Friedhof der Namenlosen - Daniel Schalz - E-Book

Friedhof der Namenlosen E-Book

Daniel Schalz

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Beschreibung

Ein Schrebergarten am Berliner Stadtrand: Das Grundstück verwahrlost, die Hütte voller Blut. Alles deutet auf ein Verbrechen hin, doch es finden sich weder Opfer noch Zeugen. Ein grausiger Fund tief im Grunewald wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Bei brütender Sommerhitze beginnt für Kommissar Fabian Felter und Boulevard-Reporterin Anne Temmen eine wilde Jagd quer durch die Hauptstadt - für ihn nach der Wahrheit, für sie nach Schlagzeilen. Ihre Wege kreuzen sich dabei häufiger, als ihnen lieb ist. Denn auch sie beide verbindet ein schmerzhaftes Geheimnis. Und der Fall wird von Tag zu Tag bizarrer.

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Seitenzahl: 474

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der Autor

Daniel Schalz, geboren 1978 in Bremen, studierte Geschichte, Philosophie, Politik und Musik. Einige Jahre als Redakteur und Freelancer für Tageszeitungen und Magazine tätig. Leitete die Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Chorverband und die Redaktion der Kommunikationsagentur familie redlich. Seit 2023 Competence Lead Public bei fischerAppelt. Autor von »Unser Leben mit Werder. Fans erzählen«, erschienen 2023 im Verlag Die Werkstatt.

Inhaltsverzeichnis

Mittwoch, 10. Juli 2019

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Donnerstag, 11. Juli 2019

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Freitag, 12. Juli 2019

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Samstag, 13. Juli 2019

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Sonntag, 14. Juli 2019

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Epilog

Mittwoch, 10. Juli 2019.

Erster Tag der Ermittlungen.

1

Im Morgengrauen am Rande des Grunewalds.

Gespenstisch.

Dieses Wort kam Fabian Felter in den Sinn, als er um kurz vor fünf seinen schwarzen VW-Kombi auf dem staubigen Weg vor dem Schrebergarten parkte. Er schlug die Wagentür zu, öffnete den Reißverschluss seiner leichten Sommerjacke – es hatte die Nacht nur wenig abgekühlt – und ließ, die Hände in den Taschen, die Szenerie auf sich wirken: Die Scheinwerfer der Spurensicherung tauchten das verwahrloste Grundstück in gleißendes Licht. Unkraut und Sträucher überwucherten teilweise mannshoch die gesamte Fläche zwischen dem schief in den Angeln hängenden Holztor und dem einstöckigen Haus mit dem Giebeldach. Geradezu gruselig wirkte das weiße, undurchdringlich wirkende Geflecht, mit dem sämtliche Pflanzen und Büsche überzogen waren.

Dazu kam die eigenartige Lage dieses Teiles der Laubenkolonie: Die Grundstücke lagen eingezwängt zwischen den Bahngleisen und der Avus. Zwar hielten sich der S-Bahn-Betrieb und der Verkehr auf der Berliner Stadtautobahn so früh noch in Grenzen. Trotzdem hatte Fabian ein konstantes Rauschen im Ohr, welches das morgendliche Vogelkonzert immer wieder übertönte. Hier vom Großstadtrummel abschalten zu wollen, erschien ihm absurd.

Vom Gartentor kam ihm ein Kriminaltechniker in einem weißen Schutzanzug entgegen.

»Morgen. Friedrich Müller. Sind Sie der Kollege von der Mordkommission?«

»Ja, Kriminalkommissar Fabian Felter, guten Morgen.« Bemüht lässig schob er nach: »Was haben wir?«

Sein Gegenüber hob eine Augenbraue unter der weißen Haube. »Also die Kollegen vom KDD waren sich nicht sicher, ob wir die Moko aus dem Bett klingeln sollen. Aber bei der Spurenlage halte ich’s für unwahrscheinlich, dass das hier nur eine Prügelei unter betrunkenen Laubenpiepern war. Deshalb haben wir Sie verständigt.«

Fabian nickte. Aus seiner Zeit beim Kriminaldauerdienst wusste er, dass es oft nicht leicht zu entscheiden war, an welche Abteilung ein Fall weitergegeben werden sollte.

»Für mich sieht’s eigenartig aus«, fuhr Müller fort. »Ist schon einiges an Blut. Allerdings wundere ich mich gar nicht so sehr über die Menge. Die könnte auch von ein paar gewöhnlichen Platzwunden kommen. Sondern eher über die Verteilung: Da drinnen«, er deutete aufs Haus, »klebt’s fast in jedem Winkel. Das war defintiv kein Unfall. Hier wurde gekämpft und zwar nicht zu knapp. Tatwerkzeuge haben wir bislang noch nicht gefunden, aber wir sind ja auch erst seit zweieinhalb Stunden hier.«

Müller drückte ihm eine Atemschutz-Maske und einen weißen Ganzkörper-Anzug in die Hand. Während Fabian umständlich in diesen hineinstieg, sagte der Kriminaltechniker wie beiläufig: »Ach ja, und keine Opfer soweit.«

Fabian atmete tief durch. Zwar hatte er genau für solche Situationen zum LKA 11 gewollt: Mitten in der Nacht in der Millionenstadt an einen Tatort gerufen zu werden, ohne zu wissen, was ihn erwartete. Es erfüllte ihn mit Stolz, dass er nun zur sechsten Mordkommission im Dezernat 11 des Landeskriminalamts gehörte. In Zukunft würde er sich um die großen Fälle kümmern – oder, Amtsdeutsch: »Delikte am Menschen«. Dennoch war er in diesem Augenblick erleichtert, keine Leiche in Augenschein nehmen zu müssen.

»Bitte nicht auf den Gehwegplatten laufen«, merkte Müller an, als er für Fabian das Flatterband hochhob. »Ziemlich deutliche Kontaktspuren.«

Fabian musterte die blutigen, von Spritzern umgebenen Sohlenabdrücke auf den Betonplatten. Sie erschienen ihm recht lang zu sein, mindestens Schuhgröße 42. Der Täter verlässt den Tatort und scheint dabei nicht sonderlich aufmerksam zu sein, dachte er unwillkürlich – ermahnte sich aber sofort, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen.

»Das ist noch harmlos gegen das, was drinnen los ist«, sagte Müller und drehte sich zum Gehen. Fabian zögerte, ihm ins Gestrüpp zu folgen.

»Was sind denn das für Spinnweben?«, fragte er. Ihm war der Gedanke nicht geheuer, mitten durch das weiße, klebrig wirkende Zeug zu spazieren.

»Yponomeuta, wahrscheinlich evonymella oder malinellus«, antwortete Müller. Fabian schaute ihn fragend an.

»Keine Spinnen. Motten. Genauer gesagt: Gespinstmotten. Werden wir dank Klimawandel in Zukunft häufiger bei uns haben.« Und da Fabian immer noch skeptisch dreinschaute, ergänzte er: »Völlig ungefährlich – und die Raupen haben sich längst alle im Boden verbuddelt.«

Die beiden bahnten sich einen Weg zum Haus. Zwar war bereits ein Pfad halbwegs frei gemacht worden, trotzdem wischte sich Fabian immer wieder weiße Flechten aus dem Gesicht. Nach etwa zehn Metern hatten sie die Laube erreicht, von deren Außenwand die rote Farbe abblätterte.

Müller öffnete die Tür. Fabian schob sich an ihm vorbei in den Raum, der ebenfalls hell ausgeleuchtet war. Nach dem heruntergekommenen Garten hatte er im Haus eine Müllhalde erwartet. Stattdessen wirkte der holzvertäfelte Raum gepflegt und aufgeräumt – abgesehen von den herumstehenden Koffern und Geräten der vier Leute von der Kriminaltechnik.

Gegenüber der Eingangstür stand ein einfacher, heller Holztisch, auf dem eine kleine Stickdecke lag. Dahinter sah Fabian eine Eckbank aus dunkler Eiche mit geschnitzten Verzierungen, davor drei hölzerne Klappstühle. An der linken Wand gab es eine kleine Küchenzeile mit Gaskocher und Spüle. Rechts stand ein unlackierter Bauernschrank aus hellem Holz, auf dessen Ablage ein Sammelsurium an Schlüsseln, Feuerzeugen und Gartenwerkzeugen lag. Links führte eine Treppe auf den Dachboden.

Über der Spüle sowie an der gegenüberliegenden Wand gab es jeweils ein Fenster. Da keines nach Südosten ging, vermutete Fabian, dass der Raum auch bei Tag nie richtig hell wurde. Es hätte gemütlich sein können, doch auf Fabian wirkte es beklemmend.

Erst recht, als er den Boden sah: Große Teile des hellen PVC-Belages waren blutverschmiert, direkt vor ihm führte eine Spur zur Dachbodentreppe, auf der ebenfalls Spritzer zu sehen waren. Überall im Raum verteilt standen die kleinen weißen Nummern der Spurensicherung. Direkt vor sich entdeckte Fabian die Ziffern 19, 20 und 21.

