Frolleinwunder - Doreen Unkel - E-Book

Frolleinwunder E-Book

Doreen Unkel

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Beschreibung

Maska, der archäologischen Ermittler aus Schwerin, ist mit Frollein und Mautz, dem letzten Kobold Mecklenburgs, in ein Gutshaus aufs Land gezogen. Die ländliche Ruhe wird gestört, weil die Polizei seine Unterstützung bei der Aufklärung eines Bandenkriegs zwischen einer fliegenden Motorrad-Gang und einem Haufen geschichtsträchtiger Handwerker einfordert. Als Gegenleistung darf er mit einem alten Seemann sprechen, der nur alle hundert Jahre an Land geht. Kann Maska den Bandenkrieg stoppen, der bereits ein Todesopfer gefordert hat? Welche Rolle spielt die betörende Holly, die in einem dünnen Nachthemd und Gummistiefeln hinter ihm herläuft? Ist der einäugige Alte, der die Biker-Gang leitet, Freund oder Feind? Und warum hängt Frolleins Zukunft von einem Mord im Jahr 1952 ab, den sie fotografieren will?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ich bekomme Post

Eine Leiche auf dem Tisch

Hammer und Nagel

Frust und Langeweile

Ghostriders

Die Ritter der Kabeltrommel

Familie und Geschichte

Ein geschmackvoller Himmel

MecklenBlut

Hello Kitty

Nötigung mit Diät

Nur für Mädchen

Nicht schwängern und nicht schwanger werden

Die wandelnde Heizdecke

Hier kann alles passieren

Tiefbau ist kein Handwerk

Zwölf Pfannkuchen im Sack

Ein dritter Player auf dem Spielfeld

Kobold im Kindersitz

Knappe des Klingelzuges

Wer sind Sie?

Geschichtsunterricht

Es entwickelt sich

Aufbruch

Impressum

Vorwort

Zu meiner Reihe »Maska – Der Schnüffler von Schwerin« gibt es ein Begleitbuch. Es erzählt die Geschichte und die Motivation von Maskas Erzfeind Dr. Kneifer aka Dr. Zwick, Peter Pinch, Prof. Zange und Graf Zwack.

Es ist nicht notwendig, das Begleitbuch schon gelesen zu haben, »Der letzte Bigfoot Mecklenburgs« ist in sich abgeschlossen und Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Das Begleitbuch »Die geheimen Tiere Mecklenburgs« von Dr. naturalis Ferdinand Kneifer ist als eBook im Verlag Weberhof erschienen, wenn auch nicht ohne Bedenken.

Doreen Unkel

Ich bekomme Post

Mein Instinkt hat mich geweckt. Ich spüre jedes Haar in meinem Nacken.

Das Schlafzimmer ist dunkel, das Mondlicht ist alt und schwach.

Ich liege still und horche, aber außer Frolleins tiefen Atemzügen neben mir ist nichts zu hören. Meine Waffe ist dreißig Zentimeter von meinem Kopf entfernt, in der Schublade.

Neben dem Bett schleicht etwas über den Holzfußboden, dann schiebt sich an der Bettkante ein Gesicht nach oben.

Es ist ein altes Gesicht, ledrig und faltig. Letzte Haare auf dem Schädel stechen in das Mondlicht. Die Augen liegen weit zurück, sie schimmern in der Dunkelheit, sie beobachten uns. Ein Gesicht aus den Tiefen der Zeit, ein Gesicht voller Grausamkeit und Leid. Der Schädel ist klein wie der eines Kindes, doch aus ihm strömt die Bosheit des Alters. Ein zahnloser Mund öffnet sich und eine schwarze Zunge fährt über schmale Lippen.

Mit diesem Wesen ist ein toter Geruch ins Zimmer gekommen. Ein Geruch nach feuchter Erde, kalter Angst und alten Socken.

»Mir ist langweilig«, sagt Mautz.

