Fürsten-Roman 2722 - Nina Baumgarten - E-Book

Fürsten-Roman 2722 E-Book

Nina Baumgarten

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Beschreibung

Henry Prinz von Wittelsbach steht an einem Wendepunkt. Seine Hochzeit mit der ehrgeizigen Gräfin Leontine rückt immer näher, doch statt Vorfreude verspürt er nur Zweifel. Die Erwartungen, die mit seiner Rolle als Prinz einhergehen, lasten schwer auf ihm - ebenso wie die Frage, ob dies wirklich das Leben ist, das er führen möchte. Um Klarheit zu finden, bucht er spontan eine Auszeit auf La Réunion. Auf der malerischen Insel mit ihren schroffen Vulkanlandschaften, dichten Regenwäldern und endlosen Stränden will er herausfinden, was er wirklich will.
Gerade auf La Réunion angekommen, trifft er schon auf Julia, eine Lektorin und Übersetzerin, die ebenfalls auf der Suche nach einem Neuanfang ist. Ihre offenen Gespräche und ihre unkomplizierte Art sind eine willkommene Abwechslung für den Prinzen. Mit ihr spürt er eine nie dagewesene Freiheit. Doch als die beiden sich näherkommen, steht Henry vor einer weiteren Herausforderung: Ist das, was er hier im Inselparadies findet, nur eine kurze Flucht, oder könnte es der Anfang eines Lebens sein, von dem er nie zu träumen gewagt hätte?

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Sehnsucht nach Freiheit

Vorschau

Impressum

Sehnsucht nach Freiheit

Adelsroman um eine schicksalhafte Begegnung im Paradies

Von Nina Baumgarten

Henry Prinz von Wittelsbach steht an einem Wendepunkt. Seine Hochzeit mit der ehrgeizigen Gräfin Leontine rückt immer näher, doch statt Vorfreude verspürt er nur Zweifel. Die Erwartungen, die mit seiner Rolle als Prinz einhergehen, lasten schwer auf ihm – ebenso wie die Frage, ob dies wirklich das Leben ist, das er führen möchte. Um Klarheit zu finden, bucht er spontan eine Auszeit auf La Réunion. Auf der malerischen Insel mit ihren schroffen Vulkanlandschaften, dichten Regenwäldern und endlosen Stränden will er herausfinden, was er wirklich will.

Gerade auf La Réunion angekommen, trifft er schon auf Julia, eine Lektorin und Übersetzerin, die ebenfalls auf der Suche nach einem Neuanfang ist. Ihre offenen Gespräche und ihre unkomplizierte Art sind eine willkommene Abwechslung für den Prinzen. Mit ihr spürt er eine nie dagewesene Freiheit. Doch als die beiden sich näherkommen, steht Henry vor einer weiteren Herausforderung: Ist das, was er hier im Inselparadies findet, nur eine kurze Flucht, oder könnte es der Anfang eines Lebens sein, von dem er nie zu träumen gewagt hätte?

Heinrich Prinz von Wittelsbach schloss seinen Koffer und streifte unruhig durch seine geräumige Wohnung. Er betrachtete die modernen Designermöbel und die wenigen erlesenen Deko-Objekte, als würde er sie zum letzten Mal sehen. Es lag etwas wie ein Abschied in der Luft, dabei würde er in zwei Wochen wieder zurück sein.

Henry, wie er sich von Freunden und Familie nennen ließ, fühlte sich bei der Aussicht auf seine zweiwöchige Auszeit unendlich erleichtert. Zum ersten Mal in seinem Leben würde er allein Urlaub machen, und das auf einer Insel, auf der er noch nie gewesen war und wo er niemanden kannte. Und, was noch besser war, wo ihn niemand kannte.

Er konnte den ungeliebten Vornamen samt Prinzentitel und allen Verpflichtungen, die damit einhergingen, hinter sich lassen und einfach nur Henry sein, ein abenteuerlustiger Dreißigjähriger, der in den Bergen der Insel La Réunion im Indischen Ozean wandern gehen wollte.

Er blieb vor dem Garderobenspiegel stehen und warf einen Blick hinein. Aus Gewohnheit hatte er sich am Morgen die kurzgeschnittenen dunklen Haare aus der Stirn gekämmt, sich sorgfältig rasiert und war in eines seiner gebügelten und gestärkten Hemden geschlüpft. Spontan griff er sich in die Haare und verstrubbelte sie, bis ihm ein paar Strähnen locker in die Stirn hingen. Dann löste er die Manschettenknöpfe und krempelte die Ärmel auf. Schon besser.

