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«Wenn die Menstruation politisch ist, ist es die Menopause auch.» Warum erklären wir Frauen in und nach den Wechseljahren zu kränkelnden Mängelwesen? Warum feiern wir nicht mehr die positiven Aspekte dieser umgekehrten Pubertät – neu gewonnene Gelassenheit, Klarheit und Freiheit? Dieses Buch ist eine kluge, ermächtigende Spurensuche und ein leidenschaftliches Plädoyer für einen selbstbestimmten Umgang mit den Wechseljahren. Schon bevor wir das vierte Lebensjahrzehnt vollendet haben, begegnet uns das Thema Menopause heute überall – oft begleitet von dem Eindruck eines bevorstehenden Verfalls. Neben der vermeintlichen Aufklärung offeriert eine ganze Industrie passende Produkte und setzt an die Stelle alter Stigmata neue Konsumversprechen. Anstatt sich dieser Logik zu beugen, lädt Silke Weber ein, den Blick zu weiten. Sie beleuchtet die komplexen Zusammenhänge von Hormonen, Kultur und Ökonomie und nimmt uns mit auf eine Reise von der Erfindung des Begriffs durch männliche Ärzte im Frankreich des 19. Jahrhunderts, ohne den die heutige Milliardenindustrie nicht denkbar wäre, bis zu aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Nonchalant hinterfragt sie dabei all unsere Prägungen, Narrative und Gewissheiten und liefert einen längst überfälligen Gegenentwurf zum derzeitigen Narrativ der Wechseljahre.
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2026
Silke Weber
Die feministische Kraft der Menopause
«Wenn die Menstruation politisch ist, ist es die Menopause auch.»
Warum erklären wir Frauen in und nach den Wechseljahren zu kränkelnden Mängelwesen? Warum feiern wir nicht mehr die positiven Aspekte dieser umgekehrten Pubertät – neu gewonnene Gelassenheit, Klarheit und Freiheit?
Dieses Buch ist eine kluge, ermächtigende Spurensuche und ein leidenschaftliches Plädoyer für einen selbstbestimmten Umgang mit den Wechseljahren.
Schon bevor wir das vierte Lebensjahrzehnt vollendet haben, begegnet uns das Thema Menopause heute überall – oft begleitet von dem Eindruck eines bevorstehenden Verfalls. Neben der vermeintlichen Aufklärung offeriert eine ganze Industrie passende Produkte und setzt an die Stelle alter Stigmata neue Konsumversprechen.
Anstatt sich dieser Logik zu beugen, lädt Silke Weber ein, den Blick zu weiten. Sie beleuchtet die komplexen Zusammenhänge von Hormonen, Kultur und Ökonomie und nimmt uns mit auf eine Reise von der Erfindung des Begriffs durch männliche Ärzte im Frankreich des 19. Jahrhunderts, ohne den die heutige Milliardenindustrie nicht denkbar wäre, bis zu aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Nonchalant hinterfragt sie dabei all unsere Prägungen, Narrative und Gewissheiten und liefert einen längst überfälligen Gegenentwurf zum derzeitigen Narrativ der Wechseljahre.
Silke Weber wuchs in Ostberlin auf, studierte Sozial- und Kommunikationswissenschaften sowie Deutsche Philologie und ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule. Sie arbeitet für Die Zeit, für die sie auch Magazine konzipiert und geleitet hat. Sie schrieb unter anderem für die FAZ und den Spiegel. Sie lebt in Berlin.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, nach einem Entwurf von Mathias Jakob Graphic Design
ISBN 978-3-644-02468-7
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Als ich jünger war, wusste ich überhaupt nicht, was das ist: die Menopause. Meine Mutter hatte mich nie darüber aufgeklärt, zumindest nicht so, wie sie mir die Pubertät erklärte, mich zum Frauenarzt schleppte und mir die Pille verschreiben ließ. Dabei hätte ich mir dieses Gespräch ziemlich toll vorstellen können. «Kind, das ist alles nicht für immer», sagt sie in meiner Fantasie zu mir. «Irgendwann wirst du wieder frei sein. Dann kommt die Menopause, und du bist den ganzen Stress mit der Periode und dem Schwangerwerden wieder los.»
Aber wie gesagt: Das Gespräch führten wir nie. Es wurde auch dann nicht darüber geredet, als meine Mutter selbst in ihre Wechseljahre kam. Irgendwann war es für mich einfach ein Fakt, vielleicht weil ich bemerkte, dass sie keine Periodenprodukte mehr in ihrem Badezimmerschrank hatte. Vielleicht setzte ich es auch einfach voraus, als sie langsam auf die 60 zuzugehen begann.
Auch in der Schule lernte ich nichts über das Thema. Dabei ist es doch so: Jedes Mädchen, jede Person, die die Periode bekommt, wird sie irgendwann auch wieder los. Die Wechseljahre kommen unweigerlich bei allen Menschen, die funktionierende Eierstöcke haben – also bei der Hälfte der Bevölkerung weltweit. In Deutschland sind derzeit rund neun Millionen Frauen zwischen 40 und 55 Jahre alt, befinden sich vermutlich in den Wechseljahren oder stehen kurz davor. Die Menopause ist ein Teil des natürlichen Lebenslaufs. Inzwischen sprechen wir auch viel über sie, untereinander, öffentlich, in Abendrunden und in den Medien. Trotzdem wissen immer noch erstaunlich viele erstaunlich wenig über sie. Noch schlimmer: Die, die mehr über sie wissen (oder zu wissen glauben), behandeln sie wie eine Krankheit.
Da, wo es an Aufklärung fehlt, hat sich in den letzten Jahren eine ganze Wirtschaftsbranche einen Markt eingerichtet. Menopause-Tests können inzwischen wie Schwangerschaftstests im Internet bestellt werden. Bekleidungsmarken verkaufen Anti-Flush-Shirts, die versprechen, die Haut zu kühlen, Feuchtigkeit abzuleiten und den Geruch zu kontrollieren. Primark bietet eine ganze «Menopause Collection» aus angeblich wohltuenden Materialien an. Auch lustig gemeinte Motto-Shirts mit Aufdrucken wie «Hotter than ever», «Menopause – puberty’s evil older sister» oder «Menopausal» im Design US-amerikanischer Sportteams sind bei Etsy und ähnlichen Plattformen im Angebot. Wer sich einmal im Internet nach Ratschlägen zum Thema umschaut, landet im Wechseljahre-Rabbithole.
