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In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie ist Denise überall im Einsatz. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. In der Reihe Sophienlust Extra werden die schönsten Romane dieser wundervollen Erfolgsserie veröffentlicht. Warmherzig, zu Tränen rührend erzählt von der großen Schriftstellerin Patricia Vandenberg. Einer der beiden roten Schulbusse fuhr vor dem Herrenhaus von Sophienlust vor. Ausnahmsweise saßen darin sowohl die Schüler des Maibacher Gymnasiums als auch die Schüler der Grundschule in Wildmoos. Nick stieß seinen Bruder Henrik an. »Sieh mal, Mutti wartet auf uns. Das ist prima. Dann essen wir heute hier in Sophienlust.« Henrik blieb gleichgültig. »Hm«, machte er nur. »Hm, hm, hm«, äffte Nick ihn belustigt nach. »Die ganze Fahrt geht es so. Du bist wohl zu fein, um mit uns zu sprechen, was?« Die anderen Kinder lachten. Es war ja auch zu komisch, wie Henrik sich benahm. Dabei stand seine Mutter, Denise von Schoenecker, da vorn und strahlte in ihrem weißen Sommerkostüm mit der Sonne um die Wette. Dann wurde Henrik aber doch gesprächig. Er reckte sich ein wenig, um seine Mutti flüchtig zu umarmen, und verkündete: »Wir haben eine Neue in der Klasse, Mutti. Ein Mädchen mit einem tollen Namen. Jenny heißt sie.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Einer der beiden roten Schulbusse fuhr vor dem Herrenhaus von Sophienlust vor. Ausnahmsweise saßen darin sowohl die Schüler des Maibacher Gymnasiums als auch die Schüler der Grundschule in Wildmoos.
Nick stieß seinen Bruder Henrik an. »Sieh mal, Mutti wartet auf uns. Das ist prima. Dann essen wir heute hier in Sophienlust.«
Henrik blieb gleichgültig. »Hm«, machte er nur.
»Hm, hm, hm«, äffte Nick ihn belustigt nach. »Die ganze Fahrt geht es so. Du bist wohl zu fein, um mit uns zu sprechen, was?«
Die anderen Kinder lachten. Es war ja auch zu komisch, wie Henrik sich benahm. Dabei stand seine Mutter, Denise von Schoenecker, da vorn und strahlte in ihrem weißen Sommerkostüm mit der Sonne um die Wette.
Dann wurde Henrik aber doch gesprächig. Er reckte sich ein wenig, um seine Mutti flüchtig zu umarmen, und verkündete: »Wir haben eine Neue in der Klasse, Mutti. Ein Mädchen mit einem tollen Namen. Jenny heißt sie. Ist das nicht ein schöner Name?«
»Sehr schön«, bestätigte Denise.
Fabian Schöller schien jedoch anderer Meinung zu sein. »Jenny?«, fragte er grinsend. »O wie schön, wie schön, lass mich einmal Jenny seh’n …«
Die Kinder, die noch immer auf dem Hof standen, antworteten mit einem schallenden Gelächter. Aber aus dem Herrenhaus erklang jetzt der Gong, der alle zum Essen rief. Es war Mittagszeit, und die Kinder rannten nun alle los, um sich vor dem Essen noch schnell die Hände zu waschen.
Als Magda, die Köchin, die erste dampfende Schüssel hereintrug, begann Fabian noch einmal: »Warum heißt die schöne Neue bei euch denn Jenny? Kommt sie aus Amerika?«
Einen Moment schien es, als schenke Henrik den leckeren Knackwürstchen auf seinem Teller mehr Aufmerksamkeit als Fabians Frage.
Aber dann antwortete er doch: »Eigentlich heißt sie Johanna. Aber sie will Jenny genannt werden, weil das richtig schick ist.«
Denise und Schwester Regine wechselten heimlich einen belustigten Blick.
»Ist sie selbst denn auch schick?«, erkundigte sich Pünktchen. Für die Zwölfjährige wurde es ja auch von Tag zu Tag wichtiger, schick zu sein. Besonders dann, wenn sie Nick imponieren wollte.
»Ja, sehr«, antwortete Henrik. Seine Augen strahlten dabei. »Sie heißt Johanna Barwig, wird aber Jenny genannt und jeden Tag mit einem großen Wagen von der Schule abgeholt.«
»Was hat das mit schick zu tun?«, wollte Nick wissen, der das Wort sowieso verabscheute, wenn es im Zusammenhang mit kleinen Mädchen benutzt wurde.
