Flut aus schwarzem Stahl - Anthony Ryan - E-Book

Flut aus schwarzem Stahl E-Book

Anthony Ryan

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Beschreibung

Anthony Ryan ist zurück – und mit ihm eine neue Zeit des Zorns Das Land Ascarlia ist ein sagenumwobenes Reich, das seit Jahrhunderten von den Schwesternköniginnen regiert wird. Niemand hat je gewagt, ihre Herrschaft in Frage zu stellen. Bis jetzt. Gerüchte berichten von Langschiffen mit tätowierten Kriegern, die unter den Bannern eines mörderischen Kultes segeln, der lange für ausgestorben gehalten wurde. Eine Flut aus schwarzem Stahl, die alles zu verschlingen droht ... Thera von Schwarzspeer, die bevorzugte Dienerin der Schwesternköniginnen, wird beauftragt, die Wahrheit hinter den Gerüchten aufzudecken. Während sie gen Norden segelt, begibt sich ihr verhasster Bruder Felnir auf seine eigene Reise. Er hofft, die Gunst der Königinnen auf Kosten seiner Schwester zu sichern. Beide Geschwister – gemeinsam mit einem brillanten jungen Schreiber und einem Gefangenen mit einer erschreckenden, urtümlichen Macht – werden eine Rolle im heraufziehenden Sturm spielen. Zwischen dem Zwist der Geschwister und den unerbittlichen Machtkämpfen am Hof der Königinnen hat die Zeit des Zorns begonnen ... Flut aus schwarzem Stahl ist der packende Auftakt zu einer neuen epischen Fantasy-Blockbuster-Serie des internationalen Bestsellers Anthony Ryan, dessen Bücher sich weltweit mehr als eine Million Mal verkauft haben.

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Seitenzahl: 907

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dies ist der Umschlag des Buches »Flut aus schwarzem Stahl« von Anthony Ryan, Sara Riffel

ANTHONY RYAN

Flut aus schwarzem Stahl

Zeit des Zorns Band 1

Aus dem Englischen von Sara Riffel

KLETT-COTTA

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Hobbit Presse

www.hobbitpresse.de

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart

Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »A Tide of Black Steel: Book One of The Age of Wrath« im Verlag Orbit, London

© 2024 by Anthony Ryan Media Ltd.

All rights reserved including the rights of reproduction in whole or in part in any form.

Für die deutsche Ausgabe

© 2026 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte sowie die Nutzung des Werkes für Text und Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vorbehalten

Cover: Birgit Gitschier, Augsburg

unter Verwendung der Daten des Originalverlags; Little, Brown Book Group Ltd., Cover-Abbildungen: © Unsplash, © Shutterstock (Dmitrijs Bindemanis, Gilmanshin, Fresnel, Patalakha Sergii, iobard, Algol)

Karte: © Anthony Ryan

Gesetzt von Doerlemann Satz, Lemförde

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-96641-1

E-Book ISBN 978-3-608-12531-3

Für Frank Frazetta – ein heller Sonnenstrahl der Fantasykunst

Karte

Teil 1

»Lasst jede Hand das Schwert kennen. Alle Ascarlianer sollen Krieger sein. Und der Kampf sei unser Ruhm.«

Ulthnir Horuhnklehr – der Weltenschmiedaus dem Altvar Rendi

Kapitel 1

Ruhlin

Der Morgennebel hatte sich noch nicht gelichtet, als er das rote Segel sah. Anfangs war es nur ein vager Umriss im blassgrauen Dunst, ein dunkler Fleck, der nach ein paarmal Blinzeln eine blutrote Färbung annahm. Während Ruhlin das Segel noch neugierig betrachtete, bemerkte er, dass sich darauf ein Symbol befand. Das Segeltuch flatterte in der steifen Brise, die über den selten ruhigen Wassern des Styrnspeldter Meeres wehte, und nach einem weiteren Blinzeln erkannte er das Zeichen von Ulthnir, dem Ersten der Götter, mit gekreuztem Hammer und Schwert. Ihre Anordnung unterschied sich jedoch von dem Motiv, das oft in Türstürze geritzt wurde und auch die alte Statue auf Aslyns Hügel zierte. Die gekreuzten Waffen zeigten mit der Spitze nach unten statt nach oben. In der Wiege von Heft und Griff befand sich ein weiteres Symbol, das Ruhlin nicht kannte. Es sah aus wie ein bizarres Dornengestrüpp, das eine geschwungene Linie bildete.

»Was hältst du davon?« Er drehte sich zu Irhkyn um.

Der mahkla sah nicht von seiner Arbeit auf – er schaufelte gerade mit einem Spaten feuchten Sand aus dem Loch, das sie gegraben hatten. Die alte, rostige Kette an seinem Hals rasselte im Rhythmus seiner Bewegungen. Anders als die meisten, die die Kette eines Schuldknechts trugen, drückte Irhkyn sich nicht vor der Arbeit. Übellaunig und barsch, aber nie faul, und Ruhlin wusste auch, warum: Jeder Arbeitstag, den er zur Zufriedenheit von Ruhlins Großmutter ableistete, hieß ein Tag weniger der Knechtschaft.

Ruhlin war – im Haus seiner Großmutter schlicht unvermeidlich – am Morgen früh aufgewacht. »Los, aufstehen und raus aus dem Haus!«, hatte Bredda befohlen und mit ihrem alten Stock gegen sein aus Treibholz gezimmertes Bett geklopft. »Die Arbeit ruft, Junge!«

Bei seinem ersten Erwachen in ihrem Haus, vor knapp fünf Jahren, hatte er schmerzhaft erfahren müssen, dass seine Großmutter auch nicht davor zurückschreckte, ihn ihren Eichenholzstock spüren zu lassen, sollte er trödeln. An diesem Morgen war er stark in Versuchung gewesen, ein paar Schläge zu ertragen, wenn er dafür nur etwas länger im Bett bleiben konnte. Am Abend zuvor hatte seine Cousine Mirhnglad ihre Verlobung gefeiert – ein lärmendes Fest, bei dem Bier und Met in Strömen geflossen waren. Alle waren da gewesen, alle, die in Buhl Hardta wohnten, und sogar noch ein paar Leute aus den umliegenden Skyrns. Nachdem die Zeremonie vorbei und das große Lagerfeuer auf dem Dorfplatz angezündet worden war, wurden Lieder gesungen, Fisch und Fleisch geröstet, Fässer angezapft und Flaschen entkorkt. An den Genuss von Alkohol war Ruhlin nicht gewöhnt. Bredda wollte keinen im Haus haben. Sie sagte, er hätte seinen Vater in den Ruin getrieben – das und das Würfelspiel.

»Hände, die nie nach einem Ruder oder einer Schaufel gegriffen haben, langten beim Trinkhorn oder beim Wetten umso eifriger zu«, hatte sie Ruhlin mehr als einmal erzählt und ihm dabei ihren Stock in Beine oder Bauch gepiekt, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Er hatte schon öfter bei sich gedacht, dass sein armer ertrunkener Vater sich vielleicht seltener dem Trinken und Spielen zugewandt hätte, wäre das Haus seiner Mutter einladender gewesen.

Aber das war undankbar. Bredda hatte ihn bei sich aufgenommen, nachdem das Boot seines Vaters während des großen Sturms untergegangen war. Ihre Tür hatte offen gestanden, als so viele andere sich vor ihm verschlossen hatten. Das Leben auf den Äußeren Inseln war hart und ein weiterer Mitesser nur selten erwünscht. Manchmal fragte er sich, ob die Bewohner von Buhl Hardta ihn in jenem Winter wohl hätten verhungern lassen, obwohl er mit mindestens der Hälfte von ihnen verwandt war. Trotzdem konnte er sie nicht hassen. Ihm war es immer schon schwergefallen, Groll zu empfinden, geschweige denn wütend zu werden oder zu fluchen. Das hatte ihm den Spitznamen Ruhlin ehs Kestryg eingebracht: Ruhlin der Stille.

»Woher zum Henker soll ich das wissen?«, sagte Irhkyn jetzt – seine Antwort auf die meisten Fragen, selbst wenn sie von Leuten wie Ruhlins Onkel Dagvyn, Mirhnglads Vater und Uhlwald des Dorfes gestellt wurden. Für gewöhnlich trug eine solche Aufsässigkeit einem mahkla eine Tracht Prügel ein. Seiner Statur und seinem martialischen Ruf wegen hatte Irhkyn in der Hinsicht jedoch nichts zu befürchten. Bevor er sich verschuldet und Schande über sich gebracht hatte, war er weit gesegelt, hatte ferne Länder überfallen und in Schlachten gekämpft. Von diesen Abenteuern erzählte er Ruhlin aber nur selten, meistens brütete er lieber schweigend vor sich hin.

Jetzt schaufelte Irhkyn noch mehr Sand aus dem Loch und knurrte zufrieden, als er inmitten der körnigen Klumpen Würmer zappeln sah. »Endlich mal eine ordentliche Ausbeute. Vielleicht gehen uns morgen ja sogar ein paar Lachse an die Angeln.«

»Da«, beharrte Ruhlin, stieß Irhkyn an der Schulter an und deutete in den Nebel. »Das ist ein Segel, oder?«

Der mahkla schnaubte verärgert und hob endlich den Kopf. »Der Wasserstand ist zu niedrig. Und wer lässt schon ein Schiff auf dem Sand aufsetzen, wenn es nur einen Steinwurf entfernt einen ordentlichen Hafen gibt …?«

Irhkyn verstummte, als er den Umriss im Nebel sah. Seine schweren blau tätowierten Brauen verzogen sich zu einem Stirnrunzeln. Er richtete sich auf und packte den Griff seiner Schaufel fester. Ruhlin sah, wie seine Knöchel weiß hervortraten. Auch die Haltung des mahkla veränderte sich. Er zog die Schultern nach vorn, die Knie leicht gebeugt, die Füße im breiten Stand. Dagvyn und die anderen Erwachsenen des Dorfes nahmen stets eine solche Haltung ein, wenn sie ihre Kinder im Umgang mit Schwert oder Speer unterwiesen. Ruhlins eigener Vater hatte ihn nie das Kämpfen gelehrt, obwohl er wie Irhkyn in seiner Jugend weit gesegelt war und Schlachten erlebt hatte.

