie haben es eilig: um halb neun öffnen die Geschäfte und die Parkplätze in der Stadt sind knapp, samstags.

Was macht den Samstag so besonders? Der Sonntag, sagt man, sei ein göttlich verordneter Ruhetag. Dann ist der Samstag ein Geschenk des Menschen an sich selbst. Kein bloßer Kaffee- und Kuchentag, kein Ruhegebot. Ein Tag voller selbst-gewählter Tätigkeiten. Heute schweigt die Pflicht und nur die Lust gebietet. Dem dienstbeflissenen Gewühle der Woche folgt die gelassene Aktivität des freien Willens. Ohne Samstag wäre die Menschheit ein Ameisenhaufen: jeder nur seinem Zweck verhaftet; alles perfekt organisiert, ohne Luft für Freiheit, ohne Raum für Freude. Die Last der Pflicht liegt heute nur auf dem Verkaufspersonal. Dienstleister sind Ameisen: auf ihre Funktion zusammengeschrumpft. Ihnen bleibt nur, wovon der Samstag in dieser Gegend seinen zweiten Namen bezieht: Sonnabend! Der Vorabend des Sonntages, als kleines Intermezzo zwischen Pflicht und Ruhe. Zeitlose Zeit. Eine Schildkröte verbringt die meiste Zeit unter Wasser, um Nahrung zu suchen. Nur kurz taucht sie auf in ihr eigentliches Element, denn die Luft zum Atmen findet sie im Wasser nicht. Der Sonnabend ist ein Auftauchen des Menschen nach anstrengendem Tauchgang in ein eigentlich fremdes Reich. In der dunklen Tiefe der Erwerbswelt füllen wir unsere Mägen. Der Sonnabend ist das kurze Verschnaufen im eigentlichen Lebensraum. Der Sonntag hingegen ist schon wieder ein Luftholen für den nächsten Tauchgang.

Ich kann mich nicht vom Fenster lösen. Die Sonne zieht ihre Bahn und kündigt Hitze an. Es wird ein guter Tag für Eisverkäufer. Mir ist noch nicht nach Tätigkeit, ich schließe das Fenster wieder. Die Frauen schwatzen ohne Stimme weiter, das Glucksen des Bächleins erreicht mich nur als Bild. Glas unterdrückt den Lärm, gewährt jedoch der Sonne weiterhin Zugang und veredelt durch Brechung den glühenden Strahl.

Noch bin ich mit ihrem schweigenden Licht allein; noch genieße ich ohne dich die goldene Stille! Ich versuche, den Charles-Ives-Ton in mein Ohr zurückzuholen. Es ist ein jungfräulicher Ton, der von den anderen Geräuschen absorbiert worden und nicht wieder herzustellen ist. Wenn schon nicht die hörbare Stille, so gelingt es mir doch kurz, die lautlose Stille wieder zurückzugewinnen – bis ein knatternder Rasenmäher auch sie endgültig tötet. Ja, im deutschen Samstag ist selbst die Freiwilligkeit gewissen Anforderungen unterworfen. „Wat mut, dat mut!“ sagt man hier im Norden und Ruhe an sich ist eben nicht jedermanns Sache. Ich hoffe auf eine nicht zu große Rasenfläche. Das Knattern macht Pausen, der Rasenkorb muss entleert werden. In jeder dieser Pausen denke ich, nun ist er endlich fertig, der Nachbar, und jedes Mal werde ich enttäuscht.