Die Schauspielerin und Unternehmerin Gwyneth Paltrow kommentiert im Businesstonfall: «Wir müssen die Menopause als Marke neu positionieren.» Und auf Instagram ist innerhalb kürzester Zeit ein neues Jobprofil entstanden: Sogenannte Meno-Influencerinnen teilen Content zum Thema.
Menschen, die viel auf Social Media unterwegs sind und zur Zielgruppe gehören, wird auffallen, dass es immer mehr von ihnen gibt. Wie Sportteams treten sie an, um dem negativen Image der Menopause den Kampf anzusagen. Nicht nur in den USA, auch in Deutschland. Sie inszenieren sich als unabhängige Aufklärerinnen, die versuchen, das Phänomen aus der Tabuzone zu zerren, liefern Content zu Symptomen in den Wechseljahren, Tipps, was man dagegen tun kann: Body Reset, Ayurveda, Hormonyoga, Smoothies. Sie beantworten Fragen wie «Graue Haare: Ja oder nein?», die wenig mit der Menopause zu tun haben. «Wie ich mit meiner Menopause Moneten mache», schreibt die Bild-Zeitung über eine hierzulande bekanntere Influencerin namens @Blondbynana, die auch als Reality-TV-Star Nadine Miree bekannt ist.[1] Und die New York Times beschrieb die neue Aufmerksamkeit für die Lebensphase mit den Worten: «Welcome to the Menopause Goldrush». Kurzgefasst: Der Kapitalismus hat die Menopause für seine Ziele entdeckt.[2]
Auch Fitness-Influencerinnen jenseits der 40 oder 50 präsentieren neuerdings ihren After-Menopause-Body. Die Influencerin @Simone.fit.ab.40 wirbt für weniger Müdigkeit und weniger Meno-Bauch, für straffere Beine und gegen Haarbruch Ü40. Nicole Stanzel, die sich als Body Definition & Lifestyle Coach 35+ beschreibt, schreibt: «Ich bin 52, aber mein biologisches Alter ist 28, weil ich meinen Stoffwechsel gehackt habe.» Sie präsentiert ihren Waschbrettbauch und bietet Workouts und Rezepte. Zuletzt gab es einen ähnlichen Trend des After-Baby-Bodys bei Müttern. Nun also: der perfekte After-Meno-Body.
Das Fazit: Eine Frau in den Wechseljahren muss nicht alt, grau und hässlich aussehen. Das ist einerseits eine schöne Botschaft. Andererseits entsteht überall da, wo Frauen sich optimieren können, immer auch ein gewisser Druck, das dann auch tun zu müssen – und mit dem Selbstmanagement nicht allzu nachlässig zu werden. Dazu müssen sie dann natürlich die passenden Produkte kaufen – während ganz nebenbei gewöhnliche Alterserscheinungen als Menopause-Symptome pathologisiert werden.
Das erste Mal, dass mir selbst – im Gegensatz zum gerade umrissenen Diskurs – ein anderer Sound in den Erzählungen auffiel, war beim Schauen der britischen TV-Serie Fleabag. In der zweiten Staffel von 2019 gibt es eine fantastische Szene über das Wunder der Menopause. Da sitzen die Frauen Belinda und Fleabag an der Bar, kommen eher zufällig ins Gespräch, und die 58-jährige Belinda, gespielt von Kristin Scott Thomas, hebt zum großen Monolog über die Wechseljahre an. «Frauen werden mit eingebauten Schmerzen geboren, das ist unser körperliches Schicksal», sagt sie, «Periodenschmerzen, wunde Brüste, Kinderkriegen. Wir tragen den Schmerz unser ganzes Leben lang bei uns. Männer nicht. Sie müssen Götter und Dämonen erfinden. Sie führen Kriege, damit sie Dinge fühlen und einander berühren können, und bei uns passiert das alles hier drinnen.»
Belinda, die erfolgreiche Geschäftsfrau, macht eine Pause. «Und was passiert, wenn man gerade das Gefühl hat, damit Frieden zu schließen? Die Wechseljahre kommen – und es ist das Schönste, was es auf der Welt gibt. Du bist frei, kein Sklave mehr, keine Maschine aus Einzelteilen.»
«Mir wurde gesagt, es sei schrecklich», entgegnet Fleabag irritiert und fasziniert gleichzeitig. «Es ist schrecklich, aber dann ist es großartig», antwortet Belinda. «Etwas, auf das man sich freuen kann.» Ich kann mich nicht erinnern, Vokabeln wie «wundervoll» oder «großartig» je zuvor im Zusammenhang mit der Menopause gehört zu haben. Deshalb liebe ich diese Szene. Weil sie allen Ernstes Lust aufs Älterwerden macht.
In der Popkultur laufen die Dinge sonst ja eher andersherum. Der Übergang von der Kindheit ins gebärfähige Alter wird als Moment großer Freude zelebriert, während die umgekehrte Pubertät, also die Menopause, kaum erwähnt wird. Seien es die sexfixierten Teenager in American Pie, die Selbsterkundungen der Mädchen in Greta Gerwigs Lady Bird, die erste Liebe oder Suche nach sexuellen Identitäten in der Serie Sex Education. Die Narrationen rund ums Erwachsenwerden nehmen sich voll Freude das heillose Durcheinander mit all seinen Peinlichkeiten vor, verarbeiten die Lebensphase in unzähligen Erzählungen. Als Britney Spears 2001 «I’m Not A Girl, Not Yet A Woman» sang, wurde der Song ein Hit. Die Hormone machen aus dem Mädchen bald eine Frau. Eine hoffnungsfrohe Botschaft.
Sogar die Periode, die lange Zeit ein Tabuthema war, hat in den letzten Jahren nicht nur in der feministischen Bewegung, sondern auch in der Popkultur an Sichtbarkeit gewonnen. «Anything you can do, I can do bleeding», hieß 2019 ein Underground-Hit von Mary More, der in Nashville lebenden Künstlerin. Und der Animationsfilm Rot (2022) erkundet auf sehr liebevolle und humorvolle Weise die Themen Pubertät und Periode. Wurde Menstruationsblut in der Werbung, wenn überhaupt, lange Zeit als blaue Flüssigkeit dargestellt, fließt seit 2016 erstmals auch rote Flüssigkeit. Der zugehörige Slogan: «Menstruation ist normal.»
