Beschreibung

Große Fragen, große Themen – Juli Zeh spricht über ihr Schreiben, ihr Denken und unsere Gesellschaft: persönlich, politisch, von höchster Relevanz. »Fragen zu ›Corpus Delicti‹« sucht nach Antworten auf existentielle und hochaktuelle Fragen: In welchem Maße ist jede und jeder von uns bereit, Freiheit aufzugeben? Und was macht das mit unserer Demokratie?

Seit ihr Roman »Corpus Delicti« 2009 erschienen ist, erreichen Juli Zeh immer wieder E-Mails von Leserinnen und Lesern mit Fragen zum Text. Zur Entstehungsgeschichte, zur Handlung, zu Figuren und Interpretation. In diesem Buch geht Juli Zeh in Form eines fiktiven Interviews diesen Fragen nach, nicht selten geht sie auch darüber hinaus. Im Zentrum steht die Beschäftigung mit Themen des Romans, die zum Verständnis unserer heutigen Gesellschaft beitragen. Was für ein Menschenbild pflegen wir, wohin bewegt sich unsere Gesellschaft, wie wollen wir zusammenleben und welche Werte sind bedeutsam für uns? »Fragen zu Corpus Delicti« ist nicht nur eine profunde Auseinandersetzung der Autorin mit ihrem bislang politischsten Roman, sondern auch eine Betrachtung der Bedingungen und Mentalitäten, die unser Leben heute bestimmen.

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Seitenzahl: 211


Seit ihr Roman Corpus Delicti 2009 erschienen ist, erreichen Juli Zeh immer wieder E-Mails von Lesern mit Fragen zum Text. Zur Entstehungsgeschichte, zur Handlung, zu den Figuren, zur Interpretation. Bis heute wird der Text auf der Bühne aufgeführt, und in vielen Bundesländern steht der Roman auf dem Lehrplan für den Deutschunterricht und gehört teilweise sogar zum Abiturstoff.

In ihrem neuen Buch geht Juli Zeh in Form eines fiktiven Interviews den Fragen von Schülern und Lesern nach, teilweise geht sie aber auch darüber hinaus. Im Zentrum steht die Beschäftigung mit dem, was Theaterstück wie Roman zum Verständnis unserer heutigen Gesellschaft beitragen können. Ausgehend von Corpus Delicti richtet das Buch so den Blick auf Fragen wie: Was für ein Menschenbild pflegen wir, wohin bewegt sich unsere Gesellschaft, auf welche Weise wollen wir zusammenleben, und welche Werte sind bedeutsam für uns?

JULI ZEH, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman Adler und Engel (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien von ihr der Roman Neujahr (2018).

Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln. 2018 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Im selben Jahr wurde sie zur Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.

Mehr unter www.juli-zeh.de

Juli Zeh

Fragen zu Corpus Delicti

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Originalausgabe Juli 2020

by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: buxdesign, München unter Verwendung eines Fotos von © David Fink

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

mr · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-25915-0V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

INHALT

I. Statt eines Vorworts

II. Zur Entstehungsgeschichte: vom Theaterstück zum Roman

III. Die Grundidee: Corpus Delicti als moderne Hexenjagd

IV. Die METHODE

V. Die Protagonisten

VI. Einflüsse

VII. Gattungsfragen

VIII. Politische Literatur

IX. Die zentralen Themen

X. Rezeption und Wirkungsgeschichte

XI. Politische Autorenschaft

XII. Jura und Literatur

XIII. Schriftstellerischer Werdegang

XIV. Statt eines Nachworts

I.

Statt eines Vorworts

First things first: Warum dieses Buch?

Seit Corpus Delicti in die Buchhandlungen gekommen ist, erreichen mich immer wieder Mails von Lesern, die mir Fragen zum Text stellen. Zur Handlung, zu den Figuren, zur Interpretation.

Inzwischen steht der Roman in vielen Bundesländern auf dem Lehrplan für den Deutschunterricht und gehört teilweise sogar zum Abiturstoff. Dadurch häufen sich auch die Zuschriften von Schülern, die durch ­Diskussionen im Unterricht aufgewühlt sind oder mit den Interpretationen eines Lehrers nicht gut leben können.

