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Dieses Buch, geschrieben anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Kolonie Fernheim, Paraguay, schildert die Geschichte von acht Frauen mit überwiegend russland-mennonitischem Hintergrund. Die Frauen sind unterschiedlich von ihrer Persönlichkeit und ihrem Schicksal und können deshalb als Beispiel für viele andere Frauen stehen.
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Peter P. Klassen
Frauenschicksale
Mennonitische Frauen auf der Wanderung,
Peter P. Klassen
Frauenschicksale
Mennonitische Frauen auf der Wanderung, Flucht und Ansiedlung
© 2013 Alle Rechte beim Verfasser
Gesamtherstellung: Lichtzeichen Verlag, Lage
ISBN: 9783869549712
Bestell-Nr.: 548971
E-Book Erstellung: LICHTZEICHEN Medien www.lichtzeichen-medien.com
Der Kolonie Fernheim zu ihrem 75jährigen Bestehen gewidmet
In einem Gespräch mit Margaretha Ginter (erste Geschichte) über meinen Plan, ein Buch mit dem Titel „Frauenschicksale“ zu schreiben, schmunzelte sie und sagte in voller Zustimmung auf Plattdeutsch: „Dann jeft et nu mol een Mumtjebok, nich emma bloß een Ohmtjebok“.1
Dass Frauen auf der mennonitischen Wanderung, der Flucht oder der jeweiligen Neuansiedlung in oft unwirtlichen Gegenden häufig eine größere Last zu tragen hatten als die Männer, haben Forscher immer wieder festgestellt. Walter Quiring, Winfield Fretz und Hendrik Hack, die die Siedlungsarbeit der Mennoniten in Paraguay beschrieben haben, stellten nüchtern und anerkennend fest, welche Last gerade den Frauen dabei zugemessen worden war.
„Wehe aber den Schwangeren und Säugenden zu jener Zeit“, sagt Jesus, und er weist damit auf die verhängnisvolle biologische Situation hin, der Frauen gerade in Krisenzeiten oft ausgesetzt sind. Bei dem sprichwörtlichen Kinderreichtum der Mennoniten schlug sich dies nicht selten auf der Wanderung, der Flucht und bei der schweren Ansiedlungsarbeit nieder. Schwanger, ein kleines Kind auf dem Arm und mehrere an der Schürze, das war nicht selten das zusätzlich schwere Los der Frau, das sie in Zeiten der Not neben all den andern Anforderungen, die an sie gestellt wurden, tragen musste.
Doch es ist nicht nur das schicksalhafte Leid der Frauen in schwerer Zeit, über das hier berichtet werden soll. Immer wieder traten gerade in diesen Situationen auch Frauen auf, die eine besondere Aufgabe erkannten und sie erfüllten.
In diesem Buch werden acht Frauenschicksale geschildert. Alle, außer einem, haben das Russlandmennonitentum als geschichtlichen Hintergrund, und alle Berichte sind in gewissem Sinn symptomatisch für das, was in nun etwa hundert Jahren mennonitischer Geschichte geschehen ist Diese Jahrzehnte waren geprägt von schwersten Turbulenzen im Weltgeschehen. Die Ideologien des Kommunismus und des Nationalsozialismus wühlten die Menschheit auf, und auch viele mennonitische Siedlungen, Gruppen und Gemeinden wurden davon erfasst. Wanderung, Flucht und Neuansiedlung waren die Folgen.
Die hier geschilderten Frauen sind sehr unterschiedlich von ihrer Persönlichkeit, ihrem Schicksal und ihrem Einsatz her, und sie können deshalb auch als Beispiele für viele andere Frauen stehen.
Margaretha Ginter war ein vierzehnjähriges Mädchen, als sich ihre Eltern auf den Wanderweg von Kanada nach Paraguay begaben. Sie hat dann alles mitgetragen, was die Einwanderung in den Chaco und die Gründung der Kolonie Menno mit sich brachten. („Volk der Wanderschaft“)
Justina Wiens war eine Witwe mit drei kleinen Kindern, als sie sich mit ihrer Verwandtschaft von der Krim in Russland auf die Flucht begab, nach Deutschland kam, dann nach Paraguay auswanderte und hier auf einem Bittergraskamp mithalf, ein Dorf anzulegen. („Eine Frau allein“)
Suse Isaak war die einzige ausgebildete Krankenschwester in der im Chaco gegründeten Kolonie Fernheim. Auf ihr lastete eine schwere Verantwortung, als zweitausend Menschen ohne einen Arzt in eine Wildnis gebracht worden waren, und sie stellte sich dieser Aufgabe. („Tante Suses Traum“)
Katharina. Klassen war Ehefrau eines Lehrers, Mutter von fünf Jungen und Bäuerin auf einem Hof, den sie unter den schweren Verhältnissen der Ansiedlungszeit verwalten musste. („Onse Mama“)
Margarete Kliewer war eine gebildete Frau im ideologischen Konflikt ihrer Zeit. Die Berlinerin begleitete ihren Mann Dr. Fritz Kliewer 1939 in den Chaco, um hier einer Siedlungsgemeinschaft zu dienen. Sie arbeitete als Lehrerin an der Zentralschule und in der Lehrerbildung. („Eine Lehrerin aus Berlin“)
Myrtle Unruh kam mit ihrem Mann Robert Unruh 1951 im Auftrag des Mennonitischen Zentralkomitees (MCC) aus den Vereinigten Staaten in den Chaco. Sie war dann viele Jahre als Lehrerin für Hauswirtschaft an den Schulen der Kolonien und als Beraterin in den Indianersiedlungen tätig. („Mit Mana gespeist“)
Irene Wiebe war in dem Dorf Ohrloff an der Molotschna Sekretärin des in Russland weit und breit bekannten Professors Karl Lindemann. Das genügte, sie 1933 zu fünf Jahren Verbannung zu verurteilen. Es ist ein Schicksal der in der Sowjetunion Zurückgebliebenen. („Ira und die Frauen in Chortitza“)
Katharina Sawatzky, eine alleinstehende Frau mit fünf Kindern, siedelte nach dem Leben im Kolchos in der Sowjetunion und der Flucht im Zweiten Weltkrieg in der Kolonie Neuland im Chaco an. Hier begegnete sie wieder dem Mann, der ihre Mutter in den Tod getrieben hatte. („So ihr den Menschen ihre Fehler vergebt“)
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1Dann gibt es jetzt mal ein Frauenbuch, nicht immer nur ein Männerbuch. (Mumtje von Muhme, plattdeutsch für Tante oder auch Frau, Ohmtje von Oheim, plattdeutsch für Onkel oder auch Mann).
