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Jonathan Franzen

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Beschreibung

»Sind gute Bücher noch von Belang? Dieses Buch ist es.« TIME Virtuos und pointiert setzt sich Jonathan Franzen mit dem Geist seiner Zeit auseinander und offenbart ganz persönliche Erfahrungen: In fünfzehn Essays ergründet er »die Schwierigkeit, in einer lärmenden und zerstreuenden Massenkultur Individualität und Vielschichtigkeit zu bewahren: die Frage, wie Alleinsein geht«. Gegen eine medial beschleunigte Welt und von Ideologien gefärbte Wahrnehmung setzt er die kreative Abgeschiedenheit, den genauen Blick, das Lesen. Entstanden ist eine Sammlung seiner Gedanken zu vielfältigen Themen, sei es die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters, die Liebe zu alten Dingen oder das amerikanische Postwesen. Vor allem aber stellt er Überlegungen zum Schreiben an – poetologische Herzstücke des Bandes sind sein berühmter Harper's-Essay und der Aufsatz über William Gaddis alias »Mr. Schwierig«.. Nach wie vor erhellend und aktuell. Eine Neuausgabe der frühen Essays vom US-Bestsellerautor Jonathan Franzen  »Diese Sammlung unterstreicht seine Eleganz, seinen Scharfsinn und seine Kühnheit als Essayist, außerdem die wache, kluge Art der Selbstwahrnehmung, die ähnlich beeindruckend und gewinnend ist wie die von Joan Didion.« Jane Maslin, The New York Times

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Seitenzahl: 1080

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Über das Buch

»Ein großer Familienroman, ein gültiges Porträt unserer Zeit. Ein Buch, das den Leser gänzlich in seinen Bann zieht.« Felicitas von Lovenberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Jonathan Franzen ist die Neuauflage des großen amerikanischen Romans gelungen. Das Meisterhafte an Franzens Literatur ist, dass die Figuren uns nah genug kommen, dass wir ihre fürchterlichen Schwie-rigkeiten mit dem Leben sofort nachfühlen können.« Philipp Oehmke, Der Spiegel

»Es ist nicht nur ein zeithistorisches Panorama der Bush-Ära. Es ist auch ein großes Trost- und Hoff-nungsbuch des zerzausten, erschöpften, an sich selbst irre gewordenen amerikanischen Liberalismus.« Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung

»Wie leicht er die Nebenfiguren und Parallelkonstellationen ausfaltet, hinein in die Generation der El-tern und der Kinder, zeugt von einer erzählerischen Sicherheit, in der Erfahrung, Recherche und Imagi-nationskraft perfekt miteinander verschmelzen.« Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel

Jonathan Franzen

Freiheit

Roman

Aus dem Englischen von Bettina Abarbanellund Eike Schönfeld

Für Susan Golomb und Jonathan Galassi

Geht vereint,

Ihr Schatzgewinner, alle; euern Jubel

Teilt allen mit. Ich alte Turteltaube

Schwing mich auf einen dürren Ast und wein,

Bis ich gestorben bin, um meinen Mann,

Der niemals wiederkommt

WILLIAM SHAKESPEARE, Das Wintermärchen

GUTE NACHBARN

Die Meldungen über Walter Berglund wurden von der Lokalpresse nicht aufgegriffen – er und Patty waren zwei Jahre zuvor nach Washington gezogen und hatten für St. Paul inzwischen keinerlei Bedeutung mehr –, aber die Bürger des aufstrebenden Viertels Ramsey Hill waren ihrer Stadt gegenüber nicht loyal genug, um nicht die New York Times zu lesen. Einem langen und wenig schmeichelhaften Artikel in der Times zufolge hatte Walter sein Berufsleben dort in der Hauptstadt ziemlich verpfuscht. Seine früheren Nachbarn hatten einige Mühe, die Eigenschaften, die ihm die Times zuschrieb («arrogant», «selbstherrlich», «moralisch korrumpiert»), mit dem großherzigen, freundlichen, rotgesichtigen 3M-Angestellten in Einklang zu bringen, den sie noch auf der Summit Avenue bei Februarschnee in die Pedale seines Pendlerfahrrads treten sahen; es schien merkwürdig, dass Walter, der doch grüner war als Greenpeace und selbst vom Land kam, nun in Schwierigkeiten stecken sollte, weil er gemeinsame Sache mit der Kohleindustrie gemacht und Landbewohner schlecht behandelt hatte. Andererseits, irgendetwas hatte mit den Berglunds ja schon immer nicht ganz gestimmt.

Walter und Patty waren die jungen Pioniere von Ramsey Hill gewesen – die ersten College-Absolventen, die sich ein Haus an der Barrier Street kauften, nachdem der alte Stadtkern von St. Paul drei Jahrzehnte zuvor auf den Hund gekommen war. Sie zahlten so gut wie nichts für die viktorianische Villa und schufteten sich dann zehn Jahre lang tot, um sie zu renovieren. Gleich am Anfang steckte irgendein sehr zielstrebiger Mensch ihre Garage in Brand und brach zweimal ihren Wagen auf, bevor sie es geschafft hatten, die Garage wieder aufzubauen. Das freie Grundstück gegenüber wurde regelmäßig von sonnenverbrannten Bikern heimgesucht, die dort Schlitz tranken, Knackwurst grillten und in den frühen Morgenstunden die Motoren aufheulen ließen, bis Patty im Jogginganzug vor die Tür trat und sagte: «Also ehrlich, Leute, wisst ihr was?» Patty machte niemandem Angst, aber sie war in der Highschool und auf dem College eine Ausnahmeathletin gewesen und so unerschrocken, wie es nur Sportler sind. Sie konnte gar nichts dagegen tun, dass sie in der Nachbarschaft vom ersten Tag an auffiel. Wenn diese große, aberwitzig junge Frau mit dem Pferdeschwanz ihren Buggy an Autowracks, zerbrochenen Bierflaschen und bekotztem Altschnee vorbeischob, hätte man meinen mögen, sie trüge jede einzelne Stunde ihres Tages in den am Buggy hängenden Einkaufsnetzen mit sich herum. Hinter ihr sah man die von Kleinkindern behinderten Vorbereitungen für einen Vormittag von Kleinkindern behinderter Besorgungen liegen; vor ihr einen Nachmittag mit öffentlichem Rundfunk, Silver Palate-Vollwertkochbuch, Stoffwindeln, Gipsmischung und Latexfarbe; dann Goodnight Moon und schließlich Zinfandel. Sie war schon ganz das, was sich für den Rest der Straße gerade erst anzubahnen begann.

In den allerersten Jahren, als man noch ohne schlechtes Gewissen einen Volvo 240 fahren konnte, bestand die kollektive Aufgabe in Ramsey Hill im Erlernen gewisser Lebenstechniken, die zu verlernen für die eigenen Eltern Grund genug gewesen war, in die Vororte zu fliehen: etwa wie man die örtliche Polizei dafür interessierte, tatsächlich ihre Arbeit zu tun, wie man sein Fahrrad vor einem hochmotivierten Dieb schützte, wann der Zeitpunkt gekommen war, einen Betrunkenen von den Terrassenmöbeln zu vertreiben, wie man Wildkatzen dazu brachte, ihre Haufen in den Sandkasten anderer Leute Kinder zu setzen, und woran man feststellte, ob eine staatliche Schule so schlecht war, dass es gar nicht erst den Versuch lohnte, sich für sie zu engagieren. Es gab auch aktuellere Fragen, etwa die, was von Stoffwindeln zu halten war. Der Mühe wert? Und stimmte es, dass man Milch immer noch in Glasflaschen geliefert bekommen konnte? Waren die Pfadfinder politisch akzeptabel? Gehörte Bulgur wirklich auf die Speisekarte? Wohin mit alten Batterien? Was tun, wenn eine mittellose Frau anderer ethnischer Herkunft einen beschuldigte, man mache ihr Wohnviertel kaputt? War es wahr, dass die Glasur von altem Fiesta-Porzellan gefährliche Mengen Blei enthielt? Wie raffiniert musste ein Küchenwasserfilter eigentlich sein? Wechselten auch andere 240er manchmal nicht in den fünften Gang, obwohl man den Overdrive-Schalter betätigt hatte? Sollte man Bettlern Essen geben oder besser gar nichts? War es möglich, beispiellos selbstbewusste, glückliche, hochintelligente Kinder großzuziehen, wenn man ganztags arbeitete? Durfte man die Bohnen für den Morgenkaffee schon am Abend vorher mahlen, oder musste das unmittelbar vor dem Frühstück geschehen? Hatte in der Geschichte St. Pauls schon mal irgendjemand gute Erfahrungen mit einem Dachdecker gemacht? Wie sah es mit einem sachkundigen Volvo-Mechaniker aus? Hatten auch andere 240er das Problem mit dem klemmenden Handbremsseil? Und dieser rätselhaft gekennzeichnete Schalter am Armaturenbrett, der so ein wohliges schwedisches Klicken erzeugte, aber mit nichts verbunden zu sein schien: Wozu diente der?

