Fürsten-Roman - Folge 2509 - Anja von Stein - E-Book

Fürsten-Roman - Folge 2509 E-Book

Anja von Stein

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Beschreibung

Zwölf Jahre ist es her, dass ein schrecklicher Unglücksfall Maximilian von Eschweiler das Liebste raubte - seine Frau und seinen ungeborenen Sohn. Zwölf Jahre, in denen der Fürst durch die Hölle ging, sich in seinem Kummer vergrub und sein Herz verschloss. Zwölf Jahre auch ohne ein Wort von Maximilians Bruder Clemens, dem der Fürst die Schuld an dem Unfall seiner Frau gab und der deshalb Schloss Falkenhorst verließ. Und jetzt steht aus heiterem Himmel eine junge Frau im Schlosshof, zusammen mit drei kleinen Kindern, die Clemens aufs Haar gleichen. Mit der Nachricht, die sie zu überbringen hat, tut sich vor dem Fürsten ein neuer Abgrund auf. Hat ihn das Schicksal nicht schon genug geprüft?

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Seitenzahl: 132

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Inhalt

Cover

Impressum

Hölle oder Paradies?

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Anne von Sarosdy / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-3757-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Hölle oder Paradies?

Gefühlvoller Roman um eine unerwartete Liebe in Adelskreisen

Von Anja von Stein

Zwölf Jahre ist es her, dass ein schrecklicher Unglücksfall Maximilian von Eschweiler das Liebste raubte – seine Frau und seinen ungeborenen Sohn. Zwölf Jahre, in denen der Fürst durch die Hölle ging, sich in seinem Kummer vergrub und sein Herz verschloss. Zwölf Jahre auch ohne ein Wort von Maximilians Bruder Clemens, dem der Fürst die Schuld an dem Unfall seiner Frau gab und der deshalb Schloss Falkenhorst verließ.

Und jetzt steht aus heiterem Himmel eine junge Frau im Schlosshof, zusammen mit drei kleinen Kindern, die Clemens aufs Haar gleichen. Mit der Nachricht, die sie zu überbringen hat, tut sich vor dem Fürsten ein neuer Abgrund auf. Hat ihn das Schicksal nicht schon genug geprüft?

Gerlinde Prinzessin von Eschweiler stand am Rand einer Schlucht und schützte die Augen mit der Hand gegen das grelle Sonnenlicht.

Verträumt sah sie sich um. Nirgends war es so schön wie im Erzgebirge, wo ihre Heimat war. Rundherum tiefgrüne Wälder, dazwischen die granitgrauen Felsen der Berge und tief unten in der Schlucht gurgelte ein Gebirgsbach, der von einem malerischen Wasserfall gespeist wurde. Dazu zeichnete sich in der Ferne die stolze Silhouette von Schloss Falkenhorst ab, ihrem Wohnsitz. Mit den wuchtigen Türmen und den wehrhaften Mauern wirkte die alte Burg sehr erhaben.

»Ist es hier nicht herrlich!«, schwärmte die Prinzessin und breitete die Arme aus. »Kristallklare Luft, strahlend blauer Himmel und ein berauschender Ausblick über das Land.«

Sie waren bereits seit dem frühen Vormittag unterwegs. Doch das konnte die naturverbundene Prinzessin nicht erschüttern. Wandern war ihre Leidenschaft. Selbst die fortgeschrittene Schwangerschaft hielt sie nicht von dem Ausflug mit ihrem Mann Prinz Maximilian und dem Schwager Prinz Clemens ab.

Allerdings schwächelte Letzterer heute etwas. Er war am Vorabend auf einer Geburtstagsfeier gewesen und noch etwas angeschlagen.

»Ein berauschender Traum in meinem Bett wäre mir lieber«, knurrte der siebenundzwanzigjährige Prinz und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich gehe besser zum Schloss zurück, bevor ich euch noch mit meiner schlechten Laune den schönen Ausflug verderbe.«

»Ach Clemens, du wirst doch jetzt nicht schlappmachen«, rief die ein Jahr ältere Prinzessin bestürzt. Sie mochte den sonst stets gut gelaunten Schwager gern.

Clemens schüttelte zerknirscht den Kopf.