»Ziemlich unübersichtliche Lage«, begann Müller mit in die Hüften gestemmten Armen. »Hier unten haben wir in fast jeder Ecke Blut. Die Spur zur Treppe sehen Sie ja selbst. Hört nur komischerweise oben amAbsatz auf.«

Fabian beugte sich nach links, um die Treppe hochzuschauen, sah an deren Ende aber nur den dunklen Einstieg zumDachboden.

»An Mustern haben wir so ziemlich alles, was das Lehrbuch hergibt«, sagte Müller. »Verschiedene Tropf-, Kontaktund Wischspuren, dazu diverse Abstreif- und Einwirkungsmuster. Werden Sie später auch im Bericht lesen. Ganz interessant ist noch die große Lache hinten links in der Ecke.«

Jetzt sah Fabian den Rand einer Blutpfütze, die hinter der Küchenzeile in den Raum ragte.

»Kann das alles von einer Person sein?«, fragte er.

»Unwahrscheinlich. Deutet einiges daraufhin, dass hier ein paar Leute involviert waren. Wie gesagt: Kriegen Sie noch schriftlich.«

Müller ging zur Tür: »Ich mach mal draußen weiter.«

Fabian nahm sich Zeit, jedes Detail des Raumes in sich aufzunehmen. Womöglich würde das hier sein erster wichtiger eigener Fall werden. Seine große Chance, sich im LKA 11 einen Namen zu machen. Es nervte ihn, dass viele der rund 80 Kolleginnen und Kollegen des Dezernates nach über einem halben Jahr immer noch nicht wussten, wie er hieß. Einige behandelten ihn sogar wie einen Praktikanten, was sicher auch an seinem jugendlichen Aussehen lag: Kaum jemand hätte vermutet, dass er in einigen Monatendreißig würde.

Heute alleine zum Tatort geschickt worden zu sein, war wohl eher dem Umstand geschuldet, dass das Dezernat in den Schulferien auf Minimalbesetzung fuhr. Und weil der Ruf mitten in der Nacht kam: Eine Schrebergärtnerin Mitte Achtzig hatte gegen 23 Uhr wegen »unheimlicher Geräusche« in der Nachbarlaube, wie sie es ausgedrückt hatte, den Notruf gewählt.

Wie auch immer: Fabian war fest entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und allen zu zeigen, was er in den vergangenen anderthalb Jahren bei seinen ersten Stationen im LKA gelernt hatte.

In seinem kleinen schwarzen Notizbuch skizzierte er den Raum und hielt einige Eindrücke fest: Tatsächlich deutete vieles darauf hin, dass hier gekämpft worden war. Hatte sich eine der beteiligten Personen blutend auf den Dachboden retten wollen und war dabei gestoppt worden? Wie hatten sie die Laube verlassen? Hatten sie sich eigenständig wegbewegt? Oder gab es ein oder gar mehrere Opfer, die jemand hatte verschwinden lassen?

Als er das Haus verließ, war die Sonne aufgegangen. Die Scheinwerfer waren ausgestellt worden. Nun sah der Garten zwar nicht mehr so geisterhaft aus, aber nicht weniger unwirtlich. Unter Sträuchern und weißem Gespinst war kaum etwas zu erkennen. Nur rechts vom Haus sah Fabian eine geschlossene Regentonne aus Plastik und weiter hinten, zum Bahndamm hin, einen Stapel verrottetes Holz.

Er verabschiedete sich von Friedrich Müller, der gerade unter einem Busch den Boden absuchte, und ging zurück zum Auto. Dort streifte er den Overall ab und zog seine Jacke aus. Es war erst kurz nach halb sieben, doch nach der Wärme der ersten Sonnenstrahlen zu urteilen, würde es nach wochenlanger Hitze ein weiterer verdammt heißer Tag werden.

Auf der Suche nach einer Wendemöglichkeit fuhr er mit dem Wagen im Schritttempo an den anderen Schrebergärten vorbei. Ein paar Kolleginnen und Kollegen mussten diese nachher abklappern, und fragen, ob jemand gestern Abend etwas gesehen oder gehört hatte.

Er fand eine geeignete Stelle zum Wendenund rollte langsam zur Straße zurück. An der Abzweigung kam von rechts eine junge Frau auf einem Vintage-Rennrad und bog an ihm vorbei rasant in den Weg zu den Kleingärten ein. Kurz erinnerte sie ihn an eine alte Bekannte. Doch unter der Sonnenbrille und ihrem Fahrradhelm erkannte er kaum etwas von ihremGesicht.

Schon im nächsten Augenblick dachte er nur noch daran, was jetzt zu tun war: Die Besitzer der Laube müssten ermittelt und befragt werden. Vielleicht brachten Spuren in der Umgebung der Laubenkolonie weitere Aufschlüsse: Der Mensch, der die blutigen Fußabdrücke auf dem Weg hinterlassen hatte, musste schließlich irgendwo hin sein. Mit sehr viel Glück ließen sich durch DNA-Analysen sogar die Blutspuren konkreten Personen zuordnen.

All das würden sie mit dem Team in ihrer täglichen Morgenrunde besprechen. Bis dahin waren es noch zweieinhalb Stunden – Zeit, seine Gedanken zu sortieren.

Fabian richtete den Rückspiegel (er musste dringend mal wieder zum Friseur) und schaltete das Radio ein: »Walking on Sunshine«. Das passte: Er fühlte sich voller Energie – und ertappte sich dabei, regelrecht zu hoffen, dass ein spektakuläres Verbrechen hinter den Blutspuren in der Laube steckte. Schwungvoll bog er nach rechts ab und war keine halbe Minute später auf der Avus stadteinwärts.

2

Zur selben Zeit, am selben Ort.

Sie hatte ihn hinter der Windschutzscheibe sofort erkannt, als sie auf ihrem Fahrrad an seinem Auto vorbeigerauscht war. Kein Zweifel: Er war’s. Fabian. Wie lange hatte sie sich damals vor diesem Moment gefürchtet? Wie oft immer wieder in Gedanken durchgespielt, was dann passieren würde? Doch das war lang her. In den vergangenen Jahren hatte sie sich immer seltener daran erinnert. Bis ihr hin und wieder unvermittelt aufgefallen war, dass sie Wochen oder sogar Monate nicht mehr an ihn gedacht hatte.

Deshalb traf sie die Begegnung völlig unvorbereitet. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass er auch in Berlin war. Der heftige Stich, den ihr sein Anblick versetzte, war körperlich zu spüren. Umso dankbarer war sie, dass er im Wagen saß und sie nur den Bruchteil einer Sekunde Blickkontakt hatten. So blieb ihr eine verkrampfte Wiedersehensszene erspart. Über die Schulter schaute sie seinem Auto hinterher, wie es aus dem Feldweg auf die asphaltierte Straße abbog.

Sie hielt an und konzentrierte sich wieder darauf, warum sie hier war. Sie wollte es nicht vermasseln. Der Kollege aus der Redaktion hatte am Telefon geklungen, als könnte es eine große Geschichte werden, weshalb sie sofort zum Schrebergarten an der Avus fahren sollte. Morgens um halb sechs! Allein das wies darauf hin, dass sich ihre Chefs eine Story versprachen. Der Kollege hatte von Blutspuren und einem rätselhaften Notruf in der Nacht gesprochen, was schon Stoff genug für eine Boulevard-Zeitung war.

Als sie das abgesperrte Grundstück erreichte und das weiße Geflecht sah, das fast den gesamten Garten bedeckte, pfiff sie durch die Zähne: Diese Szenerie würde der Redaktion wirklich gefallen. Sie lehnte das Rad an einen Baum, hängte ihren Helm an den Lenker und ging langsam zum Gartentor. Sofort sah sie die Spuren auf dem Gehweg. Instinktiv zog sie das Smartphone aus der Jeans, um zu fotografieren. Da guckte unter einem Strauch auf Bodenhöhe ein Kopf im weißen Schutzanzug hervor: »’tschuldigung, wer sind Sie?«

»Oh, sorry, Anne Temmen, Berliner Blatt.« Hektisch steckte sie das Telefon zurück in die Hosentasche. »Können Sie mir sagen, was hier passiert ist?«

»Selbstverständlich ... nicht«, antwortete der Kapuzenmann. Er lag bäuchlings am Boden und hielt einen kleinen Spachtel in der Hand, mit dem er in der Erde herumgestochert hatte. »Zumal wir’s ohnehin noch nicht wissen.«

»Das heißt, Sie haben keine Opfer oder so gefunden?«

»Das heißt jar nüscht«, grummelte der Kriminaltechniker. Er ärgerte sich sichtlich, schon zu viel gesagt zu haben. »Und jetzt lassen se uns ma’ unsere Arbeit machen.« Damit robbte er sich ins Gehölz zurück.

Hier würde sie nichts mehr erfahren. Sie fotografierte die Blutspuren auf dem Weg, machte vom Grundstück ein Dutzend Bilder sowie einen rund 90-sekündigen Film – Video-Content war alles heutzutage! – und kritzelte ein paar Notizen in ihren DIN-A5-Block. Anschließend rief sie in der Redaktion an, um einen Fotografen anzufordern.

