Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

G. F. Unger Sonder-Edition 83 - Western E-Book

G. F. Unger  

4.83333333333333 (18)

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung G. F. Unger Sonder-Edition 83 - Western - G. F. Unger

Als Herb Buckmaster nach Mitternacht an die Hintertür des Saloons klopft, hält er sich für den glücklichsten Mann der Welt. Und als die rassige Catherine McCrown ihm öffnet, verspricht er sich einige wunderschöne Stunden bis zum Morgen. Aber dann weicht er entsetzt zurück. Ein kaltes, gnadenloses Lächeln spielt um die Lippen der schönen Saloonbesitzerin. Und plötzlich weiß Herb Buckmaster, dass die Vergangenheit ihn eingeholt hat. Anstelle einer liebenshungrigen Frau steht eine Rächerin vor ihm. Die Zeit ist gekommen, da er und seine fünf Komplizen für ein grausiges Unrecht sühnen müssen ...

Meinungen über das E-Book G. F. Unger Sonder-Edition 83 - Western - G. F. Unger

E-Book-Leseprobe G. F. Unger Sonder-Edition 83 - Western - G. F. Unger

Inhalt

Cover

Impressum

Und niemand kommt davon

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-2884-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Und niemand kommt davon

1

Als Herb Buckmaster nach Mitternacht an die Hintertür des Saloons klopft, hält er sich noch für einen glücklichen Mann.

Und als die reizvolle, rassige Catherine McCrown ihm öffnet, da verspricht er sich einige wundervolle Stunden bis zum Morgengrauen.

Sie schließt schnell die Tür hinter ihm und lehnt sich dagegen. Im Lampenschein des Ganges betrachten sie sich.

»Wurden Sie auch wirklich von niemandem gesehen, mein Freund?« So fragt sie mit ihrer dunklen Stimme, deren Timbre Herb Buckmaster unter die Haut geht. Er verspürt eine prickelnde Erregung.

»Kein Mensch, meine Schöne«, sagt er. »Ich bin vorne raus, holte mein Pferd aus dem Mietstall, ritt aus der Stadt und kam jetzt wieder von der Westseite durch die Gasse in den Hof des Saloons. Und im Morgengrauen werde ich wieder verschwinden. Nein, ich werde deinen Ruf nicht ruinieren, schöne Frau. Ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt ganz privat bei dir sein kann. Komm, lass mal was spüren! Lass dich spüren und fühlen!«

Er knurrt es ziemlich rau und ungeduldig. Und er ist ein Mann, der stets auf seine Ziele losstürmt und seinen Wünschen immer wieder rücksichtslos den notwendigen Nachdruck gibt.

Sie tritt ihm entgegen, lässt sich von ihm in seine Arme nehmen. Und als sie einander ihren Herzschlag spüren, da erwidert sie einen Moment seinen gierigen Kuss und lässt ihn für eine Sekunde lang das Feuer spüren, welches sie geben könnte.

Und dass sie es ihm bald schon geben wird, davon ist er immer noch überzeugt.

Er kann es kaum erwarten. Deshalb gibt er sie bald schon frei und sagt heiser: »Nun, mein Engel, dann zeige mir mal den Weg ins Paradies. Ich kenne in diesem Saloon nicht die Privaträume. Als dieser Saloon noch dem alten Tom Sharkey gehörte, interessierte sich niemand für seine Wohn- und Schlafräume, hahaha! Ich habe gehört, dass du ein wunderschönes Himmelbett kommen ließest und …«

Sie nimmt ihn bei der Hand und zieht ihn mit sich.

Dann lässt sie ihm am Fuße der Treppe den Vortritt. Er wendet sich halb nach ihr um, grinst sie an, und er ist ein falkenäugiger Bursche, der zwar schon grauköpfig wurde, körperlich jedoch noch gut beieinander ist und die geschmeidigen Bewegungen eines sehr viel jüngeren Mannes besitzt. Unter seinem sichelförmigen Texanerbart blinken starke Zähne. Ja, er ist ein beachtlicher Bursche von etwa vierzig Jahren.

Als er vor die erste Treppenstufe tritt, öffnet sich unter dem Teppich eine Falltür. Er flucht überrascht, fällt in die Tiefe – und dennoch kann er sich mit beiden Händen an den Rändern der Öffnung festhalten.