»Wollen wir?« Seine Verlobte Leontine Gräfin von Lichtenstein, die ihn zum Flughafen bringen würde, klimperte mit den Autoschlüsseln.

Sie hatte die Nacht bei ihm verbracht, da sie am Vorabend zusammen auf einer der langweiligen Veranstaltungen gewesen waren, die Henry so hasste.

»Ja, wir können los. Danke, dass du mich zum Flughafen bringst, Tine.«

Sie warf ihm einen irritierten Blick zu. Im Gegensatz zu ihm war sie allergisch gegen Abkürzungen oder Koseformen ihres Vornamens.

Dann lächelte sie und küsste ihn schnell. »Ist doch selbstverständlich.«

Henry empfand plötzlich Schuldgefühle, weil er nicht das leiseste Bedauern darüber verspürte, sie zwei Wochen lang nicht zu sehen. Zumal er ihr dankbar war, dass sie sich als so unkompliziert erwies. Vermutlich hätten nicht viele Frauen es wie eine Selbstverständlichkeit akzeptiert, dass ihr Verlobter allein Urlaub machte.

»Bist du wirklich nicht sauer, weil ich ohne dich in den Urlaub fliege?«, fragte er.

Wie immer blieben ihre hübschen Züge undurchdringlich, der Blick ihrer dunkelgrauen Augen kühl und klar.

»Du weißt, dass ich Wandern und Wassersport nicht mag – was sollte ich denn die ganze Zeit dort tun?«

Er hob die Schultern. »Dir die Insel angucken. La Réunion soll ausgesprochen schön sein.« Er nahm den Reiseführer, der auf der Kommode lag und steckte ihn in seinen Rucksack.

Leontine machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Für düstere Vulkanlandschaften habe ich nichts übrig. Aber wenn es dir Spaß macht, in diesen Bergen herumzukraxeln, solltest du es tun, Henry, ich bin dir nicht böse.«

Er lächelte sie an und schob ihr zärtlich eine goldblonde Haarsträhne aus dem ovalen Gesicht.

»Ich finde es toll, dass wir einander unsere Freiheiten lassen.«

Sie lächelte zurück. »Noch sind wir ja nicht verheiratet.«

Henry schluckte. Dann würde das also nach der Heirat anders sein? Würde er sich künftig mit Ferien in mondänen Badeorten oder hippen Großstädten begnügen müssen, da Leontine und er so gar nicht den gleichen Geschmack bei Urlaubszielen hatten?

Er verschloss seine Wohnungstür und folgte ihr in den Aufzug.

Auf der Straße verstaute er sein Gepäck im Kofferraum von Leontines rotem Sportcoupé und nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

»Oh, das habe ich dir noch gar nicht erzählt«, begann Leontine, während sie den Wagen durch die Straßen Frankfurts steuerte. »Gestern Abend hat mir die Baronin von Schwenckow eine Immobilienagentur empfohlen, die großartig sein soll. Ich werde versuchen, für nächste Woche einen Termin dort zu bekommen.«

Henry hob erstaunt die Augenbrauen und sah sie von der Seite an.

»Sollten wir so etwas nicht zusammen machen?«

»Schon, aber wir sollten nicht noch mehr Zeit verlieren, finde ich. Unsere Hochzeit ist in fünfeinhalb Monaten, und wir wollten doch rechtzeitig in ein gemeinsames Haus ziehen – nicht erst im Stress der letzten Wochen vor der Hochzeit«, erinnerte sie ihn.

In ihre Mundwinkel hatte sich ein leicht verkniffener Zug geschlichen. Offenbar hielt sie es für sein Versäumnis, dass sie sich nicht eher um ein gemeinsames Domizil gekümmert hatten. Dabei hatte sie als Geschäftsführerin einer Versicherungsgesellschaft beinahe noch weniger Zeit als Henry, der in der Privatbank seines Vaters arbeitete.

»Wir hatten gesagt, wir wollten spätestens im Juni umziehen – und nun ist schon März«, ergänzte sie ungehalten.

»Das schaffen wir doch noch locker«, beruhigte er seine Verlobte.

»Glaubst du, es gibt sofort ein Dutzend Häuser zur Auswahl, die unseren Vorstellungen entsprechen? Und hast du eine Ahnung, wie lange Lieferzeiten die meisten Möbelhäuser haben?«

Leontines Stimme wurde schriller, und Henry massierte sich unwillkürlich die Schläfe.