»Kennst du das Symbol?« Leichte Besorgnis regte sich in Ruhlins Brust, als Irhkyn wie gebannt auf das Segel starrte.

»Nein«, murmelte der mahkla. »Hab es noch nie zuvor gesehen.« Ruhlin fand, dass sein Tonfall irgendwie bedeutungsschwer klang.

»Bei so einem riesigen Segel muss es ein großes Boot sein, nicht wahr? Vielleicht zu groß für den Hafen, und deshalb haben sie hier angelegt.«

»Kein Boot«, berichtigte ihn Irhkyn. »Ein Langschiff. Und ja, es ist riesig.« Er hielt inne und musterte mit verengtem Blick die Umgebung des roten Segels. »Außerdem ist es nicht allein.«

Der mahkla besaß scharfe Augen, denn jetzt sah auch Ruhlin rechts neben dem ersten Segel zwei weitere im Nebel auftauchen. Beide trugen dasselbe Symbol mit gekreuztem Hammer und Schwert und dem dornigen Etwas darüber. »Ist das ein Dornenbusch?« Er nahm seine Schaufel und trat einen Schritt vor. »Wir könnten sie fragen, was …«

»Nein.« Irhkyns große Hand legte sich schwer auf seine Schulter und hielt ihn fest. »Schiffe, die in der Nähe eines Hafens haltmachen, haben nicht die Absicht, Handel zu treiben, Junge. Komm.« Er drehte sich um und zog Ruhlin im Laufschritt hinter sich her. »Wir müssen das Dorf warn…«

Irhkyns Hand lag noch auf Ruhlins Schulter, deshalb spürte er, wie sie sich vor Schmerz verkrampfte, bevor sie abglitt. Stöhnend stürzte der mahkla zu Boden. Aus dem Laut sprachen Wut und Verzweiflung.

»Irhkyn?« Ruhlin kam stolpernd zum Stehen. Eine gänzlich unvertraute und unangenehme Kälte durchströmte ihn, als er sah, wie Irhkyn zuckend am Boden lag und hustend rote Spritzer auf dem Sand verteilte. Ruhlins Herz hämmerte, und er zögerte noch ein paar Schläge lang, fasziniert von der tiefroten Farbe von Irhkyns Blut und dem langen mit Möwenfedern befiederten Pfeil, der ihm aus dem Rücken ragte. Womöglich hätte er noch länger gezaudert, hätte der mahkla ihn nicht mit seiner riesigen Hand am Knöchel gepackt und zu Boden gezogen. Ein Zischen von verdrängter Luft und eine flackernde Bewegung, dann starrte Ruhlin auf einen zweiten Pfeil, der weniger als einen Meter entfernt mit noch zitterndem Schaft im Sandboden steckte.

»Lauf!«, keuchte Irhkyn, und frisches Blut strömte aus seinem Mund hervor. Ruhlin sah ihm in die unversöhnlichen blaugrauen Augen. »Warne sie …« Ein Zucken durchlief den Körper des sterbenden mahkla, sein Griff löste sich von Ruhlins Knöchel, und sein Kopf sank langsam auf den feuchten Sand. »Lauf …«

Von Panik erfüllt atmete Ruhlin ein. Er betrachtete den reglosen Körper seines Freundes. Der Seewind ließ die Federn am Pfeil flattern. Er kannte Irhkyn seit seiner Kindheit. Damals hatten sie Seite an Seite auf dem Boot von Ruhlins Vater gearbeitet, bevor eine Wette zu viel den berühmten Krieger zu einem mahkla gemacht hatte, einem Unfreien, der dazu verdammt war, seine Schulden abzuarbeiten oder das gefürchtete Schicksal der Verbannung zu erleiden. Jetzt war er tot – sein Leben in Sekundenschnelle ausgelöscht. Eine unmögliche, schreckliche Wahrheit.

Das harte, kurze Sirren aus der Richtung der roten Segel machte Ruhlins Unentschlossenheit schließlich ein Ende. Den Klang einer Bogensehne kannte er nur zu gut. Mit einem ängstlichen Aufschrei rollte er sich ein Stück über den Boden. Der Pfeil landete mitten in dem Abdruck, den er im Sand hinterlassen hatte. Schluchzend rappelte er sich auf und rannte los. Wieder sirrten Sehnen, doch Ruhlin war zwar nicht der stärkste, dafür aber wenigstens der flinkste Junge in Buhl Hardta. Er hörte das Prasseln herabregnender Pfeile, sog noch mehr Luft ein und rannte schneller. Gleich darauf hatte er die grasbewachsenen Dünen erreicht, die ihm Deckung boten. In den Monaten danach würde er sich allerdings oft fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn einer der tödlichen Pfeile sein Ziel getroffen hätte.

Noch bevor er die Klippen südlich von Buhl Hardta erklommen hatte, nahm er den Rauch wahr – ein beißender Gestank, der mit jedem Schritt die Anhöhe hoch noch stärker wurde. Dagvyn! Der Name war ihm bei seiner Flucht vom Strand ständig durch den Kopf gegangen. Such Dagvyn! Als Uhlwald des Hafenstädtchens und offizieller Vertreter der Schwesterköniginnen auf der Insel würde Dagvyn wissen, was zu tun war. Er würde das Dorf zu den Waffen rufen. Er würde die Alten und die Kinder in die Halle des Uhlwalds bringen. Gegen die unsichtbaren Eindringlinge auf den Langschiffen mit den roten Segeln würde ein Kampf entbrennen, aber er würde kurz sein, denn Buhl Hardta war der Hafen, der am äußersten Rand des Gebietes der Schwesterköniginnen lag. Hier lebten die abgebrühtesten Menschen im ganzen großen Reich. Hier gab es Krieger, die fast so weit gereist waren wie Irhkyn, und manche, die es sogar an Ruhm mit ihm aufnehmen konnten. Dagvyn selbst hatte sich einen Namen gemacht, als das Fjordland von dem verhassten Diebeskönig von Albermaine zurückerobert worden war …

All diese Gedanken schlugen jedoch in erschrockene Verzweiflung um, als er schwer atmend und mit vor Erschöpfung zitternden Gliedern zur Kuppe der Klippen hochkroch und die Halle des Uhlwalds in Flammen stehen sah. Das Feuer schien auf dem Dach begonnen zu haben. Geworfene Fackeln oder Feuerpfeile hatten die alte Reeteindeckung in Brand gesteckt und ein Inferno erzeugt, das inzwischen das ganze Gebäude erfasst hatte. Der Rauch legte sich wie eine Decke über Buhl Hardta, die jedoch nicht so dicht war, dass die anderen brennenden Gebäude nicht mehr zu sehen gewesen wären. Gethoras Schuppen, Loffars Schmiede, der Speicher seiner Großmutter, in dem sie Stockfisch für die jährlichen Abgaben lagerte, alle brannten sie lichterloh in den dahintreibenden Schwaden.

Ruhlins Grauen nahm noch zu, als er die Geräusche hörte, die aus dem Rauch drangen. Erkannten seine Augen nur huschende Schatten, so vernahmen seine Ohren die Schreie mit schrecklicher Klarheit. Manche waren schrill und angsterfüllt und brachen schnell ab. Andere erinnerten an das lange, gepeinigte Kreischen von Schweinen, die zur Schlachtbank geführt wurden. Ein Tumult zu seiner Linken ließ ihn den Blick auf den Hafen richten, wo der Rauch dünner war. Er sah eine Ansammlung vager Umrisse am Kai. Wütende und gequälte Schreie erklangen von dort, und er glaubte, das Klirren von Metall zu hören. Es wird also doch gekämpft, dachte er, aber seine aufkeimende Hoffnung schwand, als ein Windstoß den Rauch auseinandertrieb und ein breites rotes Segel mit dem Symbol von Hammer, Schwert und Dornenbusch zum Vorschein kam.

Da Ebbe herrschte, lag die Reling des Langschiffs unterhalb der Kante der Hafenmauer. Es war das größte Gefährt, das Ruhlin je gesehen hatte. Die Bauweise des Rumpfes mit den breiten, sich überlappenden Planken war ihm vertraut, nicht aber der dornenbesetzte eiserne Rammbock, der aus seinem Bug ragte. An Deck waren Leitern aufgerichtet worden, damit die Schiffsinsassen die Hafenmauer hochklettern konnten, wo sie auf Widerstand stießen. Das hinderte sie jedoch nicht daran, ins Dorf einzudringen, um dort Feuer zu legen und zu morden.

Unentschlossen kauerte Ruhlin im Gras. Sollte er sich dem Kampf anschließen oder Bredda suchen gehen? Er hatte keine Waffen – die Schaufel hatte er am Strand liegen lassen, und nur das Schuppmesser steckte in seinem Gürtel. Beschämt kam er hoch und lief auf den Dorfrand zu. Seine Großmutter brauchte ihn. Er würde sie in Sicherheit bringen, sich dann mit einer Holzaxt bewaffnen und in den Kampf stürzen. Doch während er den Hang hinunterstolperte, die Schreie seiner sterbenden Verwandten in den Ohren, zischte eine leise, schonungslos ehrliche Stimme in seinem Geist: Du wirst heute nicht kämpfen. Du wirst dich verstecken, du wertloser, feiger Hund.

