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Was bedeutet es, als Frau frei zu sein – theologisch, gesellschaftlich und persönlich? Diese Frage begleitet Franziska Klein seit ihrer Jugend. Aufgewachsen mit engen Rollenzuschreibungen, suchte sie nach Antworten jenseits traditioneller Konzepte. In ihrer Auseinandersetzung mit Bibel, Geschichte und aktuellen Entwicklungen entdeckte sie eine befreiende Sicht aufs Frausein – weit über starre Rollenbilder hinaus. Als Pastorin erlebt sie heute die wachsenden Spannungen zwischen konservativen und feministischen Strömungen. Alte Geschlechterbilder kehren zurück, die Debatte wird zunehmend polarisiert. Doch statt sich in Extremen zu verlieren, plädiert sie für eine differenzierte Auseinandersetzung: Wie können Frauen ihren Glauben und ihre Identität neu denken, ohne sich in dogmatischen Gegensätzen zu verlieren? Dieses Buch möchte Orientierung bieten, Brücken zwischen den Positionen schlagen und Frauen ermutigen, ihre eigene Freiheit in Christus zu entdecken.
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Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Franziska KleinFrau sein
http://www.fontis-verlag.com
Für Noemi.Für Tina.Für meine ElternSara und Georg.Eure Liebe gab mir Halt,um loszufliegen.
Franziska Klein
Frausein
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.Der Fontis-Verlag wird von 2021 bis 2025vom Schweizer Bundesamt für Kultur unterstützt.© 2025 by Fontis-Verlag BaselFontis AGSteinentorstrasse 23 | 4051 Basel | [email protected] in der EU:Fontis Media GmbHBaukloh 1 | 58515 Lüdenscheid | [email protected] Bibelübersetzungen wurden verwendet und wie folgt abgekürzt:ELB – Elberfelder Bibel, © 1985/1991/2006 SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.Hfa – Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®, Herausgeber: Fontis-Verlag Basel.NeÜ – Neue evangelistische Übersetzung © 2025 by Karl-Heinz Vanheiden, http://www.derbibelvertrauen.de.NGÜ – Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen. Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.LUT – Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.BB – BasisBibel. Das Neue Testament und die Psalmen, © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.GNB – Gute Nachricht Bibel, durchgesehene Neuausgabe, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.Hervorhebungen in Bibelzitaten stammen von der Autorin.Umschlaggestaltung: CaroGraphics, Carolin Horbank, DresdenAutorenfoto: © sarahbergfeld_photographyLektorat: Konstanze von der PahlenSatz: Justin Messmer, InnoSet AG, BaselISBN 978-3-03848-489-9 (eBook)
«Was willst du werden, wenn du groß bist?», frage ich sie, während wir uns die Fingernägel mit schillernden Nagellacken bunt lackieren. «Ich überlege, Lehrerin zu werden oder vielleicht Pastorin», antwortet meine zehnjährige Freundin unbekümmert und malt dabei weiter bunte Tupfen auf ihre Nägel.
Ich halte inne. Ihre Antwort trifft mich unerwartet. Ich spüre, wie meine Augen sich mit Tränen füllen, und hoffe, dass der Kloß in meinem Hals meine Antwort nicht erstickt: «Wie cool, das kann ich mir beides gut bei dir vorstellen.»
Meine Reaktion ist so emotional, weil ich die Pastorin dieses Mädchens bin und vermutlich auch die einzige, die es kennt. Mit seiner unbekümmerten Antwort steht es in völligem Kontrast zu einem anderen zehnjährigen Mädchen, das diese Antwort nicht hätte geben können:
Ich selbst in seinem Alter.
Als ich zehn Jahre alt war, wollte ich Krankenschwesterin werden – und ja, ich dachte damals, dass das richtig gegendert sei. Den Berufswunsch Pastorin kannte ich nicht, er hatte in meinem Umfeld keine theologische Daseinsberechtigung. Bundeskanzlerin war da noch wahrscheinlicher, denn als ich Teenager war, wurde Angela Merkel die erste Regierungschefin Deutschlands. Ich wollte nicht Bundeskanzlerin werden, aber immerhin kannte ich eine.
Mit dreißig Jahren wurde ich Pastorin. Für mich ein Wunder am Ende eines schmerzvollen Weges, der mich in die Freiheit führte. Ich bin in einer Subkultur großgeworden, die für meine Generation in Deutschland nicht repräsentativ ist und sich besonders im Hinblick aufs Frausein von meiner Umgebung unterschied. Dies brachte ein Gefühl des Fremdseins mit sich, das sich durch meine ganze Lebensgeschichte zieht: fremd in der Welt. Fremd in der Kirche. Fremd in mir. Dennoch gab es bisher keinen Anlass, die Geschichte meines Frauseins zu erzählen, fühlte sie sich doch stets an wie ein Hinterherhinken und Aufholen von Selbstverständlichkeiten des 21. Jahrhunderts.
«Können wir das Thema ‹Männer vs. Frauen› nicht endlich hinter uns lassen?», fragte mich ein junger Mann, nachdem ich einen biblisch-theologischen Vortrag über Herausforderungen des Frauseins gehalten hatte. Ich fühlte Scham in mir aufkommen. Arbeite ich mich an Themen ab, die kaum jemanden interessieren?, fragte ich mich. Mache ich aus Mücken Mammuts, die eigentlich längst ausgestorben sind?
Doch Hand aufs Herz: Können wir das Thema «Männer und Frauen» wirklich hinter uns lassen? Wenn ich in mein Leben blicke, stelle ich fest: Ich kann nicht. Alles an meinem Frausein hat mit allem in dieser Welt zu tun – Geschichte, Politik, Theologie und meinem Selbstbild. Das Frausein ist ein roter Faden in meiner Lebensgeschichte, der sich nicht wie ein alter Mantel ablegen lässt. Ich habe gar nicht die Möglichkeit, das Thema hinter mir zu lassen, weil es mich nicht nur existenziell betrifft, sondern ständig aktuell bleibt. Wenn ich in diese Welt blicke, bin ich überzeugt: Wir können dieses Thema nicht hinter uns lassen – und das sollten wir auch nicht.
Ich schreibe dieses Buch aus einer mittlerweile sehr privilegierten Position. Das war nicht immer so und es hat sich auch nicht immer so angefühlt. Heute stelle ich fest: Ich bin frei. Doch Frausein und Freisein war weder in meinem Leben eine selbstverständliche Verknüpfung noch in der Gesellschaft oder Kirche für den größten Teil der Geschichte – und für viele Frauen auf der Welt ist es das auch heute nicht. «Frausein» kommt mit einer Geschichte daher, einem sogenannten topos, einem Schema und einem Bild, das sich durch die Zeiten gezogen und das in meinem Leben Wellen geschlagen hat.
Erst vor wenigen Jahren hatten sich die Wogen etwas geglättet und ich wähnte mich selbst und unsere Gesellschaft im Hinblick auf das Miteinander der Geschlechter auf hoffnungsvollem Kurs. Das galt auch für die Kirche, wenngleich ich dort in Sachen Gleichberechtigung einen größeren Nachholbedarf sah als in der Gesellschaft. Doch dieser Umstand motivierte mich umso mehr, mich dafür einzusetzen, als ich 2019 Pastorin wurde.
