Flucht aus Weimar - Daniel Santosi - E-Book

Flucht aus Weimar E-Book

Daniel Santosi

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Beschreibung

Flucht aus Weimar entführt den Leser in die Traumwelten des Erzählers Imanuel František Brahms, der sich Schritt für Schritt der Realität der Weimarer Republik der Zwanziger Jahre entzieht.

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Vorwort

Dies ist kein Buch über die Weimarer Republik. Der Handlungsrahmen umspannt zwar die unmittelbare Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Es geht jedoch nicht darum, die Weimarer Republik zu beleuchten, die Goldenen Zwanziger zu heroisieren oder die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges zu verurteilen und moralische und ethische Normen zu formulieren. Das ist notwendigerweise bereits zur Genüge getan worden. Die Weimarer Republik ist schließlich ‚nur‘ eine kurze Zeitspanne deutscher Geschichte, die ihrerseits zwar einen politischen und kulturellen Aufbruch mit sich brachte, jedoch wie eine zarte Pflanze jäh niedergewalzt wurde. Sie steht zwischen den historischen Extremen und stellt damit einen Abschnitt im zwanzigsten Jahrhundert dar, aus dem eine Flucht verlockend erscheint. Was wäre, wenn ein Mensch dieser Zeit im Wissen um Zukünftiges die Chance gehabt hätte, seiner Epoche einfach zu entfliehen in alle möglichen Zeiten und Welten? Eine Flucht zu wagen aus der Realität in die Fiktion? Ein Mensch, den nichts Besonderes auszeichnete in dieser Zeit. Ein Durchschnittsmensch, der im Grunde gar nicht in diese Zeit gehörte.

„Denn die erste Leidenschaft des erwachsenen Menschen ist nicht Liebe zu der einen, sondern Haß gegen alle. Das sich unverstanden Fühlen und das die Welt nicht Verstehen begleitet nicht die erste Leidenschaft, sondern ist ihre einzige nicht zufällige Ursache. Und sie selbst ist eine Flucht, auf der das Zuzweiensein nur eine verdoppelte Einsamkeit bedeutet.“

Aus: Robert Musil – Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906)

Prolog

Mein Name ist Petrus. Ich bin ein Stein. Die Geschichte, die ich erzähle, wird mit einer Erkenntnis enden. Sie endet mit der Erkenntnis, daß, um die Komplexität der Existenz und des Seins zu begreifen, ein anderer als der gewohnte Blickwinkel notwendig ist. Alle möglichen subjektiven Perspektiven müssen erfahren und dann überwunden werden und aus einer Perspektive der Blickwinkellosigkeit erlebt werden, um das große Etwas, die Substanz allen Seins zu begreifen. Darum bin ich zu einem Stein geworden. Meine Existenz als Stein gleicht einer Parallelprojektion. Mein Dasein entfaltet sich in unendlich vielen Dimensionen und ist schließlich losgelöst von allen Dingen: losgelöst von der Zeit, den Formen, den Körpern, dem Organischen und dem Nichtorganischen, dem Gefühl und dem Verstand … Ich könnte diese Aufzählung unendlich fortführen – denn es sind tatsächlich unendlich viele Dinge, die überwunden werden müssen. Und die einzige Möglichkeit, sie zu überwinden, ist, sie allesamt zu erfahren und dann abzustreifen, wie eine alte Haut. Da Menschen dummerweise nicht dazu in der Lage sind, all das zu überschauen, was ich bin, sehen sie in mir lediglich einen Stein. Tatsächlich jedoch ist das Bild des Steins nur der unfruchtbare Versuch, mich in dieser Welt sichtbar zu machen. Ein Leben als Stein ist nicht vergleichbar mit dem Leben als Mensch. Man denke nur an die eingeschränkte Bewegungsfreiheit, die körperliche Differenz oder den Unterschied, daß Menschen biologische Organismen sind und ich … nun, ich bin ein Stein, nichts Lebendiges, sondern ein Gebilde aus steiniger, harter Materie. Ich bin ein Abbild von etwas, das sich noch gar nicht gefestigt hat. Ich bin das Abbild eines andauernden Loderns und Sich – Veränderns. Das bedeutet einen essentiellen Unterschied: die Dauer der Existenz. Ich bin tote Materie. Und dennoch denke ich. Ich habe keinen Puls und dennoch fühle ich. Ähnlich dem fließenden Wasser eines Flusses fühle ich die Strömungen der Zeit an meiner Oberfläche vorbeirauschen. Denn ich bin unsterblich. Ein Stein existiert ewig. Auch wenn ich eines Tages nur noch ein Sandkorn sein werde. Mein Bewusstsein und meine Existenz sind nicht an meine körperliche Integrität gebunden. Ich bin ein Bewusstsein, das nicht ausschließlich an der Existenz an sich haftet. Solange es Existenz gibt, existiere ich und darüber hinaus. Ich werde immer ein Teil des Ganzen sein. Und so nehme ich die großen, für Menschen unscheinbaren und langsam sich vollziehenden Veränderungen wahr: Ich sehe Gletscher rasen. Ich sehe Baumriesen beim Gedeihen und beim Verderben in Sekundenbruchteilen zu. Ich bin eine steinzeitliche Speerspitze, im nächsten Moment die Krone eines majestätischen Tempels und schließlich ein kleines Partikelchen, das von irgendeinem Organismus verschlungen wird. Der Blickwinkel entscheidet über die Fähigkeit und die Art der Wahrnehmung. Geben Sie sich ruhig Mühe, allerdings werden Sie das Wesen meiner Existenz nie vollständig enthüllen. Sie werden im Laufe meiner Erzählung das Gefühl bekommen, zumindest sehr nahe daran zu sein. Sie werden glauben, es greifen zu können, jedoch nicht, es begreifen zu können.