In so einer Pause höre ich unten am Vorplatz ein Knirschen im Kies. Bist du es? Das Klappern des Briefkastens verrät die Zeitungsfrau. Ich sehe sie wieder auf ihr Fahrrad steigen und zielstrebig die Nachbarhäuser ansteuern. Auch sie gönnt sich einen Hauch von Samstag: sie ist später als sonst, aber für mich früh genug. „Frühstück mit Zeitung, meinetwegen!“ sagst du immer, „Aber bitte nicht am Wochenende.“ Also gut, dann lasse ich die Welt mit ihren Neuigkeiten eben noch außen vor. Aber wo bleibst du nur? Seit fünf Uhr morgens sorgst du dafür, dass die Leute auch samstags ihre Post bekommen. Wie viele machst du glücklich, Ameise, mit deiner Arbeit? Mit einem Liebesbrief vielleicht, rechtzeitig zum Wochenende? Und wie vielen verdirbst du es mit einer schlechten Nachricht? Schreibt man überhaupt noch Liebesbriefe, heute? Gibt es noch Träumer, die für ihre edelsten Gefühle noch die erlesensten Worte suchen und diese auf blendend weißes Papier malen? Oder wird auch das höchste der Gefühle nur noch gesimst und gemailt, getwittert oder gepostet? Die schlechten Nachrichten jedenfalls kommen immer noch per Post. Ach, was schon alles durch deine Hände ging! Du aber hast kein Auge für Liebes- oder Urlaubsgrüße, Glückwünsche, Trauerkarten. Tod und Leben, Freud und Leid haben unter deinen flinken Händen nur eine Adresse, keine Bedeutung. Tausende von Namen verlieren sich in hunderten von Straßen, Gassen und Plätzen. Im rasenden Verteiltakt gewinnt vor deinen Augen kein Name menschliche Gestalt. Eineinhalb Sekunden pro Brief sind dir vorgegeben. 2500 Namen pro Stunde. Im Schwindel erregenden Tempo unserer Zeit verliert sich die Bindung zum Leben. Erst die „Feierabend-Zigarette“ holt euch Ameisen aus der robotronen Arbeit wieder ins Menschsein zurück.

Hafis und die kopflose Liebe

Er kannte Gottes Willen, denn er kannte den Koran. Er konnte nicht lesen, aber er hatte den Koran im Kopf. Wenigstens die wichtigsten Stellen. Und so wusste er gewiss, dass Sünde war, was die Beiden aus seiner Nachbarschaft hier praktizierten. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was die machten, wenn sie alleine waren, es reichte zu sehen, was sie sich in aller Öffentlichkeit trauten. Sie gingen zusammen durch die Straßen, lachten und schmachteten sich an. Fühlten sie sich unbeobachtet, hielten sie gar ihre Hände! Das Kopftuch des Mädchens rutschte ständig nach hinten, das war doch pure Koketterie! Wie sie das Tuch mit ihren schlanken Fingern wieder zur Stirn zog, um es kurz darauf wieder nach hinten rutschen zu lassen! Wie sie das anstellte, wusste der Satan.

Wer Gottes Willen missachtet sieht, und nicht einschreitet, sündigt selbst. Deshalb sprach er sie an. Sie lachten ihn aus. Nein, der Junge lachte ihn aus, das Mädchen sah ihn bloß an. Mit diesem Blick, wie nur Frauen und Schlangen blicken können. Fünf Nächte lang musste er sich gegen diesen Blick wehren. Fünf Nächte lang flüsterte der Satan ihm zu, er solle ruhig Hand an sich legen, wo doch alles so schön bereit stand. Fünf Tage lang wollte ihm das Herz stocken, wenn er sie sah. Fünf Tage und Nächte lang kämpfte er allein gegen den Satan. Dann sprach er mit dem Sheikh darüber. Der Sheikh lobte ihn und versprach Hilfe.

Zwei Tage später waren die zwei Verliebten verschwunden.

Der Sheikh hatte mit den Vätern des Paares gesprochen, die ihnen ihre Liebe untersagten.

Es hieß, man habe sie getrennt. Es ging aber auch das Gerücht, sie wären zusammen weggelaufen.

Allah lenkt uns weise, dachte Hafis, als er wenig später die Ausreißer in Laschkarga wieder sah: unsicher, wie Neulinge aus der Provinz in der Stadt eben auftreten. In ihrer Unsicherheit noch ganz mit sich selbst beschäftigt, hatten sie ihren einstigen Nachbarn noch nicht bemerkt. Der glaubte nicht an Zufälle, der war sich jetzt sicher, einen göttlichen Auftrag erhalten zu haben. Er folgte ihnen. Sie waren vorsichtig geworden und trennten sich, gingen in angemessenem Abstand stadtauswärts. In einem heruntergekommenen Viertel hatten sie ein Liebesnest gefunden. Er beobachtete sie. Nie betraten und verließen sie gemeinsam das Haus. Das erleichterte einiges. Am Abend trat der Junge auf die Straße, vielleicht, um Besorgungen zu machen. Er folgte ihm. Allah lenkte den jungen Mann in eine menschenleere Gasse, er musste jetzt handeln, jetzt! Er lief ihm hinterher, schlich sich heran und schlug dem Sünder einen faustgroßen Stein auf den Hinterkopf. Das kurze Gefühl des Triumphs wich der Sorge, von jemandem gesehen zu werden.  Er zog den Bewusstlosen durch ein halbverrostetes Tor und fand sich mit ihm, ja, auf einem Friedhof wieder - alles lief nach Gottes Plan! Was war nun zu tun? Da lag ein Sünder, der, anstatt auf Allah und die Vernunft zu hören, lieber auf die Stimme seines Körpers gehört hatte. In seinem heiligen Zorn trennte er also dem Unseligen den Kopf vom Körper. Nun konnte die Sünderseele entweichen, Gott allein wusste, wie mir ihr zu verfahren war. Dann ging er entschlossen auf Teil zwei seiner Aufgabe zu. Er ging in das Haus zu dem Mädchen und sagte: „Mit deinem Freund ist was passiert, komm mit!“ In panischer Angst folgte sie ihm. Als sie den enthaupteten Geliebten sah, brach sie ohnmächtig zusammen. Nun war es ein Leichtes, ihrer kopflosen Beziehung ein symbolträchtiges Ende zu setzen. Allahu akhbar!