Peter P. Klassen wurde 1926 in der Mennonitenkolonie Chortitza am Dnjepr, Ukraine geboren. Er kann mit seinen Eltern 1929 auf der Flucht über Moskau nach Deutschland und von dort 1931 nach Paraguay. In der Kolonie Fernheim im Chaco, die seine Eltern mit gründen halfen, hat er seine Schul- und Lehrerausbildung erhalten, die er durch Studien in der Schweiz und in Deutschland ergänzte. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer und in der Lehrerbildung in Paraguay war er lang/ährig Schriftleiter des Mennoblattes. Von ihm sind einige geschichtliche Werke über die Mennoniten in Paraguay und Brasilien erschienen, daneben auch Bücher in erzählender Form: “Kaputi Mennonita - eine friedliche Begegnung im Chacokrieg” (4. Aufl. 1993), “Immer kreisen die Geier- ein Buch vom Chaco Boreal” (3. Aufl. 1994), “Kampbrand - und andere mennonitische Geschichten aus dem paraguayischen Chaco” (1989), “Und ob ich schon wanderte ... Geschichten zur Geschichte der Wanderung der Mennoniten von Preußen über Rußland nach Amerika” (1997), “Die schwarzen Reiter - Geschichten zur Geschichte eines Glaubensprinzips” (1999) und “So geschehen in Kronsweide - Geschichten zur Geschichte mennonitischer Gemeinden und Kolonien” (2002).
Seine Frau Else, geb. Legiehn, enge Mitarbeiterin in der literarischen Arbeit, wurde 1927 in Tiegerweide bei Omsk in Sibirien geboren. Sie kam mit ihren Eltern auf dem gleichen Flucht- und Wanderweg nach Paraguay, wo sie ebenfalls viele Jahre als Lehrerin tätig war.
Volk der Wanderschaft Margaretha Ginter, geb. Hiebert
Eine Frau allein Justina Wiens, verw. Dück, geb. Nachtigall
Tante Suses Traum Susanna Isaak
Onse Mama Katharina Klassen, geb. Klassen
Eine Lehrerin aus Berlin Margarete Kliewer, geb. Dyck
Mitt Manna gespeist Myrtle Unruh, geb. Göring
Ira und die Frauen von Chortitza Irene Wiebe, geb. Janzen
Margaretha Ginter
Margaretha Ginter, geb. Hiebert
Margaretha Hiebert, genannt Greta, plattdeutsch Jreet, war vierzehn Jahre alt, als ihre Eltern sich entschlossen, mit den andern Mitgliedern der Chortitzer, Bergthaler und Sommerfelder Gemeinden in den Chaco von Paraguay auszuwandern. Geboren worden war sie am 13. Dezember 1912 in Grünthal, einem Dorf in der Ostreserve am Red River bei Winnipeg in Manitoba.
Jetzt, 2003, lebt die neunzigjährige Margaretha, verwitwete Ginter, im Pflegeheim von Loma Plata, und wenn man sich mit ihr unterhält und Fragen zur Vergangenheit stellt, steht sie noch heute felsenfest zu jenen Motiven, die vor nun mehr als 75 Jahren der Anlass zu dem abenteuerlichen Auszug aus den gepflegten Dörfern in Kanada in eine unbekannte Wildnis in einer für die Einwanderer fremden Welt waren. Noch heute bezeichnet sie die jetzt modernen Schulen ihrer Kolonie Menno mit dem vom Staat anerkannten Unterrichtsprogramm, den Büchern, dem Sport, dem Gesang, dem Theater und der Kleidung als Narretei.
Sie hatte 1972 auf Drängen ihrer ältesten Tochter Anna begonnen, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben, und diese Chronik wurde zur Grundlage für das hier dargestellte Lebensbild einer Frau, das bezeichnend ist für Glaubenstreue, Pioniergeist, Entsagung und Durchhaltevermögen. Vor allen Dingen aber ist es bezeichnend für die Grundhaltung jener Gemeinden, die einmal zur ersten Einwanderung von Mennoniten in den Chaco von Paraguay geführt hat.