Henrik sah ihn einen Moment verdutzt an. Das ist wieder einmal typisch Nick, dachte er. Immer bringt er mich aus dem Konzept. Doch dann fing er sich und erklärte: »Aber sie ist wirklich schick. Sie hat glänzende braune Haare mit einer Spange, und außerdem hat sie immer weiße Strumpfhosen an.«
Nick, Pünktchen und Irmela Groote warfen sich verstohlen Blicke zu. Sie fanden, Henriks Beschreibung war wirklich nicht dazu angetan, ihnen dieses Mädchen sympathisch zu machen. Aber was ging sie das an, solange diese Jenny oder Johanna mit ihrem glänzenden Haar und den empfindlichen Strumpfhosen nicht in Sophienlust auftauchte?
»Hast du dich denn schon ordentlich an sie herangemacht?« Fabian hatte sich diese Frage nicht verkneifen können.
»Du bist blöd!«, antwortete Henrik abwehrend, schickte aber zugleich einen Hilfe suchenden Blick zu seiner Mutter.
Denise verstand ihn sofort. »Wir wissen ja alle, dass die Bekanntschaft noch nicht alt sein kann. Morgen wird Henrik die kleine Jenny näher kennenlernen. Dann werden wir bestimmt noch mehr von ihr erfahren. Übrigens«, sie sandte einen Blick in die fröhliche Runde, »gibt es denn sonst gar nichts Neues?«
Ein betretenes Schweigen war die Antwort, denn ein jedes Kind hatte begriffen, dass es nicht schön war, so hartnäckig auf Henriks Thema herumzuhacken.
»Doch«, sagte Nick schließlich übermütig. »Henrik ist verliebt.«
Denise beteiligte sich nicht an dem Gelächter, das nun von Neuem losbrach. Sie sah, dass Henrik sich verlegen über seinen Teller beugte, und hätte ihn am liebsten getröstet. Aber er musste wie alle lernen, kleine Niederlagen einzustecken. Das war nichts anderes als eine Vorübung auf das spätere Leben.
Das Gelächter ebbte langsam ab. Zugleich hatte Nick begriffen, dass er eine Spur zu weit gegangen war. Er bemühte sich nun selbst um ein neues Thema. Und daran bestand in Sophienlust kein Mangel.
*
Die Schule in Wildmoos war nicht besonders groß. Aber das Gebäude war modern und sehr gut ausgestattet. In den Klassenräumen für die jüngeren Jahrgänge gab es kleine Tische mit leichten Stahlrohrstühlen, die sich besonders bequem und lautlos auf dem Boden hin- und herschieben ließen.
»Du«, flüsterte Henrik über den Gang zwischen den Tischreihen hinweg der braunen Jenny zu, »wenn du willst, bekommst du meinen Apfel in der Pause. Es ist ein Cox Orange. Wir haben davon große Mengen in Sophienlust.«
Die tolle Jenny zog ihr Näschen kraus. Dann machte sie »Ph!« und hob die Schultern wie eine Diva.
Mit offenem Mund beobachtete der Junge sie. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Das war wirklich schick, wie diese Jenny sich bewegte und »Ph!«, sagte. Bestimmt deshalb, weil sie sich schon riesig auf den Apfel freute.
Als es klingelte und die Kinder alle auf den Schulhof liefen, trat Henrik sofort wieder an Jennys Seite. Er hatte den Apfel vorher noch ordentlich an seiner Hose blank gerieben und hielt ihn ihr jetzt hin.
Aber Johanna Barwig, die viel lieber Jenny heißen wollte, schob seine Hand beiseite. »Ich will deinen Apfel gar nicht. Ich habe heute Schokolade dabei. Zu Hause brauche ich nie Äpfel mit der Schale zu essen. Sie werden von den Dienstboten geschält, in kleine Häppchen geschnitten und mir dann auf einem Tablett serviert.«
»Bist du denn krank?«, fragte Henrik teilnahmsvoll. Er konnte sich nicht vorstellen, warum sonst einem Kind ein Apfel auf einem Tablett serviert werden sollte.
Jennys Augen maßen ihn mit einem so arroganten Blick, dass einem Erwachsenen dabei heiß und kalt geworden wäre. Aber Henrik störte das nicht. Er hörte Jenny sogar aufmerksam zu, als sie weiterprahlte: »Ich finde eure Dorfschule richtig blöd, Henrik. Und du mit deinem Coci … Coschi …«
»Cox«, belehrte er sie mit verkniffenem Mund.