Spiegel-Reflex

I

Der Mann, der sich vor mir im Spiegel rasiert, ist mir bei aller Ähnlichkeit merkwürdig fremd. Halb neun, denke ich, und die anderen arbeiten längst. Der Typ im Spiegel schabt eifrig Barthaare aus meinem Gesicht. Ich spüle das Rasiermesser unterm Wasserstrahl ab. Mein Gegenüber langweilt mich, ich wende mich ab, schaue durch das offene Fenster. An den Rauchwolken erkenne ich, dass Freitag ist. Freitags, und nur freitags, dürfen in unserem Dorf Gartenabfälle verbrannt werden. Deshalb werden freitags in allen Gärten Abfälle verbrannt, gnadenlos!

Abfälle? Zum Problem gewordene, organische Materie.

Mein Alter Ego sieht mich fragend an: Ob es denn sein muss, diese Stinkerei hier, ob denn Verbrennung als Entsorgung pflanzlicher Abfälle noch zeitgemäß sei?

Zeitgemäß, denke ich und schnuppere. Meine Nase lässt sich sofort verführen, der Geruch plaudert von früher, vom elterlichen Garten im Herbst; vom Feuer, um das wir Kinder mit glühenden Wangen saßen. Aus feuchten Kartoffelstauden wolkte schwarzgrauer Rauch, ein Spielzeug des Windes. In der Asche brieten wir frische Kartoffeln, spießten die verkohlten Knollen auf Holzstöckchen und verbrannten uns Finger und Lippen daran. Ich spür heute noch den Geschmack im Mund, sobald Rauch mir in die Nase steigt. – Zeitgemäß!

Meine Nachbarin, das sehe ich, ist ärgerlich, weil Flugasche ihre Wäsche versaut. Am Nachmittag wird sie selber Feuer machen.

Mein Spiegelbild will endlich fertig rasiert werden. Wozu diese Hast, frage ich, der Tag ist ohnehin gelaufen. Guck nicht so verständnislos!

Ich schaue wieder aus dem Fenster und gebe mir Recht: Es war gut, zu Hause zu bleiben. Du in deinem flachen Viereck kannst mir heute keine Eile gebieten! Um ihn zu ärgern, seife ich das ganze Gesicht noch mal ein und zeichne mit dem Messerrücken Muster in den Schaum.

Zwanzig vor neun und die anderen arbeiten. Freitags besonders fleißig, weil vieles noch vor dem Wochenende erledigt werden muss; freitags besonders eifrig, weil auf der Zielgeraden noch einmal Kräfte frei werden. Am Nachmittag fährt man dann in die nahe Stadt einkaufen, oder geht in den Garten, Abfälle verbrennen, freitags. Ein paar Verrückte waschen auch ihre Autos, obwohl eigentlich Samstag der Autowaschtag ist.