Patty Berglund war für alle Fragen ein reicher Quell, ein sonniger Überträger von soziokulturellem Pollen, eine freundliche Biene. Sie war eine der wenigen nicht-berufstätigen Mütter in Ramsey Hill und notorisch abgeneigt, gut von sich selbst oder schlecht von anderen zu sprechen. Sie sagte, sie gehe davon aus, eines Tages von einem der Schiebefenster «geköpft» zu werden, deren Gewichtsschnüre sie selber ausgewechselt habe. Ihre Kinder würden «wahrscheinlich» an Trichinose sterben, weil sie Schweinefleisch nicht immer lange genug brate. Sie fragte sich, ob ihre «Abhängigkeit» von Abbeizmitteldämpfen wohl damit in Zusammenhang stehe, dass sie «überhaupt keine» Bücher mehr lese. Sie gestand, seit dem, was beim «letzten Mal» passiert sei, habe Walter ihr «strikt verboten», seine Blumen zu düngen. Es gab Leute, bei denen diese Art der Selbstherabsetzung nicht gut ankam – die etwas Gönnerhaftes darin sahen, als versuchte Patty die Gefühle weniger vollkommener Hausfrauen allzu offensichtlich zu schonen, indem sie ihre eigenen kleinen Unzulänglichkeiten überzeichnete. Die meisten aber hielten ihre Bescheidenheit für echt oder fanden sie zumindest amüsant, und ohnehin war es schwierig, einer Frau zu widerstehen, die von allen Kindern so sehr gemocht wurde und sich nicht nur deren Geburtstage, sondern auch die der Erwachsenen merkte und mit einem Teller Kekse, einer Glückwunschkarte oder ein paar Maiglöckchen an der Terrassentür erschien, nicht ohne zu beteuern, die kleine Vase aus dem Gebrauchtwarenladen, in der die Maiglöckchen steckten, brauche man ihr nicht zurückzugeben.

Jeder wusste, dass Patty an der Ostküste, in einem Vorort von New York, aufgewachsen war und eines der ersten Vollstipendien für Frauen bekommen hatte, um an der University of Minnesota Basketball zu spielen, wo sie es, das ging aus einer Urkundentafel an der Wand von Walters Arbeitszimmer hervor, in ihrem zweiten Studienjahr in das virtuelle Team der zweitbesten Spielerinnen ganz Amerikas geschafft hatte. Merkwürdigerweise hatte Patty, der Familienmensch, keinerlei erkennbare Verbindung zu ihren Wurzeln. Ganze Jahreszeiten verstrichen, ohne dass sie einen Fuß aus St. Paul herausgesetzt hätte, und Besuch von der Ostküste schien sie auch noch nie empfangen zu haben, nicht einmal von ihren Eltern. Wenn man sie geradeheraus nach den Eltern fragte, antwortete sie, die beiden täten sehr vielen Menschen sehr viel Gutes, ihr Vater habe eine Anwaltskanzlei in White Plains, und ihre Mutter sei Politikerin, genau, Abgeordnete in der Parlamentskammer des Staates New York. Dann nickte sie mit großem Nachdruck und sagte: «Ja, genau, so ist das», als wäre das Thema damit erschöpft.

Man konnte sich einen Jux aus dem Versuch machen, Patty dazu zu bewegen, dass sie einem beipflichtete, wenn man jemandes Benehmen als «schlecht» bezeichnete. Als sie hörte, dass Seth und Merrie Paulsen eine große Halloween-Party für ihre Zwillinge gaben und ganz bewusst alle Kinder aus der Nachbarschaft außer Connie Monaghan dazu eingeladen hatten, sagte sie nur, das sei ja «seltsam». Die Paulsens, die sie kurze Zeit später auf der Straße traf, erklärten ihr, sie hätten den ganzen Sommer lang vergeblich versucht, Connie Monaghans Mutter Carol davon abzubringen, Zigarettenkippen aus ihrem Schlafzimmerfenster in das kleine Planschbecken der Zwillinge zu schnippen. «Wirklich seltsam», sagte Patty kopfschüttelnd, «aber dafür kann Connie doch nichts.» Die Paulsens allerdings waren nicht bereit, sich mit «seltsam» zufriedenzugeben. Sie wollten soziopathisch, sie wollten passiv-aggressiv, sie wollten schlecht. Es war unabdingbar für sie, dass Patty wenigstens eines dieser Attribute wählte und es in Übereinstimmung mit ihnen auf Carol Monaghan anwendete, aber Patty war außerstande, über «seltsam» hinauszugehen, und so blieben die Paulsens ihrerseits bei ihrer Weigerung, Connie auf die Einladungsliste zu setzen. Immerhin ärgerte sich Patty über diese Ungerechtigkeit so sehr, dass sie mit ihren Kindern plus Connie und einer Schulfreundin am Nachmittag der Party auf einer Kürbisfarm eine Heuwagenspukfahrt machte, aber im Beisein anderer sagte sie über die Paulsens schlimmstenfalls, eine solche Gemeinheit gegenüber einer Siebenjährigen sei doch seltsam.

Carol Monaghan war die einzige andere Mutter in der Barrier Street, die schon genauso lange dort wohnte wie Patty. Als ehemalige Sekretärin eines hohen Beamten im Hennepin County war sie, wenn man so will, mittels eines Protektions-Austauschprogramms in Ramsey Hill gelandet, nachdem besagter Beamte sie geschwängert hatte. Die Mutter seines unehelichen Kindes auf der Gehaltsliste des eigenen Büros stehen zu lassen: Spätestens gegen Ende der siebziger Jahre gab es in der Twin-Cities-Region nicht mehr allzu viele Gerichtsstände, in denen sich das mit kluger Politik vereinbaren ließ. Carol wurde zu einer der unkonzentrierten, Pausen machenden Angestellten der Stadtverwaltung, und im Gegenzug bekam jemand aus St. Paul, der ähnlich gute Beziehungen unterhielt, eine Stelle auf der anderen Seite des Flusses. Das Haus zur Miete in der Barrier Street, gleich neben den Berglunds, war vermutlich Teil der Abmachung gewesen; sonst war schwer zu verstehen, warum Carol eingewilligt haben sollte, in einer Gegend zu wohnen, die damals praktisch noch ein Elendsviertel war. Im Sommer fuhr einmal die Woche bei Abenddämmerung, in einem Allradfahrzeug ohne Kennzeichen, ein vor sich hin stierender Jugendlicher in der Montur des städtischen Grünanlagenamts bei ihr vor und schob einen Rasenmäher durch ihren Garten, und im Winter sah man denselben Jugendlichen mit einer Schneefräse vor ihrem Haus den Gehweg räumen.

Gegen Ende der achtziger Jahre war Carol die Einzige im ganzen Viertel, die zu dessen Verbürgerlichung nichts beitrug. Sie rauchte Parliaments, bleichte sich die Haare, machte aus ihren Nägeln grelle Krallen, gab ihrer Tochter heftigst verarbeitete Lebensmittel zu essen und war jeden Donnerstagabend sehr lange aus («Moms freier Abend», erklärte sie, als hätten alle Mütter einen), verschaffte sich dann mit einem ihr von den Berglunds ausgehändigten Schlüssel Zutritt zu deren Haus und holte die schlafende Connie ab, die Patty unter mehreren Decken auf ein Sofa gebettet hatte. Mit unnachgiebiger Großmut hatte Patty immer wieder angeboten, sich um Connie zu kümmern, wenn Carol arbeitete oder einkaufen war oder sich ihren Donnerstagabenddingen widmete, und Carol verließ sich mittlerweile sehr auf diese unzähligen kostenlosen Babysitterdienste. Es konnte Pattys Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, dass Carol ihr diese Großmut vergalt, indem sie ihre eigene Tochter Jessica ignorierte und übertrieben für ihren Sohn Joey schwärmte («Kriege ich noch ein Küsschen von meinem Herzensbrecher?») und bei Nachbarschaftstreffen, in ihren hauchdünnen Blusen und auf Cocktailkellnerinnenabsätzen, sehr dicht neben Walter stand, dessen Geschicklichkeit beim Eigenheimausbau lobte und über alles, was er sagte, vor Lachen schrie; jahrelang jedoch sagte Patty über Carol schlimmstenfalls, alleinerziehende Mütter hätten es eben schwer, und wenn Carol sich ihr gegenüber manchmal seltsam benehme, dann geschehe das vermutlich nur aus verletztem Stolz.

Für Seth Paulsen, der öfter von Patty redete, als es seiner Frau lieb war, gehörten die Berglunds zu jener Sorte hyperschuldbewusster Liberaler, die allen anderen verzeihen mussten, damit ihnen ihr eigenes Glück verziehen werden konnte; denen der Mut fehlte, zu ihrem privilegierten Leben auch zu stehen. Seths Theorie hatte allerdings einen Haken, denn die Berglunds waren gar nicht so privilegiert; soweit man wusste, war ihr einziger Vermögenswert das Haus, das sie eigenhändig restauriert hatten. Ein weiterer Haken, wie Merrie Paulsen betonte, war der, dass Patty nicht sonderlich progressiv, jedenfalls beileibe keine Feministin war (sie, die mit ihrem Geburtstagskalender zu Hause hockte und diese vermaledeiten Geburtstagskekse buk) und gegen Politik überhaupt allergisch schien. Wer sie auf eine Wahl oder einen Kandidaten ansprach, konnte erleben, wie sie sich vergebens bemühte, so froh und unbekümmert wie sonst zu sein – konnte erleben, wie sie hektisch wurde und in zu häufiges Nicken und Jajasagen verfiel. Merrie, zehn Jahre älter als Patty, und jedes einzelne davon sah man ihr an, hatte sich früher für die linke Studentenorganisation SDS in Madison engagiert und engagierte sich jetzt sehr in Sachen Beaujolais nouveau. Als Seth bei einem Abendessen Patty zum dritten oder vierten Mal erwähnte, wurde Merrie nouveau rouge im Gesicht und erklärte, Patty Berglunds vermeintlicher Nachbarschaftlichkeit liege null weitergehendes Bewusstsein, null Solidarität, null politische Substanz, null belastbare Struktur, null wahrer Gemeinschaftssinn zugrunde, das sei vielmehr alles bloß rückwärtsgewandter Hausfrauenquatsch, und sie, Merrie, glaube, wer je an der ach so netten Oberfläche kratzen würde, wäre womöglich überrascht, wie viel Härte, Egoismus, Konkurrenzdenken und Reaganismus darunter zum Vorschein kämen; es sei doch glasklar, dass für Patty einzig und allein ihre Kinder und ihr Eigenheim zählten – nicht ihre Nachbarn, nicht die Armen, nicht ihr Land, nicht ihre Eltern, ja noch nicht einmal ihr Mann.