Die Existenz von Mennoniten in Paraguay wird - geschichtlich gesehen - immer ein Zwiespalt bleiben. Einerseits waren es konservative Glaubensgründe, die 1927 zur ersten Einwanderung in den Chaco führten, andererseits sind in den folgenden Jahrzehnten von den Nachkommen dieser Einwanderer alle Bemühungen an den Tag gelegt worden, um ein modernes wirtschaftliches, kulturelles und geistliches Leben zu erreichen. Einerseits war es die Suche nach einem weltentlegenen Ort, um dort den Glauben der Väter nach der eigenen Schrifterkenntnis zu pflegen, andererseits wurden dann, jedenfalls von den Führungskräften, alle Anstrengungen gemacht, um die Isolation zu überwinden. Ein Phänomen der Geschichte, das einer Untersuchung wert wäre.
Dabei kann uneingeschränkt festgestellt werden, dass es heute wohl keine Mennoniten im Chaco und in Paraguay geben würde, wenn jene konservativen Gemeinden aus Kanada hier nicht einen Zufluchtsort gesucht hätten, wenn sie sich nicht in unerschütterlichem Opferwillen, der dem heutigen Betrachter als gläubiger Fatalismus erscheinen mag, einen Weg in die Wildnis gebahnt hätten.
In Margarethas Erinnerungen war es die bedrohte Religionsfreiheit in Kanada, die die Ältesten, Prediger, Gemeinden und damit auch ihre Eltern zum Aufbruch trieb. Bedrohter Glaube, eine mennonitische Urangst, das Gefühl hatte sich auch in ihrem kindlichen Denken festgesetzt. So hatten es schon die Großeltern erzählt, die Russland 1874 um des Glaubens willen verlassen hatten.
Doch dann wird auch der eigentliche Grund deutlich. Es ging vor allem um die Schulen. Die kanadische Regierung wollte die Privatschulen der mennonitischen Gemeinden in Manitoba und Saskatchewan nicht mehr dulden, weil sie die veraltete Schulform für unzulänglich hielt. Durch Gesetz sollten die Mennoniten gezwungen werden, ihre Kinder in die staatlichen Distriktschulen, wie sie genannt wurden, zu schicken. Dort sollte die englische Sprache gelehrt werden, und das hielten diese Gemeinden für eine Zumutung. Außerdem sollten Lehrer eingestellt werden, die eine entsprechende Ausbildung erhalten hatten.
Diese Mennonitengemeinden hatten auf ihrem langen Wanderweg von Preußen über Russland nach Kanada eine Schulform mitgebracht, die in einfachster Form nur Lesen, Schreiben, Rechnen und biblische Unterweisung forderte, und zwar nur in deutscher Sprache. Als Schulbücher akzeptierten sie nur eine Fibel, den Katechismus, das Neue und das Alte Testament. Diese Schulform hielten die Ältesten für die beste Garantie, den Nachwuchs für die Gemeinden zu sichern. Der Älteste Isaak M. Dyck, der später in Mexiko wohnte, hatte die Predigerbrüder eindringlich gemahnt: „Habet aber auch, liebe Ohms, ein wachsames Auge auf unsere Schulen und lasset sie keinmal aus dem Stand der Demut und Einfalt schreiten.“
In den Distriktschulen dagegen sahen vor allem die Geistlichen eine Bedrohung für den Glauben nach ihrer Erkenntnis, und dieser Glaube war ihr Lebensinhalt So hatte es auch die kleine Greta verstanden, und sie zweifelte nie an der Richtigkeit dieser Lebenshaltung, für die die Gruppe die Auswanderung aus Kanada und dann Not und Tod im Chaco auf sich genommen hatte.
Von jener Grundhaltung, die vor nun mehr als fünfundsiebzig Jahren die Ursache für den Auszug aus Kanada war, ist nicht mehr viel geblieben, und Margaretha Ginter weiß es. Das Leben in ihrer Kolonie Menno ist modern geworden, und sie hat selber mit den andern zusammen einen harten Lebenskampf geführt, um aus der Not und dem Elend der ersten Jahre herauszukommen. Sie genießt heute alle Vorteile der modernen Technik, hat ein Auto gehabt, einen Kühlschrank, ein Radio, sie liest Bücher und Zeitschriften, sie schrieb Berichte für die „Mennonitische Post“ in Kanada, und doch meint sie, dass das Leben früher frömmer, dass der Glaube echter gewesen sei. Doch auch sie hat es in ihrer humorvollen Grundhaltung gelernt, mit diesen Widersprüchen zu leben, und wenn sie von Narretei spricht, schmunzelt sie.
Jene mennonitische Wanderung von Kanada nach Paraguay war die Fortsetzung einer Glaubenstradition, deren Inhalte sich zwar im Lauf der Jahrhunderte gewandelt haben, die in ihrer konsequenten Haltung aber die gleiche geblieben war. Die als Welt in biblischem Sinn verstandene Umwelt, die herrschende Macht - die Obrigkeit, wie sie in der Bibel genannt wird - wurde für diese Glaubensauffassung immer wieder zur Bedrohung, und die Gläubigen schüttelten dann den Staub von den Füßen, wie Jesus seinen Jüngern geraten hatte, und sie suchten einen andern Wohnort, ein anderes Land, eine gnädige Obrigkeit.