Dann kam Covid und wir erlebten als Weltgemeinschaft eine Krise, die uns veränderte. Seither sind neue Unsicherheiten, Spannungen, Polarisierungen aufgetreten, weshalb wir uns laut dem Zukunftsforscher Matthias Horx in einer «Omnikrise» befinden – einer Krise, in der alles miteinander zusammenhängt und die zu unserem neuen Lebensgefühl geworden ist. Seit ich denken kann, war das Thema Frausein meine persönliche Omnikrise, und gerade als sich die Wellen in mir etwas beruhigt hatten, kamen sie in den letzten Jahren neu in Bewegung.
Es begann zunächst mit vielen kleinen Beobachtungen und Gesprächen. Geschlechterthemen tauchten wieder verstärkt in den Medien auf – nach den Wahlen wurde für die USA eine neue Geschlechterdebatte prognostiziert, Afghanistan verbannte Frauen aus der Öffentlichkeit, das deutsche Bundeskriminalamt verzeichnete einen Anstieg von Gewalt gegen Frauen und neuerdings geisterte das Tradwife-Phänomen durch Instagram & Co. Als dann das Wort Backswing in den Medien auftauchte, fragte ich mich, ob patriarchale Strukturen tatsächlich wieder erstarkten oder ob es sich nur um letzte Aufbäumungsversuche längst besiegter Monster handelte.
«Täusche ich mich oder wird die Kluft zwischen Männern und Frauen gerade eher wieder größer?», fragte mich im vergangenen Jahr ein Kollege, nachdem er unterwegs gewesen war und mich an seinen Erfahrungen und Beobachtungen innerhalb der christlichen Szene hatte teilhaben lassen. Als mein Kollege seinen Eindruck in Worte fasste, wurde mir plötzlich bewusst, dass sich seit einigen Wochen eine neue Enttäuschung in mir angestaut hatte: Das Ringen um die Gleichberechtigung von Mann und Frau hing nicht wie ein alter Mantel vergangener Grabenkämpfe im Keller, sondern war mit einer neuen Vehemenz erwacht – gesellschaftlich, aber auch im kirchlichen Raum.
Diese Erkenntnis schwappte wie eine Erschöpfungswelle in meinen Alltag: Die Zukunft sah nicht so rosig, nicht so weiblich aus, wie ich es mir vor wenigen Jahren erhofft hatte. Wo würden wir in ein paar Jahren stehen? Wohin gingen wir gerade? Als Gesellschaft, als Kirche und als Miteinander der Geschlechter?
In diesen Tagen traf ich die Entscheidung: Ich werde mich nicht zurückziehen. Ich werde nicht wegschauen. Ich möchte reden – am liebsten mit dir. Stell dir vor, wir würden zusammen am Tisch sitzen. Es gibt leckeres Essen, guten Wein und wir reden übers Frausein. Ich erzähle dir meine Geschichte, teile meine Perspektive auf die Bibel, die Zeit hinter uns und die Gegenwart. Ich teile persönliche Sehnsüchte, Ängste und Fragen.
Dabei gilt beides: Ich kann nicht über das Frausein sprechen, weil ich nur eine von Milliarden bin. Gleichzeitig muss ich aber darüber sprechen – eben weil ich eine bin. Ich möchte mich der Verantwortung nicht entziehen, auch wenn meine Antworten so viel Angriffsfläche bieten. Ich möchte mir die Mühe machen, um Sprache und Antworten zu ringen. Ich möchte mich positionieren inmitten des riesigen Themas Frausein, das von Pauschalisierungen und Minenfeldern durchzogen ist, möchte mich verletzlich machen und damit Gott die Ehre geben. Ich möchte nicht ausweichen und ich will auch davon wegkommen, nur die Stimme der Abgrenzung zu gebrauchen und zu sagen, wie furchtbar zu enge Rollen sind. Ich möchte nicht gegen etwas sein, sondern für etwas.
Mein Wunsch ist, dass wir ins Gespräch kommen – vielleicht hast du Ähnliches erlebt, vielleicht unterscheidet sich deine Perspektive und deine Meinung von meiner. Doch ob ähnlich oder ganz anders: Wir sollten reden, denn wie wir über das Frausein denken, betrifft uns alle. Frausein ist daher nicht nur ein persönliches Thema, sondern ein gesellschaftliches, über das wir – Männer und Frauen – unbedingt in Austausch kommen sollten. Wir müssen darüber sprechen, wie wir die Gegenwart gestalten wollen, von welcher Zukunft wir träumen und wie wir ihr gemeinsam entgegengehen können.
Als ich mich intensiver mit der Literatur zum Thema beschäftigte, stellte ich fest: Christliche Frauenbücher kommen oft ohne Geschichte und Gesellschaft aus, feministische Bücher kommen vielfach ohne Gott aus und gesellschaftliche Beobachtungen vielfach ohne Frau. Und dann dachte ich an die Frauen in meiner Umgebung, die jungen Mädels in meiner Kirche und die Bandbreite der Fragen, die alle Bereiche berührten.
Auch mein Frausein hat mit allem zu tun: Es ist persönlich und politisch, es ist theologisch und historisch. Es ist partikular und universell. Die eigene Geschichte zu erzählen, ist herausfordernd, und ich mache mich damit verletzlich. Als ich darum rang, wie es gelingen kann, die eigene Geschichte zu teilen, gab mir eine Freundin den Rat: «Tell your story with honesty and honor.» – Erzähl deine Geschichte mit der Ehrlichkeit, die sie braucht, und mit dem Respekt, den sie verdient.
Ich fand das eine hilfreiche Spur. Wenn ich ehrlich schreibe, ist es nicht mein Anliegen, jemanden anzuklagen; ich will ehrlich sein, weil ich an die Frauen denke, für die ich dieses Buch in erster Linie verfasse. Geschichten sind nicht absolut, sie rühren von eigenen Erfahrungen, Sichtweisen und Reflexionen her und es bleibt dir überlassen, alles zu prüfen und das Gute zu behalten. Ich sehe mich selbst einem Gott unterstellt, dem allein die Hoheit der Wahrheit zugeordnet werden kann, und habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefuttert.
Ich bin angetrieben von Hoffnung. Hoffnung, weil ich an einen Gott glaube, der die Geschichte mit den Menschen nicht nur gut begonnen hat, sondern auch gut zu Ende führen wird.
Ich träume von Freiheit, weil ich der Überzeugung bin, dass Gott sich für jeden Menschen seine Freiheit wünscht. Ich träume von Gerechtigkeit, weil ich an einen Gott glaube, der Ungerechtigkeit hasst und sich an die Seite der Vulnerablen stellt. Ich träume von Versöhnung. Ich träume davon, dass Männer und Frauen miteinander, aber auch Frauen untereinander sich versöhnter auf den Weg machen und gemeinsam den Traum träumen, den Gott für uns gemeinsam hat.
Um träumen zu können, braucht es eine Vorstellung dessen, was noch nicht ist. Eine Welt, für die es sich zu kämpfen lohnt.