Aber die so schöne und reizvoll wirkende Catherine McCrown tritt ihm blitzschnell und mit aller Kraft mit ihren recht spitzen Absätzen auf die Handrücken. So klein und zierlich die Füße und Schuhe auch sind – die Wirkung ist dennoch total.

Brüllend fällt Herb Buckmaster in die Tiefe, also in den Keller des Saloons hinunter.

Dann gibt es unten einige Geräusche.

Und nach einer kleinen Weile sagt eine Stimme aus dem Keller nach oben: »All right, Cat, wir haben ihn. Ich schließe die Klappe und verriegele sie wieder, sodass niemand mehr in den Keller fallen kann.«

»Gut so, Spike«, murmelt Catherine McCrown fast tonlos. Aber eine bittere Zufriedenheit ist in ihrem Gesicht zu erkennen. »Ich komme hinunter«, spricht sie etwas lauter. Und dann macht sie sich auf den Weg zur Kellertreppe. Sie muss den Gang zurück bis zur Hintertür.

Bald betritt sie den Kellerraum.

Eine Lampe brennt. Sie steht auf einem Bierfass.

Der Lampenschein beleuchtet drei Männer.

Herb Buckmaster liegt noch am Boden, aber er rollt sich jetzt stöhnend auf die Seite, dann auf den Bauch und bringt die Knie unter sich. Er stemmt sich mit den Armen auf, erhebt sich schwankend und sieht sich um. Er befühlt seinen Kopf und flucht bitter.

Dann sucht er an einem Kistenstapel Halt und sieht auf die beiden anderen Männer.

Einer ist der Barkeeper Spike McGill, ein nur mittelgroßer hagerer Bursche, schon recht verwittert, hager und mit dünnen Haaren auf dem hageren Kopfe.

Aber die hellen Augen dieses Mannes sind die eines Wüstenwolfes – gelb und gnadenlos. Wer nicht in diese Augen blickt, könnte Spike McGill für einen harmlosen Burschen halten, der sich in seinem letzten Lebensabschnitt befindet und froh ist, wenn man ihn in Frieden sein Leben leben lässt.

Aber ein Blick in seine Augen ändert alles.

Dieser Spike McGill ist ein alter, erfahrener, zweibeiniger Wolf mit sichtbaren und unsichtbaren Narben – wobei die unsichtbaren Narben an seiner Seele zu suchen wären.

Der zweite Mann ist ein ziemlich hellhäutiger Neger, dem man unschwer ansieht, dass er einmal ein Preiskämpfer war. Seine Ohren und die Narben in seinem Gesicht verraten es.

Denn Preiskämpfe werden immer noch mit blanken Fäusten ausgetragen. Man kennt noch keine Box-Handschuhe – und auch noch nicht die Queensberry-Regeln. Deshalb fügen sich Preiskämpfer mit ihren bloßen Fäusten stets furchtbare Wunden zu und zerschlagen sich die Gesichter bis zur Unkenntlichkeit.

Aber eigentlich sind Preiskämpfe ja auch noch verboten.

Dieser hellhäutige Schwarze war jedoch mit Sicherheit ein Preiskämpfer.

Herb Buckmaster sieht ihn an und weiß, dass er gegen ihn keine Chance hätte. Er könnte zwar den alten Barmann mit Leichtigkeit umhauen – aber dieser Neger würde ihn ganz gewiss klein machen.

Überdies glaubt er, dass der alte Barmann bewaffnet ist und zumindest einen Colt-Derringer in der Tasche hat. Er selbst besitzt keine Waffe mehr. Die nahmen sie ihm ab. Wahrscheinlich fanden sie auch schon das Messer in seinem Stiefelschaft.

Er wendet den Kopf und starrt auf Catherine McCrown.

Und diese erwidert seinen Blick hart und feindlich.

Da weiß Herb Buckmaster, dass er in einer Falle sitzt. Nur weiß er noch nicht, warum. Deshalb fragt er: »Und was bedeutet das alles? – He, mein Engel, warum dieses Spiel? Warum hast du mich in dich verrückt gemacht, sodass ich bei dir in den siebenten Himmel zu kommen glaubte? – Und warum …«

Er verstummt, denn er sieht ihr Lächeln. Es ist kalt, hart und gnadenlos.