Corpus Delicti setzt sich mit vielen Themen auseinander, die für unsere heutige Gesellschaft von Bedeutung sind. Welches Menschenbild pflegen wir, wie wollen wir zusam­menleben, welche Werte sind wichtig für uns? Es ist dringend nötig, dass wir jenseits des schnellen Nachrichtengeschäfts in einen Diskurs eintreten, der uns die Möglichkeiten einer gemeinsamen Zukunft vor Augen führt. Nicht als Apokalypse, sondern als Chance. Das geht aber nur, wenn wir uns darauf besinnen, wofür wir eigentlich leben wollen. Jeder für sich und alle ge­meinsam.

Zu einem solchen Gespräch will ich mit diesem Buch einladen. Die Fragen sind den vielen Zuschriften nachempfunden, die ich in den letzten Jahren erhalten habe. Zum Teil gehen sie auch darüber hinaus. Das Buch richtet sich an Schüler und Studenten, die ihre Auseinandersetzung mit Corpus Delicti vertiefen wollen. Aber natürlich auch an jeden anderen Leser, der sich vom rasanten Epochenwandel unserer Zeit betroffen fühlt.

Du glaubst also, du seist die Richtige, um den Lesern das Buch zu erklären?

Ganz und gar nicht! Im Gegenteil: Ich habe immer gesagt – und das war keine Koketterie –, dass ich nicht gern über eigene Texte spreche. Natürlich gehört es zum Leben einer Autorin, gelegentlich den Erklär-Bär zu spielen. Aber ich komme mir dabei meistens wie eine Betrügerin vor. Oder wie eine Lügnerin. Ich will versuchen zu erklären, warum das so ist.

Viele Leser denken, dass eine Autorin ganz genau weiß, was in ihren Texten steht. Sie hat sich immerhin Gedanken gemacht, die Figuren entworfen, die Handlung erfunden, Motive und Themen gesetzt. Zwar lernt man inzwischen im Deutschunterricht, dass ­Texte ­interpretationsoffen sind. Dass also unzählige mögliche Lesarten existieren, die alle ihre Berechtigung haben. Trotzdem hält sich der Glaube, dass die Autorin mehr über den Text weiß als jeder andere und dass ihre ­Meinung irgendwie mehr zählt. Schließlich hat sie das Ganze zu Papier gebracht.

Nun ist es aber so, dass mein Schreiben in den meisten Fällen nicht sehr bewusst abläuft. Ich mache mir möglichst wenig Gedanken, plane nicht, recherchiere nicht, sondern versuche, mich offen zu halten für die eigene Intuition, für das freie Fließen der Phantasie. Ein bisschen wie bei einem Tagtraum. Oder wie bei einem Komponisten, der am Klavier sitzt und frei improvisiert. Natürlich kennt er sich mit dem Klavierspielen aus, aber im Augenblick des Improvisierens könnte er vermutlich nicht erklären, woher die Melodie kommt, die er spielt, und warum er sich jetzt gerade für den einen statt für den anderen Ton entschieden hat.

Aus meiner Sicht geht es bei dieser Form des Kunstschaffens darum, den vordergründig im Kopf herumplappernden Verstand einmal zum Schweigen zu bringen, um andere, tiefere Bewusstseinsschichten zu aktivieren. Als gäbe es dort in der Tiefe noch Sprachmuskeln, die beim alltäglichen Denken und Kommunizieren brachliegen und erst zum Einsatz kommen, wenn man sich von der üblichen Verstandestätigkeit frei macht. Diese tiefen Sprachmuskeln brauche ich zum Schreiben. Ich versuche deshalb, sie zu nähren und zu stärken. Und sie möglichst wenig bei der Arbeit zu stören.