Margaretha Ginter war sich dieser Tradition durchaus bewusst, nicht nur glaubensmäßig, sondern auch genealogisch. Sie wusste um die weit verzweigten Familienbande, die den Glauben auch sippenmäßig untermauerten, und sie interessierte sich für die Generationen der Vorfahren. Sie führte Korrespondenz mit dem Sippenforscher Dr. Kurt Kauenhowen in Göttingen, Deutschland, und sie konnte daraus die Ahnenreihe von Paraguay zurück nach Kanada, von dort nach Russland, dann nach Danzig in Westpreußen und noch weiter zurück nach Holland verfolgen. Sie wusste, dass der Weg der Sippen auch der Weg des Glaubens gewesen war.1
Gretas Eltern waren beide noch in der Kolonie Bergthal bei Mariupol in Russland geboren worden, Vater Abram Hiebert am 13. Dezember 1864, Mutter Anna, geborene Enns am 14. Februar 1871. Beide hatten dann als Kinder die Auswanderung jener Gruppe mitgemacht, die 1874, als in Russland die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde und auch die Schulen in ihrer alten Form bedroht waren, nach Kanada zog.
Gretas Großmutter Sara Hiebert war eine geborene Kauenhowen, geboren am 3. Februar 1828 im Dorf Rosental in der ersten Mennonitenkolonie Chortitza. Sie war dann die Brücke, auf der Dr. Kurt Kauenhowen den Wanderweg zurück nach Preußen und von dort nach Holland verfolgen konnte.
Bernhard Kauenhowen war Gretas Urgroßvater, der am 17. Dezember 1786 in Altschottland bei Danzig geboren wurde. Er war Schuhmacher, und als Wanderbursche kam er 1809 nach Rosental in der Kolonie Chortitza am Dnjepr, wo er Elisabeth Kehler heiratete und dort, wie nachher all seine Nachkommen, Bauer wurde.
Bernhard Kauenhowen war dann dabei, als 1836 Bergthal, die erste mennonitische Tochterkolonie in Russland in der Nähe des Asowschen Meeres gegründet wurde, und er wurde zum Stammvater aller Kauenhowens in Kanada, Mexiko und Paraguay. Am Stamm der Kauenhowens konnte der Sippenforscher nun auch den Wanderweg nach rückwärts verfolgen. Generationen der Kauenhowens lebten in und um Danzig, und sie waren dort Bäcker, Tischler, Schneider, Schuhmacher, Sattler und Brauer. Dr. Kauenhowen wies nach, dass die Kauenhowens um 1660 aus Holland um ihres Glaubens willen nach Preußen geflüchtet waren. Sie gehörten zur flämischen Gemeinde, die sich schon in Holland von der friesischen abgesetzt hatte. Beide Gemeinden bestimmten dann das religiöse Leben der Mennoniten in Preußen.
Als Greta Hiebert noch nicht zehn Jahre alt war, fing es in den Gemeinden östlich und westlich des Red Rivers bei Winnipeg wieder an zu gären und zu rumoren. Ihre Eltern stimmten voll und ganz mit der Meinung von Martin C. Friesen, dem Ältesten der Chortitzer Gemeinde, überein, und das war auch die Meinung der meisten Prediger und Diakone der Sommerfelder Gemeinde in der Westreserve und auch der Bergthaler Gemeinde in Saskatchewan.
Wichtiger als alles andere in der Welt, wichtiger als die schönen neuen Dörfer in Kanada, die die gleichen Namen wie die verlassenen in Russland trugen, Schönfeld, Schönthal, Bergthal und viele mehr, wichtiger als die schönen Farmen, die so mühevoll aufgebaut worden waren, wichtiger als all das und wichtiger als alles Geld und Gut waren die eigenen Schulen, wo man die Kinder in der Zucht und Vermahnung zum Herrn erziehen konnte, wie schon in Russland, wie schon in Preußen.
Es war wieder so wie damals, als der Älteste Gerhard Wiebe seine Bergthaler Gemeinde aus Russland über den Ozean geführt hatte, so wie Moses einst die Kinder Israel durchs Rote Meer. Wieder wie dort bedrohte Pharao die Gemeinde, und die Entschlossenheit, Kanada zu verlassen, wuchs von Jahr zu Jahr.
Kundschafter waren ausgesandt worden, um in Mittel- und Südamerika nach einem Land zu suchen, das die Freiheit auf eigene Schulen und dazu auch die so hoch eingeschätzte Befreiung vom Wehrdienst garantierte. Schon 1921 hatte eine Delegation der Chortitzer, Sommerfelder und Bergthaler Gemeinden in einer verwegenen Expedition in den unbekannten Chaco festgestellt, dass hier ein Zufluchtsort zu finden sei und dass man hier wieder Dörfer anlegen und die Gemeinden festigen könnte. Diese Männer hatten bei der Regierung Paraguays auch ein Privilegium beantragt und erhalten, das diese Glaubensfreiheiten, wie sie es nannten, gewährte.
Gretas Erinnerungen an Kanada sind die einer schönen Kindheit. Die Einwanderer aus Russland hatten sich anfangs dem kanadischen Farmsystem widersetzt und Dörfer angelegt, wie sie es von Russland her gewohnt waren. Als Margaretha Ginter dann später ihre Erinnerungen für ihre Kinder niederschrieb, rankten sich ihre Gedanken um das Dorf Grünthal in der Ostreserve. Dabei kamen ihr dann die großen Gegensätze zwischen dem nördlichen und dem südlichen Doppelkontinent zum Bewusstsein, wo nun der kalte Wind vom Süden und der heiße vom Norden weht.
Sie berichtete von den Schneestürmen, von den vereisten Straßen, von den Schlittenfahrten im Winter, von den herrlichen Obstgärten und den Getreidefeldern im Sommer und von dem Nordlicht. Sie machte auch Vergleiche zwischen dem kümmerlichen Froschgequake in Kanada und dem dröhnenden Froschkonzert nach einem großen Regen im Chaco.