Was kein Auge jemals sah, was kein Ohr jemals hörte und was sich kein Mensch vorstellen konnte, das hält Gott für die bereit, die ihn lieben.
1. Korinther 2,9 (Hfa)
In Liebedeine FranziFrankfurt im Juli 2025
Wisse, wer du bist,oder jemand anderes wird es dir sagen.
Anonym
Wer sagt einem, wer man ist und wer man sein darf? Als Mensch, als Frau? Wir kommen an einem Ort in diese Welt und zu einer Zeit, die wir nicht mitbestimmt haben. In unseren ersten Lebensmonaten sind wir völlig abhängig davon, dass sich andere um uns kümmern, denn wir können uns weder selbst versorgen noch sind wir uns unseres Selbst bewusst. Wir treten in diese Welt als Wesen, die aufgrund der Verschmelzung einer Ei- und einer Samenzelle scheinbar zufällig entstehen und dennoch von Gott einzigartig gewollt und gemacht sind. Ich bin nur eine von Milliarden und füge mich in die größere Geschichte ein, indem ich meine eigene Geschichte schreibe. Diese beginnt nicht mit einem unbeschriebenen Blatt, denn am Anfang meines Lebens weiß ich nicht, wer ich bin, und lerne aus dem, was andere über mich, Gott und die Welt sagen.
«Deiner Stimme geht es nicht gut», sagte sie zu mir, nachdem sie sich für die Vorträge bedankt hatte, die ich an diesem Wochenende gehalten hatte. Dann konfrontierte sie mich freundlich, aber bestimmt mit ihrer Beobachtung zu meiner Stimme. So, als hätte diese ein Eigenleben.
Die junge Frau war vom Fach, doch ihre Rückmeldung überraschte mich und pikste auch leicht, denn bis dahin hatte ich stets Komplimente für meine Stimme bekommen. Gleichzeitig glimmte ein Hoffnungsschimmer in mir auf, denn wenn ich ehrlich war, hatte ich das Wochenende nur mithilfe einer Tasche voll Halsbonbons und literweise Ingwertee überstanden. Ich empfand Reden zunehmend als anstrengend, hangelte mich seit Jahren von Halsentzündung zu Mandel- und Kehlkopfentzündung und Halsschmerzen gehörten zu meinem Alltag. Also nahm ich die Rückmeldung ernst und ging kurz darauf zum Arzt, der eine Stimmstörung diagnostizierte und mich in die Stimmtherapie schickte.
In einer der ersten Stunden sagte meine Therapeutin: «Atmen Sie mal vollständig aus.» Mir war zunächst nicht klar, was sie meinte, und versuchte der Aufgabe bestmöglich nachzukommen. «Sie atmen nicht vollständig aus. Sie ziehen den Bauch ein und halten Ihre Luft an.»
Erst nach einigen Monaten verstand ich den Unterschied, spürte die permanente Anspannung, die meinen Oberkörper und damit auch meine Stimmbänder so versteiften, dass diese mit zu viel Druck aufeinanderprallten und sich entzündet hatten. Dann lernte ich neu zu atmen.
«Sie leben mit angehaltenem Atem.» Diese Aussage betraf meine Stimme, aber sie traf auch einen Nerv, der mir inmitten der Stimm- und Lockerungsübungen Tränen in die Augen trieb. Emotionen, die ich nicht mit meiner Stimme in Verbindung gesehen hatte, schwemmten an die Oberfläche: Ich sprach zu laut und schämte mich. Ich war unter Druck und empfand mich als angestrengt. Ich lebte mit angehaltenem Atem und war nervös.
Was buchstäblich auf meine Stimme schlug, lastete auch auf meiner Seele. Ich lebte in einer Habachtstellung. Ich spürte den Krampf in meinen geballten Fäusten und meinen angestrengten Blick, der permanent jede Regung in der Umgebung unter die Lupe nahm. Meine Stimme war Symptom eines Lebens, das unter Druck stand. Meines Lebens als Frau. Ich war zu viel und gleichzeitig zu wenig. Ich passte mich an, verbog und erklärte mich und wusste dabei nicht, wer ich war und sein durfte. Was würde passieren, wenn ich vollständig ausatme? Was würde passieren, wenn ich den Druck loslasse, zur Ruhe komme, einfach sein darf?
Ich fühlte ein Kribbeln in mir. Was wäre, wenn ich einfach bin? Wenn ich tief ein- und ausatmen würde, ohne Druck zu spüren oder mir Gedanken zu machen, wie mein Bauch aussieht? Wenn ich sprechen würde, ohne mir Sorgen zu machen, wie sich meine Stimme anhört? Sein zu dürfen, ohne dass ich jemanden dafür um Erlaubnis bitten muss?
Wann hatte es überhaupt damit angefangen? Wann war der Moment gekommen, dass ich mich so unter Druck, so unfrei fühlte, so wenig zu Hause in mir selbst und dieser Welt? Und wer sagte mir, was ich darf und wer ich bin? Entsprach dieses Gefühl dem Menschsein? War es mein Frausein?
Seit ich mich erinnern kann, empfand ich mein Frausein in dieser Welt nicht als etwas, was einfach sein darf. Frausein heißt, den Atem anzuhalten, heißt, sich still zu verhalten, heißt, sich sagen zu lassen, was der eigene Platz ist. Frausein heißt, dass ich etwas schaffen, bewältigen, durchkämpfen muss. Die Rolle ist wie eine nicht lösbare Aufgabe. Sie ist ein Seinsollen ohne ein Seindürfen. Ein ständiges Ringen um Platz und Erlaubnis. Der permanente Versuch, alles richtig zu machen, allen Erwartungen und Anforderungen gerecht zu werden, ohne dass man es je schaffen kann.
Denn irgendwas stimmt nicht. Es ist wie die Regel beim Achterbahnfahren, dass man 1,40 m sein muss, um mitfahren zu dürfen, aber nur 1,37 m misst. Es ist wie, wenn man zum Kampf eine Feuerwaffe bekommt, aber die Arena eine Unterwasserwelt ist. Wie permanent Gast zu sein – Schuhe anlassen oder ausziehen?
Wie sollte ich in einer solchen Welt einfach sein? Wie soll ich in einer Welt ausatmen, die sich nicht sicher anfühlt? Was hat es mit meinem Frausein auf sich, dass es sich in dieser Welt anfühlt wie ein Aufenthalt mit Sondergenehmigung?
Meine Stimmtherapeutin erzählte mir, dass es keine Seltenheit ist, dass Frauen in ihrer Praxis weinen. Frauen leiden häufiger unter Stimmstörungen als Männer, was auf anatomische, aber auch psychologische Faktoren zurückzuführen ist. Viele Frauen sprechen zu hoch oder zu leise, müssen mehr Kraftaufwand bringen, um dasselbe Gehör zu finden. Ihre Stimme unterscheidet sich von der Stimme eines Mannes in dieser Welt.