»… mit deinem Cox kannst mir auch nicht gefallen. Zu Hause in Baden-Baden haben wir ein riesiges Haus, fast wie ein Schloss.«
»So«, sagte Henrik, für den ein Schloss oder etwas Ähnliches wirklich nicht der Weltuntergang war.
»Ja, weil meine Mutter nämlich eine Komtesse ist. Eine von Rittinghausen war sie, bevor sie meinen Papi geheiratet hat.«
»Ist ja alles prima«, gab er zu. »Aber warum findest du es denn bei uns so blöd? Hier ist es doch schön.«
»Zu Hause habe ich eigene Lehrer, weißt du. Das ist richtig toll. Die müssen kommen, wenn ich will, und nicht umgekehrt.«
Henrik nickte. Diese Vorstellung fand er gar nicht so übel. »Aber warum bist du dann nicht in Baden-Baden geblieben, Jenny? Ich an deiner Stelle hätte das getan.«
Jenny trat mit gezierten Schritten zur Seite, damit ihre weiße Strumpfhose ja nicht von dem Staub des Schulhofs verunziert wurde, und sah ihn seltsam weltentrückt an. »Meine Mami muss sich mal wieder erholen, weißt du. Bei uns zu Hause haben wir viele Gesellschaften. Deswegen hat sie hier ein Haus gemietet. Zum Ausschlafen.«
»Wo denn?«, fragte Henrik. Für ihn gab es ein Haus, nur zum Ausschlafen für eine feine gräfliche Dame, nur im Schlaraffenland.
»Bei Bachenau.«
Die Antwort ernüchterte Henrik so, dass er richtig zornig wurde. »So ein Unsinn. Das ist doch nichts Besonderes. Da wohnt meine Schwester Andrea auch. Aber nicht zum Ausschlafen. Sie hat ein Tierheim, das Heim der glücklichen Tiere Waldi und Co. Kennst du das?«
»Ich mag keine Tiere«, erwiderte Jenny hochnäsig. »Höchstens meinen Collie. Aber den mussten wir in Baden-Baden lassen.«
»Den hätte ich an deiner Stelle aber mitgebracht. Dann könnte er dir vielleicht dein dummes Getue abgewöhnen.«
Henrik hatte die Bemerkung, dass Jenny keine Tiere leiden mochte, von seiner Bewunderung geheilt. Für ihn war das Mädchen jetzt nichts anderes als eine dumme Ziege. Mit einer Entschlossenheit, die an Wut grenzte, biss er jetzt selbst in den verschmähten Apfel.
Jenny war so eingebildet, dass sie Henriks Kritik gar nicht begriffen hatte. »Mein Collie kann nicht herkommen«, plapperte sie weiter und brach mit spitzen Fingern ein Stück von ihrer Schokolade ab. »Meine Mutter braucht viel Ruhe. Nicht nur von den Gesellschaften, sondern auch von den Turnieren.«
»Turnieren?« Henrik hätte sich fast verschluckt.
»Ja, sie ist Weltmeisterin im Tennis. Bevor sie wieder spielt, muss sie sich ausruhen.«
Henrik langweilte das alles. Er hatte zwar gut zugehört, aber er blickte voller Sehnsucht zwei Klassenkameraden nach, die sich um einen kleinen Ball rangelten. Fußball zu spielen war eigentlich auf dem Schulhof verboten, aber gerade das machte es so reizvoll. »He!«, rief er laut, um sich bemerkbar zu machen. »Fritzi zu mir!«
Fritzi nahm die Gelegenheit wahr und schoss Henrik den kleinen Ball zu. Jenny wollte ausweichen, war aber nicht schnell genug. Der Ball prallte auf ihr weißes Strumpfhosenbein. Dort blieb ein grauer, halb mondförmiger großer Schmutzfleck zurück.
»Wenn deine Mutter Weltmeisterin im Tennis ist, werdet ihr ja wohl genug Waschmittel im Haus haben, oder?« Henrik grinste.
Jenny antwortete nicht. Sie rannte heulend davon.
*
Als die Schulkinder am nächsten Tag nach Sophienlust zurückkehrten, wurden sie nicht von Denise von Schoenecker erwartet.