Jedes große Werden beginnt mit Wut, Verzweiflung und Feuer. Fließt alles? Ist das Prinzip aller Dinge Wasser? Kehrt alles ins Wasser zurück? Nein! Alles ist Feuer. Alles brennt. Alles beginnt mit Feuer. Damit Neues entsteht, muss das Alte verbrennen. Ich wuchs auf in einer Zeit, in der Altes und Neues in einem fruchtbaren Feuer zu einer furchtbaren Waffe geschmiedet wurden. Die Gefahren des Alten und die Falschheit des Neuen verschmolzen in einer unliebsamen Glut zu einem Monstrum, das einen grässlichen Appetit entwickelte. Dieses Monstrum gelüstete es nach Europa. Aber Feuer ist niemandes Freund. In einem rhythmischen, zwingenden, sich steigernden Bolero unterwirft es schließlich auch den Dirigenten, der den Takt anzugeben vermeint, und verbrennt die Starken und die Schwachen gleichermaßen. Früher oder später verbrennt es jeden Menschen.

Am Anfang meiner Geschichte steht ein nutzloser, eitler Mensch. Sein Name war Immanuel František Brahms. Er war ein Mann, der sein Spiegelbild vergötterte und seinen eigenen Schatten bewunderte. Ein Hedonist und ein Knauser gleichermaßen. Ich bedauere, zugeben zu müssen, daß die Geschichte Immanuel Brahms’ meine eigene Geschichte ist. Ja, das war ich. Ich hatte einen Krieg nicht besonders heldenhaft überlebt und es gelang mir hernach in jungen Jahren im Bankgewerbe erfolgreich zu werden. Meine alten Aufzeichnungen aus jenen Jahren haben sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Wenn ich mich ihrer erinnere, muss ich unweigerlich an den Irrsinn denken, der mich damals ritt, meine Gedanken und Handlungen niederzuschreiben … an die unzähligen Blätter, an die ich meine Tinte verschwendete. Und doch … es wäre ungerecht, die Tinte unnütz zu deklarieren, die das Überleben dieser Geschichte sicherte. Diese Geschichte ist ein dunkles Dokument meiner Erziehung und meines Werdens.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Das Tagebuch des Immanuel František Brahms

Sonntag, 3. Mai 1925

Montag, 4. Mai 1925

Mittwoch, 6. Mai 1925

Freitag, 8. Mai 1925

Mittwoch, 13. Mai 1925

Samstag, 16. Mai 1925

Montag, 18. Mai 1925

Dienstag, 19. Mai 1925

Donnerstag, 21. Mai 1925

Dienstag, 26. Mai 1925

Freitag, 29. Mai 1925

Samstag, 30. Mai 1925

Montag, 1. Juni 1925

Dienstag, 2. Juni 1925

Mittwoch, 3. Juni 1925

Donnerstag, 4. Juni 1925

Freitag, 5. Juni 1925

Samstag, 6. Juni 1925 (Morgenstunde)

