G.F. Barner 153 – Western - G.F. Barner - E-Book

G.F. Barner 153 – Western E-Book

G. F. Barner

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Beschreibung

Packende Romane über das Leben im Wilden Westen, geschrieben von einem der besten Autoren dieses Genres. Begleiten Sie die Helden bei ihrem rauen Kampf gegen Outlaws und Revolverhelden oder auf staubigen Rindertrails. Interessiert? Dann laden Sie sich noch heute seine neueste Story herunter und das Abenteuer kann beginnen. G. F. Barner ist legendär wie kaum ein anderer. Seine Vita zeichnet einen imposanten Erfolgsweg, wie er nur selten beschritten wurde. Als Western-Auto r wurde er eine Institution. G. F. Barner wurde quasi als Naturtalent entdeckt und dann als Schriftsteller berühmt. Sein überragendes Werk beläuft sich auf 764 im Martin Kelter Verlag erschienene Titel. Seine Leser schwärmen von Romanen wie "Torlans letzter Ritt", "Sturm über Montana" und ganz besonders "Revolver-Jane". Der Western war für ihn ein Lebenselixier, und doch besitzt er auch in anderen Genres bemerkenswerte Popularität. So unterschiedliche Romanreihen wie "U. S. Marines" und "Dominique", beide von ihm allein geschrieben, beweisen die Vielseitigkeit dieses großen, ungewöhnlichen Schriftstellers. Es war nicht die Kälte, die Jim Moodley zittern ließ, es war die nackte Angst. "Nein", sagte er halb erstickt und sah den drohend auf sich gerichteten Lauf des Gewehres. "Nein, das könnt ihr nicht machen. Ich tue es nicht!" Der Lauf hob sich, der Mann gab ein Knurren von sich. "Zum letzten Male", fauchte er. "Faß an und zieh!" Er schlägt mich tot, dachte Moodley, er schlägt mich wie damals. "Nein!" würgte er, und warf sich blitzschnell zur Seite, als er das Rucken des Gewehrlaufes bemerkte. "Nein, Hansom, ich tue es nicht, ich…" "Hundesohn!" Moodley wollte sich noch zur Seite rollen, doch da stieß er gegen die Stahlstange. Und dann sah er die Beine in den dicken Pelzschuhen auch schon kommen. Der Schnee stob hoch, der Gewehrlauf riß eine Furche. Danach knallte ihm der sechskantige Lauf der Fox in die Rippen, und er schrie. "Dir werde ich!" Er kam nicht von der Stange fort und aus dem Schnee heraus, der bei Hansoms nächsten Satz aufgewirbelt wurde.

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G.F. Barner – 153 –

Der schweigsame Kendall

G.F. Barner

Es war nicht die Kälte, die Jim Moodley zittern ließ, es war die nackte Angst.

»Nein«, sagte er halb erstickt und sah den drohend auf sich gerichteten Lauf des Gewehres. »Nein, das könnt ihr nicht machen. Ich tue es nicht!«

Der Lauf hob sich, der Mann gab ein Knurren von sich.

»Zum letzten Male«, fauchte er. »Faß an und zieh!«

Er schlägt mich tot, dachte Moodley, er schlägt mich wie damals.

»Nein!« würgte er, und warf sich blitzschnell zur Seite, als er das Rucken des Gewehrlaufes bemerkte. »Nein, Hansom, ich tue es nicht, ich…«

»Hundesohn!«

Moodley wollte sich noch zur Seite rollen, doch da stieß er gegen die Stahlstange. Und dann sah er die Beine in den dicken Pelzschuhen auch schon kommen. Der Schnee stob hoch, der Gewehrlauf riß eine Furche. Danach knallte ihm der sechskantige Lauf der Fox in die Rippen, und er schrie.

»Dir werde ich!«

Er kam nicht von der Stange fort und aus dem Schnee heraus, der bei Hansoms nächsten Satz aufgewirbelt wurde. Diesmal sah er den Gewehrlauf auch nicht mehr. Der Schnee wirbelte, und der Lauf knallte ihm an die Kapuze. Der Hieb war so hart, daß ihn auch das dicke Fell nicht dämpfte.

Mein Ohr, dachte Moodley. O Gott, mein Ohr. Er schlägt mich in Stücke, er kennt keine Gnade, der Teufel Hansom. Bloß fort von der verdammten Stange.