»Nerv nicht rum«, sage ich. »Frühstück dauert noch.«

Mautz, genauer Mauritius Edler vom Petersberg zu Pinnow ist der letzte Kobold Mecklenburgs. Ich habe ihm viel zu verdanken. Mein Leben, einige Säcke mit Gold und viele ungewollte Ratschläge. Er wohnt im Ostflügel und will dort seine Ruhe.

Irgendetwas muss ihn aufgeschreckt haben.

»Außerdem ist Post da. Wollte ich nur sagen.« Er dreht sich um und ich höre seine Schritte und seinen Spazierstock leiser werden.

»Post? Nachts um drei?«

Wahrscheinlich zucken die schmalen Schultern unter dem alten Gehrock. In der Dunkelheit ist das nicht zu sehen.

Frollein neben mir dreht sich um, ein nackter warmer Arm umschlingt mich.

Wenn Ihr Euch nachts um drei zwischen einer wunderwarmen Wonderwoman wie Frollein und einer geheimnisvollen Postsendung entscheiden müsst, dann macht nicht den Fehler, den ich mache.

Ich krieche unter ihrem Arm weg, stehe auf, ziehe mir eine Hose an und gehe runter. Den Gang entlang, vorbei an vier Türen rechts und an vier Türen links. Hinter diesen Türen sind Bücher, alt und gefährlich.

Den Buchladen in der Schweriner Innenstadt haben wir aufgelöst, es kam einfach niemand mehr. Niemand scheint mehr Bücher über die wahre Welt, die echten Wahrheiten und die genauen Zusammenhänge zwischen den Dingen zu schätzen. Frollein wollte raus aus der Stadt und hat uns das alte Gutshaus in Witzin ausgesucht. Das hat uns zwölf Handvoll Goldmünzen von Störtebekers Schatz gekostet, die Kisten mit dem Rest davon haben wir im Keller verstaut.

Dann die Freitreppe herunter in die Eingangshalle. Unter meinen Füßen knarren die Holzdielen, Staubkörner schrecken hoch und fliehen in die Schatten.

Der Umschlag ist mit einem Dolch an die Haustür genagelt. Der rote Siegellack ist noch warm. Mit dem Daumen kann ich einen Abdruck darin fühlen.

Da will jemand nicht wahrhaben, dass ich nicht mehr im Geschäft bin.

Ein Dolch dieses Mal, keine Kriegsaxt der Zwerge. Er liegt leicht in meiner Hand, nachdem ich ihn herausgezogen und den Umschlag in die andere Hand genommen habe. Es ist ein nachgemachter Dolch mit einer zu leichten Klinge und einem Griff aus goldfarbenem Plastik. Der große Bruder eines geschmacklosen Brieföffners aus einem asiatischen Versandhandel. Er ist so leicht und die Klinge ist so stumpf, dass ich ihn ohne Bedenken unter den Bund meiner Boxershorts schieben kann.

Da will jemand, der keine Ahnung hat, Eindruck schinden.

Das noch warme Siegel biegt sich, bevor es bricht. Der Abdruck im Siegellack stammt von einem Kronkorken. Sehr kreativ.

Wahrscheinlich sitzt der Absender in Sichtweite in einem Auto und sieht zu. Wenn der Siegellack noch warm ist, dann kann er nicht weit sein.

Ich drehe mich um. Es ist nichts zu sehen. Schneeflocken tanzen um mein Gesicht. Nur wenige Tage bis Weihnachten.

Warum gehe ich eigentlich nicht rein, um den Brief zu lesen?

Die Handschrift habe ich bereits erkannt.

Kommissar Kartoszykski hätte auch anrufen können. Aber Karl Kartoszykski, von einigen Karlchen und von vielen außerhalb seiner Hörweite Karl Arsch genannt, pflegt seinen eigenen Stil.

Wir hatten bereits Kontakt und der beschränkte sich auf höfliches Wegsehen, kurze Beschimpfungen und geballte Fäuste in Hosentaschen. Ich kenne wenige Menschen, die ich gerne weniger gut kennen möchte.