»Außerdem hatte ich schon wieder eine Anfrage von einem Magazin, das eine Art Homestory von uns machen will – aber natürlich in unserem gemeinsamen Haus, nicht in deiner oder meiner Singlewohnung.«

Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, als wäre es seine Schuld, dass sie der Presse noch kein perfektes gemeinsames Heim à la Schöner Wohnen bieten konnte.

Dunkel kam ihm in den Sinn, dass er der Haussuche in den letzten Wochen tatsächlich mehrmals unter fadenscheinigen Begründungen ausgewichen war.

»Kannst du diese Anfragen nicht einfach ablehnen? Ich habe so gar keine Lust, dass halb Deutschland mir ins Schlafzimmer gucken kann«, sagte Henry mit Unbehagen.

»Sie werden ja keine Fotos vom Schlafzimmer machen, höchstens vom Salon, der Wohnküche und vielleicht vom Wintergarten, sofern wir ein Haus mit einem Wintergarten finden. Und natürlich Außenaufnahmen.«

»Auch das finde ich bedenklich. Stell dir vor, es gelingt Leuten anhand der Bilder herauszufinden, wo wir wohnen, und dann stehen sie plötzlich vor unserer Tür.« Henry kratzte sich am Kopf.

»Schatz, wir haben durch unseren Rang eine Verpflichtung«, erinnerte sie ihn tadelnd und mit scharfem tz in dem Kosewort Schatz. »Unsere Landsleute interessieren sich eben für ihre Adelsfamilien.«

Henry seufzte. »Himmel, wir sind doch nicht das britische Königshaus. Wir verdienen unsere Brötchen selbst, statt vom Volk finanziert zu werden, also geht sie unser Leben nichts an«, beharrte er zunehmend unwillig.

»Tja, Heinrich, so ist das nun mal«, entgegnete Leontine streng. Wenn sie ihn Heinrich nannte, war sie wirklich aufgebracht und wollte ihn damit zur Ordnung rufen wie ein bockiges Kind. »Medienpräsenz ist der Preis für unsere Privilegien. Und ist es nicht auch ein tolles Gefühl, dass so viele Menschen Anteil an unserer Hochzeit nehmen? Gönn ihnen doch die Freude eines solchen Events.«

Als seien sie ein Königspaar, das Glanz in das fade Leben seiner Untertanen brachte. Henry schnitt eine kleine Grimasse und schwieg.

Es war seltsam, wie wenig er sich von seinen eigenen Hochzeitsplanungen angesprochen fühlte. Dabei war es keine arrangierte Ehe. Er hatte Leontine Gräfin von Lichtenstein vor drei Jahren auf einer Vernissage kennengelernt und sich sofort für die intelligente und attraktive Geschäftsfrau interessiert.

Henry war damals siebenundzwanzig gewesen, Leontine ein Jahr jünger, und seine Eltern, das Fürstenpaar von Wittelsbach, hatten darauf gedrängt, er solle langsam nach einer Ehefrau Ausschau halten. Die Frauen, mit denen er bisher ausgegangen war, hatten ihnen nie gepasst, besaßen in ihren Augen nicht genug Klasse, Bildung oder Vermögen, und überhaupt sollte er am liebsten eine Adelige heiraten.

Leontine räusperte sich und schlug einen weicheren Ton an.

»Ich werde mir von der Agentur schon mal einige Exposés für Villen in der Gegend schicken lassen, die wir dann nach deiner Rückkehr zusammen besichtigen können. Wir sind uns ja einig über das, was wir wollen, oder?«

Henry nickte und fragte sich, ob es tatsächlich das war, was er wollte. Das Haus betreffend hatte er keine besonderen Ansprüche. Aber war diese Ehe das, was er wirklich wollte?

Auf einmal verspürte er das Gefühl, unfreiwillig in etwas hineingerutscht zu sein. Aus Sicht seiner Eltern war Leontine die perfekte Partnerin: aus einer ehrbaren, vermögenden Adelsfamilie, selbstsicher auf dem Parkett, erfolgreich, gut aussehend, im passenden Alter und mit Kinderwunsch.

Und auch er hatte sie für eine passende Wahl gehalten. Sie war zwar oft etwas kühl und belehrend, aber ansonsten angenehm im Umgang. Tolerant, vernünftig und eigenständig. Er wusste zu schätzen, dass sie loyal war und nie klammerte.