Dazu gehört auch, dass ich niemals über Texte spreche, die noch in Arbeit sind, nicht einmal mit meinem Mann. Denn das würde mich zwingen, mir Rechenschaft darüber abzulegen, was ich da eigentlich tue, wovon der Text handelt, ob er gut ist, welche Bedeutung er hat. Möglicherweise wäre ich dann nicht mehr in der Lage, die Geschichte zu Ende zu schreiben. Der vordergründige Verstand hätte übernommen, die tiefen Strukturen würden schweigen.

Diese Arbeitsweise führt dazu, dass ich oft erstaunlich wenig Ahnung davon habe, was in meinen Texten genau steht. Ich erfahre es im Grunde erst im Lektorat und dann später in der Auseinandersetzung mit Journalisten und Lesern. Weil ich über viele Dinge während des Schreibens gar nicht nachgedacht habe, während die Leser fest davon ausgehen, dass der ganze Text total durchdacht und geplant ist. Deshalb fühlt sich das Frage-Antwort-Spiel ein wenig wie Heuchelei an. Wenn ich eine meiner eigenen Figuren interpretiere oder ein Meta-Thema erläutere, dann mache ich das im Grunde gar nicht aus der Perspektive einer Autorin. Sondern als Leserin, als Wieder-Leserin des eigenen Romans.

Was mich natürlich von anderen Lesern unterscheidet, ist, dass ich die Hintergrundgeschichte eines Textes ziemlich gut kenne. Ich weiß, mit welchen politischen Themen ich mich in den vergangenen Jahren auseinandergesetzt habe. Ich weiß, welche Erlebnisse mich stark beeindruckt haben, welchen Menschen ich begegnet bin, welche Bücher ich gelesen habe. Spuren von alldem, Spuren meines gesamten Denkens, Lebens und Seins sind in meinen Werken zu finden. Ich kann sie identifizieren und offenlegen. Dies ist ein spezielles Textverständnis, das nur mir offen steht. Es sagt etwas darüber aus, wie es zu einem bestimmten Buch gekommen ist. Welche Fäden zwischen Text und schreibender Person hin und her laufen. Ich weiß, dass diese Zusammenhänge für viele Leser interessant sind. Deshalb will ich sie in Bezug auf Corpus Delicti einmal so umfänglich wie möglich offenlegen.

Worüber meine Reflexionen nicht so viel aussagen werden, ist, was der Text tatsächlich alles enthält und wie er zu deuten ist. Denn die Meinung der Autorin ist aus meiner Sicht nicht bedeutsamer oder gewichtiger, sondern steht gleichberechtigt neben allen anderen Lesarten. Es wäre zum Beispiel nicht fair, einem Deutschlehrer eine meiner Antworten aus diesem Buch entgegenzuhalten und zu sagen: »Sehen Sie, die Autorin hat das aber so und so gemeint.«

Es ist nicht entscheidend, was ich als Autorin gemeint habe. Die Frage, die früher oft im Schulunterricht gestellt wurde: »Was will uns der Autor damit sagen?«, ist Humbug. Der Autor will nichts sagen, und wenn doch, hat es nicht zwingend Relevanz. Jeder einzelne Leser erzeugt beim Lesen einen neuen Roman. Auch von Corpus Delicti gibt es also so viele Versionen, wie es Rezipienten gibt. Das ist gerade das Fantastische an Literatur. Es wäre eine traurige Beschränkung von Freiheit und Vielfalt, wenn man eine Chef-Interpretation über dieses vielschichtige Wunder stülpen würde. Weder ein Deutschlehrer noch ein Germanistikprofessor oder Literaturkritiker, nicht einmal die Autorin selbst ist Text-Chef. Literatur kennt überhaupt keine Chefs, und dafür liebe ich sie.

Fällt es dir denn leichter, über Corpus Delicti zu sprechen als über deine anderen Texte?

Ja, das ist so, in der Tat. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen habe ich bei Corpus Delicti einfach mehr Übung. Seit dem Erscheinen im Jahr 2009 habe ich nie aufgehört, Fragen zum Text zu beantworten. Auf diese Weise ist Corpus Delicti für mich immer präsent geblieben. Ich setze mich Woche für Woche immer wieder mit dem Stoff auseinander und bin inzwischen Profi bei der Selbstinterpretation.