Außerdem war Patty unbestreitbar in ihren Sohn vernarrt. Obwohl Jessica ihren Eltern viel offensichtlicher Freude machte – sie verschlang Bücher, liebte Tiere und Pflanzen, spielte sehr gut Flöte, ließ sich auf dem Fußballplatz nicht unterkriegen, war eine begehrte Babysitterin und nicht hübsch genug, um moralisch dadurch deformiert zu sein, sogar von Merrie Paulsen wurde sie bewundert –, war Joey das Kind, über das sich Patty immerzu verbreiten musste. In ihrer kicherigen, vertrauensseligen, sich selbst herabsetzenden Art spuckte sie tonnenweise ungefilterte Details über ihre und Walters Schwierigkeiten mit ihm aus. Die meisten ihrer Geschichten kamen als Klagen daher, und dennoch bezweifelte niemand, dass sie den Jungen vergötterte. Sie war wie eine Frau, die sich über ihren ganz wunderbaren Dreckskerl von Freund beklagt. Als wäre sie stolz darauf, dass er auf ihrem Herzen herumtrampelte: als wäre ihre Bereitschaft, sich von ihm auf dem Herzen herumtrampeln zu lassen, das Wichtigste, ja vielleicht das Einzige, was die Welt von ihr wissen sollte.

«Er ist ein richtiges kleines Aas», sagte sie zu den anderen Müttern während des langen Winters der Zubettgehkriege, als Joey das Recht für sich in Anspruch nahm, so lange wach zu bleiben wie Patty und Walter.

«Hat er Wutausbrüche? Weint er?», fragten die anderen Mütter.

«Ist das euer Ernst?», sagte Patty. «Schön wär’s, wenn er weinen würde! Weinen wäre ja normal, und es würde auch irgendwann wieder aufhören.»

«Was macht er denn dann?», fragten die Mütter.

«Er zweifelt die Grundlage unserer Autorität an. Wir lassen ihn in seinem Zimmer das Licht ausmachen, aber sein Standpunkt ist, dass er erst dann ins Bett gehen muss, wenn wir bei uns das Licht ausmachen, weil er kein bisschen anders ist als wir. Und ich schwöre bei Gott, man kann die Uhr danach stellen, alle fünfzehn Minuten – ich schwör’s euch, er liegt da und starrt auf seinen Wecker –, alle fünfzehn Minuten ruft er: ‹Bin noch wach! Ich bin noch wach!› Und zwar in so einem verächtlichen oder sarkastischen Ton, ganz seltsam. Und ich flehe Walter an, den Köder diesmal nicht zu schlucken, aber nein, schon ist es wieder Viertel vor zwölf, und Walter steht in Joeys dunklem Zimmer, und sie streiten sich zum hundertsten Mal über den Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern und darüber, ob eine Familie eher eine Demokratie oder eine wohlwollende Diktatur ist, und am Ende bin ich diejenige, die die Nerven verliert, versteht ihr – bin ich es, die im Bett liegt und ‹Aufhören, aufhören› jammert.»

Merrie Paulsen konnte Pattys Geschichten nichts abgewinnen. Eines späten Abends, als sie nach einem Essen, das Seth und sie gegeben hatten, das Geschirr in die Spülmaschine räumte, sagte sie zu ihm, es sei doch kaum verwunderlich, dass Joey Schwierigkeiten habe, zwischen Kindern und Erwachsenen zu unterscheiden – schließlich scheine seine Mutter ja selbst nicht genau zu wissen, auf welche Seite sie gehöre. Sei ihm nicht auch aufgefallen, dass in Pattys Erzählungen immer Walter die Erziehungsmaßnahmen ergreife, als wäre sie selber eine belanglose Randfigur, die bloß süß zu sein habe?

«Ich frage mich, ob sie Walter eigentlich liebt oder nicht», sinnierte Seth hoffnungsfroh, während er eine letzte Flasche entkorkte. «Körperlich, meine ich.»

«Der Subtext lautet doch immer: ‹Mein Sohn ist außergewöhnlich›», sagte Merrie. «Andauernd beklagt sie sich darüber, was für eine enorm lange Aufmerksamkeitsspanne er hat.»

«Also, um fair zu sein, das passt doch gut zu seiner Sturheit», sagte Seth. «Zu der unendlichen Geduld, mit der er sich gegen Walter auflehnt.»

«Jedes Wort, das sie über ihn sagt, ist eine Art indirekte Angeberei.»

«Gibst du etwa nie an?», stichelte Seth.

«Wahrscheinlich schon», sagte Merrie, «aber wenigstens habe ich ein minimales Gespür dafür, wie sich das für andere Menschen anhört. Und mein Selbstwertgefühl hängt nicht davon ab, wie außergewöhnlich unsere Kinder sind.»

«Du bist eben die perfekte Mutter», stichelte Seth.

«Nein, das ist wohl Patty», sagte Merrie und ließ sich noch Wein nachschenken. «Ich bin lediglich sehr gut.»

Joey, klagte Patty, fliege alles nur so zu. Er war goldblond und hübsch und schien die Lösungen sämtlicher Aufgaben, die eine Schule ihm stellen konnte, von Natur aus zu kennen, so als wären ihm Multiple-Choice-Kombinationen aus As, Bs, Cs und Ds in die DNA eingeschrieben. Mit Nachbarn, die fünfmal so alt waren wie er, ging er verblüffend unbefangen um. Wenn er von der Schule oder seinem Wölflingsrudel zum Haustürverkauf von Schokoriegeln oder Lotterielosen verdonnert worden war, erzählte er freiheraus, auf was für «Gaunermethoden» er dabei zurückgriff. Er perfektionierte ein äußerst unangenehmes Lächeln der Herausforderung, wenn er bei anderen Jungen Spielsachen oder Spiele entdeckte, die Patty und Walter ihm nicht zu kaufen bereit waren. Um dieses Lächeln auszulöschen, bestanden seine Freunde darauf, ihren Besitz mit ihm zu teilen, und so wurde er zu einem Eins-a-Videospieler, obwohl seine Eltern Videospiele ablehnten, und entwickelte eine umfassende Vertrautheit mit eben jener Rockmusik, vor der sie seine präadoleszenten Ohren so unbedingt bewahren wollten. Er war nicht älter als elf oder zwölf, als er, so Patty, seinen Vater am Abendbrottisch, aus Versehen oder mit Absicht, «Bruder» nannte.

«O-ho, kam das bei Walter nicht gut an», sagte sie zu den anderen Müttern.

«So reden die Teenager heute alle miteinander», sagten die Mütter. «Das hat was mit Rap zu tun.»

«Ja, genau das hat Joey auch gesagt», erzählte Patty weiter. «Er hat gesagt, es sei nur ein Wort und nicht mal ein schlimmes. Und natürlich war Walter anderer Meinung. Und ich sitze da und denke: ‹Wal-ter, Wal-ter, lass-dich-nicht-drauf-ein, Dis-kus-sion zweck-los›, aber nein, er muss ihm erklären, warum man zum Beispiel zu einem erwachsenen Mann, vor allem zu einem Schwarzen, nicht ‹Junge› sagen darf, obwohl das auch kein schlimmes Wort ist, aber Joey weigert sich ja gerade, irgendeinen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen anzuerkennen, das ist doch das Problem, und so endet es damit, dass Walter sagt, Joey bekomme keinen Nachtisch, woraufhin Joey behauptet, er wolle sowieso keinen, er möge Nachtisch gar nicht besonders, und ich sitze da und denke ‹Wal-ter, Wal-ter, lass-dich-nicht-drauf-ein›, aber Walter kann nicht anders – er muss Joey beweisen, dass er Nachtisch in Wirklichkeit liebt, aber Joey akzeptiert keinen von Walters Beweisen. Er behauptet, was natürlich eine absolut schamlose Lüge ist, dass er sich sonst nur deshalb vom Nachtisch nachgenommen hat, weil das so Sitte sei, und nicht, weil es ihm etwa gut geschmeckt habe, und der arme Walter, der es nicht erträgt, angelogen zu werden, sagt: ‹Na schön, wenn du keinen Nachtisch magst, wie wär’s denn dann mit einem ganzen Monat ohne?›, und ich denke: ‹Oh, Wal-ter, Wal-ter, das-kann-nicht-gut-aus-ge-hen›, denn Joeys Antwort lautet: ‹Ich komme auch ein Jahr lang ohne Nachtisch aus, ich esse nie wieder Nachtisch, höchstens aus Höflichkeit, wenn ich irgendwo eingeladen bin›, was komischerweise eine glaubhafte Drohung ist – mit seinem Dickkopf könnte er das wahrscheinlich sogar durchhalten. Also sage ich: ‹Jungs, mal halblang, Nachtisch ist ein wichtiger Ernährungsbestandteil, jetzt lasst uns mal schön auf dem Teppich bleiben›, wodurch im Handumdrehen Walters Autorität untergraben ist, und da es in der ganzen Auseinandersetzung letztlich um nichts anderes als seine Autorität ging, kriege ich es hin, alles, was er vielleicht an Positivem erreicht hat, wieder zunichtezumachen.»

Der andere Mensch, der Joey über die Maßen liebte, war das Monaghan-Mädchen, Connie. Sie war eine ernste und schweigsame kleine Person, die einen irritierend ungerührt ansehen konnte, so als hätte man nichts mit ihr gemeinsam. Sie gehörte zum festen nachmittäglichen Inventar von Pattys Küche, wo sie hart daran arbeitete, Keksteig zu geometrisch vollkommenen Kugeln zu formen, bis die Butter flüssig wurde und den Teig dunkel glänzen ließ. In der Zeit, die sie für eine Kugel brauchte, formte Patty elf, und wenn sie alle aus dem Ofen kamen, versäumte Patty es nie, Connie zu fragen, ob sie den einen «wirklich perfekt gelungenen» (kleineren, flacheren, härteren) Keks essen dürfe. Jessica, die ein Jahr älter war als Connie, schien nichts dagegen zu haben, die Küche dem Nachbarsmädchen zu überlassen, während sie Bücher las oder sich mit ihren Terrarien beschäftigte. Für einen so vielseitigen Menschen wie sie stellte Connie keine Bedrohung dar. Connie wusste nichts von Ganzheit – hatte nur Tiefe, keine Breite. Wenn sie Bilder ausmalte, verlor sie sich darin, eine oder zwei Flächen mit einem einzigen Filzstift zu tränken, ließ den Rest weiß und überhörte Pattys Ermunterungen, doch auch einmal andere Farben auszuprobieren.