Ruhlin knurrte wütend, drückte sich den Ärmel auf Nase und Mund und rannte weiter durch die Schwaden. Der Rauch war jetzt noch dichter geworden, er brannte ihm in den Augen und ließ Tränen über seine Wangen laufen. Hier und da erhaschte er einen Blick auf jemanden, dessen Gesicht in der Dunkelheit nicht zu erkennen war. Er hörte Gebrabbel von Leuten, die sich angstvoll zusammendrängten und gleich darauf von anderen angegriffen wurden, die sich schnell und zielstrebig bewegten. Einer der Angreifer trug einen Helm, dessen Form Ruhlin nicht kannte. Eine Flamme, die aus der Halle des Uhlwalds loderte, brachte den konischen Helm zum Glänzen. Er bestand demnach aus Eisen und nicht aus gehärtetem Leder wie bei den Kämpfern im Dorf. In den Händen der behelmten Gestalt funkelten ein Schwert und ein runder Schild mit Buckel.

Ruhlin verschloss seine Ohren vor den Schreien. Geduckt rannte er weiter. Nach ein paar Schritten stieß er gegen einen umgeworfenen Karren und prallte davon zurück. Er verlor das Gleichgewicht, rutschte auf dem feuchten Pflaster aus und landete unsanft auf dem Hosenboden. Als er die Hand von den nassen Steinen hob und sie betrachtete, sah er, dass sie rot war. Sein Blick fiel auf das starre Gesicht von Selvy, der Tochter von Loffar, dem Schmied. Die fröhliche Selvy war ein paar Jahre älter als er und besaß verlockende Kurven, die er als junger Mann nur bewundern konnte, doch nun war sie kein Mensch mehr, sondern bloß noch ein Ding. Ihr Gesicht mit den Apfelbäckchen war reglos, ihr Mund stand offen, und die Lippen entblößten ihre untere Zahnreihe. Die Zunge hing ihr aus einem Mundwinkel. Das Blut, auf dem er ausgerutscht war, strömte aus einer Wunde an ihrem Bauch. Inmitten des roten Schlicks waren bleiche schlangenähnliche Gedärme verteilt. Wieder verharrte Ruhlin, fasziniert von einem grausigen Detail: Diesmal war es der Dampf, der von Selvys Wunde aufstieg. Die Wärme ihres toten Körpers mischte sich mit dem wirbelnden Rauch.

Reib dich mit ihrem Blut ein und leg dich still auf den Boden, riet ihm die furchtbar ehrliche Flüsterstimme. Mit den Gedärmen auch, damit es möglichst echt aussieht.

Mit einem trotzigen Knurren kroch Ruhlin von der Blutpfütze weg und kam auf die Beine. Das Haus war jetzt nicht mehr weit entfernt, nur eine kurze Strecke zwischen Othyrs Schweinestall und dem Holzschuppen hindurch. Die Hütte, in der er mit Bredda wohnte, stand auf einer Anhöhe nahe dem Ostrand des Dorfs und schien, wie er erleichtert bemerkte, von den Flammen verschont geblieben zu sein. Über den steilen Anstieg zum Haus hatte er sich oft beschwert, aber Irhkyn hatte gesagt, seine Großmutter hätte es absichtlich dort errichtet, damit sie einen guten Überblick darüber hatte, was die Leute so trieben. Jetzt erklomm er eilig den Hang und stieß die robuste Tür auf, die unverschlossen war. Innen war das Rundhaus so sauber und ordentlich wie eh und je. Der Boden war gefegt, das Feuerholz aufgestapelt. Töpfe, Pfannen und Messer waren an ihrem Platz auf dem Arbeitstisch, wo Bredda wohlschmeckende Mahlzeiten zubereitete, wenn sie auch behauptete, er hätte sie seiner Faulheit wegen nicht verdient. Alles war, wie es sein sollte, nur von seiner Großmutter fehlte jede Spur.

Das Flattern von Wäsche im Wind zog ihn zur Hintertür, und Hoffnung flammte in ihm auf, als er sie öffnete. Dort fand er seine Großmutter schließlich. Nicht jedoch, wie er sich verzweifelt gewünscht hatte, damit beschäftigt, ein Schultertuch auf die Leine zu hängen, mit einem bissigen Spruch über den lästigen Rauch auf den Lippen. Nein. Bredda, Tochter von Ilthura, Mutter von Kultrun, Großmutter von Ruhlin, die, den Altvar sei Dank, mehr als sieben Jahrzehnte lang auf dieser Erde geweilt hatte, lag tot in ihrem Kräutergarten. Sie war mit einem einzigen Streich über die Kehle getötet worden, und dem Blut nach zu urteilen, das aus der Wunde strömte, war es noch nicht lange her. Ihre Züge waren so schlaff wie Selvys, wenn Ruhlin auch einen bestimmten Ausdruck darin bemerkte. Die hochgezogenen Brauen und geschürzten Lippen verrieten etwas, das er im Gesicht dieser Frau zu Lebzeiten nie gesehen hatte: Überraschung. Es faszinierte ihn noch mehr als alles andere Grausige, was er an diesem Tag gesehen hatte, so sehr sogar, dass er den Mann, der mit einem blutigen Messer in der Hand neben seiner Großmutter kauerte, erst gar nicht be-merkte.

Der Mann drehte sich zu Ruhlin um und richtete sich knurrend zu seiner vollen Größe auf. Er war ein oder zwei Zoll größer als Ruhlin und wirkte mit dem Eisenhelm, dem Kettenhemd aus breiten Ringen und den ledernen Armschienen wie ein unangreifbares Monster. Er legte den Kopf schief, und seine Augen verengten sich zu beiden Seiten des Nasenschutzes, während er Ruhlin betrachtete. Dann sagte er mit heiserer Stimme etwas in einer fremden Sprache. Die Worte, wenn es denn welche waren, verstand Ruhlin nicht. Er zuckte die Achseln, leicht verärgert darüber, bei seiner Betrachtung von Breddas absurdem Gesichtsausdruck gestört worden zu sein. Sie hat bestimmt etwas gesagt, entschied er. Nie im Leben ist sie wortlos gestorben.

Der Mann seufzte müde. Ruhlin schwankte, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und ihn festhielt. Der Fremde hob das blutige Messer und setzte es seitlich an seiner Kehle an. Ruhlin bemerkte es kaum, sein Blick löste sich von Breddas Gesicht und wanderte über ihren Körper. Sie hatte sich nie viel aus Schmuck gemacht und trug dasselbe schlichte, aber blitzsaubere Kleid aus selbst gesponnener Wolle wie immer. Heute bemerkte er jedoch einen Fleck darauf. Da, an ihrem Ärmel, nahe dem Handgelenk, dunkel und feucht. Ihm fielen auch die roten Spritzer auf ihrer Hand auf und die Klinge, die daneben lag, die kleine Sichel, mit der sie die Kräuter geerntet hatte.

Ruhlin erschauerte und spürte einen heftigen Ruck in seinen Eingeweiden. Er taumelte von dem eisenbehelmten Mann zurück, der wieder etwas in der unverständlichen Sprache brummte und Ruhlins Schulter fester packte. Ruhlin sah dem Fremden ins Gesicht, nicht furchtsam, sondern forschend. Er musterte die bärtigen Züge, die zu einer Grimasse verzogen waren. Unter dem linken Auge des Mannes bemerkte er einen noch blutenden Schnitt. Klein, aber tief genug, dass er genäht werden müsste.

Ruhlins Blick kehrte zum Gesicht seiner Großmutter zurück. »Sie hat also tatsächlich etwas gesagt«, murmelte er.

Das Schlingern in seinem Bauch verstärkte sich, als er die Klinge des Mannes an seinem Hals spürte. Sie drückte gegen seine Haut, verharrte jedoch. Der Mann runzelte die Stirn, seine Augen verengten sich und weiteten sich wieder, während er Ruhlins Gesicht betrachtete. Plötzlich erbleichte er und trat einen Schritt zurück. Die Hand auf Ruhlins Schulter erschlaffte und rutschte ab, genau wie vor Kurzem Irhkyns. Ruhlin wunderte sich über die Furcht des Mannes. Doch dann erschauerte er, als Schmerz in ihm aufflammte und sich in ein loderndes Feuer verwandelte. Der behelmte Kerl, der eben noch riesig gewirkt hatte, kam ihm mit einem Mal klein und verletzlich vor.

Wenn Ruhlin auch nur selten Hass empfand, so war er gegen Wut nicht gänzlich gefeit. Manchmal dauerte es etwas, bis sie sich regte, aber wenn doch, dann hatte sie selbst in seiner Kindheit schon furchterregend sein können. Sein Vater hatte ihm das damals oft vorgehalten. Jetzt empfand er angesichts des aufblühenden Zorns keine Scham. Er hieß ihn sogar willkommen und schürte das Feuer, das in ihm tobte, bis es zu einem Inferno wurde. Ein roter Schleier legte sich vor seine Augen, und er stieß ein Brüllen aus. Sein Mund kam ihm erstaunlich groß vor.

Er hörte ein Schreien, das Quietschen von zerdrücktem Metall und das Knirschen von Knochen. Danach brach das Schreien ab. Der Dunst lichtete sich, und er sah verbeultes Eisen und einen zermatschten Schädel in seinen Händen – Hände, die eindeutig zu groß waren, um seine eigenen zu sein. Er fragte sich, ob er zum Zeitpunkt seines Todes womöglich verrückt geworden war. Vielleicht hatten die Altvar ihm ja beim Betreten der Hallen von Aevnir diese schauderhafte Rachevision zum Geschenk gemacht. Wenn ja, dann blieb ihm keine Zeit, sich über die seltsame Belohnung zu wundern.