Eine junge Frau sagte mir neulich, dass alles so beliebig geworden sei; keiner wisse mehr, was er oder sie ist oder sein will. Ich fragte sie, ob sie wisse, wer sie sein will. «Ich bin eine Frau und weiß gleichzeitig nicht mehr, was es bedeuten soll», antwortete sie. «Ich verstehe mich weniger als Frau, sondern einfach als Mensch», meinte eine andere Frau.
Auf die französische Philosophin Simone de Beauvoir geht das berühmte Zitat zurück: «Als Frau wird man nicht geboren, man wird es.» Der Duden wiederum definiert: «Eine Frau ist eine erwachsene Person weiblichen Geschlechts.» Zur näheren Bestimmung des «weiblichen Geschlechts» heißt es: «dem Geschlecht angehörend, das Eizellen bildet, aus denen sich nach Befruchtung Nachwuchs entwickeln kann». Genetisch ließe sich sagen, dass Frauen typischerweise das Chromosomenpaar XX aufweisen und dass sie biologisch die Voraussetzungen haben, um von der Pubertät bis zur Menopause schwanger zu werden und Kinder zu gebären.
Während wir alle im Biologieunterricht gelernt haben, dass sich die weibliche Anatomie von der männlichen deutlich unterscheidet, zeigen jüngste Forschungen, dass durch das komplexe Zusammenspiel von Chromosomen, Hormonen und Geschlechtsorganen Gehirne ein Geschlechtskontinuum aufweisen, wobei die Unterschiede zwischen Frauen bzw. Männern untereinander zum Teil größer sind als die zwischen Frauen und Männern.1
Während der Duden auf die Polarität der Geschlechter verweist, zeigt das Zitat von de Beauvoir, dass deren Bedeutung damit aber noch nicht geklärt ist. Klarheit und Komplexität kommen bei der Frage des Frauseins zusammen – weder ist alles beliebig noch alles klar. Die polemisierende Aussage der jungen Frau, dass heute «niemand mehr weiß, was er oder sie sein will», scheint mir überzogen; aber dass wir darüber sprechen müssen, was Frausein bedeutet, sehe ich als eine gesellschaftliche und theologische Aufgabe.
Mir ist es wichtig, an dieser Stelle zu sagen, dass die Frage, was eine Frau ist, für mich hier nicht ausschließend gemeint ist. Unabhängig davon, wie deine Geschichte im Hinblick auf dein Geschlecht ist: Du bist als Ebenbild Gottes geschaffen. Ich kann meine Geschichte nur als Frau erzählen – mein weiblicher Körper, mein Migrationshintergrund und meine theologische Prägung spielen in mein Selbstverständnis als Frau genauso mit hinein wie das Frausein in der Geschichte; das auszublenden, würde etwas verwischen, was ich sichtbar machen will.
Welche Erfahrungen Frauen miteinander teilen, hat mit verschiedenen Faktoren zu tun und so manche gehen mit Diskriminierungserfahrungen einher. Wenn du als schwarze Person oder mit asiatischen Wurzeln in Deutschland aufwächst, kommt die Ebene des strukturellen Rassismus hinzu. Wenn du eine Behinderung hast, ist Diskriminierung aufgrund körperlicher und psychischer Beeinträchtigungen ein Thema. Darüber hinaus bestimmen Herkunft, Sexualität, Erziehung, Bildung, Kultur, Gesundheit, Familienstand, Traumata, Familiengeschichte und vieles Weitere, wie wir Frausein empfinden und darüber sprechen. Manche dieser Themen betreffen uns kollektiv, andere individuell.
Was macht Frausein für dich aus? Was assoziierst du damit?
Die Hauptfrage, die mich den größten Teil meines bisherigen Frauseins begleitet hat, ist: Darf ich das? Die Welt fühlte sich für mich nicht wie ein Ort an, an dem ich einfach sein durfte, einfach eine Stimme hatte. Meine gesunde Stimme zu entdecken, war Teil meiner Reise, meinen Platz zu finden – einen Platz in einem Leben, in dem uns widersprüchliche Aussagen zugerufen werden. In dem Orientierung und Identifikation fehlen und die eigene Prägung gleichzeitig eine machtvolle Richtung vorgibt.
«Wann kaufst du mir endlich mein Fahrrad?», fragte ich als Vierjährige meinen Vater, als er von der Arbeit heimkam. Es war Frühjahr 1993 und mein Geburtstagswunsch ließ seit ein paar Monaten auf sich warten. Mein Vater erzählt, dass ich an jenem Tag resolut, mit den Händen in die Seiten gestemmt, einforderte, was mir versprochen worden war. Also nahm er die kleine Franzi an der Hand und marschierte auf direktem Weg zum nächsten Fahrradladen, aus dem sie kurze Zeit später als stolzeste Besitzerin eines pinken Puky-Fahrrads wieder heraustrat.
Ich muss bei der Erinnerung lächeln, die mein Vater durch wiederholtes lebhaftes Erzählen wachhält. Mein vierjähriges Selbst hatte keine Schwierigkeiten zu sagen, was es will, und trat für sich sein. Ein Selbstbewusstsein, das ich in den nächsten Jahren verlieren und für die darauffolgenden Jahrzehnte vermissen sollte.
«Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts», sagte Simone de Beauvoir. Ist das so? Müssen Frauen fordern, damit sie bekommen, was sie möchten? Und wenn ja, von wem? Gehen sie tatsächlich leer aus, wenn sie nichts fordern?
Diese Fragen interessieren die vierjährige Franzi nicht, als sie weitgehend sorglos mit ihrem pinken Fahrrad um die Häuser zieht. Doch es entspricht ihrer frühsten Erfahrung: Sie forderte, sie bekam. Nur wenig später wird sie lernen, dass ein Mädchen brav und nicht fordernd auftreten soll. Sie wird verinnerlichen, dass es einer Frau besser steht, still zu empfangen, als lautstark einzufordern.
Mein Kindheitsgefühl ist davon geprägt, dass wir es besser haben als meine Eltern und dafür dankbar sein können. Vor dem Schlafengehen hat mein Vater uns abends immer Geschichten aus seiner Kindheit weitergegeben, die an einem verwunderlichen, uns unbekannten Ort stattgefunden haben. «Erzähl uns von da, als du klein warst», sagten wir und liebten es, wenn er dann eine Anekdote zum Besten gab.
Mein Vater konnte gut erzählen und die Welt, in der er aufgewachsen war, war so anders als unsere, sie war gefährlicher und aufregender. Er berichtete vom Aufwachsen im ländlichen Siebenbürgen, wo er das Wasser aus dem Brunnen im Hof schöpfte, mit der Kutsche fuhr und sich mit seiner Hasenzucht Geld dazuverdiente. Er erzählte, dass Oma und Opa sich im Arbeitslager in der Ukraine kennengelernt hatten, von seinen älteren Geschwistern und der Schulzeit im Kommunismus. Er schilderte seine Zeit beim Militär im kommunistischen Rumänien, wo die Marmelade so alt und hart geworden war, dass man sie in Scheiben schneiden konnte, und die Maden erst aus den Keksen kamen, wenn man sie in heißen Tee tauchte. Er erzählte von den Einschränkungen bei der Studienwahl, weil er nicht in der Partei war, und von ungerechten Gerichtsverhandlungen, weil er christliche Freizeiten organisierte.