»Geht allein weiter. Ich fürchte, ich brüte eine Erkältung aus.«

»Ich denke eher, das sind die Nachwirkungen deiner gestrigen Ausschweifungen«, hielt Maximilian spöttisch dagegen. »Man schlägt sich nicht die Nacht in zwielichtigen Bars um die Ohren, wenn man am nächsten Morgen in die Berge gehen will. Kein Wunder, dass es dir nun an Kondition mangelt.«

»Mein bester Freund hatte Geburtstag, da konnte ich mich nicht ausklinken«, konterte Clemens verschnupft über die Rüge des Älteren. »Und die zwielichtigen Bars waren seriöse Etablissements.« Er reckte seine schlaksige Gestalt. »Ich gehöre eben noch nicht zum gesetzten Semester wie mein Herr Bruder, der einmal Fürst werden will und deshalb schon jetzt die Ernsthaftigkeit in Person ist. Ich will noch was erleben.«

Jetzt grinste er, was zeigte, dass seine Worte nicht ernst gemeint waren. Er liebte den Bruder und beneidete ihn gewiss nicht um seine Vorrangstellung als künftiger Fürst von Eschweiler, was leider bereits in naher Zukunft in Kraft treten würde.

Der Vater war schwer krank, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er für immer die Augen schloss.

Maximilian seufzte. Er hatte gerade erst seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert und würde nun schon bald die Verantwortung für die fürstliche Dynastie übernehmen müssen.

Glücklicherweise hatte er in seiner Gerlinde die ideale Partnerin gefunden, um die Bürde zu meistern, die sein Amt mit sich brachte. Sie war nicht nur bildhübsch und pflichtbewusst, sie eroberte mit ihrem natürlichen Charme alle Herzen und würde eine ebenso beliebte Landesmutter sein, wie es die alte Fürstin war. Am meisten schätzte Maximilian jedoch an seiner Frau ihre geradezu sprichwörtliche Gelassenheit und ihre Engelsgeduld.

Er war Kunsthistoriker und hatte mit seinen Büchern und Essays bereits einige Erfolge erzielt, ebenso waren seine Expertisen begehrt. Aber sein Beruf erforderte auch viel Zeit und Ruhe. Oft verkroch er sich tagelang im Arbeitszimmer und war nicht ansprechbar. Dann ließ ihn Gerlinde einfach in Ruhe. Wenn er dann aus seiner selbst gewählten Klause zufrieden mit sich und seinem Werk wieder auftauchte, erwartete ihn eine ausgeglichene Ehefrau, die ihn mit Zärtlichkeit verwöhnte, statt zu nörgeln.

Wie sehr er sie doch liebte, seine wunderschöne Frau, der das Glück ihrer Schwangerschaft mit dem ersehnten Sohn nur so aus den Augen leuchtete. Verliebt warf er ihr eine Kusshand zu, die sie übermütig zurückgab.

Clemens äugte zum Schloss und seufzte.

»Meine Beine sind wie Wackelpudding. Ich hätte gleich im Bett bleiben und meine Kopfschmerzen auskurieren sollen, statt mich zu dem Ausflug überreden zu lassen.«

»Wenn man etwas zusagt, muss man es auch halten«, beharrte Maximilian.

Sie hatten den Ausflug gemeinsam geplant, deshalb duldete er nun keinen Rückzieher aus läppischem Grund. Disziplin stand für ihn an oberster Stelle. Im Gegensatz zu dem Jüngeren, der von Privatlehrern im Schloss unterrichtet worden war, hatte er ein strenges Internat besuchen müssen. Das hatte ihn geprägt.

Clemens blies ergeben die Luft aus. Er rückte seinen Rucksack zurecht und trottete weiter. Dabei übersah er jedoch einen großen Stein. Er stolperte darüber, ruderte hilflos mit den Armen in der Luft und stieß gegen die Prinzessin, die nun ihrerseits den Halt verlor. Erschrocken streckte Maximilian die Hand nach seiner Frau aus, verfehlte sie aber.

Mit gellendem Schrei stürzte die Prinzessin in die Tiefe.

***

Schweißgebadet schreckte Fürst Maximilian aus seinem Bürosessel hoch. Er brauchte eine Weile, um sich zurechtzufinden, so realistisch war der Traum gewesen.