Der andere Grund ist, dass Corpus Delicti eine Sonderposition in meinem gesamten literarischen Werk einnimmt. Es ist mein erster, vielleicht auch mein einziger politischer Roman. Über diese Einschätzung werden wir bestimmt später noch sprechen. An dieser Stelle will ich nur betonen, dass ich auch diese Gattungsfrage – politische Literatur oder nicht – allein vor dem Hintergrund meiner schriftstellerischen Werkstatt entscheiden kann. Genauer gesagt: Für mich geht es darum, wie sich das Schreiben angefühlt hat. Corpus Delicti wollte von Anfang an ein politischer Text sein. Beim Schreiben war außer den tiefen literarischen Muskeln durchaus auch mein strategischer Alltagsverstand beteiligt. Meine strenge Zurückweisung der Frage »Was will uns der Autor damit sagen?«, gilt deshalb bei Corpus Delicti nur teilweise. Die Autorin wollte vielleicht nichts Bestimmtes sagen, aber sie wollte etwas zeigen.

Corpus Delicti hat eine besondere Entstehungsgeschichte. Es war zunächst ein Theaterstück. Das Schreiben für die Bühne ist etwas vollkommen anderes als das freie Schreiben eines Romans. Denn es gibt viel mehr Vorgaben, die Form betreffend. Zwar hat mir die Regisseurin damals viele Freiheiten gelassen, aber ich musste mich natürlich trotzdem an gewisse Dinge halten. Zum Beispiel an die Einheit von Raum und Zeit, an eine bestimmte Anzahl von Figuren, an eine Textlänge. Und ich habe vor und während des Schreibprozesses mit verschiedenen Menschen über die Inhalte gesprochen, was total ungewöhnlich für mich ist. Theater ist halt ein Gemeinschaftsprojekt, man ist kein einsamer Wolf wie beim Prosa-Schreiben. So kam es, dass Corpus Delicti von Anfang an ein viel bewussterer Text war, politischer, geplanter, strukturierter als alle meine anderen Arbeiten. Corpus Delicti war eher Projekt als Traum. Entsprechend fällt es mir leichter, darüber zu reden. Ich weiß über Corpus Delicti einfach mehr als über meine anderen Bücher.

II.

Zur Entstehungsgeschichte: vom Theaterstück zum Roman

Dann lass uns doch gleich noch ein bisschen ausführlicher über die Entstehungsgeschichte sprechen. Wie kamst du dazu, Corpus Delicti zu schreiben?

Im Jahr 2006 meldete sich die Ruhrtriennale bei mir, ein Theaterfestival, das jedes Jahr eine Menge Stücke in verschiedenen Städten des Ruhrgebiets zur Aufführung bringt. Eine Regisseurin namens Friederike Heller hatte sich gewünscht, dass ich einen Text für sie schreibe, der dann im Rahmen der Ruhrtriennale unter ihrer Leitung uraufgeführt werden sollte.

Hast du sofort »Ja« gesagt?

Überhaupt nicht. Ich war total unsicher, ob ich mir das zutraue. Einerseits fühlte ich mich geehrt von der Einladung, zumal Friederike Heller eine interessante und erfolgreiche Regisseurin war. Andererseits dachte ich, dass ich das eigentlich nicht kann. Ich hatte noch nie ein Theaterstück geschrieben, hatte auch wenig Ahnung vom Theater, ich fühlte mich als reine Prosa-Autorin. Trotzdem schien mir der Auftrag reizvoll. Ich fragte Friederike, ob ich einen Text schreiben könne, der aus vielen Dialogen, aber auch aus Prosa-Anteilen bestünde. Quasi eine Mischung aus Drama und Roman. Sie sagte, das käme ihr sogar entgegen, weil sie besonders gern Romane für die Bühne adaptiere. Ich konnte also quasi einen Theaterauftrag annehmen und trotzdem als Schuster bei meinen Leisten bleiben. Das beruhigte mich, und ich sagte zu.

Gab es Vorgaben der Auftraggeber?