Connies ausgeprägte Fixierung auf Joey war für jede Mutter aus dem Viertel schon früh offensichtlich, außer für Patty, so schien es, was vielleicht daran lag, dass sie selbst so auf ihn fixiert war. In Linwood Park, wo Patty manchmal Sportveranstaltungen für die Kinder organisierte, saß Connie allein auf dem Rasen, flocht Kleeblumenkränze für niemanden und ließ die Minuten an sich vorüberrinnen, bis Joey zum Baseballabschlag ging oder mit dem Fußball über das Feld dribbelte und ihr Interesse einen Moment lang auf sich zog. Sie hatte etwas von einer Phantasiefreundin an sich, die eben sichtbar war. Dank seiner frühreifen Selbstbeherrschung hatte Joey es selten nötig, vor seinen Freunden gemein zu ihr zu sein, und sobald sich abzeichnete, dass die Jungs einfach mal unter sich sein wollten, war Connie wiederum klug genug, das Feld zu räumen und sich ohne Vorwurf oder Theater in Luft aufzulösen. Es gab ja immer noch den nächsten Tag. Lange Zeit hatte es außerdem immer noch Patty gegeben, auf Knien in ihren Gemüsebeeten oder im bekleckerten Wollhemd auf der Leiter, wo sie sich der Sisyphosarbeit widmete, den viktorianischen Anstrich in Schuss zu halten. Wenn Connie nicht bei Joey sein konnte, wollte sie ihm wenigstens nützlich sein, indem sie seiner Mutter Gesellschaft leistete, solange er nicht da war. «Wie sieht’s mit deinen Hausaufgaben aus?», fragte Patty dann von der Leiter herab. «Brauchst du Hilfe?»

«Meine Mutter hilft mir, wenn sie nach Hause kommt.»

«Sie wird müde sein, so spät, wie es dann ist. Du könntest sie überraschen und dich jetzt gleich dransetzen. Willst du das nicht machen?»

«Nein, ich warte lieber.»

Wann genau Connie und Joey zu vögeln anfingen, war nicht bekannt. Seth Paulsen behauptete gern – ohne jeden Beweis, nur um die Leute aus der Fassung zu bringen –, Joey sei elf gewesen und Connie zwölf. Seine Vermutung gründete auf den Rückzugsmöglichkeiten, die das Baumhaus bot, das Joey sich mit Walters Hilfe in einem alten Holzapfelbaum auf dem freien Grundstück gebaut hatte. Als Joeys achtes Schuljahr vorbei war, fiel in den Antworten der Nachbarsjungen auf die bemüht beiläufigen elterlichen Fragen nach dem Sexualverhalten ihrer Schulfreunde immer häufiger sein Name, und später sah es so aus, als habe Jessica gegen Ende desselben Sommers etwas gemerkt – ohne zu sagen, warum, begegnete sie sowohl Connie wie ihrem Bruder plötzlich mit schneidender Verachtung. Aber niemand sah die beiden tatsächlich je zu zweit, bis sie im darauffolgenden Winter anfingen, gemeinsame Geschäfte zu machen.

Nach Pattys Auffassung hatte Joey aus seinen ständigen Streitereien mit Walter die Lehre gezogen, dass Kinder Eltern deshalb gehorchen müssten, weil Eltern im Besitz des Geldes seien. Daraus wurde ein weiteres Beispiel für seine Außergewöhnlichkeit: Während die anderen Mütter das Anspruchsdenken beklagten, mit dem ihre Kinder Geld einforderten, karikierte Patty lachend den Verdruss, den es Joey bereitete, Walter um finanzielle Unterstützung zu bitten. Die Nachbarn, die ihm manchmal Jobs gaben, kannten ihn als erstaunlich eifrigen Schneeschaufler oder Laubharker, aber Patty sagte, er ärgere sich insgeheim über die schlechte Bezahlung und finde, die Einfahrt eines Erwachsenen frei zu schaufeln bringe ihn diesem Erwachsenen gegenüber in eine missliche Position. Die lächerlichen Ideen zum Geldverdienen, die in Pfadfindermagazinen vorgeschlagen wurden – Zeitschriftenabonnements an der Haustür verkaufen, Zaubertricks erlernen und dann für die Darbietungen Eintritt nehmen, sich mit Taxidermie-Utensilien ausrüsten und die preisgekrönten Glasaugenbarsche der Nachbarn ausstopfen –, rochen allesamt entweder nach Vasallentum («Ich bin der Taxidermist der herrschenden Klasse») oder, schlimmer noch, nach Wohltätigkeit. Und so zog es ihn in seinem Bestreben, sich von Walter zu befreien, unweigerlich zum Unternehmertum.

Irgendjemand, vielleicht sogar Carol Monaghan selbst, zahlte die Gebühren für Connies kleine katholische Privatschule, St. Catherine’s, auf der die Mädchen Uniformen trugen und außer einem Ring («schlicht, nur Metall»), einer Armbanduhr («schlicht, keine Steine») und zwei Ohrringen («schlicht, nur Metall, höchstens ein Zentimeter im Durchmesser») kein Schmuck erlaubt war. Da traf es sich gut, dass eine der umschwärmten Neuntklässlerinnen aus Joeys Schule, der Central High, von einem Familienausflug nach New York mit einer in der großen Pause weithin bewunderten billigen Uhr zurückgekommen war, in deren gelbes Armband, das aussah, als ob man es kauen könnte, ein Canal-Street-Händler im Thermoverfahren kleine bonbonrosa Plastikbuchstaben eingeprägt hatte, die eine Pearl-Jam-Songtextzeile ergaben, DON’T CALL ME DAUGHTER, so hatte das Mädchen es gewünscht. Wie Joey in seinen Bewerbungsessays fürs College später selbst berichten sollte, hatte er sofort die Initiative ergriffen und die Großhandelsquelle dieser Uhr sowie den Preis eines Thermodruckers ausfindig gemacht. Er steckte vierhundert Dollar von seinen eigenen Ersparnissen in die Ausrüstung und stellte ein Musterplastikarmband für Connie her (READY FOR THE PUSH stand darauf), damit sie es in ihrer Schule herumzeigen konnte, und dann verkaufte er, mit Connie als Kurier, individuell gestaltete Armbanduhren zu dreißig Dollar das Stück an nicht weniger als ein Viertel ihrer Mitschülerinnen, bevor die Nonnen es spitzkriegten und die Kleidervorschriften um das Verbot von Uhrenarmbändern mit eingeprägtem Text ergänzten. Was Joey natürlich – erzählte Patty den anderen Müttern – für einen Skandal hielt.

«Es ist kein Skandal», sagte Walter zu ihm. «Du hast von einer künstlichen Handelsbeschränkung profitiert. Ich kann mich nicht erinnern, dass du dich über die Regeln beklagt hättest, solange sie für dich von Vorteil waren.»

«Ich habe Geld investiert. Ich bin ein Risiko eingegangen.»

«Du hast ein Schlupfloch ausgenutzt, und das haben sie jetzt gestopft. Hättest du das nicht vorhersehen können?»

«Na ja, warum hast du mich nicht gewarnt?»

«Das habe ich doch.»

«Du hast bloß gesagt, ich könnte Geld verlieren.»

«Na bitte, und das ist noch nicht einmal passiert. Du hast nur nicht so viel verdient, wie du gehofft hattest.»

«Das Geld stand mir aber zu.»

«Joey, Geld zu verdienen ist kein Recht. Du verkaufst irgendwelchen Schrott, den diese Mädchen gar nicht brauchen und manche sich wahrscheinlich nicht mal leisten können. Das ist genau der Grund, warum es an Connies Schule Kleidervorschriften gibt – damit es für alle fair zugeht.»

«Genau – außer für mich.»

Aus der Art, wie Patty dieses Gespräch schilderte und sich über Joeys naive Empörung lustig machte, folgerte Merrie Paulsen, dass sie immer noch keinen Schimmer hatte, was ihr Sohn mit Connie Monaghan trieb. Um ganz sicherzugehen, bohrte sie ein bisschen nach. Was habe Connie wohl für ihren Einsatz bekommen? Ob sie auf Provisionsbasis gearbeitet habe?

«Oh, na klar, wir haben ihm gesagt, dass er ihr die Hälfte seiner Gewinne abgeben muss», antwortete Patty. «Aber das hätte er sowieso getan. Er war ihr gegenüber ja schon immer ganz fürsorglich, obwohl er jünger ist als sie.»

«Er ist also wie ein Bruder zu ihr ...»

«Nein, das eher nicht», scherzte Patty. «Viel netter. Du kannst ja Jessica mal fragen, wie es ist, seine Schwester zu sein.»

«Ha, genau, haha», sagte Merrie.

Seth berichtete sie ein paar Stunden später: «Es ist unglaublich, sie hat wirklich keine Ahnung.»

«Ich finde es falsch», sagte Seth, «sich an der Ahnungslosigkeit anderer Eltern zu weiden. Du forderst damit das Schicksal heraus, meinst du nicht?»

«Entschuldige, aber es ist einfach zu köstlich. Ich fürchte, du musst dir die Schadenfreude für mich mit verkneifen und so unser Schicksal in Schach halten.»

«Mir tut sie leid.»

«Also, mit Verlaub, ich finde es zum Schreien.»