Zwölf Jahre waren seit dem schrecklichen Unglück vergangen, und noch immer quälte ihn die Erinnerung, als wäre es erst gestern geschehen. Sobald er die Augen schloss, überfiel ihn der Albtraum wie ein böser Dämon, der nie Ruhe gab.

Heute war er am Schreibtisch über seinen Büchern eingenickt. Jetzt fühlte er sich wie gerädert. Sein Herz raste, und der Schmerz über den Verlust seiner geliebten Frau und des ungeborenen Kindes war wieder allgegenwärtig. Seit damals lebte er nicht mehr, er existierte nur noch.

Stöhnend rieb der Fürst seine pochenden Schläfen. Er sehnte sich nach der Harmonie und Freude, die Gerlinde mit ihrer Sanftmut und Fröhlichkeit dem alten Gemäuer eingehaucht hatte, und vermisste seine geliebte Frau schmerzlicher denn je.

Heute nistete Finsternis in jedem Winkel der Burg und raubte selbst dem heitersten Menschen seinen Optimismus. Das wenige Personal, das noch übrig war, schlich auf Zehenspitzen durch die Gegend, stets bemüht, den Fürsten in seiner grenzenlosen Trauer nicht zu stören.

Seitdem das Schicksal so grausam zugeschlagen hatte, gab es auf dem Schloss keine fröhlichen Feiern oder Veranstaltungen mehr, selbst die Zeremonie zur Amtseinsetzung des neuen Fürsten war der Trauer zum Opfer gefallen. Der alte Fürst war nur wenige Wochen nach seiner Schwiegertochter verschieden, und Maximilian hatte zu all dem Leid auch noch die Bürde seines Erbes ohne seine wundervolle Gattin antreten müssen.

Der Fürst seufzte schuldbewusst. Bis heute hatte er das Zepter, das ihm der Vater vor seinem Tod symbolisch in die Hände gelegt hatte, nicht wirklich ergriffen. Er mied jeden öffentlichen Auftritt und versteckte sich im Schloss, während seine Mutter tapfer alle Repräsentationspflichten allein meisterte.

Ebenso hatte er noch immer keinen wirklichen Einblick in die Geschäfte genommen und vertraute blind den Verwaltern des fürstlichen Besitzes. Dabei war er schon mehrfach von seinem Steuerberater gewarnt worden, den Leuten nicht zu viel Macht in die Hände zu geben. Nicht wenige schienen in die eigene Tasche zu wirtschaften. Trotzdem konnte Maximilian sich nicht aus seiner Schwermut befreien, um endlich mit strenger Hand für Ordnung zu sorgen. Ohne Gerlinde erschien ihm das Leben so sinnlos.

Sogar seine geliebte Arbeit machte ihm keine Freude mehr. Um seine Einsiedelei nicht verlassen zu müssen, erforschte er nur noch die Artefakte seines Schlosses. Seit er weder Expertisen anfertigte noch Essays oder Bücher über seine Wissenschaft schrieb, blieben nicht nur die Einnahmen aus – sein einst geachteter Name geriet in der Kunstszene immer mehr in Vergessenheit. Doch das ließ ihn kalt. Was nützten ihm Ruhm und Ansehen, wenn seine geliebte Frau nicht mehr stolz auf ihn sein konnte! Und was brauchte er Geld, wenn es keine Familie gab, die er versorgen musste.

Die Tür öffnete sich, und die alte Fürstin trat ins Arbeitszimmer ihres Sohnes. Die heute Zweiundsiebzigjährige hatte das Unglück, das ihr die geliebte Schwiegertochter und den ersehnten Erben geraubt hatte, ebenfalls schwer getroffen. Ihr einst makellos schönes Gesicht war von Falten der Trauer und Verbitterung durchfurcht, und die lebhaften blauen Augen hatten ihre Strahlkraft verloren. Selbst ihr stolzer Gang hatte gelitten, der Kummer hatte sie gebeugt.

»Du hast geschrien, hattest du wieder diesen Albtraum?«, wandte sie sich besorgt an ihren Sohn.

Maximilian nickte schwer. »Die Erinnerung an diesen verhängnisvollen Unfall, der mir das Liebste raubte, was ich hatte, lässt mich wohl niemals los«, erwiderte er bitter. Er goss sich ein Glas Wasser ein und nahm einen tiefen Schluck.