In seiner Verzweiflung trat er aus, stieß gegen den steifen Kadaver des Weißfuchses. Und dann kam er ins Rutschen, war plötzlich frei und glitt von der Stange fort. Er glaubte noch das heftige Klirren zu hören, mit dem der Gewehrlauf gegen die Stange prallte. Dieser Schlag hatte ihn verfehlt, nun rutschte er den Hang herunter und dem Waldsaum entgegen.

»Du verfluchter Bursche, dir werde ich!«

Da war die Stimme schon – Hansom kam und sprang ihm nach, so schnell es die Schneeschuhe zuließen. Das Flechtwerk aus Weidenruten, zu einem Oval gebogen und von Lederschnüren zusammengehalten, riß wahre Schneefontänen auf. Es kam Moodley vor, als bewegte sich ein Bär, den man aus dem Winterschlaf geschreckt hatte, mit rasender Geschwindigkeit stampfend heran.

Hansom war viel zu erfahren, um am Hang auszugleiten oder wie Moodley ins Rutschen zu kommen. Der Bursche hatte immerhin sieben Winter hier oben verbracht, er kannte das Gelände und alle Tricks, um selbst an einem Steilhang auf den Beinen zu bleiben. Er holte schon auf. Seine untersetzte, stämmige Gestalt, eingehüllt in die dicke Pelzjacke und die Fellhose, hatte wirklich Ähnlichkeit mit der eines Bären.

Gus Hansom tauchte aus den wirbelnden Flocken auf, ein Schatten, der immer deutlicher wurde.

Die Bäume, dachte Moodley, könnten meine Rettung werden. Zwischen den Bäumen kommt er nicht schnell genug voran. Ich muß den Waldrand erreichen, sonst schlägt der mich zum Krüppel. Ich muß… Und dann dachte er gar nichts mehr vor Schreck. Plötzlich packte etwas seinen rechten Schneeschuh, dieses Ding, das die Bergindianer irgendwann erfunden und die Weißen dann übernommen hatten. Ein Schneeschuh erlaubte es, Meile um Meile auch im tiefsten und frischesten Pulverschnee zurückzulegen.

Der Ruck fuhr durch Moodleys Bein. Eine Sekunde glaubte er, daß er in zwei Teile gerissen werden würde, denn er rutschte nach links herum. Sein linkes Bein spreizte sich weit ab, sein Körper sauste in einem Halbkreis durch den hochstiebenden Schnee. Danach kam der zweite Ruck. Er riß ihn in die Rückenlage, so daß er mit dem Kopf hangabwärts liegenblieb und verschwommen den dunklen Saum des Waldes sah.

Moodleys gehetzter Blick flog sofort hangaufwärts, denn dort mußte das sein, was ihn gepackt hatte. Und jetzt sah er den zweiten Mann, dessen Linke blitzschnell zuschnappte. Es war Alec Short. Der Mann, der ganz im Gegensatz zu seinem Namen groß, hager und sehnig war, hatte sich bereits eingestemmt. Die Spitzen seiner Schneeschuhe ragten hoch, er stand also auf den Hacken und mußte den Schnee mit einem Sprung zusammengepreßt haben, damit er einen festen Stand hatte.

Short hielt auch Jim Moodleys zweiten Schneeschuh am Flechtwerk gepackt, so daß Jim auf keinen Fall los­kommen konnte. Wo Short so schnell hergekommen war, blieb Moodley ein Rätsel. Wahrscheinlich hatte er sich vom Waldrand aus genähert. Der in wirbelnden Flocken über den Hang treibende Schnee hatte sich im stumpfgrauen Fell seiner Jacke festgesetzt. Short wirkte wie ein Schneemann, der sich von der weißen Hochfläche kaum abhob.

»Ich habe ihn, Gus«, sagte Short mit seiner tiefen rauhen Stimme triumphierend. »Was ist los, Mann?«

»Shorty, Shorty, laß mich los«, stöhnte Jim Moodley vor Angst. »Er schlägt mich tot, er schlägt mich...«

»So schnell schlägt man keinen tot«, erwiderte Short grinsend. Sein breiter Mund verzog sich. Er hatte ein ausgemergeltes und lederhäutiges Gesicht mit stark hervorspringenden Wangenknochen und eng zusammenstehenden Augen, die grau wie kalter Granit blitzten. »He, Gus, was ist los?«

Gus Hansom stapfte heran.

