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Emil Droonberg

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Beschreibung

Dieser zeitgenössische Roman aus der amerikanischen Unterwelt erzählt die Geschichte einer Chicagoer Gang. Der Gangster Al Capone hält die ganze Stadt in Angst und Schrecken. Niemand kann helfen, da die Polizei mit den Gangstern unter einer Decke steckt. Wer wird die Stadt vor Kriminellen retten?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Emil Droonberg

Gangster und Racketeer

Kriminalroman
e-artnow, 2022 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis

Norman Tilton, seit zwei Tagen Reporter der »Tribune« und Louis Dorsey, Verleger der »Gangster Stories«, eines Magazins für das sensationshungrige große Publikum, wandelten durch die Straßen des »Loop« in Chikago, des Geschäfts- und Wolkenkratzerviertels. Die Zeit des Officeschlusses war längst vorüber und in den turmhohen Gebäuden zeigten sich nur noch vereinzelt erleuchtete Fensterreihen. Der Kampf um die Macht über das amerikanische Volk, der von diesen Eisenbetonmassen ausgeht, schien in der Dunkelheit aber nur eine drohendere Form angenommen zu haben und von einem dieser Monumentalbaue gegen die anderen geführt zu werden.

Trotzdem zeigten sich die Straßen noch sehr belebt, nur das würgende Gedränge von einer oder zwei Stunden vorher fehlte.

Ohne besondere Eile schritten beide die Randolph Street hinunter nach der Clark Street und vorüber an dem Ashland Block, in dessen siebentem Stockwerk ein Vierundzwanzigstunden-Betrieb herrscht. Denn hier befinden sich die Hauptofficen der »Associated Preß« und die sämtlichen Zeitungen der Stadt gehörende Nachrichtenagentur, von hier aus wandten sie sich dem Norden zu.

»Well, was sagte der City Editor, als Sie sich zum Dienst meldeten?« fragte Dorsey seinen Kollegen von der Zeitung.

»Ich glaube, die Geschichte mit Mr. Lingle hat ihm mehr zugesetzt, als er sich merken lassen wollte«, antwortete Tilton. »Es war ja auch unerhört, einen Zeitungsreporter zu ermorden. So lange die Gangsters und Racketeers sich nur untereinander über den Haufen schossen, brauchte sich niemand darüber aufzuregen. Sie können ihre Streitigkeiten nun einmal nicht vor Gericht ausfechten, ohne Dinge preiszugeben, die geheim bleiben sollen. Es ersparte der Polizei Arbeit und – Verlegenheit, denn es war ja immer zehn gegen eins zu wetten, daß sich die Täter, die doch nur im Auftrage handeln, des Schutzes ihrer Organisation erfreuen. Und die Polizei wird ja von den Verbrecherorganisationen dafür bezahlt, daß sie ihre Leute nach Möglichkeit in Ruhe läßt. Oder haben Sie schon einmal gehört, daß die Polizei Verbrechen der Organisationen aufgeklärt hätte?«

»Kann mich nicht erinnern«, entgegnete Dorsey. »Und Sie werden mir zugeben müssen, daß mir das als Verleger der ›Gangster-Geschichten‹, der sich berufsmäßig mit der amerikanischen Verbrecherwelt zu beschäftigen hat, nicht gut hätte entgehen können. Die Polizei tut ja ihre Arbeit, wenn auch nicht gerade die, die man von ihr erwartet, aber es sind immer nur die Einzelverbrecher, oder solche, die nur in kleinen Gruppen arbeiten, die sie fängt. Das ist ungefährlich für sie und sie stößt dabei bei niemand an. Die organisierten Verbrecher sind vor ihr sicher genug. Die haben das Erfordernis der neuen Zeit begriffen und den Grundsatz der geschäftlichen Organisation auf das Verbrechen angewendet. Und gegen eine Organisation anzukämpfen, die bis in die höchsten Kreise hinauf reicht, ist auch für einen ehrlichen Polizeibeamten, falls es solche überhaupt gibt, nicht ohne Gefahr. Er weiß ja nicht, ob nicht vielleicht sein Chef Nutznießer dieser Organisation ist und eine Bloßstellung fürchten muß, wenn etwa der Stein unvorsichtigerweise ins Rollen gebracht würde. Gelegentlich, mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung, fängt man ja ein Mitglied, natürlich niemals den eigentlichen Täter, sondern immer nur einen Mitläufer. Dem stellt die Organisation dann einen gerissenen Anwalt, der zunächst dafür sorgt, daß der Angeschuldigte gegen eine Bürgschaft, die prompt erlegt wird, aus der Haft entlassen wird und verschleppt dann die Sache so lange, bis das Publikum das Interesse an dem Falle verloren hat und er ohne großes Aufsehen außer Verfolgung gesetzt werden kann. Das ist um so leichter, als sich die Polizei alle Mühe gibt, nur unzureichendes Beweismaterial gegen den Angeschuldigten vorzubringen.«

»Das bezieht sich aber nicht nur auf Chikago«, nahm Tilton wieder das Wort. »Es ist überall dasselbe. In Neuyork hat man ja erst letzthin festgestellt, daß Richter an die Politiker, die auch von den Verbrecherorganisationen regelmäßige oder unregelmäßige Einnahmen beziehen, zehntausend Dollar bezahlt haben, um ihre Stellung zu erhalten. Das hat man nachgewiesen. Aber wie selten gelingt eine solche Feststellung? Das muß der Richter in den vier Jahren Die städtischen und die Beamten der einzelnen Staaten, einschließlich Richter und Polizei, werden alle vier Jahre gewählt. seiner Amtsperiode, wenn er mit Hilfe seiner Freunde und gegen gute Bezahlung eine Wiederwahl nicht durchsetzen kann, wieder – und mit möglichst hohem Aufschlag – hereinholen. Wie das geschieht, wissen wir ja alle, aber es ist eine andere Sache, es zu beweisen.«