Während die Nachbarin schimpfend die Wäsche von der Leine nimmt, sieht sie gegenüber ein eingeseiftes Gesicht aus dem Fenster gucken. Das Schaumgesicht nickt und die Nachbarin grüßt knapp zurück. Warum ist dieses Gesicht eingeseift? Um zwanzig vor neun! Warum beugt es sich nicht über irgendeine Arbeit? Wahrscheinlich hat es Urlaub. Dass nämlich dieses Gesicht, das nun schon seit fast drei Jahrzehnten tagtäglich zur Arbeit getragen wird, einfach zu Hause geblieben sei? - Undenkbar! Nicht dieses Gesicht. Nicht dieses freundliche Nachbarngesicht, dies dankbare, in dem jedes Gegenüber bestehen kann. Nicht diese Servil-Visage, die noch dem Schwächsten einen Rest von Stärke wiederspiegelt, dieses situationsgeformte Gummigesicht – so zudeckt mit Schaum irritiert es, die Nachbarin wendet sich ab: das geht sie nichts an, sie hat genug zu tun.

Ich habe keinen Urlaub, ich bin einfach zu Hause geblieben. Zum ersten Mal im Leben, einfach so. Mein Spiegelbild nimmt mir das übel, ich muss mich zwingen, es anzusehen. Vor mir sehe ich den denkenden, planenden Menschen, den, der alles am Laufen hält: „Davon lebst du schließlich“, sagt er, „von meiner Arbeit!“

„Ich sag: „Ich lebe, Punkt!“

Das versteht er nicht. Das will er gar nicht verstehen. Denn wo kommen wir denn da hin, wenn jeder seine eigenen Punkte setzt. Also nein!

Der Bart ist ab, da blickt man gleich wieder freundlicher in die Welt. Auch die Nachbarin scheint beruhigt, sie hat die Wäsche so eben noch retten können und schleppt schwer an ihrem Korb.

Rauch schraubt sich schräg nach oben, ähnlich wie der Rauch, der auf Kinderzeichnungen aus Schornsteinen quillt. Darüber hinaus spielt der Herbst Malermeister. Ich werde nachher auf dem Waldweg mit meinen Schuhen Furchen in das knöcheltiefe,  trockene Laub ziehen.

Etwas zwingt meine Augen zum Spiegel. Ich sei kindisch, heißt es da. Wir sehen uns an, ich und ich, und sind uns zu fünfzig Prozent unsicher. Meine realistische Hälfte zweifelt nie, sie weiß: Von nichts kommt nichts, also macht sie etwas. Egal was.

Ob das alles so richtig ist? Ich bin mir da nicht so sicher. Auf jeden Fall werde ich nachher auf dem Waldweg im Laub wühlen. Ich werde mich auf die sonnenwarme Wiese legen. Auf einem Baum klettern. Oder sonst was Sinnvolles tun. Trotz dem, der da aus dem Spiegel glotzt. Trotz allem!

Meine bessere Hälfte ist mir über, zweifellos. Ohne Zweifel aber ist der Mensch dem Verzweifeln näher als er denkt. Ich werde mich nachher trotz allem auf dies zweifelhafte Weise vergnügen. Und der da?

Ich wasche ein Gesicht. Ich stelle das Wasser so heiß, das es dampft. Der Spiegel beschlägt. Gewonnen!

II

Raschelndes Laub an und für sich ist noch nichts Besonderes. Eher banaler Sachverhalt, denn Wunder der Natur. Für die Wunder sind die Götter zuständig, für das Laub die Bäume. Wunder sind rar geworden, Laub gibt es noch reichlich. Wenn der Wind mit dem Laub..., das ist keine Zeile mehr wert. Laub bekommt erst wieder Bedeutung durch Füße, die eigentlich anderswo sein sollten. Eigentlich, das heißt, diesen Füßen ist eigen, mitten im Leben zu stehen und nicht mitten im Laub. Auf dem Boden der Tatsachen, irgendjemandes Mann zu stehen. Gut, sicher, Frauen haben auch Füße. Füße, die immer standhafter werden, den Männerfüßen quasi in nichts mehr nachstehen. Aber jene erwähnten Füße, die, anstatt sich irgendwo anderswo platt zu stehen, durch nicht nur unübliches, sondern auch noch bewusstes Nachschleifen Laub zum Rascheln bringen, jene Füße sind nun mal Männerfüße. Meine Füße. (Der Gleichberechtigung wegen sei gesagt, dass Frauenfüße auch hier in Männerfußstapfen zu treten durchaus in der Lage wären.) Meine Füße also. Die Bedeutung des Laubes liegt folglich darin, dem Boden der Tatsachen jene beiden Füße samt Mann entzogen zu haben. Laub hat es geschafft, Männerfüße in Kinderfüße zurück zu verwandeln. Nicht das Kind im Manne, der Mann in Kinderschuhen berauscht sich am Rascheln. Ein Wunder ist das noch nicht, aber verwunderlich genug. Auf dem Boden der Tatsachen mag man sich schwer wundern über die Anziehungskraft ordinären Laubes. (Ahorn und Buche übrigens, und auch ein wenig Eiche.) Tatsachen setzen Prioritäten. In unserer modernen Wichtigkeitshierarchie haben zum Verfall bestimmte Blätter einen geringen Stellenwert. Der Mann in Kinderschuhen ist somit Vorwürfen ausgesetzt und Laub macht sich verdächtig. Dem Moder und der Fäulnis anheimgegeben, mehr gewesen als seiend, durchpflügt von einem Mann, der mit Füßen seine Kindheit sucht – das ist nicht auf der Höhe der Zeit! Tatsachen können mit Anachronismen nichts anfangen. Fakt ist! Was war, braucht man nicht mehr aufzuwühlen. Nur Gegenwart lebt. Wir leben von der Gegenwart.