Dann sah sie den Weg mit den anderen Parzellen hinunter. Der Zustand des direkten Nachbargrundstücks stand zum Kleingarten, den die Polizei abgesperrt hatte, im krassen Gegensatz: Durch die offensichtlich erst kürzlich geschnittene Hecke sah Anne perfekt gemähten Rasen und leuchtende Blumenbeete, die augenscheinlich tägliche Wässerung und Pflege erfuhren. Anne schaute auf ihr Handy: Noch nicht mal sieben Uhr. Unwahrscheinlich, dass um diese Zeit schon jemand in seiner Laube, geschweige denn wach sein würde. Andererseits: Was hatte sie zu verlieren? Reporterglück ist mit den Frechen, dachte sie, und ging zur Pforte.

Da sie keine Klingel fand, rief sie »Hallo?« in Richtung der Laube, deren Eingangstür hier nur wenige Meter vom Gartentor entfernt war. Als sich auch auf ein zweites und drittes Rufen nichts im Haus rührte und sie sich schon abwandte, hörte sie, wie sich in der Tür ein Schlüssel drehte. Kaum war die Tür einen Spalt geöffnet, schossen zwei kleine wuschelige, weiße Hunde ans Tor und kläfften sie aufgeregt an.

»Bolle! Oskar! Kommt ihr her!«

Die strenge, hohe Stimme gehörte einer alten Frau, die leicht gebeugt aus der Tür kam. Sie stützte sich am Türgriff ab. Ihre weißgelockten Haare glichen auffallend dem Fell der Hunde. Diese dachten zwar nicht daran, zurück ins Haus zu kommen, aber immerhin hörten sie auf zu bellen. »Entschuldigen Sie die Störung so früh am Morgen«, sagte Anne und setzte ihr liebenswürdigstes Lächeln auf. »Ich komme von der Zeitung und würde Sie gerne etwas fragen.«

Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich war, den vollen Namen ihres Arbeitgebers erst einmal zu verschweigen: Nicht jeder begegnete einer Boulevard-Reporterin mit offenen Armen. Hier war die Vorsichtsmaßnahme überflüssig, denn schon beim Wort »Zeitung« hellten sich die Gesichtszüge der Frau auf: »Sie kommen wegen der Laube der Bergers, oder?«

»Meinen Sie die mit dem vielen Unkraut?«

»Genau, und den Mottennestern, ja ja, die meine ich. Hat sich die Polizei ja viel Zeit gelassen. Um halb zehn habe ich gestern Abend das erste Mal angerufen, um denen zu sagen, dass da was nicht stimmt. Aber da sind die gar nicht ans Telefon gegangen. Und als ich dann mit meinen Lieblingen um elf nochmal raus bin, habe ich diese komischen Spuren auf dem Weg gesehen. Da hab ich dann nochmal angerufen, weil mir das so seltsam vorkam, und ...«

Anne wollte etwas sagen, fand aber keine Lücke.

»... da kamen dann endlich zwei junge Polizisten, haben sich das angeschaut und mir ein paar Fragen gestellt. Wusste ja auch nichts, außer dass da abends so komische Geräusche aus der Laube kamen. Wo doch die Bergers seit Jahren nicht mehr da waren. Ich weiß gar nicht, ob ...«

»Was für Geräusche waren das denn?«, fiel Anne der Frau ins Wort.

»Naja, so Schreie irgendwie, nein, eher wie Gejaule oder Geheule oder so. Ziemlich unheimlich. Meine Lieblinge waren völlig verschreckt, sind mir überhaupt nicht mehr von den Beinen gewichen.« Während ihres Redeschwalls klammerte sich die Seniorin weiterhin am Türgriff fest. »Das habe ich auch der Polizei erzählt. Also, als ich angerufen habe, meine ich. Aber die haben nur gefragt, ob ich immer noch etwas hören würde. Da hab ich dann nochmal nach draußen gelauscht. Und da war dann alles still.«

»Und dann sind Sie später nochmal raus und haben die Spuren auf dem Weg gesehen?«

»Genau, und wieder sind meine Herzchen fast durchgedreht. Da ist bestimmt was Schlimmes passiert. Hunde haben ein feines Gespür für sowas, wissen Sie?«

Anne hatte ihren Block aus dem Rucksack geholt und sich Notizen gemacht. »Darf ich Sie nach Ihrem Namen und dem Alter fragen?«

»Naja, eine Dame fragt man ja eigentlich nicht nach dem Alter. Aber Sie sind ja selbst noch so jung, Sie dürfen das. Wie alt sind Sie denn?«

»28.«

»Ach Gott, sehen Sie. Ich bin 84, ich könnte locker Ihre Oma sein. Also ...« Kurz hatte sie den Faden verloren.

»Ihren Namen?«, half ihr Anne auf die Sprünge.

»Ach ja, natürlich. Wenn das in die Zeitung kommt, muss ja auch alles stimmen: Erika Panofski. Mit ›F‹ bitte.«

»Sagen Sie, Frau Panofski, wären Sie einverstanden, wenn später ein Fotograf vorbeikäme, um ein Foto von Ihnen zu machen? Vielleicht können wir sogar ein kleines Interview mit Ihnen filmen? Schließlich wollen unsere Leser auch gerne sehen, über wen da berichtet wird.«

»Oh je, ich gehe doch erst übermorgen zum Friseur. Geht es vielleicht auch Ende der Woche?«

»Nein, das geht leider nicht. Der Artikel soll doch schon morgen erscheinen.«

»Schon morgen? Ach Gott oh Gott, so schnell? Na gut, muss mich aber wenigstens noch ein bisschen schick machen.«

»Machen Sie das, Frau Panofski. Ich sag dem Fotografen dann Bescheid. Und vielen Dank für Ihre Antworten, Sie haben mir für den Artikel sehr weitergeholfen.«

Sie hatte den Satz noch nicht beendet, da hatte die alte Frau schon die Tür zugemacht und in der Aufregung völlig vergessen, sich zu verabschieden. Anne lächelte. Wegen solcher Begegnungen liebte sie ihren Job.

Für einen Artikel hatte sie genug Material. Später würde sie noch die Pressestelle der Polizei anrufen, die vermutlich nichts sagen würde. Außerdem konnte sie im Netz ein paar Fakten zur Kleingartensiedlung recherchieren, vielleicht auch versuchen, deren Vorsitzenden zu erreichen.

Sie wollte es gut machen. Als frischgebackene Abgängerin der Journalistenschule wurde sie von den Ressortleitern und Chefredakteuren streng beobachtet. Nicht, dass sie bislang versagt hätte. Keineswegs. Aber noch immer fühlte sich jeder Artikel wie eine Klassenarbeit an. Wenn sie in die Redaktion kam und sich an den Rechner setzte, hatte sie regelmäßig Angst, die Deadline zu reißen.

Deshalb wollte sie jetzt auch schnell zurück zum Verlag, um später nicht in Zeitstress zu geraten. An ihrem Fahrrad zog sie sich ihr Sweatshirt aus, denn es war heiß geworden, und setzte den Helm auf.

Als sie aufsteigen wollte, klingelte ihr Telefon. Sie zog es aus der Hosentasche und schaute aufs Display: »Mama«. Typisch: in aller Herrgottsfrühe und wie immer im falschen Moment. Seit mehr als zwei Wochen hatte sie nicht mit ihr gesprochen und ein schlechtes Gewissen. Sie ließ das Telefon klingeln, steckte es zurück in die Tasche und stieg aufs Rad. Ihre Mutter musste sich noch gedulden.

3

57 Jahre zuvor.

Mai 1962.

Noch einmal drehte seine Mutter sich nach ihm um. Doch sie war schon zu weit weg, als dass er ihren Gesichtsausdruck hätte erkennen können. Sie war bereits am Ende der schmalen, ungepflasterten Allee angekommen, die ihr Haus mit der Hauptstraße des Dorfes verband. Die Apfelbäume links und rechts des sandigen Weges blühten. Ab und zu wirbelte der Wind Wolken zartrosa-farbener Blütenblätter auf. Obwohl die Sonne gerade erst aufgegangen war, fühlte er ihre Strahlen warm auf seiner Haut.

Er saß auf den Treppenstufen vor dem Haus und war wütend. Nein, eigentlich war er traurig. Irgendwie beides. Auf jeden Fall war er durcheinander. Zuerst hatte er sich geweigert, in den Kindergarten zu gehen. Das hatte er in letzter Zeit öfter getan. Es klappte ja: Seine Mutter gab immer schneller auf. Dann hatte sie ihn gefragt, ob er auf die Arbeit mitkomme. Er sei fünf, er könne nicht allein zuhause bleiben, hatte sie gesagt.