Es gab ein Motto für die Ruhrtriennale2007, und das lautete »Mittelalter«. Mein Text sollte also im weitesten Sinne etwas damit zu tun haben. Ich war an historischen Themen nicht sehr interessiert und beschäftigte mich lieber mit aktuellen Fragen. Zumal mir das Theater als guter Ort für politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen erschien. Glücklicherweise wollte weder die Ruhrtriennale noch die Regisseurin einen historischen Text, es ging nur darum, Bezüge herzustellen. Mich reizte es, eine moderne Hexenjagd zu beschreiben. Das war die Keimzelle von Corpus Delicti. Ich beschloss, von einer jungen Frau zu erzählen, die zur Ausgestoßenen wird, ja, zur Staatsfeindin.

Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Theater?

Ich habe mich mehrfach mit der Regisseurin Friederike Heller getroffen und über die Inhalte und Ideen für Corpus Delicti gesprochen. Im Schreibprozess war ich dann frei. Leider wurde Friederike krank und musste die Arbeit an Corpus Delicti niederlegen. Eine neue Regisseurin übernahm die Aufgabe, Anja Gronau. Auch mit ihr traf ich mich mehrfach und entwickelte die Ideen weiter.

Wie lange hast du an dem Text geschrieben, wie war der Arbeitsprozess?

Ganz anders als bei meinen anderen Texten. Bei Corpus Delicti gab es eine recht lange Planungsphase. Das lag zum einen daran, dass es ja eine Auftragsarbeit war und ich mich immer wieder mit der Regisseurin abstimmen wollte, damit wir eine gemeinsame Vision entwickeln konnten. Zum anderen merkte ich, dass der Gedanke an die spätere Aufführung als Theaterstück mein Schreiben sehr stark beeinflusste. Es war nicht dasselbe wie das Schreiben eines Romans. Ich dachte immer daran, dass der Text später auf der Bühne funktionieren musste. Er durfte nicht zu viele Figuren und möglichst keine großen Zeitsprünge enthalten, keine Ereignisse, die den Rahmen einer Theaterinszenierung sprengen. Gemeinsam mit meinem Mann, der ebenfalls Autor ist, überlegte ich mir genau, wie die Geschichte von Mia Holl verlaufen sollte. In was für einer Welt Mia lebt, um welche Themen es geht. Als ich die Figuren und den Verlauf der Handlung ziemlich klar vor Augen hatte, setzte ich mich hin und begann zu schreiben.

Ich lebte damals mit meinem Mann und meinen beiden Hunden für einige Zeit in Rom. Wir hatten eine sehr kleine Wohnung, es war ziemlich heiß, nachts wurde auf der Piazza Trilussa direkt vor unserer Haustür wild gefeiert, so dass kaum an Schlaf zu denken war. Auch tagsüber war es immer sehr laut. In meiner Erinnerung sitze ich in dieser Mischung aus Hitze und Lärm und Müdigkeit und schreibe wie eine Verrückte, viele Stunden am Tag und in der Nacht. Ich glaube, die Niederschrift der ersten Fassung hat insgesamt nicht viel länger als sechs Wochen gedauert. Natürlich habe ich den Text anschließend noch viele Male überarbeitet. Insgesamt dauerte der Arbeitsprozess ein gutes Jahr.

Und wie bist du auf den Titel gekommen?

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr, wann und wie mir der Titel eingefallen ist. Ich weiß noch, dass ich von Anfang an einen Titel wollte, in dem das Wort »Körper« vorkommt, denn es geht ja um Gesundheitswahn, um Biopolitik und um Körperoptimierung. Gleichzeitig ist der Text auch eine Art Gerichtsdrama. Im Verlauf der Handlung wird Mia Holls Abweichen vom »gesunden« Lebensweg immer weiter kriminalisiert, bis sie als Terroristin verurteilt wird. Das Wort »Delicti« verweist auf diese strafrechtliche Seite. Von daher schien Corpus Delicti ein perfekter Titel zu sein.

Wie hast du die Uraufführung erlebt?