Ein wildes, hungriges Knurren drang an seine Ohren. Seine Riesenhände, die jetzt mit ebenso gewaltigen Armen verbunden waren, warfen den leblosen Leichnam fort, und der rote Nebel senkte sich wieder herab. An das, was danach folgte, würde Ruhlin sich nur wie an einen vagen Albtraum erinnern, wenn sich ihm auch einige Momente in furchtbarer Klarheit ins Gedächtnis einprägten. Ein zweiter Mann mit Eisenhelm schwang eine Axt nach seinem Kopf. Ruhlin fing die herabsausende Klinge mit bloßen Händen ab, die keine Verletzung davontrugen. Zum Glück verblasste die Erinnerung in dem Moment, als er dem Besitzer das Heft der Axt die Kehle hinunterzwang. Einen anderen erwischte es nahe der Halle des Uhlwalds. Der Mann trug keinen Helm, sodass sein rot tätowiertes Gesicht deutlich zu sehen war. Und auch sein angsterfüllter Ausdruck, als er sich brabbelnd in die Hose machte, bevor Ruhlin ihn zu Boden stieß. Die Schreie des Tätowierten freuten ihn, und er zerbrach mit seinen unfassbar großen Händen lachend Arme und Beine, als wären es Stöcke. Dann warf er die heulende Gestalt in die lichterloh brennende Ruine der Halle. Im Großen und Ganzen jedoch würde Ruhlin ehs Kestrygs Marsch durch die Überreste von Buhl Hardta eine Geschichte sein, die andere erzählten. Er selbst wusste kaum noch etwas davon.

Erst als er sich dem Hafen näherte, sah er wieder etwas klarer. Vermutlich lag es am Anblick der vielen Verwandten, die tot auf einem Haufen lagen, Gesichter und Körper vom Kampf gezeichnet. Sie hatten eindeutig tapfer gekämpft, ihre zahllosen Wunden zeugten von erbittertem Widerstand. Dennoch waren sie gestorben. Er richtete sich von dem noch zuckenden Leichnam eines Mannes auf, dessen Speerspitze bei dem Versuch abgebrochen war, sie ihm in die Kehle zu stechen. Wieder bot sich ihm ein grausiger Anblick, diesmal in Form der beiden Leichen, die sich oben auf dem Stapel befanden. Dagvyn lag halb über Mirhnglad, als hätte er versucht, sie vor einem tödlichen Hieb abzuschirmen. Wenn ja, dann hatte er versagt, denn Vater und Tochter waren beide tot.

Ein Schluchzen stieg in Ruhlins Brust auf, während er näher stolperte. Kurz war die Trauer stärker als die Wut. Letztere brannte immer noch hell, und er würde schon bald weiter die rotgesichtigen Fremden niedermetzeln, aber in diesem Moment zwang ihn der Kummer innezuhalten. Er konnte nicht behaupten, seinen Onkel sehr gemocht zu haben. Nach dem Tod von Ruhlins Vater hatte er ihm etwas zu essen und einen Schlafplatz im Schuppen gegeben, ihn aber nicht in sein Haus gelassen. Er war jedoch ein guter Uhlwald gewesen, stets gerecht in seinen Entscheidungen und streng darauf bedacht, die Gesetze der Schwesterköniginnen einzuhalten. Ruhlin hatte ihn nicht geliebt, aber er hatte zu seiner Familie gehört, und er würde ihn vermissen. Mirhnglad dagegen … Die hübsche Mirhnglad mit der sanften Stimme, die in der Nacht, als sein Vater nicht vom Meer heimgekehrt war, mit ihm zusammen geweint hatte. Seine freundliche goldhaarige Cousine, die bei jedem Fest mit einer Stimme sang, die nur ein Geschenk der Altvar sein konnte. Jetzt war ihr goldenes Haar feucht von Blut, ihre Hände waren rot verschmiert. Er hoffte, dass es das Blut ihrer Feinde war, das er nun bis zum letzten Tropfen vergießen würde.

Wieder stieg Wut in ihm hoch, gefolgt von dem roten Dunst, und Ruhlin nahm beides dankbar an. Ein unmenschliches Knurren drang aus seinem speicheltropfenden Mund. Er suchte die Hafenmauer nach möglichen Opfern ab und entdeckte nur eines. Eine schlanke Gestalt mit langem, dunklem Haar. Wie bei den anderen, die er getötet hatte, war auch ihr Gesicht rot tätowiert, wenn die Muster darin auch verschlungener und kunstvoller wirkten. Im Gegensatz zu ihren Landsleuten trug sie keine Rüstung, sondern einen Umhang aus Fuchspelz und robuste Lederkleidung. Eine Waffe schien sie nicht zu haben. Außerdem betrachtete sie ihn nicht mit Furcht, sondern mit Erstaunen in den geweiteten Augen.

Der rote Dunst engte sein Blickfeld ein, dennoch fiel ihm auf, wie schön die Frau war. Aber weder das noch ihre Furchtlosigkeit würde sie retten. Schnell überwand er die Entfernung zu seiner Beute und hob die blutverschmierten Hände. Als er jedoch bis auf ein Dutzend Schritt an die Frau heran war, hob sie ein kleines Metallröhrchen an die Lippen. Ruhlin verspürte einen stechenden Schmerz in der Zunge. Das plötzliche Aufflammen war so heftig, dass er stehen blieb und sich an den Mund griff, um den langen Metallpfeil herauszuziehen, der dort steckte. Als er zu der Frau hinsah, legte sie bereits das nächste Geschoss in das Röhrchen ein. Er taumelte vorwärts, musste jedoch feststellen, dass ihm seine Beine nicht mehr gehorchten. Stolpernd fiel er auf Hände und Knie. Statt des Schmerzes spürte er an der Stelle, wo eben der Pfeil noch gesteckt hatte, nun eine kalte Taubheit, die sich von seiner Zunge seine Kehle entlang ausbreitete und dann ihren eisigen, unaufhaltsamen Marsch durch seinen ganzen Körper fortsetzte.

Er versuchte aufzustehen und betrachtete seine Hand auf der Granitfläche des Kais, die zuckend kleiner wurde. Die dunklen, knotigen Adern verblassten, und die hervortretenden Sehnen wurden dünner, bis er wieder seine eigene Hand vor sich sah. Es war das Letzte, was er erblickte, bevor er in Dunkelheit versank. Zuvor hörte er jedoch noch eine Stimme, vermutlich die der tätowierten Frau. Im Unterschied zu den anderen sprach sie Alt-Ascarlianisch, auch wenn er die Bedeutung ihrer Worte da noch nicht kannte und sie erst später erfahren und dann hassen lernen würde: »Vyrn Skyra« – Feuerblut.

Kapitel 2

Thera

Halt!«

Das Schwert des Kriegers verharrte halb aus der Scheide gezogen, sein Arm war auf Theras Befehl hin erstarrt. Er war jung, ein paar Jahre jünger als sie. Wäre er älter gewesen, hätte er vielleicht gewusst, was ihr Erscheinen für sein weiteres Schicksal bedeutete, und hätte sich retten können. Ein Veteran hätte beim Anblick der Vellihrsbrosche an ihrem ledernen Harnisch vermutlich sofort das Schwert weggesteckt und wäre in der Nacht verschwunden. Aber die Jüngeren wollten sich immer beweisen, besonders wenn sie die Halle ihres Veilwalds bewachen durften. Theras herrischer Ton und ihre Brosche hielten den jungen Krieger nicht davon ab, Pflichtbewusstsein und möglichen Ruhm über Klugheit zu stellen.

Thera stach zu, bevor er das Schwert noch weiter herausziehen konnte. Sein plötzlich verengter Blick und die zusammengepressten Lippen hatten deutlich verraten, was er vorhatte. Die Spitze ihres schwarzen Speers traf ihn unter dem Kinn, durchbrach den Kieferknochen und bohrte sich in sein Gehirn. Ein schneller und, wie sie fand, leichterer Tod, als einer verdient hatte, der sich einer Dienerin der Schwesterköniginnen widersetzte. Sie zog ihren Speer heraus und fing den Leichnam auf, bevor er zu Boden fallen konnte, damit das Poltern und Klirren keine Aufmerksamkeit erregte. Der Lärm, der aus den schmalen Fenstern über ihr drang, hätte die Geräusche aber vermutlich sowieso übertönt.

Sie lehnte den Leichnam gegen die verwitterten Steine der Ostmauer und ging zur Vorderseite des Gebäudes. Der törichte junge Mann war nur eine der Wachen, die Kolsyg in dieser Nacht aufgestellt hatte. Im Dorf waren noch weitere verteilt, die sich in diesem Moment ebenfalls zwischen Pflichtbewusstsein und Klugheit würden entscheiden müssen. Die Krieger ihrer menda waren in solchen Dingen erfahren, und sie vernahm nur ein paar gedämpfte Schreie und Kampfgeräusche, als sie um die Ecke bog und die reich mit Inschriften verzierten Türen von Kolsygs Halle erreichte. Die davor postierten Krieger, ein Mann und eine Frau, wärmten sich ihre Hände an einem Kohlebecken. Den blau tätowierten Gesichtern und den Narben nach zu urteilen, waren sie Veteranen. Beide verhielten sich um einiges klüger als ihr junger Verwandter, als Thera in den Schein der glühenden Kohlen trat. Weder griffen sie nach ihren Waffen, noch versuchten sie, ihr den Weg zu versperren.

