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"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold?" Keineswegs! In einem geistlichen Gespräch wie dem bei den Jüngern auf ihrem Weg mit Christus nach Emmaus werden das Mitteilen und der Erfahrungsaustausch zur Goldmine. Das innere Feuer des Glaubens wird neu entfacht. Vor dem Hintergrund reicher Erfahrungen in der geistlichen Begleitung von Menschen im Exerzitienhaus Gries sprechen die Autoren über das, was im Schweigen passiert: Heilung und Heil, Leiden und Trost, Vergebung und Versöhnung, Dankbarkeit und Freude …
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Joachim Hartmann / Annette Clara UnkelhäußerFreude an Gott – Das innere Feuer neu entfachen
Ignatianische Impulse
Herausgegeben von Stefan Kiechle SJ, Willi Lambert SJ und Martin Müller SJ
Band 78
Ignatianische Impulse gründen in der Spiritualität des Ignatius von Loyola. Diese wird heute von vielen Menschen neu entdeckt.
Ignatianische Impulse greifen aktuelle und existentielle Fragen wie auch umstrittene Themen auf. Weltoffen und konkret, lebensnah und nach vorne gerichtet, gut lesbar und persönlich anregend sprechen sie suchende Menschen an und helfen ihnen, das alltägliche Leben spirituell zu deuten und zu gestalten.
Ignatianische Impulse werden begleitet durch den Jesuitenorden, der von Ignatius gegründet wurde. Ihre Themen orientieren sich an dem, was Jesuiten heute als ihre Leitlinien gewählt haben: Christlicher Glaube – soziale Gerechtigkeit – interreligiöser Dialog – moderne Kultur.
Joachim Hartmann /Annette Clara Unkelhäußer
Freude an Gott –Das innere Feuerneu entfachen
Inhalt
Vorwort
1. Wahrnehmen und Vertrauen
2. Dankbarkeit und Freude
3. Ich und Du
4. Leere und Fülle
5. Heilung und Heil
6. Leid und Trost
7. Vergebung und Versöhnung
8. Berufung und Sendung
9. Jesus der Meister
Anhang 1: Übung mit dem Jesus-Gebet – 30 Minuten
Anhang 2: Kontemplativ leben im Alltag
Kontakt
Vorwort
»Reden ist Silber, Schweigen ist Gold« – sagt das Sprichwort. Das klingt plausibel und ist uns sehr geläufig. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. In diesem Buch wollen wir den Blick auf die andere Seite richten: auf das Gold des Redens. Die Austreibung des stumm machenden Dämons zeigt, dass das Sprechen, Sich-anderen-Mitteilen eine kostbare Gabe ist (Mt 9,32f.). Der Philosoph Platon wählt die Form des Dialogs, um wesentliche Fragen des Menschen und des Lebens zu erhellen. Für Ignatius ist das »Mitteilen von beiden Seiten« (Exerzitienbuch 236, im Folgenden immer zitiert: EB) das Elixier einer lebendigen Beziehung. Jesus selbst wird das Wort genannt, das Fleisch geworden ist. Als Meister des Wortes ermöglicht er Menschen eine heilsame Begegnung: »Was bedrückt dich, was willst du, was suchst du, warum weinst du?« Bei diesen Fragen haben die Menschen gespürt, hier ist jemand an mir interessiert, hat Zeit für mich und will mir zuhören.
Der Emmausgang ist ein anschauliches Beispiel für das Gold des Redens (Lk 24,13–35). Die Jünger sind verzweifelt und resigniert, weil ihr Meister gekreuzigt worden ist. Jesus gesellt sich dazu und fragt: »Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet?« (Lk 24,17; Bibelzitate immer gemäß der revidierten Einheitsübersetzung). Im Mitteilen ihrer Gedanken und Gefühle gewinnen sie Schritt für Schritt eine tiefere Einsicht in das Geschehen der vergangenen Tage. Es gehen ihnen in verschiedener Hinsicht die Augen auf. Das Feuer ihres Glaubens wird neu entfacht.
Diese Geschichte bildet den Leitfaden für die Gespräche dieses Buches.