Plötzlich weiß er, dass ihn seine Vergangenheit eingeholt hat.

Aber es gibt viele böse Dinge in seiner Vergangenheit, sehr viele. Lange Jahre hat er sich davor gefürchtet, dass er und seine Partner Schatten auf ihren Fährten hatten und diese Schatten sie eines Tages einholen könnten.

Jetzt muss es so sein.

Doch was in ihrer bösen Vergangenheit holte ihn ein? Was ist es?

Äußerlich wirkt er ganz ruhig und beherrscht.

Er hat sich schon oft in gefährlichen Situationen befunden, und stets fand er einen Weg. Stets behauptete er sich durch rücksichtslose Kühnheit.

Nur nicht die Ruhe verlieren, denkt er bei sich, indes er die lächelnde Frau betrachtet.

Sie sagt ihm nun ein Wort – ein einziges Wort nur. Und dennoch weiß er sofort Bescheid.

Das Wort heißt: »Alamo«.

Als er es hört, erinnert er sich wieder.

Ja, Alamo, dies war das Losungswort, welches sie damals erfahren mussten – damals während des Krieges, den die Rebellenstaaten der Konföderation verloren. Alamo – dieses Wort war der Schlüssel zu einem Schatz.

Und sie pressten dieses Wort aus einem Major der Konföderierten-Armee heraus, damit einer von ihnen diesen Major spielen und den Schatz übernehmen konnte.

Es ist nun zehn Jahre her.

Aber es fällt ihm jetzt alles wieder ein, so als wäre es erst vor wenigen Wochen geschehen.

»Aha«, murmelt er. »Jetzt weiß ich schon mehr. Was hat mich eingeholt? Wollt ihr nur die damalige Beute oder einen Anteil? – Oder ist es Rache?«

Er starrt Catherine McCrown an.

Und diese sagt: »Major Vance Cannon war mein Vater. Ihr habt ihn mit den Füßen in ein Feuer gelegt, damit er euch das Losungswort verriet. Und nachher hat er sich deswegen umgebracht – erschossen. Meine Mutter brachte sich mit Gift um aus Scham und Schmerz. Ich war die älteste Tochter und blieb mit vier Geschwistern auf dieser elenden Welt zurück. Weißt du nun Bescheid, Buckmaster?«

Dieser schluckt mühsam.

»Oh, ja«, murmelt er, »jetzt weiß ich gut Bescheid. Also Rache, ja? Und das auch noch mit Genuss – oder?« Wieder sieht er ihr schmales Lächeln.

Dann sagt sie: »Wir kennen die fünf anderen nicht – jedenfalls nicht mit Sicherheit. Nur bei dir waren wir sicher, Buckmaster. Du wirst uns die Namen der fünf an deren verraten.«

»Und dann?« So fragte er heiser.

»Dann wird McGill dir eine faire Chance geben«, murmelt sie.

Buckmaster betrachtet den alten Barmann.

Und plötzlich weiß er, dass dieser Spike McGill ein Revolvermann ist – ein zwar alter, doch bestimmt immer noch gefährlicher Revolverkämpfer. Denn sonst wäre er nicht so alt geworden. Er muss gefährlich sein.

Aber vor einem Revolvermann hat Herb Buckmaster sich noch nie gefürchtet. Er ist selber einer, und bisher überstand er jedes Duell, blieb immer der Sieger. Wenn es um einen Revolverkampf geht, ist sein Selbstvertrauen riesengroß.