»Unsere Richter sind nicht besser, aber bei der Polizei sind die Zustände noch viel schlimmer«, bemerkte Dorsey. »Ein Polizeihauptmann hier in Chikago bezieht ein Gehalt von sechstausend Dollar im Jahre, muß aber fünfundvierzigtausend Dollar an die politischen Grafter bezahlen, bevor er die Stellung bekommt. Rechnen Sie hierzu noch die nicht geringen periodischen Wahlkosten, so haben Sie einen Begriff davon, was der Mann wieder herausholen muß.«

»Den habe ich bereits, denn das System ist ja keineswegs auf Neuyork und Chikago oder auf die Großstädte überhaupt beschränkt. Ich komme, wie Sie wissen, aus Sakramento. Das ist eine Stadt von hunderttausend Einwohnern. Dort hatte ein Rechtsanwalt die Polizei beschuldigt, daß sie öffentliche Häuser, Spielhöllen und Speakeasies duldet, aus Gründen, die natürlich jedem klar sind. Nur war er nicht in der Lage, die Beweise für seine Beschuldigung zu liefern, die man von ihm forderte, denn man machte ihm die Sache nicht leicht. Es wurde eine Großjury eingesetzt, um seine Angaben zu prüfen. Sie ließ einen Detektiv von San Franzisko kommen, um alle die in dem Schriftsatze des Rechtsanwaltes namhaft gemachten Plätze aufzusuchen und über seine Wahrnehmungen zu berichten. Der öffentliche Ankläger wurde hiervon mit dem Ersuchen um strengstes Stillschweigen in Kenntnis gesetzt. Nach vierundzwanzig Stunden war es allen Beteiligten mit einer Personenbeschreibung des Detektivs bekannt. Um nun aber doch ihr Ansehen zu wahren, zog die Jury diesen Detektiv zurück und gab den Auftrag, diesmal aber ohne Mitteilung an den öffentlichen Ankläger, an eine Privatdetektivin aus der Stadt. Sie beschwor, daß sie nirgends etwas Unrechtes wahrgenommen habe. Der Detektiv der Gegenseite beschwor aber, daß alle Beschuldigungen auf Wahrheit beruhten. Und als die Großjury auf den seltsamen Umstand aufmerksam gemacht wurde, daß alle Polizeibeamten bis herab zum einfachen Polizisten wohlhabende Leute seien, kostspielige Autos, Häuser und Ländereien besäßen, hatte sie die Dreistigkeit, in ihrem Bericht zu erklären, daß dies nur ein Beweis des allgemeinen Wohlstandes der Stadt und die Folge von Sparsamkeit, guter Kapitalanlage und sonstiger Umsicht sei.«

»Ein Wohlstand, der sich ausschließlich auf Polizeibeamte, Politiker und die anderen beschränkt, die in der glücklichen Lage sind, ihr Gehalt nur als eine kleine Nebeneinnahme anzusehen«, bemerkte Dorsey sarkastisch.

»Well, ungefähr so. Jedenfalls war der Fall damit für die Jury erledigt. Aber er beweist, wie vollkommen die Verbrecherorganisationen heute ausgebaut sind und wie hoch die Beträge sein müssen, die die ungesetzlichen Unternehmungen ihnen zahlen, um ihre Tätigkeit ungescheut ausüben zu können, denn keine Stelle darf übersehen werden. Mir sagte selbst ein Polizist, wenn er noch einmal gewählt würde, habe er für sein Leben genug.«

»Ganz wie bei uns. wenn man sich das vergegenwärtigt, so findet man es nicht mehr sonderbar, wenn Männer wie Al Capone und Bug Morgan, die man nicht nur in Amerika, sondern in der ganzen Welt als die Häupter der beiden herrschenden Verbrecherorganisationen in Chikago kennt und denen man nachsagt, daß sich jeder schon ein Vermögen von über fünfzig Millionen Dollar geschaffen hat, unbehelligt bleiben. Bis auf ein paar kleine Nadelstiche, die man ihnen hin und wieder versetzt. Ich glaube, in sämtlichen Ländern Europas wäre etwas derartiges undenkbar; man hätte sie innerhalb vierundzwanzig Stunden hinter Schloß und Riegel, während sie hier in Palästen wohnen. Man hat das ja an Jack Diamond, dem Anführer des Rauschgifthandels in Neuyork, gesehen. Als der vor kurzem eine Reise nach Deutschland unternahm, wurde er von der dortigen Polizei prompt ausgewiesen. Er fand aber keine Schiffsgesellschaft, die bereit gewesen wäre, ihn als Passagier anzunehmen, so daß er schließlich die Rückreise auf einem Frachtdampfer antreten mußte.«