Auch im Exerzitienhaus Gries machen wir im Rahmen unserer Kurse vielfältig die Erfahrung, dass das Mitteilen kostbar ist für den Prozess der Exerzitien. Das Schweigen und die Einzelgespräche stehen dabei in einem fruchtbaren Wechselverhältnis. Denn in der Stille lernen wir, lauschend da zu sein und wahrzunehmen, was ist. Dieses Wahrnehmen in Stille bildet die Grundlage für das Mitteilen. So kommen bei den Exerzitanten im Begleitgespräch die wesentlichen Dinge zur Sprache.
Das Exerzitienhaus Gries wurde von Pater Franz Jalics SJ im Jahr 1984 gegründet. Er entwickelte den »Grieser Weg« der Kontemplation. In seinem Buch und Bestseller »Kontemplative Exerzitien – Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet« beschreibt er diesen Weg, den wir bis heute in unseren 10-tägigen Kursen vermitteln.
Die Basis der Kurse sind durchgängiges Schweigen und gemeinsame Gebetszeiten in Stille in der Gruppe. Ein tägliches Begleitgespräch bietet Raum, Erfahrungen des inneren Weges mitzuteilen und geistlich begleitet zu werden. Den Abschluss des Tages bildet eine Eucharistiefeier mit Ansprachen zu zentralen Themen des geistlichen Weges, die ausgehend von der Heiligen Schrift entfaltet werden.
Die Übungsschritte auf dem »Grieser Weg« führen hin zum Jesus-Gebet und enthalten folgende Elemente: Wir beginnen mit Wahrnehmungsübungen in der Natur und mit Körperwahrnehmungsübungen, indem wir den Atem auf seinem Weg durch den Körper begleiten. Es folgen die Wahrnehmung der Hände und das Spüren der Handmitten als ein Tor, das uns in die Gegenwart führen kann. Dann üben wir das kontemplative Gebet mit einem Wort ein, auf dessen inneren Klang wir lauschen oder das uns einlädt, in eine Beziehung einzutreten. Diese Gebetsweise ist vergleichbar einer Gebetsweise, die sich auch im Exerzitienbuch des Ignatius findet (EB 258). Es sind aufeinander aufbauend die Worte: Ja, Maria und Jesus Christus. Das »Jesus-Gebet« bildet das Herzstück des »Grieser Weges«. Das »Jesus-Gebet« findet sich auch in anderen geistlichen Traditionen, hat aber in seiner Gesamtkomposition auf dem »Grieser Weg« sein eigenes Profil. Wir sprechen in diesem Buch von »Kontemplation«, »kontemplativem Gebet« und »kontemplativen Exerzitien« und nicht von »Meditation«, weil das Wort »contemplari« – »sehen, schauen« – treffend das Ziel unseres geistlichen Weges zum Ausdruck bringt: »Wir werden ihn sehen, wie er ist« (1 Joh 3,2). Ebenso benennt es den Weg zu diesem Ziel: das Wahrnehmen. Die Worte Kontemplation und Meditation können je nach Schule eine unterschiedliche Bedeutung annehmen. Meditation ist heute die Überschrift für viele verschiedene Wege der Selbsterfahrung. Alle Wege der Meditation haben zum Ziel, den Menschen näher zu sich zu führen. Meditation verstehen wir als bewusst gestalteten Umgang mit Gedanken, Gefühlen, Bildern und Texten. Das Nachdenken und Betrachten steht dabei im Vordergrund.
»Kontemplation« verstehen wir in dem Sinn, dass es ein waches Da-Sein ist, welches nicht andere Texte usw. als »Stoff« nimmt, sondern durch Einfachheit und Stille gekennzeichnet ist. Im Vordergrund stehen hier: präsent sein, wahrnehmen, aufmerksam da sein, geschehen lassen und empfangen. Kontemplation wird auf dem »Grieser Weg« als christliche bezeichnet, weil die Aufmerksamkeit auf den Namen und damit auf die Gegenwart Jesu Christi gerichtet wird. Außerdem wird der Weg von der christlichen Tradition her, der Heiligen Schrift, der Wüstenväter, der Mystiker gedeutet. Bei der Kontemplation geht es nicht um das Nachdenken über etwas, sondern um das unmittelbare Wahrnehmen und Geschehenlassen dessen, was sich in der Stille, ausgerichtet auf die Gegenwart Gottes, zeigt.