»Na schön«, sagt er. »Diese Chance muss ich wohl annehmen. Eine bessere gebt ihr mir sicherlich nicht. Aber eines wüsste ich zuvor noch, nämlich, wie ihr mich aufgespürt habt, ausgerechnet mich von uns allen. Denn wir waren sechs. Warum fandet ihr mich?«

»Der Ring«, erwidert sie. »Als mein Vater damals in den Krieg ging, nahm meine Mutter ihren liebsten Ring vom Finger. Es war ihr Glücksring. Er hatte die Form eines vierblättrigen Kleeblatts. Jedes Blatt war ein besonders geschliffener Smaragd. Solch einen Ring gab es auf dieser Erde nur einmal. Meine Mutter gab ihn meinem Vater an einer goldenen Kette mit. Er trug ihn um den Hals. Als er damals als Krüppel heimkehrte, erzählte er bitter, dass ihm der Glücksring leider kein Glück brachte. Und er wünschte sich, dass er auch dem Guerilla-Banditen, der ihm Ring und Kette abnahm, kein Glück bringen würde. Ja, er beschrieb uns damals die sechs Kerle ziemlich genau. Ich war gerade fünfzehn geworden vor zehn Jahren. Oh, ich merkte mir alles so sehr, dass ich jedes seiner Worte jetzt noch auswendig aufsagen könnte. Dieser Ring tauchte vor einem halben Jahr in Nogales auf. Du verdammter Hurensohn hast ihn dort einer Edel-Puta geschenkt, in deren schönem Haus du dich fast eine ganze Woche lang verwöhnen ließest. Du warst schon immer verrückt nach schönen Frauen. Es war reiner Zufall – oder eine Fügung des Schicksals –, dass ich diesen Ring am Finger jener Schönen erblickte, als wir uns beide im Store bei Einkäufen trafen. Ja, deine Vergangenheit hat dich eingeholt, Herb Buckmaster. Und nun habe ich genug geredet. Jetzt rede du.«

Er zuckte leicht zusammen.

Denn er begreift, dass er nun seine Kumpane verraten muss – oder aber keine Chance zum Weiterleben bekommen wird.

Er betrachtet noch mal den alten Revolvermann und den ehemaligen Preiskämpfer.

»Seid ihr dieser Schönen so treu, dass ihr auch für sie morden würdet?« So fragt er heiser und leckt sich dann über die trockenen Lippen. Und noch bevor sie ihm eine Antwort geben können, fügt er hinzu: »Ich bin kein armer Bursche. Ihr wisst es sicherlich. Ich habe eine große Ranch mit fast zehntausend Rindern und tausend Pferden. Ich könnte …«

Er bricht ab, denn er spürt, dass in seiner Stimme ein Klang von Bettelei immer stärker wird. Und er will nicht betteln. Denn wenn sie erst merken, dass er seine Selbstsicherheit verliert, werden sie ihn verachten. Und dann wird dieser Revolvermann sich vielleicht nicht an die ungeschriebenen Regeln halten. Denn diese Gunst bekommen nur die Gleichwertigen der Revolver-Gilde.

»Ja, wir sind ihr treu«, spricht der hellhäutige Neger. »Gäbe es sie nicht, würden wir nicht mehr leben. Unsere Leben gehören ihr. Also rede. Ich bin Monk Mississippi, der Ex-Champ vom großen Strom. Ich könnte dich auch erschlagen mit dieser Faust, wenn du keinen Wert auf eine faire Chance legst. Na?«

»Na schön«, sagte Herb Buckmaster langsam.

Und dann beginnt er zu reden, wobei er sich auf eine Kiste setzt und immer wieder die Beule an seinem Kopf betastet. Einmal fragt er: »Hast du mit deiner Faust oder mit einer Keule zugeschlagen, Monk?«

Monk – was ja soviel wie »Mönch« bedeutet – verzieht seine Lippen, welche oft schon zerschlagen wurden und deshalb narbig sind. Nur seine weißen Zahnreihen sind heil. Seine Zähne müssen sehr stark sein. Denn die meisten ehemaligen Preiskämpfer sind zahnlos oder haben zumindest große Lücken.

»Mit dieser Faust«, sagt er und zeigt ihm die Linke. »Aber du sollst nicht fragen, sondern reden. Los, weiter!«

Herb Buckmaster, der sonst so selbstherrliche und unduldsame Großrancher, atmet langsam aus.

»Ja«, sagt er, »wir waren sechs damals – sechs Guerillas, die etwas von einem Gold- und Geldtransport gehört hatten, den Patrioten in Mexiko zusammenstellten und der an der Grenze an einen Beauftragten der Konföderation übergeben werden sollte. Ja, wir waren am Anfang zwölf Mann. Aber als wir diesen Major und dessen Reiter niedergekämpft hatten, waren wir nur noch sechs. Und zum Glück war der Major noch am Leben, sodass wir ihn …«

Er verstummt.