Samstag, 6. Juni 1925 (Abendstunde)

Sonntag 7. Juni 1925

Montag, 8. Juni 1925

Donnerstag, 11. Juni 1925

Freitag, 12. Juni 1925

Samstag, 13. Juni 1925

Montag, 15. Juni 1925

Mittwoch, 17. Juni 1925

Donnerstag, 18. Juni 1925

Freitag, 19. Juni 1925

Samstag, 20. Juni 1925

Sonntag, 21. Juni 1925

Dienstag, 23. Juni 1925

Donnerstag, 25. Juni 1925

Freitag, 26. Juni 1925

Samstag, 27. Juni 1925

Montag, 29. Juni 1925 (Mittagsstunde)

Montag, 29. Juni 1925 (Nacht)

Dienstag, 30. Juni 1925

Mittwoch, 1. Juli 1925

Freitag, 3. Juli 1925

Montag, 6. Juli 1925 (nach Bureauschluss)

Montag, 6. Juli 1925 (Nacht)

Dienstag 7. Juli 1925

Mittwoch, 8. Juli 1925

Donnerstag, 9. Juli 1925

Freitag, 10. Juli 1925

Sonntag, 12. Juli 1925

Montag, 13. Juli 1925

Dienstag, 14. Juli 1925

Freitag, 17. Juli 1925

Sonntag, 19. Juli 1925

Freitag, 24. Juli 1925

Montag, 27. Juli 1925

Montag, 3. August 1925

August 1925

September 1925

September 1925

September 1925

Epilog

Das Tagebuch des Immanuel František Brahms

Sonntag, 3. Mai 1925

Brahms ist mein Name. Immanuel Brahms. Aber das verrät ja schließlich bereits der Namenszug auf meinem kleinen Tagebuch. Um ehrlich zu sein, mein Psychiater empfahl mir, mich diesem Büchlein anzuvertrauen. Er diagnostizierte bei mir eine „ausgesprochen unmenschliche Gefühlskälte“. Ich wunderte mich ob dieser Diagnose, da ich ihn anfänglich nur wegen wiederkehrender lästiger Schlafstörungen konsultierte, die mich, zuzüglich der unnütz vergeudeten Zeit im Bette, in meiner Konzentration und der Effizienz bei meiner Arbeit unweigerlich beeinträchtigten. Ich sollte erwähnen, daß ich als Prokurist einer bekannten Bank tätig bin und deshalb sind Scharfsinn, Intelligenz, Geistesklarheit, Wortgewandtheit und letztlich ein gepflegtes Auftreten die essentiellen Talente und Geistesgaben sind, deren ich mich unerlässlich zu bedienen pflege; mehr noch: sie sind die wesentlichsten Instrumente meines Berufes! Talente, die zu meinem Bedauern durch schlechten Schlaf und bisweilen gar fürchterliche Albträume zu verschleißen beginnen. Nicht auszudenken, was geschähe, würden sich Makel in meinen Rechnungen, meinen Verhandlungen und Gesprächen finden! Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie sehr mir zuwider ist, daß ich gezwungen bin, mich auf diesen Seelendoktor zu verlassen, so wirr und albern mir seine Diagnosen und Ratschläge auch erscheinen mögen. Ein Tagebuch sei das Antidot gegen das Bakterium des Wahnsinns, sagte er, als er mir dieses kleine, seinerzeit noch titellose Buch in die Hände drückte. Ich hoffe diese Nacht etwas Schlaf zu finden, denn morgen werde ich Herrn S. bei einer wichtigen Verhandlung vertreten.