Doch was ist mit dem Ende der Menstruation, der Menopause? Warum werden Frauen ab diesem Zeitpunkt zu kränkelnden Mängelwesen erklärt? Auch die Pubertät bringt doch körperliche Symptome mit sich: Akne, Gefühlschaos, Sinnkrisen. Genauso können Schwangerschaften Begleiterscheinungen wie Stimmungsschwankungen, Übelkeit und vieles mehr hervorrufen. Bei der Menopause spürt im Durchschnitt ein Drittel aller Frauen – gar nichts. Das zweite Drittel hat leichte Beschwerden. Eine dritte Gruppe leidet schwer. Einige trans Männer oder nicht binäre Menschen, Menschen, die sich mit ihrem angeborenen Geschlecht nicht identifizieren können, erleben ebenfalls die Menopause. Sie möchte ich miteinschließen.[1]
Und können Frauen und alle anderen Betroffenen trotz lästiger Symptome nicht gleichzeitig schwach und stark sein? Im Sinn des Spruchs «Anything you can do, I can do bleeding» könnten Frauen in der Prä- bis Postmenopause doch einfach sagen: «Anything you can do, I can do menopausing.» Wenn die Periode schon ein politisches Thema ist, dann ist es die Menopause natürlich auch.
Allmählich, wenn auch langsam, scheinen sich tatsächlich neue Narrative zu entfalten. Bei der 50-jährigen US-amerikanischen Künstlerin und Autorin Miranda July zum Beispiel klingt der Menopause-Diskurs schon ganz anders. Sie beschreibt die Wechseljahre in ihrem Buch Auf allen vieren von 2024 wie eine Wiedergeburt.[3] Von dem Zeitpunkt an, schreibt sie, gehöre der Körper der Frau zum ersten Mal wirklich ihr selbst. Sie muss ab jetzt weder Kinder kriegen, noch muss sie gefallen. Eine starke Stimme, die mitten in der weiter grassierenden Menopause-Paranoia zur Abwechslung ein erlösendes Moment anspricht. Das Cover ihres Buches zeigt einen Felsvorsprung und daneben ein Tal, über dem die gleißende Sonne steht. Es spiegelt die Übergangsphase wider: die Perimenopause, also die Phase der hormonellen Umstellung vor der letzten Blutung, als Klippe, mit der die Frau konfrontiert ist, mit all den Veränderungen, aber auch mit der Möglichkeit, sich selbst neu zu erfinden.
Die Wechseljahre stellen uns vor die Herausforderung, die Rolle und den sozialen Wert älterer Frauen neu zu definieren. Sie sind keine Tragödie und müssen nicht schrecklich sein – auch wenn ein veraltetes, patriarchalisches Unsinnsnarrativ uns das so sagt. Aus diesem Grund sollten wir mit den negativen Stereotypen brechen, so bald wie möglich. Statt auf Medikamente oder Supplemente sollten wir zuallererst auf ein Empowerment setzen, das Frauen hilft, ihre Gesundheit selbst besser zu verstehen. Und damit ein neues, kraftvolles Kapitel aufzuschlagen.
Ein Rebranding für die Menopause aus Hollywood und dem Silicon Valley: vom Comeback der Hormontherapie und den Strategien eines wachsenden Marktes mit Menopause-Kliniken oder -Selbsttests und Nahrungsergänzungsmitteln
Im Sinne der amerikanischen Philosophin Nancy Fraser ist der Kapitalismus ein gefräßiges Ungeheuer, das sich alles einverleibt – selbst tabuisierte Themen wie die Menopause. Gerade da, wo es gesellschaftlich an Kommunikation und Aufklärung mangelt, springt der Markt oft in die Bresche – und wartet mit Produkten: hormonelle und nicht hormonelle Behandlungen, Nahrungsergänzungsmittel, Lotions, Seren oder Coachings und alle möglichen holistischen Ansätze.
«The products are from scalp to vag», wirbt die Schauspielerin Naomi Watts für ihre neu gegründete Beauty- und Wellness-Marke Stripes, die Produkte für Frauen in den Wechseljahren vertreibt. Es ginge dabei vor allem um Dehydrierung, erklärt sie, denn durch den Verlust an Östrogen brauche die Frau mehr Flüssigkeit. Die Vaginalcreme «Vag Of Honor», erhältlich für 50 Euro, soll gegen diese neue Trockenzeit helfen. Watts bietet in ihrem Online-Shop auch Tagescremes und Vitaminkapseln an.
Ebenso treibt die eingangs erwähnte 52-jährige Schauspielerin und Wellness-Unternehmerin Gwyneth Paltrow mit ihrer Marke Goop die Diskussion und die Markterschließung rund um weibliches Wohlbefinden konsequent voran. Erst Selfcare, dann sexuelle Wellness, nun die Menopause.
In Naomi Watts’ Worten ließe sich die neue Aufmerksamkeit für die Perimenopause auch so zusammenfassen: «Aging is trending.» Und da Frauen heutzutage länger leben, sagt sie, verbringen sie möglicherweise ein Drittel oder sogar die Hälfte ihres Lebens in den Wechseljahren. Das sind viele potenzielle Kundinnen.
Weltweit wächst die Zahl peri- bis postmenopausaler Frauen. Im Jahr 2021 waren laut Weltgesundheitsorganisation 26 Prozent aller Frauen weltweit 50 Jahre alt oder älter, zehn Jahre zuvor waren es 22 Prozent.[4] Frauen im mittleren Alter, Frauen in ihren Perimenopause-Jahren, sind weltweit die am schnellsten wachsende Alterskohorte. Auch in Deutschland sind Frauen zwischen 40 und 59 Jahren in der Mehrheit. Am Stichtag des 31. Dezember 2024 waren es laut Statistischem Bundesamt 11,1 Millionen Frauen. Zudem steigt die Lebenserwartung von Frauen kontinuierlich. Waren es in den 1960er Jahren noch durchschnittlich 73 Jahre, liegt die Lebenserwartung einer Frau in Deutschland heute bei 83,5 Jahren. Bei Männern liegt sie zum Vergleich bei 78,9 Jahren.
«Sie kommen hundertprozentig in die Menopause. Aber wussten Sie auch, dass sie sich hundertprozentig behandeln lässt?», heißt es auf der Webseite von Myalloy.com, einem amerikanischen Telemedizin-Start-up für die Wechseljahre. Auch das Silicon Valley sieht also seine Chance auf dem Menopause-Markt. Die ehemalige Microsoft-Managerin Jill Angelo gründete 2019 Gennev.com, eine «Online-Klinik für eine bessere Menopause». Midi Health, ebenfalls eine virtuelle Pflegeklinik für Frauen in der Lebensmitte, wurde 2021 gegründet. Die Schauspielerin Amy Schumer, die ehemalige Meta-Managerin Sheryl Sandberg oder die Herzogin Meghan Markle gehören zu den Prominenten, die in das Unternehmen investiert haben.