Diese Vorwürfe sitzen, mein Schritt verstummt!

Ich sagte es schon einmal, jetzt schrei ich es: „Ich lebe!“

Das Echo, hinterhältig: „Ich lebe – von...“

Es ist zugegebenermaßen ein zweifelhafter Sieg, den man aufsteigendem Wasserdampf zu verdanken hat. Das Echo im Wald ist die Stimme des Spiegels. Lassen sich die Augen vernebeln, so bleiben die Ohren unbestechlich. Und wer nennt die Schuld der Nase? Warum konnte das Auge sein Vis à Vis nicht mehr ertragen? Wer machte das Gewissen blind? Wer erlag dem herben Charme des Rauches? Wer pinselte überschwänglich die Kindheit aufs Tapet? Ist der Schlange ein Vorwurf zu machen, oder dem Apfel, dem Rauch oder dem Laub? Verführung besteht nicht aus dem verlockenden Angebot, sondern in der Entscheidung, es anzunehmen! Diese Legende vom mündigen Bürger entstammt bezeichnender-weise einer Welt, deren Motor die Werbung, die Kunst der Verführung ist. Was nun? Kein Echo darauf? Ich höre nichts mehr!

Ich ließ mich benebeln, ja. Im Bild vom elterlichen Kartoffelfeuer liegt etwas, das ich durch den Spiegel der Wirklichkeit auf dem harten Boden der Tatsachen nicht finden kann. Allein dass ich es suche, zeigt doch, dass es mir fehlt, und wenn der Mangel Bilder malt, nimmt er kräftige Farben.

Hatten einst die Kinderfüße den Weg von der Schule nach Hause verlassen, um abseits verträumt im Laub zu rascheln, gab’s keine Schelte, kein Wort über verschwendete Zeit, da war wenig zu spüren vom Zwang zum direkten Weg. Das Laub der Kindheit ist längst verrottet, das Kartoffelkrautfeuer der Eltern erloschen; die Vergangenheit ist Erde und Asche. Was da nun im Geiste wieder auflodert, ist nicht das Feuer der Kindheit, es ist nur dessen kalter Widerschein. Tatsächlich, es erhellt mich zwar, aber es wärmt mich nicht. Hier setzt mein Alter Ego wieder an. Der Gedanke an die ewige Wiederkehr des Gleichen sei philosophische Spiegelfechterei, ruft es durch den Wald, geistiger Luxus, brotlose Kunst!

Ich lege mir eine geschliffene Antwort zurecht, will sie gerade durchs Gehölz brüllen, da trifft mich ein Juckreiz wie ein Peitschenhieb!

Ich bin Allergiker. Mit dem frühjährlichen Heuschnupfen habe ich mich längst abgefunden, aber das hier ist neu.... (Später wird mein Hausarzt mein Fernbleiben von der Arbeit auf gelbem Papier so begründen: Allergische Schockreaktion durch einen Spätblüher, der Laubfall und Herbstwind zur Samenverbreitung nutzt.)  Später,  aber noch jagt der Juckreiz durch die Hosenbeine hoch ins Hemd, bis zum Kragen, meine Haut brennt wie Feuer, mein Gesicht glüht, mein Herz rast, ich muss weg hier, schnell, ich muss unter die Dusche!