*

Montag, 4. Mai 1925

Zeit. Es gibt drei Kategorien der Zeit: meine, die der Anderen und absente Zeit. Die wichtigste, prachtvollste und kostbarste aller Zeiten ist selbstverständlich meine Zeit. Hierarchisch untergeordnet meiner Zeit ist ihr die absente Zeit und dann erst schlägt die Zeit der Anderen zu Buche. Keine Zeit zu haben, ist wertvoller als die dritte Kategorie Zeit: die Zeit der Anderen. Denn wenn ich keine Zeit habe, so bin ich unweigerlich damit beschäftigt, meine Zeit zu nutzen. Absente Zeit ist also die Abwesenheit meiner Zeit, während die Zeit der Anderen bedeutungslos, wertlos, gar eine Behinderung meiner eigenen Zeit ist! Der Müßiggang anderer Arbeitender in der Bank ist mir ein Dorn im Auge. Schlimmer noch als der unbewusste Müßiggang ist der aggressive, dummdreiste Müßiggang: jene Form des Müßiggangs, dem sich solche niedren Zahnräder im Uhrwerk unseres Instituts hingeben, die sich durch ein permanentes Im-Wege-Stehen, Herumlungern dort, wo sie nicht gebraucht werden, und ein allgemeines Untätigsein auszeichnen. „Aus dem Weg!“, rief ich einem dieser Nichtsnutze heute entgegen. „Nur die Ruhe“, antwortete dieser in einer mir unverständlichen Gelassenheit, die in mir eine Wut hervorrief, die bereits die Grenzen der Verachtung und Anwiderung überschritt.Die Verhandlungen heute sind gescheitert. Es war ein Desaster. Wem gestehe ich diesen Fehlschlag ein? Einem kleinen Buch, das mir ein offensichtlicher Nichtsnutz aufdrängte, der selbst, wie ein Parasit, aus den Leiden anderer seinen Profit schlägt. Verbrennen sollte ich es.

*

Mittwoch, 6. Mai 1925

Das Betragen mancher Kollegen in dieser Bank ist lächerlich. Der von mir minder geschätzte Kollege Gunten ist ein solcher Müßiggänger und Zeitdieb, daß ich rasend werden könnte, jedes Mal, da sich diese kleine verkümmerte Existenz in mein Bureau hineinschiebt. Keinem anderen in diesem Unternehmen gelingt es, Unpünktlichkeit, Disziplinlosigkeit und Schludrigkeit als allerhöchste Maximen so ausgiebig zu praktizieren.

*

Freitag, 8. Mai 1925

Die heutige Sitzung war sehr ermüdend. Der Herr Doktor befragte mich nach allerlei Erinnerungen meines Lebens deren Wachrufen mir gänzlich unnütz erschien. „Tiefenpsychenanalyse“ nannte er das, was er an mir zu praktizieren vorgab. Nur mit größtem Abscheu ergab ich mich schließlich dieser Perversion einer Behandlung. Aber in diesen Zeiten, in denen Verdorbenheit wie eine neue Weltreligion zelebriert wird, überwand ich meinen Stolz und wohnte diesem perfiden Spiel gefügig bei. Er bat mich, ihm von meinen Träumen zu berichten, die mich derart belästigten, und weiterhin sollte ich, daheim eingetroffen, „eifrig“ meine Träume niederschreiben und dokumentieren. Ich begann also zu erzählen, in der Hoffnung, er würde durch meinen ausufernden Redefluss und die pedantische Genauigkeit bei der Wiedergabe meiner inneren Erfahrungen weiterer Bohrungen in meiner Privatsphäre überdrüssig werden.