Nie sind ihr Bedenken darüber gekommen, ob sich ihre Eltern damals, als sie das schöne Kanada verließen, richtig entschieden hatten, wo doch selbst die Führer des großen Auszuges unsicher wurden und ihre damalige Entscheidung immer wieder rechtfertigen mussten. Es schmerzte den ersten Leiter der Kolonie Menno Jakob A. Braun, als er junge Menschen sagen hörte: „Wegen dem bisschen Englischlernen in den Schulen haben unsere Eltern das schöne Kanada verlassen und sind in den wilden Chaco gezogen.“ Er bemühte sich dann, die Wichtigkeit und Richtigkeit jener Auswanderungsgründe zu belegen.
Vielleicht lag die Ursache für die Gelassenheit, mit der Greta das Schicksal der Wanderung, den dornenvollen Weg der Pioniere in den Chaco und alle Unbill der Ansiedlung in der Wildnis auf sich nahm in der Selbstverständlichkeit von Leben und Tod, von Geborenwerden und Sterben, die ihr Leben von Kindheit an begleitete, und vielleicht war es bei vielen andern auch so.
Sie schrieb in ihren Aufzeichnungen mit einer verblüffenden Nüchternheit ihr Familienverzeichnis in Kanada auf. Ihre erste Mutter brachte dreizehn Kinder zur Welt, Greta war die Jüngste. Von den dreizehn starben fünf, die meisten im frühen Kindesalter. Das war in jener Zeit nichts Ungewöhnliches. Franz, geb. am 8. März 1891 - gest. am 7. April 1992; Maria, geb. am 9. Oktober 1892 - gest. am 4. Dezember 1917; Peter, geb. am 10. Januar 1894 - gest. am 21. Oktober 1900; Bernhard, geb. am 31. Januar 1905 - gest. am 10. Oktober 1907; Aganetha, geb. am 15. Juli 1907 - gest. am 20. Dezember 1907.
Am 14. Februar 1919 starb die Mutter, wahrscheinlich erschöpft von den vielen Geburten. Sie hinterließ den Witwer und acht Halbwaisen. Noch im gleichen Jahr heiratete Abram Hiebert wieder, Anna Enns, die Nichte seiner ersten Frau. Das alles wurde in Gottergebenheit hingenommen, und als dann die vielen Gräber den Trakt der Einwanderung in den Chaco säumten, als so viele Kinder starben und dann auch Erwachsene, auch das.
Am 23. November 1926 brach die erste Gruppe auf nach Paraguay, und fast ein Jahr später, am 11. Oktober 1927 verließ auch Abram Hiebert mit seiner Familie mit einer der weiteren Gruppen Kanada, „die alte geliebte Heimat“, wie Margaretha Ginter später in ihren Aufzeichnungen schrieb.
Von Manitoba aus fuhr die Reisegruppe mit der Bahn bis New York, wo sie einen Ozeandampfer bestieg, der sie nach Buenos Aires bringen sollte. Als das Schiff den New Yorker Hafen verließ, sah Greta dort „einen großen gemachten Menschen im Wasser“. Doch die Freiheitsstatue begrüßte sie nicht in der Neuen Welt, wie sonst die Einwanderer, sie winkte ihnen zum Abschied.
In Buenos Aires bestiegen die Wanderer den kleinen Flussdampfer, der sie den Paraná und Paraguay stromaufwärts bis zum Hafen Casado brachte. Hier trafen sie alle Gruppen an, die ein Jahr vorher und später Kanada verlassen hatten. Alle warteten immer noch darauf, endlich auf ihr Siedlungsland im Innern des Chaco ziehen zu können. Der Aufbruch in Kanada war so überstürzt vor sich gegangen, dass das Land, das die Einwanderer von der Firma Casado gekauft hatten, immer noch nicht vermessen war. Diese Firma hatte ein riesiges Latifundium im Chaco erworben, und zweihundert Kilometer landeinwärts lag der Komplex, auf dem die Mennoniten siedeln wollten. Dorthin gab es noch keine Straßen, und eine Schmalspurbahn befand sich erst im Bau.
Jetzt erst wurde deutlich, was diese Pilger um ihres Glaubens willen auf sich nehmen mussten. „Es gab viele Trauerstunden, und es gab viele Trauerlieder zu singen“, schrieb Margaretha Ginter, „und es gab viele Witwen, Witwer und Waisen“, und dann der Trost: „Keiner wird zuschanden, welcher Gottes harrt, denn woher hätten wir sonst bei der schweren Ansiedlung den Mut genommen?“
Gretas Familie musste vorläufig noch im Hafen Casado warten, wie viele andere auch. Für viele war es nun schon der zweite Sommer mit seiner ungewohnten Hitze. Die Einwanderer wohnten in Notunterkünften, die schnell aus gespaltenen Palmstämmen gebaut worden waren. Wohlhabendere hatten sich gute Zelte aus Kanada mitgebracht, doch die vielen Armen lebten gemeinsam in einem Schuppen, dem Immigrantenhaus. Dort zog auch Familie Hiebert ein.
Diese Ranchos, wie die Hütten spanisch hießen, boten kaum Schutz gegen die von Woche zu Woche steigende Hitze, und das Ungeziefer hatte freien Zugang. Am schlimmsten waren die Wolken von Polvorinos, einer winzigen Mückenart, die sich wie Staub auf alle freien Körperteile legte und gegen die auch die Moskitonetze nicht schützten. Sie quälten die Einwanderer tags bei der Arbeit und ließen sie nachts nicht schlafen.
