Frei wie ein Schmetterling - Patricia Vandenberg - E-Book

Frei wie ein Schmetterling E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Ein Aufschrei ging durch das Publikum der Modenschau, als Nora Stern auf dem Laufsteg schwankte und zu Boden fiel. Einen kurzen Augenblick blieb sie dort sitzen und starrte auf eine Frau, die in der ersten Reihe saß und dem jungen Model nur kurz ihre Aufmerksamkeit schenkte, ehe sie sich wieder ihrem Nachbarn zuwandte. Schließlich erwachte Nora aus ihrer kurzen Trance, rappelte sich hoch und verließ gleich darauf, strahlend und souverän wie immer, den Catwalk. »Liebelein, was war denn los?« Wurde sie von ihrem aufgeregten Betreuer Enzo Brittani empfangen. Er war bleich vor Schreck ob des Sturzes seines Lieblingsmodels. Auch Nora, nun nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses, machte einen sichtlich mitgenommenen Eindruck. »Diese Frau da vorne, in der ersten Reihe, die mit dem stahlblauen Kostüm. Wer ist das?« »Du meinst Stella Priestley? Sie war lange Zeit in den Staaten und dort mit einem Amerikaner verheiratet. Meines Wissens hatte sie aber so große Sehnsucht nach Europa, dass sie nun hier arbeitet. Die Esmeralda-Gruppe hat sie als Einkäuferin eingestellt. Von ihr hängt vieles ab«, erklärte Enzo mit gewichtiger Stimme. »Wenn sie viel Ware ordert, ist unsere nächste Saison gesichert. Deshalb war dein Sturz eben keine Meisterleistung. Ich hoffe, du hast ihr die Einkaufslaune nicht verdorben.« Nun, da er sicher sein konnte, dass sich Nora nicht verletzt hatte, klang ein deutlicher Vorwurf in seiner Stimme. »Was hast du dir dabei nur gedacht?«

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Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Extra – 85 –Frei wie ein Schmetterling

Nora Stern lässt sich nicht fangen

Patricia Vandenberg

Ein Aufschrei ging durch das Publikum der Modenschau, als Nora Stern auf dem Laufsteg schwankte und zu Boden fiel. Einen kurzen Augenblick blieb sie dort sitzen und starrte auf eine Frau, die in der ersten Reihe saß und dem jungen Model nur kurz ihre Aufmerksamkeit schenkte, ehe sie sich wieder ihrem Nachbarn zuwandte. Schließlich erwachte Nora aus ihrer kurzen Trance, rappelte sich hoch und verließ gleich darauf, strahlend und souverän wie immer, den Catwalk.

»Liebelein, was war denn los?« Wurde sie von ihrem aufgeregten Betreuer Enzo Brittani empfangen. Er war bleich vor Schreck ob des Sturzes seines Lieblingsmodels. Auch Nora, nun nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses, machte einen sichtlich mitgenommenen Eindruck.

»Diese Frau da vorne, in der ersten Reihe, die mit dem stahlblauen Kostüm. Wer ist das?«

»Du meinst Stella Priestley? Sie war lange Zeit in den Staaten und dort mit einem Amerikaner verheiratet. Meines Wissens hatte sie aber so große Sehnsucht nach Europa, dass sie nun hier arbeitet. Die Esmeralda-Gruppe hat sie als Einkäuferin eingestellt. Von ihr hängt vieles ab«, erklärte Enzo mit gewichtiger Stimme. »Wenn sie viel Ware ordert, ist unsere nächste Saison gesichert. Deshalb war dein Sturz eben keine Meisterleistung. Ich hoffe, du hast ihr die Einkaufslaune nicht verdorben.« Nun, da er sicher sein konnte, dass sich Nora nicht verletzt hatte, klang ein deutlicher Vorwurf in seiner Stimme. »Was hast du dir dabei nur gedacht?«

»Denkst du, ich mache mich absichtlich zum Gespött der Kunden? Wirklich nicht. Es ist diese Frau, sie hat mich verwirrt. Ich kenne sie.«

»Kein Wunder. Schließlich ist sie keine Unbekannte in der Branche. Du hast sie sicherlich irgendwo gesehen.«

»Auf einem Foto schon. Aber nie in natura. Und ich weiß ganz sicher, dass ich sie kenne«, beharrte Nora hartnäckig, während sie sich hastig für den nächsten Lauf umzog. »Ich glaube, sie ist meine Mutter.«

»Wie bitte? Ich dachte, deine Mutter ist tot«, sagte Enzo entsetzt.