»Ganz recht. Ich wollte nur sagen, daß Presse und Publikum sich schließlich mit der Lage der Dinge, die unabänderlich erscheint, abfinden konnten, solange sich die Gangster gegenseitig über den Haufen schossen und Maschinengewehre benutzten, wenn ihnen der Revolver nicht ausreichend erschien. Das ist ein Krieg, den die Konkurrenzorganisationen unter sich führen, da sie ihre Streitigkeiten nicht vor Gericht bringen können, ohne sich selbst preiszugeben. Höchstens bedauerte man es, daß die Morde nicht noch zahlreicher waren. Die Stellungnahme änderte sich aber mit einem Schlage, als mein Vorgänger von der Tribune, Lingle, erschossen wurde. Und noch dazu in einer belebten Straße. Die Täter waren natürlich, wie gewöhnlich, entwischt. Das war eine Herausforderung an die Zeitungen, die nicht ungestraft hingehen durfte. Die Tribune, wie auch alle anderen Zeitungen der Stadt forderten von der Polizei sofortige Aufklärung des Falles und warfen ihr offen die Annahme von Bestechungsgeldern und Einverständnis mit den Verbrechern vor. Aber das wissen Sie ja wahrscheinlich besser als ich.«

»Freilich. Und nun folgt nach der Tragödie die Komödie. Es hätte den Leitern der Tribune eigentlich von vornherein auffallen sollen, daß man ihren Reporter, der seit vierzehn Jahren an dem Blatte tätig war und mit der Polizei wie mit den Gangstern die besten Beziehungen unterhielt, ermordete. Man nahm an, daß er irgend etwas veröffentlicht hatte, das den Gangstern unangenehm war. Das war der Irrtum der Tribune und der anderen Zeitungen, die aber wohl mehr aus Kollegialität in den Lärm mit einstimmten, denn ich kann mir nicht denken, daß ihnen der wahre Sachverhalt ganz unbekannt geblieben war.«

»Bei der Tribune muß das doch der Fall gewesen sein.«

»Allerdings. Das erklärt sich aber wahrscheinlich aus dem Umstande, daß den Nächstbeteiligten üble Gerüchte immer am längsten verborgen bleiben. Immerhin hätte sich die Tribune sagen müssen, daß man einen Reporter nicht aus beruflichen Gründen ermordet. Er mag im Anfange Fehler begehen – auch Ihnen wird das passieren –, später lernt er aber zu unterscheiden, was er veröffentlichen darf und was nicht. Und Lingle war vierzehn Jahre bei der Zeitung. Ein Reporter ist zwischen Verbrechern und Polizei völlig neutral, muß neutral sein, oder seine Tätigkeit als Reporter würde bald ein schnelles Ende nehmen. Ich bin Verleger eines Gangster-Magazins, habe mich also berufsmäßig unter die Verbrecher zu mischen. Das weiß man. Man weiß aber auch, daß man mir vertrauen kann und daß ich es nicht als meine Aufgabe ansehe, der Polizei zu helfen, Verbrechen zu entdecken. Das mag sie selbst tun und könnte es auch – wenn sie wollte. Sie hat allein in Chikago noch hundertundfünfzig Morde aufzuklären. Ruf diese Weise habe ich Zutritt zu den geheimsten Lokalen und erfahre manches, was mir sonst verborgen bleiben würde.«

»Well, in diesem Falle regte die Tribune sich über die Angriffe nicht übermäßig auf, begann aber doch, sich ihrer Haut zu wehren. Und ich muß gestehen, daß sie das recht geschickt gemacht hat. Zuerst wurde bekannt, daß die Bank, mit der Lingle arbeitete, von Zeit zu Zeit von ihm große Einzahlungen empfing, während er von seiner Zeitung doch nur ein Gehalt von fünfundsechzig Dollar die Woche bezog. Nichts weiter. Das gab den Leuten zu denken. Woher kamen die großen Summen? Man ließ sie nicht länger darüber im Zweifel. Es sickerte bald durch, daß Lingle selbst zu den Gangstern gehörte und beseitigt worden war, weil er vermutlich etwas getan hatte, was nach den Bestimmungen des Ganges seinen Mord rechtfertigte. Das ließ die Zeitungen verstummen, denn die Tribune konnte sich nicht gut noch länger für einen ihrer Reporter einsetzen, der sein Amt mißbraucht hatte, und die anderen hatten erst recht keinen Grund, sich seinetwegen noch länger zu ereifern. Die Polizei konnte sich daher damit begnügen, alle paar Wochen jemand aufzufinden, der eine verdächtige Person zur kritischen Zeit an der Mordstelle gesehen hatte.«

»Ganz recht. Und da die Tribune nicht noch einmal Gefahr laufen wollte, einen Reporter mit geheimen und unliebsamen Verbindungen einzustellen, so verschrieb sie sich einen von auswärts. Das traf mich und verschaffte mir das Vergnügen, meinen alten Schulfreund Louis Dorsey wiederzusehen.«

»Der Sie nunmehr in die Geheimnisse von Chikago einführen soll. All right. Wir sind jetzt in Towerton angelangt, dem lateinischen Viertel von Chikago, wo jeder dritte Mann, dem Sie begegnen, ein Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Musiker oder Schauspieler ist. Sehen Sie sich dieses Hotel an, es ist das Sherman House, beinahe so alt wie Chikago, wenn es auch ein paarmal umgebaut wurde, hier haben seit seiner Gründung alle Berühmtheiten gewohnt, die Chikago besuchten. Ich will Ihnen aber nur ein paar Namen aus der neuesten Zeit nennen. Da ist Gene Tunney, Senator William Borah, Governor Ritchie von Maryland, Richard Washburn Child, Ramon de Valera, Gertrud Ederle, Annie Besant, General Pershing, Commander Byrd und die deutschen Flieger Köhl und von Hünefeld – und viele andere. Da die City Hall ganz in der Nähe ist, dient es auch als politisches Hauptquartier und hier werden hinter verschlossenen Türen wichtigere Angelegenheiten entschieden, als in den Officen unserer leitenden Beamten. William Hale Thompson, unser jetziger Mayor, hat eine Office hier und verbringt darin mehr Stunden als in der City Hall. Merkwürdigerweise haben auch unsere beiden politischen Parteien, die Demokraten und Republikaner, hier ihren Hauptsitz. In seinem Bal-Tabarin-Saal, der erst abends nach dem Theater geöffnet wird, sind Sie immer sicher, Berühmtheiten aus allen Ländern der Welt anzutreffen, die hier ihr Abendbrot einnehmen. Jetzt biegen wir aber in diese Straße ein, denn ich will Sie in ein Speakeasy führen, das in seiner Art auch eine Sehenswürdigkeit ist. Habe dort eine Verabredung mit einem meiner zahlreichen Freunde aus der Unterwelt, der mir eine Geschichte erzählen will, die ich vielleicht in den Gangster-Geschichten verwenden kann. Das ist der Segen der Neutralität eines Reporters.«