»Ich sollte ihm das Bein abschlagen!« giftete Hansom. Er war der brutalste Kerl, den Jim Moodley im Verlauf seines knapp zwanzigjährigen Lebens kennengelernt hatte. Ein nur fünf Fuß und vier Zoll kleiner Bursche, der kurzbeinig durch die Welt kommen mußte und von vielen, weil er so klein war, nicht für voll genommen wurde. Vielleicht war es diese Kleinwüchsigkeit, die Hansom zu einem wahren Satan gemacht hatte.

»Teufel, Teufel, laß ihn!« grollte Short. »Du kannst uns doch nicht unseren Laufburschen und Hausdiener erschlagen, Gus. Was ist passiert?«

»Was passiert ist?« fluchte Hansom wild. »Der verdammte Strolch und Tagedieb weigert sich, die Falle aufzuziehen. Er sagt, er täte es nicht, weil es nicht unsere Falle wäre.«

Alec Short sperrte staunend den Mund auf und starrte, als wäre er höchst verwundert, auf Jim Moodley herab.

»Teufel, Teufel«, wiederholte er. Teufel sagte er bei jeder möglichen Gelegenheit, es war sein Schlagwort geworden. »Ist nicht wahr – nicht unsere Fallen? Jim, wie kommst du darauf?«

»Es sind nicht unsere Fallen«, keuchte Jim Moodley. »Shorty, sie gehören dem alten Bill Baxter, ich habe die eingeschlagenen Buchstaben gesehen, B B. Das ist Felldiebstahl. Um Gottes willen, Shorty, räumt die Fallen nicht aus. Ihr kennt doch das Gesetz der Wildnis genausogut wie ich. Shorty, wer an die Fallen anderer Jäger geht, kann auf der Stelle aufgehängt oder erschossen werden.«

» Teufel, Teufel, kann er das?« fragte Short, und wechselte einen Blick mit Hansom. »Was du nicht sagst, Kleiner, ich staune. Du glaubst, der alte Baxter wird uns erschießen oder aufhängen?«

»Dazu hat er das Recht, wenn er euch erwischt«, stöhnte der Junge. »Ihr habt mir gesagt, wir suchen ein neues Jagdrevier – kein Wort davon, daß ihr fremde Fallen leeren wollt. Das ist verboten, und wer es macht, ist in diesem Land vogelfrei, ich weiß es genau.«

»Teufel, Teufel, wie er redet?« wunderte sich Short zwinkernd und grinste. »Wir haben dir doch die reine Wahrheit gesagt, Junge, oder nicht? Ist dies etwa kein neues Jagdrevier, he?«

»Es ist nicht euer Revier, es sind Baxters Fallen, und wenn er nachsieht und herausfindet, wer sie ausgeräumt hat, kann er euch umbringen wie räuberische Wölfe. Das mache ich nicht mit.«

»Da hörst du es«, knurrte Hansom wütend. »Genauso hat er mit mir geredet, der verdammte Langfinger, der unsere Vorräte plündern wollte. Baxter und uns umbringen – dieser alte, klapperige Narr – daß ich nicht lache!

Los, hoch mit dir, Jim, oder du erlebst die Hölle, schlimmer als im Herbst, als du uns bestohlen hast.«

»Ich habe mir nur etwas zu essen holen wollen«, würgte Moodley. »Ihr wißt, ich hatte Hunger.«

Plötzlich war die Erinnerung an jene Nacht im Herbst wieder da. Er war mit einer Holzfällerkolonne in die Berge gezogen, aber die Arbeit als Ästehauer und Abrinder war ihm zu schwer geworden, so daß er seinen Lohn genommen und das Camp verlassen hitte. Dann war er in Bruneaus Well gelandet, dem Platz, an dem sich die Pelzjäger vor dem Aufbruch in ihre Jagdgründe trafen. Und dort hatte sein ganzes Unglück begonnen. Da waren noch ein paar Girls gewesen, auch die rothaarige Belle, er hatte getrunken und sein Geld bis auf einen Rest, der zur Rückreise nach Saint Louis reichen sollte, verpraßt.