Auf der Milchglastür meines kleinen Büros in Schwerin, bevor wir den alten Bücherladen übernommen hatten, stand ›Archäologische Ermittlungen‹ und ich machte keine Scheidungen. Kartoszykski hat keinen Bedarf an privaten Schnüfflern, die sich in seine Fälle einmischen. Ich habe ihm nie erzählt, wie ich die letzten Fälle gelöst habe, er würde es nicht verstehen. Es kann sein, dass er etwas ahnt, aber er kann das geschickt verbergen. Karl Arsch zeigt nicht gerne seine geistigen Gaben.

Statt der Sommersonne, die in Schwerin durch quergestellte Jalousien in mein Büro schien und den Staub zum Tanzen brachte, scheint nun täglich blasse Dezembersonne durch die großen Fenster des Gutshauses in mein Arbeitszimmer voller unausgepackter Bücherkartons. Hier bin ich ein Niemand mit Vergangenheit. In Schwerin kannte ich jede Ecke jedes Archivs, kannte alle Straßenlampen im Halbdunkel und kannte die grauen Stellen der Stadt, an denen man heiße Ware bekommen konnte, echten Feenstaub, echte Dokumente aus Drachenhaut und illegale Übersetzungen. Ich bin nie dem Geld nachgelaufen, habe immer das Geld zu mir laufen lassen. Dicke schwitzende Männer kamen in mein Büro, Puppen in engen Kleidern und Babes in kurzen Röcken. Die Bücher machten mein Büro eng, durch das offene Fenster zogen die Gerüche der Bäckerei und der Straße in den Raum. Im Schreibtisch standen rechts die Flasche und zwei leere Aktenordner, in dem Fach links wohnte Mautz. Frollein saß nebenan in ihrem kleinen Vorzimmer, das einmal das Kinderzimmer der angemieteten Zweiraum-Wohnung war, hämmerte auf ihrer Schreibmaschine und war einfach nur Frollein, die regelmäßig wegen Geld nervte.

Erst später erkannte ich, dass sie die Welt ist und das Leben.

Der Brief ist kurz, Karl Arsch macht nicht gerne viele Worte. Dazu hat er meist auch keine Gelegenheit, denn niemand hat gerne lange mit ihm zu tun.

Mit der Technik hat er es nicht, daher hat er den Brief auf einer alten Schreibmaschine getippt. Ich nehme an, er hat von seinem Vater eine Reiseschreibmaschine Modell ›Erika‹ aus Beständen der Volkspolizei geerbt, die wurde von den VoPos für Unfallprotokolle vor Ort genutzt.

Hier hatten sich die Typenhebel mehrfach verhakt und das Farbband muss so blass gewesen sein wie die abgelegten Nylonstrümpfe eines pensionierten Showgirls. Die dünnen Buchstaben tanzen in den Zeilen auf und ab.

Tippen kann Karl Arsch also auch nicht. Und die Angelegenheit war ihm wichtig genug, um es nicht vom Sekretariat der Mordkommission tippen zu lassen. Er sagte mal, die guten Sekretärinnen bräuchten nur ihre Klamotten und einen Laptop, die richtig guten bräuchten nur den Laptop. Das fand außer ihm niemand lustig, auch nicht die, die es verstanden hatten.

Von seinem Vater hat er auch den Cordhut geerbt, sagt man hinter seinem Rücken. Aber man sagt es leise, denn der Vater war auch bei der Kripo, die überall nur ›K‹ genannt wurde, und Karlchen setzt die Familientradition fort. Er ist also gleichzeitig von Beruf Sohn und Polizist, aus meiner Sicht eine gefährliche Mischung. Unfähigkeit trifft Langeweile, aber wer ihm das ins Gesicht sagt, kann über seinen Aufenthaltsort nicht mehr frei verfügen. Karlchen ist derjenige, der bei der Party die Löffel zählt, wenn die Gäste sich verabschieden.

Ich gehe ins Haus, ziehe mir den Trenchcoat über, der schon lange ungenutzt am Haken hängt, und stelle mich mit seinem Brief unter die nächste Lampe.

›Maska, brauche Ihre Hilfe. 0900 Uhr in der Gerichtsmedizin. Habe Sie schon angemeldet. gez. KHK Kartoszykski‹

Das ist interessant, denn ich bin eigentlich der Letzte, den Kommissar Kartoszykski um Hilfe bitten würde. Meist ignoriert er meine beiden Doktortitel, einen in mittelalterliche Philologie und einen in angewandter Kryptozoologie.

Also war es ihm peinlich genug, um es nicht von jemand Anderem tippen zu lassen.

Und noch interessanter ist das P.S.

›Vanderdecken hat Post für Sie‹.

Mir wird beim Lesen kalt, und das hat nichts mit den Boxershorts zu tun, die von den Schneeflocken feucht sind.

Diese Chance kommt nur einmal alle hundert Jahre.

Um halb Neun rufe ich im Polizeipräsidium an und lasse Herrn Kommissar Kartoszykski ausrichten, dass ich den Termin reserviert habe.

In der Garage steht der Namenlose. Ich finde es albern, wenn die Leute ihren Autos Namen geben.

Andere denken, Aberglaube bringt Unglück. Aber sie irren. Aberglaube ist nur der sichtbare Teil des alten Wissens, das die Welt zusammenhält und mit dem ich meine Fälle löse. Und ohne das ich meine Fälle nicht hätte.

Bevor ich ins Auto steige, gehe ich in die Werkstatt und stecke einen Hammer und einen großen Nagel in meine Jacke.

Bei der Post, die mich erwartet, sind Hammer und Nagel so notwendig wie ein Feuerlöscher beim Weihnachtssingen der Brandstifter-Selbsthilfe.

Eine Leiche auf dem Tisch

Und jetzt stehe ich mit Karl Arsch in der Gerichtsmedizin. Wir stehen auf der einen Seite eines Stahltisches, auf der anderen Seite arbeitet ein Mann mit einem scharfen Messer am abgemagerten Körper einer Frau. Ich kann von ihm nur die Augen und ein paar Haare zwischen OP-Haube, Maske und einem weißen Plastikkittel sehen.

Ok, das Messer heißt Skalpell, die Frau ist schon mehrere Stunden tot und er ist Pathologe, das soll also alles so sein. Aber mir hätte es gereicht, davon in einem Buch zu lesen. Der Geruch und die Sound-Effekte sind nur etwas für kaltherzige, dickhäutige, abgebrühte Emotionskrüppel.

Der Kommissar neben mir scheint sich wohl zu fühlen. »Was ist das denn?«, fragt er und zeigt mit einem krummen Zeigefinger auf den Bauch der Toten. Er ist ein Arschloch, aber ein erfolgreiches Arschloch.

Wir wussten bereits, dass die Frau eine große Tätowierung auf dem Rücken hat, ein symmetrisches Bild von zwei sich ansehenden und mit den Schnabelspitzen fast berührenden lebensgroßen schwarzen Raben. Gut gemacht, finde ich, aber es wirkt irgendwie altmodisch.

Die OP-Maske uns gegenüber brummelt. »Alte Narbe, längst verheilt. Gut gemacht, obwohl es sicher eine Not-OP war. Unfall, denke ich, tiefe Wunde, wahrscheinlich innere Organe. Milz, Leber, mehr kann ich sagen, wenn ich zehn Zentimeter weiter bin. Da waren sicher einige Blutspenden notwendig, bis sie durch war.«

»Und die Todesursache?«

»Nicht eindeutig, noch immer nicht. Wir haben hier sowohl Spuren von Unterkühlung als auch Verbrennungsspuren. Brandbeschleuniger, vermute ich, die Analyse der Hautproben wird uns hoffentlich sagen, was da über sie gekippt und angezündet wurde. Und Spuren eines Aufpralls aus größerer Höhe, mehrere Knochenbrüche.« Die Maske zuckt mit den Schultern, der Plastikkittel knistert. »Als wenn der Rest nicht merkwürdig genug wäre. Zum Beispiel Fraßspuren am Unterschenkel.«

Natürlich macht er uns damit neugierig, aber wir müssen warten, bis er ein faustgroßes Organ aus der Bauchhöhle der Frau gelöst und in eine Schale aus Edelstahl gelegt hat. »Viel zu groß und viel zu schwer«, brummt er leise. »Wo war ich? Ach ja, der Rest.« Er löst den Blick nicht von dem offenen Bauchraum, der vor ihm liegt. »Die Frau war in einem sehr schlechten Zustand. Mitte zwanzig, denke ich, aber ihr Immunsystem ist durcheinander. Mangelerscheinungen, Auszehrung, untergewichtig, Blutarmut, dunkle Augenringe und offensichtlich anfällig für eine große Zahl von Infektionskrankheiten. Da sind alle Infektionen, die ich im Studium gelernt habe und noch eine Handvoll, für die ich einen Preis kriege«. Seine Ohren gehen leicht nach oben, er grinst hinter der OP-Maske.

»Fällt Ihnen der Geruch auf?«, frage ich Karlchen.

»Wie heißt das doch gleich? Ammoniak. Normaler Geruch hier unten, oder?«

Der Pathologe zuckt mit den Schultern. »Die einen sagen so, die andern so. Ich rieche das nach all den Jahren nicht mehr. Dachte schon, mein Deo hätte versagt.«

Ich erinnere mich an eine Checkliste und gehe sie durch. »Eisenmangel? Mangel an Vitamin B-12? Folsäure? Kupfer?«

Er schüttelt jedes Mal den Kopf. »Nein. Alles ausreichend vorhanden, soweit ich das bis jetzt sagen kann. Worauf wollen Sie hinaus?«

»Was denken Sie?«, frage ich Karlchen.

»Ich denke, es ist ein Statement, dass die Leiche genau auf der Grenze von Mecklenburg und Vorpommern gefunden wurde.«

»Wo genau?«

»Zwischen Mandelshagen und Völkshagen, in der Nähe der Wochenendsiedlung. Auf freiem Feld, ein Bauer ist über sie gestolpert.«

»Was macht ein Bauer kurz vor Weihnachten auf dem Feld?«

»Keine Ahnung. Mir egal.« Der Kommissar schließt die Augen und denkt nach. Der Versuch ehrt ihn. »Laut den Kollegen vor Ort hat er ausgesagt, von Weitem einen Fuchs gesehen zu haben, der an etwas gefressen und gezerrt hat.«

Das erklärt schon mal die Fraßspuren. Aber nicht den Rest.

»Auf jeden Fall war jemand sehr pingelig, die Tote genau auf die Landesgrenze zu legen. Mit GPS ausgemessen, denke ich.«

»Dann sind Sie hier wohl fertig. Ich schicke später meinen Bericht«, brummt der Pathologe hinter der OP-Maske. »Hier geht es um Wissenschaft, nicht um Grenzstreitigkeiten.«

»Grenzstreitigkeiten, das kann genau das Stichwort sein«, erklärt der Kommissar. Wir stehen im Fahrstuhl, der uns aus den Eingeweiden des Universitätskrankenhauses wieder ans Tageslicht bringt. »Und deshalb sind Sie hier, Maska.«

»Ich bin kein Vermessungstechniker«, erinnere ich ihn. »Ich bin der mit den Büchern.«

Er winkt ab. »Es geht nicht um Grenzverläufe, sondern um Gebietsansprüche. Wir sind mitten in einem Bandenkrieg und die Frau da unten ist das erste Todesopfer.«

Wir drehen Pappbecher auf einem schmutzigen Tisch. Sonst stehen wir gerne draußen an einem der Stehtische vor der Imbissbude, aber nicht bei drei Grad und Ostwind. Jetzt ziehen Schwaden von Frittenfett an uns vorbei und versuchen, den Geruch von frischen Zwiebeln einzuholen, der eben bei uns war.

Ich habe schon beschlossen, diesen Kaffee nicht zu trinken.

»Davon war noch nichts in der Presse«. Ich versuche, das Gespräch wieder aufs Thema zu bringen.

Er schüttelt den Kopf. »Natürlich nicht, das halten wir so lange wie möglich da raus. Und wir haben eigentlich noch nichts Konkretes, abgesehen von der mehrfach toten Frau auf dem Stahltisch der Pathologie.« Er schiebt seinen Becher durch die Schlieren auf der Plastiktischdecke. »Und echt, Maska, ich bin ratlos. Wir haben alle Anzeichen eines Bandenkrieges, wir wissen aber nicht, worum es geht. Die üblichen Motive wie Schutzgeld, Drogen, Mädchenhandel und so weiter, scheiden alle aus. Das ist alles fest in den Händen anderer Gangs. Aber die beiden Gangs, die hier am Werk sind, sind irgendwie mächtiger und mehr spezialisiert. Irgendwie exklusiver. Esoterischer.«

Er zeigt gerade ein unerwartetes Vokabular. Vielleicht hat er seinen Fernkurs verlängert.

»Jetzt haben wir das erste Todesopfer, das erhöht natürlich das Tempo. Und den Druck.«

»Wieso passt diese Frau da rein?«

»Die Tätowierung, die beiden Raben, das ist das Zeichen der einen Gang. Eine Bikergang aus Rügen, die von einem Einäugigen angeführt wird. Wilde Jagd, nennen sie sich. Dieses Tattoo bekommen ihre Mädels, wenn sie aufgenommen werden. Auch wenn sie natürlich nicht mitfahren dürfen.«

Mein Kaffee ist kalt, ein weiterer Grund, ihn nicht zu trinken. Aber meine Hand wird gerade warm. »Und die andere Gang?«

»Nicht grinsen, ok?«

Ich nicke.

»Ein paar alte Männer vom Land. Alles gestandene Handwerker, Innungsmeister, Preisträger, Ausbildungsbetriebe, geschäftlich erfolgreich bla bla bla.« Karlchen rührt mit der Hand in der Luft. »Die Tote war bei einem dieser Betriebe angestellt.«

»Ein Gang-Tattoo der einen Seite auf dem Rücken und arbeitet für die andere Seite? War sie eine Überläuferin? Ein Spitzel? War sie Beute?«

Er zuckt nur mit den Schultern. »Wir stehen da ganz am Anfang der Ermittlungen.«

Kommissar Kartoszykski tut etwas, das ich nie erwartet hatte. Er tut mir leid. Der Mann hat wieder keine Ahnung.

»Wo auf dem Land sitzen diese Handwerker?«

»In Gammelin. Da hat einer von ihnen seine Werkstatt und dort treffen sie sich meistens. Scheint so eine Art Hauptquartier zu sein.«

»Was wissen wir über die Biker aus Rügen?«

Er hebt die Augenbraue, weil ich ›wir‹ gesagt habe und guckt wie ein dankbarer Dackel mit Cordhut.

»Nicht viel. Wegen des Namens waren sie ein paarmal unter Verdacht, etwas mit Deutschnationalen oder Rechtsradikalen zu tun zu haben. Aber sie scheinen in einer ganz anderen Liga zu spielen. Alle Vorwürfe wurden zweifelsfrei aufgeklärt. Auf der anderen Seite jede Menge Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung, Geschwindigkeitsübertretungen, nicht eingetragene Veränderungen an den Motorrädern, Ruhestörung, nicht angeleinte Hunde, Fahren ohne Führerschein, Fahren unter Alkoholeinfluss und so weiter.«

»Vollkommen normales Verhalten für eine Motorradgang.«

»Zeugen haben sich gemeldet und behauptet, sie hätten die Gang durch die Luft fliegen sehen, auf den Motorrädern und von vielen Hunden begleitet. Das letzte Mal ist aber schon eine Weile her. Kurz vor Neujahr letztes Jahr also, glaube ich.«

Das ist nicht überraschend, aber ich will ihm das nicht vorhalten. Der Mann hat echt keine Ahnung.

»Aber jedes Mal, wenn die Biker von Vorpommern nach Mecklenburg kommen, gibt es Ärger. Und jedes Mal, wenn einer von den Handwerkern aus Gammelin einen Auftrag in Vorpommern hat, gibt es auch Ärger. Ich habe nicht einmal begriffen, warum Handwerker aus Gammelin so viele Aufträge auf Rügen annehmen, die Fahrerei macht doch jedes Angebot zu teuer.« Der Kommissar knallt seinen Becher auf den Tisch. »Und jetzt, Maska, sagen Sie mir, was diese beiden Gangs gemeinsam haben? Ehrlich gesagt, fällt mir zu dem Fall nichts mehr ein.«

Seine Schultern sinken und er sieht sich um, will sicher sein, dass ihn bei diesem Geständnis niemand belauscht hat.

Ich habe eine Theorie, aber die wird er nicht hören wollen. Dr. Kneifer, so heißt meine Theorie, die größte Gefahr für Mecklenburg. Dr. naturalis Ferdinand Kneifer, auch bekannt als Dr. Zwick, Peter Pinch, Prof. Zange und Graf Zwack. Verarmter Adel mit einer Mission. Und seine Mission heißt Weltherrschaft. Seit vielen Jahren bin ich ihm auf den Fersen und er führt mich jedes Mal an meine Grenzen. Meister der Verkleidungen, Meister der vielen Sprachen, Meister des Verschwindens in letzter Minute.

Das Wappen der Familie zeigt eine abgetrennte Schwurhand, eine Schmiedezange und den Wahlspruch ›semper victoriosus‹, ›Immer siegreich‹. Das Zeichen der Zange, das mich seit Jahren verfolgt und antreibt. Seine Pläne hat er frank und frei in einem E-Book ›Die wilden Tiere Mecklenburgs‹ veröffentlicht und prahlt darin mit seinem Wissen über die alten Wesen des Landes und ihren militärischen Einsatz. Es ist beängstigend, aber es verkauft sich. Wer Privatfernsehen guckt, der liest auch Dr. Kneifer, als lechze das Land nach einem Umsturz. Mit seinen Handlangern und Schergen hatte ich bereits einige Zusammenstöße und Scharmützel, aber ihn selbst habe ich nie zu Gesicht gekommen, geschweige denn in die Hände.

Der Kommissar neben mir hält das für reine Einbildung, für eine fixe Idee, trotz aller Unterlagen und Dokumente, die ich gesammelt habe. Wahrscheinlich müssen sich erst Leichen mit dem Brandmal der Zange auf seinem Tisch stapeln, bevor er aktiv wird. Dieses Wissen, diese Verantwortung, muss ich weiterhin für mich behalten. Der Preis der Größe heißt Verantwortung, hat Churchill gesagt.

»Ich sehe mir das an. Versprechen kann ich nichts. Und Sie lassen mich mit dem alten Mann aus dem Hafen sprechen, diesem Vanderdecken. Deal?«

Spontan nimmt seine Körperspannung zu. »Deal!«

Wir stoßen mit unseren Pappbechern an, aber keiner von uns nimmt einen Schluck. Dann gehen wir in sein Büro zurück.

Ich ahne, dass diese beiden Gangs wirklich nichts gemeinsam haben, da wird er nichts finden. Dafür suchen sie wahrscheinlich das Gleiche.

Ich habe das Gefühl, dass noch etwas fehlt an unserer Abmachung.

»Und jetzt lassen Sie den alten Mann vom Meer bringen.«

Hammer und Nagel

Karl Arsch nickt.

---ENDE DER LESEPROBE---