Viele Frauen beklagen zu wenig Aufklärung und zu viele Tabus rund um die Wechseljahre. In diese Informationslücke hat sich eine riesige Wellness- und Beratungsbranche gesetzt. Auch Evernow, eines dieser Start-ups, das Frauen eine Menopause-Versorgung im Abonnement für 30 bis 50 Dollar im Monat verkauft, sicherte sich Gelder berühmter Investorinnen: Gwyneth Paltrow, Cameron Diaz, Drew Barrymore. Sie alle, Frauen in ihren Vierzigern und Fünfzigern, machten ihr Engagement öffentlich – und wurden so Teil eines boomenden Geschäftsfelds. Evernow gibt bei einer mehrmonatigen Mitgliedschaft noch kostenlos vaginales Östrogen dazu. Laut einem Bericht der Risikokapitalgesellschaft Female Founders Fund wird Geschäftsmodellen rund um die Bedürfnisse von Frauen in den Wechseljahren ein Marktpotenzial von 600 Milliarden US-Dollar (mehr als 500 Milliarden Euro) zugerechnet.[5]
«Ich glaube, ich erlebe gerade meine erste Hitzewallung», sagt die 50-jährige Drew Barrymore plötzlich in ihrer Show, der Drew Barrymore Show, auf ihrer Gästecouch sitzen an diesem Tag Adam Sandler und Jennifer Aniston. Barrymore wedelt sich hastig Luft zu. Aniston beugt sich zu ihr und sagt: «Ich fühle mich so geehrt!», als wäre sie gerade Zeugin eines großen Moments geworden.[6] In einem Instagram-Beitrag (natürlich für eine bezahlte Partnerschaft) sagte Barrymore neulich, dass Nahrungsergänzungsmittel eine «natürliche Lösung zur hormonellen Unterstützung» seien. «Es ist wild», schrieb sie in ihrem Post, «ich habe meine Power zurück und fühle mich einfach großartig.»
Die Menopause hat ein Rebranding erfahren, insbesondere jetzt, wo sich die jüngeren Vertreter:innen der Generation X und die älteren Millennials im Übergang in die Wechseljahre befinden. Aber vor allem haben Markttreibende erkannt, dass viele Frauen mittleren Alters heute über Karrieren verfügen – und über Geld.
Wo männliche Hollywood-Schauspieler in eine Tequila-Marke investieren, sind ihre weiblichen Kolleginnen ganz der Menopause verschrieben: Allen voran Gwyneth Paltrow, Naomi Watts, Drew Barrymore, Amy Schumer … Halle Berry, 59 Jahre, hat eine ganze Masterclass zum Thema Menopause aufgenommen, das ist eine Online-Subscription-Plattform, auf der Expert:innen und Prominente ihr Wissen in Video-Kursen vermitteln. Darin warnt sie: «Wenn du denkst, du kannst bis 50 warten, um etwas über die Wechseljahre zu lernen – das hier ist dein Weckruf!» Sie verspricht: kein Verstecken mehr, keine Scham. «Lernt euren sich wandelnden Körper kennen und geht euren Weg mit Selbstbewusstsein.» Auch Halle Berry ist unter die Unternehmer:innen gegangen, mit ihrer Firma Respin will sie eine empowernde Community schaffen, die die Menopause und auch die weibliche Longevity neu definiert: eine Plattform, viele Produkte, personalisierte Gesundheitspläne.
Naomi Watts, 57 Jahre, hat im Herbst 2025 – als passende Begleitung zu ihrer Wellness-Marke – ihr Buch über die Wechseljahreauch auf Deutsch veröffentlicht: Jetzt schon? Wie ich früh in die Menopause kam und was ich gerne darüber gewusst hätte. Watts erfuhr mit 36 Jahren, als sie gerade eine Familie gründen wollte, dass die Perimenopause bei ihr schon begonnen hatte, auch dann können Frauen, allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit, noch schwanger werden. Was in ihrem Buch folgt, ist ein Leidenskatalog: Hitzewallungen! Angst! Bevorstehender Tod! Kombiniert mit dem lahmsten Ratschlag überhaupt: Schlaf ist gut!
Der neuerliche Diskurs über die Wechseljahre wird für mich zunehmend verdächtig, und dieses Buch von Naomi Watts, überhaupt all die Schauspielerinnen, die jetzt auch Menopause-Unternehmerinnen sind, sind ein gutes Beispiel dafür: Wenn das Thema vermeintlich so ein Tabu ist, wieso ist es dann im Fokus so vieler prominenter Markttreiber, die omnipräsent öffentlich mit Selbstfürsorge und Superpower argumentieren? Es ist richtig, dass die Perimenopause nicht tabuisiert, stigmatisiert oder schlimmer noch als krankhaft verklärt werden sollte. Aber ich frage mich, ob das Image, das diese «Neue Menopause»-Kriegerinnen vermitteln, wenn sie endlos über Konzentrationsstörungen – der Neologismus dafür ist Brain Fog –, Stimmungsschwankungen und die Notwendigkeit von besonders kühlen Räumen am Arbeitsplatz sprechen, sich wirklich so sehr von den alten Stigmata unterscheidet. Die Frage ist: Wo fängt Kapitalisierung an und hört Empowerment auf?
Diese Generation an Schauspielerinnen, die sich öffentlich dagegen gewehrt hat, ab 37 Jahren nicht mehr für Rollen gebucht zu werden, als zu alt oder «unfuckable» zu gelten (ich erinnere an den Sketch von 2016 über ihren «Last Fuckable Day» von Amy Schumer und ihrer Kollegin Julia Louis-Dreyfus), geht jetzt mit der Menopause in die Verlängerung dieser Erzählung. Das darf sich empowernd anfühlen, soll aber auch monetären Gewinn bringen: Neben der ärztlich verschriebenen Hormontherapie sollen immer mehr, vor allem auch hochpreisige Produkte und Angebote unangenehme Begleiterscheinungen lindern. Sie sind vielfältig, der Markt global – und er ist erfinderisch.
Da wäre zum Beispiel ein vaginales Rotlicht-Therapiegerät der Firma Joylux. Auf Amazon kostet es sagenhafte 1067,60 Euro. Es sieht aus wie ein elfenbeinfarbener Vibrator und will ein «Wellness-System für Wechseljahre» sein, welches die «natürliche Hydration» fördern und «den Beckenboden straffen» soll. Joylux hat noch andere Produkte «gegen» die Menopause im Angebot: kühlende BH-Einsätze zum Beispiel, um Wärme von der Brust abzuleiten, oder Feuchtigkeit spendende Intimgele. Bei alldem geht es auch immer um Straffheit, Schönheit, Sexyness.