Doch Catherine McCrowns Stimme vollendet für ihn hart und herbe: »… mit den Füßen in ein Feuer legen konnten, um das Losungswort zu erfahren.«

Herb Buckmaster zuckt zusammen bei diesen scheinbar kühl und leidenschaftslos gesprochenen Worten. Denn er weiß, dass diese scheinbare Leidenschaftslosigkeit nur einen erbarmungslosen Hass verdeckt.

Doch er nickt. »Ja, so war es wohl. Aber wir sagten ihm vorher, was wir mit ihm tun würden, wenn er uns das Losungswort nicht verriet. Er hatte die Wahl. Wir waren nicht verrückt danach, ihn zu zerbrechen. Nein, gewiss nicht!«

Er macht eine kleine Pause und betastet wieder seine Beule an der Stirnecke.

»Es war eine Menge Gold«, spricht er weiter. »Auch Schmuck, Edelsteine, allerlei Kostbarkeiten. Der Krieg war bald aus. Wir machten alles zu Geld und kamen in dieses Land hier. Diese Stadt war nur ein kleines Dorf aus der Spanier- und Mexikanerzeit. Nur ein halbes Dutzend Familien lebten hier. Die Apachen beherrschten das Land. Wir brachten mit unserem Geld eine neue Zeit, einen Aufschwung. Wir besiegten auch die Apachen. Wade Longfellow und ich, wir sind die großen Rancher. Uns gehören alle Wasserrechte. Wir beherrschen das Land auf zwei Tagesritte in der Runde. Chet Cammeron und Sam Carmike besitzen in diesem Lande alle Minen und Schürfrechte. Es wird eine Menge Gold und Silber gefunden. Hogan Spade besitzt die einzige Fracht- und Postlinie. Er versorgt das Land. Es kommen nur seine Waren in dieses Land und in die Stores der Ortschaften. Er kauft auch die Ernten der Farmer und Siedler, die wir in unser Land ließen und die uns deshalb treue Vasallen sind. Und unser sechster Mann, Jack Lee, ist hier der Sheriff. Er erhält außer seinem Gehalt natürlich von jedem von uns noch je ein Fünftelanteil unserer Gewinne. Das ist alles, was ich sagen kann. Ich brauche die Namen ja wohl nicht zu wiederholen? Ihr kennt die fünf Männer ja alle. Sie sind ja auch immer wieder Gäste in diesem Saloon und machen dir den Hof, meine Schöne. So wie ich. Und ich wähnte mich vorhin noch als Auserwählter. Oha! Warum heißt du überhaupt McCrown? Jener Major, der dein Vater war, hieß Cannon. Warst du schon mal verheiratet, meine Schöne?«

In Herb Buckmasters Stimme kommt höhnischer Sarkasmus.

Irgendwie hat er sich innerlich damit abgefunden, dass er in der Klemme sitzt. Vielleicht glaubt er auch nicht mehr daran, dass er eine faire Chance bekommen wird. Dies alles drückt sich jetzt in seinem Mienenspiel aus, auch in seiner Stimme.

Er gleicht einem Verurteilten, der seine Henker anspuckt.

Aber Catherine McCrown achtet nicht auf seine Worte. Ihre Augen sind wie in weite Feme gerichtet.

Und indes sie die fünf Namen murmelt, kann sie wohl deren Besitzer vor ihrem geistigen Auge sehen.

»Wade Longfellow, Chet Cammeron, Sam Carmike, Hogan Spade, Jack Lee – ja, das hätten wir also. Das sind die Namen. Und ich hätte diese fünf Männer unter allen anderen in diesem Lande ausgewählt, hätte ich tippen müssen, wer deine fünf Kumpane waren. Ja, ihr beherrscht das Land. Ihr seid hier die maßgebenden Burschen. Ohne euch geht hier nichts. Ihr habt gut vorgesorgt. Und die gemeinsame Schuld in der Vergangenheit macht euch zu Brüdern, welche zusammenhalten müssen. Aber ich sage dir, Herb Buckmaster, dass keiner von euch davonkommen wird – keiner!«

Sie will sich zum Gehen wenden.