Eines Morgens war er aufgewacht, nachdem er noch Abschied gefeiert und zuviel getrunken hatte. Sein Geld war verschwunden, die ganze Geldkatze, die er auf dem Leib getragen hatte. Mit dem Geld aber auch die letzten der leichten Mädchen. Er hatte geflucht, getobt, war ihnen drei Tage lang mit leerem Magen gefolgt. Und dann hatte er das Camp von Short und Hansom am Fluß entdeckt. Die beiden Burschen waren auf dem Weg zu Bruneaus Station gewesen. Er hatte geglaubt, daß sie schliefen, sich etwas zu essen holen wollen, war er­wischt worden, hatte fürchterliche Prügel bezogen…

»Stehlen ist stehlen«, knurrte Hansom grimmig. »Wer hat denn geheult und gejammert, er würde alles für uns tun? Wer hat gesagt, er wäre uns ewig dankbar für ein Dach über dem Kopf, für regelmäßiges Essen und Kleidung den Winter über, he? Mensch, hätten wir dich Langfinger bloß im Fluß ersäuft wie eine Ratte. Du hilfst jetzt, oder ich schlage dich langsam in Stücke, verstanden?«

Damals, dachte Jim Moodley zitternd, habe ich um mein Leben und etwas zu essen gebettelt. Ich habe nicht gewußt, daß sie wirklich einen dritten Mann brauchten. Sie haben damals schon vorgehabt, sich an Baxters Felle heranzumachen. Und weil sie dann zu viele haben, um sie mit zwei Mann transportieren zu können, brauchen sie mich – so ist es. Darum haben sie mich mitgenommen, gelacht und gesagt, ich könnte bei ihnen bleiben. Es ist wahr, ich bin damals froh darüber gewesen. Mein Gott, wäre ich doch in Saint Louis geblieben und nie, um viel Geld zu verdienen, mit den Holzfällern in die Berge gegangen. Seine Reue kam zu spät. Er hatte sich die Holzfällerarbeit leichter vorgestellt, viel weniger anstrengend und körperlich nicht so schwer. Hier hatte er versagt, wie er schon in Saint Louis versagt und die Storelehre aufgesteckt hatte.

»Aus dir wird einmal ein Tagedieb«, hatte sein Onkel verächtlich gesagt. »Du fängst alles an und bringst nichts zu Ende. Im Dreck wirst du enden, in der Gosse, Jim, ich weiß es. Eines Tages landest du in der Hölle, du Taugenichts, ich sehe es kommen!«

Dreck, dachte Moodley, ja, ich bin im Dreck gelandet. Es war schon unter den Holzfällern schlimm, aber die beiden Kerle, mit denen in einer Hütte, die sind wie Tiere. Ich habe nicht geahnt, daß es so etwas gibt, aber es ist so. Dreck – Dreck!

»Komm schon!«

Das Gewehr drohte, Hansoms Augen waren klein, dunkel und voller Gemeinheit.

»Ja«, sagte er ergeben, so ergeben, wie er alles über sich hatte ergehen lassen in diesen Wochen und Monaten. »Ich will nicht mehr geschlagen werden, aber ich weiß, es geht nicht gut aus, es gibt ein Unglück.«

»Braver Kleiner«, lobte ihn Short und zog ihn hoch, ihm über die Wange streichend. »Du bist schon ein kleiner, bockiger Satan, he? Teufel, Teufel, nun mach uns doch keinen Ärger, Kleiner. Und denk bloß nicht an Baxter. Mit dem alten Knochen werden wir leicht fertig, klar? Na, nun geh schon mit Gus. Und du läßt ihn in Ruhe, Gus, hörst du? Hau mir den Kleinen nicht entzwei, er ist doch ganz brauchbar, oder?«

Ja, dachte Jim Moodley, brauchbar in jeder Beziehung, das bin ich. Mein Gott, wenn der alte Baxter die leeren Fallen findet, was dann? Ich kenne ihn von Saint Louis her, ich habe ihn in Bruneaus Well im Herbst gesehen, als er mit seiner Tochter dort ankam. Was für ein hübsches Girl. Ich bin richtig verliebt in das Mädchen gewesen. Die soll ich bestehlen helfen, ausgerechnet Anne Baxter?

Dreckig kam sich Jim Moodley vor, dreckig und verkommen. Es würgte ihn in der Kehle, als er vor Hansom her den Hang raufstiefelte. Es war auch kein Trost, daß Hansom der Meinung war, bei Schneefall verließe nur ein Narr seine Hütte, um nach seinen Fallen zu sehen. Man konnte ja irgendwo in der Wildnis einschneien und elendig verrecken, wenn zuviel Schnee herunterkam. Vielleicht ist es besser tot zu sein, als dieses Dreckleben ertragen zu müssen. Besser tot, was?

Der Gedanke ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Besser tot…

*

Schnee, dachte sie, noch mehr Schnee. Solange die Wolken so um den Crow Peak hängen und der Wind von Nordwesten kommt, wird es weiter schneien.