Gegen Ende jenes Winters brach Walters Mutter in dem Damenbekleidungsgeschäft in Grand Rapids, wo sie arbeitete, infolge einer Lungenembolie ohnmächtig zusammen. In der Barrier Street kannte man Mrs. Berglund von ihren Besuchen an Weihnachten, den Geburtstagen der Kinder sowie ihrem eigenen Geburtstag, an dem Patty ihr jedes Jahr eine Massage bei einer ortsansässigen Krankengymnastin schenkte und sie mit Lakritze, Macadamianüssen und weißer Schokolade, ihren Lieblingssüßigkeiten, versorgte. Merrie Paulsen nannte sie nicht unfreundlich «Miss Bianca», nach der bebrillten Mäusedame in den Kinderbüchern von Margery Sharp. Mrs. Berglund hatte ein krepppapierenes, einstmals hübsches Gesicht und einen Tremor im Kiefer und in den Händen, von denen die eine durch Arthritis im Kindesalter arg verkümmert war. Nach lebenslanger harter Arbeit für seinen Suffkopf von Vater, mit dem sie das kleine Motel in der Nähe von Hibbing betrieben hatte, sei sie ausgezehrt, sagte Walter verbittert, ein körperliches Wrack, aber da sie entschlossen war, auch als Witwe unabhängig zu bleiben und sich ihre Eleganz zu bewahren, fuhr sie weiterhin mit ihrem alten Chevy Cavalier zu dem Bekleidungsgeschäft. Als Patty und Walter von ihrem Zusammenbruch hörten, eilten sie gen Norden und ließen Joey in der Obhut seiner ihn mit Verachtung strafenden großen Schwester zurück. Kurz nach dem Teenie-Fickfestival, das er daraufhin, in offener Auflehnung gegen Jessica, auf seinem Zimmer abhielt und das erst mit dem plötzlichen Tod und Begräbnis von Mrs. Berglund ein Ende fand, wurde Patty dann zu einer ganz anderen, einer sehr viel sarkastischeren Nachbarin.

«Ach, Connie, na ja», ging jetzt die Melodie, «so ein nettes Mädchen aber auch, so ein stilles, harmloses Mädchen mit einer so anständigen Mutter. Carol soll übrigens einen neuen Freund haben, einen richtigen Hengst von einem Mann, ungefähr halb so alt wie sie. Wäre es nicht schrecklich, wenn sie jetzt wegziehen würden, nach allem, was Carol getan hat, um uns das Leben zu verschönern? Und Connie, ja, die würde ich auch vermissen. Haha. So still und nett und dankbar.»

Patty sah furchtbar aus, fahl, übernächtigt, unterernährt. Sie hatte lange gebraucht, um so alt auszusehen, wie sie war, aber nun war Merrie Paulsens Warten darauf endlich belohnt worden.

«Jetzt dürfte sie’s kapiert haben», sagte sie zu Seth.

«Raub ihres Löwenjungen – das schlimmste Verbrechen», sagte Seth.

«Raub, ganz genau», sagte Merrie. «Das arme, vorbildliche Unschuldslamm Joey, geklaut von dem kleinen Intelligenzbolzen von nebenan.»

«Na ja, immerhin ist sie anderthalb Jahre älter als er.»

«Auf dem Papier.»

«Du kannst sagen, was du willst», sagte Seth, «aber Patty hat Walters Mutter wirklich geliebt. Bestimmt ist sie sehr traurig.»

«O ja, ich weiß, ich weiß. Seth, das weiß ich doch. Und jetzt kann ich sie auch aufrichtig bemitleiden.»

Nachbarn, die den Berglunds näherstanden als die Paulsens, berichteten, Miss Bianca habe ihr Mäusehäuschen an einem kleinen See unweit von Grand Rapids ausschließlich Walter vermacht und nicht seinen beiden Brüdern. Dem Vernehmen nach gab es zwischen Walter und Patty Unstimmigkeiten darüber, wie sie damit umgehen sollten: Walter wollte das Haus verkaufen und den Erlös mit seinen Brüdern teilen, und Patty vertrat die Meinung, er müsse den Wunsch seiner Mutter respektieren, ihn dafür zu belohnen, dass er der gute Sohn gewesen sei. Der jüngere Bruder war Berufssoldat und lebte in der Mojave-Wüste auf dem dortigen Luftwaffenstützpunkt, während der ältere sein Erwachsenenleben damit zugebracht hatte, das väterliche Programm maßlosen Trinkens weiterzuentwickeln, ihre Mutter finanziell auszubeuten und sie ansonsten zu vernachlässigen. Walter und Patty waren jeden Sommer für ein, zwei Wochen mit den Kindern zu seiner Mutter gefahren und hatten häufig noch eine oder zwei von Jessicas Freundinnen aus der Nachbarschaft mitgenommen, die hinterher berichtet hatten, es sei dort waldig und rustikal und an der Ungezieferfront nicht allzu schlimm. Vielleicht Patty zuliebe, der das maßlose Trinken inzwischen selbst nicht mehr ganz fremd zu sein schien – wenn sie morgens aus dem Haus kam, um die blau umwickelte New York Times und die grün umwickelte Star-Tribune vom Gehweg aufzusammeln, war ihr Teint ein einziger Chardonnay-Klecks –, hatte Walter sich schließlich bereit gefunden, das Haus als Feriendomizil zu behalten, und sobald die Schule im Juni aus war, fuhr Patty mit Joey dorthin, um Schubladen auszuräumen und das Haus zu putzen und zu streichen, während Jessica mit Walter in Ramsey Hill blieb und einen Zusatzkurs in Lyrik belegte.

Einige Nachbarn, darunter nicht die Paulsens, brachten in jenem Sommer ihre Söhne zu dem Haus am See. Sie trafen Patty in erheblich besserer Verfassung an. Unter vier Augen animierte einer der Väter Seth Paulsen dazu, sie sich braungebrannt und barfuß in einem schwarzen Badeanzug und Jeans ohne Gürtel vorzustellen, ein Bild, das Seth ausgesprochen gut gefiel. In größerer Runde äußerten alle, wie aufmerksam und bester Laune Joey war und wie reibungslos er und Patty miteinander auszukommen schienen. Sie spielten mit jedem Besucher ein kompliziertes Gesellschaftsspiel, das sie «Assoziationen» nannten. Bis spät in die Nacht saß Patty vor der Fernsehkonsole ihrer Schwiegermutter und erheiterte Joey mit ihrer Detailkenntnis immer wieder ausgestrahlter Sitcoms der sechziger und siebziger Jahre. Joey, der herausgefunden hatte, dass ihr See auf den Ortskarten nicht verzeichnet war – eigentlich war es ein großer Teich, an dem, mit ihrem, nur zwei Häuser standen –, hatte ihn namenlos getauft, und Patty sprach den Namen zärtlich, ja gefühlsselig aus, «unser Namenloser See». Als Seth Paulsen von einem der heimkehrenden Väter hörte, Joey schufte dort oben stundenlang – säubere die Regenrinnen, beschneide Büsche, spachtele Wandfarbe ab –, fragte er sich, ob Patty ihrem Sohn wohl ein solides Salär für seine Dienste zahlte, ob das vielleicht Teil der Abmachung war. Doch niemand wusste es zu sagen.

Was Connie betraf, so konnten die Paulsens auf der Monaghanseite ihres Hauses kaum aus dem Fenster schauen, ohne sie warten zu sehen. Sie war wirklich ein sehr geduldiges Mädchen, hatte den Stoffwechsel eines Fisches zur Winterzeit. Abends räumte sie im Restaurant W. A. Frost die Tische ab, aber unter der Woche saß sie den ganzen Nachmittag lang wartend auf dem Treppenabsatz vor dem Haus, während Eiswagen vorbeifuhren und die jüngeren Kinder spielten, und am Wochenende saß sie auf einem Terrassenstuhl im Garten, warf hin und wieder einen kurzen Blick auf die lauten, brachialen, planlosen Baumfäll- und Anbauaktivitäten, die Blake, der neue Freund ihrer Mutter, mit seinen nicht gewerkschaftlich organisierten Kumpels aus dem Baugewerbe entfaltete, aber hauptsächlich wartete sie bloß.

«Na, Connie, was gibt’s zurzeit Interessantes in deinem Leben?», fragte Seth sie vom Gartenweg aus.

«Abgesehen von Blake, meinen Sie?»

«Ja, abgesehen von Blake.»

Connie überlegte kurz, schüttelte dann den Kopf. «Nichts», sagte sie.

«Langweilst du dich?»

«Nicht wirklich.»

«Warst du mal im Kino? Liest du irgendwas?»

Connie fixierte Seth mit ihrem ungerührten Wir-haben-nichtsgemeinsam-Blick. «Ich habe Batman gesehen.»

«Und Joey? Ihr beide wart ja ziemlich dicke, du vermisst ihn doch sicher.»

«Der kommt schon wieder», sagte sie.

Nachdem der alte Zigarettenkippenkonflikt beigelegt worden war – Seth und Merrie räumten ein, es mit dem sommerlangen Zählen der Kippen im Planschbecken womöglich übertrieben, ja womöglich überreagiert zu haben –, hatten sie in Carol Monaghan eine reiche Informationsquelle zu allem Wissenswerten über die Lokalpolitik der Demokraten aufgetan, in der Merrie sich mehr und mehr engagierte. Ganz sachlich erzählte Carol haarsträubende Geschichten vom schmutzigen Parteiapparat, von versteckten Schmiergeldleitungen, manipulierten Ausschreibungen, durchlässigen Brandmauern und interessanter Rechenkunst und hatte an Merries Entsetzen ihren Spaß. Merrie lernte Carol als leibhaftiges Exempel eben jener städtischen Korruption schätzen, die sie doch bekämpfen wollte. Das Großartige an Carol war, dass sie sich nie zu ändern schien – sich immer noch jeden Donnerstagabend für wen auch immer aufbrezelte, Jahr für Jahr für Jahr, und die patriarchalischen Sitten in der Kommunalpolitik am Leben erhielt.