2

Inhaltsverzeichnis

Als sie noch etwa zehn Minuten ihren Weg fortgesetzt hatten und in der Nähe der alten Clark-Street-Brücke angelangt waren, blieb Dorsey vor einem Hause mit mehreren großen Fenstern im Erdgeschoß stehen.

»Hier gehen wir hinein. Es ist Jim Bossinis Lokal. Das heißt offiziell und nach außen hin, denn in Wirklichkeit gehört es Tom Farlew, einem bekannten Gangster, den Sie noch kennen lernen werden, Jim ist nur der Manager.«

Tilton warf einen Blick über das Haus und die Nachbargebäude. Sie gehörten alle einer früheren Bauzeit an und mochten vor nicht allzu langer Zeit eine der besseren Geschäftsstraßen der Stadt gebildet haben. Die vornehme Bewohnerschaft war aber allmählich wohl verzogen, denn jetzt schienen die Geschäfte, die sich hier aneinander reihten, mehr auf den Durchschnittskäufer eingestellt zu sein, auf den man mit Schaufenstern und Preisen wirkt, während die ultra-vornehmen Geschäfte in der Regel nur ihren berühmten Namen an der Außenseite zeigen. Vielfach strahlte aus den Fenstern greller Lichtglanz in die Dunkelheit, die von der Straßenbeleuchtung nicht sehr wirksam bekämpft wurde.

Es fehlte ihr alles Auffallende, sie war einfach eine Straße, wie man sie in jeder Großstadt zu Hunderten und Tausenden findet. Besonders das Speakeasy schien bestrebt zu sein, nach außen hin den Eindruck eines der zahlreichen größeren Speisehäuser zu machen, denn in den Fenstern hingen Speisekarten und Empfehlungen von Soft Drinks.

Als sie eintraten, fanden sie sich in einem großen Raume, der in der Mitte mit Tischen und Stühlen besetzt war, an beiden Seiten aber abgeteilte Kabinen aufwies, die mit Portieren geschlossen werden konnten, verschiedene von ihnen waren mit Gästen besetzt, aber keiner von ihnen hatte anscheinend das Bedürfnis eines solchen Abschlusses empfunden. Vorn, rechts vom Eingang, befand sich die Bar, hinter der zwei Bartender in weißen Jacken und Schürzen tätig waren, zusammen mit einem Manne in dunkelgrauem Anzuge, Jim Bossini, dem Manager, wie Dorsey Tilton zuflüsterte.

Im Hintergrund befand sich ein Podium, denn das Lokal hatte auch Kabarettbetrieb. Die Künstlerinnen und ihre männlichen Kollegen, darunter zwei Neger, die einen Gesangs- und Tanzakt vorführten, saßen unter den Gästen verstreut. Die Aufführung erfolgte ziemlich formlos und der eine oder andere Künstler trat auf, wie es ihm gerade paßte. Ein Nebenraum, nur mit Stühlen an den Wänden, bot den Gästen Gelegenheit, zu tanzen, wobei ein Pianoautomat an der Schwelle zu dem Raum, das durch einen in den Schlitz geworfenen Nickel in Tätigkeit gesetzt wurde, die Musik lieferte.

Das Ganze, obwohl seine Einrichtung keineswegs ärmlich war, machte den Eindruck eines Lokals für Stammgäste, was die meisten wohl auch waren, daher die Formlosigkeit des Betriebes.

Was Tilton aber zuerst auffiel, war der Umstand, daß die Bartender wie auch die ebenfalls weißgekleideten Kellner sämtlich muskulöse, kräftige Gestalten mit groben Gesichtszügen und einem rohen Blick in den Augen waren, der ihnen blieb, auch wenn sie sich bemühten, freundlich zu sein. Er vermutete nicht mit Unrecht, daß es gerade diese Eigenschaften waren, denen sie ihre Stellung hier verdankten. Ursprünglich waren sie wohl alle Mitglieder eines Athletenklubs gewesen und hatten davon geträumt, einst im Preisring eine Rolle zu spielen. Dazu hatte es nicht gereicht, aber ihre athletischen Übungen hatten sich insofern bezahlt gemacht, als sie sie befähigten, in diesen und ähnlichen Lokalen, die dafür Bedarf hatten, in der Verkleidung von Kellnern die Rolle des »starken Mannes« zu spielen.

»Hallo, Lou!« rief Jim Bossini den Neueingetretenen mit einem forschenden Blick auf Tilton entgegen. »Auch mal wieder hier?«

Er kannte die meisten seiner Gäste und es gehörte zu seinen Aufgaben, die unbekannten einzuschätzen. Er hatte darin eine erstaunliche Fertigkeit erlangt und wo er im Zweifel blieb, ließ er sich stets von diesen Zweifeln leiten.

