Freies Leben - Freier Glaube - Stephan Kalk - E-Book

Freies Leben - Freier Glaube E-Book

Stephan Kalk

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Beschreibung

Nicht wenige Katholiken und Protestanten sehnen sich nach einem Glauben ohne Hierarchie, ohne Bekenntnisse und ohne Dogmenzwang. Doch nur wenige werden bisher von der Existenz von freien religiösen Gemeinden gehört haben. Und doch gibt es sie seit bald 200 Jahren. Doch was wird in ihnen geglaubt? Stephan Kalk ist seit fast 30 Jahren hauptamtlich als Pfarrer, Religionslehrer und Seelsorger in freien Religionsgemeinden tätig. Sein Buch schenkt Einblicke und Ansatzpunkte für eine kritische Auseinandersetzung mit dem traditionellen Christentum einerseits wie für ein modernes und freies humanistisches Religionsverständnis andererseits. Ein Buch für alle, die mit den Problemlösungsversuchen der altbekannten Religionen noch an kein Ende angelangt, sondern weiterhin Suchende geblieben sind.

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Seitenzahl: 76

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Stephan Kalk

Freies Leben – Freier Glaube

Gedanken über humanistische Religion

Stephan Kalk

Freies Leben – Freier Glaube. Gedanken über humanistische Religion Umschlagabbildung: © Peshkova | shutterstock.de © Tectum Verlag Marburg, 2014

ISBN 978-3-8288-5702-5

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3277-0 im Tectum Verlag erschienen.)

Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.dewww.facebook.com/tectum.verlag

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über https://www.dnb.de abrufbar.

In herzlichem Dank

Inhalt

Einleitung

Ursprünge und Entwicklungswege

Herkunft und Übergänge

Zwei Heilige im Irrtum

Göttliche Regeln

Die Unsicherheit des Wissens

Die Sache mit Gott

Glauben ja, aber woran?

Die Frage nach dem Wohin

Überwindung der Opfer

Über ein altes Missverständnis: Die Goldene Regel – und vom „wahren Kern“ aller Religionen

Die notwendigen Grenzen des Glaubens

Religiöse Rituale

Religion und Staat

Religiosität der Versöhnlichkeit

Und die Nächstenliebe?

Die letzten Ziele

Literatur

Elektronische Quellen

Zeitungen und Zeitschriften

Einleitung

Jene Personen, die einem schon im Verlauf der ersten Lebensjahre für die eigene Entwicklung wichtig werden, kann man sich nicht selber aussuchen. Genauso wenig, wie die Weltbilder, die einem durch sie vermittelt werden. Nun gibt es bestimmt eine ganze Menge Menschen (nicht nur Familienmitglieder übrigens), die für meine eigene geistige Entwicklung einflussreich gewesen sind; zu den besonders bedeutsamen aber hat zweifellos mein Großvater gehört. Obwohl von Hause aus katholisch, war er kein frommer Mensch im Sinne der Kirchenlehre. Die beiden einzigen Male, von denen ich mit Sicherheit weiß, dass er eine Kirche auch von innen gesehen hat, waren seine beiden Hochzeitsfeiern. Die erste und die Goldene, beide mit meiner Großmutter – und beide auch nur ihr zuliebe. Seine ganz persönliche Vorstellung von Gott aber war während der ganzen Dauer meiner Kindheit die ungewöhnlichste, die ich kennen gelernt habe; und deswegen ist sie mir wohl auch noch so gut in Erinnerung geblieben.