Anders als meine Eltern konnten wir alles, was wir brauchten, im Supermarkt kaufen, wir hatten keine Angst vor Geheimdiensten und fuhren im Sommer sogar ans Meer. Wir hatten Freiheiten und Möglichkeiten, die meine Eltern nicht gehabt hatten. Ich schloss in mein Herz, dass Gerechtigkeit und Freiheit nicht selbstverständlich sind und zugleich zutiefst erstrebenswert. Und dass Privilegien dazu da sind, sie für andere einzusetzen, denn nicht alle Kinder hatten es so gut wie wir.
Wenn ich frühe Kinderbilder von mir anschaue, lächelt mir ein kleines blondes Mädchen mit pinken Klamotten und ihrem pinken Fahrrad entgegen. An seiner Seite oftmals die nur wenige Jahre ältere Schwester. Ich liebte Puppen und Pink, backte und bastelte gern, galt als verschmust und sensibel. Meine ältere Schwester liebte Tiere, war viel draußen und war sportlicher, schlauer und furchtloser als ich. Als wir uns bei einem samstäglichen Familiengroßeinkauf etwas Kleines aussuchen durften, wählte sie die Zeitschrift «Tierfreund», ich eins dieser billigen Plastiksets für Kinder: pinkes Täschchen, pinker Spiegel, pinker Kamm. Ich spielte gern feine Dame und hatte eine Faszination für alles Schöne und Glitzrige.
Meine Schwester war die Starke von uns beiden. In einer Silvesternacht hielt sie mir im Schlaf die Ohren zu, weil ich mich vor Böllern und Raketen fürchtete. Einmal haute sie einen Jungen, der mich geärgert hatte. Abends kletterte sie zu mir ins Bett, wenn ich Angst vor der Dunkelheit hatte. Sie schaute Filme vor mir, um mich vor den Szenen zu warnen, die ich nicht gut ertragen konnte.
Wir waren als Mädchen sehr unterschiedlich, obwohl wir dieselbe Prägung, eine ähnliche Erziehung und nur einen geringen Altersunterschied hatten. Ob ich jemals ein Junge hatte sein wollen, fragte sie mich später. Ich verneinte. Ich erinnere mich an eine Situation, als ich nach dem Kindergottesdienst einem Jungen hinterhergerannt war und von der Betreuerin mit den Worten ermahnt wurde: «Es gehört sich für ein Mädchen nicht, dass sie wie ein Junge über den Hof rennt.» Ich hielt an, schämte mich und strich mein Kleidchen wieder glatt. Ich war ein Mädchen und die rannten anscheinend nicht wie die Jungs über den Hof. Meine Schwester hingegen wäre gern ein Junge gewesen, weil das, was sie sein wollte, in unserem Kontext mit Jungen assoziiert wurde: wild, stark, sportlich, frei.
Als wir älter wurden, stellten wir fest, dass «wie ein Mädchen» kein Kompliment ist. Vor einigen Jahren wurde von der Marke «Always» eine Kampagne herausgebracht, in der man junge Erwachsene – Männer und Frauen – fragte, wie es aussehen würde, wenn man «wie ein Mädchen» rannte, kämpfte und einen Ball warf. Die jungen Erwachsenen taten mit Absicht weniger sportlich und machten eine affektierte Bewegung. Als kleine Mädchen hingegen gefragt wurden, was es bedeutet, «wie ein Mädchen zu rennen», antwortete eine: «Es bedeutet, dass man so schnell rennt, wie man nur kann. Zu sein, wie man ist, und sein Bestes zu geben.»
Am Ende des Videos wurde eine Frage eingeblendet, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging: «Wann wurde es zu einer Beleidigung, zu jemandem zu sagen: ‹Du rennst wie ein Mädchen›?» Ja, wann? Ich kann mich nicht an einen bestimmten Zeitpunkt erinnern, aber «rennen wie ein Junge» klang in meinen Kinderohren schon sehr früh besser als «rennen wie ein Mädchen».
Als meine Schwester und ich nach der Grundschule aufs Gymnasium wechselten, waren wir in unserer christlichen Gemeinschaft die Ausnahme. Meine Freundinnen aus der Gemeinde gingen alle auf die Realschule und meine Cousine sagte, dass die viel praktischer ausgerichtet sei. Manche Eltern in unserem christlichen Umfeld winkten die Gymnasialempfehlung für ihre Töchter mit der Begründung ab, dass sie kein Abitur bräuchten, weil eine Ausbildung für Mädchen völlig ausreiche.
Ich fühlte mich etwas zerrissen, denn einerseits wollte ich ja Krankenschwester werden, wofür die Realschule ebenfalls reichen würde; andererseits ging meine Schwester schon aufs Gymnasium. Dass ich ihr dorthin folgte, war schlussendlich eine pragmatische Entscheidung: Meine Eltern kauften im selben Jahr ein Haus, das nur zwei Straßen vom städtischen Gymnasium entfernt lag, und so siegten die Bequemlichkeit, das Vorbild meiner Schwester und die Grundschulempfehlung.
Im Gemeindeumfeld ernteten wir daraufhin Kommentare wie «Jungs mögen es nicht, wenn Mädchen schlauer sind als sie», «Ihr haltet euch wohl für was Besseres» oder «Es ist für Frauen nicht so wichtig, welchen Beruf sie lernen». Seither begleitete mich das klamme Gefühl, dass ich mich für das, was ich lernte und wusste, stets entschuldigen musste.
Als wir in der siebten Klasse im Erdkundeunterricht das Land Indien durchnahmen, entschied ich mich für das Referatsthema «Frauenrechte in Indien». Ein paar Wochen lang las ich mich in das indische Kastensystem, Bildung und Femizide ein – Berichte, die mich schockierten und sehr beschäftigten. Dabei stolperte ich über eine Geschichte, in der ein kleines Mädchen ausgesetzt wurde, weil sie die zweite Tochter war und die Familie die finanzielle Belastung, die ein Mädchen bedeutete, nicht stemmen konnte.
Es war das erste Mal, dass ich darüber las, dass Frausein ein benachteiligender Faktor war, und am Ende meiner Vorbereitungen war ich völlig davon überzeugt, dass ich einmal nach Indien gehen würde, um mich für die Rechte von Mädchen und Frauen einzusetzen. So viel Ungerechtigkeit gegenüber Frauen – und das im 21. Jahrhundert! «Wart ihr enttäuscht, dass ihr nach meiner Schwester wieder ein Mädchen bekommen habt?», fragte ich meine Eltern daraufhin und es war nicht überraschend, aber wohltuend, als sie mir versicherten, dass sie sich sehr über mich gefreut hätten und mein Geschlecht dabei egal gewesen sei.