Dann stand er auf, trat ans Fenster und sah hinunter in den Schlosshof. Eine verrostete Kinderschaukel quietschte im leisen Wind.

Gerlinde hatte für den ungeborenen Sohn eine Spielecke einrichten lassen. Obwohl es ihm fast das Herz zerriss, täglich seinen zerstörten Traum vom Familienglück vor Augen zu haben, ließ er die Sachen nicht wegräumen. Es war seine Strafe, weil er sich schuldig fühlte. Hätte er den Bruder damals nicht genötigt, zu seinem Wort zu stehen, nur, weil ihn dessen Unzuverlässigkeit geärgert hatte, wäre das Unglück wahrscheinlich nie geschehen.

»Der Traum würde mich nicht so quälen, wäre ich dabei nicht dem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt«, sagte er leise über die Schulter hinweg. »Freude, Lachen, die Leichtigkeit eines schönen Erlebnisses und dann diese entsetzliche Hilflosigkeit, als meine geliebte Frau in die Tiefe stürzte und ich sie nicht halten konnte.« Plötzlich überkam ihn wieder der Zorn. »Niemals werde ich meinem Bruder verzeihen! Er hat meine Frau auf dem Gewissen.«

»Clemens trifft keine Schuld«, verteidigte Leonore den jüngeren Sohn vehement. »Es war eine Laune des Schicksals.« Sie hob den Kopf und blickte ihren Ältesten vorwurfsvoll an. »Warum hast du nicht akzeptiert, dass dein Bruder nicht in der Lage war, euch bei dem Ausflug zu begleiten, statt ihn mit seinem Versprechen zu knebeln?«

»Ach, nun bin ich wieder schuld«, brauste der Fürst erneut auf. Er verengte die Augen und höhnte: »Woher nur dein Sinneswandel, Mama? Damals hast du Clemens nicht minder verdammt als ich. Doch nun ergreifst du immer mehr Partei für ihn.«

Leonore ließ sich erschöpft in einen Sessel der Ledersitzgruppe sinken, die das sonst nüchterne Arbeitszimmer des Fürsten wohnlich machte.

»Ich vermisse meinen Sohn und erkenne inzwischen, wie falsch mein Verhalten war. Statt ihn mit Schuldzuweisungen und quälenden Vorwürfen noch mehr in die Verzweiflung zu treiben, hätte ich Verständnis aufbringen müssen.« Sie atmete schwer.

Zwölf lange Jahre hatte sie nichts mehr von ihrem jüngsten Sohn gehört. Sie wusste nicht einmal, ob er noch lebte.

»Clemens hat Gerlinde verehrt und sie wie eine Schwester geliebt«, fuhr sie mit brüchiger Stimme fort. »Ihr Tod hat auch ihn am Boden zerstört. Er ist mit dem Schicksalsschlag genauso wenig fertiggeworden wie du. Deshalb hat er das Schloss nur wenige Tage nach dem Unglück bei Nacht und Nebel verlassen. Er hoffte wohl, dass du eher zur Ruhe kommst, wenn dir künftig sein Anblick erspart bleibt.«

Der Fürst wischte mit der Hand verächtlich durch die Luft.

»Es war eine feige Flucht. Clemens ist vor seiner Schuld davongelaufen. Er hatte Angst, dass ich ihn zur Rechenschaft ziehen würde.«

Traurig blickte die alte Fürstin ihren Sohn an.

»Wie wenig du deinen Bruder doch kennst, Maximilian. Clemens stand immer zu seinen Fehlern. Es stimmt, er hatte sich selbst nicht verzeihen können, und sah wohl die Fremde als einzigen Ausweg und Sühne. Aber es war auch der Hass in deinen Augen, was ihn aus dem Haus getrieben hat, und mein Unverständnis. Ich habe damals nicht begriffen, wie sehr Clemens litt und mit meinen Vorwürfen und Tränen noch Öl ins Feuer gegossen. Heute verzeihe ich mir nicht, meinem zutiefst verzweifelten Sohn so wenig Stütze gewesen zu sein.«

»Deshalb lässt du jetzt wohl nach ihm suchen?«, fiel Fürst Maximilian düster ein. Er setzte sich der Mutter gegenüber und knetete verdrossen seine Hände.

Überrascht hob Leonore den Kopf.