„Es gibt einen Traum, den ich immer wieder erlebe“, begann ich. „Ich träume ihn, seitdem ich mich daran erinnern kann, zu träumen. Es ist eine phantastische, synthetische, skurril-absonderliche Welt, in die er mich hineinversetzt, in der ich bei jedem Eintauchen ein ganz merkwürdig wehmütiges Gefühl von Heimat empfinde. Es lässt sich mit dem Gefühl vergleichen, das ein Mensch empfinden muss, der nach Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten Abwesenheit wieder in seinen Geburtsort zurückkehrt. Allerdings fühle ich mich nicht etwa, wie man es erwarten könnte, wie ein alter Mann, der das zertrümmerte Heim neben der vollständig modernisierten und veränderten Straße verloren findet, sondern wie ein Vagabund, der durch das Fortschreiten der Zeit einen unveränderlichen und unzerstörbaren Geburtsort verliert. Genau das ist meine Welt. Sie verändert sich nicht, und doch wird sie mir fremder. Ich erinnere mich ihrer in meinen Träumen – so scheint es. Ich fliehe. Ich renne im Traum. Ich versuche, Es zu erreichen. Jedes Mal. Selbstverständlich ist mir nicht bewusst, was, Es‘ überhaupt ist. Ein Paradies vielleicht? Schließlich laufe ich einen breiten Pfad in einem Wald entlang. Es ist diesig; die Sonne hat ihren Weg durch die Wolken und durch das trübe Dickicht der Baumkronen an diesem Tag nicht gefunden, an dem der Regen schwer in der Luft liegt. Mit jedem Atemzug rieche ich durch die feuchte Luft hindurch den betörenden Duft des Waldes, der mich eine ganz besondere Form der Heimlichkeit und der Heimatlichkeit spüren lässt. Nach einiger Zeit des Wanderns auf diesem menschenleeren, mit Kieseln bedeckten Weg erreiche ich schließlich eine Kreuzung. Es gibt dort keine Wegweiser, nur ein großes, hölzernes Schild, auf dem geschrieben steht: „Entscheide dich!“. Das ist alles, was diese Kreuzung mir sagt. Entscheide dich … Sie läßt mich verwirrt zurück. Wie soll ich mich entscheiden? Diese Kreuzung ist ein Symbol für mein Unvermögen, die richtige Entscheidung zu treffen. Mehr noch: Diese Kreuzung ist wie ein hämisch grinsender Teufel, der mir eindeutig zu verstehen gibt, daß es überhaupt nicht möglich ist, die richtige Entscheidung zu treffen. Es gibt keine richtige Entscheidung. Und das ist etwas, das leider nicht nur in meinen irren Träumen ein Grundgesetz ist. Nein! Es ist eine bittere, betäubende Maxime, die auf der Zunge den genussvoll peinigenden Geschmack französischen Wermutes hinterlässt. Jede Entscheidung ist falsch. Und so ist die Kreuzung, die ich in meinen Träumen sehe, eine ironisch-sarkastische Pein, denn es spielt schließlich keine Rolle, für welchen Weg ich mich entscheide. ‚Richtig‘ und ‚falsch‘ sind Erfindungen machthungriger Moralisten; Bluthunde, welche die Schwachen verängstigen und die Starken zur Besinnung zwingen wollen. Aber nichts Existentes füllt die Begriffe. Nichts Physisches wird durch sie ausgedrückt, sie bezeichnen ausschließlich metaphysische Normen … Unfassbar, was ich hier erzähle! Wahnsinn wird erst dann manifest, wenn ein Seelendompteur ihn diagnostiziert.“

Doktor Spielreim forderte mich zur Besinnung auf und ging nicht weiter auf meine Beleidigungen ein, sodaß ich bald ob meiner Unbeherrschtheit verlegen wurde. Er schien wohl zu begreifen, daß derart tief greifende persönliche Ausfragungen mich nur weiter aufbringen würden. Mir missfällt, wie sich diese Behandlung entwickelt. Ich erinnere mich an die erste Sitzung, als ich tatsächlich noch glaubte, mich einer professionellen Therapie zu unterziehen. „Nun, Herr Doktor Spielreim, mich plagt eine lästige Schlafstörung. Ein Allgemeinmediziner hat mich angewiesen, Sie zu konsultieren; doch sicherlich haben Sie mit unzähligen Patienten meiner Sorte zu tun. Ich will Ihnen auch keine weiteren Umstände bereiten; sicherlich gibt es eine Arznei gegen diese Beschwerden.“ Doch Spielreim fragte zunächst genauer nach den Symptomen und Erscheinungsformen meiner Schlafstörungen, was in mir bereits einen ersten Unmut erweckte. Schließlich sind Schlafstörungen doch sicherlich keine Krankheitsfälle, mit denen sich dieser Doktor unnötig lange herumplagen wollte. Trotzdem forderte er mich dazu auf, Genaueres zu berichten. Ich beschrieb ihm also die Halluzinationen und die wachähnlichen Zustände, die mich des Nachts heimsuchen, in denen mir ist, als sei ich zwar hellwach, und in denen ich doch obskure Traumgestalten durch meine Räumlichkeiten wandeln sehe, bis ich merke, daß ich zwar in meinem Raume stehe, jedoch gerade erst wach geworden bin. Ich erzählte von meinem Problem, nur schwerlich Schlaf zu finden, und wenn es mir doch gelang, fühlte sich die Nachtruhe wie ein waches Ohnmächtigsein an, bei dem die Augen offen sind, der Körper aber gelähmt ist und deshalb keine Erholung findet. Schlafwandeln, Schlafstörungen: klassische Krankheitsbilder. Eine verdorbene Mahlzeit, eine körperliche Überreiztheit als Auslöser. Nicht der Rede wert. Es wird wohl ein simples Heilmittel geben, dachte ich. Doch Spielreim drückte mir stattdessen dieses Tagebuch in die Hand.