In meiner Klasse spielte es weniger eine Rolle, dass ich ein Mädchen war, als dass ich ein Mädchen mit Migrationshintergrund war. Kam ich zu spät in den Kunstunterricht, musste ich vor der ganzen Klasse ein Verslein aufsagen: «Roller, Roller, ratt-ratt-ratt, wenn Peter einen Roller hat, dann rollt er durch die ganze Stadt, Roller, Roller, ratt-ratt-ratt.» Meine Kunstlehrerin wollte mich damit nicht schikanieren; sie mochte nur mein rollendes R – ein Erkennungszeichen, das sofort verriet, dass ich ursprünglich woanders hergekommen war. Während der Schulzeit nervte es mich, dass ich immer darauf angesprochen wurde, und ich fand es ganz furchtbar, wenn ich irgendwo eine Tonaufnahme von mir hörte; aber darüber hinaus spielte es keine bedeutende Rolle. Dank meiner hohen Anpassungsfähigkeit und der Gabe, Halbwissen überzeugend zu verknüpfen, konnte ich das Gefühl des Fremdseins gut kompensieren.
Ich wollte dazugehören und nicht anders sein und meine Mitschülerinnen und Mitschüler machten es mir diesbezüglich auch nicht schwer. Ich verstand mich mit allen gut, wurde schon früh Klassensprecherin, später Stufensprecherin, war in verschiedenen AGs aktiv und moderierte den Abiball meines Jahrgangs.
In der 9. Klasse meldete ich mich im Fach Gemeinschaftskunde für das Referat «Frauenrechte» und arbeitete mich dieses Mal in die Geschichte rund um den Kampf fürs Frauenwahlrecht in Deutschland ein. In der Oberstufe schrieb ich meine erste Hausarbeit über «Frauenrechte in den USA», im Englisch-Staatsexamen Jahre später über «Die Bürgerrechtsbewegung schwarzer Frauen in den 1960er-Jahren». Das Thema «Frauenrechte» zog mich an wie das Licht die Motten. Die Ungerechtigkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht wühlte mich auf, die Sehnsucht nach und der Kampf um Freiheit faszinierten mich und die Geschichte der Frauen weltweit zog mich in ihren Bann.
Gleichzeitig fiel mir auf, dass meine Leidenschaft für das Thema, meine Entdeckungen zur Benachteiligung der Frau, meine Fragen und meine flammenden Plädoyers nach Veränderung meine Mitschülerinnen und Mitschüler nicht vom Hocker rissen. Damals verstand ich, dass Mädchen, die nicht in einer konservativ-christlichen Subkultur aufwuchsen und keinen ähnlichen Migrationshintergrund hatten, nicht dieselben Fragen und Nöte verspürten wie ich, auch wenn ich das damals noch nicht so klar benennen konnte. Die Fragen aus dem einen Kontext hatten in dem anderen jeweils kaum eine Entsprechung und in meinen frühen Teeniejahren wurde mir bewusst, dass ich mich zwischen Welten bewegte, die sehr weit auseinanderlagen.
Mein Aufwachsen wird von diesem Gefühl begleitet, dass ich ständig herausfinden muss, welche Frage in welchem Kontext passend ist. Mein Schulkontext und mein Elternhaus hatten die Überschneidung, dass meinen Eltern Bildung wichtig war, und gleichzeitig war da die Herausforderung, dass meine Eltern in einem ganz anderen Bildungssystem aufgewachsen waren und uns mit den Aufgaben oftmals nicht helfen konnten. Ich erinnere mich, dass meine Mutter erzählte, dass es in ihrer Schulzeit Aufgaben wie «Beschreibe deine Meinung zu xyz» schlichtweg nicht gegeben hatte.
Mein Elternhaus und der Gemeindekontext teilten sich Herkunftskultur und Glaubensvorstellungen, auch wenn meine Eltern mir stellenweise etwas freier und offener erschienen als die Gemeinde.
Schule und Gemeinde waren allerdings ziemlich konträr, standen manchmal auch in Konkurrenz zueinander. Aus der Perspektive der Gemeinde repräsentierte meine Schule «die Welt», aus der Perspektive der Schule galt meine Freikirche als Sekte. Über die Jahre führte das in mir zu einer Art Doppelleben – die beiden Welten passten nicht zusammen und so versuchte ich, in beide hineinzupassen.
Als junges Mädchen konnte ich nicht unterscheiden, was an der Spiritualität meines Aufwachsens «theologische» und was «soziokulturell bedingte» Faktoren waren, denn sie waren untrennbar miteinander verknüpft und bildeten eine einzigartige Mischung. Mein Kontext war nicht einfach «christlich», sondern ein Konglomerat verschiedener Einflüsse. Dazu zählt das Erbe einer Erweckungsbewegung in Siebenbürgen in den 1970ern und der freien Gemeinden dort, aber auch deutsche Brüdergemeinden, darbyistische Überzeugungen und der amerikanische Fundamentalismus – all das hat meine Großeltern und Eltern geprägt. Die Abgrenzung zum kommunistischen Staat und zu institutionalisierter Kirche spielte eine zentrale Rolle und mündete in einer Abgrenzung gegenüber «der Welt».
Als Enkelin des Gemeindegründers wuchs ich in der Mitte eines gemeinschaftlich-gesicherten Nests auf und atmete von klein auf die Luft eines «gottgewollten» Systems ein. Das bedeutete im Hinblick aufs Frausein, dass es in der Gemeinde und in der Ehe klare Rollen und Aufgaben gab. Letztgültige Verantwortung trug der Mann. «Der Mann ist das Haupt der Frau und die Frau schweige in der Gemeinde», das sind zwei zentrale Pfeiler des Frauenbilds, das mich geprägt hat. Mit der Idee, dass Gott bei der Erschaffung der Welt Mann und Frau geschlechterspezifische Rollen zugewiesen hat, wurde diese Aussage zum Universalprinzip «Schöpfungsordnung Gottes» erhoben, und das galt es zu befolgen.
Mit sechzehn las ich in einer Gruppe mit anderen jungen Frauen das Buch «Lügen, die wir Frauen glauben» der amerikanischen Bibellehrerin Nancy Leigh DeMoss. Ich fand es immer aufregend, wenn wir uns englische Bücher vornahmen, denn zum einen hatte ich zu der Zeit einen crush auf einen Amerikaner und lernte sogar freiwillig englische Vokabeln, zum anderen klang in meinen Teenieohren auf Englisch alles besser – auch die Rolle der Frau. Durch die amerikanische Literatur, die nach wie vor gedruckt wird, bekamen das Geschlechterverhältnis und die Rolle der Frau einen klaren Rahmen. Die Bücher in meinem Regal zu «gottgewolltem Frausein» trugen Titel wie «Frau mit Profil», «Die tugendhafte Ehefrau», «Er statt ich», «Befreit durch Unterordnung» oder «Set-Apart Femininity».
Wahre Freiheit zu finden, ist das zentrale Thema dieser Bücher. Nicht die augenscheinliche Freiheit der Welt, sondern die wahre, innere Freiheit, wie sie Gottes Willen und Wunsch für die Frau entspricht. Dieses Versprechen brachte etwas in mir zum Klingen, denn seit ich denken kann, sehnte ich mich nach echter, tiefer Freiheit. Der Wunsch danach wurde mir in die Wiege gelegt, als meine Eltern mich Franziska nannten, denn das bedeutet so viel wie «die Freie» oder «die Kühne».