Jetzt, wo er ihr nachblickte, wusste er nicht mehr, warum er nicht mitgewollt hatte. Eigentlich gefiel es ihm im Betrieb: Er mochte das Surren der Nähmaschinen, lief gerne durch die langen Reihen von Kleidern, Hosen und Hemden und berührte mit den Händen die verschiedenen Stoffe. Die anderen Frauen waren nett zu ihm, vor allem die Vietnamesinnen, die ihm manchmal heimlich Bonbons zusteckten. Nur vor der Werkstattleiterin hatte er Angst: Sie war groß und dick und böse, und wenn sie ihn entdeckte, brüllte sie ihn an und schleifte ihn zu seiner Mutter. Doch er wusste, wo er sich verstecken musste, damit sie ihn nicht fand.

Nein, es lag nicht am Betrieb. Er war schon schlecht gelaunt gewesen, als es zum Frühstück keine knusprigen Filinchen gab, sondern nur das trockene Mischbrot. Die Mutter war laut geworden, hatte ihn angeschrien, dass er froh sein konnte,überhaupt etwas zu essen zu bekommen. Dass sie sich täglich abrackere, damit er ein schönes Leben habe, weil sein Vater ein Taugenichts und Trunkenbold sei, der sich nicht um seine Familie kümmere.

Er fand das ungerecht. Was konnte er dafür, dass sein Vater nie da war? Und warum ging seine Mutter weg, damit er ein schönes Leben hatte? Sein Leben wäre schöner, wenn seine Mutter bei ihm bliebe.

So vieles begriff er nicht. Warum besuchten sie Tante Hanni nicht mehr? Weshalb ging er mit ihr nicht mehr ins Kaufhaus mit den vielen bunten Sachen und in den Zoo, wo es so viele Tiere mehr gab als im Tierpark? Die Politiker hätten eine Mauer errichtet, über die man nicht hinüberkommt, sagten die Erwachsenen. Wer baute eine Mauer, um ihm den Weg zu seiner Tante zu versperren?

An solche Dinge dachte er, als er noch einmal kurz ihren Blick auffing. Sie war zu weit weg, um ihren Gesichtsausdruck zu erkennen, aber er hatte das Gefühl, dass sie nicht fröhlich war. Dann verschwand sie rechts hinter der großen Eiche, um die Hauptstraße zur Bushaltestelle hinaufzugehen.

Jetzt wäre er ihr gerne hinterhergelaufen, um ihre Hand zu greifen und mit ihr nach Berlin zu fahren. Doch in diesem Augenblick sah er den blau-weißen Bus schon an der Einfahrt des Weges vorbeifahren.

Später dachte er oft an genau diesen Moment: An den Bus, den er für eine Sekunde zwischen den Bäumen sieht. Wäre er rechtzeitig losgelaufen, hätte er ihn aufhalten können. Oder er wäre mit seiner Mutter eingestiegen, hätte neben ihr gesessen und sie beschützt. Und verhindert, was passieren sollte.

Als die Nachbarin am späten Nachmittag kam, die Sonne war schon hinter den Bäumen verschwunden, saß er vor dem Haus auf dem Rasen. Dort versuchte er, mit verschiedenfarbigen Murmeln in eine Kuhle zu treffen. Das hatte er den ganzen Tag gemacht. Stundenlang. Dabei vergaß er alles um sich.

Was er nicht vergessen konnte: Drei Murmeln fehlten ihm. Weil die Mama sie mitgenommen hatte. Eine blaue mit roten Punkten. Eine weiße mit ganz vielen verschiedenfarbigen Linien. Und eine durchsichtige. Die liebte er besonders. Seine Lieblingsmurmel. Sie hatte einen gelben und einen grünen Streifen im Innern, die sich umeinander drehten. Er mochte, dass sie so schön glitzerte, wenn er sie ins Sonnenlicht hielt.

»Die nehm ich mit auf die Arbeit, damit ich immer an dich denke«, hatte die Mama gesagt. »Aber nur ausgeliehen!«, hatte er sie gemahnt. Daran hatte er zwischendurch immer mal wieder gedacht, während er in die hohen Bäume starrte, die um das Grundstück herum wuchsen.

Auch als die Nachbarin, wie aus Nichts, auftauchte, war er in Gedanken gewesen. Erst als sie schon vor ihm stand, bemerkte er sie. Sie war etwa so alt wie seine Mutter. Er mochte sie, weil sie immer mit ihm scherzte und ihnen im Sommer leckere Kirschen brachte.

»Hallo, Micha«, sagte sie, »ist dein Vater da?«

Er wunderte sich über die Frage. Normalerweise machte sie Bemerkungen über seine Anziehsachen, Spielzeuge oder das Wetter, wenn sie ihn sah. Mit dem Vaterredete sie nie.

Sie hockte sich neben ihn. Es sei etwas Schlimmes passiert, sagte sie und schaute über ihn hinweg. Er sah sie fragend an. Der Bus seiner Mutter habe einen Unfall gehabt. Seine Mutter würde nicht nach Hause zurückkommen.

Er verstand nicht. Wenn seine Mutter heute nicht nach Hause käme, wann dann? Die Nachbarin schwieg und versuchte, ihn zu umarmen. Er wich zurück. »Wann kommt die Mama wieder?«, wiederholte er.

Der Nachbarin liefen Tränen übers Gesicht.

»Warum weinst du?«, fragte er.

Sie zog ein Taschentuch aus der Rocktasche, schnäuzte kräftig hinein und wischte sich die Wangen ab. »Hast du Lust auf Streuselkuchen?«, fragte sie. »Ich habe gebacken.«

Er wollte wissen, wann seine Mutter zurückkommt. Vor allem, weil sie ihm doch die drei Murmeln zurückgeben musste. Aber er wollte auch Streuselkuchen.

»Ja, hab ich«, sagte er.

Gemeinsam standen sie auf. Sie griff seine Hand. Ihre Hand war warm und weich. Langsam gingen sie die Allee hinunter. In der Abendsonne tanzten die Blütenblätter um sie herum. »Sieht aus wie Schnee«, sagte er. Und er hatte tatsächlich das Gefühl, ihm würde kalt.

4

10. Juli 2019. Gegen viertel nach zehn am Vormittag.

Marianne Bergers knochige Hand zitterte. So heftig, dass ihre Kaffeetasse auf dem Unterteller klapperte, als sie versuchte, diese anzuheben. Die 77-Jährige zuckte erschrocken zusammen von dem plötzlichen Geräusch, das durch das enge Wohnzimmer hallte. Sie ließ die Tasse stehen und schaute ängstlich zu ihrem Mann – wie unzählige Male zuvor während der vergangenen Viertelstunde. Er war ein paar Jahre älter als sie und saß im Rollstuhl.

Die Verunsicherung der beiden war so groß, dass es Fabian fast körperlich unangenehm war, sie zu befragen. Immer wieder wechselte er hilflose Blicke mit seiner knapp zehn Jahre älteren Kollegin Dilek Ergün. Er arbeitete gerne mit ihr zusammen: Sie war souverän, ohne jemals überheblich zu sein, und strahlte selbst im größten Stress gelassene Ruhe aus. Doch hier, auf der grauen Couchgarnitur vom Möbel-Discounter, vor einer bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Nippes aus Porzellan und Glas vollgestopften Vitrinen-Schrankwand, schien sie ähnlich überfordert zu sein wie er: Wie sollten sie bloß mit diesen beiden hypernervösen Rentnern umgehen?

Das Team aus ihrem Dezernat hatte zügig gearbeitet: Ein Anruf beim Vorsitzenden der Kolonie Hundekehle e. V. hatte ergeben, dass der Kleingarten, in dem sie die Blutspuren gefunden hatten, Walter Berger gehörte – seit über 40 Jahren. Er hatte ihn von seinen Eltern übernommen, die hier, wie viele Berlinerinnen und Berliner, wegen der Wohnungsnot nach dem Krieg sogar permanent gelebt hatten, ausgestattet mit einemDauerwohnrecht.

Walter Berger wohnte mit seiner Frau in einer 60 Quadratmeter großen Zwei-Zimmer-Wohnung im 14. Stock eines Hochhauses im Märkischen Viertel, einer Trabantenstadt im nördlichen Berliner Bezirk Reinickendorf. Zunächst hatte Mari anne Berger versucht, sie am Telefon abzuwimmeln und von »wichtigen Terminen« gesprochen, die sie heute habe. Als man ihr ankündigte, sie dann eben ins Präsidium vorzuladen, war sie eingeknickt und hatte einem Besuch der Kommissare Felter und Ergün um zehn Uhr zugestimmt.

Also saßen sie hier nun seit fast 20 Minuten bei geschlossenen Fenstern in der stickigen Wohnung und hatten kaum etwas aus den Bergers herausbekommen. Eigentlich nur, dass sie seit Jahren nicht mehr in der Laube gewesen seien. Das passte zu dem, was der Vereinsvorsitzende gesagt hatte: Man richte den Bergers bitte aus, sie mögen »endlich ihren Pflichten als Vereinsmitglieder nachkommen«, sonst müsste er ihnen das Grundstück zwangsweise entziehen. Interessenten gäbe es »mehr als genug«.