Doch dann verhält sie noch einmal.

»McCrown«, sagt sie, »war ein alter gieriger Hundesohn. Er hätte mein Großvater sein können. Doch ich wurde mit knapp sechzehn Jahren seine Frau, damit meine vier Geschwister aus der Not herauskamen, in welcher wir lebten. Er war ein alter, gieriger Bock – aber er erfüllte seinen Teil unseres Vertrages. Und ich bezahlte mit meiner Jugend, mit meinem jungen Körper. Ich musste für meine jüngeren Geschwister sorgen. Denn wegen euch sechs Hundesöhnen brachten sich unsere Eltern um. Jetzt aber seid ihr an der Reihe. Keiner kommt davon. Das schwöre ich!«

Nach diesen Worten geht sie aus dem Keller nach oben.

Herb Buckmaster aber blickt auf den alten Revolvermann, der sich als Barkeeper tarnte. Er grinst dabei schief und sagt: »Jetzt bin ich aber neugierig auf meine faire Chance. Bekomme ich sie? – Und wenn ich dich schaffen sollte, Alter, wird der da mich laufen lassen?«

Er deutet mit einer Kopfbewegung auf den Neger. Aber Spike McGill grinst.

»Wenn du mich schaffen solltest«, spricht er fast freundlich, »wirst du ja einen Colt in der Hand haben deinen, den wir dir für eine Weile abnahmen. Und wenn du ihn nicht auf mich leer schießt …«

Er verstummt, doch seine Handbewegung sagt alles.

Da ist Herb Buckmaster zufrieden.

Er glaubt an sich, ist fast sicher, dass ihn der alte Bursche nicht töten kann. Weil er so plötzlich Zuversicht spürt, hat er auch wieder Interesse für andere Dinge.

Deshalb fragt er neugierig: »He, warum seid ihr dieser Schönen so treu? Was leistet sie euch für gute Dienste? Ins Bett ging sie doch gewiss nicht mit euch. Das kann ich nicht glauben. Na, wollt ihr es mir sagen?«

»Nein«, erwidert Spike McGill. »Gehen wir! Du wirst hinter dem Wagenhof deine Chance bekommen.«

»Warum gerade dort?« Herb Buckmaster fragt es staunend.

»Weil dort ein Wagen der Cammeron-Minengesellschaft steht«, erwidert McGill. »Er kam, um Werkzeuge und Vorräte zu holen, und ist schon beladen. Der fährt bei Sonnenaufgang aus der Stadt. Wenn du tot bist, wirst du unter der Ladung liegen. Wird interessant sein, zu sehen, was Cammeron dann in Gang bringt.«

Herb Buckmaster begreift alles schnell.

Und er muss hart schlucken.

Sein Selbstvertrauen wankt ein wenig.

Und er denkt: Diese Stadt heiß Aurora, und dies hier ist der Aurora Saloon. Aurora – dies heißt soviel wie Morgenröte. Ob ich diese Morgenröte noch einmal sehen werde? – Oh, ich muss gut kämpfen. Ich muss schnell und sicher schießen, so gut wie noch niemals zuvor in meinem Leben, obwohl ich stets der bessere Mann war mit einem Colt. Diesmal muss ich noch besser sein.

2

Von Aurora City bis zur Aurora Mine sind es knapp zwanzig Meilen. Aber es geht ziemlich hoch in die Berge hinein auf schlechten Wegen. Deshalb ist es schon später Nachmittag, als der Wagen vor dem Magazin hält.

Auf der Veranda des Wohnhauses erscheint Chet Cammeron, ein bulliger Mann mit einem Glatzkopf und schrägen Augen. Mit seinem Sichelbart wirkt er auf den ersten Blick wie ein Chinahalbblut, doch er ist ein Weißer.

Er ruft zum Wagen hinüber: »Habt ihr alles? – Auch den Sprengstoff und die neuen Bohrer?«

»Wir haben alles, Boss«, ruft der Fahrer zurück.

Einige Arbeiter kamen von den Wohnbaracken herüber.