Die Idee für dieses Buch ist entstanden aus dem Wunsch, die kostbaren Erfahrungen aus vielen Begleitgesprächen zu sichten und die wesentlichen Themen so aufzubereiten, dass sie auch anderen Menschen zugänglich gemacht werden können. Die einzelnen Kapitel des Buches haben eine klare und gleichbleibende Gliederung. Nach einer kurzen Einleitung in das Thema folgt das Gespräch. Für die Gespräche bilden die Heilige Schrift, der heilige Ignatius, Erfahrungen aus der geistlichen Begleitung und persönliche Erfahrungen feste Bezugspunkte. Am Ende greifen wir mit den Fragen »Wo brannte mir das Herz?«, »Wo gingen mir die Augen auf?« die Punkte heraus, die im Gespräch besondere Resonanz in uns hervorgerufen haben. Den Schlusspunkt bilden kurze Übungen, passend zum jeweiligen Thema.
Wir haben die Form des geistlichen Gesprächs für dieses Buch als sehr inspirierend und erhellend erlebt. Wie die Emmausjünger machten wir die Erfahrung, dass uns immer wieder die Augen aufgingen oder dass uns das Herz brannte. Das Silber des Redens wurde durch den Austausch mit Blick auf Jesus Christus in Gold umgemünzt.
Wahrnehmen und Vertrauen
Einleitung
Wenn man einen Spaziergang macht, sieht man öfters Hinweisschilder: »Parcours der Sinne«. Wir werden dort eingeladen, mit unseren Sinnen bewusst wahrzunehmen. Andere lassen sich auf das Abenteuer ein, mit verbundenen Augen ein Essen zu genießen, sich bedienen und führen zu lassen, und machen dabei erstaunliche Entdeckungen, indem sie sich nur auf das Verkosten einlassen. Die Wiederentdeckung unserer Sinne hat Konjunktur. Die Sinne sind Tore, die uns den Zugang zur Welt der Wahrnehmung öffnen.
Auch für Jesus ist es ein zentrales Anliegen, unsere Wahrnehmungsfähigkeit zu wecken und zu fördern. Sie ist in uns angelegt, wird aber oft nicht genutzt. So kommt es, dass wir Gott als den »Ich bin, der ich bin« (Ex 3,14) oder als den »Ich bin der ›Ich bin da‹« nicht wahrnehmen. In den Evangelien heilt Jesus daher Blinde und Taube, was wir als einen Hinweis sehen dürfen, dass unsere menschliche Wahrnehmungsfähigkeit häufig defekt ist und der Wiederherstellung bedarf.
Der kontemplative Weg ist eine Schule der Wahrnehmung. Wir lernen wieder wahrzunehmen und zu vertrauen, dass die Wahrnehmung uns in die Gegenwart Gottes führt.
Gespräch
Joachim: Der »Grieser Weg« ist eine Schule der Kontemplation. Was ist für dich das Charakteristische auf dem »Grieser Weg« des kontemplativen Gebets?
Annette Clara: Die klare Methodik. Franz Jalics hat durch langjährige Erfahrungen einen Weg entwickelt, der die Menschen schrittweise zum Namen Jesus Christus führt. Diese Schritte sind im Buch »Kontemplative Exerzitien« von Franz Jalics dargelegt.
J: Die Schritte haben eine genau definierte Reihenfolge. Wir beginnen mit der Natur, dann folgt eine Atemwahrnehmungsübung, danach richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Handmitten, dann auf innere Worte und zum Schluss führen wir zum Gebet mit dem Namen Jesus Christus. Der Name Jesus Christus ist zentral für den »Grieser Weg«, und doch beginnen wir nicht mit dem Namen.