Als Walter Berger, der bis dahin nur wenige Worte gesprochen hatte, das hörte, richtete er sich, so gut er konnte, in seinem Rollstuhl auf. »Der soll sich nicht so haben«, bellte er. »Melanie kümmert sich doch um den Garten!« Dann bekam er einen Hustenanfall. Bestürzt sah seine Frau ihn an, wobei Fabian nicht sicher war, was genau sie erschrocken hatte: der plötzliche Gefühlsausbruch ihres Mannes, sein Hustenanfall oder der Inhalt seiner Worte.

Ergün schien es zu ahnen: »Wer ist Melanie?«, fragte sie ruhig aber bestimmt und ließ ihren Blick zwischen den Bergers hin- und herwandern.

Als keiner der beiden antwortete, richtete sich Fabian direkt an Marianne Berger: »Frau Berger, wer ist Melanie?«

»Unsere Enkelin«, sagte sie so leise und stockend, dass man es kaum verstand.

»Ihre Enkeltochter, ja? Wie alt ist sie? Und wo ist sie jetzt?«

Marianne Berger sah zu ihrem Mann, der nach seiner überraschenden Explosion wieder im Rollstuhl zusammengesunken war.

»Wie alt ist Ihre Enkelin?«, hakte Fabian nach.

»Vierundzwanzig«, sagte Marianne Berger kaum vernehmbar und schaute auf ihre Füße.

»Sie hat also einen Schlüssel für die Laube?«, wollte Ergün wissen.

Wieder Stille, wieder hilflose Blicke. Marianne Berger schaute auf ihre Hände in ihrem Schoß, die sie nervös knetete.

»Ich interpretiere das mal als Ja«, sagte Ergün.

Fabian merkte an ihrem schärferen Ton, dass ihre Geduld langsam erschöpft war.

»So, Frau und Herr Berger, es wird nun mal Zeit, dass Sie uns sagen, was Sie wissen«, sagte sie mit Nachdruck. »Ansonsten müssen wir Sie ins Präsidium vorladen. Und das würde für Sie sicherlich sehr viel unangenehmer als unser Gespräch hier miteinander.«

Ergüns Drohung bewirkte leider keinen Sinneswandel bei Marianne und Walter Berger: Sie schwiegen weiter. Während Frau Berger feuchte Augen hatte, klammerte sich ihr Mann krampfhaft an die Armlehnen seines Rollstuhles und starrte aus dem Fenster, durch das man von der Couch aus nur blauen Himmel sah.

»Wir wissen nichts über die Laube.« Es schien, als würde die alte Frau noch einmal alle Kräfte mobilisieren, um einen halbwegs zitterfreien Satz rauszubringen. »Wir gehen da nicht mehr hin. Das haben wir Ihnen doch schon gesagt.«

»Aber Ihre Enkelin geht da hin?«, fragte Ergün.

Marianne Berger nickte kaum sichtbar.

»Und wo ist Ihre Enkelin jetzt?«

Die alte Frau zögerte wieder, dann sagte sie: »Das wissen wir nicht.«

Fabian stand auf und fragte nach dem Badezimmer. Marianne Berger – offenbar froh, eine unverhoffte Gelegenheit zur Flucht geboten zu bekommen – wollte ebenfalls aufstehen.

»Nein, nein, bleiben Sie ruhig sitzen, ich finde es schon alleine«, bremste Fabian sie.

Er trat in den kleinen Flur, an dessen Enden sich Wohnzimmer- und Wohnungstür gegenüberlagen. Links gingen zwei, rechts eine weitere Tür ohne Sichtfenster ab. Alle waren geschlossen. Küche, Bad und Schlafzimmer, dachte Fabian. Bis auf ein paar Garderobenhaken und ein kleines Schuhregal war der Flur leer.

Er ging zur Wohnungstür. Als sie angekommen waren, hatte etwas an der Garderobe seine Aufmerksamkeit erregt, doch dann war er durch die Begrüßung der Bergers abgelenkt worden. Nun sah er, was es gewesen war: die quietschbunte, blumenverzierte Jacke mit einem großen Logo-Schriftzug auf dem Rücken, leicht versteckt hinter einem schwarzen Filzmantel, und die grauen Damen-Sneaker von Nike: beides sicher nicht die Kleidungsstücke einer 77-Jährigen.

Er öffnete die erste Tür neben der Garderobe: die Küche. Auf dem kleinen Küchentisch sah er einen achtlos aufgerissenen Karton Cornflakes und eine offene H-Milch-Packung. In einem Schälchen steckte ein Esslöffel in durchweichtem Müsli-Matsch. Er zog leise die Tür ins Schloss und öffnete die nächste: das Bad. Er trat ein, machte die Tür hinter sich zu, wartete einen Moment, betätigte die Klospülung und ließ kurz das Wasser laufen.

Ein Raum fehlte noch. Nachdem er die Badezimmertür hinter sich zugezogen hatte, trat Fabian so leise wie möglich an die gegenüberliegende Tür heran und legte das Ohr an: Er meinte, Geräusche zu hören, und wollte die Klinke greifen, dann zögerte er. Durfte er hier in der Wohnung eines alten, offensichtlich hochgradig verstörten Ehepaares herumlaufen? Er fühlte sich unwohl und war sich nicht sicher, ob er das Richtige tat. Was hätte Ergün in so einer Situation gesagt? »Folge deiner Intuition.«

Vorsichtig drückte er den Türgriff nach unten – und wich erschreckt zurück. Von innen tönte ein ersticktes Geräusch. Wie ein Schrei, nein, eher ein Wimmern oder Stöhnen. Es war so kurz, dass Fabian kurz an seinen Sinnen zweifelte: Hatte er es wirklich gehört? Noch einmal versuchte er, die Tür zu öffnen. Sie war abgeschlossen.

Als er ins Wohnzimmer zurückkam, schrieb Ergün gerade etwas in ihren Notizblock. Sie hob den Kopf und sah ihn an.

»Kannst du kurz mal rauskommen?«, fragte er.

Sie gingen zusammen in den Flur und schlossen die Wohnzimmertür hinter sich. Fabian berichtete ihr flüsternd von den Kleidungsstücken an der Garderobe, dem verschlossenen Schlafzimmer und den Geräuschen.

»Na, dann sollten wir da mal reingucken«, sagte Ergün und öffnete energisch die Wohnzimmertür. »Herr und Frau Berger, dürften wir mal einen Blick in Ihr Schlafzimmer werfen?«, fragte sie.

Die Frage löste bei den Bergers eine unerwartete Reaktion aus: Marianne Berger, die eben kaum noch die Kraft zu haben schien, zu sprechen, sprang regelrecht auf, ihr Mann drehte sich in seinem Rollstuhl schwungvoll um 90 Grad Richtung Zimmertür und bellte: »Nein, das dürfen Sie nicht. Es kommt gar nicht infrage, dass Sie hier in unseren Privatsachen herumschnüffeln. Dafür brauchen Sie ja auch sicherlich einen Durchsuchungsbefehl oder sowas. Außerdem haben Sie uns schon genug Zeit gestohlen. Bitte gehen Sie jetzt.«

Einen Moment standen Fabian und Ergün schweigend da, überrumpelt vom plötzlichen Elan der beiden.

»Nun gut«, sagte Ergün, »dann machen wir uns mal auf denWeg.« Fabian schaute sie verdattert an, doch sie schien sich ihrer Sache sicher zu sein: »Vielen Dank für den Kaffee«, schob sie hinterher. »Wenn Ihnen noch was einfällt: Die Karten mit unseren Nummern haben wir Ihnen ja hingelegt. Den Weg raus finden wir selbst.« Dann zog sie Fabian sanft zur Garderobe. Dort drehte sie sich noch einmal zu den Bergers um: »Wie heißt denn Ihre Enkelin eigentlich mit Nachnamen?«

»Kamp«, sagt Walter Berger, der mit dem Rollstuhl vor seiner Frau im Rahmen der Wohnzimmertür stand. »Melanie Kamp.«

Ergün schob den immer noch verdutzten Fabian zur Wohnungstür hinaus.

Als sich die Tür des Fahrstuhls geschlossen hatte, fragte Fabian: »Hätten wir nicht länger inistieren sollen, ins Schlafzimmer zu dürfen?«

»Hätte nichts gebracht«, meinte Ergün. »Rechtlich haben wir in so einer Situation keine Handhabe. Und die hätten sich eh weiter quergestellt.«

»Ist dir aufgefallen, dass sie kein einziges Mal danach gefragt haben, warum wir eigentlich da sind und nach ihrer Laube fragen?«

»Na klar«, antwortete Ergün belustigt. »Die waren total fertig. Glaub mir: Dauert nicht lange, da kippen die um.«

Fabian dachte an das Geräusch, das er durch die geschlossene Schlafzimmertür gehört hatte. Es hatte geklungen wie ein verängstigtes Tier.

Um kurz nach halb zwölf parkte Ergün den Dienstwagen vor dem Landeskriminalamt in der Keithstraße, einem wuchtigen Bau vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Fabian mochte die Gegend rund um Zoo, Kurfürstendamm und Gedächtniskirche: Es rührte ihn, wie das alte Westberliner Zentrum noch immer – 30 Jahre nach dem Mauerfall – geradezu krampfhaft versuchte, gegen die neuen Touristenund Shopping-Magnete im Ostteil anzukommen.