Und dann, eines Tages, änderte sie sich doch. So etwas kam in letzter Zeit häufiger vor. Der Bürgermeister der Stadt, Norm Coleman, war zum Republikaner mutiert, und ein früherer Profiringer nahm Kurs auf die Gouverneursvilla. In Carols Fall war der Katalysator ihr neuer Freund Blake, ein ziegenbärtiger junger Baggerführer, den sie an ihrem Schalter in der Stadtverwaltung kennengelernt hatte und für den sie ihr Erscheinungsbild dramatisch veränderte: keine aufwendige Frisur und Begleitservice-Kleidung mehr, dafür enge Hosen, ein einfacher Stufenschnitt und weniger Make-up. Eine Carol, wie sie noch nie jemand gesehen hatte, eine regelrecht glückliche Carol, sprang ausgelassen aus Blakes F-250er Pick-up – kurz dröhnte Hymnenrock die Straße rauf und runter – und knallte die Beifahrertür wieder zu. Schon bald blieb Blake über Nacht bei ihr, schlurfte im Vikings-Trikot herum, die Arbeitsstiefel ungeschnürt und eine Bierdose in der Hand, und binnen Kurzem ging er mit der Kettensäge auf jeden Baum im Garten los und jagte einen gemieteten Bagger über das Grundstück. Auf der Stoßstange seines Pick-ups stand ICH BIN WEISS UND GEHE WÄHLEN.

Die Paulsens, die selbst gerade eine lange Renovierungsphase hinter sich hatten, mochten sich über den Lärm und das Durcheinander nicht beschweren, und Walter, der Nachbar zur anderen Seite, war zu nett oder zu beschäftigt dafür, aber als Patty, nach den Monaten mit Joey am See, Ende August wieder nach Hause kam, drehte sie vor Empörung fast durch und lief mit wildem Blick straßauf, straßab von Tür zu Tür, um über Carol Monaghan herzuziehen. «Entschuldigt bitte», sagte sie, «was ist denn hier los? Kann mir mal jemand sagen, was hier los ist? Hat irgendwer den Bäumen den Krieg erklärt, ohne es mir mitzuteilen? Wer ist dieser Paul Bunyan mit dem Pick-up? Was geht da vor? Ist Carol nicht mehr bloß Mieterin? Darf man Bäume abholzen, wenn man bloß zur Miete wohnt? Seit wann kann man einfach die Rückwand eines Hauses einreißen, das einem gar nicht gehört? Hat sie das Haus vielleicht gekauft, ohne dass wir etwas davon mitgekriegt haben? Wie das denn, bitteschön? Sie kann ja noch nicht mal eine Glühbirne auswechseln, ohne meinen Mann anzurufen! ‹Tut mir leid, dass ich dich beim Abendessen störe, Walter, aber wenn ich den Lichtschalter da umlege, passiert nichts. Würde es dir was ausmachen, mal eben rüberzukommen? Und wenn du dann schon hier bist, könntest du mir doch auch gleich bei meiner Steuererklärung helfen, nicht, Walterschätzchen? Ich muss sie morgen abgeben, und meine Nägel sind noch nicht trocken.› Wie sollte diese Person denn wohl einen Kredit bekommen? Muss sie nicht erst ihre Victoria’s-Secret-Rechnungen bezahlen? Wieso darf sie überhaupt einen Freund haben? Gibt es da nicht irgend so einen fetten Typen drüben in Minneapolis? Sollte man dem fetten Typen nicht vielleicht mal ein Licht aufstecken?»

Erst als Patty die Tür der Paulsens erreicht hatte, weit unten auf ihrer Liste aufzusuchender Nachbarn, erhielt sie ein paar Antworten. Merrie erklärte ihr, Carol Monaghan miete das Haus inzwischen tatsächlich nicht mehr. Es sei eines von mehreren hundert, die das städtische Wohnungsamt in den Jahren der Verwahrlosung des Viertels in Besitz genommen habe und nun zu Schnäppchenpreisen zu verkaufen beginne.

«Wieso weiß ich davon nichts?»

«Du hast nie nachgefragt», sagte Merrie. Und konnte nicht widerstehen hinzuzufügen: «Politik hat dich ja offenbar nie besonders interessiert.»

«Und ihr meint, sie hat es billig bekommen.»

«Sehr billig. Kann eben nicht schaden, die richtigen Leute zu kennen.»

«Und wie findet ihr das?»

«Ich finde, es ist theoretisch genauso wie finanzpolitisch eine Sauerei», sagte Merrie. «Ein Grund, warum ich für Jim Scheibel arbeite.»

«Ihr wisst ja, ich habe dieses Viertel immer geliebt», sagte Patty. «Ich habe hier immer gern gewohnt, selbst am Anfang. Und plötzlich kommt mir alles so schmutzig und hässlich vor.»

«Nicht verzagen, Aufstand wagen», sagte Merrie und gab ihr ein paar Bücher zum Thema.

«Mit Walter würde ich im Augenblick nicht gern tauschen», sagte Seth, als Patty gegangen war.

«Das freut mich zu hören», sagte Merrie.

«Habe ich mich getäuscht, oder hast du da auch so einen Unterton ehelichen Unmuts rausgehört? Ich meine – Carol bei der Steuererklärung helfen, wusstest du das? Ziemlich interessant, finde ich, davon habe ich nie was mitbekommen. Und nun konnte er nicht mal ihren schönen Blick auf Carols Bäume retten.»

«Das Ganze hat so was reaganhaft Regressives», sagte Merrie. «Sie hat gedacht, sie könnte in ihrer kleinen Luftblase leben, sich ihre eigene kleine Welt erschaffen. Ihr eigenes kleines Puppenhaus.»

Der Anbau, der während der nächsten neun Monate Wochenende für Wochenende aus Carols Garten-Schlammloch emporwuchs, glich einem gigantischen Bootsschuppen, dessen mit Acryl verkleidete Außenwände von drei schlichten Fenstern durchbrochen waren. Carol und Blake bezeichneten den Anbau als «Mehrzweckraum», ein Konzept, das in Ramsey Hill bis dato keine Vorläufer hatte. Nach der Zigarettenkippenkontroverse hatten die Paulsens einen hohen Zaun gezogen und eine Reihe von Zierfichten gepflanzt, die inzwischen groß genug geworden waren, um Merrie und Seth von dem Anblick abzuschirmen. Nur die Berglund’schen Sichtachsen blieben unverstellt, und Patty war schon bald derart auf den von ihr so genannten «Hangar» fixiert, dass die anderen Nachbarn dem Gespräch mit ihr aus dem Weg gingen, was sie vorher nie getan hatten. Sie winkten ihr von der Straße aus zu und riefen einen Gruß, hüteten sich aber, stehenzubleiben und sich in eine Diskussion verwickeln zu lassen. Die berufstätigen Mütter waren sich einig, dass Patty zu viel Zeit hatte. Früher, im Umgang mit den kleinen Kindern, denen sie Sportunterricht gegeben und Haushaltsfertigkeiten beigebracht hatte, war sie phänomenal gewesen, aber jetzt waren fast alle Kinder in der Straße groß. Ganz gleich, womit Patty ihre Tage auszufüllen suchte, immer blieb sie in Sicht- oder Hörweite der Bautätigkeiten nebenan. Alle paar Stunden kam sie aus ihrem Haus, lief im Garten auf und ab und spähte zum Mehrzweckraum hinüber wie ein Tier, das in seinem Nest gestört worden ist, und manchmal ging sie am Abend hinüber und klopfte an die provisorische Sperrholztür.

«Hallo, Blake, wie geht’s, wie steht’s?»

«Danke, bestens.»

«Das hört man! Also ehrlich, weißt du was – die Skilsäge da ist für halb neun Uhr abends ziemlich laut. Was hältst du davon, für heute Schluss zu machen?»

«Nicht sehr viel, offen gesagt.»

«Und was ist, wenn ich dich darum bitten würde?»

«Keine Ahnung. Wie wär’s, wenn du mich meine Arbeit machen lässt?»

«Das würde mir überhaupt nicht passen, weil der Lärm uns nämlich enorm stört.»

«Tja, also, weißt du was? Pech.»

Patty gab ein lautes, unwillkürliches, wieherndes Lachen von sich. «Hahaha! Pech?»

«Ja. Also, hör mal zu, das mit dem Lärm tut mir leid. Aber Carol sagt, ihr habt bei der Renovierung eures Hauses ungefähr fünf Jahre lang Lärm gemacht.»

«Hahaha. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich je beklagt hätte.»

«Ihr habt getan, was ihr tun musstet. Jetzt tue ich, was ich tun muss.»

«Aber was du da tust, ist richtig hässlich. Tut mir leid, aber es sieht grauenhaft aus. Einfach – scheußlich und grauenhaft. Im Ernst. Anders kann man es nicht nennen. Aber darum geht’s hier gar nicht. Es geht um die Skilsäge.»

«Du stehst auf einem Privatgrundstück und solltest jetzt besser gehen.»

«Na schön, dann werde ich wohl die Polizei rufen.»

«Meinetwegen, nur zu.»

Danach konnte man sie, zitternd vor Wut, den Gartenweg auf und ab laufen sehen. Sie rief tatsächlich wiederholt die Polizei, und ein paarmal kamen die Beamten auch und knöpften sich Blake vor, aber bald waren sie es leid, von ihr zu hören, und tauchten erst im folgenden Februar wieder auf, als jemand die schönen neuen Winterreifen von Blakes F-250er zerstochen hatte, alle vier, und Blake und Carol die Beamten an ihre Nachbarin verwiesen, von der telefonisch so oft Beschwerden eingegangen waren. Das wiederum führte dazu, dass Patty erneut straßauf, straßab von Tür zu Tür ging und Schimpftiraden vom Stapel ließ. «Die offenkundige Verdachtsperson, ja? Die Mutter zweier halbwüchsiger Kinder von nebenan, ich, eine Schwerverbrecherin, ja? Ich, eine Verrückte! Er hat den größten, hässlichsten Wagen in der ganzen Straße, mit Aufklebern dran, die so ungefähr jeden beleidigen, der kein weißer Rassist ist, aber mein Gott, wie mysteriös, wer außer mir könnte ihm wohl die Reifen zerstochen haben wollen?»