Was für eine Welt! Was für ein Leben! Ich muss einen Ausflug in die Kindheit abbrechen, um die eigene Haut zu retten. Was mich nicht mehr zu erwärmen vermag, droht mich zu verbrennen! Ein Spätblüher zeigt mir meine Grenzen auf. Ich will nur noch unter die Dusche. Meine Zunge liegt wie ein glühendes Stück Kohle im Mund. Aber mehr noch als die Glut meines Körpers quält mich die Fratze, die mich zu Hause aus dem Spiegel überlegen angrinst: „Hast du auch nur einen einzigen Augenblick lang gedacht, du könntest mir entkommen?“

Es war die Nachtigall...

Schwabing! Der Name leuchtete hell wie der Abendstern. Schwabing war viel mehr als nur ein Stadtteil Münchens, Schwabing - das war eine Verheißung! Ich kam vom Land und war sehr jung - in einer Zeit, die viel versprach und in der man verwegen genug war, die Versprechen seiner Zeit einlösen zu wollen.

Ich war in München um Freunde zu besuchen, die es hierher verschlagen hatte. Ach, was rede ich da, damals verschlug es niemanden irgendwo hin, damals ging man fordernd einem besseren Leben nach. Hatte unseren Eltern noch das materielle Überleben ausgereicht, so jagten wir ganz ungeniert dem persönlichen Glück hinterher. Ich jedoch, wie gesagt, besuchte zunächst mal bloß Freunde. Von einem bisschen mehr Glück allerdings hatte ich durchaus geträumt, zumal es in Schwabing quasi auf der Straße lag, falls meine Freunde nicht allzu dick aufgetragen haben.

Nun fuhren wir also durch das frühherbstliche Schwabing, vor den Scheiben des schon etwas betagten Opel Kadetts zogen die Lichter der Leopoldstraße vorbei und ich versuchte, meine Begeisterung auf einen Grad zu treiben, der Schwabing angemessen schien. Meine Freunde forderten  mein Erstaunen ja nachgerade ein, dasselbe Erstaunen, mit dem sie selbst vor gar nicht langer Zeit nach München gekommen waren.

„Na, was sagst du?“

„Super!“ sagte ich. Immer wieder „Super!“ Genau das wollten sie hören. Sie waren jetzt Städter, wenn nicht gar „Münchner“ und sie genossen ihren persönlichen Vorsprung vor der Provinz und den Provinzlern. Die Stadt war ein Ozean von Möglichkeiten und das Dorf war Langeweile, darüber war  man sich einig. Und gleich würden wir unser angerostetes U-Boot verlassen und in diesen fantastischen Ozean eintauchen.

Wir fingen mit dem Pils-Doktor an. In Bayern gilt Bier seit jeher als Nahrungsmittel, das war mir klar; aber Bier als Arznei, das fand ich originell! Der Name hielt meinen Erwartungen leider nicht stand, die Kneipe hatte überhaupt nichts medizinisches, oder wenigstens doktorales an sich. Stattdessen fuhr eine Eisenbahn kreuz und quer durchs Lokal. Die eigentliche Attraktion aber war der Wirt. Er hieß Herbert, wenn ich mich recht erinnere, und er war ein Genie, das weiß ich noch genau. Herbert wirbelte, als hätte er sechs Arme und an jedem Arm zwei Hände und nebenher unterhielt er ganz entspannt seine Gäste. Herbert wusste den neuesten Klatsch und konnte zur Not auch über Fußball reden, er hörte sich die Sorgen der Leute an und konnte im nächsten Augenblick über die aktuellen Kinohits plaudern.

„Grüß euch, wie geht’s? Ihr seid zu dritt? Hinten ist noch ein Tisch frei.“ Meine Freunde bedauerten, dass die begehrten Thekenplätze alle besetzt waren und so stellten wir uns im hinteren Raum an den kleinen freien Stehtisch. Durch das offene Fachwerk konnten wir Herbert wirbeln sehen. Er verließ seinen Tresen nie, hielt aber Sichtkontakt zu allen Gästen – einer meiner Freunde hob die Hand mit gespreizten Fingern.

„Drei Pils? Ja, gerne, kommen gleich!“

Drei oder vier Züge versorgten das gesamte Lokal. Herbert merkte sich alles: die Vornamen und die Vorlieben seiner Stammkunden und besonders ihren Getränkeverzehr. Ohne Stift und Bierdeckel. Ein Kopfmensch; vielleicht deshalb Pils-Doktor?