Anne Baxter fröstelte ein wenig, blickte nach Süden und sah dann den Fleck drüben zwischen den Bäumen auftauchen. Der Mann trat aus dem Hochwald, wandte sich um, einmal die Rechte hebend. Nun schoß der Trog neben ihm her, dieser große, aber dennoch leichte und dünnwandige Trog, den man als Schlitten benutzen

konnte. Vielleicht war er sogar besser als jeder Schlitten, weil sein Schwerpunkt tief lag und man ihn richtig vollpacken konnte. Er glitt leicht über den Schnee wie jetzt, als sich der alte Mann hineinschwang und die Stange packte.

Zwei Sekunden später stieß er sich auch schon ab. Der Trog glitt anfangs den Hang nur herab, dann wurde er immer schneller, bis er mit unglaublicher Geschwindigkeit heranschoß. Der alte Mann lenkte ihn nun nicht mehr mit der Stange. Er verlagerte nur sein Gewicht etwas, so daß der Schlittentrog vor der Hütte einen Viertelkreis zog und wieder zum Hang fuhr. Dann blieb er stehen.

Erst in diesem Augenblick sah Anne, daß der Troog leer war. Und dann sah sie Bills Gesicht, als er die Kapuze zurückschlug. Ein Blick in sein Gesicht genügte ihr. Irgendwie hart wirkte es, zornig und doch beherrscht.

»Um Gottes willen, Dad, was ist los?«

Er sagte zuerst nichts, packte den Lederriemen, zog den Schlittentrog bis unter das überhängende, abgestützte Hüttendach, nahm das im Fellfutteral steckende Gewehr hoch und stellte den Trog aufrecht an die Wand.

»Leer«, sagt er, als er sich umwandte. »Die Fallen sind alle leer am Osthang.«

Plötzlich saß Anne ein Würgen in der Kehle. Niemand, das wußte sie, verstand sich besser auf Fallen als ihr Vater, keiner konnte die Wildwechsel so genau bestimmen und die Fallen sauberer auf ihnen verteilen. Er hatte ein ganzes Leben als Jäger verbracht und Erfahrungen gesammelt, aber dazu noch das Geschick, alles perfekt zu machen.

»Das ist doch nicht möglich, Dad«, entfuhr es Anne. »Leer – alle?«

»Zweibeinige Wölfe«, murmelte Bill Baxter. Irgendwie kam ihr seine Stimme verändert vor. In ihr schwang nur mühsam beherrschter Grimm mit. »Die Kerle müssen gedacht haben, daß ich zu alt bin, um bei dem Wetter nachzusehen. Ich hätte ihre Spuren verfolgen können, wenn ich die frisch gefallene Schneeschicht Schritt für Schritt weggeräumt hätte. Ihre Schneeschuhe hatten sich in den alten Schnee gedrückt. Drei Männer waren es.«

»O Gott!« stieß Anne erschrocken hervor. »Drei? Woher sollen sie gekommen sein?«

Der alte Bill zog die schweren Handschuhe aus, als er an ihr vorbei in die Hütte trat, in der es wohlig warm war. »Nur von einer Stelle«, brummelte er, an den Herd tretend und die alten, narbigen Hände über die Platte streckend. »Sie müssen in Jeffersons Hütte stecken.

Die Hütte steht leer, seitdem man Old Jefferson umgebracht und ausgeraubt hat. Keiner hat sie haben wollen. Pelzjäger sind nun mal abergläubisch. Man haust in keiner Hütte, in der jemand umgebracht wurde, so ist das. Ja, ich bin sicher, sie sind in Jeffersons alter Hütte.«

»Sieben Meilen von hier, so weit, Dad?«

»Und elf Meilen von unseren Fallen am Osthang entfernt«, bemerkte er ruhig. »Ein Tagesmarsch hin und zurück bei Schneefall. Bei diesem Wetter wagt sich kaum jemand heraus, der sich nicht genau auskennt. Die Kerle kennen sich also aus, aber ob sie das Wetter richtig einschätzen können?«

Er zuckte die Achseln, griff nach der Kaffeekanne und dem Becher, goß ihn voll und setzte sich. Sein Rücken preßte sich an die wärmenden Steine des Herdes. Er blieb so sitzen – krumm, alt und in den Becher und den dampfenden Kaffee starrend.