»Ja, ich darf doch meine Freunde nicht vergessen. Übrigens, lassen Sie mich Sie mit meinem Freunde und Kollegen, Mr. Norman Tilton von der Tribune, bekannt machen. Nachfolger von Mr. Lingle.«

Es kam nicht oft vor, daß Jim Bossini von irgend etwas überrascht war. Diese Vorstellung veranlaßte ihn aber doch, einen neuen forschenden Blick aus Dorseys Begleiter zu werfen.

»Well, ich wünsche Ihnen viel Glück. Ihr Vorgänger war wohl etwas unvorsichtig, hat sich jedenfalls auf Dinge eingelassen, von denen er lieber hätte fernbleiben sollen. Aber es freut mich, Sie kennen zu lernen. Nennen Sie mir Ihr Gift. Die Getränke gehen auf Rechnung des Hauses.«

»Whisky natürlich«, antwortete Dorsey für beide und der Manager nahm einen von mehreren weißen Porzellankrügen, die auf der Bar standen, und füllte drei Gläser.

Sie erhoben sich und tranken sich zu.

»Feiner Stoff«, bemerkte Tilton.

»Darauf können Sie wetten«, erwiderte Jim. »Von Narbengesicht Al.«

Es klang, als ob damit genug gesagt und jeder weitere Beweis für die Güte des Getränks entbehrlich sei. Narbengesicht Al war übrigens niemand anders als Alphons Capone, der unter diesem Namen, den er einer entstellenden Narbe auf seiner linken Gesichtshälfte verdankte, vielleicht noch besser bekannt war als unter seinem wirklichen.

»Was der liefert, ist immer verläßlich«, fuhr Jim fort. »Früher, als wir unsern Stoff noch von den kleinen Bootleggern beziehen mußten, gab es viel Ärger. Sie wußten niemals, was sie bekamen; meistens Heimdestillat, wenn nicht vergällten Spiritus, dem Sie die Vergällung doch niemals entziehen können. Das ist erst anders geworden, seit alle kleinen Bootlegger aus dem Geschäft getrieben worden sind und Narbengesicht Al hier im Norden und Bug Moran im südlichen Stadtteile gewissermaßen das Monopol haben. Die halten wie jede große Firma auf guten Stoff, und ob Sie kanadischen oder schottischen Whisky haben wollen, Sie bekommen, was Sie bezahlen. – Nehmen Sie noch einen.«

Er schenkte die Gläser von neuem voll und sie tranken.

»Sagen Sie, Jim, ist Dreifinger-Jack schon hier?« fragte Dorsey.

»Hab ihn noch nicht gesehen, aber er ist in der letzten Zeit ziemlich regelmäßig dagewesen und wird wohl noch kommen, wenn Sie ihn erwarten.«

Beide wählten sich jetzt einen Tisch in der Mitte des Saales, von wo aus sie eine bessere Übersicht hatten, als von einer der Kabinen. Sie rückten sich Stühle zurecht und ließen sich darauf nieder.

Sie waren noch junge Männer in der Mitte der Zwanzig. Das war aber so ziemlich alles Gemeinsame, das sie besaßen. Tilton war groß und schlank, sein Haar blond und sein Gesicht länglich. Dorsey mehr untersetzt, mit dunklem, fast schwarzem Haare und vollem, rundem Gesicht. Beide waren glatt rasiert und machten einen freimütigen, sympathischen Eindruck, der im Falle Dorseys auch durch die Hornbrille mit runden Gläsern nicht beeinträchtigt wurde.

Sie bestellten bei dem herantretenden Kellner Bier, das ihnen in Flaschen gebracht wurde.

Tilton konnte sich nicht enthalten, eine Bemerkung über die volle Öffentlichkeit zu machen, in der das Prohibitionsgesetz hier umgangen wurde.

Dorsey zuckte die Achseln.

»Die Leute sind ziemlich sicher. Sie zahlen wöchentlich fünfunddreißig Dollar an die Polizei.«

»Nicht mehr?«

»Nein, die Polizei ist klug genug, die Schraube nicht zu sehr anzuziehen, denn dann würden die Leute vielleicht kicken und das ist nicht erwünscht, obwohl sie sich damit nur selbst schaden würden, wenn Sie aber bedenken, wie viele solcher Plätze, Spielklubs, Prostitution und andere dazugerechnet, in einem Distrikt der Polizei tributpflichtig sind, und welche Summen sie von den Bootleggern bezieht, so können Sie sich ausrechnen, wie einträglich das Geschäft für die Polizei ist. – Übrigens ist das nicht die einzige Summe, die Jim und seine Geschäftskollegen zu bezahlen haben. Da sind in erster Linie noch die Prohibitionsleute. Sie sind nicht ganz so sicher, ich meine, sie haben ihren Graft nicht ganz so organisiert wie die Polizei und müssen einzeln gespickt werden. Mit der Polizei stehen sie natürlich auf dem denkbar schlechtesten Fuße und es kommt manchmal vor, wenn ihre Anhänger wieder einmal zu laut werden, daß sie einen Platz überrumpeln, ohne daß die Polizei etwas davon weiß und rechtzeitig eine Warnung geben kann. Mit Rücksicht auf eine derartige Möglichkeit bewahrt Jim hier seinen Whisky in Krügen auf, nicht in Flaschen. Die Krüge entleert man im Augenblicke der Gefahr in den Ausguß. Der hat eine Röhrenverbindung mit dem Nebenhause, wo der Whisky wieder in Fässern aufgefangen wird, so daß er nicht einmal verloren geht.«

»Und das Bier?«

»Well, jeder Gast hat die Pflicht und Schuldigkeit, es sofort auszutrinken und tut das auch, denn er würde sich sonst nur unliebsame Scherereien verursachen. Die leeren Flaschen sind keine Beweismittel mehr. Und die vollen bewahrt man an einem Orte auf, wo die Prohibitionsbeamten sie nicht finden, vielleicht auch im Nebenhause.«

Er sah sich in dem Lokale um, in dem es ziemlich geräuschvoll herging, da die meisten der Gäste schon so viel getrunken zu haben schienen, um mindestens ihre Stimmung anzuregen.