»Das dachte ich auch. Bis ich vor Kurzem einen Brief und ein Bild in Papas Unterlagen fand. Es war keine Absicht, ich suchte nach irgendwelchen Papieren. Und da lag er, dieser Umschlag. Ein Foto fiel heraus«.

»Wir haben jetzt keine Zeit für lange Reden, Liebeleien. Hinaus mit dir. Und pass auf, dass dir nicht wieder ein Malheur passiert«, schnitt Enzo seinem Lieblingsmodel das Wort ab und schob sie mit sanfter Gewalt auf den Laufsteg. Das war für Nora trotz ihrer Verwirrung das Signal, ein strahlendes Lächeln aufzusetzen. Nicht umsonst war sie ein begehrtes Model, das nicht nur durch seine strahlende Schönheit, sondern auch durch seine Professionalität bestach. Niemand konnte sehen, wie hinter der perfekten Fassade ein aufgeregtes Herz schlug, als sie nun nach vorne trat, eine vollendete Drehung vor dem Publikum machte und den Laufsteg wieder hinunter schritt. Doch die Aufregung war umsonst gewesen. Stella Priestley war nicht mehr an ihrem Platz.

*

»Diese Erkältung läßt mich einfach nicht mehr los«, stellte Steffen Stern unwillig fest, und Dr. Daniel Norden schüttelte den Kopf.

»Das ist inzwischen eine ausgewachsene Grippe, und Sie gehören für ein paar Tage ins Bett.«

»Das geht unmöglich. Ich habe den Auftrag für eine wichtige Reportage bekommen. Den kann ich unmöglich absagen.«

»Ihre Gesundheit sollte Ihnen wichtiger sein. Mit einer verschleppten Grippe ist nicht zu spaßen. Ich will nicht den Teufel an die Wand malen. Aber von chronischem Husten bis zu einer Herzmuskelentzündung müssen Sie mit allem rechnen, wenn Sie derart leichtsinnig sind.«

»Machen Sie mir kein schlechtes Gewissen, Herr Doktor«, ließ sich Steffen jedoch nicht von der Warnung seines Hausarztes beeindrucken. »Verschreiben Sie mir ein Medikament gegen die schlimmsten Erkältungssymptome. Alles andere muss warten, bis die Reportage im Kasten ist.«

»Wie Sie wollen.« Seufzend fügte sich Daniel der Bitte seines Patienten. Zwei Herzen schlugen dabei in seiner Brust. Natürlich verstand er einerseits die Gedanken des Journalisten. In diesem Beruf war es nicht anders als in anderen auch. Die Arbeit musste getan werden. Andererseits fühlte er sich für seine Gesundheit verantwortlich. »Aber sagen Sie mir hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.«

»Keine Sorge, mir wird schon nichts passieren«, lächelte Steffen beschwichtigend und nahm das Rezept aus der Hand des Arztes entgegen. »In einer, spätestens zwei Wochen bin ich wieder zurück. Dann habe ich Zeit, mich auszukurieren.« Mit diesen Worten verabschiedete er sich von Dr. Norden und machte sich auf den Weg in die Redaktion, wo er schon ungeduldig erwartet wurde. »Deine Tochter hat angerufen. Sie hatte es sehr wichtig und wollte mir nicht glauben, dass du nicht zu sprechen bist.« Verächtlich verzog Tatjana bei dieser Ankündigung den hübschen Mund. Sie machte keinen Hehl daraus, was sie von der Tochter ihres Geliebten hielt. »Du könntest dich wenigstens nach meinem Wohlbefinden erkundigen.«