Fast alle anderen Mitglieder unserer engeren und weiteren Familie waren ihrer Überzeugung nach (zumindest früher) mehr oder weniger brave Katholiken. Einige dokumentierten das in ihren Jugendjahren sogar als Messdiener oder durch anderes ehrenamtliches Engagement. Nicht alle natürlich, die meisten blieben religiös eher unauffällig, wenn man das so sagen kann. Keiner von ihnen aber hätte sich damals getraut, an den Kernthesen der von Kindheit an gewohnten kirchlichen Lehren zu rütteln. Zu zweifeln, galt als etwas Schlimmes; das Wesen Gottes aber (um den sich in der Religion doch schließlich alles zu drehen schien) selbst ergründen und verstehen zu wollen – oder gar seine Existenz in Frage zu stellen – das war ein Grund, aus dem andere in der Kirche für einen beten würden, aber nichts, was man offen hätte zur Sprache bringen wollen. Als Kind habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, welchen Antrieb, welche Motivation die Menschen im Einzelnen wohl haben mögen, um sich selbst für anständige Christen und gute Katholiken zu halten. Doch genau das taten sie. Alle, bis auf Großvater.

Obwohl ich, von heute aus betrachtet, vielleicht sagen würde, dass er ein Agnostiker gewesen ist, trifft das den Kern seines Denkens wohl nicht ganz, denn in gewisser Weise glaubte er wohl schon an einen Gott, wenn er sich auch nicht sonderlich viel um ihn zu kümmern schien. Andererseits tat dieser Gott das offensichtlich auch nicht; und so waren wohl für beide tatsächlich die optimalen Voraussetzungen gegeben, um gut und lange miteinander auskommen zu können.

Ich erinnere mich noch recht genau an ein Gespräch, das Großvater und ich über die Gottesidee führten, als ich etwa dreizehn oder vierzehn Jahre alt war. Dies war auch ungefähr das Alter, in dem ich erste gezielte, eigene Beobachtungen an den Menschen meiner Umgebung machte und auch schon ernsthaftere Überlegungen über sie anzustellen begann.

Wahrscheinlich, weil ich damals ebenfalls begann, ein erstes Gespür dafür zu entwickeln, dass das, was Menschen tun, und das, was Menschen glauben, nicht immer – und schon gar nicht unbedingt – das Gleiche bedeuten oder aus der gleichen Motivation heraus geschehen muss.

Während Mutter uns beispielsweise in diesen Jahren noch fast regelmäßig in den Gottesdienst schickte, selbst aber fast nie zur Kirche ging, zog Vater es vor, diese Sonntagvormittage als Zeitgeschenke zur freien Verfügung zu betrachten und mit meinem Bruder und mir für Spaziergänge in den Feldern und Wiesen der Umgebung zu nutzen. Dies hatte allerdings – wegen der vorherigen mütterlichen Anweisung und ihrer nachträglichen Überprüfung – in aller Heimlichkeit und mit den gebotenen Vorsichtsmaßnahmen zu geschehen, so dass wir unsere Ausflüge meist kurz vor Ende des Gottesdienstes am Kirchenportal enden ließen, wo es manchmal möglich war, nach der Messe aus den Gesprächen der Umstehenden noch kleine inhaltliche Fetzen aus der Predigt aufzuschnappen, die man auf Mutters kontrollierende Fragen hin gut gebrauchen konnte. Außerdem hätte uns dann natürlich jedermann bezeugen können, dass wir auch tatsächlich dagewesen waren.

So bekam ich in diesen Jahren – bei aller sonstigen religiösen und mütterlichen Strenge – von väterlicher Seite her doch auch ein gewisses Gefühl für die weitherzige Toleranz vor allem gegenüber den eigenen Schwächen vermittelt.

Religion ist oft ein harter Kampf zwischen den Wünschen und Vorstellungen der Einzelnen für sich selbst einerseits und der realen Außenwelt aller übrigen auf der anderen Seite. Für Mutter war es – was mir später erst verständlich wurde – als Geschiedene in zweiter Ehe lebend, damals eine so harte Strafe, von Kirchenamts wegen von der „heiligen Segensfeier der Eucharistie“ ausgeschlossen zu sein, dass sie die Gottesdienste aus einem inneren Schamgefühl mied. Für Vater und uns hingegen war es zu einer lieb gewordenen Gewohnheit geworden, uns selbst von den Gottesdiensten suspendieren zu können, ohne dass wir uns je deswegen schuldig fühlen mussten, denn Mutter ging ja schließlich selbst nicht hin. Außerdem, so hatte Vater uns einmal erklärt, war Gott ja auch in Wiesen, Feld und Wald zu Hause, und dies vielleicht sogar noch mehr als in dem dunklen Kirchenbau.