Die Kosmetikmarke Vichy wirbt mit einer selbst geführten Studie über die Wechseljahre, nach der sich 45 Prozent der deutschen Frauen zu wenig informiert fühlen.[7] Frauen würden in dieser Lebensphase häufig körperliche und psychische Veränderungen bemerken, die sie nicht zuordnen können. Ganz im Zeichen der «Menopositivity» will Vichy ihnen helfen. Nivea «verrät dir, mit welchen Hautproblemen du in den Wechseljahren konfrontiert werden könntest und wie du sie behandeln kannst». Die Marke Korres stellt «7 Tipps für die richtige Gesichtspflege nach den Wechseljahren» zusammen. Sie alle versprechen mit Anti-Aging-Formeln dem Straffheitsverlust entgegenzuwirken und noch die tiefsten Falten und Altersflecken in ein geschmeidiges Hautgefühl zu verwandeln. Ihr Geschäftsmodell fußt auf überhöhten Schönheitsidealen, Jugendwahn und Angst vor dem Verfall.
Seit gut zehn Jahren wächst der Markt für Menopause-Produkte kontinuierlich, in Nordamerika wie in Europa.[8] Im Jahr 2024 wurde er auf 17,79 Milliarden US-Dollar, also etwa 15,22 Milliarden Euro, geschätzt und soll bis 2030 voraussichtlich 24,35 Milliarden US-Dollar (20,84 Milliarden Euro) erreichen, was einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 5,42 Prozent zwischen 2025 und 2030 entspricht. Das Zusammenwirken eines demografischen Wandels mit einer stetig wachsenden, alternden und solventen weiblichen Bevölkerung, ein radikal gestiegenes Bewusstsein für die Gesundheits- und Wellness-Bedürfnisse dieser Gruppe und der daraus resultierende Innovationsschub bei Produkten – verbinden sich geradezu zu einem perfekten Sturm, der den Markt beschleunigt.
Ob das Joylux-Gerät, all die Cremes oder Modemarken, die nun speziell für die Wechseljahre mit atmungsaktiver Kleidung, Anti-Flush-Shirts und Cooling Technologies werben, im Einzelnen in dieser Statistik erfasst sind, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Fest steht jedoch, dass es sich um einen Milliardenmarkt handelt, der einen Großteil seines Umsatzes mit Nahrungsergänzungsmitteln generiert – Gummibärchen mit Phytoöstrogenen oder Kapseln mit exotischen Pflanzenextrakten, deren umstrittene Wirksamkeit ich später noch ansprechen werde. Es ist ein Markt, der viel verspricht und der undurchsichtig ist. Menowashing ist so ein neues Schlagwort für ein aggressives Marketing mit oft überteuerten Produkten, die Linderung der Wechseljahresbeschwerden versprechen, jedoch häufig ohne wissenschaftlich nachgewiesenen Nutzen sind und gezielt die Verunsicherung von Frauen in dieser Lebensphase ausnutzen. Dieser Markt besteht auch aus Start-ups, die neuerdings das Menopause-Mikrobiom checken, Wearables wie MyCelsius, die bei Hitzeschüben Kühlwarnungen an den Hypothalamus senden, oder Apps, die Hilfe und Beratung für die Menopause anbieten.[9]
Die «neue Menopause», das sind auch Privatsprechstunden, Supplement-Linien, kostenpflichtige Online-Kurse und Begleitbücher. Das sind Patientinnen-Aktivistinnen, Meno-Influencerinnen und Influencer-Ärztinnen, tatsächlich sind es überwiegend Frauen, die auf die Optimierung des Wohlbefindens oder die Rückkehr zum sogenannten alten Ich abzielen. Sie argumentieren verstärkt mit der Prävention von Krankheiten oder dem notwendigen Ausgleich eines Mangels. Sie stützen sich dabei auch auf anekdotische Evidenz aus ihrer Praxis oder auf Beobachtungsstudien und den Glauben, dass die Wissenschaft noch die Realität aufholen müsse.
Die «neue Menopause» steht im Zentrum eines Versorgungsdilemmas, das seinen Ursprung in einer systematischen Wissenslücke hat: Einer kleinen Gruppe ausgebildeter Fachleute steht eine Mehrheit von Ärzt:innen gegenüber, die mit der Thematik nicht in der Tiefe vertraut ist.
Diese Lücke füllt nun eine geschäftstüchtige Menge von Menopause-Influencerinnen, an deren Spitze momentan wohl die amerikanische Gynäkologin und Unternehmerin Mary Claire Haver steht. Mit über vier Millionen Follower:innen hat sie eine enorme Anhängerschaft um sich geschart. An ihr lässt sich das Prinzip «neue Menopause» gut erzählen.
In einem typischen Post fragt sie: «Wie erkennt man eine menopausale Frau, ohne zu sagen, dass sie in der Menopause ist?» – und platziert dann die Pulver und Kapseln ihrer eigenen Marke «The Pause Life» demonstrativ vor sich auf dem Tisch. Haver verdient also direkt an der Menopause. Unter ihren Follower:innen finde ich auch Frauen aus meinem persönlichen Umfeld. Ihre zum Teil alarmierenden Botschaften zu Suizidrisiken oder Depressionen erreichen auch deutsche Nutzer:innen, worauf ich im Kapitel Das Menopause-Gehirn nochmal zu sprechen komme.
Ihr kommerzielles Imperium umfasst neben Nahrungsergänzungsmitteln, von denen Ärzt:innen normalerweise abraten, auch Diätprogramme mit typischen Vorher-nachher-Fotos von ausgewählten Frauen, wie man das auch sonst von Diätwerbung kennt – damit fing ihr Business an –, und eine Privatklinik, die 1500 Dollar (ca. 1300 Euro) für einstündige Termine nimmt.
Haver hat Dutzende medizinische Influencer:innen um sich versammelt, die sich selbst die «Menoposse» nennen, die sich gegenseitig auf Instagram oder TikTok unterstützen, Informationen austauschen, Beifall schenken. Sie sind teils Beirat, teils Hype-Maschine, wie es ein Artikel in der New York Times beschreibt.[10] Das aggressive Bespielen eines ausgewählten Meinungsmarktes als Geschäftsmodell hat schon viele Unternehmen und Einzelpersonen reich gemacht.