»Wir hatten nichts damit zu tun«, sagte die Frau und musterte Brosche und Speer. Thera konnte sich nicht erinnern, ihr schon einmal begegnet zu sein, aber die Geschichte des Vellihrs mit dem schwarzen Speer war wohlbekannt. »Haben ihm sogar davon abgeraten. Nicht wahr, Gryn?« Die Frau sah ihren Gefährten an, einen großen, kahlköpfigen Mann mit einem üppigen roten Bart. Strahlte die Frau zerknirschte Unterwürfigkeit aus, so spiegelten seine Züge grimmige Ergebenheit.

»Wir waren nicht dabei«, knurrte er. »Das ist die Wahrheit.« Er zögerte und straffte sich. »Aber ich gebe zu, dass ich mich meinem Veilwald auch nie widersetzt habe. Und ich werde dafür bezahlen, wenn das Gesetz es verlangt.«

Sie sind stolz. Ohne ein Wort wandte Thera sich von den beiden ab. Aber nicht so sehr, dass sie ihre Waffen ziehen oder sich mir in den Weg stellen würden. Die Erkenntnis stimmte sie zuversichtlich. Es würde das, was sie in dieser Nacht tun musste, einfacher machen.

Als sie nach dem großen Eisenring an der Tür griff, tauchten Eshilde und Ragnalt aus den Schatten unter dem Rand des Ziegeldachs auf. Nicht zum ersten Mal bemerkte Thera, dass die Umrisse der beiden im Dunkeln wie die einer Katze und eines Bären aussahen; die geschmeidige Eshilde mit dem kahl rasierten Schädel und Ragnalt mit dem zottigen Haar und dem schwarzen Bart – ein Sinnbild ascarlianischer Stärke. Sie sah, wie Eshilde mit einem Lappen die Klinge ihres Dolches abwischte, während Ragnalts Axt unbefleckt war.

»Der eine hat sich gewehrt, der andere nicht«, erklärte er und nickte zur Tür. »Brauchst du uns da drinnen?«

Thera schüttelte den Kopf, hob den Ring an und schob mit einem kräftigen Ruck die große Tür auf. Nach der rauchgeschwängerten Kälte im Hafen von Skor Hardta war es in der Halle des Veilwalds fast schon unangenehm warm. Dennoch ließ Thera ihren Zobelpelzumhang an. Anfangs ging das fröhliche Lärmen unvermindert weiter, doch dann verstummte es nach und nach, als die Leute die hochgewachsene Frau mit dem Speer bemerkten, die zielstrebig auf den Stuhl des Veilwalds zuging. Bald waren in der Halle nur noch ihre Schritte zu hören und das stete Klirren ihres Speers auf den Bodenfliesen.

Die Menge der Stadtbewohner teilte sich vor ihr. Die jüngeren wirkten neugierig oder trotzig, die Mienen der älteren zeigten dieselbe säuerliche Ergebenheit wie der stolze Gryn draußen. Obwohl sie ihre Augen nicht länger irgendwo verweilen ließ, nahm sie mit ihrem erfahrenen Blick diejenigen wahr, die an diesem Abend Waffen trugen. Es waren vor allem die besser gekleideten – welcher wohlhabende Ascarlianer würde auf dem Fest eines Veilwalds nicht mit einem kostbaren Schwert an seinem Gürtel erscheinen? Die meisten hingegen hatten höchstens ein Messer dabei, um das Fleisch des riesigen Ebers abzuschneiden, der an einem Spieß über der Feuerstelle hing.

Kolsyg Ehflud, genannt Salzhaut wegen seiner vielen Heldentaten auf See, Veilwald des Skor Gelds, trug dagegen kein Schwert. Stattdessen saß er auf einem Stuhl mit hoher Lehne und hatte eine Hand auf das Heft einer Doppelaxt gelegt. Die Waffe zog Theras Blick mehr an als ihr Besitzer, denn sie war wirklich prächtig. Beide Klingen waren frei von Rost und Abnutzung und so geformt, dass sie wie die Flügel eines Schmetterlings aussahen. Die Ränder glänzten hell, der Rest jedoch war schwarz und mit uralten Runen verziert, die sich in eleganten silbernen Bögen über das dunkle Metall zogen. Mit Runen kannte Thera sich nicht so gut aus, den Namen, der in den Stahl eingraviert war, konnte sie jedoch mühelos entziffern und ebenso die Liste der Heldentaten darunter. Dass dort nicht Kolsyg Ehfluds Name stand, sondern ein weitaus älterer und berühmterer, sagte viel darüber aus, welche Schuld der Veilwald auf sich geladen hatte und mit welcher Schamlosigkeit er sie offen zur Schau stellte.

»Also«, sagte er scheinbar leutselig, »da seid Ihr ja endlich, treue Hündin der bösartigen Schwestern.« Dabei lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück, einem beeindruckenden Möbelstück, das über und über mit den geschnitzten Symbolen der Altvar verziert war. Grinsend behielt Kolsyg eine Hand auf der gestohlenen Axt, während er mit der anderen ein Trinkhorn an die Lippen hob.

Thera sagte nichts, sondern blieb neben der Feuerstelle stehen. Sie lehnte den Speer an ihre Schulter und streckte die Hände aus, um sie an der Hitze der brennenden Holzscheite zu wärmen. Der Rauch roch nach Apfelholz und würde dem Fleisch des Ebers eine besondere Note verleihen. Als sie hochschaute, brachte der Anblick der Sterne durch das Loch des Abzugs im Dach sie zum Lächeln.

»Seid Ihr nur hier, um mich zu beleidigen, Frau?«, fragte Kolsyg. Die Heiterkeit war ebenso schnell aus seiner Stimme gewichen, wie der Rauch durch das Loch im Dach verschwand. »Wollt Ihr nicht zumindest die Bedingungen Eurer Herrinnen vortragen, damit ich sie ablehnen kann?«

Wieder sagte Thera nichts, drehte sich jedoch um und musterte noch einmal die Axt des Veilwalds und den Rest des Schatzes, der neben seinem Stuhl aufgestapelt war. Auf einen Haufen geworfen, sah er, trotz seiner berühmten Herkunft, nur wie eine armselige Sammlung von Beutegut aus. Alte, rostige Schwerter und Dolche stapelten sich neben verwitterten und rissigen Bögen. Doch es fanden sich auch einige echte Reichtümer darunter. Eine offene Truhe war randvoll mit Silberstücken und -ketten, herrlichen juwelenbesetzten Kelchen und Armreifen. Der größte Schatz blieb aber natürlich die Axt: die Waffe von Gythrum Fihrskard, genannt Schreckensaxt, der berühmteste ascarlianische Krieger aller Zeiten.

Ein leichtes Flackern der Schatten, die sich auf der Axtklinge spiegelten, lenkte Theras Blick auf die andere Seite von Kolsygs Stuhl, wo sich ihr ein Anblick bot, der noch faszinierender war als der des gestohlenen Schatzes. Das Mädchen lehnte sich gegen den Stuhl des Veilwalds und umklammerte mit beiden Händen seine Armstütze. Ihr ovales Gesicht war von einem Vorhang aus rabenschwarzem Haar verhüllt, was in Ascarlia eine Seltenheit war. Sie trug ein einfaches Baumwollkleid, das trotz des fehlenden Schmucks auf ihren Stand hindeutete: Nur die Tochter des Veilwalds würde sich in einen solch teuren fremdländischen Stoff kleiden. Obwohl das Kleid schlicht war, fand Thera, dass es ihre schlanke Gestalt besser betonte, als es Spitze und Seide vermocht hätten. Über die Schönheit von Kolsygs einziger Tochter waren viele Geschichten im Umlauf, aber sie jetzt tatsächlich vor sich zu sehen, war … eine Ablenkung. Das Mädchen blickte Thera blinzelnd an, mit großen saphirblauen Augen, in denen weder der Trotz ihres Vaters noch die Unterwürfigkeit seiner Verwandten zu lesen war. Stattdessen wirkte sie einfach nur traurig.

»Schaut meine Tochter nicht an!« Kolsygs höfliche Fassade löste sich gänzlich in Luft auf. Er sprang auf und hob mit beiden Händen die Axt. »Reicht es nicht, dass Ihr meine Halle durch Eure Anwesenheit beleidigt? Müsst Ihr auch noch Euren lüsternen Blick auf die einzige Erbin eines Veilwalds richten …«

»Es gibt keine Bedingungen.« Obwohl sie leise gesprochen hatte, durchbrachen Theras Worte die Tirade des Veilwalds so leicht wie eine Klinge, die durch morsches Holz hackt. »Und auf Befehl der Schwesterköniginnen seid Ihr auch nicht mehr Veilwald des Skor Gelds.«

Sie hörte das nervöse Murmeln der Anwesenden. Hier und da bemerkte sie Zorn, aber vor allem war es das beunruhigte Getuschel von Leuten, die unfreiwillig Zeugen eines Ereignisses wurden, das womöglich in Blutvergießen enden würde. Kolsyg selbst hielt sie weiter fest im Blick. Er wandte sich nicht mit flehender Miene an die Verwandten in seiner Halle oder die bewaffneten Mitglieder seiner menda, die links von ihm saßen. Es waren alles erfahrene Krieger, die entweder den Blick abwandten oder das Drama vor ihnen wachsam beobachteten. Dem einen oder anderen war sogar Vorfreude anzumerken. Offensichtlich war Kolsyg Ehflud nicht einmal in seiner eigenen Halle sonderlich beliebt.

»Wie viele von meinen Leuten habt Ihr getötet, um hier reinzukommen?« Kolsyg neigte das Kinn in Richtung von Theras feuchter Speerspitze.