»Schlecht, das sieht man dir sofort an.«

»Vielen Dank für die Blumen«, lachte Steffen ein wenig gekränkt. Angesichts seiner jugendlichen Freundin spürte er hin und wieder in unangenehmer Klarheit, dass er nicht mehr der Jüngste war. Rasch wechselte er das Thema. »Hat Nora gesagt, was los ist?« »Mir wollte sie sich natürlich nicht anvertrauen. Sie ist halt doch was besseres als eine kleine Sekretärin, deine berühmte Tochter.«

»Mach dich doch nicht lächerlich, mein Engel. Für mich bist und bleibst du die schönste Frau im ganzen Land«, schmeichelte Steffen, der genau wußte, wie er ein Lächeln auf das hübsche, aber ein wenig einfältige Gesicht dieser Frau zaubern konnte. »Stelle mir bitte eine Verbindung mit Nora her.« Er gab Tatjana einen Kuss und ging dann hinüber in sein Büro, um den Grund des ungewöhnlichen Anrufs zu klären. Gleich darauf hörte er die geliebte, aber deutlich unterkühlte Stimme seiner Tochter am anderen Ende des Apparates.

»Kannst du mir mal erklären, was du an diesem künstlichen Püppchen findest? Ihr Männer seid doch eigenartig, wenn es um Frauen geht. Du bist gebildet und intelligent, aber bei einer schönen Frau brennen selbst bei dir die Sicherungen durch.«

»Muss ich mir so etwas von meiner eigenen Tochter sagen lassen?« zog Steffen die Beschwerde ins Lächerliche, obwohl er wußte, dass Nora recht hatte. »Tatjana ist eine unterhaltsame Gesellschaft, nicht mehr und nicht weniger. Jetzt, wo du mich so viel alleine läßt.«

»Du kannst ja mal Mutter fragen, ob sie dich nicht zurückhaben will«, parierte Nora die Worte ihres Vaters pfeilschnell und eiskalt. Steffen rang einen Moment lang mit der Fassung. Sein Kopf dröhnte, und sein Hals war staubtrocken. »Woher weißt du das?« fragte er flüsternd, während ihm tausend Bilder durch den Kopf schossen. Lange hatte er diesen Tag kommen sehen, sich immer wieder überlegt, was er wohl sagen würde. Aber jetzt, konfrontiert mit der bitteren Wahrheit, waren alle zurechtgelegten Erklärungen wie aus dem Gedächtnis gelöscht.

»Ich habe neulich etwas gesucht und in deinen Unterlagen vermutet«, fuhr Nora inzwischen fort. »Da fiel mir ein Brief aus Amerika in die Hand. Ein Foto fiel heraus.«

»Warum hast du nicht mit mir darüber gesprochen?«

»Du warst unterwegs, und ich wollte das nicht am Telefon erledigen. Aber jetzt ist etwas passiert, dass ich nicht anders kann. Meine Mutter war hier auf der Schau. Stella Priestley ist zurück.«

Ein langes Schweigen war die Antwort auf diese Erklärung. Steffen wußte nicht, was er sagen sollte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fehlten ihm die Worte.

»Was ist? Hast du mir nichts zu sagen?« fragte Nora aggressiv.

»Das ist es, wovor ich mich am meisten gefürchtet habe«, gab Steffen heiser zu.

»Warum hast du mich all die Jahre in dem Glauben gelassen, Mutter wäre tot?«

»Für mich war sie es, nachdem sie uns verlassen hatte.«

»Das ist keine Antwort.«

»Schrei mich nicht an, Nora. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht und den richtigen Zeitpunkt verpasst habe, dir die Wahrheit zu sagen«, wehrte sich Steffen verzweifelt. »Aber glaubst du wirklich, es wäre besser gewesen, einem kleinen Mädchen zu erzählen, dass seine Mutter es im Stich gelassen hat? Dass es ihm gleichgültig gewesen ist?«