Und über dem Barackenlager schwebte erbarmungslos der Würgeengel, wie der Prediger den Tod nannte, der im Lager nun schon Monate umging und Opfer für Opfer forderte. Eine Typhusepidemie war ausgebrochen, verursacht durch schlechtes Trinkwasser und mangelnde Hygiene. Die Reihen der Gräber auf dem Friedhof des Hafens wurden immer länger. Die schon entkräfteten Männer mussten die steinharte Erde mit der Spitzhacke aufbrechen, um Gräber zu graben. Noch war die eine Grube nicht fertig, da kamen schon die Todesboten und forderten ein weiteres Grab, manchmal mehrere an einem Tag. Schließlich hieb man Nischen in die Seitenwände der Grube, um gleichzeitig zwei oder drei Särge unterbringen zu können.
Im Januar 1928 traf es auch die Familie Hiebert. Die ältere Schwester Anna starb und bald darauf auch der Vater und dann einer nach dem andern, bis die halbe Familie weg war. Die älteren Geschwister waren verheiratet, so dass Greta mit ihrer Mutter schließlich allein blieb. Die beiden trösteten sich damit, dass sie keine kleinen Kinder zu versorgen hatten, wie so viele andere.
Die Landnahme der Einwanderer geschah wie eine Eroberung, die sie selber vornehmen mussten. Zuerst wurden einmal Schneisen durch den Busch geschlagen, um überhaupt mit der Vermessungsarbeit beginnen zu können. Als endlich festlag, welchen Landkomplex die Mennoniten von der Firma Casado gekauft hatten, begannen sie, in kleinen Gruppen Etappe für Etappe nach Westen hin vorzustoßen. Die Schmalspurbahn der Gesellschaft reichte damals nur 77 Kilometer weit nach Westen. Die weitere Wegstrecke ins Innere des Chaco bewältigte man zuerst mit den paraguayischen Carretas, Wagen mit zwei riesigen Rädern, gezogen von bis zu acht Ochsen. Dann erst trafen die in Nordamerika bestellten vierräderigen Wagen ein, mit denen auch zwei Ochsen eine größere Last ziehen konnten.
Manche haben diese zähe Zielstrebigkeit, mit der jene Einwanderer in die Wildnis vordrangen, als sturen Traditionssinn kritisiert, andere haben den unerschütterlichen Glaubensmut bewundert. Beides scheint hier eine bemerkenswerte Verbindung eingegangen zu sein, als diese Pioniere dann Kilometer um Kilometer bewältigten. Sie mussten erst einmal Wege durch den Busch schlagen, um schließlich jene Grasfluren zu erreichen, auf denen sie dann wieder ihre Dörfer anlegen konnten, Dörfer wie in Kanada und wie in Russland.
Es mussten in Abständen Lagerplätze eingerichtet werden, wo sich die ersten Familien vorläufig niederlassen konnten, zuerst in Pozo Azul, dann in Hoffnungsfeld, dann in Palo Blanco, immer weiter nach Westen und schließlich in Loma Plata.
Doch der Würgeengel, vor dem sie aus Casado fliehen wollten, folgte ihnen wie ein böses Gespenst, und auf jedem Lagerplatz blieben Gräber zurück.
Im Juni 1928 konnten auch Greta und ihre Mutter endlich die Reise in den Chaco antreten, und damit begann für sie das eigentliche Frauenschicksal. Sie beide sollten nun, allein auf sich gestellt, mit der Siedlungsarbeit beginnen.
Sie meinten, sich für die lange Fahrt mit dem Nötigsten versorgt zu haben, 18 kg Schmalz, 18 kg Zucker, geräuchertes Rindfleisch, Honig, Mehl und Brot, so viel wie möglich. Als sie auf der Endstation der Bahnlinie ankamen, waren ihre Ochsen, die ihnen schon zugeteilt worden waren und die Mutter Hiebert so dringend angefordert hatte, nicht da. So musste der Wagen, der zur Verfügung stand, völlig überladen werden, und als die großen Palmkämpe kamen, die vor dem Siedlungsland lagen, schafften die Ochsen es nicht mehr. Das tief liegende Land war von den Sommerregen völlig überschwemmt. Alle mussten absteigen und durch das metertiefe Wasser waten. Mehrere Fahrer spannten ihre Ochsen dann vor einen Wagen und brachten so eine Fuhre nach der andern mühsam durch das Wasser.
Eine Pionierabteilung der Gruppe hatte inzwischen die Graskämpe ausgesucht, auf denen die Dörfer angelegt werden konnten. Greta und ihre Mutter wurden in das Dorf Silberfeld eingewiesen. Hier erhielten sie eine der abgesteckten Hofstellen. Sie waren am Ziel. Hier sollten sie sich einrichten und ein Haus bauen, um dann mit der Dorfgemeinschaft ein Leben führen zu können, wie es die Ältesten in Kanada erträumt hatten.
Sie bauten zuerst ein Zelt. Dann holten sie Pfosten aus dem Busch, um mit dem Wellblech, das der Vater noch in Casado besorgt hatte, ein regendichtes Dach zu bauen. Die Fenster in den Wänden aus Lehmziegeln blieben offen, und das Ungeziefer hatte freien Zugang und belästigte sie sehr. Alles war mühsam, alles war knapp. Das Trinkwasser musste von einem Brunnen geholt werden, der drei Kilometer entfernt lag, zu Fuß und mit Eimern.
Auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen zogen Mutter und Tochter in das Dorf Halbstadt. Man lernte es bald, mit Lehmziegeln und Schilf bessere Hütten zu bauen, doch für Fensterläden und Türen reichten die Mittel nicht. Eine vorgehängte Leinwand musste die Tür ersetzen.