»So viele wie nötig«, erwiderte sie. »Die meisten haben uns freiwillig durchgelassen. Von anständigen Leuten zu erwarten, dass sie für einen Mörder und Grabschänder ihr Leben geben, ist auch etwas viel verlangt.«

»Schänder nennt Ihr mich?« Kolsyg lachte barsch. »Was seid dann Ihr, weibische Dienerin von weibischen Königinnen? Die alles in den Dreck gezogen haben, was uns Ascarlianer ausmacht. Ihr infiziert uns alle mit Eurer Schwäche. Das hier«, er hob die Axt, »ist mein rechtmäßiges Eigentum. Gythrums Blut fließt in meinen Adern und bringt Feuer in meine Seele …«

»Dank einer Urgroßmutter, die eine Großnichte seines Vetters war, wenn mich nicht alles täuscht.« Wieder erstickten Theras Worte Kolsygs Wutrede mit Leichtigkeit. »Das Blut der Schreckensaxt muss wahrlich stark sein, um so viel Wirkung zu entfalten.«

Kolsyg antwortete nicht gleich, sondern senkte den Kopf und musterte sie finster. Dabei bemerkte sie ein seltsames Zucken in seinem Blick, das darauf hindeutete, dass er nicht mehr ganz bei Verstand war. Zugleich fielen ihr auch sein verfilzter, fettiger Bart und der Schmutz um seine Augen auf. Offenbar wusch er sich nicht mehr regelmäßig.

»Ich dachte, allein die Habgier hätte Euch töricht gemacht«, knurrte Thera düster. »Dass Ihr nur deshalb Erbstücke aus einem heiligen Hügelgrab gestohlen habt, um Euch zu bereichern und Anspruch auf weitere Ländereien zu erheben. Aber jetzt sehe ich, dass noch mehr dahintersteckt.« Bedauernd schüttelte sie den Kopf und schlug das Ende ihres Speers auf die Bodenfliesen. »Das Gesetz der Schwesterköniginnen macht jedoch leider keine Ausnahmen für Wahnsinnige.«

»In mir ist kein Wahnsinn, Schwachblütige.« Kolsyg beugte sich tiefer, umklammerte die Axt und trat einen Schritt vor. »Nur Wahrheit. Die Wahrheit der Uhltvar …«

Ihr Speer war nicht als Wurfwaffe gedacht, aber sie hatte diese Fähigkeit in monatelanger Übung perfektioniert. Einen Kampf durch eine überraschende Taktik beenden zu können, war immer besser, als sich auf ein Handgemenge mit ungewissem Ausgang auf engstem Raum einzulassen. Die Speerspitze bohrte sich in Kolsygs ungepanzerte Brust, durchstieß ihn von vorn nach hinten und nagelte ihn auf seinem Stuhl fest.

Uhltvar?, wiederholte Thera bei sich. Ein altes Wort aus alten Geschichten. Von einem Mann, der dem Tod ins Auge sah, kam es überraschend. Die Halle war jetzt von entsetzten und bestürzten Schreien erfüllt, doch Thera lief weiter zu Kolsygs Stuhl und beugte sich über ihn, um zu lauschen, ob der sterbende Veilwald noch etwas von sich geben würde. Aus seinem Mund kam jedoch nur dunkles Blut. Er warf ihr lediglich einen letzten hasserfüllten Blick zu und lächelte seltsam wissend. Dann verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse, als ihn ein Krampf durchzuckte. Kolsyg Ehflud erzitterte noch ein paarmal und hustete, bevor er schließlich leblos auf seinem Stuhl zusammensackte. Die schönen Schnitzereien waren blutbesudelt, und die Luft füllte sich mit dem Gestank seiner Ausscheidungen im Moment des Todes.

Thera stieß ein missmutiges Seufzen aus, richtete sich dann auf und wandte sich an die Halle. »Das Urteil der Schwesterköniginnen wurde vollstreckt. Jeder, der an der Rechtmäßigkeit zweifelt, soll jetzt sprechen und seine Klinge ziehen.«

Sie warf den Kriegern von Kolsygs menda einen bedeutungsvollen Blick zu, doch keiner von ihnen wollte ihr in die Augen sehen. Ihr verängstigtes Schweigen machte es ihr schwer, sich ihre Verachtung nicht anmerken zu lassen. Ob nun wahnsinnig, habgierig oder einfach nur töricht, Kolsyg war ihr Veilwald gewesen, dem sie einen Schwur geleistet hatten, ihm bis in den Tod zu dienen. Sie schnaubte angewidert und wandte sich dann Kolsygs Tochter zu. Wenigstens sie würde doch wohl etwas über ihren toten Vater zu sagen haben. Statt trotzig dreinzuschauen oder in Wehklagen zu verfallen, schenkte ihr das Mädchen jedoch keine Beachtung. Sie streichelte nur das schlaffe Gesicht ihres Vaters und wirkte noch trauriger. Dennoch weinte sie nicht, als sie Kolsygs Lider über den trüben, blicklosen Augen schloss. Der Anblick war Thera seltsam unangenehm, und sie wandte sich schnell den anderen Anwesenden zu, die angespannt und argwöhnisch aussahen.

»Rolnar Tarhrimvest.« Ihre Stimme hallte laut in der Stille wider. »Genannt Goldhaar. Tretet bitte vor.«

Kurz war ein Rascheln zu hören, dann schob sich ein stämmiger Mann aus der Menge. Er war mittleren Alters und vornehm gekleidet, mit einem Schwert an der Hüfte, dessen Gürtel teilweise unter einem mächtigen Bauch verborgen war. Der vermutlich einst prächtige Haarschopf, dem er seinen Namen verdankte, war inzwischen ergraut und nicht sehr gepflegt. Einige Strähnen lösten sich aus den Zöpfen, als er stehen blieb und sich vor Thera verneigte.

»Ich bin Rolnar, Vellihr Schwarzspeer.«

Wut stieg in Thera auf, doch sie unterdrückte sie. Den Namen hatte sie noch nie gemocht. Aber es war in ihrem Volk nun mal Sitte, dass man sich seinen Beinamen nicht selbst aussuchen durfte. Ob es ihr gefiel oder nicht, sie würde immer Thera Schwarzspeer bleiben oder Speldrenda in der alten Sprache.

»Ihr wart Buchführer des Veilwalds?«, fragte sie.

Rolnar schluckte, seine Stimme blieb jedoch beeindruckend ruhig. »Ja, das bin ich … war ich.«

»Auf Befehl der Schwesterköniginnen werdet Ihr so lange die Aufgaben des Veilwalds des Skor Gelds übernehmen, bis über Kolsygs Nachfolge entschieden ist. Mir wurde gesagt, dass er außer seiner Tochter keine weiteren Nachkommen hatte?« Sie blickte über die Schulter zu Kolsygs Erbin. Unter einem Tisch in der Nähe kam eine Katze mit grauem Fell angeschlichen, kletterte auf den Schoß des Mädchens und wölbte schnurrend den Rücken, als es sie streichelte.

»Richtig, Vellihr«, sagte Rolnar. »Lynnea ist sein einziges Kind. Es gab noch einen Bruder, den vor einigen Jahren die dritte Frau des Veilwalds zur Welt brachte, aber Mutter und Kind sind bei der Geburt gestorben. Nach diesem Schicksalsschlag begann Kolsygs Verstand, in bedauerliche Richtungen abzudriften.«

»Könnt Ihr bezeugen, dass seine Tochter mit seinen Verbrechen nichts zu tun hatte?«

»Ja, das kann ich.« Rolnar beeindruckte sie erneut, indem er zu Lynnea ging und ihr schützend eine Hand auf die Schulter legte. »Und zwar mit Nachdruck. Sie hat niemandem geschadet und sollte nicht nach den Taten ihres Vaters beurteilt werden. So ist es Gesetz, glaube ich.«

»Das stimmt. Trotzdem muss die Frage der Erbschaft geklärt werden.« Thera nickte in Richtung von Kolsygs Leiche. »Ob nun Gesetzloser oder nicht, ihr Vater besaß Ländereien und Güter. Und seine Tochter kann die Königinnen darum bitten, sie behalten zu dürfen. Außerdem darf sie Anspruch auf das Amt des Veilwalds erheben. So ist es gleichfalls Gesetz.«

Rolnar packte Lynneas Schulter fester, und sein Blick wirkte trotzig. Auch unter den anderen Anwesenden bemerkte Thera wachsende Anspannung, besonders unter den Kriegern der menda. Köpfe, die vorher unterwürfig gesenkt gewesen waren, hoben sich jetzt, und Mienen verhärteten sich. Für Kolsyg wollten sie nicht kämpfen, aber für sie würden sie es tun. Thera musterte erneut die Tochter des Veilwalds, die sie mit ihren saphirblauen Augen unter dem Vorhang aus schwarzen Haaren blinzelnd ansah. Es wäre klüger, sie hierzulassen, Schwester Eisens Anweisung zum Trotz. Bring mir das Kind, Thera, hatte sie in ihrer knappen Art gesagt und nicht weiter erklärt, was sie an der jungen Frau interessierte. Als Vellihr der Gerechtigkeit genoss Thera jedoch den Freiraum, nach eigenem Ermessen handeln zu können. Kolsygs Leute noch mehr gegen sich aufzubringen, könnte gefährlich sein. Sie hatten Angst vor ihr, aber aus Erfahrung wusste sie, dass selbst verängstigte Menschen irgendwann die Flucht nach vorn antraten, wenn man sie zu sehr in die Enge trieb.