AC: Stimmt. Wir müssen erst lernen, mit unserer Aufmerksamkeit bei etwas zu bleiben, denn die Wahrnehmung setzt die Aufmerksamkeit voraus. Die Hinführungsschritte wollen uns disponieren für die Wahrnehmung der Gegenwart Gottes. Daher üben wir, aufmerksam in der Gegenwart zu sein und zu bleiben. Thomas von Aquin hat einmal formuliert, dass es kein Gebet ohne Aufmerksamkeit gibt. Die französische Gottsucherin Simone Weil schreibt: »Die von jeder Beimischung ganz und gar gereinigte Aufmerksamkeit ist Gebet.«
J: Aufmerksamkeits- oder Achtsamkeitsübungen gibt es auch bei »Mindfulness-Based Stress Reduction« (MBSR), das heißt »Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion«. Es ist ein von Jon Kabat-Zinn in den späten siebziger Jahren in den USA entwickeltes Programm zur Stressbewältigung durch gezielte Lenkung von Aufmerksamkeit. Sein Ansatz ist weiterhin aktuell. Jon Kabat-Zinn war 2015 für Achtsamkeitsmeditationen mit Personen der Wirtschaftselite beim Weltwirtschaftsforum in Davos eingeladen. Wie unterscheidet sich der »Grieser Weg« davon?
AC: Ich entdecke eine Reihe von Ähnlichkeiten und schätze diesen Ansatz von Jon Kabat-Zinn. Der »Grieser Weg« steht jedoch nicht in einem medizinischen Kontext, sondern in einem religiösen und hat daher andere Akzente. Wir üben absichtslos oder zweckfrei vor und für Gott da zu sein. Kontemplation bedeutet schauen oder wahrnehmen. Warum müssen wir das Wahrnehmen überhaupt üben? Gesunde Menschen haben doch Augen und Ohren, können sehen und hören.
J: Wir haben etwas verlernt, was uns als Kind möglich war: mit der Aufmerksamkeit bei etwas zu verweilen und die Welt staunend zu erkunden. Wir leben in einer Welt mit vielfältigen medialen Angeboten, die zum Ziel haben, uns zu zerstreuen. Aufmerksamkeitsübungen wollen uns sammeln. Dadurch gewinnt unsere Aufmerksamkeit an Kraft wie Sonnenstrahlen, die in einem Brennglas gebündelt werden. Das führt uns zu einer klaren Wahrnehmung.
AC: Mir kommt noch ein anderer Punkt. Wir üben beim kontemplativen Gebet, den Verstand ruhen zu lassen und nicht ins Handeln zu gehen. Dabei können wir doch auch beim Nachdenken über bestimmte Dinge sehr gesammelt sein oder auch bei Tätigkeiten konzentriert am Werk sein. Warum ist es für den »Grieser Weg« der Kontemplation wichtig, nicht ins Denken oder Tun zu gehen?
J: Das ist eine gute Frage. Normalerweise vollzieht sich unser Leben in einem Dreischritt: Wahrnehmen, Denken, Handeln. In unserer leistungsorientierten Welt sind das Denken und Handeln überdimensioniert. Die Wahrnehmung selbst ist oft deutlich unterbelichtet. Kaum nehmen wir etwas wahr, analysieren und bewerten wir es sofort und gehen ins Handeln. Daher üben wir beim kontemplativen Gebet allein das Wahrnehmen. Wenn unser Denken und Handeln aus der Wahrnehmung kommen, dann können wir auch in diesen Bereichen gesammelt sein.
AC: War Jesus kontemplativ?
J: Ja, total. Sein Denken und Handeln kamen ganz aus der Wahrnehmung und aus dem Vertrauen. Wahrnehmen können wir nur in der Gegenwart, auch wenn es Wahrnehmung von Vergangenem ist, findet die Wahrnehmung selbst in der Gegenwart statt. Das heißt, Jesus war stets gegenwärtig. Wenn er sagt: »Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen« (Mt 6,34), lädt er uns ein, ganz in der Gegenwart zu leben. Wahrnehmen hat also auch viel mit Vertrauen zu tun. Wenn wir ganz in der Gegenwart sind, können wir spüren, dass Gott für uns sorgt. Das kann einen neuen und gelasseneren Blick eröffnen auf die Wahrnehmung meiner Vergangenheit oder auf das Gestalten von Zukunft hin.
AC:
