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Nie war die Kirche ein Hort der Frauenemanzipation. Immer spät dran und immer nur "ein bisschen". Und trotzdem wird die evangelische Kirche von Frauen gemacht: 55 Prozent der Kirchengemeinderäte und immerhin ein Drittel der Pfarrstellen sind in weiblicher Hand. Nur in den Kirchenleitungen sind Männer meistens unter sich. Seit Margot Käßmann ihre leitenden Kirchenämter abgegeben hat, spürt man noch deutlicher, wie wenig Frauen an der Spitze der Institution etwas zu sagen haben. Die Zielvorgabe der EKD-Synode aus dem Jahr 1989: 40 Prozent Frauen auf allen Führungsebenen - gescheitert. Höchste Zeit also, einmal nachzufragen, woran das liegt, und wie sich daran etwas ändern lässt. Gemeinsam mit den Männern und ohne einen vorgestrigen Feminismus zu bemühen. Ellen Ueberschär hat gute Ideen.
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Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2012
Ellen Ueberschär
Fürchtet euch nicht!
Frauen machen Kirche
© KREUZ VERLAGin der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012Alle Rechte vorbehaltenwww.kreuz-verlag.deUmschlaggestaltung und Konzeption: Agentur R.M.EEschlbeck/ Hanel/ GoberUmschlagmotiv: © Designbüro gestaltungssaalSabine Hanel/ Alexandra GoberISBN (E-Book): 978-3-451-33942-4ISBN (Buch): 978-3-451-61123-0
Fürchtet euch nicht! – Vorbemerkungen
1. Die Leuchtturmfrau – Was an Margot Käßmann über die evangelische Kirche zu lernen ist
Immer die Erste sein
Bremsen oder laufen lassen – die Rolle der Institution in Käßmanns Karriere
Das Geheimnis ihres Erfolgs
2. Die Kirche ist weiblich – seit mehr als 100 Jahren
Zahlen, Daten, Fakten – Frauen machen Kirche
Kinder, Küche, Kirche – die evangelischen Frauen im 19. Jahrhundert
Die Diakonissenkrise
Der Krieg um die Frauenfrage
Der Sieg der Kaiserin
Von unten: die Gemeindehelferin
3. Blick zurück im Zorn – Die Kirchenfrauen und der Zweite Weltkrieg
Gemeindehelferinnen – mehr als Hilfskräfte
Pfarrfrauen – Kriegerfrauen und Kirchenfrauen
Vikarin, Gemeindehelferin, Pfarrerin? – Wie der Krieg Frauen ins Pfarramt brachte
Die Macht der Erinnerung – gegen die Kultur des Vergessens
4. »In Selbstzweifel bin ich gut« – Frauen in Führungspositionen der Kirche
Die Macht der inneren Bilder
Mentorinnen, Netzwerke und falsche Fährten
Von Definitionsmacht, Mut und Selbstüberwindung
Hemd und Rock, oder: Warum soll ich mir das antun?
In Selbstzweifel bin ich gut: trotzdem führen lernen
5. Familie – war da noch was?
Der verflixte Mutterkult
»Verschenkte Potenziale« – Hausarbeit und Ehrenamt
Freiheit oder Familie? – Von falschen Alternativen
Von (Kirchen-)Männern lernen – das ganze Glück mit Arbeit und Familie
Vereinbarkeit – (k)ein Thema in der Kirche
Der lange Schatten – Mutterbilder von vorgestern
6. Und was sagt die Wissenschaft? – Die Theologie und die Frauen
Fortschrittspathos und Fettnäpfchen
Emanzipation und historischer Jesus
Die Bibel in frauengerechter Sprache
Schluss mit den Scheingefechten
7. Frauen führen die Kirche – Den Point of no Return erreichen
Die Frauenfrage ist noch offen
Agentinnen des Wandels
Wohin führen Frauen die Kirche?
Sieben Stellschrauben für eine Neujustierung der Kirche
Wandel in Frauenköpfen und Männerköpfen
Glaubwürdigkeit im eigenen Haus
Erinnerungspolitik gestalten
Generationskonflikte wagen
Kritische Theorie der Spiritualität
Konkurrenz und Solidarität
Qualität und Quote
Literaturverzeichnis
Für Lydia und Julia
Ich fange mit einer Anekdote an: 2011, also im Jahr 22 nach dem Fall der Mauer, lud mich die Frauenarbeit im tiefsten Süden Deutschlands zu einem Vortrag ein – über Frauen in der Kirche. Vorgestellt wurde ich dem geneigten Publikum als »Frau mit einer Außenperspektive«. Wohlgemerkt: Ich habe einen deutschen Pass, spreche fließend Deutsch und habe mein bisheriges Berufsleben in deutscher Theologie und Kirche verbracht. Einige Zuhörerinnen schauten entsprechend fragend, bis sich herausstellte, dass die Veranstalterin mein Aufwachsen in der DDR als eine Art Migrationshintergrund einstufte.
Das Publikum war in Teilen empört, ich war erst überrascht und dann nachhaltig amüsiert. Die Veranstalterin hatte natürlich recht: Wenn es um feministische Generationenkonflikte, um Rabenmütter und gut gepflegten weiblichen Selbstzweifel geht, bin ich in der Tat eine Ausländerin – mit dem Unterschied, dass das frühere Ausland DDR heute genauso Inland ist wie der tiefste Süden der Bundesrepublik. So viel zu meinem Ausgangspunkt, von dem aus ich mich meinem Thema nähere: Frauen machen Kirche.
Machen sie das wirklich? Es gibt Fakten, die dagegen zu sprechen scheinen:
Die große Zielvorgabe der EKD-Synode von 1989–40Prozent Frauen in allen Gremien und Führungspositionen: gescheitert. Derzeit freuen wir uns zwar wieder über drei Bischöfinnen, aber was ist das unter 22? Die erste Frau in der höchsten Position der evangelischen Kirche, die große Leuchtturmfrau Margot Käßmann – 2010 gescheitert. Der Anteil der Frauen an den Führungsämtern in der evangelischen Kirche geht eher zurück, und für Frauenfragen will niemand mehr zuständig sein, höchstens noch für Gleichstellung oder Gender. Machen Frauen Kirche?
Da sind natürlich noch die Pfarrerinnen. Im zweiten Jahrtausend nach dem berühmten biblischen Satz: »Hier ist weder Mann noch Frau…« besetzen in den evangelischen Kirchen in Deutschland Frauen ein Drittel der Pfarrstellen. Das ist natürlich ein Erfolg. Aber noch kein Grund zur Euphorie. Auch wenn manche – erinnert sich noch jemand an die Thesen des Münchner Theologieprofessors Friedrich Wilhelm Graf vom vergangenen Frühjahr? – wegen der vielen Pfarrerinnen eine »Feminisierung der Kirche« fürchten und besorgt einen Trend zur »Kuscheltheologie« auszumachen meinen. Graf hatte sich bei einer Tagung von FAZ und Herrhausen-Gesellschaft dazu hinreißen lassen, alle Theologiestudentinnen als »Muttitypen« zu diffamieren. Es sei ihm, so im Nachhinein die rhetorischen Entgleisungen rechtfertigend, nur darum gegangen, einmal die Frage zu stellen, wie sich denn die Kirche verändern würde, wenn Frauen mehrheitlich das Sagen hätten. Ja, wie würde sie sich wohl verändern?
Eine Schelmin, die nicht an die Unschuld dieser Frage glaubt. Von Zeit zu Zeit muss Kirche offenbar gegen den Verdacht von zu viel Weiblichkeit verteidigt werden. Das ist übrigens nichts wirklich Neues. Ein kurzer Blick in die Geschichte der evangelischen Kirche im 20.Jahrhundert genügt: Im November 1939 erschien im Berlin-Steglitzer Sonntagsbrief ein Artikel, der der antichristlichen Stimmung entgegentreten wollte. Gegen den Vorwurf, das Christentum sei eine »Religion der Unmännlichkeit und der Weichlichkeit«, führte das Blättchen triumphal die hohe Zahl von Theologiestudenten unter den Gefallenen des Ersten Weltkriegs ins Feld: »Es gibt keine andere Erklärung als die, dass diese jungen Menschen sich an Jesus Christus gebunden gewusst haben, dass dieser Jesus Christus dem Tode die Macht genommen hat und dass darum die, die an ihn glauben, dem Tod mit Freudigkeit ins Auge sehen.« (Archiv Berlin 1) Nein, so wollte der Autor sagen, das Christentum ist nicht unmännlich oder gar weiblich, und er benutzte ein einfaches Rezept: Er reduzierte die Theologiestudenten auf ihre Geschlechtlichkeit und deutete ihren Tod fürs Vaterland als Frucht ihres christlichen Glaubens. Das Christentum, so wollte er sagen, gehöre auf die Seite der Vaterlandstreue und der Männlichkeit.
Nun mag die Herstellung einer Verbindung zwischen dem Jahr 1939 und Friedrich Wilhelm Graf heute etwas krass erscheinen. Bei näherem Hinsehen ist sie es nicht. Das Argument der Marginalisierung des Christlichen durch seine Verweiblichung hat das militärische Gewand zwar abgelegt. Die Kirche muss heute nicht mehr gegen den Vorwurf verteidigt werden, sie sei nicht soldatisch genug. Heute muss sie offenbar gegen den Vorwurf verteidigt werden, sie sei intellektuell nicht satisfaktionsfähig. Ein und dasselbe Argument kommt nur im anderen Gewand daher. Bereiche, die von Frauen geführt werden, so der gemeinsame Grundtenor, verlören wahlweise ihr wissenschaftliches, politisches oder gesellschaftliches Ansehen. Friedrich Wilhelm Graf gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: »Wir erleben nun eine Art Infantilisierung der Kommunikation.« (27.3.2011)
Machen Frauen Kirche? Wo Spitzenpositionen zu vergeben sind, eher weniger, und mehr da, wo es um die klassische Kümmerarbeit geht. Rechtlich gibt es zwar keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen, weder im Pfarramt noch in anderen Ämtern, aber in den Leitungsfunktionen sind Unterschiede nicht zu übersehen. Nur Wenige schaffen es nach ganz oben. Die gut bezahlten Jobs in Kirche und Diakonie sind bis heute Männerdomänen. Frauen wuchten demente Alte in ihre Betten, begleiten Kinder auf den Spielplatz, arbeiten Schicht im Krankenhaus – und gehen mit der kleinen Lohntüte nach Hause, als Zuverdienerinnen. Vor allem dort machen Frauen Kirche.
Mir genügt das nicht. Mich macht das unruhig. Es macht mich unruhig, wie Margot Käßmann in den Medien als eine Verkörperung des »unverkrampften Feminismus« (Reinhard Bingener, FAZ, 28.10.2009) gefeiert wird, weil sie – wie Ursula von der Leyen in der Politik– Muttersein und Karriere lebt, als wäre es ganz selbstverständlich. Ihre Botschaft, glauben die Medien, lautet: Es geht doch! Mädels, nehmt euch einfach zusammen. Das F-Wort braucht kein Mensch.
Margot Käßmann selber stellt fest: »Frauen sind auch unabhängiger geworden im Blick auf die eigene Berufstätigkeit; damit ist eine Unabhängigkeit erreicht, wie sie keine Generation vor uns gekannt hat.« (Käßmann, 2009, 99)
Und das stimmt natürlich. Wir sind unabhängiger. Es ist schon viel erreicht. Trotzdem werde ich unruhig, wenn ich diesen Satz höre. Er soll ruhigstellen. Mich erinnert er fatal an das Thema Ökumene. Da ist auch schon viel erreicht, heißt es, aber zur Eucharistie kann ich als evangelische Pfarrerin doch nicht gehen.
Also doch zurück auf Start? Brauchen wir ihn doch, den Feminismus der steilen Thesen, damit sich etwas ändert? Ich habe auch hier meine Zweifel und blicke besorgt auf die Kirchenfrauen, die es sich in den feministischen Nischen gemütlich gemacht haben und von dort die Amtskirche mit wirkungsloser Kritik überziehen, sich aber dem langen »Marsch durch die Institution« verweigern. Nein, Revolutionsgetöse ist genauso unangebracht wie beschwichtigendes »Es ist schon viel erreicht«.
Was dann? Wie oft, hilft der Blick über den Tellerrand. Lernen von den Kirchenfernen: »Unsere Gesellschaft braucht keine 95 brandneuen Thesen, die eine Lutherine mit wuchtigem Hammer ans Kirchenportal zu schlagen hätte. Es genügt, wenn sie ihren Hammer dazu benutzt, die kleinen und manchmal auch etwas größeren Hebel in den Köpfen der Männer und Frauen zu lösen, die bislang dafür sorgen, dass die Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft eher eine abstrakt-formale denn eine alltäglich gelebte ist«, rät die Publizistin Thea Dorn in ihrem Buch »Die neue F-Klasse«. (Dorn, 2006, 35)
Dorn gehört zu der neuen Generation der Feministinnen, die seit einigen Jahren in unserem Land für erfrischende Debatten sorgen. Stichwort: Mädchenmannschaft. In der Kirche ist diese Spezies nicht oder selten anzutreffen. Und das ist sehr schade!
Wir brauchen diese selbstbewussten, klugen Frauen, die es selbstverständlich finden, dass sie Gesellschaft, dass sie Kirche gestalten. Dass sie natürlich ein Recht auf Familie und erfüllenden Beruf haben. Die sich hörbar einbringen und den Friedrich Wilhelm Grafs dieser Welt mit Spott und Brillanz begegnen. Auch das macht mich unruhig, dass ihre Stimmen in der Kirche so wenig zu hören sind.
Sicher, die Kirche ist kein Frauenladen und keine Mädchenmannschaft, aber wenn in der Feminismus-Debatte der Gesellschaft schon Meilensteine aus der Kirchengeschichte des Protestantismus herangezogen werden (Stichwort: Lutherine), dann könnten wir Kirchenfrauen umgekehrt überlegen, welche verrosteten Hebel in unserem Gefüge zu lösen sind, die niemand außer uns lösen kann. Frauen machen Kirche.
An dieser Stelle komme ich auf meinen Ausgangspunkt zurück. Denn wer ist wir? Wer sind wir Frauen in der Kirche? Wir sind keine homogene Gruppe, sondern sehr verschieden. Falsche Solidarität ist keine gute Basis. Was unterscheidet mich beispielsweise von Altersgenossinnen, die im Westen aufgewachsen sind? Ein kurzer Blick zurück auf meine Zeit im »Ausland DDR«: Mein Überlebenskampf galt nicht dem Patriarchat, sondern der Ideologie und ihrer Macht in einem Staat, der Bildung als Hebel für Wohlverhalten benutzte. Dass ich nicht studieren durfte, was ich wollte, hatte nichts damit zu tun, dass ich ein Mädchen war, sondern mit meinem Bekenntnis zur christlichen Gemeinde. Dass die Kirche so sehr mein Zuhause war, hatte nichts damit zu tun, dass ich mich dort mit anderen Frauen austauschen konnte, sondern damit, dass sie ein Ort der Freiheit war. Das Frauenthema war kein Thema. Oder doch? Die DDR galt ja als Paradies der formalen Gleichberechtigung. Männer und Frauen waren berufstätig, die Kinder wurden betreut. Wenn es sein musste, rund um die Uhr. Das entschärfte zwar nicht die Lage an der Hausarbeitsfront, brach aber mit dem Familienernährer-Modell. Frauen waren mutiger im Kinderkriegen und entspannter bei der Suche nach dem Traummann. Denn beides hatte nicht unbedingt etwas miteinander zu tun.
Anders in der evangelischen Kirche der DDR.Da die Modernität der sozialistischen Gesellschaft durch den Bruch mit der christlichen Ethik und ihrer Wertschätzung der Ehe erkauft war, hatte die »emanzipierte Frau« keinen selbstverständlichen Platz in der Gemeinde. Einer Emanzipation der Frauen auf der Basis einer sozialistischen Ethik konnte kein christliches Gewissen zustimmen. Also blieb es in der Kirche/Ost beim guten alten Patriarchat. Das Hausfrauendasein vieler Pfarrersfrauen wurde vielmehr zum subversiven Widerstand gegen die Gleichförmigkeit der Lebensentwürfe und die sozialistische Ganztagsbestrahlung der Kinder. Darüber hatte ich nie nachgedacht.
Das änderte sich spätestens Mitte der 1990er Jahre, als mich freundlich-jovial, aber ungebeten, ein von mir wegen seiner Gradlinigkeit zu DDR-Zeiten hoch geschätzter Kirchenführer umarmte. Er fragte nach dem Fortgang meiner Dissertation zur Jugendarbeit in der DDR.Ich wollte lossprudeln, hatte aber kaum zwei Sätze gesagt, da empfahl er mir väterlich, doch den Rat eines bestimmten Westprofessors einmal einzuholen, denn der sei ja sehr kenntnisreich auf diesem Gebiet. Ich selbst kannte besagten Spezialisten, der von vielem etwas wissen mochte, ganz bestimmt aber nichts über mein Thema, bedankte mich artig, ließ eine weitere joviale Umarmung über mich ergehen und war entschlossen, auch die Kirche in der DDR nicht mehr zu idealisieren.
Das muss ich erzählen, weil es wichtig ist für dieses Buch und seine Thesen. Es bedeutet, dass ich tatsächlich eine Außenperspektive habe – auf den kirchlichen Feminismus der Bundesrepublik vor 1989.Dazu kommen aber noch zwei Innenperspektiven – auf die Kirche in Ost und West nach 1989.Diese drei Perspektiven sollen helfen, die Hebel und Stellschrauben zu identifizieren, an denen weiter gedreht werden muss, wenn das Thema Frauen in der Kirche nicht dem Stillstand anheimfallen soll.
Und von dieser Perspektivenvielfalt wird dieses Buch hoffentlich profitieren.
Was noch? Meine Beobachtungen, Anregungen haben zwei Quellen: Geschichte und Neugier. Mit Geschichte wird Politik gemacht und deswegen ist es nicht egal, seit wann Frauen in der Kirche tätig sind und auf welche Weise sie mehr oder weniger feministisch waren. Deshalb gibt es zwei lange Kapitel über die Vergangenheit, darüber, wie die Frauen in kirchliche Ämter und Ehrenämter hineingekommen sind. Wer nicht weiß, woher sie kommt, weiß auch nicht, wohin sie geht.
Meine Neugier widmet sich der evangelischen Kirche heute. Was entdecke ich mit meinen drei Perspektiven? Was war das eigentlich mit Margot Käßmann? Was ist aus ihrer Geschichte zu lernen über Frauenkarrieren in der Kirche? Was hat die evangelische Kirche zu ihrem Aufstieg und ihrem Sturz beigetragen? Außerdem interessieren mich drei Fragen, zu jeder gibt es ein Kapitel: 1.Wie kommen und bleiben Frauen in kirchliche(n) Führungspositionen? 2.Wie steht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Kirche und 3.Wo steht die zuständige Wissenschaft, der theologische Feminismus? Diese drei Stellschrauben verdienen höchste Aufmerksamkeit für alle, die sich nicht davor fürchten, dass Frauen mehr Kirche machen. Und am Schluss gibt’s ein paar Hinweise, wo die angstverrosteten Hebel sitzen, an denen wir drehen müssen.
28.Oktober 2009.Welch ein Jubel: eine Frau an der Spitze der evangelischen Kirche. Als Margot Käßmann zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt wurde, schien alles möglich. Die Superfrau mit vier Töchtern, Promotion und Bischofsamt hatte bewiesen, dass Frauen die gläserne Decke durchstoßen können. Selbst die neofeministische Internetplattform »Mädchenmannschaft«, sonst bei den Themen Religion und Kirche eher zurückhaltend, zollte anerkennend Respekt. Dass so etwas überhaupt möglich ist in der Kirche, wenn auch nur in der evangelischen, war ein Pluspunkt für die Institution.
Ich gestehe, dass es mir wichtig war, diesen Jahrhundertmoment selbst mitzuerleben, und ich gestehe auch, dass mir Gänsehaut wuchs, als das überwältigende Wahlergebnis bekannt gegeben wurde und einen gesichtslosen Konferenzsaal in ein historisches Gebäude verwandelte.
Die Zeit vor der Wahl war mit Spekulationen darüber randvoll, ob diese Frau denn wirklich gewählt werden würde. Den einen war die Personality-Show von Käßmann unheimlich, die sie zum Medienliebling gemacht hatte. Kein anderer evangelischer Bischof verfügte über diese Präsenz in Funk und Fernsehen. Hinter verschlossenen Türen beklagte sich so mancher, dass die Fernsehteams immer vor Käßmanns Tür stünden und nicht vor seiner – egal zu welchem Thema. Verständlich, auch in der Politik würde es sich die Arbeitsministerin verbitten, wenn die Familienministerin zu ihrem Ressort Stellung nehmen würde. Doch die Journalisten ignorierten die innerkirchlich säuberlich verteilten Zuständigkeiten für die unterschiedlichen Weltprobleme.
Anderen wiederum missfiel, dass Käßmann geschieden war und ihr Scheitern in dieser Frage offensiv eingestanden hatte. Geschieden als Bischöfin, das war schon viel Zumutung, aber als Geschiedene zur Ratsvorsitzenden aufsteigen zu wollen, das war zu viel. Waren zwar in ihrer Heimat-Landeskirche alle kritischen Stimmen zum Schweigen gebracht, so wurde gewarnt, auf der Bundesebene der EKD würde das nicht gelingen. Doch die meisten, und zu denen gehörte offenbar auch die Mehrheit des obersten Kirchenparlaments, waren froh, eine protestantische Stimme zu haben, deren Bekanntheitsgrad über die Leserschaft der Kirchenpresse hinausging, eine Frau an der Spitze, die von denen verstanden wurde, die in den Gemeinden die Arbeit machten. Und nicht nur das – auch auf dem glatten Parkett der öffentlichen Meinung in Funk und Fernsehen machte sie bella figura und sammelte im außerkirchlichen Bereich Punkte für die Institution.
Interessanterweise äußerte vor der Wahl kaum jemand Zweifel daran, dass sie die Ämterverdreifachung von Bischöfin, Ratsvorsitzender und herkulischer Medienpräsenz beherrschen würde. Im Gegenteil: Ihre reformerischen Kräfte für die Zukunft der evangelischen Kirche wurden ungefähr so groß eingeschätzt wie die Martin Luthers im 16.Jahrhundert. Die Erwartungen waren hoch gespannt, was nun auch ganz grundsätzliche Kritiker auf den Plan rief. Deren Stunde sollte zwar erst nach der sogenannten Alkoholfahrt und dem dramatischen Rücktritt kommen, aber vorsorglich diagnostizierten sie schon einmal eine Feminisierung der evangelischen Kirche, meinten aber eine drohende geistliche und geistige Verflachung.
Konservative Medien machten die weibliche Doppelspitze der evangelischen Kirche mit Margot Käßmann als Ratsvorsitzender und Katrin Göring-Eckardt als oberster Laiin dadurch salonfähig, dass sie behaupteten, es ginge überhaupt nicht um die Feminisierung der evangelischen Kirche, sondern darum, dass Margot Käßmann als Einzige den Zusammenhang von Religion und Mediengesellschaft verstanden hätte. Wenn die Medientauglichkeit das entscheidende Kriterium für geistliche Führungsämter wäre, dann müsste die Kirchengeschichte umgeschrieben und die Theologie ein Zweigfach des Journalismus werden. Die Einsicht in den Unsinn dieser Qualifikationsbeschreibung kam vier Monate später.
Nach ihrem Rücktritt kamen die Kritiker aus der Deckung. Der Regensburger evangelische Regionalbischof Weiß wusste unverblümter zu sagen, was er, etwas verschraubt, schon nach ihrer Wahl verlautbart hatte. »Ich habe Sorge, dass sie nach wie vor den Hang zu einem Stück Populismus hat.« Er hege, so war in der Mittelbayerischen Zeitung zu lesen, nun »die Befürchtung, dass Käßmann bei den Gläubigen übertriebene Hoffnungen wecke, die sie ohne offizielle Kirchenämter nicht einlösen könnte«. (17.5.2010)
Der schärfste Vorwurf, der theologisch bewaffnet daherkam, war der, dass sie Amt und Person nicht trenne, was doch seit 500Jahren ein Urmerkmal des Protestantismus sei. »Wo andere von der Kirche gesprochen hätten, hat Frau Käßmann ›ich‹ gesagt. Sie hat versucht, über ihre Menschlichkeit und die Brüche in ihrem Leben ihre persönliche Überzeugungskraft zu stärken, sie hat von der gezielten Instrumentalisierung der medialen Öffentlichkeit profitiert, sich in die Sphäre von Politikern und Schauspielern begeben, und sie ist darüber gefallen.« (Heike Schmoll, FAZ, 26.2.2010).
Das klingt nach »Professor Unrat«, dessen Stolpern über die eigenen Moralansprüche Heinrich Mann 1904 so glänzend skizziert hat. Wie die Barfußtänzerin Rosa den Professor Unrat zu Fall brachte, so sei »Frau Käßmann zum Verhängnis geworden, dass sie ihr Privatleben und ihre Person von Anfang an in die Medienöffentlichkeit gezogen hat und die vollständige Identifikation mit ihrem Amt selbst betrieben hat«. War dieselbe Frankfurter Allgemeine Zeitung vier Monate zuvor noch der Meinung, Käßmann hätte als einzige den Zusammenhang von Religion und Mediengesellschaft verstanden und sei deshalb zur Ratsvorsitzenden gewählt worden, wurde genau dies plötzlich als Verhängnis interpretiert und theologisch aufgeladen.