Neben der wahren Freiheit hielt die gottgewollte Ordnung eine Rolle bereit: «Für die gläubige Ehefrau bedeutet das, dass ihr wichtigster Dienst ihrem Ehemann gilt. Abgesehen von ihrer eigenen persönlichen Beziehung zu Jesus Christus sollte nichts anderes Vorrang haben. Gott schuf die Frau, damit sie dem Mann eine Hilfe sei, die ihm entspricht (1Mo 2,18). Darin liegt die Berufung der gottesfürchtigen, tugendhaften Ehefrau.»2
Ich verinnerlichte durch meine Prägung, dass man im Zweifelsfall einen Mann die Diskussion gewinnen lassen sollte, weil es ihn in seiner Männlichkeit stärker beschämt, Unrecht zu haben, als mich als Frau. Frauen könnten ihren Stolz besser herunterschlucken. Dem eigenen Mann solle man nicht final widersprechen, denn er möchte das Beste für einen. Eine Frau, die Verantwortung übernimmt, liefe Gefahr, Macht über den Mann ausüben zu wollen. Eine Frau, die auf ihrem Recht beharrte, galt als dominant. Das Autonomiebestreben der Frau sei eine Folge des Sündenfalls; sie habe die Aufgabe erhalten, sich unterzuordnen, da ihr das schwerer falle. Eine Frau könne nicht am besten wissen, was sie will, und Entscheidungen zu treffen, fiele ihr schwerer.
Eine Frau achte mehr auf ihr Äußeres, weil Gott sie mit dem Wunsch ausgestattet habe, ihrem Mann zu gefallen. Sie sei aber auch mit Reizen ausgestattet, die sie in eine große Verantwortung stellten. Ein Mann solle leiten, eine Frau wolle angeleitet werden. Einen passenden Beruf zu finden, sei für die Frau keine so wichtige Aufgabe, denn ihre wahre Berufung sei es, Mutter zu werden. Seinen Mann zu stehen, sorge für Klarheit, seine Frau zu stehen, für Chaos. Eine Frau solle klug sein, damit sie ihren Mann gut beraten kann, aber nicht so klug, dass er sich ihr unterlegen fühlen könnte. Männer bräuchten Respekt, Frauen Liebe. Männer begehrten, Frauen wollten begehrt werden.
Es läge nicht an uns, Frausein zu definieren, da Gott Männer und Frauen mit klarer Bestimmung geschaffen habe, so die Grundthese von DeMoss.3 Gottes Plan für die Geschlechter sei, dass sie durch die Annahme ihrer spezifischen Rolle zu Freiheit und Erfüllung kommen, während der Geschlechterkampf dadurch entstanden sei, dass Frauen und Männer ihren gottgewollten Platz nicht eingenommen haben. Das Unheil begann demnach mit dem Feminismus, der die gute alte Ordnung, die sich über Jahrtausende bewährt hatte, infrage stellte und für Chaos sorgte.
Ich muss bei diesem Narrativ an die Erschaffung der Pandora in der griechischen Mythologie denken, zu der bereits seit dem frühen Christentum Parallelen zu Eva gezogen wurden. Die Story ist die, dass Zeus Pandora aus Rache dafür erschafft, dass der Titan Prometheus den Göttern das Feuer gestohlen hat, um es den Menschen zu geben. Für die Rebellion gegen die Herrschaftsordnung gibt es eine Strafe und diese besteht aus einer Frau: Pandora soll Chaos stiften und wird für diesen Auftrag mit einem Krug ausgestattet, der sogenannten Büchse der Pandora, aus der allerlei Unheil kommen wird.
Die Geschichte ist uralt, die Verknüpfung ist geblieben: Es gab ein Ideal, ein «wie es gedacht war», dann eine Grenzüberschreitung, ein «wie es nicht sein soll», und schließlich ein Bild, «wie es nun sein sollte». Indem man Letzteres als gottgewollten Stand ausweist, erschafft man ein System und ordnet den Geschlechtern statische Eigenschaften zu, die die Hoffnung auf Veränderung wie Rebellion aussehen lassen. Die «Schöpfungsordnung Gottes» infrage zu stellen, bedeutet damit, um die Büchse der Pandora herumzutänzeln, obwohl man weiß, dass aus ihr nur Unheil kommt.
Diese «Schöpfungsordnung Gottes» wurde nicht als Abwertung der Frau verstanden, sondern als gute Idee Gottes, die beiden Geschlechtern entspricht und für alle das Beste ist. Diese Ordnung nicht anzuerkennen, bedeutete Ungehorsam gegenüber Gott; dadurch erhielt sie ihre Bedeutung und Macht. Die Abgrenzung von der säkularen und emanzipatorischen Entwicklung in der Gesellschaft war Teil der Theologie und ließ wenig Zweifel zu, ohne in Verdacht zu geraten, man wolle gegen das Gesamtsystem rebellieren.
Das heißt nicht, dass keine Fragen oder Diskussionen erlaubt gewesen wären oder dass das die Stimmung getrübt hätte. Innerhalb des Rahmens diskutierten wir als Jugendliche viel und ständig – mit anderen Jugendlichen, aber auch mit unseren Eltern. Wir diskutierten, ob Frauen Hosen oder Ohrringe tragen dürfen. Wir diskutierten, ob Frauen in der gemischt-geschlechtlichen Gebetsstunde beten dürfen, dabei ein Kopftuch aufziehen müssen und ob es okay ist, wenn man sich vor der Ehe küsst. Wir diskutierten, was Frauen trotz Schweigegebot dürften und wie sanft Unterordnung verstanden werden kann –, aber es gab auch Grenzen. «Wo die Schrift ganz klar» war – und die Rolle der Frau gehörte dazu –, da gab es nichts zu diskutieren.
Ich empfand meinen Hintergrund nicht als frauenfeindlich, denn wir alle wollten «das Richtige» tun, und «das Richtige» hieß eben, dass Frauen weniger durften. Wir wünschten uns als Frauen Klarheit und die Demut, unseren Platz zu akzeptieren. «Franzi, wenn der richtige Mann kommt, dann wirst du dich ihm mit Freude unterordnen», wurde zu mir gesagt. Die Männer wurden stets aufgefordert, Frauen mit Wertschätzung zu begegnen, und zum Thema «Umgang mit dem anderen Geschlecht» gab es ganze Abende. Über die eigene Frau sprach man in der Öffentlichkeit in der Regel liebevoll, alles andere stieß ungut auf. Das persönliche Miteinander unter uns Jugendlichen war vielfach von Respekt, Zuvorkommen und Leichtigkeit geprägt. Ich war gern mit den Jungs aus meiner Jugendgruppe befreundet, wir saßen bis spät abends im McDonald's und diskutierten, spielten Volleyball und fuhren auf Sommer- und Winterfreizeiten.
In Momenten, in denen sich Gefühle von Ungerechtigkeit an die Oberfläche wühlten, beschwichtigte mich der Gedanke, dass Frauen es an anderen Orten und zu anderen Zeiten schlechter ergangen war als uns. Oder dass andere Gemeinden noch strenger waren. Auf überregionalen Jugendtagen trafen wir Jugendliche, deren Regelstrenge unsere übertraf, was uns gleichermaßen schockierte, wie es uns besser fühlen ließ.