Das war gefährlich, und einmal durchfuhr Greta ein furchtbarer Schreck. Unter einer Kiste in der Hütte steckte der Schwanz einer Schlange hervor. Sie schrie, und die Mutter kam herbei.
„Hol schnell den Spaten und die Forke“, befahl sie.
Sie zogen die Kiste weg, und da kam eine über zwei Meter lange Boa zum Vorschein. Sie stachen mit der Forke zu, und da spuckte die Schlange eine Katze aus, ihre Katze, die sie seit gestern Abend vermisst hatten.
Jetzt erinnerten sie sich. Sie hatten die Katze schreien hören. Sie war vor der Schlange durch die offene Tür ins Haus geflüchtet, die Schlange war ihr gefolgt und hatte sie verschlungen. Weil Greta nun nicht mehr ruhig schlafen konnte, ging die Mutter zu einem Freund, der ihnen eine feste Holztür machte.
Es blieb ein Leben in Armut und Dürftigkeit, und vielleicht war es nur deshalb erträglich, weil alle die gleiche Not litten. Der kleine Acker, mühsam mit einem Ochsengespann bearbeitet, brachte wenig Einnahmen, und die Lebensmittel waren knapp. Über Jahre war das aus Argentinien importierte Weizenmehl das Hauptnahrungsmittel. Die einseitige Ernährung führte zu Mangelerscheinungen und Krankheiten. Schon der Arzt in Casado, schrieb Margaretha später, habe die Einwanderer gewarnt, nicht immer nur „Keilchen“ zu essen, jenes Gericht aus Mehlklößen, das sie noch von Preußen und Russland her kannten.
Wie schlimm die Ernährungslage auch später noch blieb, wird in einem Bericht Margarethas deutlich. Sie war schon verheiratet und hatte Kinder. Da merkte sie, dass ihre kleine Tochter nur noch Erde essen wollte. Mit dem Finger bohrte sie ein Loch in die Wand und leckte den Kalk. Da riet eine kluge Bekannte, Eierschalen zu zerstoßen und dem Kind täglich eine Messerspitze davon in die Milch zu mischen. Da wurde es besser.
Erst allmählich lernten die Einwanderer, die einheimischen Früchte richtig zu gebrauchen, Süßkartoffeln, Bohnen, Kürbisse und Wassermelonen anzubauen, um so den Speisezettel abwechslungsreicher zu gestalten und den Vitaminbedarf zu decken.
Wenn Margaretha später schreibt, dass es doch schön gewesen sei, so eine Ansiedlung mitzumachen, weil man dann so recht lernen könne, was Knappheit und Armut heißt und dann dennoch dankbar zu bleiben, so ist das wohl eine natürliche Verklärung der Vergangenheit. Doch das mindert nicht die Bewunderung für zwei alleinstehende Frauen, die keine Mühe und Arbeit scheuten, um das Leben zu meistern.
Das geistliche Leben, der Hauptgrund für alle Wanderungen der Mennoniten, von Holland nach Preußen, von Preußen nach Russland, von Russland nach Kanada, von Kanada nach Paraguay, nahm auch hier seinen gewohnten Lauf. Gottesdienst am Sonntag musste sein, Taufunterricht für die Jugend musste sein, Taufe, Hochzeit und Beerdigung mussten sein.
In der neuen Siedlung war nur ein Ältester da. Auch Prediger waren nur wenige dabei. Noch gab es keine Kirchen, und in manchen Dörfern fehlten auch die Schulgebäude, in denen zur Not Gottesdienste abgehalten werden konnten. Doch das alles war kein Grund, in der Sonntagsheiligung und in der Pflege des Gemeindelebens nachlässig zu werden.
Es war noch in dem kleinen Dörfchen Silberfeld, wohin nur jeden vierten Sonntag ein Prediger kommen konnte. Ohm Abram Giesbrecht erzählte viel später auf seiner diamantenen Hochzeit, dass er damals mit Freuden zu Fuß von einem Dorf zum andern gegangen sei, um am Sonntag das Evangelium zu verkünden. Mit vom Tau feuchten Hosen habe er dann die Predigt gehalten.
Der Prediger hatte damals eine in ein Heft geschriebene Predigt bei sich, die er in der Innentasche seines Predigerrockes trug. Die las er während der Andacht von Es waren Predigten, die schon in Chortitza in Russland aufgeschrieben worden waren, und auf dem letzten Blatt war sorgfältig jedes Datum eingetragen, an dem die Predigt gelesen worden war, in Russland, in Kanada und nun in Paraguay.