Zur Erinnerung: Ursprünglich ging es bei der Trennung von Amt und Person um zweierlei. Erstens darum, die Würde des Amtes zu wahren, egal ob der jeweilige Träger ein Träumer oder Säufer oder ehrpusselig ist. Zum anderen bietet das Amt seinem Träger Schutz. Das hat in dunklen deutschen Zeiten Menschen Mut gegeben, dem Unrecht zu widerstehen, es beim Namen zu nennen. Der Schmollsche Vorwurf in der FAZ war scheinheilig, weil er so tat, als spiele es keine Rolle, dass Käßmann als Frau in das Amt kam. Doch in Wahrheit gilt der Satz: »Eine Frau zu sein lenkt ab.« (Patrik Schwarz, DIE ZEIT, 5.11.2009)
Heute leben wir in Zeiten, in denen niemand ernst genommen wird, der oder die nicht das Amt leidenschaftlich als Person ausfüllt. Wer sich nicht als Person für sein Amt einsetzt, wird von den Medien als Amtsinhaber links liegen gelassen und gilt als Versager im Amt. Die Macher der Medien, die die Trennung von Amt und Person einebnen, wenn zum Beispiel die Fotografentraube einer Bischöfin respektlos zuruft: »Hey, Baby, hierher schauen!«, genau diese Macher sind am Ende diejenigen, die Käßmann eine »gezielte Instrumentalisierung« der Medien unterstellen. Geht es um eine Frau, verschärft sich die Problematik von Amt und Person, weil die weibliche Person weit spannender ist als ein Amt, das zum x-ten Mal den Träger wechselt. Wann hat je interessiert, welche Strümpfe ein Vorgänger Margot Käßmanns bei seiner Bewerbung um das Amt des Ratsvorsitzenden getragen hat? Aus der Zeitung wissen wir, dass Margot Käßmann ihre Beine bei der Bewerbung mit schwarzen Strümpfen umhüllt hatte. (Philipp Gessler, TAZ, 27.10.2009) Wen interessiert das eigentlich?
In die Zukunft gedacht, stellt sich die Frage: Ist Margot Käßmann eigentlich ein Vorbild? Und wenn ja, für wen? Hat sie den kirchlichen Feminismus entstaubt oder hat sie ihn gar instrumentalisiert? Welche Vorbilder hatte sie selbst? Ohne Frage ist sie – immer noch – die Leitfigur, an der Frauen in Führungsverantwortung der Kirche gemessen werden. Sie selbst meint: »Ich hab’s nicht so mit Leitfiguren.« (DIE ZEIT, 26.8.2010) Eigentlich war das eine Antwort auf die Frage, ob sie selbst sich als Leitfigur empfindet. Aber wer selbst eine Leitfigur hat, hätte sie an diesem Punkt erwähnt. Für Margot Käßmanns Art zu arbeiten und zu leben gibt es keine Leitfigur. Sie war immer die Erste. Nicht die Erste im Pfarramt, aber die erste Akademikerin in ihrer Familie. Die erste Generalsekretärin des Kirchentages, die erste Bischöfin der größten Landeskirche, und irgendwie war ihr berühmtes Debüt als schwangere U30-Frau im Weltrat der Kirchen auch so etwas wie eine Premiere. An wem sollte sie sich orientieren? Den Namen Dorothee Sölles, der Stilikone des kirchlichen Feminismus und ihre Vorgängerin als Publikumsmagnet auf Kirchentagen, nennt Margot Käßmann nicht. Sie wollte nicht die Öffentlichkeit erobern, sondern die Institution. Sie wollte als Pfarrerin arbeiten, nicht als öffentliche Intellektuelle. Nach ihrem Rücktritt hätte sie dazu die Chance gehabt. Eine glaubwürdige Person, die mit ihren Büchern, ihren Gedanken die Gesellschaft beeinflusst. Doch in diesem »öffentlichen Amt«, das in den Vereinigten Staaten mit Susan Sontag und Joan Didion prominente Verkörperungen hatte, wollte sie nicht auch noch die Erste sein. Das ist nicht ihre Welt. Der intellektuelle Radikalfeminismus einer Dorothee Sölle ist es offenbar auch nicht.
Ihr Aufstieg in der evangelischen Kirche gelang trotz, nicht wegen der Institution Kirche. Margot Käßmann ist nicht gefördert worden in dem Sinne, dass ihr eine Kinderbetreuung und eine Promotion angeboten wurde. Im Gegenteil – sie hat sich selbst gefördert. Als sie in Bochum bei Konrad Raiser promovieren wollte, als sie die Dissertation neben der halben Pfarrstelle und dem Muttersein schrieb.