Ein Mann trat auf das Podium und sang ein Lied voll von Anzüglichkeiten gegen die Polizei und die Grafters in allen möglichen amtlichen Stellungen. Die bemerkenswerteste Stelle darin betraf einen Vorgang, der sich erst vor zwei Tagen ereignet hatte. Der Lärm über Lingles Ermordung war so groß gewesen, daß sich ein Vigilantenkomitee aus angesehenen Bürgern der Stadt gebildet hatte, um mit dem Verbrechertum aufzuräumen, da das der Polizei anscheinend nicht gelingen wollte. Die Vigilanten hatten sich an viertausendfünfhundert Bürger der Stadt zur Aufbringung der nötigen Mittel gewandt, aber nur dreitausend Dollar erhalten, also im Durchschnitt sechzig Cents von jedem, der töricht genug gewesen war, dazu beizusteuern. Die meisten hatten die Sache von vornherein als das angesehen, was sie war, einen Schlag ins Wasser, obwohl viele der Komiteemitglieder unzweifelhaft ihre Sache völlig ernst nahmen. Die beiden großen Bootleggerorganisationen, um die es sich hier hauptsächlich handelte, waren aber stets so klug gewesen, das unbeteiligte Publikum nicht zu behelligen.

Im Gegensatz zu all den kleinen Gangstern, Bankräubern, Holdupmännern, »Schutz«banden, die sämtliche Industrien und sonstige Unternehmungen brandschatzten, arbeiteten die, von ihrem Standpunkt aus gesehen, ehrlich. Sie lieferten dem Publikum Wein, Bier und Whisky und nahmen den Preis dafür, wie jedes andere Geschäft auch. Daß der Handel ungesetzlich war, störte weder sie noch ihre Kunden.

Wenn die »Trockenen« anmaßend genug waren, dem anderen Teile des Volkes vorzuschreiben, was sie essen und trinken durften und was nicht, so konnten sie zwar mit einer zufälligen Mehrheit im Senat ein diesbezügliches Gesetz durchbringen, nicht aber das Publikum dazu, dieses Gesetz auch zu beachten. So weit war also die Sache in Ordnung, und das Publikum sah die Bootlegger nur als Leute an, die viel riskierten und daher auch entsprechende Preise für ihre Ware berechnen mußten, nicht aber als Verbrecher. Höchstens bedauerte man es, daß die Regierung Hunderte von Millionen Dollars aus einem Handel, den zu unterdrücken ausgeschlossen war, in die Taschen der Bootlegger wandern ließ und auf der andern Seite auch noch eine riesige Armee von Prohibitionsbeamten besoldete. Neben tausend anderen Gründen auch schon deshalb, weil die meisten dieser Beamten »Doppelverdiener« waren, das heißt, sich auch von den Bootleggern bezahlen ließen, und zwar gut, denn Zuwendungen von sechstausend Dollar monatlich an einzelne Beamte waren keineswegs eine Seltenheit.

Und wenn diese Organisationen Morde begingen, was oft genug vorkam, so lag das eben daran, daß, wenn sie überhaupt existieren wollten, sie den Verrat in den eigenen Reihen bestrafen mußten. Die Polizei und Prohibitionsbeamten hatten sie nicht zu fürchten, es gab aber sogenannte »Hijacker«, Konkurrenten, die ihre Transporte überfielen und raubten – und andere, denen ihre geheimen Warenlager bekannt geworden waren und die sie an die Prohibitionsbeamten verrieten, wenn sie nicht die hohen Schweigegelder erhielten, die sie forderten. Gegen diese mußten sie sich schützen. Der Mord vom St. Valentinstage im Jahre 1928, wo sieben Gangsters in einem Keller an die Wand gestellt und von ihren Gegnern mit Maschinengewehren niedergeknallt wurden, ist ein Beispiel davon. Nach den Tätern sucht man heute noch.

Das alles wußte das Publikum und behielt daher sein Geld in der Tasche.

Dem Vigilantenkomitee blieb daher auch nur ein einziges Mittel, gegen das Unwesen vorzugehen, und es bewies durch seine Inanspruchnahme mehr als durch alles andere seine völlige Hilflosigkeit: man wollte den Gangstern das Leben schwer machen und sie dadurch veranlassen, ihre Geschäfte lieber in einer anderen Stadt zu betreiben. Dazu sollte ein altes Gesetz herhalten, das Landstreichergesetz. Es ist sehr dehnbar und bedroht neben vielen anderen Dingen auch notorisch reiche Leute mit Gefängnis bis zu einem Jahre, wenn sie nicht nachweisen können, daß sie sich ihren Lebensunterhalt auf ehrliche Weise erwerben.

Man stellte also eine Liste von vierundzwanzig Personen auf, die man als öffentliche »Feinde« bezeichnete und mit dem Gesetz heimsuchen wollte. Narbengesicht Al und Bug Moran standen natürlich an der Spitze.