Angesichts dieser harten Worte war es um Noras Fassung geschehen. Am anderen Ende der Leitung brach sie in haltloses Schluchzen aus. Steffens Herz zog sich vor Schmerz und Mitgefühl zusammen. »Es tut mir so leid. Meine arme Kleine, ich erinnere mich genau daran, wie ich dich zum ersten Mal in den Armen hielt, diese kleinen Fingerchen, das zerknautschte Gesichtchen, und diese Augen, mit denen du mich angesehen hast, als wolltest du mir ein Versprechen abringen. Ich habe es dir gegeben, freiwillig, und habe mir an diesem Tag geschworen, dich vor allem Leid zu beschützen und dich zu behüten. Heute muss ich erkennen, dass es mir nicht gelungen ist. Ich habe versagt.«

Fassungslos lauschte Nora den erschütternden Worten ihres Vaters. Eine tiefe Liebe zu diesem tapferen Mann erfüllte sie, und sie konnte ihm mit einem Mal nicht mehr böse sein. »Es tut mir leid, Papa. Ich wollte dir nicht wehtun.«

»Ich dir auch nicht, Nora, niemals.«

»Aber Mutter, ich hasse diese Frau. Warum hat sie mir das angetan?«

»Sie träumte von einem anderen Leben, und wir haben uns wohl auch nie geliebt. Hass ist ein ungesundes Gefühl, Nora. Du solltest ihn nicht zulassen. Versuche, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Es hat keinen Sinn, an alte Wunden zu rühren. Glaub mir.«

»Ich muss darüber nachdenken. Bis bald, Papa.«

»Bis bald, mein Liebling.«

Mit diesen leisen Worten war das Telefonat beendet. Steffen war wie erschlagen, als er aus der Intensität seiner Erinnerungen zurückkehrte an seinen Schreibtisch. Er fühlte sich krank und kraftlos, müde und entmutigt. Aber auf seinem Schreibtisch türmten sich wahre Berge an Papier, und schon wieder klingelte das Telefon. Obwohl er seinen Beruf über alles liebte, wünschte er sich in diesem Augenblick nur Ruhe. Doch dieser Wunsch wurde ihm, wie so viele andere auch, nicht gewährt.

Nicht umsonst war aus Nora Stern ein gut bezahltes Model geworden, besaß sie doch alle Eigenschaften, die man brauchte, um es in dieser harten Branche zum echten Erfolg zu bringen. So dauerte es nicht lange, da hatte sie sich wieder im Griff und ging ins Bad, um sich für die kommende Gala zurechtzumachen. Während sie auf ihrem Gesicht die Spuren des erschütternden Gesprächs tilgte, überlegte sie, wie sie das Gespräch mit Stella Priestley beginnen sollte. Denn dass sie mit ihrer Mutter sprechen, sie vor vollendete Tatsachen stellen wollte, das war ihr in diesem Augenblick glasklar. Die Entschlossenheit stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie das Hotelzimmer verließ und sich zu ihrem persönlichen Betreuer Enzo Brittani gesellte, der sie schon in der Hotellobby erwartete.

»Da bist du ja, Liebeleien«, begrüßte er sie mit einem Kuss auf die Wange und begutachtete sie kritisch. »Du siehst fabelhaft aus und sehr, sehr kampflustig. Wie eine Wildkatze. Das gefällt mir.«

»Mir ist nicht nach Komplimenten zumute.«

»Schon gut«, wehrte Enzo mit erhobenen Händen erschrocken ab. Er verehrte Nora schon seit langem. Sie war die einzige Frau für ihn und würde es bleiben. Doch was er auch versuchte, um seiner Liebe Ausdruck zu verleihen, Nora tat so, als ob sie seine Absichten nicht bemerkte. Mit ihrer Ablehnung hielt sie ihn auf Abstand und schürte damit ungeahnt seine Sehnsucht nur noch mehr. So blieb ihm für den Augenblick nichts anderes übrig, als ihr zum Taxi zu folgen, das sie zu dem Gala-Abend bringen würde. »Was hast du jetzt vor wegen Stella?« brachte Enzo die Sprache auf das Thema, das Nora seit der Schau unablässig zu beschäftigen schien.

»Ich werde mich zu erkennen geben«, gab Nora kühl zurück und starrte nachdenklich aus dem Seitenfenster des Wagens.