Die war sehr aufregend. Ich erinnere mich daran, dass es während der Proben viele Komplikationen gab. Die neue Regisseurin Anja Gronau kam mit einigen der Schauspieler nicht zurecht, und der Text war ja ursprünglich auch nicht für sie, sondern für Friederike Heller entwickelt worden. Anja gab ihr Bestes, aber ich glaube, dass es für sie eine sehr schwierige Situation war. Friederike hatte sich eine Mischung aus Prosa und Drama gewünscht, und jetzt musste Anja diesen Mischtext auf die Bühne bringen. Noch am Tag vorher sah es aus, als könnte die Premiere gar nicht stattfinden. Aber dann war es doch so weit; am 15. September 2007 sah ich meinen Text in der »Zeche Carl« in Essen zum ersten Mal auf der Bühne. Wider Erwarten klappte alles super, die Schauspieler waren toll. Vor allem die Hauptdarstellerin, Anne Ratte-Polle als Mia Holl, hat mich tief beeindruckt. Beim Publikum kam das Stück auch gut an.

Nach der Aufführung hielt der Intendant der Ruhrtriennale hinter der Bühne eine kleine Ansprache an das Team, an alle Schauspieler, die Regisseurin und andere Beteiligte. Dabei sagte er, dass es ja doch noch ein erfolgreicher Abend geworden sei, obwohl ich quasi einen unaufführbaren Text geschrieben hätte. Ich weiß noch, dass mich das damals ziemlich hart getroffen hat. Es klang so, als hätte ich total versagt und die Regisseurin hätte es gerade noch geschafft, den misslungenen Text zu retten. Alle Probleme, die es während der Proben gegeben hatte, schob der Intendant mir und meinem Text in die Schuhe. Ich bin völlig frustriert nach Hause gefahren und hätte Corpus Delicti am liebsten in irgendeiner Schublade versenkt.

Wie verlief die weitere Aufführungsgeschichte?

Glücklicherweise erwies sich die Auffassung des Intendanten als falsch. Corpus Delicti war nicht unaufführbar, und es war auch kein schlechter Theatertext. Zwischen 2007 und 2019 wurde das Stück von gut zwanzig verschiedenen Theatern übernommen und inszeniert. Hinzu kommen unzählige Aufführungen durch Schulen, Universitäten und Laien-Theatergruppen. Und diese »Karriere« ist noch nicht zu Ende. Immer wieder entscheiden sich Menschen, eine neue Version von Corpus Delicti auf die Bühne zu bringen. Das anhaltende Interesse ist überwältigend.

Lag es an dem großen Erfolg, dass du beschlossen hast, aus dem Theaterstück auch noch ein Buch zu machen?

Es lag eher an der Thematik. Im Lauf der Arbeit am Theaterstück sind immer mehr politische, gesellschaftliche und philosophische Fragen aufgetaucht, die für mich sehr wichtig sind. Es geht um das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit. Es geht um die Frage, ob der Mensch eher über seinen Körper oder über seine inneren Werte zu definieren ist. Es geht um den Überwachungsstaat, um den Antiterrorkampf und seine zerstörerische Kraft für demokratische Werte. Es geht um die Ambivalenz des modernen Lebens, um die Unmöglichkeit, auf rationalem Weg klare Entscheidungen zu treffen. Und auch um die Frage, was eine Freiheitskämpferin von einer Terroristin unterscheidet und wer das definiert. Also um Macht, um Demokratie, um das Verhältnis von Staat und Individuum.

Ich dachte, dass ein Text, der sich mit so zentralen Dingen auseinandersetzt, möglichst viele Menschen erreichen sollte. Als Theaterstück kann man ihn ja immer nur sehen, wenn er in einer bestimmten Stadt auf einer bestimmten Bühne zur Aufführung gebracht wird. Aber ein Buch kann man jederzeit aus dem Regal nehmen und ­aufschlagen. Mein Wunsch war, dass Corpus Delicti jederzeit für alle Interessierten zugänglich sein sollte.