Mary Claire Haver ist eine der einflussreichsten und gleichzeitig umstrittensten Figuren in der aktuellen Menopause-Debatte. Ihr zentrales Versprechen – «Menopause is inevitable; suffering through it is not» – wiederholt sie mantraartig vor ihrer Online-Community: Die Menopause ist unausweichlich, darunter zu leiden, ist es nicht – wenn man die richtigen Schritte unternimmt und das nötige Kleingeld hat. Sie ist überzeugt: Frauen müssen den natürlichen körperlichen «Verfall» nicht hinnehmen und könnten durch gezielte Maßnahmen ihre Lebensqualität «optimieren». Haver steht damit für den Paradigmenwechsel in der Menopause-Behandlung, den Frauen heute begrüßen. Expert:innen sehen in Haver sowohl die Verkörperung der Versprechen als auch die Gefahren eines neuen Kapitels in der Menopause-Versorgung.
In ihrem Buch Die neue Menopause, das vor Kurzem auf Deutsch erschienen ist, listet die amerikanische Gynäkologin 66 angebliche Wechseljahresbeschwerden auf, darunter: Akne, trockene Haut, brüchige Nägel, brennendes Gefühl im Mund, Gefühl, als würde etwas auf der Haut krabbeln, Inkontinenz, Säurereflux, Schmerzen im Kiefergelenk und viele mehr.[11] Ihr Ansatz geht über die offiziellen Leitlinien hinaus: Sie befürwortet Hormone nicht nur bei starken Symptomen, sondern zur Steigerung von Wohlbefinden oder Libido und zur Prävention von Herzkrankheiten oder Demenz. Frauen sollten nicht Jahrzehnte warten, nur weil die definitive Evidenz noch aussteht, argumentiert sie.
Hierzulande hat die Diskussion um die «neue Menopause» sicherlich die Gynäkologin Sheila de Liz mit ihrem 2020 erschienen Buch Woman on Fire befeuert.[12] Dass es fast zeitgleich mit ähnlichen Menopause-Ratgebern von Ärzt:innen in anderen Ländern erschienen ist, lässt darauf schließen, dass die Zeit auch reif dafür war, dass das Thema sowohl in der Medizin als auch in der Gesellschaft angekommen ist.
Die Ärztin de Liz nutzt nach amerikanischem Vorbild Instagram, um in lockerem, freundschaftlichem Ton und kurzen, prägnanten Videos Aufklärung zu betreiben. 150000 Follower:innen hat sie. Manchmal schminkt sie sich vor der Kamera und erklärt dabei, was in den Wechseljahren mit dem Frauenkörper passiert – und dass sie von 120 Symptomen, wenn nicht sogar mehr, ausgehe. Auch sie spricht und schreibt häufig von einem «Mangel» oder benutzt Worte wie «Verfall». Gleichzeitig berichten Gynäkolog:innen von einem erfreulichen Anstieg an informierten Patientinnen, die gezielt nach Lösungen für ihre Wechseljahresbeschwerden und nach Hormontherapien fragen – oft mit einem Verweis auf de Liz.
Es fällt außerdem auf, dass immer mehr Gynäkologinnen auf Instagram ihrem Prinzip folgen. Ihre Beiträge beginnen gern mit dem Satz «Ich bin Frauenärztin …», dann folgen Checklisten, die gegen das Hormondurcheinander helfen sollen. Sätze wie «Sie will ihr altes Leben zurück» fallen. In diesen Beiträgen, wenn auch etwas weniger aufdringlich, als man das aus dem amerikanischen Kulturkreis wahrnehmen kann, wird nun viel über die Perimenopause gesprochen: «Könnte dein Hormonchaos vielleicht im Darm beginnen?» Oder: «Ist Einsamkeit das neue Rauchen? Und warum betrifft es so viele Frauen in der Perimenopause?» Sogar eine verringerte Alkoholverträglichkeit wird darauf zurückgeführt. Diese Themen werden wiederum von Fitness- beziehungsweise Medizininfluencer:innen aufgegriffen. Die Übergänge sind fließend. Die eingangs erwähnte Influencerin @Simone.fit.ab.40 nimmt ihre Follower:innen nun mit durch ihren «Wechseljahres-Alltag», schreibt über bioidentische Hormone und postet lange Symptomlisten: «schmerzende Knie oder Hüften, unruhige Beine, Kribbeln, verspannter Nacken, Fibromyalgie, Arthritis, Osteoporose». Sie beschreibt sich als «Mentorin für Frauen ab 40 in Führungspositionen, die wieder mit Wunschgewicht und Energie durchs Leben gehen möchten», wirbt mit Bauch-weg-Versprechen und verkauft Rezepte und Online-Kurse. «Simones ü40 Fit&Schlank»-Masterplan kostet 49 Euro und ist mit einem Klick online bestellbar.
Instagram-Ärzt:innen oder Medizin-Influencer:innen haben immer Sprechstunde, und sie haben keine Wartezeiten. Paradoxerweise wirken Ärzt:innen am Bildschirm oft nahbarer als hinter ihrem Schreibtisch, vermutlich tragen auch die persönlichen Anekdoten und die private Kleidung dazu bei. Dabei wenden sie sich an ein riesiges Publikum, können also überhaupt keine individuellen Diagnosen stellen, befriedigen aber schnell das Bedürfnis nach Gemeinschaft – danach, nicht allein zu sein. «Wir Frauen haben gelernt, wir müssen uns auf uns selbst verlassen», sagt Sheila de Liz in einem Post. Diese Botschaft verfängt insbesondere bei Frauen, heißt es im Online-Magazin Berliner Ärzt:innen der Deutschen Ärztekammer Berlin. Frauen vertrauen oft auf Selbsthilfe, weil ihre gesundheitlichen Beschwerden in der Medizingeschichte systematisch ignoriert oder als psychisch begründet abgetan wurden. Da Frauen oft das familiäre Gefüge zusammenhalten, haben Erkrankungen bei ihnen auch unmittelbare Auswirkungen auf den gesamten Familienverbund.[13] Eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos zeigt, dass sich 61 Prozent der deutschen Frauen und 56 Prozent der Männer nicht nur auf die Aussagen ihrer Ärzt:innen verlassen, sondern im Internet recherchieren. Interessant an der Befragung ist, dass mehr Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau, insgesamt 72 Prozent der Befragten, sich lieber selbst informieren, während 56 Prozent mit mittlerem Bildungsgrad und 62 Prozent mit hohen Bildungsabschlüssen das tun.[14]
Vergessen wir nicht: Instagram ist keine reine Informationsquelle, sondern auch ein Marktplatz, auf dem Interessen, Meinungen und Produkte miteinander konkurrieren. Und eine Ärzt:innenschaft, die durch erweiterte Definitionen von Gesundheit und Krankheit auch neue Patient:innengruppen erschließt, ist in der Geschichte kein neues Phänomen, wie ich später ausführlich anhand der Erfindung des Begriffs Menopause zeigen werde. Oft ist es gar nicht so einfach, zwischen richtigen, halb richtigen und schlicht falschen Informationen zu unterscheiden – gerade weil zu vielen Themen, insbesondere im Bereich Frauengesundheit, noch Langzeitstudien fehlen oder die wissenschaftliche Lage uneinheitlich ist.