*

Mittwoch, 13. Mai 1925

Hindenburg ist seit mehr als zwei Wochen Reichspräsident. Ein Ehrenmann … ein Ordensmann … er hat für das Vaterland gekämpft … Alte Kalauer. Ich bin zu jung und zu alt gleichermaßen, um alten Träumen und Idealen nachzujagen. Das Kaiserreich will wieder erblühen wie ein längst gepflückter Klatschmohn in einer Vase voller giftigen Wassers. Für einen kurzen Moment wird es vielleicht erstarken. Für den Bruchteil eines Augenblicks wird es vielleicht aufleben und den Anschein erwecken, in unglaublicher Schönheit zu erstrahlen. Aber dann wird sich zeigen, wie fürchterlich verrottet es bereits ist.

*

Samstag, 16. Mai 1925

Unglaublich, daß ich tatsächlich regelmäßig dem Rat meines Doktors folge und dieses Buch nutze, um meine Gedanken und Träume darin zu vermerken. Alles in mir sträubt sich, den heutigen Eintrag zu Ende zu bringen, und fast möchte ich das Buch gegen die Wand schleudern, würde ich mich nicht anschließend dieser Unbeherrschtheit schämen müssen. Ich will also, Gott allein weiß welchen Werten zuliebe, meinen einmal begonnenen Eintrag auch zu Ende schreiben. Der Traum der letzten Nacht hat mich erstaunlicherweise fasziniert, so schwer es mir auch fällt, dies zuzugeben.

Während des Traumes war mir im Übrigen vollkommen bewusst, daß ich träumte – das war das Schöne daran. Ich musste meinen Geist nicht bemühen, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden, zu deuten, welche bizarren Absonderlichkeiten mich umfingen und was alles letztlich den Regeln der Vernunft und der Logizität zuwiderlief. Ich war meinem Verstand keine Rechenschaft schuldig über die Bilder, Geschehnisse und sonstigen skurrilen Begebenheiten, die sich in den verworrenen Sphären menschlicher Träume abspielen können und die er letztlich verarbeiten muss. Ich stand auf einer vom Mondlicht übergossenen großen Zierwiese – vielleicht auch in einem privaten Park, der wohl zu einem größeren Anwesen gehören musste. Im nächsten Moment, ohne wahrgenommen zu haben, wie es zu diesem Ortswechsel gekommen war, stand ich schlagartig am Rande dieser Wiese; an einem Punkt, den ich zuvor mit meinen Augen anvisiert hatte. Dieser Punkt war der Übergang des Zierrasens in einen kleinen, privaten Wald. Es gab keinen Pfad, der hineinführte – das Unterholz war vollkommen verwachsen und ermöglichte nur schwer ein Betreten – dennoch bahnte ich mir einen Weg durch mondbeschienene Farne und buschige, dunkelgrüne Ranken. Ich wurde noch am Eingang dieses Buchenhaines einer von Lianen und anderem Gewächs umschlungenen Marmorskulptur gewahr, die ich, nach näherer Betrachtung, als das Abbild der Göttin Venus erkannte. Getrieben von einer mir unbekannten und unerklärlichen Kraft zog es mich tiefer in den dichten Hain hinein, immer weiter; bis ich an einen von Röhrichten, Teichbinsen, Halmen und Schilfrohren umrahmten Zierweiher gelangte, inmitten dieses Zauberhaines. Auf dem Wasser sah ich eine aufwändig mit allerlei Stuck geschmückte und in verschiedensten exotischen Farben gehaltene und mit samtenen Tüchern verzierte Gondel treiben, in der regungslos eine zierliche, junge Frau ruhte. Weiß leuchtende Seidentücher hüllten sie ein, die sie im Herzen dieses Zierweihers wie einen funkelnden Diamanten in dem milchig blauen Schein des Mondes erstrahlen ließen. Die Gondel trieb, keinen bestimmten Kurs verfolgend, durch das Gewässer und schob dabei sanft einige Seerosen beiseite. Ich beobachtete gebannt dieses Schauspiel, bis der Nachen sich schließlich geisterhaft in meine Richtung zu bewegen begann. Begierig darauf, einen Blick aus den Augen der jungen Frau aufzufangen, sehnte ich den Moment herbei, daß die Barke sich so weit zu mir drehte, dass meine Gestalt in ihr Blickfeld geriet. Wie von einer Sirene verzaubert und in Trance versetzt, bemerkte ich nicht, daß ich, mich immer weiter über den Rand des Weihers vorneigend, kurz davor stand, in das Wasser zu fallen. Und just in dem Moment, da sich mir die Lichtgestalt zuzuwenden schien, stürzte ich, dergestalt abgelenkt, ins Wasser und sank betäubt, ohne meine Glieder rühren und mich gegen das Ertrinken zur Wehr setzen zu können, auf den Grund des Sees. Meine weit geöffneten Augen nahmen durch das trübe Gewässer hindurch an der Oberfläche den Saum eines langen Gewandes wahr, das eine blasse Hand aus der Barke gleiten ließ; allein mir zum Spott, so schien es mir. Ich ertrank.