Eigentlich ist es ja ein ziemlich ungewöhnliches Vorha­ben, aus einem Theaterstück einen Roman zu machen. Normalerweise läuft es eher umgekehrt.

Das stimmt. Aber für mich ist Corpus Delicti nie ein klassisches Theaterstück gewesen. Ich fühlte mich gar nicht als Theaterautorin. Der Text enthielt zum Beispiel keine Regieanweisungen, und hinter jedem gesprochenen Satz stand »sagte er« und »sagte sie«, wie in einer Erzählung. Der Ursprungstext war eine Ansammlung von Prosafragmenten, durchmischt mit Dialogen. Im Grunde war der Weg vom Drama zum Roman also gar nicht so weit. Ich finde, man merkt Corpus Delicti immer noch deutlich an, dass es als Drama auf die Welt gekommen ist. Die kleinen Kapitel sind wie Szenen aufgebaut, die Handlung spielt meistens in geschlossenen Räumen, es sind relativ wenige Figuren beteiligt, und natürlich gibt es viele Dialoge. Eine Zeit lang habe ich überlegt, den Text lieber noch einmal komplett neu zu schreiben, vielleicht in der Form eines richtigen Thrillers. Aber mein Mann meinte, dass Corpus Delicti so, wie es auf die Welt gekommen ist, wahrscheinlich am besten funktioniert. Und mein Mann hat meistens recht.

III.

Die Grundidee: Corpus Delicti als moderne Hexenjagd

Dann lass uns mal anfangen, über den Inhalt zu sprechen. Du hast erwähnt, dass die Ruhrtriennale ein Motto hatte, nämlich »Mittelalter«, und dass dein Text dieses Motto irgendwie bedienen sollte. War das Inspiration oder Hemmschuh? Welche Rolle spielt das Mittelalter für den Text?

Anfangs ging es mir vor allem darum, die Vorgaben meiner Auftraggeber zu erfüllen. Ich wollte keinen historischen Text schreiben und fühlte mich beim Thema Mittelalter auch nicht besonders kompetent. Meine Geschichte spielt deshalb nicht in der Vergangenheit, sondern vielmehr in der Zukunft, nämlich irgendwann »in der Mitte des 21. Jahrhunderts«, wie es am Anfang heißt. Einmal sagt Mia zu Kramer: »Das Mittelalter ist keine Epoche. Mittelalter ist der Name der menschlichen Natur.« Mit diesem Satz wollte ich klarstellen, dass Corpus Delicti sich weder mit der Vergangenheit noch mit der Zukunft beschäftigt, sondern auf Veränderungen in unserer heutigen Gesellschaft hinweisen will.

Als ich dann anfing, mich mit Motiven aus dem Mittelalter zu beschäftigen, vor allem mit der Figur der Hexe und dem Phänomen der Inquisition, war ich plötzlich regelrecht elektrisiert. Das Motto meiner Auftraggeber entpuppte sich als geniale Inspiration. Auf einmal fand ich es wunderbar, eine Art moderner Hexenjagd zu schreiben. Es passte perfekt.

Erklär mal, was du an Hexen so faszinierend findest. Und was du mit moderner Hexenjagd meinst.

Die Hexe ist im Grunde eine Ausgestoßene. Sie wird aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Lebensform oder einfach nur, weil sie Feinde hat, aus der Gemeinschaft ausgesondert. Man spricht ihr sogar die menschlichen Eigenschaften ab, was sie in gewissem Sinne vogelfrei macht. Man darf die Hexe verleumden, man darf sie anstarren, verfolgen, am Ende vielleicht sogar foltern oder töten. Sie ist wunderschön oder sehr hässlich, sie übt Faszination aus, und man hat Angst vor ihr. In Märchen und Geschichten leben Hexen oft außerhalb der menschlichen Gemeinschaft, zum Beispiel in einem kleinen Haus im Wald, wo sie ihre Tränke brauen und ihre Zauberkraft schulen. Natürlich waren die historischen Hexen in Wahrheit ganz normale Frauen. Im Rahmen der Hexenverfolgung mussten viele dieser Frauen völlig grundlos grausame Schicksale erleiden, weil die Inquisition sie zu Feinden der Gesellschaft erklärte.