Manches an der Diskussion um die «neue Menopause», die, wie wir gemerkt haben, global geführt wird, ist gut. Insbesondere, dass mehr Wissen dazu bereitsteht und es auch mehr von Frauen eingefordert wird. Doch sobald eine ganze Industrie versucht, aus einem biologischen Ereignis eine Werbe- und Versicherungskampagne zu machen, sollte man etwas genauer hinschauen.
Die Versorgungslücke lässt viel Raum für gute, aber auch für fragwürdige Player am Markt und viele diffuse Informationen dazwischen. In den letzten Jahren beobachtet die Gynäkologin Jen Gunter ein exponentielles Wachstum von Menopause-Inhalten in Ratgeberliteratur oder Sozialen Medien mit zunehmend irreführenden Aussagen. Dazu zählen Behauptungen, wie die Hormontherapie sei essenziell für jede Frau, unterstütze beim Abnehmen, beuge Demenz und Herzerkrankungen vor oder sei auch für Frauen, die einmal an Brustkrebs erkrankt waren, unbedenklich.[15] Gunter, eine langjährige Goop-Kritikerin, berichtet regelmäßig für die New York Times über weibliche Gesundheit und hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen Falschinformationen anzuschreiben. Sie betont die Nuancen, die in der Medizin so wichtig sind, in den Sozialen Medien aber oft fehlen. Auch sie ist auf Instagram. Vieles, was auf Instagram kursiere, sei nicht evidenzbasiert, stellt sie klar. Bei der Influencer-Ärztin Mary Claire Haver sei besonders, dass einiges stimme, vieles aber auch sehr unscharf sei.
So wird der weibliche Körper erneut zur Projektionsfläche – natürlich war er noch nie ein neutraler Schauplatz –, diesmal für algorithmisch verstärkte Narrative, die Heilversprechen mit Empowerment verwechseln und kommerzielle Interessen als Fürsorge tarnen. Getrieben von der Ökonomie der Aufmerksamkeit zerkleinern diese Kräfte komplexe Fakten zu viralen Botschaften, übertreiben strategisch, um im digitalen Lärm gehört zu werden.
Kritiker:innen, dazu zählt auch Jen Gunter, sprechen schon von einer Rückkehr der Übermedikalisierung ähnlich wie in den 1960er oder 1990er Jahren. Manche würden heute wieder so weit gehen, die Menopause als «Hormonmangelkrankheit» zu beschreiben. Dabei ist dieser Begriff kein Zufall. Er wurde wortwörtlich als Marketingnarrativ der Pharmaindustrie etabliert – und zwar genau mit jenem Medikament, das die Hormontherapie begründet hat: Premarin.
Eine kurze Rückblende: Premarin wurde 1942 in den USA zur Behandlung von Hitzewallungen zugelassen und warb mit der Menopause als einem Östrogenmangelzustand und der Zurückerlangung der Weiblichkeit – fast zwei Jahrzehnte vor der ersten Antibabypille. Dass ein Medikament gegen weiblichen Fruchtbarkeitsverlust zeitlich vor der Schwangerschaftsverhütung stand, spricht Bände über die Prioritäten der Medizingeschichte. Der amerikanische Gynäkologe Robert Wilson machte Premarin dann zu einem regelrechten Industrie-Blockbuster: In seinem Buch mit dem bezeichnenden Namen Feminine Forever von 1966 stilisiert er die Menopause zum weiblichen Verfall, der nur durch Hormone aufzuhalten sei. Seine Thesen lösten kurz darauf auch in Deutschland einen «Östrogen-Wirbel» aus. Ein deutscher Gynäkologe beschrieb 1966 im Spiegel, wie Frauen täglich mit der Hoffnung auf «Verjüngung» in die Praxis kamen.[16] Sein Fazit: «Solche Hoffnungen können wir Ärzte nicht erfüllen.» Durch die marktschreierische Art wären Akzente falsch gesetzt worden. Oft genüge ein aufklärendes Gespräch: «Wenn man ihnen diese ungerechtfertigten Befürchtungen nimmt, dann gehen solche Frauen erleichtert nach Hause.» Der Name Premarin verrät die umstrittene Quelle: Pregnant mare’s urine. Es wird aus dem Urin trächtiger Stuten gewonnen, was Tierschützer:innen kritisieren, weil die Tiere auf beengten Farmen gehalten werden und ein Plastik-Sammelbehälter direkt an ihre Vulva geschnallt ist, um den Urin aufzufangen. In Deutschland wird das Medikament inzwischen nicht mehr verschrieben – auch weil Hormonprodukte heute längst anders hergestellt werden.
Der globale Markt für Hormonprodukte ist groß und er wächst. Das Marktforschungsunternehmen Grand View Research schätzte ihn 2022 auf 21,28 Milliarden US-Dollar, also etwas mehr als 18 Milliarden Euro, und einem Wachstum auf 35,6 Milliarden US-Dollar (über 30 Milliarden Euro) bis 2030. Den größten Marktanteil hat Nordamerika.[17]
Seit gut 20 Jahren werden diese Medikamente auch aus Pflanzen wie Soja oder Yamswurzeln entwickelt. Die Lieferkette ist hochkomplex, und sie ist global – ähnlich wie zum Beispiel bei Autos oder iPhones kann man sie sich vorstellen –, und wie alle Lieferketten ist sie auch anfällig für Störungen.[18]
Insbesondere ist Soja ein Rohstoff, der sich für groß angelegte Zwecke gut züchten lässt. Das Soja stammt oft von Feldern in China. Dort werden Sojabohnen angebaut und zu Öl verarbeitet. Ein Nebenprodukt dieses Prozesses ist Stigmasterol, ein pflanzlicher Rohstoff für Steroidhormone. Das Stigmasterol wird durch chemische Prozesse oder Fermentation in Östron, eine schwache Form von Östrogen, umgewandelt und als weißes Pulver nach Europa verschifft.