Bei den Überzeugungen ging es nicht nur um Dogmen, sondern auch um Zugehörigkeit und Identität. Theologie mischte sich mit Kultur und dem System und bildete eine Drinnen-draußen-Dynamik: Du kannst dazugehören, wenn du bejahst, was gelehrt wird, und entsprechend lebst; du gehörst nicht dazu, wenn du Dinge infrage stellst oder in Ungehorsam lebst. Die Wahl lag bei dir.
Als ich vor einiger Zeit in meinen alten Tagebüchern las, wurde mir deutlich: Als junge Erwachsene hatte ich mich zunächst angestrengt, diese Grundüberzeugungen für mich anzunehmen. Ich glaubte der Theologie über die Frau, wollte diesem «gottgewollten Bild» entsprechen und versuchte aufkommende Zweifel noch im Keim zu ersticken. Doch das starke Verwiesensein auf den Mann löste in mir nicht nur Sehnsucht, sondern auch Sorge aus. Die Ahnung, dass das Frauenbild, das mir vermittelt wurde, meiner Neigung, meinen Gaben und meiner Persönlichkeit eher entgegenstand, verunsicherte mich und ich bat Gott, dass ich es irgendwann «schaffen» würde, diesem Bild zu entsprechen. Ich suchte den Fehler bei mir; wenn ich etwas irritierend fand, hinterfragte ich immer zuerst mich. Wenn ich etwas nicht verstand oder es mir schwerfiel, es anzunehmen, sagte ich mir, dass ich noch nicht so weit war. Immer lebte ich in der Angst, dass ich das richtige Maß, den richtigen Weg nicht finden würde – oder noch schlimmer: dass ich ihn nicht gehen wollte oder konnte.
Ich hatte schon früh angefangen, theologische Bücher zu lesen, und tauschte mich gern darüber aus. Es war rund um meine Abiturzeit, als einer meiner Jugendleiter zu mir sagte, es sei schade, dass ich in der Gemeinde nicht dieselben Zukunftsmöglichkeiten habe, wie wenn ich ein Mann wäre. Er meinte es wohlwollend und ergänzte dann augenzwinkernd: «Du wärst ein guter Prediger, wenn du ein Mann wärst. Du hast das Gabenset eines Mannes. Du hast die Gabe des Leitens – da ist es fast schade, dass du eine Frau bist.» Ich empfand diese Aussagen einerseits als Zurückweisung, andererseits fühlte ich mich geschmeichelt, weil meine Gaben als «männlich» geadelt wurden.
Dass Reden, Leiten und Kämpfen bei Männern positiver gedeutet wird als bei Frauen, ist nicht nur Erfahrung meines Aufwachsens, sondern hat eine jahrtausendealte Geschichte – auch in christlicher Tradition.4
Es war nicht mein Gabenset, es war das Gabenset eines Mannes. Und ich wusste, dass meine Jugendleiter mich entsprechend fördern würden, wenn ich ein Mann wäre, denn das erlebte ich bei den Jungs in meinem Alter: Sie wurden ermutigt, erste Bibelarbeiten in unserer Jugendgruppe zu halten und geistliche Verantwortung zu übernehmen, indem sie Gottesdienste moderierten oder Andachten hielten.
In meinem Fall hatte Gott sich bei der Gabenverteilung offenbar geirrt und trotzdem begann die Leidenschaft für Theologie in jenem Kontext. Als ich sechzehn Jahre alt war, bereitete ich meine erste Bibelarbeit für Elf- bis Fünfzehnjährige vor. Mein eigener Vater hatte mich dafür angefragt, weil er die Jungschararbeit mitleitete. Es gab zwar Nachfragen, ob ich das dürfe, aber ich vermute, dass aufgrund der Schirmherrschaft meines Vaters und meines zarten Alters die Diskussion einfach versandete. So fing ich damals als eine der ersten weiblichen Mitarbeiter in der Jungschar an, Bibelarbeiten zu halten. Ich setzte viel Zeit und Kreativität ein, um meine Sache sehr gut zu machen, so gut, dass kein Zweifel daran aufkommen konnte, dass ich am richtigen Platz war. Ich nutzte die Räume, die sich mir boten – so wie es Frauen vor und nach mir immer schon getan hatten, auch wenn das Gefühl der Sondergenehmigung nicht verschwand. Da war keine Freiheit, keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Aufgabe, die ich tun durfte, weil jemand sie mir erlaubt hatte.
Die Erlaubnis hatte eine Grenze und in einem Gespräch Jahre später sagte ein Leiter einen Satz, den ich nie vergessen habe: «Weißt du, Franzi, jetzt wird es noch positiv gesehen, wenn du so interessiert bist, doch für eine theologisch denkende Frau über zwanzig wird es keine Aufgabe geben; sie wird dann manchmal sogar zur Gefahr.»
Die Frau als Gefahr: Eine Grenze, die mir im Laufe der Jahre wieder begegnen und die ich irgendwann übertreten sollte. Doch mit achtzehn wollte ich sie gar nicht übertreten, sondern hörte mir an, was der Leiter zu sagen hatte. Ich wusste, dass er mich schätzte. Einmal hatte er sich bei mir bedankt, weil ich mich so rege an der Bibelarbeit beteiligt hatte, und nannte mich das «Zugpferd» seiner Gruppe. Ich fand «Zugpferd» keinen schmeichelhaften Ausdruck und ein Ruf als «Küchenfee» wäre in meinen Ohren besser gewesen. Aber ich verstand damals, dass es für mich als theologisch interessierte Frau ein Haltbarkeitsdatum gab wie bei einer Frischmilch im Kühlschrank: genießbar, bis sie zwanzig ist, danach wird sie sauer. Jetzt war es noch okay, vielleicht sogar erstrebens- und wünschenswert, dass ich mich einsetzte, mitarbeitete und mitdachte, aber jenseits der Zwanzig?
Kurze Zeit später schrieb mir ein Mitarbeiter, sie hätten überlegt, bei der kurzen Frühandacht auf der Jugendfreizeit auch Frauen einzubinden, und dabei auch an mich gedacht. Ich freute mich sehr, fühlte mich geehrt, dass das rein männliche Mitarbeitergremium mich als würdig erachtet hatte, und sagte zu.
Es stellte sich heraus, dass es ein Scherz gewesen war. Ich war verletzt, doch es brachte nichts, sich aufzuregen. Wut, Frustration, Vehemenz – starke Emotionen standen uns Frauen nicht gut an, und da es auf keiner Leitungsebene Frauen gab, gab es an den Entscheidungstischen auch keine weiblichen Perspektiven. Man blieb auf das Wohlwollen der Männer angewiesen und überlebte in ihrer Welt, wenn man einen Modus fand, der für sie nicht bedrohlich wirkte. Wenn ich etwas sagen wollte, dann musste ich es nach männlichen Vorstellungen präsentieren. Um in der männergestalteten Welt ernstgenommen zu werden, mussten Beiträge besonders gut sein, besonders tiefgehend, besonders originell, aber nicht zu ausgefallen.