Die Antwort der Gangster darauf war, daß sie sofort eine Summe von hundertfünfundzwanzigtausend Dollar aufbrachten, aus der die Bürgschaften für ihre Entlassung aus der Haft bezahlt werden sollten. Die dreitausend Dollar, die die guten Bürger der Stadt für ihre Ausrottung aufgebracht hatten, machten die Hilflosigkeit dieser Maßnahme dadurch nur noch offenkundiger. Immerhin fühlte man die Verpflichtung, dem Publikum zu zeigen, daß etwas geschah und beantragte bei der Polizei Haftbefehle gegen die »öffentlichen Feinde« unter der Beschuldigung der Landstreicherei.

Unglücklicherweise aber ereignete es sich in den nächsten Tagen, daß einige Prohibitionsbeamte einen Zusammenkunftsort der Gangster heimsuchten, und dort fanden sie zu ihrer Überraschung eine Liste dieser »öffentlichen Feinde«. Höflich, wie sie nun einmal ist, hatte die Polizei ihnen diese zur Begutachtung und Genehmigung vorgelegt. Die Gangster hatten acht Mann daraus gestrichen und es der Polizei gestattet, gegen den Rest vorzugehen.

Das war bekannt geworden, allerdings ohne daß es der Polizei viel geschadet hätte, denn an solche Dinge ist man gewöhnt. Die Erwähnung dieses Vorfalles aber hier von der Bühne herab fand ein empfängliches Publikum und der Künstler konnte unter reichem Beifall der Zuhörer abtreten.

3

Inhaltsverzeichnis

Es trat wieder eine Pause ein in der Vorführung, und die beiden Zeitungsleute konnten ihre Beobachtung der Gäste fortsetzen.

Tilton fiel eine Gruppe von vier Männern und drei Mädchen in einer der Kabinen auf. Eines der Mädchen hatte ihn augenscheinlich beobachtet, blickte aber weg, als seine Blicke sich ihr zuwandten. Es war eine Erscheinung von unverkennbar südländischem Typus, was die gebräunte Haut, das lange, seidenweiche schwarze Haar und die feingezeichneten schwarzen Augenbrauen in dem ovalen Gesicht, in das das Leben, das sie offenbar führte, noch nicht seine Runen niedriger Berechnung und grober Gelüste hineingezeichnet hatte, erkennen ließ. Ein dunkler Spitzenschal, den sie nach spanischer Art um den Kopf geschlungen trug, vervollständigte diesen Eindruck. So weit Tilton das in ihrer augenblicklichen Stellung beurteilen konnte, mochte sie von etwas mehr als Mittelgröße sein und ihre Glieder zeigten eine wundervolle Rundung und ein seltenes Ebenmaß. Alle ihre Bewegungen hatten etwas Vornehmes. Das zeigte sich eben jetzt wieder, als sie die Hand erhob, wie um etwas zu verdeutlichen, das sie zu einem ihr gegenübersitzenden Manne, der die Mitte der Dreißig erreicht haben mochte, sagte. An ihrem Handgelenk glitzerten zwei goldene Armbänder, das eine mit roten Steinen, vermutlich Rubinen, das andere mit Diamanten besetzt. Sie hatte die Zwanzig sicher noch nicht überschritten. Wenn ihr Gesicht nicht so schreiend bemalt gewesen wäre und man sie in einer anderen Umgebung und anderer Gesellschaft getroffen hätte, würde man sie unzweifelhaft für eine Angehörige der besseren Gesellschaft gehalten haben.

Die Gesellschaft, in der sie sich hier befand, schloß aber ihre Zugehörigkeit zu besseren Ständen aus. Die beiden andern Mädchen waren etwas älter und ganz von der Art, die man hier zu finden erwartete. Etwas zu magere, eckige Körper und ein Ausdruck in den grellbemalten Gesichtern und wissenden Augen, der deutlich bewies, daß ihnen das Leben und besonders das Leben der Unterwelt der Großstädte keine Geheimnisse mehr bot.

Neben dem Mädchen mit der mexikanischen Reboza saß ein Mann von ungefähr sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahren, gutgekleidet, aber von grober Körperbildung und ziemlich abstoßendem Gesicht, das durch eine dicke, breite Athletennase noch unangenehmer wirkte. Ausgesprochener Verbrechertypus. Alle Züge scharf geschnitten, die Augen kalt und hart wie Stahl, als ob sie gewöhnt seien, an dem Laufe eines Revolvers entlang zu blicken, und das volle Haar rot, mit der üblichen Stirnlocke derartiger Persönlichkeiten. Er bemühte sich ziemlich auffallend um seine Nachbarin und man konnte es fast bedauern, daß seine Aufmerksamkeiten als etwas Selbstverständliches angenommen wurden und nicht Zurückweisung fanden, was man viel eher erwartet hätte.

Der Mann dem Mädchen gegenüber war offenbar ein Geschäftsmann, mit einem nicht unangenehmen, bartlosen Gesicht und jenem Grade von Intelligenz, wie er sich aus der Beschäftigung mit rein materiellen Dingen ergibt. Seine Geschäfte waren vielleicht nicht immer einwandfrei gewesen oder doch voll Risiko, denn sie hatten die Wirkung gehabt, ihn ziemlich nervös zu machen, was sich dadurch bekundete, daß seine Finger sich von Zeit zu Zeit wie Spinnen über die Tischplatte bewegten.