Das Östron-Pulver landet dann zum Beispiel in der Fabrik eines Pharmaunternehmens wie Aspen Pharmacare in den Niederlanden, wo es in großen Reaktoren, die man sich wie überdimensionierte Kochtöpfe vorstellen kann, weiterverarbeitet wird. Durch Zugabe von Natriumborhydrid und Methanol wird die chemische Struktur von Östron verändert und in das potentere Östradiol umgewandelt. In dieser Form wird es unter anderem nach Deutschland verschickt.
Vereinfacht gesagt wird also ein pflanzlicher Grundstoff erst von Mikroben und dann von Chemiker:innen schrittweise so umgebaut, dass am Ende das Hormon Östradiol entsteht. Dieses Pulver wird dann für die Herstellung von Hormongelen, -pflastern oder -tabletten verwendet. Auch Progesteron und Testosteron werden in diesem Verfahren aus Soja oder Yams gewonnen. Sie werden «bioidentisch» genannt, weil ihre chemische Struktur identisch ist mit den im menschlichen Körper vorkommenden Hormonen.
Soja oder Yams enthalten Phytoöstrogene, die eine sehr schwache östrogene Wirkung haben können, wenn sie von Menschen konsumiert werden. Expert:innen weisen darauf hin, dass es nicht ausreicht, einfach viel Yamswurzel zu essen, es hat nicht den gleichen Hormoneffekt auf den Körper. Diese Rohstoffe müssen erst durch einen komplizierten Laborprozess umgewandelt werden. Sie sind also keineswegs «natürlich», was oft angenommen wird, «pflanzenbasiert» oder «bioidentisch» klingt so positiv. Die Unterscheidung zwischen natürlichen und synthetischen Hormonpräparaten ist dabei ein häufiges Missverständnis, das vor allem durch Marketing entsteht. Sowohl synthetische als auch bioidentische Hormone durchlaufen einen Laborprozess, synthetische sind dem menschlichen Körper ähnliche Nachbauten, bioidentische haben eine dem Körper identische Strukturformel.
Der Markt für Hormonpräparate, in den viele Pharmaunternehmen wie Pfizer, Merck, Viatris, Lilly oder Ascend investiert sind, kannte lange nur einen Trend: aufwärts. Doch am 9. Juli 2002 erschütterte eine Pressekonferenz im National Press Club in Washington die medizinische Welt: Die Women’s Health Initiative (WHI) brach ihre Studie zur Hormontherapie von Frauen in den Wechseljahren vorzeitig ab.[19] Die kombinierte Einnahme von Östrogen und Gestagen, so die Botschaft, erhöhe das Risiko für Brustkrebs, Schlaganfälle, Herzinfarkte und Thrombosen oder Demenz bei den Frauen. Fast über Nacht brachen die Verschreibungszahlen weltweit ein. Was haften blieb, war einfach und scharf: Hormontherapie ist gefährlich.
Was damals kaum Beachtung fand und erst Jahre später breiter diskutiert wurde, sind fundamentale Mängel im Studiendesign. Eine entscheidende Schwäche: die Studienleiter:innen hatten überwiegend ältere Frauen rekrutiert, viele davon waren bereits über 70 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 63 Jahren. Die Ergebnisse spiegelten somit Risiken für eine ältere, oft vorerkrankte Bevölkerungsgruppe wider – nicht die von gesunden Frauen zu Beginn der Wechseljahre. Ein Artikel des New York Times Magazine vom Februar 2023 bringt das Ergebnis auf den Punkt: Frauen seien «in die Irre geführt» worden, hätten aus Angst vor Risiken «unnötig unter schweren Wechseljahresbeschwerden gelitten».[20]
Seitdem haben Meno- oder Ärzte-Influencer:innen aggressive Aufklärungskampagnen gestartet, um allgemeine Ängste über die Risiken einer Hormontherapie zu zerstreuen und Frauen über die potenziellen Vorteile von Hormonen zu unterrichten, um ihnen die Hilfe zu geben, die sie brauchen, so die Argumente. Die Frage ist: Gehen einige damit vielleicht zu weit?
Aktuell zeigt sich ein Comeback der Hormontherapie, in den USA, in Großbritannien und zunehmend in Deutschland. «Die Tendenz scheint wieder in die andere Richtung zu gehen», stellt der AOK-Vorstandschef Tom Ackermann fest.[21] Daten der AOK NordWest belegen, dass Ärzt:innen wieder mehr Tagesdosen an Frauen zwischen 40 und 69 Jahren verschreiben. 2023 zeigte sich ein Anstieg im Vergleich zum Vorjahr von 4,8 Prozent. Diese Entwicklung wird durch Daten der hkk Krankenkasse gestützt. Demnach erhielten 18 Prozent der Versicherten eine Hormontherapie und 15 Prozent eine Therapie mit bioidentischen Hormonen.[22] Die Präsidentin der Deutschen Menopause-Gesellschaft Katrin Schaudig spricht ebenfalls von einem neuen Hype. Es gebe noch keine validen Statistiken, aber sie schätzt, dass zwischen 10 und 20 Prozent der Frauen Hormone nehmen. Während die Einnahme bis vor ein paar Jahren noch bei 6 Prozent stagnierte. Das Pendel scheint wieder in die andere Richtung zu schwingen. «Das wird durchaus der Tatsache gerecht, dass gut ein Drittel der Frauen einen ganz erheblichen Leidensdruck haben», betont Schaudig.
Insbesondere liegen bioidentische Hormone im Trend. Influencerinnen bewerben die Präparate auf Instagram. Den Weg dafür hat sicher auch die Gynäkologin Sheila de Liz geebnet: «Ich bin ganz für die Natur, und zwar ohne Kompromisse», so de Liz in ihrem Buch. «Deshalb mein Lösungsansatz: bioidentische Hormone auf pflanzlicher Basis», schreibt sie. Sie rät früh damit anzufangen, um sich vor Alterserkrankungen zu schützen. «Bioidentische Hormone (…) senken wahrscheinlich eher das Brustkrebsrisiko – ebenso wie das Herzinfarkt-Risiko, die Todesursache Nummer eins für Frauen in Europa».[23] Diese positiven, aber nicht ausreichend belegten Behauptungen verbreiten sich in Sozialen Medien besonders leicht und unkritisch.
Die Versprechungen zu bioidentischen Hormonen seien teilweise so anmaßend wie in den 1990er Jahren und wollten glauben machen, sie hätten nichts mit früheren Behandlungsmethoden zu tun.[24] Früher, vor der WHI