Merrie Paulsen war davon überzeugt, dass der Reifenzerstecher Patty war.

«Ich kann mir das nicht vorstellen», sagte Seth. «Klar, offensichtlich leidet sie, aber sie ist doch keine Lügnerin.»

«Mag sein, aber ich habe sie auch nie ausdrücklich sagen hören, dass sie es nicht gewesen ist. Hoffentlich hat sie einen guten Therapeuten. Brauchen könnte sie’s. Das und einen Ganztagsjob.»

«Ich frage mich nur: Wo ist Walter?»

«Walter schuftet sich halb tot, um genug Geld zu verdienen, damit sie den ganzen Tag zu Hause hocken und die durchgedrehte Hausfrau spielen kann. Er ist für Jessica ein guter Vater und für Joey so etwas wie ein Realitätsprinzip. Ich würde sagen, er hat alle Hände voll zu tun.»

Walters augenfälligste Eigenschaft, von seiner Liebe zu Patty abgesehen, war seine Nettigkeit. Walter war einer dieser guten Zuhörer, die offenbar alle anderen Menschen interessanter und eindrucksvoller finden als sich selbst. Er hatte grotesk helle Haut, ein schwach ausgeprägtes Kinn und engelhaft gelocktes Haar, und er trug seit eh und je dieselbe Drahtbrille mit den runden Gläsern. Seine Laufbahn hatte er bei 3M als Anwalt in der Rechtsabteilung begonnen, war dort jedoch nicht sehr erfolgreich gewesen und daraufhin in den Unternehmensbereich Philanthropie und Wohltätigkeit abgeschoben worden, eine Sackgasse der Firma, in der Nettigkeit als Vorzug galt. In der Barrier Street verteilte er ständig tolle Freikarten für das G‍u‍t‍h‍r‍i‍e-Theater und das St. Paul Chamber Orchestra und erzählte den Nachbarn von seinen Begegnungen mit Lokalmatadoren wie Garrison Keillor und Kirby Puckett und einmal sogar Prince. Erst kürzlich hatte er überraschend bei 3M gekündigt und war Referent für Landnutzung bei der Naturschutzorganisation The Nature Conservancy geworden. Niemand außer den Paulsens hatte geahnt, dass er ein solches Maß an Unzufriedenheit hegte, aber Walter begeisterte sich für die Natur keinen Deut weniger als für die Kultur, und die einzige nach außen hin sichtbare Veränderung in seinem Leben war die, dass er an den Wochenenden nun viel seltener zu Hause war.

Das mag einer der Gründe gewesen sein, warum er sich nicht, wie man vielleicht hätte erwarten können, in Pattys Streit mit Carol Monaghan einmischte. Wenn man ihn geradeheraus fragte, was er davon hielt, kicherte er nervös. «Ich bin da eine Art unparteiischer Beobachter», sagte er. Und ein unparteiischer Beobachter blieb er den ganzen Frühling und Sommer von Joeys zweitem Collegejahr hindurch bis in den Herbst, als Jessica zum Studieren an die Ostküste ging und Joey aus seinem Elternhaus aus- und bei Carol, Blake und Connie einzog.

Der Umzug war ein erstaunlicher Akt der Rebellion und ein Dolchstoß in Pattys Herz – der Anfang vom Ende ihres Lebens in Ramsey Hill. Joey hatte den Juli und den August in Montana verbracht, um auf der Hochlandfarm eines von Walters wichtigsten Nature-Conservancy-Sponsoren zu arbeiten, und war mit breiten, männlichen Schultern und fünf Zentimeter größer als zuvor zurückgekommen. Walter, der für gewöhnlich kein Angeber war, hatte den Paulsens bei einem Picknick im August anvertraut, der Sponsor habe ihn angerufen und gesagt, Joeys Furchtlosigkeit und Ausdauer beim Kälberfang und Schafbad hätten ihn «umgehauen». Patty dagegen hatte, auf demselben Picknick, schon diesen vor Kummer leeren Blick. Im Juni, bevor Joey nach Montana fuhr, hatte sie ihn noch einmal mit zum Namenlosen See genommen, damit er ihr bei Ausbesserungsarbeiten am Haus zur Hand ging, und der einzige Nachbar, der sie dort besucht hatte, beschrieb einen fürchterlichen Nachmittag, an dem Mutter und Sohn sich gegenseitig wieder und wieder, auf offener Bühne, tief verletzt hätten, bei einem Streit, in dessen Verlauf Joey Patty wegen ihrer Eigenarten verspottet und ihr schließlich ins Gesicht gesagt habe, sie sei «dumm», worauf Patty «Hahaha!» geschrien habe, «dumm! Mein Gott, Joey! Deine Reife verblüfft mich immer wieder! Die eigene Mutter vor anderen Leuten dumm nennen, das ist ja so ein sympathischer Zug! Was bist du bloß für ein großer, starker, unabhängiger Mann!»

Gegen Ende des Sommers hatte Blake die Arbeiten am Mehrzweckraum weitgehend abgeschlossen und staffierte ihn mit so Blake’schen Gerätschaften wie PlayStation, Kicker- und Air-Hockey-Tischen, gekühltem Bierfass, Großbildfernseher, verstellbaren Lehnsesseln sowie einem Vikings-Kronleuchter aus Buntglas aus. Den Nachbarn blieb nur, sich auszumalen, mit welchem Sarkasmus Patty diese Annehmlichkeiten vom Abendbrottisch aus bedachte und wie Joey seine Mutter für dumm und unfair erklärte und Walter ihm wütend Entschuldigungen gegenüber Patty abverlangte, aber den Abend, an dem Joey zur Nachbarsfamilie überlief, brauchte sich niemand auszumalen, weil Carol Monaghan ihn jedem aus der Straße, der den Berglunds gegenüber illoyal genug war, ihr zuzuhören, mit lauter und etwas hämischer Stimme gern beschrieb.

«Joey war so ruhig, so ruhig», sagte Carol. «Ich schwöre bei Gott, er sah aus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Ich bin mit Connie rübergegangen, um ihn zu unterstützen und auch um klarzumachen, dass mir die Regelung total recht ist, denn ihr kennt Walter ja, so rücksichtsvoll, wie er ist, hätte er sonst bestimmt befürchtet, ich könnte das als Zumutung empfinden. Und Joey war total verantwortungsbewusst, wie immer. Er wollte nur, dass alle auf demselben Stand sind und dass die Karten offen auf dem Tisch liegen. Er hat ihnen erklärt, er und Connie hätten alles mit mir besprochen, und ich habe Walter gesagt – weil mir nämlich klar war, dass ihm das Sorgen machen würde –, ich habe ihm gesagt, die Lebensmitteleinkäufe wären kein Problem. Blake und ich sind jetzt eine Familie, und wir füttern gern noch einen mehr durch, und außerdem ist Joey große Klasse, wenn es ums Abwaschen und Müllrausbringen und Aufräumen geht, und dann habe ich Walter noch gesagt, er und Patty wären Connie gegenüber ja auch so großzügig gewesen und hätten sie bei sich mitessen lassen und so. Ich wollte das anerkennen, denn sie waren wirklich großzügig, als ich mein Leben nicht im Griff hatte, und ich bin ihnen dafür all die Jahre unheimlich dankbar gewesen. Und Joey bleibt die ganze Zeit dermaßen ruhig und verantwortungsbewusst. Er sagt, dass er eigentlich gar keine andere Wahl hat, wenn er Zeit mit Connie verbringen will, weil Patty sie ja nicht mal mehr ins Haus lässt, und ich springe ihm bei und sage, wie total ich hinter ihrer Beziehung stehe – wenn bloß alle anderen jungen Leute auf dieser Welt so verantwortungsbewusst wären wie die beiden, dann wäre die Welt viel schöner – und wie viel besser es ist, dass sie bei mir, in Sicherheit und Verantwortung, im Haus wohnen, anstatt irgendwo draußen rumzuschleichen und sich in Schwierigkeiten zu bringen. Ich bin Joey so dankbar, er wird bei mir im Haus immer willkommen sein. Das habe ich ihnen gesagt. Und ich weiß schon, dass Patty mich nicht mag, sie hat immer auf mich herabgesehen und auch Connie hochnäsig behandelt. Das weiß ich ganz genau. Ich weiß so einiges darüber, wozu Patty fähig ist. Deshalb war mir auch klar, dass sie auf die eine oder andere Art ausflippen würde. Und tatsächlich verzieht sie das Gesicht und sagt: ‹Glaubst du etwa, er liebt deine Tochter? Glaubst du im Ernst, er ist in sie verliebt?› Mit dieser hohen, dünnen Stimme. Als wäre es unmöglich, dass einer wie Joey sich in Connie verliebt, weil ich nicht aufs College gegangen bin oder was weiß ich, oder weil ich nicht in so einem großen Haus wohne oder nicht aus New York komme oder was weiß ich, oder weil ich, anders als sie, einen kreuzehrlichen Vierzigstundenjob habe. Patty ist so voller Geringschätzung mir gegenüber, das glaubt man gar nicht. Aber mit Walter, dachte ich, könnte ich reden. Der ist wirklich ein Schatz. Sein Gesicht ist knallrot angelaufen, wahrscheinlich weil ihm das alles peinlich ist, und er sagt: ‹Carol, ihr müsst jetzt bitte gehen, du und Connie, damit wir in Ruhe mit Joey sprechen können.› Was ich in Ordnung finde. Ich bin doch nicht hingegangen, um Unfrieden zu stiften, so jemand bin ich nicht. Aber Joey sagt nein. Er sagt, dass er sie ja nicht um Erlaubnis bittet, sondern ihnen nur mitteilt, was er tun wird, und dass es nichts zu diskutieren gibt. Und da verliert Walter die Fassung. Komplett. Die Tränen strömen ihm übers Gesicht, so fertig ist er – und ich kann das verstehen, immerhin ist Joey sein jüngstes Kind, und es ist ja nicht seine Schuld, dass Patty so uneinsichtig und so gemein zu Connie ist und dass Joey deshalb nun nicht mehr bei ihnen wohnen möchte. Jedenfalls fängt er an, aus vollem Hals zu brüllen, so was wie DU BIST SECHZEHN JAHRE ALT, UND DU GEHST NIRGENDWOHIN, BIS DU NICHT MIT DER SCHULE FERTIG BIST. Und Joey lächelt ihn nur an, er könnte kein Wässerchen trüben. Er sagt, es ist nicht verboten, dass er auszieht, und außerdem zieht er ja nur nach nebenan. Total vernünftig. Ich wünschte, ich wäre mit sechzehn auch nur ansatzweise so klug und souverän gewesen. Im Ernst, er ist wirklich ein toller Junge. Und Walter tat mir irgendwie leid, weil er jetzt lauter so Zeug brüllte, von wegen, er bezahlt Joeys College nicht, und Joey darf nächsten Sommer nicht wieder nach Montana, und er verlangt ja nicht mehr, als dass Joey zum Abendessen kommt und in seinem eigenen Bett schläft und ein Teil der Familie ist. Und Joey daraufhin: ‹Ich bin doch noch ein Teil der Familie›, was er ja im Übrigen nie bestritten hat. Aber Walter stampft durch die Küche, ein paar Sekunden lang habe ich wirklich gedacht, er schlägt gleich zu, aber er ist bloß total aus der Fassung, er brüllt: RAUS HIER, RAUS HIER, ICH BIN ES LEID, RAUS HIER, und dann ist er weg, und man hört ihn oben in Joeys Zimmer Schubladen aufreißen oder so was, und Patty rennt hinterher, und sie schreien sich an, und Connie und ich nehmen Joey in den Arm, weil er der einzige Vernünftige in dieser Familie ist und uns so leidtut, und in dem Moment bin ich überzeugt, dass es das Richtige für ihn ist, bei uns einzuziehen. Walter kommt die Treppe wieder runtergestampft, und wir hören Patty schreien wie eine Irre – jetzt ist sie es, die total die Fassung verloren hat –, und Walter fängt wieder an zu brüllen: SIEHST DU, WAS DU DEINER MUTTER ANTUST? Denn es dreht sich alles nur um Patty, versteht ihr, immer muss sie das Opfer sein. Und Joey steht bloß da und schüttelt den Kopf, weil die Situation so eindeutig ist. Warum sollte er in so einem Haushalt wohnen wollen?»