»Kann sie nicht für sich selbst sprechen?« Sie sah Lynnea mit hochgezogener Augenbraue an. »Wie sieht’s aus, Mädchen? Möchtest du eine Reise in das majestätische Skar Magnol antreten? Und den Schwesterköniginnen deine Bitte persönlich vortragen? Zumindest wirst du dich dessen später rühmen können.«

»Lynnea spricht nicht, Vellihr«, sagte Rolnar. »Weder für sich noch für andere.« Er schaute Lynnea an und lächelte liebevoll. »Das hat sie noch nie. Trahleyl, nennen wir sie, das Schweigelied. Deshalb«, er richtete sich auf und sah Thera in die Augen, »werde ich für sie sprechen. Ich werde in ihrem Namen eine Bittschrift verfassen, die Ihr den Schwesterköniginnen überbringen könnt …«

Er verstummte abrupt, als Lynnea mit der Katze auf dem Arm aufstand und zu Thera ging. Sie warf ihr nur einen kurzen erwartungsvollen Blick zu, drückte das Tier fester an sich und rieb ihr Gesicht an seinem Fell.

»Das Schweigelied scheint gesungen zu haben«, sagte Thera. »Ich breche mit der nächsten Flut auf. Kolsyg Ehfluds Begräbnis überlasse ich Euch, sein Grabhügel soll jedoch keinen Stein bekommen.« Thera ging zu Kolsygs Leichnam, setzte einen Stiefel auf seine Brust und zog keuchend den Speer heraus.

»Ihr da.« Mit der tropfenden Speerspitze deutete sie auf die Krieger der menda und zeigte dann auf den Haufen gestohlener Schätze neben dem Stuhl des Veilwalds. »Sammelt das ein und bringt es auf mein Schiff. Und ich versichere euch, dass ich eine genaue Auflistung darüber habe, was aus dem Grabhügel der Schreckensaxt gestohlen wurde. Wer etwas entwendet, wird auf dieselbe Weise bestraft wie Kolsyg.«

Sie hob Gythrum Fihrskards Axt auf, die vor Kolsygs schlaffen Füßen lag, und hielt sie so, dass das Licht auf die silbernen Runen fiel. Die elegant geschwungenen Linien unterschieden sich von modernen Runen, die eher kantig waren – ein Echo aus einer Zeit, als die Dichtkunst ebenso hoch geschätzt wurde wie der Umgang mit dem Schwert, jedenfalls behauptete Schwester Weisheit das. Thera konnte nicht alles entziffern, kannte Gythrums Geschichte aber gut genug, um sicher zu sein, dass sich ein Wort garantiert darunter befand.

»Uhltvar«, murmelte sie und senkte die Axt. Dabei fiel ihr auf, dass sich Lynneas Haltung veränderte. Kurz strafften sich ihre Schultern, und sie musterte die Axt in Theras Hand wachsam, während sie sich weiter an die Katze schmiegte.

»Du kennst dieses Wort?« Thera trat näher heran. Das Mädchen wich ihrem Blick aus und drückte die Katze so fest an sich, dass diese sich maunzend beklagte. »Egal«, sagte Thera leise. »Schwester Eisen wird es schon aus dir herausholen. Dann komm.« Sie winkte mit dem Speer, der noch mit dem Blut von Lynneas Vater besudelt war, und ging zur Tür. »Und verabschiede dich von dem Tier. Ich habe an Bord der Grimmwolf schon einen Kater. Einen Rivalen wird er mit Sicherheit töten.«

Kapitel 3

Felnir

Das Meer vor der Südküste Albermaines hatte Felnir immer schon gehasst. Die Bewohner des Reiches nannten es »das Südmeer« oder, poetischer, »die Azurnen Fluten«. Aber für Felnir und viele andere Ascarlianer, die mit ihren Langschiffen diese Gewässer befahren mussten, war es das Lygnar Helv, das Lügenmeer. Eben noch ruhig und mit goldenem Sonnenschein besprenkelt, konnte es sich gleich darauf in ein launisches Ungeheuer verwandeln. Dann herrschten peitschender Regen und weiße Wogen, die das Deck überfluteten. In dieser Nacht war es nicht anders.

Bei Einbruch der Dämmerung hatte Felnir befohlen, die Seefalke drei Meilen vor der Südküste des Herzogtums Dulsian vor Anker gehen zu lassen. Fast eine Stunde lang hatte das Schiff auf sanften Wellen geschaukelt, während die untergehende Sonne hübsche Farben auf die Takelage gemalt hatte. Doch kurz nachdem er mit Sygna und Guthnyr in ein Ruderboot gestiegen war, um zur felsigen Küste zu fahren, machte das Lügenmeer seinem Namen wieder einmal alle Ehre. Regen strömte herab, und das ruhige Wasser wurde kabbelig.

»Da ist mir sogar das Styrnspeldter Meer noch lieber«, schimpfte Guthnyr, während er sich mit Felnir in die Riemen legte und Sygna die Ruderpinne bediente, um ihr Boot auf Kurs zu halten. »Da friert man sich zwar die Eier ab und stößt ständig auf Eisberge, aber zumindest weiß man, woran man ist.«

Felnir knurrte nur, stimmte jedoch in die Klagen seines Bruders nicht mit ein. Guthnyr durfte sich beschweren, Felnir dagegen nicht. Das war der Preis, den er zahlen musste, wenn er Kapitän der Seefalke bleiben wollte. Eine Mannschaft wie seine würde niemals einem Anführer folgen, der sich ständig über etwas beklagte.

Zum Glück bewies Sygna trotz des Wetterwechsels wie immer eine fähige Hand an der Ruderpinne. Während er und Guthnyr sich mit aller Kraft abmühten, um sie trotz der hohen Wellen voranzubringen, steuerte Sygna das kleine Gefährt auf den großen, flachen Felsen zu, der aus dem Fuß einer hohen Klippe ragte. Mit einem gekonnten letzten Ruck beförderte sie den Bug des Boots auf die Felskante, und Guthnyr und Felnir sprangen rasch mit Leinen an Land. Sie befestigten sie an einem Steinhaufen in der Nähe, sodass Sygna zu ihnen stoßen konnte. Sie ging sofort in die Hocke und hielt ihren Bogen schussbereit.

Felnir konnte bei Nacht recht gut sehen, aber Sygnas Fähigkeit, die Dunkelheit mit den Augen zu durchdringen, ähnelte der einer Katze. Während Sygna die Klippe musterte, nahmen er und sein Bruder ebenfalls Kampfhaltung ein. Felnir bemerkte, dass Guthnyr nach seinem Schwert griff. Sie trugen beide ihre Waffen auf dem Rücken – so ließ es sich leichter an Land klettern – und hatten ihre Schilde an Bord der Seefalke zurückgelassen. Felnir zischte warnend und berührte seinen Bruder kopfschüttelnd am Arm. Das Aufblitzen einer gezogenen Klinge könnte sie in diesem Moment ebenso verraten wie eine brennende Fackel.

Guthnyr senkte stirnrunzelnd die Hand. Anderthalb Jahre ist es her, seit ich ihm erlaubt habe, mir in dieses verfluchte Leben zu folgen, seufzte Felnir innerlich, und immer noch muss er jede Lektion mindestens zweimal lernen.

Dein Bruder ist nicht wie du. Die oft gehörten Worte hallten in seinem Geist wider, wie immer, wenn er über Guthnyr nachdachte. Und auch nicht wie euer Vater. Denk daran und beschütze ihn, denn ich sehe großen Wert in ihm.

Felnirs Brauen zuckten verärgert. Die Worte seines Urgroßvaters hatten tadelnd geklungen. Auch ich sehe Wert in ihm, hatte Felnir beharrt, als müsste er nicht nur den alten Mann mit dem ernsten Gesicht überzeugen, sondern auch sich selbst. So viel, dass ich glaube, dass er mehr verdient hat als das hier.

Als Sygna sich plötzlich anspannte, verblasste die Erinnerung. Seine Gefährtin kauerte sich noch tiefer und zog knirschend die Bogensehne straff, obwohl Felnir in der Finsternis nichts Verdächtiges sehen konnte. Hinter dem Regenvorhang schien die zerklüftete Steilwand nur aus abstrakten Schatten zu bestehen. Er wusste, dass am Fuß der Klippe ein Höhleneingang lag, mit einem engen Tunnel dahinter, der durch die Felsmassen nach oben führte. Es war ein alter Schmugglerweg, den Felnir schon öfter benutzt hatte, wenn auch noch nie unter so schlechten Bedingungen.

Er schob sich neben Sygna und blinzelte die niederprasselnden Regentropfen fort, sah jedoch immer noch nichts als Schatten. »Was ist?«, fragte er. Wind und Regen zwangen ihn, lauter zu sprechen, als ihm lieb war.

»Gesehen habe ich nichts, aber etwas gehört«, sagte sie. »Rieselnde Steinchen. Keuchender Atem. Ein verängstigter Mann auf der Flucht.«

Felnir stellte ihr Urteil nicht infrage, ihr Gehör war ebenso scharf wie ihr Sehvermögen. Es konnte nur einen Grund geben, warum der Mann, den sie hier treffen sollten, Angst hatte. »Jetzt kannst du dein Schwert ziehen, Bruder«, sagte er mit einem Blick über die Schulter. Guthnyr entblößte grinsend seine weißen Zähne. Sein Schwert, das ungewöhnlich lang und breit war, glitt mit einem metallischen Aufblitzen aus der Scheide. Felnir griff ebenfalls nach seiner Waffe und trat einen Schritt von Sygna weg, bevor er sie zog. Seine Augen suchten angestrengt nach einem Hinweis auf Freund oder Feind.