*

Montag, 18. Mai 1925

Hoffner rief Gunten heute in sein Bureau. Er ist unzufrieden mit dessen Arbeit, mit dessen Moral; mit dessen gesamtem Wesen! Wie recht er hat! Ein schadhaftes Zahnrad im Getriebe sei Gunten, so sagte Hoffner. Beiläufig drangen einige Fetzen der Vorhaltungen Hoffners an mein Ohr, ihrer Vervollständigung bedurfte es nichts weiter als meiner eigenen Gesinnung. Ich verfolge seit Langem mit einer stillen Freude Hoffners Kunst, dieses Unternehmen zu führen. Sein rationales, logisch handelndes Wesen ist mir oberstes Ideal. Gunten hingegen ist ein unwürdiger Taugenichts. Und ebendas hielt ihm Hoffner heute vor. Als ein kleines, bedeutungsloses Zahnrad sei es seine einzige Aufgabe, sich zu drehen. Er solle sich drehen, drehen und nichts als verdammt noch mal drehen! Im Rhythmus bleiben! Wie im gleichmäßigen Takt eines zu einem harmonischen Walzers tanzen die kleinen Rädchen in unserem System. Jedes von ihnen muss sich zuvorderst zweier Dinge befleißigen: nämlich die anderen Rädchen nicht bei ihrer Umdrehung zu behindern und nicht seinen eigenen, ihm vorgegebenen Rhythmus zu verlieren. Beide Bedingungen sind selbstverständlich unweigerlich miteinander verknüpft. Gunten ist angetrunken zur Arbeit erschienen und konnte seinen Pflichten nicht in vollem Umfang nachkommen. Damit hat er sowohl uns anderen Rädchen Sand ins Getriebe gestreut als auch seinen eigenen Rhythmus verloren. Verdammt! Wenn ein Zahnrad abgenutzt ist und sich nicht mehr in einem präzisen Zyklus dreht, muss es erbarmungslos zertrümmert und durch ein neues ersetzt werden. Das Uhrwerk darf nicht stehen bleiben. Das große Ganze muss weiterlaufen, fortschreiten in seiner Bewegung und es muss die kleinen wertlosen Partikel fortfegen, die ihm im Wege stehen. Gunten solle sich hüten, so Hoffner, zu solch einem Partikel zu werden. Ich hasse Gunten. Ich frage mich, warum sich Hoffner der Schwäche hingegeben hat, Gunten nicht unmittelbar aus der Kanzlei zu entfernen, sondern ihn lediglich zu verwarnen und ihm ein Monatsgehalt zu streichen. Gunten ist jemand, der immer die falsche Entscheidung treffen wird.

*

Dienstag, 19. Mai 1925