Dennoch hatte ihre Anwesenheit selbst jetzt, kurz vor dem Abflug, etwas Erdrückendes, und Henry konnte es kaum erwarten, sie hinter der Sicherheitskontrolle zurückzulassen.

Verspürte er nur eine Art Lampenfieber vor Hochzeit und Ehe oder steckte mehr dahinter? Um dies herauszufinden, wollte er unbedingt einige Zeit allein verbringen, fernab von allem Gewohnten. Bestimmt würde er Leontine vermissen und konnte sich dann aus vollem Herzen an den Hochzeitsvorbereitungen beteiligen und sich auf die gemeinsame Zukunft freuen. Wenn er schon heiratete, wollte er auch ein guter Ehemann sein.

Aber war es eigentlich nur die Heirat, die ihn störte und wie ein beständig schwerer werdendes Gewicht auf seiner Brust lastete? Im Grunde fühlte sich sein ganzes komfortables Leben an wie ein zu enggeschnittener, steifer Anzug. Alles war vorausgeplant und gesichert. Er erledigte den Job in der Bank der von Wittelsbachs zu aller Zufriedenheit – außer zu seiner eigenen. Der Umgang mit Zahlen und Klienten fiel ihm leicht, befriedigte ihn jedoch nicht wirklich.

Henrys Privatleben bestand aus unzähligen Einladungen zu Galadinnern, Charity-Events und sonstigen mondänen Veranstaltungen, die er wahrnehmen musste, und im Gegensatz zu Leontine, die diese Auftritte genoss, waren sie ihm furchtbar lästig. Das jedoch ließ er sich nie anmerken. Henry hatte eine hervorragende Erziehung genossen und wusste, was sich als Prinz gehörte. Und so machte er charmante Komplimente, plauderte geistreich über dieses und jenes und präsentierte sich stets aufmerksam und mit einem Lächeln auf den Lippen. Die restliche Freizeit war mit Besuchen im Golf- und Tennisclub verplant, die ihm wichtig erschienen, um berufliche und private Kontakte zu pflegen und dabei auch gleich Sport zu treiben.

Er funktionierte wie ein perfekt programmierter Roboter.

Henry war bewusst, dass dies Luxusprobleme waren, um die ihn viele beneiden würden. Doch immer öfter verspürte er das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen und war kürzlich einer Panikattacke nahe gewesen. Da hatte er gewusst, dass es Zeit war, die Reißleine zu ziehen. Nach kurzer Rücksprache mit Leontine hatte er Urlaub eingereicht und einen Flug nach La Réunion gebucht. Freunde hatten dort im letzten Herbst ihren Urlaub verbracht und davon geschwärmt. Seitdem ging Henry die französische Insel im Indischen Ozean nicht mehr aus dem Kopf.

Zwei Wochen Spontanität, Einfachheit und Abenteuer würden ihm guttun. Danach würde er bestimmt wieder erleichtert in die Rolle des Prinzen von Wittelsbach schlüpfen.

Julia Helmholz starrte fasziniert vom Rand der Klippe auf das tosende Meer hinunter, das sich wie ein brodelnder Hexenkessel schäumend an den vielen kleinen Felsen brach.

Der kräftige Wind spielte mit ihren langen rehbraunen Haaren, in das die Tropensonne rötlichgoldene Reflexe zauberte.

Sie war seit drei Tagen auf La Réunion und wohnte im Gästezimmer einer einheimischen Bekannten in deren Haus in Saint-Pierre, einem zauberhaften Küstenort im Süden der kleinen Vulkaninsel.

Julia freute sich auf die vor ihr liegenden Wochen oder sogar Monate, in denen sie in ihrer Freizeit diese vielfältige Insel erkunden wollte. Sie ganz allein konnte darüber bestimmen, wie lange sie bleiben wollte.

Mit dem Moped, das sie für den Tag gemietet hatte, fuhr sie durch den dichten Nachmittagsverkehr nach Saint-Pierre zurück. Sie beschloss, in das nette Café einzukehren, in dem sie bereits in den letzten beiden Tagen einen Cappuccino getrunken hatte, und dort noch ein wenig zu arbeiten. Ihr handliches Notebook trug sie stets in ihrem Rucksack bei sich.