Heutzutage ist die Figur der Hexe durch den »Staatsfeind«, den »Gefährder« oder »Terroristen« ersetzt. Es gibt viele Filme und Geschichten über Menschen – inzwischen meistens Männer –, die unschuldig ins Visier der Geheimdienste geraten. Ihnen werden die Bürgerrechte abgesprochen, man jagt sie als Staatsfeinde, sie müssen sich mit archaischen Methoden wehren. Im Grunde greifen die Regisseure und Autoren solcher Plots immer wieder das Motiv der Hexenverfolgung auf.

Auch Mia Holl wird in Corpus Delicti zur Staatsfeindin stilisiert. Nicht nur, weil sie sich einige Regelverstöße zuschulden kommen lässt, sondern vor allem, weil sie sich der Trauer um ihren toten Bruder hingibt. In einer Gesellschaft, die beschlossen hat, Glück zur Bürgerpflicht zu machen, werden negative Emotionen zur Bedrohung. Sie sind »gesundheitsschädlich«, und weil Gesundheit in der Corpus-Delicti-Welt nicht nur ein individueller, sondern auch ein gesellschaftlicher und politischer Wert ist, greift alles Gesundheitsschädliche den Staat in seinem innersten Wesen an.

Mia gerät ins Visier von Heinrich Kramer, der sie als Vertreter des Systems verfolgt, gleichzeitig auch benutzt, indem er eine Staatsfeindin aus ihr macht. Jedes System braucht Feindbilder, gegen die es sich abgrenzen und gemeinschaftlich verteidigen kann. Das schafft Identität. Insofern sind jede Hexe und jeder Staatsfeind immer auch eine Selbstbestätigung der Mehrheitsgesellschaft und der herrschenden Klasse. Man beweist die eigene Machtvollkommenheit, indem man sich das Recht nimmt, einzelne Individuen aus der Gemeinschaft zu verstoßen und für vogelfrei zu erklären. Gleichzeitig festigt man auf diese Weise die Bedeutung der gemeinsamen Werte. Erst durch echte oder vermeintliche Angriffe, durch die Notwendigkeit, sich zu verteidigen, spürt eine Gemeinschaft ihr Fundament.

Insofern ist die Hexenverfolgung tatsächlich keine »Epoche«, also nicht nur ein schrecklicher Vorgang aus alten Zeiten, um den sich viele Geschichten ranken. Sondern ein allgemeingültiges, zeitenübergreifendes Prinzip von Gesellschaftsbildung und Machterhalt. So spannend, dass es immer wieder neu erzählt wird.

Gibt es für die beiden Hauptfiguren Mia Holl und Heinrich Kramer direkte Vorbilder?

Ja, die gibt es tatsächlich, wobei ich vielleicht nicht von Vorbildern sprechen würde, sondern eher von Paten. Ich habe nicht versucht, den Charakter oder die Lebensgeschichte von bestimmten Personen aufzugreifen, aber ich verweise durch die Namen der Hauptfiguren auf zwei historische Personen, die etwas mit Corpus Delicti zu tun haben.

Maria Holl wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts bei Ulm geboren. Gemeinsam mit ihrem Mann eröffnete sie eine Gastwirtschaft in Nördlingen. Weil die Wirtschaft gut lief, hatte Frau Holl als Zugezogene in der neuen Stadt vermutlich einige Neider. Sie wurde wegen Hexerei angezeigt und am 2. November 1593 inhaftiert. Sie überstand 62 Folterungen, ließ sich zu keinem falschen Geständnis nötigen und kam am 11. Oktober 1594 durch das energische Eingreifen der Reichsstadt Ulm wieder auf freien Fuß. Am ehemaligen Gasthof »Goldene Krone« des Ehepaars Holl verweist heute ein Gedenkschild darauf, dass die Standhaftigkeit von Maria Holl unter der Folter zum Abklingen des Hexenwahns in Nördlingen beigetragen hat.