Greta und ihre Mutter stellten dann ihre Hütte für den Gottesdienst zur Verfügung, weil bei ihnen keine kleinen Kinder im Haus waren, die stören könnten. Bei Margaretha sind diese Gottesdienste in schönster Erinnerung geblieben. Auch später noch konnte sie in der Erinnerung ihren Glauben daran stärken: „Wer hat uns übers Meer geführt?“ fragte sie. „Wer hat uns in den sicheren Hafen gesteuert? Wer hat uns in der Wildnis bewahrt? Wer hat uns hier im fremden Land Kleidung und Nahrung gegeben? Sonst niemand als der gnädige Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat.“
Sie berichtet, dass sie in ihrer Jugend wild und ausgelassen gewesen sei und dass der böse Feind sie nicht in Ruhe gelassen habe; „denn Satan geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge.“
Doch dann wurde sie mit 16 Jahren sehr krank, mutlos und schwach. Sie wollte nicht mehr zur Kirche gehen und wollte keinen Gesang hören. Die Mutter sah ihre Not und drängte sie zur Andacht zu gehen, und an einem Sonntag hielt Ohm Abram Töws aus Weidenfeld eine Predigt, die ihr zu Herzen ging. Mit ihrer Mutter zusammen betete sie: „O Jesu voller Gnad / auf dein Gebot und Rat/ kommt mein betrübt Gemüte/ zu deiner großen Güte./ Lass da auf mein Gewissen/ ein Gnadentröpflein fließen/ durch dein unschuldig Blut./ Die schöne rote Flut/ wasch ab all meine Sünden./ Mit Trost mein Herz verbinde/ und ihrer nicht gedenke,/ ins Meer sie tief versenke. Amen.“
Es war damals kein Arzt da und kein Krankenhaus. Greta suchte oft in der Heiligen Schrift und in dem alten schönen Gesangbuch, und sie fand Trost und Genesung.
Der Älteste Martin C. Friesen erteilte damals jeweils nach Ostern den Taufunterricht, und 1931 nahm auch Greta daran teil. Pfingsten war dann das Tauffest, wo auch sie mit vielen andern getauft wurde.
Die Taufe war damals die unumgängliche Voraussetzung für die Heirat. Nur wer getauft war, konnte auch getraut werden. Am 14. Juli 1935 trat Greta mit Jakob K. Ginter in den Stand heiliger Ehe.
So war es damals, erst kam die Taufe, dann die Heirat, und dann erst machte sich das junge Paar Gedanken darüber, wie es die Grundlage für eine Familie schaffen konnte. Man heiratete eben jung, sobald man heiratsfähig und getauft war. Jakob Ginter war noch nicht einmal zwanzig. Wie es Brauch war, zog das junge mittellose Ehepaar dann erst einmal auf den Hof der Eltern des Mannes, zu Abram T. Ginter in Bergfeld.
Dort wurde Jakob Ginter Dorfschullehrer. Ein Lehrer brauchte damals nicht viel Bildung zu haben. Wer lesen und schreiben konnte, der konnte auch Lehrer sein. Das war eben jene Schulform, die erhalten werden sollte und die der Anlass für die Auswanderung gewesen war, jene Schule, die auch Margaretha so schätzte, wo noch Gottes Wort gelehrt wurde und nicht die hohe Wissenschaft, vor der die Ältesten in Kanada so gewarnt hatten.
Doch der Lehrerberuf war damals ein schlechter Ernährer. Ein Lehrer verdiente bitterwenig, und er stand in der Gesellschaft meist nicht sehr hoch im Ansehen. Im Volksmund hieß es abfällig, dass nur der Lehrer würde, der zum Bauern nicht tauge. So herrschte zunächst bittere Armut im Haus der Ginters.
Langsam, langsam und mit viel Mühe kam Abhilfe. Margaretha hatte in der Waisenkasse 50 Dollar, das Erbe von ihrer ersten Mutter. In der Waisenkasse der Gemeinde wurde das Geld der Waisen aufbewahrt, bis es nach Recht bei Volljährigkeit beansprucht werden konnte. Diese Einrichtung wurde für das junge Paar jetzt zum Segen; denn die Erbschaft reichte beinah aus, um im Dorf Chortitz eine Baustelle und Land zum Ackern zu kaufen.
Alles kam dann langsam und mühsam zusammen, zwei Zugochsen, eine Milchkuh, ein Wagen, Ackergeräte. Jakob Ginter gab den Lehrerberuf auf und fuhr mit seinem Fuhrwerk zur Bahn, um Fracht zu fahren. Das brachte mehr Gewinn ein als die Schule. Margaretha ging bei wohlhabenderen Nachbarn Baumwolle pflücken. Das war nicht ganz einfach, denn schon war Anna da, das erste Kind.
Sie trug die kleine Anna morgens einen Kilometer weit bis zum Baumwollfeld und abends wieder zurück. Anna war zum Glück ein ruhiges Kind. Sie lag im Schatten eines Baumes, bis sie ihre Milch bekam. Auch andere arme Frauen pflückten Baumwolle, und sie halfen sich gegenseitig in der Versorgung der Kinder. Der Lohn war ein Achtel der gepflückten Baumwolle.
Familie Ginter nahm dann mit zähem Fleiß an dem langsamen aber stetigen wirtschaftlichen Fortschritt der Siedlung teil. Sie konnte mehr Land kaufen und ein besseres Haus bauen. Neben all der schweren Arbeit brachte Margaretha zehn Kinder zur Welt, und sobald diese arbeitsfähig waren, mussten sie mithelfen, das Einkommen zu vergrößern. Tochter Anna war 14, Tochter Greta 12, da mussten beide mit dem Wagen in den Busch fahren, um „Meterholz“ zur Dampfmaschine in Loma Plata zu bringen. Meterholz hieß es, weil das Brennholz nach Kubikmetern bezahlt wurde.
Mühe und Arbeit, Not und Sorge, Krankheit und Unglück gehörten zum Familienleben. Jakob Ginter wurde von einer Giftschlange gebissen, und er litt lange an den Folgen. Margaretha brach sich ein Fußgelenk, als sie bei einem drohenden Gewitter schnell Brennholz ins Haus tragen wollte. Der Bruch heilte schwer. Dann hatte sie eine Gallenoperation. Der kleine Peter fiel in den Brunnen, und er konnte nur mit Mühe gerettet werden.