»Ich überleg mal, was wir mit den Bergers machen«, sagte Ergün, als sich vor dem Aufzug im vierten Stock ihre Wege trennten. »Ich meld mich nach demMittag bei dir.«

Auf der einen Seite erschien es ihm unklug, nach dem, was in der Wohnung geschehen war, einige Stunden untätig ins Land gehen zu lassen. Andererseits war er froh, dass sich die Kollegin um das weitere Vorgehen kümmern wollte. Er musste seine Berichte schreiben. Und Norbert Grindelmann, den Leiter seiner Mordkommission, anrufen, um ihm von der Laube zu berichten. Normalerweise hätte er das in der obligatorischen Morgenrunde mit dem gesamten Team getan. Von der hatten sich Ergün und er aber wegen ihres Termins bei den Bergers entschuldigt. Sicher wartete Grindelmann schon auf seinen Anruf.

Er betrat sein Büro, das er sich mit dem rund 15 Jahre älteren Kollegen Volker Braun teilte. Dieser schaute nur kurz von seinem Monitor auf und sagte »Hi«, als Fabian reinkam und sich an den Rechner setzte. Das Gebäude hatte keine Klimaanlage, die Räume waren heiß wie eine Sauna.

Er loggte sich ins Intranet ein, legte sein Notizbuch neben sich und rief die Datei mit dem Bericht zu den Spuren im Schrebergarten auf. Diese hatte er angelegt, bevor sie ins Märkische Viertel gefahren waren. Ehe er sich bei Grindelmann meldete, wollte er sich einen Überblick über die bisherigen Erkenntnisse verschaffen.

Gegen zwanzig nach zwölf klingelte sein Telefon. »Kommissar Felter«, meldete er sich.

»Mahlzeit. Kovac hier aus der Forensik, KTI 21.«

Mittlerweile hatte Fabian die vielen Abkürzungen der Abteilungen drauf: Das Team vom Kriminaltechnischen Institut 21 war für die allumfassende Spurensuche und -sicherung am Tatort zuständig, weshalb es auch »Tatortgruppe« genannt wurde.

»Ich dachte, Sie würden sich vielleicht für unsere ersten Erkenntnisse aus dem Schrebergarten von heute Nacht interessieren?«, sagte der Forensiker. »Sind zwar noch recht oberflächlich, aber ...«

»Auf jeden Fall«, sagte Fabian eifrig.

»So richtig viel wissen wir noch nicht, ist ja alles noch im Labor. Aufgrund der Muster kann man allerdings schon mal ziemlich sicher davon ausgehen, dass wir es mit Blut von mehreren Personen zu tun haben.« Er hielt inne, als ob er eine Reaktion von Fabian erwartete, der aber stumm blieb. Also sprach Kovac weiter: »Ein interessantes Detail hinsichtlich eines möglichen Tatablaufes sind sicherlich die Spuren auf dem Gehweg zwischen Haus und Gartentor: Neben den Kontaktspuren von Schuhsohlen haben wir eine recht deutliche Tropfspur sowie einige Satellitenspritzer identifizieren können.«

»Das heißt was?«, fragte Fabian.

»Naja, vermutlich, dass etwas weggetragen wurde, von dem Blut heruntergetropft ist – wie der Name ›Tropfspur‹ ja schon sagt«, antwortete der Kollege, »... oder auch jemand weggetragen wurde.«

»Wurde ein Tatwerkzeug gefunden?«

»Bislang nicht. Die Blutmuster sind insgesamt ziemlich uneindeutig. Viele Abwurf- und Wischspuren dabei. Da werden wir noch brauchen, um Licht ins Dunkel zu bringen.«

»Wie lange wird das dauern?«

»Schwer zu sagen. Ein bis zwei Tage mindestens, vielleicht auch länger. Sind gerade nicht besonders gut besetzt. Aber wir tun unser Bestes. Ich schicke gleich noch mal alles, was wir bislang wissen, per Mail.«

Fabian hatte kaum aufgelegt, da klingelte das Telefon erneut. Es war Grindelmann.

»Hallo, Herr Felter. Ich warte auf Ihren Bericht aus dem Schrebergarten.«

Verdammt, dachte Fabian. »Äh ... ja ... Ich wollte Sie gerade anrufen.«

»Umso besser«, sagte Grindelmann. »Schlage vor, wir setzen uns gleich im Konfi zusammen. Sie haben ja vermutlich auch noch nicht zuMittag gegessen?«

»Also ... ähem ...«, stotterte Fabian. »Nein, habe ich noch nicht.«

»Alles klar, dann lass ich uns eine Pizza bestellen. Irgendwelche Wünsche?«

»Ja, äh ... Irgendwas ohne Fleisch und Fisch ...«, stammelte Fabian.

»Ach ja, der Vegetarier!«, sagte Grindelmann. Fabian meinte, ein leicht süffisantes Lächeln rauszuhören.

Das war typisch, dachte er: Seinen Namen merkte sich kein Mensch, aber dass er kein Fleisch aß, wusste vermutlich schon der ganze Laden.

»Also eine Vegetarische für Sie«, sagte Grindelmann. »Ich klingel durch, sobald die Pizzen da sind. Bis gleich!«

Fabian legte auf, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und stieß ein »Oh Mann, ey!« hervor. Volker Braun schaute über seinen Bildschirm kurz zu ihm rüber: »Alles okay?«

»Jaja, klar, alles bestens«, sagte Fabian schnell. Er fragte sich, was er Grindelmann erzählen sollte. Noch konnte er sich auf nichts einen Reim machen.

5

Kurz vor 13 Uhr.

Das Dienstgebäude des LKA 1 hatte keine Kantine, weshalb man zum Mittagessen entweder rausging oder auf den Besprechungsraum auswich. Diesen betrat Norbert Grindelmann mit zielstrebigen Schritten, legte zwei Pizzakartons auf den Tisch und streckte Fabian, der auf ihn gewartet hatte und jetzt von seinem Stuhl aufstand, die Hand entgegen: »Hallo, Herr Felter, besser spät als nie!«

Der fast zwei Meter große Grindelmann, er überragte Fabian um einen ganzen Kopf, hätte einem Katalog für Business-Mode entsprungen sein können: kurz geschnittene grauschwarze Haare wie frisch vom Friseur, dunkelblauer Maßanzug, blütenweißes Hemd ohne eine einzige Falte, teuer aussehende schwarze Schuhe. Fabian hatte gehört, dass der Anfang 50-Jährige jedes Jahr einen Marathon lief – und so sah er auch aus.

Dynamisch umrundete Grindelmann den Konferenztisch und öffnete einen der Bodenschränke an der Längsseite des Raumes. Dieser hatte wenig Ähnlichkeit mit den schnieken Konferenzräumen aus Fernsehkrimis. Zwar hing an der Wand eine große, mit unzähligen bunten Nadeln gespickte Berlin- Karte. Ansonsten sah das Zimmer eher aus wie eine Küche: Auf der Fläche über den Bodenschränken standen eine Mikrowelle und eine Kaffeemaschine, außerdem ein Karton mit Teebeuteln und ein Tablett mit einer Zuckerdose und einer offenen Dose Kondensmilch. Auf dem Tisch lag eine angebrochene Kekspackung. »Hier müssen doch auch irgendwo Geschirr und Besteck sein«, murmelte Grindelmann. »Ah ja, hier!«

Nachdem er Fabian einen Teller, Messer, Gabel und ein Glas über den Tisch geschoben hatte, holte er eine Flasche Mineralwasser aus dem Schrank, goss beiden mit Schwung ein, nahm einen Schluck und griff zum Besteck. Jede seiner Bewegungen schien darauf abzuzielen, keine unnötige Zeit zu verschwenden. »Guten Appetit! Erzählen Sie mal: Wie sah das aus bei den Laubenpiepern und beim Ehepaar Berger?«

Fabian hatte sich vorgenommen, einen strukturierten Eindruck zu machen. Wenn er schon nicht wusste, wie er die bisherigen Erkenntnisse zu deuten hatte, wollte er wenigstens zeigen, dass er alles imGriff hatte. Deshalb berichtete er konsequent in chronologischer Reihenfolge: die Lage der Laube, das verwahrloste Grundstück, die Spuren auf dem Weg, das viele Blut im Haus, das eigenartige Gespräch mit den Bergers. Als er an der Stelle angekommen war, wie er in die anderen Räume geschaut hatte, zögerte er. Er wusste nicht, ob er sich einwandfrei verhalten hatte. Vor allem aber war er sich hier mit seinem Chef zusammensitzend plötzlich nicht mehr sicher, ob er das seltsame Geräusch hinter der Tür tatsächlich gehört hatte.

Er hatte zu lange gezögert: »Na, was ist? Woran denken Sie?«, fragte Grindelmann und machte mit der Gabel eine aufmunternde Bewegung.

Fabian erzählte von den jugendlichen Kleidungsstücken an der Garderobe, der verschlossenen Schlafzimmertür und der heftigen Reaktion der Bergers. Das Geräusch ließ er weg.