Als Julia auf ihren Lieblingstisch zusteuerte, von dem aus man einen herrlichen Blick auf den türkisblauen Ozean hatte, stellte sie enttäuscht fest, dass er dieses Mal schon besetzt war. Von einem attraktiven jungen Mann, der den Ausblick ebenfalls zu genießen schien.

Dann sei es ihm gegönnt, dachte sie mit einem Lächeln. Sie selbst würde schließlich ohnehin auf ihren Bildschirm gucken müssen.

Sie setzte sich an den Nachbartisch, klappte das Notebook auf und rief die Datei auf, an der sie gerade arbeitete.

Der Kellner erschien am Nebentisch, und der gut aussehende Dunkelhaarige bestellte in holprigem Schulfranzösisch mit unverkennbar deutschem Akzent. Der Kellner antwortete herablassend im Kreolisch der Einheimischen.

»Was meinen Sie?«, stotterte der Mann verwirrt. »Könnten Sie das vielleicht auf Englisch sagen?«

»Non, je regrette, Monsieur.«

Julia erbarmte sich.

»Er hat gesagt, dass er gerade kein Schokoladeneis hat, Ihnen aber Vanilleeis mit auf der Insel angebauter Vanille anbieten kann«, sagte sie zu dem Fremden. »Und dass er nicht weiß, was Sie mit Café Americano meinen.«

»Oh, ach so.« Der Mann sah sie erleichtert an. »Könnten Sie ihn fragen, ob er mir den Kaffee einfach mit Wasser verdünnen kann? Und das Vanilleeis geht in Ordnung.«

Julia übersetzte in fließendem Französisch und orderte gleich einen Cappuccino für sich selbst.

Der junge Mann seufzte. »Puh, ich hatte mir eingebildet, mein Französisch sei gar nicht so schlecht.«

Julia lächelte ihn aufmunternd an.

»Ist es sicher nicht, aber die sprechen hier kreolisch eingefärbtes Französisch und wollen sich manchmal keine Mühe geben, die Touristen zu verstehen. Es ist wie in Paris – die Kellner spielen nur zu gerne ihr bisschen Macht aus.«

Der Fremde blickte Julia interessiert an. »Sie sind wohl schon länger auf der Insel?«

»Nein, aber ich habe Französisch studiert. Und wohne hier bei einer einheimischen Bekannten, die mir einiges verraten hat.«

»Das ist praktisch. Ich bin erst heute Morgen angekommen. Mein Hotel liegt gleich um die Ecke.« Er machte eine kleine Kopfbewegung zur Straße hin.

»Wie lange bleiben Sie?«, fragte Julia, die sich gerne noch länger mit ihm unterhalten hätte. Und das nicht nur, weil sie so selten Gelegenheit hatte, ihre Muttersprache zu sprechen.

»Zwei Wochen. Und Sie?«

Sie machte eine vage Geste. »Ich weiß es noch nicht. Drei Wochen oder drei Monate – mal sehen.«

»Muss toll sein, wenn man auf unbestimmt Zeit Urlaub machen kann«, sinnierte er. »Aber Sie machen vielleicht gar keinen?« Er wies mit dem Kinn auf ihr Notebook.

Julia nickte. »Ja, theoretisch habe ich eine Vierzig-Stunden-Woche. Allerdings bin ich meine eigene Chefin.«

»Und sind Sie eine nette Chefin?« Bei seinem verschmitzten Lächeln bildeten sich winzige Fältchen um seine blaugrünen, schwarz bewimperten Augen.

Julia lachte auf. »Ich bemühe mich.«

Er sah so aus, als würde er gern noch mehr fragen, sich aber beherrschen, um nicht zu neugierig zu wirken.

Julia lächelte ihn noch einmal an und tat dann so, als würde sie auf den Bildschirm ihres Notebooks gucken, doch in Wirklichkeit war sie auf einmal viel zu konfus, um sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Eigentlich ging sie Männern in den letzten Jahren lieber aus dem Weg, doch dieser hier hatte etwas an sich, das sie fast magisch anzog. Vielleicht, weil er trotz seines freundlichen Interesses recht distanziert wirkte, das beruhigte sie.

Unwillkürlich hob sie den Blick. Obwohl er sie nicht länger ansah, sondern aufs Meer schaute, hatte sie das Gefühl, sich erklären zu müssen.

»Ich bin freiberufliche Lektorin und Übersetzerin, ich kann von überall aus arbeiten.«

In seine ebenmäßigen Züge trat ein gespannter Ausdruck. »Und das nutzen Sie aus?«