Wie Sygna hörte er den Mann, bevor er ihn sah. Das pfeifende Atmen erinnerte ihn an einen japsenden Terrier. Als der Kerl schließlich in Sicht kam, erwies sich sein Aussehen deshalb als Überraschung. Er war groß gewachsen und breitschultrig und konnte es an Statur fast mit Felnir aufnehmen. Zudem war er mit einem der langen Schwerter bewaffnet, die die Albermainer bevorzugten. Felnir sah das stumpfe Glänzen eines nassen Kettenhemds. Sein schwerer Umhang flatterte im Wind, sein Gesicht war unter einer Kapuze verborgen. Felnir wartete, bis er auf ein Dutzend Schritt heran war, in Reichweite von Sygnas Pfeil, dann erst richtete er sich auf. Der Mann mit der Kapuze blieb abrupt stehen, sein pfeifendes Atmen ging in ein erschrockenes Aufkeuchen über. Ganze drei Herzschläge lang starrte er Felnir an, bevor er Luft einsog und auf Ascarlianisch mit starkem Akzent zu sprechen begann.

»Ich bin …«, der Mann schwankte leicht und musste noch einmal tief durchatmen, bevor er weiterreden konnte, »… nur ein einfacher Händler, der Eure Waren kaufen will.«

»Welche Waren?«, fragte Felnir. Dass er das Gesicht des Mannes nicht sehen konnte, ärgerte ihn. Das Gesicht eines Fremden verriet stets mehr als bloße Worte.

»Schlafkraut«, erwiderte der Mann prompt und warf nervös einen Blick zur Klippe hin. »Und Gewürze aus Ishtakar. Zimt …« Er hielt inne und schüttelte den Kopf, wobei er mit seiner Kapuze Wasser verspritzte. Offenbar versuchte er, sich an das letzte Detail zu erinnern. Felnirs Augen verengten sich. Ein Gesicht konnte eine Menge verraten, aber eine Geste auch. »Und schwarzen Safran«, schloss der Mann und seufzte erleichtert. »Wenn Ihr den habt.«

Das schwache Echo lauter Stimmen lenkte Felnirs Blick zu der unsichtbaren Höhle hin. »Habt Ihr Freunde mitgebracht?«, fragte er den Fremden.

»Sie kommen ungebeten, das versichere ich Euch«, erwiderte der Mann. Gezwungen fröhlich fügte er hinzu: »Und es sind ganz sicher keine Freunde.«

Felnir nickte zum Boot. »Steigt ein.«

Sygna sprang als Erste in das Gefährt und übernahm wieder die Ruderpinne. Felnir packte den Bug, um das Boot festzuhalten, während ihr fremdländischer Gast ungeschickt an Bord kletterte.

»Das klingt bloß nach einer Handvoll, Bruder.« Guthnyr schaute zur Klippe hin, und seine Augen funkelten eifrig. Er ließ sein Schwert herumwirbeln, sodass der Regen von der Klinge spritzte. Die Rufe ihrer ungebetenen Gäste wurden lauter, und Felnir erkannte einen dunklen Umriss, der sich als eine Gruppe rennender Gestalten entpuppte.

»Steig in das verfluchte Boot, Guth!«, fauchte er so streng, dass sich sein Bruder zu ihm umdrehte. In seinen Augen rang Vernunft mit Enttäuschung und Ärger.

»Mir wurden Ruhm und Ehre versprochen«, brummte Guthnyr. Er steckte sein Schwert in die Rückenscheide, packte dann mit beiden Händen den Bootsrand und schwang seinen kräftigen Körper in das Gefährt. »Stattdessen friere ich mir bloß im strömenden Regen den Arsch ab.«

»Ich kann mich nicht erinnern, dir etwas Besseres versprochen zu haben.« Felnir schob das Boot vom Felsen und sprang hinein.

»Nicht du.« Guthnyr lächelte hohl, während sie nebeneinander Platz nahmen und zu den Rudern griffen. »Urgroßvater. ›Alles, was du dir wünschst, sollst du bekommen, mein junger Bär.‹ Das hat er zu mir gesagt.«

Der flache Felsen verschwand schon bald im Regen, während sie von der Küste wegfuhren. Die Schar der Verfolger geriet außer Sicht. Das hielt diese jedoch nicht davon ab, ihnen einen Armbrustbolzen hinterherzuschicken, der zehn Meter entfernt mit einem weißen Aufspritzen in die Wellen fiel. Ein hoffnungsloser Versuch – vielleicht die Wut von Jägern, denen ihre Beute entwischt war. Aber Felnir bezweifelte es.

»Dann hat der alte Mistkerl dich angelogen«, sagte er zu seinem Bruder, während sie sich beide keuchend in die Riemen legten. »Das ist bei ihm keine Seltenheit, wie du noch sehen wirst.«

»Ritter Aurent Vellinde.« Der Fremdländer verneigte sich und machte dabei eine seltsam wedelnde Handbewegung. Den Kopf hielt er auf eine Weise gebeugt, die beleidigend sein könnte. Wie die meisten Ascarlianer fand Felnir die umständlichen albermainischen Sitten albern. »Zu Euren Diensten.« Vellinde richtete sich wieder auf. Der Fremdländer hatte die Kapuze abgenommen, sodass seine Züge jetzt gut zu erkennen waren. Er war attraktiv und besaß ein kantiges Kinn, das bis auf einen gezwirbelten Schnurrbart und ein kleines Bärtchen glatt rasiert war. Die Falten um Mund und Augen schmälerten jedoch den Eindruck jugendlicher Vitalität, und Felnir fand es seltsam, dass das Gesicht eines erfahrenen Ritters so wenige Narben aufwies. Sein Kettenhemd war zudem an einigen Stellen verrostet und der lederne Schwertgürtel rissig und ausgefranst. Anscheinend von adliger Geburt, schloss Felnir. Aber knapp bei Kasse. Allerdings war ihm auch noch nie ein reicher Spion begegnet.

Felnir stellte sich selbst nicht vor, sondern deutete nur auf den Hohlraum unter den Planken in der Mitte des Schiffs. »Setzt Euch dorthin«, sagte er. »Und redet nicht mit meiner Mannschaft.«

»Wie Ihr wünscht, Kapitän.« Vellinde neigte wieder den Kopf auf dieselbe, vermutlich beleidigende Weise. »Allerdings hatte ich gehofft, Euch um ein oder zwei Becher Wein bitten zu können. Es war eine anstrengende Nacht …«

»Setzt Euch«, befahl Felnir. »Und schweigt.«

Er starrte den Fremdländer an, bis der sich mit einem scheinbar gelassenen Lächeln zu dem Hohlraum begab und dort Platz nahm. Felnir warf Druba einen vielsagenden Blick zu. Der Sylmarianer mit den kräftigen Armen nickte, nahm seine Keule und bezog in Vellindes Nähe Posten. Wenn sie Fremde oder Gefangene an Bord hatten, gaben sie sie immer in Drubas Obhut. Mit seiner massigen Gestalt und dem ausdruckslosen Gesicht konnte er besser für Ruhe und Gehorsam sorgen als jede Kette.

»Ein kräftiger Wind ist Ulfmaers Entschädigung für schlechtes Wetter«, zitierte Behsla, die gerade ein Seil aufwickelte, als Felnir zu ihr trat. Ihr langes Gesicht mit der von der Salzluft rauen Haut verzog sich zu einem Stirnrunzeln, als sie mit fachmännischem Blick das Meer betrachtete. »Allerdings wird es verflucht schwer, bei diesem Sturm den Kurs zu halten.«

Behsla war seine Johten Apt, die Windmeisterin, die über das einzige Segel der Seefalke wachte, und er bezweifelte, dass es jemanden gab, der das Wetter besser einschätzen konnte als sie. Wie bei Leuten ihres Handwerks üblich, war sie Ulfmaer, dem Gott des Meeres und des Windes, dem launischsten der Altvar, stets treu ergeben. Als Felnir mit dem Fremdländer zurückgekehrt war und befohlen hatte, so schnell wie möglich den Anker zu lichten und das Segel zu hissen, hatte der Regen bereits aufgehört, aber der Wind hielt unvermindert an. Wie auf dem Lügenmeer nicht anders zu erwarten, änderte er zudem ständig die Richtung.

»Bring einfach so viel Abstand wie möglich zwischen uns und die Küste«, sagte Felnir. »Den genauen Kurs bestimmen wir, sobald sich das Meer wieder etwas beruhigt hat.«

Er überließ Behsla ihrer Arbeit und ging nach achtern. Sygna hatte ihren angestammten Platz an der Ruderpinne wieder eingenommen, während Guthnyr neben Kodryn, dem langgedientesten und vertrauenswürdigsten Krieger von Felnirs menda, auf der hinteren Reling saß.

»Etwas entdeckt?«, fragte Felnir Kodryn, aber es war sein Bruder, der antwortete.

»Kein einziges Segel in Sicht.« Guthnyr stellte sich lachend auf die Reling und schrie auf das dunkle Meer hinaus: »Wo seid ihr? Habt ihr nicht mal die Eier, uns eine Weile zu verfolgen, ihr feigen Mistkerle?«

Ohne auf die Sperenzchen seines Bruders zu achten, sah Felnir Kodryn an und zog die Brauen hoch. Sie kannten sich schon seit ihrer Zeit als Söldner am Hof des Saluhtans von Ishtakar, und es gab kaum jemanden, dem Felnir mehr vertraute. Kodryn spähte noch eine Weile in die Dunkelheit und strich sich mit den Fingern über die silbergrauen Zöpfe seines Bartes. Die Falten um seine blassgrünen Augen vertieften sich.

»Er hat recht«, krächzte er. Seine heisere Stimme hatte er einem Krummsäbel zu verdanken, der ihn vor Jahren an der Kehle getroffen hatte. »Niemand verfolgt uns.«

»Dann kann er ja so wichtig nicht sein.« Guthnyr kletterte von der Reling herunter und nickte zu dem Fremdländer, der jetzt inmitten der Fracht unter Deck kauerte. »Wer immer er ist.«

»Wer immer er ist, geht dich nichts an«, gab Felnir zurück. Er deutete mit dem Daumen über die Schulter. »Geh und hilf Behsla mit den Leinen.«