»Da haben Sie schon alles richtig gemacht«, beruhigte ihn sein Chef. »Aber so wie Sie es schildern, sollten wir an Herrn und Frau Berger wohl dranbleiben.« Er spießte ein Stück Pizza mit Salami auf. »Weshalb ich auch mit Ihnen sprechen wollte: Die Kollegen von der KT haben mir berichtet, dass kurz nach Ihnen eine Reporterin vom Blatt am Tatort war. Könnte gut sein, dass die schon morgen was bringen. Das erhöht in der Regel den Druck, weil dann sofort auch rbb und Konsorten aufspringen und uns mit Fragen löchern.«

»Verstehe«, sagte Fabian, der bislang kaum etwas von seiner Pizza gegessen hatte.

»Wie Sie wissen, haben wir gerade keine besonders luxuriöse Personalsituation«, sagte Grindelmann. »Ich hätte gerne, dass Sie sich erstmal weiter um den Fall kümmern – mit Unterstützung der Kollegin Ergün.«

»Alles klar, mache ich ... also wir, meine ich ... Sehr gerne!«, stotterte Fabian.

»Also, vielleicht können Sie uns ja morgen früh in der Team-Runde schon mehr berichten. Natürlich bitte auch jederzeit zwischendurch, wenn es wichtig ist.« Grindelmann tupfte sich den Mund mit der Serviette ab, stand auf und stapelte sein dreckiges Geschirr auf seinen Pizzakarton. »Bleiben Sie ruhig sitzen, Sie haben ja kaum was gegessen«, sagte er und verließ, vorsichtig sein Pizzakarton-Tablett balancierend, den Raum.

Fabian hatte keinen Appetit mehr – und keine Zeit: Er musste heute noch entschieden vorankommen, um in spätestens 30 Stunden vorzeigbare Ergebnisse liefern zu können.

Er ließ die angebrochene Pizza zurück in die Schachtel gleiten, klappte diese zu und brachte sein dreckiges Geschirr in die kleine Teeküche auf dem Gang. Als er in sein Büro kam, war der Platz des Kollegen verwaist. An Fabians Monitor klebte ein Post-it: »In Telefonzentrale melden. Dringend.« Er tippte die Durchwahl. »Hallo, Kommissar Fabian Felter hier, LKA 11. Ich sollte mich melden?«

Fabian hörte Raschelgeräusche und Gesprächsfetzen im Hintergrund. »Ja, Moment«, sagte der Kollege und schien den Hörer neben sich zu legen. Nach einer halben Minute meldete er sich wieder: »Hallo, sind Sie noch da?«

»Ja, ich höre«, sagte Fabian.

»Wir hatten einen Anruf von einer aufgeregt wirkenden Frau, die Sie sprechen wollte. Sie meinte, es sei dringend.«

»Alles klar. Wie heißt Sie denn?«

»Moment, hab ich aufgeschrieben.« Wieder Geraschel. »Hier: Kamp. Melanie Kamp.«

6

Eine halbe Stunde früher.

Anne war schon fast zur Redaktionstür raus, da fiel ihr noch etwas ein. Sie ging zurück zu ihrem Platz im Großraumbüro, das jetzt verhältnismäßig ruhig war: Die meisten der Kolleginnen und Kollegen waren beim Mittagessen oder unterwegs auf Recherche. Auch die Plätze links und rechts von ihr, abgetrennt durch niedrige Plastikwände, waren leer. Mal wieder war die Klimaanlage ausgefallen, weshalb die meisten jede Gelegenheit nutzten, der Sauna im siebten Stock des rundum verglasten Gebäudes zu entfliehen.

Sie legte Schlüsselbund, Handy und Portemonnaie auf den Tisch, setze sich, rief Google auf und gab »Fabian Behringer« ein. Der erste Treffer, den sie anklickte, führte zu einer Seite der Fachschaft Psychologie der Freien Universität Berlin. Allerdings schien sein Studium schon etliche Jahre zurückzuliegen. Er hatte mal einen Reiseblog aus Südamerika geschrieben, aber auch dieser war fast zehn Jahre alt. Auf Insta war er offenbar nicht, zumindest nicht unter seinem richtigen Namen, genauso wenig wie auf anderen Social-Media-Kanälen. Auch die Foto-Suche war frustrierend: nur alte Bilder aus der Schulzeit und von der Uni.

»Na, wichtige Recherche?«

Erschrocken drehte Anne sich um. Sie hatte Christian Schneider nicht kommen gehört, und fragte sich, wie lange er schon hinter ihr stand.

»Wolltest du nicht längst unterwegs sein für die Hundegeschichte?«

Schneider war nur zwei oder drei Jahre älter als sie, hatte es aber mit seiner aalglatten Art und hundertzehnprozentiger Einsatzbereitschaft – Leitspruch: »Ein Reporter ist immer im Dienst!« – schon zum Ressortleiter Lokales geschafft. Vor allem bei etwa gleichaltrigen Kollegen genoss er es, den Chef raushängen zu lassen – und besonders gerne bei Kolleginnen.

»Bin ja schon weg«, sagte Anne, leicht genervt, und versuchte aufzustehen. Da Schneider keine Anstalten unternahm, hinter ihrem Stuhl Platz zu machen, drehte sie sich umständlich zu ihm um und sagte: »Darf ich?« Erst jetzt trat er ein Stück zur Seite, so dass sie den Stuhl vom Schreibtisch wegschieben konnte. Mit ihren 1,77 Meter überragte sie ihn um einige Zentimeter. Sie quetschte sich im engen Gang zwischen den Schreibtischreihen an ihm vorbei.

»Vergiss nicht, was Nettes diesmal«, rief er ihr hinterher. Sie hob, ohne sich umzudrehen, eine Hand: »Ich weiß, für die Blattmischung!«

Die heilige Blattmischung: Eine Boulevardzeitung wollte zwar informieren, in erster Linie aber unterhalten. Hierfür musste jeden Tag, in jeder Ausgabe, von allem etwas dabei sein: große Weltpolitik und Tratsch aus der Nachbarschaft, Hightech von morgen und Herzschmerz von heute, ein bisschen Sex, ein bisschen Crime. Und natürlich ganz viele Emotionen. Oder auch die »drei großen ›T‹«, wie Schneider es gerne nannte: »Titten, Tränen, Tiere.«

»Kinder und Tiere gehen immer«, hatte er ihr außerdem grinsend mit auf den Weg gegeben, als er sie damit beauftragt hatte, eine große Geschichte über die Berlinerinnen und Berliner und deren Hunde zu recherchieren. Vielleicht würde es ein längeres Stück in der nächsten Wochenendausgabe werden, möglicherweise sogar eine Serie – je nachdem, was sie liefern würde. Sie war nicht unglücklich über den Auftrag, denn viele Hundebesitzer gehörten zur Stammleserschaft und redeten gerne über sich und ihre Tiere.

Ihren Text aus der Laube an der Avus hatte sie innerhalb von zwei Stunden runtergeschrieben, ihn nach der Bearbeitung durch Schneider aber kaum wiedererkannt. Das ging los bei der Überschrift: Sie hatte »Was geschah im Schrebergarten?« drüber geschrieben, woraus er »Mord in der Grusel-Laube?« gemacht hatte. Sicherlich an der Grenze zum presserechtlich Erlaubten, aber dafür wurden ja alle heiklen Texte vor der Veröffentlichung von hauseigenen Justiziaren geprüft.

Sie hatte sich längst daran gewöhnt, dass Schneider oder der Chefredakteur ihre Überschriften änderten. Unangenehmer fand sie, wie die beiden den Menschen in ihren Texten immer wieder übertriebene Gefühlsregungen andichteten. Zwar legten sie ihnen keine Worte in den Mund, die sie nicht gesagt hatten, dafür aber gerne eine Schippe Drama drauf.

Anne hatte die alte Frau Panofski korrekterweise damit zitiert, die Geräusche aus der Laube als »unheimlich« empfunden zu haben. Im lektorierten Text war sie dann »zu Tode verängstigt«. Das war natürlich Quatsch, so wie sie die resolute alte Frau kennengelernt hatte.

Sei’s drum: Frau Panofski würde erst morgen, wenn der Text in der gedruckten Zeitung erschien, von sich lesen. Bis dahin konnte Anne ihren neuen Kontakt für die geplante »nette Hundegeschichte« zweitverwerten. Schließlich hatten Frau Panofkis Schützlinge Bolle und Oskar doch recht fotogen gewirkt. Außerdem gab es nicht weit von der Laubenkolonie ein Hundeauslaufgebiet, wo sie sicher viele Prachtexemplare abgreifen konnte – an Hunden und Haltern gleichermaßen.

Sie fuhr mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage, wo sie mit Reinhard Meister verabredet war. Der leicht übergewichtige Ur-Berliner war Anfang Sechzig und sprach fortwährend über die guten alten Zeiten, als die Zeitungen noch das Geld hatten, ihre Leute für opulente Reportagen quer durch die Welt zu schicken. Seitdem das Internet erst die Auflagen und dann die Anzeigenerlöse hatte einbrechen lassen, wurde an allen Ecken und Ende gespart – beim Personal und der Ausstattung genauso wie bei den Spesen. Das hieß: mehr Arbeit für weniger Menschen zu schlechteren Bedingungen.