»Du weißt, dass ich einen Detektiv mit den Nachforschungen nach meinem verschollenen Sohn beauftragt habe?«

Maximilian nickte grimmig.

»Warum jetzt, Mama? Warum nach all den Jahren, wo sich die Wunde in meinem Herzen langsam schließt?«

Die Fürstin schüttelte energisch den Kopf.

»Wie wenig das der Fall ist, zeigt doch dein wiederkehrender Albtraum. Du wirst niemals Ruhe finden, solang du dich nicht mit deinem Bruder versöhnt hast, Maximilian. Du wärst längst über Gerlindes Tod hinweg, würdest du endlich akzeptieren, dass das Unglück Schicksal war und niemand es verhindern konnte. Gerlinde hätte auch selbst stolpern können oder …«

»Mama, bitte …!« Maximilian riss zornig die Hände hoch. »Die Trotteligkeit meines verkaterten Bruders war der Auslöser des verhängnisvollen Unfalls. Also, höre auf, Clemens in Schutz zu nehmen oder gar darauf zu hoffen, dass ich ihm jemals verzeihen könnte. Ich …«

Er stockte unwillig, als es an der Tür klopfte.

***

Es war das Hausmädchen, das den Tee servierte, den die alte Fürstin geordert hatte. Sie nahm der Bediensteten das Tablett aus den Händen und winkte sie wieder hinaus. Bedächtig goss sie den Tee in die hauchfeinen Tassen aus chinesischem Porzellan und reichte dem Sohn sein Getränk zu.

Widerwillig nahm der Fürst die Tasse an sich. Man sah ihm an, wie sehr er wünschte, die Mutter würde ihn wieder allein lassen. Doch Leonore dachte gar nicht daran. Viel zu lang hatte sie geschwiegen. Es wurde höchste Zeit, dass sie ihrem Sohn mal gehörig den Kopf wusch, um ihn endlich aus seiner Schwermut aufzurütteln, bevor die fürstliche Familie und mit ihr das einst stolze Schloss Falkenhorst noch gänzlich dem Untergang geweiht war. Dieses bedurfte dringend einer Sanierung. Doch der Fürst verschloss davor die Augen, wie er auch sonst die Realität nicht mehr an sich herankommen ließ.

Sie setzte sich wieder und trank versonnen einen Schluck Tee, der heiß und wohlig durch ihre Kehle rann. Dann ergriff sie erneut das Wort.

»Du wirst mir jetzt weiter zuhören, Maximilian, wenn auch dein Herz noch voller Groll ist«, sagte sie bestimmt. »Aber ich kann nicht länger zusehen, wie unsere Familie immer mehr auseinanderbricht und unser altehrwürdiger Name in Vergessenheit gerät, weil der Fürst von Eschweiler seine Pflichten sträflich vernachlässigt.«

Maximilian zog angespannt die Augenbrauen zusammen, wovon sich seine Mutter aber nicht irritieren ließ.

»Inzwischen lädt man uns nicht einmal mehr zu diversen Events oder Hochzeiten des Hochadels ein, weil man von vornherein mit einer Absage rechnet. Selbst meine Person ist nicht mehr gefragt. Ohne meinen Sohn, den Fürsten, an meiner Seite, gebe ich bei den Feiern wohl nur noch eine groteske Figur ab, die letzte Bastion des einst glorreichen Fürstentums, das nun unaufhaltsam zerfällt.«

»Wie kannst du das sagen, Mama!« Nun zeigte sich doch Bestürzung in der finsteren Miene des Fürsten. Er griff über den Tisch nach der Hand seiner Mutter und hauchte einen Kuss darauf. »Du vertrittst das Fürstenhaus noch immer mit viel Charme und Grandezza, niemand sieht in dir eine groteske Figur.« Abermals beschlich ihn das schlechte Gewissen.

»Trotzdem wäre es deine Aufgabe, den schwindenden Glanz des Fürstenhauses durch deine Anwesenheit in der noblen Gesellschaft aufzupolieren«, hielt die alte Fürstin dagegen und entzog ihrem Sohn abrupt die Hand. »Natürlich wäre dies weit wirksamer mit einer hübschen Gattin an deiner Seite, statt mit deiner alten Mutter. Deshalb sehe ich es an der Zeit, dass du dich endlich aus deiner Trauer löst und …«