»Du glaubst, sie kommen wieder?«

»Ja«, sagte Bill Baxter düster. »Jetzt sind sie am Osthang gewesen, nun fehlt nur noch der Westhang jenseits des Waldes. Was in den Fallen gewesen ist, haben sie geholt. Nach und nach zwanzig Tiere. Dabei haben sie todsicher am Westhang und im anderen Tal nachgesehen. Es hat jetzt vier Stunden nicht heftig geschneit, auch drüben bei Jeffersons Hütte nicht. Ehe es dunkel wird, kommt der nächste Schnee. Es wird erst gegen Tagesanbruch richtig schneien. Dann brechen sie mit Sicherheit auf, um am Westhang oder im Tal zu räubern. Vielleicht sind es die Mörder Old Jeffersons, wenngleich…«

»Wenngleich?« fragte Anne, als er trank, und danach vor sich hinstarrte. »Wenngleich – was, Dad?«

»Ich glaube nicht, daß sie seine Mörder sind«, murmelte der Alte. »Die werden sich nicht in die Hütte trauen, die nicht. Vorigen Winter hat man tiefer im Süden Fallen ausgeräumt; auch bei Schneefall. Es könnte sein, daß die Halunken hier hochgekommen sind, weil ihnen jemand von Jeffersons Hütte erzählt hat – vielleicht Bruneau, der auch gestohlene Felle kauft. Daß man mit so einem Kerl Geschäfte machen muß! Nun gut, da sind drei Halunken, und sie haben zwanzig Felle, die mir gehören – uns beiden. Morgen früh schneit es.«

»Du willst morgen früh zum Westhang?« fragte Anne gepreßt und vor Schreck erbebend. »Dad, drei Männer…«

»Sie unterschätzen einen alten Mann«, sagte er kühl. »Mir wird es nicht wie Old Jefferson gehen, der beinahe so viel Erfahrung wie ich hatte. Ich glaube, er hat seinen Mörder gekannt, eingelassen und ist dann von dem Schuft hinterrücks umgebracht worden.«

»Wem traust du so eine Gemeinheit zu, Dad?«

»Jemand, aber ich kann es nicht beweisen, also rede ich nicht darüber«, knurrte Bill Baxter. »Mach dir um mich keine Sorgen, Tochter, ich werde auch mit vier oder fünf Männern fertig, wenn ich muß und will.«

»Vater, ich komme mit, ich lasse dich nicht allein gehen.«

Er hob den Kopf und sah sie forschend an.

»Deine Mutter«, sagte er leise, sofort wieder zu Boden blickend, »wäre auch mitgegangen. Wohin auch immer, solange du nicht auf der Welt warst, sie wäre mit mir gegangen.

Gut, du kannst mich begleiten, aber du wirst tun, was ich sage. Genau das und nichts anderes! verstanden, Tochter?«

»Ja, Vater.«

Er schwieg und starrte vor sich hin, und sie wußte, daß er nicht an die drei Felldiebe dachte. Seine Gedanken waren wieder bei seiner Frau, ihrer Mutter. Sie waren immer bei ihr und sie würden es sein, solange er lebte. Manchmal hatte sie das Gefühl, daß er, obwohl sie doch noch da war, an einem Leben ohne ihre Mutter keinen Gefallen mehr fand. Er starrte zu oft ins Leere, war stumm, lachte kaum noch wie früher.

Sie schloß die Augen und zitterte. Das Bild stand vor ihr: weißer Schnee und rotes Blut.

Weißer Schnee – rotes Blut!

*

Schauderhaft, dachte der Junge, diese ganze Arbeit ist schauderhaft. Man holt ein steifgefrorenes Tier aus der Falle, transportiert es, bringt es in die Wärme der Hütte und muß warten. Endlich taut es auf, so daß man es abziehen kann. Dann fließt das Blut, alles wird schmierig, klebt – es stinkt und einem wird übel. Pfui Teufel, wie man das jahrelang machen kann, ohne daß einem vor Übelkeit die Lust an dem Geschäft vergeht?

»Träumst du, Mensch?«

Jim Moodley fuhr heftig zusammen, als ihn Hansom anschrie. Beinahe hätte er den Sperrhaken vor Schreck losgelassen und damit den oberen Fallenbügel ausgelöst. Wenn der zugeschnappt wäre.

»Bist du wieder mal mit deinen Gedanken nicht dabei?« fragte ihn Gus Hansom wütend. »Du verdammter Bursche, wir sind nicht zum Träumen oder zum Spaß hier, klar? Löse schon aus, weg mit dem Ding!«