Viele Gründe also, der Vergangenheit nachzutrauern, was Meister ausgiebig tat. Außerdem fühlte er sich durchgängig von seinen Chefs ungerecht behandelt, die ihn gegenüber den jüngeren Kolleginnen und Kollegen für zu langsam und unflexibel hielten. Auch wenn Meisters Gemecker in Dauerschleife manchmal schwer auszuhalten war, mochte Anne ihn. Und vor allem war sie jetzt froh, bei der Hitze weder mit dem Fahrrad noch den Öffis fahren zu müssen, sondern in Meisters klimatisiertem Opel-Kombi mitgenommen zu werden.

Auf dem Weg zum Grunewald erzählte sie ihm von ihrem Auftrag. Das löste bei ihm einen Redeschwall aus, in dem es neben vielen anderen Dingen darum ging, dass es ja im Grunde unter seiner Würde sei, Hundebilder zu machen, dass Kinder und Tiere allerdings am allerschwersten zu fotografieren seien, warum das ausgerechnet mittags sein müsste, wo es erstens viel zu heiß und zweitens die Lichtverhältnisse unterirdisch seien, er außerdem heute noch keine einzige Pause gehabt und noch nichts zu Mittag gegessen habe und seit heute Morgen noch nicht mal pinkeln gewesen war. Anne stellte auf Durchzug, sagte nur ab und zu »Oh je« oder »Hast recht« und dachte über ihre Fragen für die Hundehalter nach. Zwischendurch klingelte ihr Telefon: Ihre Mutter blieb hartnäckig. Sie ignorierte den Anruf.

Zwanzig Minuten später bogen sie in den Weg zur Laubenkolonie ein. Als Meister das Grundstück mit dem Mottengespinst sah, rief er aus: »Na, dit sieht ja heiß aus.« Daraufhin erzählte Anne ihm von den Blutspuren und dem morgen erscheinenden Artikel, was Meister zu dem beleidigten Kommentar »Zu sowas schicken sie natürlich wieder jemand anderen« veranlasste.

Dieses Mal brauchte Erika Panofski nicht so lange wie am Morgen, um die Tür zu öffnen. Wieder schossen ihre beiden Hunde laut bellend aus der Tür.

»Hallo, Frau Panofski, darf ich noch einmal ein wenig von Ihrer kostbaren Zeit stehlen?«, sagte Anne mit einem strahlenden Lächeln. »Diesmal geht es um Ihre Hunde.«

»Um meine Hunde? Was ist denn mit denen?« Die alte Frau schien etwas verwirrt, schon wieder die junge Reporterin vor sich zu sehen.

»Gar nichts ist mit denen. Wir sollen nur einen Artikel über Berlins schönste Hunde schreiben, und da musste ich gleich an Bolle und Oskar denken.«

Mehr musste Anne nicht sagen, um die alte Frau zumMitmachen zu bewegen. Während Meister sie und ihre Hunde vor dem Haus und im Garten in allen möglichen Konstellationen und Positionen ablichtete, fragte Anne sie aus: Wie lange sie die Hunde schon hatte, was sie besonders an ihnen mochte, ob sie ohne sie leben könnte, was sie an ihnen im Vergleich zum Mensch schätzte und so weiter und so fort.

Nach 20 Minuten machte ihr Meister ein Zeichen, genug Material im Kasten zu haben.

»Das wär’s schon«, sagte Anne. »Vielen Dank, dass Sie wieder so toll mitgemacht haben.«

Sie hatten das Gartentor schon hinter sich geschlossen und sich verabschiedet, da hörte sie die Stimme von Erika Panofski hinter sich: »Frau ... ach Gott, jetzt habe ich ja ganz Ihren Namen vergessen ...«

Anne drehte sich um: »Temmen ... Kein Problem, ist ja auch ein Allerweltsname. Was ist denn, Frau Panofski?«

Die alte Frau stand direkt hinter ihrem Gartentor, auf dem sie sich abstützte. Sie schien sich nicht sicher zu sein, ob sie sagen sollte, was ihr durch den Kopf ging. »Ich weiß ja, dass sie jetzt wegen meiner Hunde hier sind. Aber mir ist noch was eingefallen zur Laube der Bergers.«

»Was denn, Frau Panofski?«

»Naja, vor ein paar Tagen ist die Melanie hier plötzlich wieder aufgetaucht, die hatte ich ja auch seit Jahren nicht mehr gesehen. Und sie war irgendwie so komisch und ...«

»Entschuldigung, Frau Panofski, wer ist Melanie?«

»Ach so, na also, Melanie ist die Enkelin der Bergers. Die kenne ich schon, seit sie ...«, sie hielt die flache Hand etwa einen Meter über den Boden, »... so klein ist. Als Lütte war sie öfter in der Laube. Später ist sie dann manchmal mit meinen Hunden Gassi gegangen, als ich im Krankenhaus war. Oh, das war ’ne schlimme Zeit. Hatte Krebs und hab Chemo bekommen und alles. Ist aber gut ausgegangen. Ich leb ja noch, wie Sie sehen.« Sie lachte. »Naja, auf jeden Fall hat mir die Melanie da manchmal mit den Hunden geholfen. Waren aber nicht Bolle und Oskar, da hatte ich noch den Cäsar und die Jacky. Das waren vielleicht zwei Racker. Einmal haben sie ...«

Anne fiel ihr ins Wort: »Sie meinten, die Melanie sei irgendwie komisch gewesen?«

»Ja, ganz komisch. Zuerst habe ich mich gewundert, sie überhaupt mal wieder hier zu sehen – nach all den Jahren. Und dann hat sie sich immer so komisch umgesehen. Auch als sie wieder weg ist. Hat so nach allen Seiten geguckt. Als ob sie nicht will, dass sie jemand sieht.«

»Und das war letzte Woche?«

»Ja, am Wochenende. Am Samstag, glaube ich. Oder nein: Muss am Sonntag gewesen sein, weil ich doch gerade den Fernsehgarten geschaut habe. Der kommt immer sonntags.«

»Heißt denn die Melanie auch Berger?«

»Nee, hat doch geheiratet vor ein paar Jahren. War ich sogar eingeladen. So ’nen unsympathischen Kerl. Wie hieß der noch? Irgendwas mit ›K‹ ... Warten Sie ... ›Kamp‹! So hieß er. Naja, und sie dann auch.« Wieder lachte sie. »Ziemlich proletiger Typ. Aber das Fest war schön. In einem Gasthof in Lübars. Mit Kapelle und allem Pipapo. Das Essen hatten sie ...«

»Frau Panofski ...« Anne bemerkte ihren eigenen ungeduldigen Tonfall und versuchte, sanfter zu klingen: »Ich kann mir vorstellen, dass das eine schöne Feier war. Und danach haben Sie die Melanie hier nicht mehr gesehen?«

»Nee, oder doch, aber höchstens zwei oder dreimal. Einmal war sie noch mit ihrem Kleinen da, aber das ist jetzt bestimmt auch schon wieder zwei Jahre her. Im letzten Sommer war’s auf jeden Fall nicht ...«

Plötzlich veränderte sich der Gesichtsausdruck der alten Frau: »Oh, mein Gott, es wird ihr doch nichts Schlimmes passiert sein?«

»Soweit wollen wir mal nicht denken, Frau Panofski. Vielleicht hat das ja alles überhaupt nichts mit ihr und den Bergers zu tun. Wir als Zeitung können da auf jeden Fall nicht viel machen. Danke trotzdem, dass Sie es mir erzählt haben. Morgen erscheint übrigens der Artikel.«

»Oh ja, ganz sicher kaufe ich mir morgen eine Zeitung«, sagte Panofski zerstreut. Sie nahm ihre Hände vom Gartentor, um ins Haus zurückzugehen.

»Entschuldigung, doch noch eine allerletzte Frage«, sagte Anne. Die alte Frau drehte sich auf halbem Weg zwischen Gartentor und Haustür zu ihr um.

»Sie wissen nicht zufällig, wo Melanie jetzt wohnt?«

Panofski schaute sie einen Moment verständnislos an. Dann lächelte sie verschwörerisch: »Doch, zufällig weiß ich das. Warten Sie.« Sie ging ins Haus und kam nach einer Minute mit einem kleinen zerknitterten Zettel zurück, den sie Anne reichte. »Hier, sie hat’s mir mal aufgeschrieben.« Mit besorgter Miene setzte sie hinzu: »Glauben Sie wirklich, dass es ihr gut geht?«

»Das weiß ich nicht, Frau Panofski. Aber wir werden es sicherlich bald erfahren. Tausend Dank erstmal!«

Anne drehte sich um, schaute zum Auto und musste grinsen: Reinhard Meister hatte den Fahrersitz zurückgekippt und schlief mit offenem Mund.

7

56 Jahre zuvor.

Oktober 1963.

Er war so müde.