Ohne diese gut gemeinte, väterliche Ortsangabe über die allgegenwärtige Anwesenheit Gottes hätte ich mir damals wohl kaum so leicht ein der Situation unangemessenes gutes Gewissen bewahren oder dem großväterlichen Gedanken über Gottes wahre Größe folgen können, der sich während des erwähnten Gespräches zwischen uns entspann.

„Wenn ein Gott ist“, so sagte Großvater: „Dann ist er – oder das, was wir mit diesem Wort auch immer meinen – so groß, so unendlich groß, dass wir als winzige, kleine Menschen uns niemals eine sich auch nur im Entferntesten annähernde Vorstellung davon machen können.“ Ich verstand sehr wohl, dass er das nicht räumlich meinte; und ich verstand auch, dass wir nicht mehr als das verstehen können. Zumindest nicht von oder über Gott. „Ein solches Wesen ist auf menschliche Gebete auch nicht angewiesen. Wir sollten einfach hier auf Erden friedlich leben – und ihn in Ruhe lassen.“ Dieser Gedanke unterschied sich deutlich von all dem katholischen Alleswissertum mit seinen tausend Vorschriften, das ich bis dahin kennen gelernt hatte. So war denn auch das Verhältnis meines Großvaters zu den Priestern und Pfarrern seines Umfeldes recht ähnlich dem zu seinem Gott: Er ignorierte sie; und dafür ließen auch sie ihn in Ruhe.

Dennoch kamen mir nie ernsthafte Zweifel, dass mein Großvater ein religiös empfindsamer Mensch gewesen war. Denn für mein Verständnis war er es; und zwar in einem erstaunlich ehrlichen und tiefen Sinne. Ich habe ihn später auch oft ganz

allein an einem Waldsee sitzen sehen. Den Blick über das spiegelnde Wasser hin gerichtet, ruhig und schweigend sich nach außen wendend und dabei das Außen gänzlich in sein Inneres aufnehmend. Was er verwarf, das waren sicher nicht die religiösen Gefühle, denen auch er sich hinzugeben wusste. Was er verwarf, das war der äußere Schein, der sich in allen menschlichen Religionen in Form von Glaubenstheorien und rituellen Handlungen, von Kult, Magie, Dingen und Gegenständlichkeiten durch das gesamte Menschenleben zieht. Wenn ich ihn auf meinen jugendlichen Streifzügen so sitzend antraf, konnte es vorkommen, dass ich mich ganz leise wieder entfernte, ohne ihn anzusprechen, um nicht zu stören.

Ursprünge und Entwicklungswege

Während meiner Studienzeit verdiente ich meinen Lebensunterhalt unter anderem mit Nachhilfestunden in verschiedenen Fächern. Von dem unverbrauchten und frischen Geist meiner Schüler habe ich mitunter vielleicht sogar mehr profitieren können als sie von meinen Übungslektionen. Eine meiner Schülerinnen verblüffte mich während einer unserer Stunden einmal mit der Frage, wohin denn eigentlich all die alten antiken Götter gekommen wären, als Gott durch seinen Sohn Jesus in die Geschichte und in das Leben der Menschen eingegriffen habe. In den christlichen Himmel gehörten die alten Gottheiten ja eigentlich nicht, meinte sie. Und gestorben sein könnten sie doch aber auch nicht – schließlich wären sie doch Götter und damit unsterblich gewesen.

Es war ihr wirklich ernst mit dieser Frage; doch obwohl sie bereits allein durch ihre Fragestellung die Tür zur eigenen, geistigen Freiheit weit aufgestoßen zu haben schien, so war ihr doch anzumerken, welche Scheu sie noch hatte, der durch ihr eigenes Denken vorgegebenen Richtung durch jene Tür auch konsequent zu folgen.