Die anderen beiden Männer waren noch jung, im Anfange der Zwanzig und wenn auch, wie ihre Freunde, gut gekleidet, doch unverkennbar der Rowdytypus der Unterwelt von Chikago. Ein Anerbieten, jemand gegen eine Belohnung von fünfundzwanzig Dollar über den Haufen zu schießen, auch wenn das mit einigem Risiko verbunden gewesen wäre, hätte vermutlich weder der eine noch der andere abgelehnt. Das gehörte zum Geschäft, denn sie waren entweder Revolvermänner oder Gorillas, eine kaum wesentliche Unterscheidung, denn Gorillas sind Leute, die den Häuptern des Ganges, sobald sie sich auf die Straße wagen, zu ihrem Schutze folgen. Keiner dieser Anführer kann sich ohne eine solche geheime Schutztruppe von oft sechs bis acht Mann öffentlich zeigen, denn er ist stets von der Konkurrenz bedroht, deren Erfolge bei Überfällen stets auf Überzahl und Überraschung beruhen.

Tilton hatte das Gefühl, als ob er dieses Mädchen mit dem südländischen Typus schon einmal gesehen haben müsse. Sie kam ihm bekannt vor. wahrscheinlich hatte sie Ähnlichkeit mit einer Dame, der er einmal begegnet war, wenn er sich auch nicht erinnern konnte, wo das hätte gewesen sein können. Wenn nur um eine Ähnlichkeit und vermutlich in vergröberter Form konnte es sich hier handeln. Er war erst zu kurze Zeit in Chikago, um ihr selbst begegnet sein zu können.

»Kennen Sie das Mädchen da drüben?« fragte er Dorsey. »Ich meine die mit der Reboza, die aussieht wie eine Mexikanerin.«

Dorsey blickte nach der angedeuteten Richtung.

»Ja«, entgegnete er. »Es ist Ramona del Barranca. So nennt sie sich wenigstens. Es ist aber vielleicht nur ihr Bühnenname, denn sie tritt hier auf. Gesang und spanischer Tanz, hübsches Mädchen. Tauchte vor ein paar Monaten hier auf, niemand weiß und fragt woher. Das ist verpönt. Scheint übrigens etwas wie ein Rätsel zu sein, denn sie macht alles mit, aber – well, immer nur bis zu einer gewissen Grenze, die es für die andern Mädchen, die Sie hier gewöhnlich antreffen, nicht gibt. Ob das nun Absicht ist, um sich begehrenswerter zu machen, oder was sonst, ich weiß es nicht. Sie hätte es nicht nötig, denn sie ist hübsch genug auch ohne Pose, vielleicht will sie sich nicht entwerten, obwohl ich nicht begreifen kann, warum sie sich dann in Lokalen dieser Art herumdrückt. Sie ist auch beliebt hier und mancher möchte sich wohl an sie heranmachen, aber da ist der Kerl neben ihr, der mit den roten Haaren. Es ist Piggy Donnovan. Er gehört zu einem Ring von Entführern, die reiche Leute oder die Söhne und Töchter solcher verschleppen und nur gegen ein hohes Lösegeld wieder freilassen. Man sagt ihm auch verschiedene Morde nach, aber selbst wenn die Polizei gegen ihn vorgehen wollte, findet sie keine Zeugen. Wer wird sich vor Gericht hinstellen und gegen ihn aussagen, wenn die Gefahr, der er sich damit aussetzt, größer ist als der Schutz, den ihm die Polizei gewähren kann? Piggy Donnovan ist Boß in seinem Ring und hat Verbindungen in allen Staaten und Schlupfwinkel in den Adirondaks, den Kentuckybergen, wie auch in den Küstengebirgen im Westen. Es ist nicht ratsam, mit ihm anzubinden, denn er schreckt vor nichts zurück, und eitel, krankhaft eitel, wie diese Leute alle sind, bildet er sich wahrscheinlich noch etwas darauf ein, als ein rücksichtsloser Killer zu gelten. Deshalb halten sich die meisten von Ramona fern. Wie weit er mit ihr ist, weiß natürlich niemand. Sie scheint ihn aber zu begünstigen und das ist etwas wie ein anderes Rätsel, denn sie könnte sich leicht einen besseren Geschmack erlauben.«

»Und wer ist der ältere Mann in dem grauen Anzuge?«

»Das ist Percy Stephens, ein Ölspekulant.«

»Reich?«

Dorsey zuckte die Achseln.

»Ich glaube, das weiß er selbst nicht. Ein Ölspekulant weiß niemals, ob er vier Fuß von einer Million Dollar, oder eine Million Fuß von vier Dollar entfernt ist.«

»Und der junge Mensch neben der Blonden?«

»Das ist Mike de Pike. Er steht im Dienste von Narbengesicht Al. Sein Gang stiehlt Automobile im ganzen Lande und verkauft sie an die Althändler. Al Capone ist nämlich keineswegs nur Bootlegger. Er ist offenbar ein ganz gerissener Geschäftsmann, arbeitet immer nur im großen und ist Boß von mehr Gangs als man gewöhnlich annimmt. Neuerdings hat er sich auch verschiedener Gewerkschaften bemächtigt. Dreiunddreißig hat er durch bezahlte Stimmen bereits in seine Gewalt bekommen und terrorisiert die Mitglieder genau so wie die Arbeitgeber, die immer mit Sabotage bedroht werden. Die Sache ist so schlimm, daß John Confield, der Präsident der Internationalen Union der Maschinisten und KIempner, jetzt hierhergekommen ist, um zu sehen, was er dagegen tun kann.«

»Sie sprachen von dem Ring der Autodiebe. Ist dem nicht vor kurzem ein kleines Mißgeschick passiert?«

»Sie meinen mit dem Reporter in Neuyork, der sich von einem Althändler ein Auto kaufte und mit diesem von dem Eigentümer, dem es in einem anderen Staate gestohlen worden war, betroffen wurde?«

»Ja, das meine ich.«