»Deinen Mut bewundere ich.«

»Was habe ich schon zu verlieren? Schließlich dachte ich, meine Mutter wäre tot. Schlimmstenfalls bleibt sie es.«

»Wie fühlst du dich damit, dass es sie doch gibt?« versuchte Enzo, das Innere von Nora zu erforschen. Die dachte kurz über diese Frage nach.

»Der Mensch, den ich am meisten liebe, hat mich schändlich belogen. Meine Mutter hat mich verlassen. Wie soll ich mich schon fühlen?« »Du hast ja immer noch mich. Ich werde dich niemals enttäuschen«, erklärte Enzo leise und vermied es, Nora dabei in die Augen zu blicken. Aber wie immer nahm sie auch diese Liebeserklärung nicht ernst.

»Das ist lieb von dir, Enzo«, gab sie mit einem freundlichen Lächeln zurück und tätschelte sein Knie. »Aber wir sind schon da. Ich bin ja mal gespannt, ob sich Stella blicken läßt.« Tatsächlich war der Wagen vor dem schicken Pariser Hotel vorgefahren, in dem die Gala stattfinden würde. Viele Gäste waren bereits anwesend, und Nora nahm strahlend wie immer die Huldigungen entgegen, mit denen besonders ihre männlichen Verehrer nicht sparten. »Du bist großartig, Nora-Schatz. Tu mir den Gefallen und lauf für mich auf meiner Schau«, lud sie ein bekannter Couturier ein. »Ich verspreche dir, du wirst der Höhepunkt des Abends sein. Wie immer.«

Hatten diese Schmeicheleien Nora am Anfang ihrer Karriere noch beeindruckt, so wußte sie jetzt genau, wie oberflächlich man in der schnelllebigen Modebranche miteinander umging. Dennoch lächelte sie strahlend.

»Aber sicher doch, liebster George«, antwortete sie. »Am besten, du wendest dich an meine Agentur. Sprich mit Enzo. Er kann dir sagen, ob ich noch einen Termin freihabe.«

»Ich dachte, es geht hier um ein Geschäft unter Freunden.«

»Tut mir leid, George. Bitte halte die üblichen Wege ein«, erklärte Nora freundlich aber bestimmt, ohne ihrem Gesprächspartner noch weiter Aufmerksamkeit zu schenken. Sie verabschiedete sich mit einem Lächeln und ließ den Blick über die Menge gleiten. Nirgends war auch nur eine Spur von Stella Priestley zu erblicken. Hatte sie es sich anders überlegt und war der Einladung nicht gefolgt?

»Hast du Stella schon entdeckt?« erkundigte sich Nora in wachsender Aufregung bei Enzo, den sie am Büfett traf.

»Tut mir leid, Liebeleien. Aber sie kommt sicher noch. Darf ich dir inzwischen einen neuen Stern am Designer-Himmel vorstellen?«

»Muss das sein? Ich kann mich vor Aufträgen ohnehin kaum retten. Und die ganzen Namen merke ich mir nie und nimmer.«

»Du musst auch an schlechtere Zeiten denken«, gab Enzo ihr den wohlmeinenden Rat und zog sie einfach an der Hand mit. »Stell dich nicht so an. Bis deine Mutter hier ist, kannst du die Zeit sinnvoll nutzen.« An dieser Stelle unterbrach er sich selbst und machte vor einem umwerfend gut aussehenden Mann Halt, der sich angeregt mit einem Herrn unterhielt. Als Enzo und Nora zu den beiden traten, verstummte das Gespräch augenblicklich.

»Enzo Brittani, das ist aber eine schöne Überraschung«, verlieh einer der beiden seiner augenscheinlichen Freude über das Treffen überschäumend Ausdruck.

»Darf ich kurz stören, um euch mit meiner zauberhaften Nora Stern bekannt zu machen? Nora, das hier sind Harris Cutter und Tom Jordan. Tom ist ein junges, hoffnungsvolles Talent, das uns eines Tages mit seinen wundervollen Kreationen beglücken wird.«