Obwohl manche Nachbarn zweifellos Genugtuung daraus zogen, dass Patty mit all dem Wind um ihren außergewöhnlichen Sohn Sturm geerntet hatte, änderte das an den Tatsachen letztlich wenig: Carol Monaghan war in der Barrier Street noch nie beliebt gewesen, Blake wurde weitgehend abgelehnt, Connie fanden die meisten unheimlich, und Joey hatte keiner je recht über den Weg getraut. Als sein Aufstand sich herumsprach, überwogen unter den Bürgern Ramsey Hills das Mitleid für Walter, die Sorge um Pattys seelische Verfassung sowie ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung, ja der Dankbarkeit dafür, wie normal die eigenen Kinder waren – wie vorbehaltlos sie sich über elterliche Großzügigkeiten freuten, wie bereitwillig sie sich bei ihren Hausaufgaben oder College-Bewerbungen helfen ließen, wie brav sie telefonisch Bescheid gaben, wenn sie nach der Schule nicht gleich nach Hause kamen, wie offenherzig sie von ihren kleinen Alltagsnöten erzählten und wie beruhigend vorhersehbar ihre Erfahrungen mit Sex und Gras und Alkohol waren. Das Elend, das dem Berglund’schen Haus entströmte, war ein Fall für sich. Walter – der, wie man nur hoffen konnte, von Carols Geschwätz über den Abend, an dem er «die Fassung verloren hatte», gar nichts wusste – gab verschiedenen Nachbarn gegenüber verlegen zu, er und Patty seien als Eltern «gefeuert» worden und täten ihr Bestes, es nicht persönlich zu nehmen. «Manchmal kommt er zum Lernen rüber», sagte Walter, «aber im Moment scheint er sich wohler zu fühlen, wenn er bei Carol übernachtet. Wir werden ja sehen, wie lange noch.»

«Und wie verkraftet Patty das alles?», fragte Seth Paulsen nach.

«Nicht gut.»

«Wir hätten euch so gern bald mal wieder zum Abendessen bei uns.»

«Das wäre schön», sagte Walter, «aber ich glaube, Patty fährt jetzt erst mal für eine Weile ins Haus meiner Mutter. Sie ist ja dabei, es zu renovieren.»

«Ich mache mir Sorgen um sie», sagte Seth mit einem kleinen Aussetzer in der Stimme.

«Ja, ich mir auch ein bisschen. Aber ich habe sie schon trotz Schmerzen weiterspielen sehen. Am College hat sie sich mal eine böse Knieverletzung zugezogen und noch zwei Spiele durchgehalten.»

«Aber hatte sie dann nicht eine Operation, die, ähm, ihre Karriere beendet hat?»

«Seth, ich wollte damit vor allem sagen, wie zäh sie ist. Dass sie auch unter Schmerzen weiterspielen kann.»

«Klar.»

Walter und Patty schafften es nie zu einem Essen bei den Paulsens. Patty verkroch sich über weite Strecken des Winters und Frühlings am Namenlosen See, fern von der Barrier Street, und selbst wenn ihr Auto in der Einfahrt stand – in der Weihnachtszeit zum Beispiel, als Jessica vom College nach Hause kam und, ihren Freunden zufolge, einen «mordsmäßigen Streit» mit Joey hatte, der dazu führte, dass Joey mehr als eine Woche in seinem alten Zimmer schlief und seiner formidablen Schwester das traditionelle Weihnachtsfest bescherte, das sie sich wünschte –, mied Patty die Nachbarschaftstreffen, bei denen ihr Gebäck und ihre Freundlichkeit einst so willkommene feste Größen gewesen waren. Gelegentlich sah man sie Besuch von etwa vierzigjährigen Frauen empfangen, ihren Frisuren sowie den Aufklebern an ihren Subarus nach zu urteilen, ehemaligen Basketball-Mannschaftskameradinnen von ihr, und dann und wann hieß es wieder, sie trinke, aber das war in erster Linie Spekulation, denn bei all ihrer Freundlichkeit hatte sie sich mit niemandem in Ramsey Hill je richtig angefreundet.

Von Silvester an wohnte Joey wieder bei Carol und Blake. Ein Großteil der Anziehungskraft, die dieses Haus auf ihn ausübte, wurde allgemein dem Bett zugeschrieben, das er dort mit Connie teilte. Seine Freunde wussten um seine sonderbare, militante Ablehnung der Masturbation, deren bloße Erwähnung ihm stets ein herablassendes Lächeln entlockte; er habe den Ehrgeiz, behauptete er, durchs Leben zu gehen, ohne je darauf zurückgreifen zu müssen. Scharfsinnigere Nachbarn, darunter die Paulsens, mutmaßten, dass Joey es überdies genoss, in diesem Haus der Intelligenteste zu sein. Er wurde zum Fürsten des Mehrzweckraums, dessen Vergnügungen er allen, die er mit seiner Freundschaft beehrte, zugänglich machte (und dessen unbeaufsichtigtes Bierfass er in den Tischgesprächen der gesamten Nachbarschaft zu einem Stein des Anstoßes werden ließ). Sein Verhalten Carol gegenüber grenzte irritierend ans Flirten, und Blake nahm er für sich ein, indem er sich für all dessen Steckenpferde begeisterte, insbesondere die Elektrowerkzeuge und den Pick-up, an dessen Steuer er fahren lernte. Er belächelte den Enthusiasmus seiner Mitschüler für Al Gore und Senator Wellstone auf eine so unangenehme Weise, als wäre Liberalismus eine Schwäche und mit Selbstbefleckung gleichzusetzen, was die Vermutung nahelegte, dass er teilweise sogar Blakes politische Ansichten übernommen hatte. Im Sommer darauf jedenfalls fuhr er nicht wieder nach Montana, sondern arbeitete auf dem Bau.

Und jeder, ob zu Recht oder nicht, hatte das Gefühl, irgendwie sei Walter – Walters Nettigkeit – an allem schuld. Anstatt Joey an den Haaren nach Hause zu schleifen und dafür zu sorgen, dass er sich benahm, anstatt Patty ordentlich eins überzubraten und dafür zu sorgen, dass sie sich benahm, verbarrikadierte er sich hinter seiner Arbeit für die Naturschutzorganisation, in der er ziemlich schnell zum Geschäftsführer für Minnesota aufgestiegen war, und ließ das Haus Abend für Abend verwaist zurück, ließ die Blumenbeete verwahrlosen und die Hecken verwildern und die Fenster verschmutzen, ließ den schmuddeligen Stadtschnee das schief gewordene GORE/LIEBERMANN-Schild verschlingen, das immer noch vor dem Haus im Boden steckte. Selbst die Paulsens zeigten kein Interesse mehr an den Berglunds, seit Merrie für den Stadtrat kandidierte. Patty verbrachte den ganzen nächsten Sommer am Namenlosen See, und kurz nach ihrer Rückkehr – einen Monat nachdem Joey unter finanziellen Umständen, die in Ramsey Hill nicht bekannt waren, an der University of Virginia zu studieren begonnen hatte, und zwei Wochen nach der großen nationalen Tragödie – tauchte ein ZU VERKAUFEN