»Na los, ladet ab«, sagt der Fahrer. »Wir haben auch ein Fass Bier mit. Das machen wir heute Abend leer.« Die Männer nicken.

Indes der Fahrer und dessen Begleiter – der vor allen Dingen in den Bergen als Bremser fungiert – das Vierergespann ausschirren, beginnt man hinten mit dem Entladen. Die Plane wird weiter zurückgeschlagen.

Und dann dauert es nicht lange, da stößt einer der Arbeiter einen lauten Ruf aus und brüllt danach: »Da liegt ja ein Toter im Wagen!«

Chet Cammeron, der noch auf der Veranda steht, kommt sofort herübergelaufen. Er hat recht krumme, doch sehr kräftige Beine. Seine Hose sitzt sehr knapp auf all den Muskeln.

Dann betrachtet er den Toten, den sie aus dem Wagen heben.

Seine schrägen Augen werden schmal, und sie scheinen noch schräger zu werden.

In seinem eisenharten Gesicht bewegt sich nichts.

Die Arbeiter betrachten ihren Boss. Aber sie können an ihm nichts erkennen.

Sie hören ihn nur sagen: »Das ist ja Herb Buckmaster, der Boss von der B-im-Kreis-Ranch. Oha, was bedeutet das?«

Aber er erwartet natürlich keine Antwort. Nur einige Sekunden lang denkt er nach und entscheidet dann: »Legt ihn in einen leichten Wagen. Dann bringen ihn zwei von euch zur B-im-Kreis-Ranch. Erzählt seinem Vormann Jones Hacketter alles, was hier geschah. Ich selbst reite zum Sheriff. He, wurde Buckmaster erschossen?«

Einer der Arbeiter beugt sich nieder und öffnet Weste und Hemd des Toten.

Als er sich aufrichtet, sagt er: »Erschossen. Das Einschussloch sitzt genau auf der Herzgegend.«

Die Stimme des Mannes klingt heiser, und die Worte wirken brutal, mitleidlos und gefühlskalt.

Aber der Sprecher war fünf Jahre Soldat im Kriege und sah immer wieder Tote. So etwas stumpft ab.

Chet Cammeron nickt und ruft nach einem Pferd, indes er zu seinem Haus läuft, um sich für den Ritt anzuziehen. Indes er dies tut und sich die Sporen anschnallt, denkt er: Aaaah, dieser Herb Buckmaster war hinter jedem Weib her, wenn es nicht gerade eine zweibeinige Ziege war. Dem hat vielleicht ein gehörnter Ehemann oder Liebhaber das Ding verpasst.

Ja, er möchte dies glauben. Sein Verstand möchte ihm das alles wahrscheinlich weismachen. Und es wäre ja auch so bequem, denn dann wäre das alles ganz allein Herb Buckmasters Problem gewesen.

Doch Chet Cammerons Instinkt verursacht in seinem Kern ständig ein Gefühl des Unbehagens, der Unruhe. Er kennt diese Warnsignale gut genug und hat immer auf sie gehört. Seinem Instinkt kann er vertrauen.

Und deshalb ist er nicht bereit, an einen gehörnten Ehemann zu glauben oder ausgebooteten Liebhaber, die sich rächen wollten.

Buckmaster bekam die Kugel von vorn.

Und Cammeron weiß, wie schnell und gefährlich Buckmaster mit seinem Colt war.

Nein, es muss etwas Anderes sein.

Aber was?

Noch bringt Cammeron das Geschehen nicht mit ihrer Vergangenheit in Verbindung. Diese Vergangenheit liegt für ihn wie fast tausend Jahre zurück, nicht erst wie zehn.

Als er eine Stunde später auf einen Reiter stößt, der drei Rinder mit dem Pfeilspitze-Brand treibt, ruft er hinüber: »Hoiiii, Cowboy! Lass die Rinder stehen und reite wie der Blitz zu deinem Boss! Sage Longfellow, dass er nach Aurora zum Sheriff kommen soll. Und er soll einen Reiter nach Carmike zur Pueblo-Mine schicken. Hast du mich verstanden, Cowboy!«

»Genau, Mister Cammeron«, ruft der Reiter zurück. »Was ist denn passiert?!«

»Herb Buckmaster ist tot – erschossen!«