Henrik atmete auf. Er war während der Fahrt sehr still gewesen. Aber diesmal nicht aus verträumter Liebe zu der tollen Jenny, sondern aus Enttäuschung über das Mädchen. Aber nun war ja alles nicht mehr so schlimm. Nick und er würden die Fahrräder nehmen und zum Essen nach Schoeneich radeln. Dort würden sie sich diesmal im kleinen familiären Kreis um den Tisch versammeln, und keiner würde ihn hänseln.
»Wie wars denn heute so bei dir?«, erkundigte sich Nick, als er mit seinem Halbbruder die Landstraße entlangfuhr.
»Och …«, machte Henrik ausweichend.
Nick sah ihn von der Seite an und verlangsamte sein Tempo. »Es tut mir leid wegen gestern, Henrik. Aber es ist mir wirklich nur so rausgerutscht.«
»Ist schon gut«, tat Henrik großmütig. Dann trat er in die Pedalen, was das Zeug hielt. Dabei überlegte er, dass es eigentlich nicht nur pure Großmut gewesen war, die ihn Nicks Frechheit so schnell hatte vergessen lassen. Es war eher so etwas wie Selbsterkenntnis gewesen. Denn heute hatte er selbst sich ja auch eine schöne Dummheit geleistet.
Henrik holte tief Luft und nahm sich vor, darüber mit seiner Mutter zu sprechen. Sie würde ihn bestimmt verstehen. Aber vorher musste er noch etwas herausfinden.
»Du, Nick«, keuchte er, als die beiden Jungen bereits kurz vor Schoeneich waren, »hast du nicht zum letzten Weihnachtsfest ein Sportlexikon bekommen?«
»Ja, das habe ich. Brauchst du es etwa in der Schule? Das geht nicht. Ich gebe es dir auf keinen Fall mit. Das Buch ist viel zu kostbar. Und jedes halbe Jahr kommt eine Ergänzung dazu.«
»Ich will es doch nur einmal anschauen«, sagte Henrik.
»Das kannst du. Aber du darfst es nicht aus dem Haus schleppen.«
Henrik schüttelte den Kopf. Warum sollte er das große Sportlexikon aus dem Haus schleppen? Das, was er überprüfen wollte, ging sowieso nur ihn etwas an.
Nach dem Essen mit den Eltern verzogen sich die beiden Jungen ungewöhnlich schnell.
»Ich dachte«, sagte Alexander von Schoenecker zu Denise, die neben ihm saß und in einer Tasse Kaffee rührte, »Nick hätte sich gestern so scheußlich zu Henrik benommen? Und heute«, fügte er kopfschüttelnd hinzu und lächelte, »heute sind die beiden schon wieder ein Herz und eine Seele.«
»Daran kann man erkennen, dass sie beide meine Söhne sind, Alexander.« Denise beugte sich ein wenig vor und küsste ihren Mann zärtlich. »Sie sind eben auch nicht nachtragend.«
Alexanders Stirn wurde nachdenklich. »Nachtragend? Wieso? Was habe ich dir denn getan?«
Das war genau das, was Denise erwartet hatte. Sie brach in ein helles Lachen aus, sodass Alexander ihr scherzend mit dem Finger drohte.
Währenddessen saß Henrik in Nicks Zimmer und blätterte eifrig in dem großen Sportlexikon. Er war so in seine Arbeit vertieft, dass er gar nicht bemerkte, dass Nick hinter ihn getreten war.
»Was suchst du denn eigentlich?«, fragte der Größere nun. »Vielleicht kann ich dir helfen.«
»Ja, bitte«, stöhnte Henrik. »Ich suche die Weltmeisterin im Tennis.«
Nick verbiss sich das Lachen. Das wurde ja immer schöner. Gestern war es die tolle Jenny, heute musste es gleich eine Weltmeisterin sein.
Nick ließ sich jedoch nichts anmerken und schlug für Henrik die entsprechende Seite auf. Der Siebenjährige beugte sich nun wieder über das Buch. Doch plötzlich sprang er auf.
»Hast du sie gefunden?«, fragte Nick interessiert.
»Nein.« Henrik strahlte. Dann machte er einen kleinen Freudenhopser und rannte aus dem Zimmer.
Kaum war Nick allein, beugte er sich neugierig über die Seite, die Henrik aufgeschlagen hatte.
Aber er fand überhaupt nichts, was irgendwie von Interesse war.
»Mutti?« Henrik hatte Denise inzwischen im Elternschlafzimmer gefunden. Sie suchte gerade einige Anzüge ihres Gatten aus dem Schrank heraus, die in die Reinigung gebracht werden sollten.
»Ja, Henrik?«, fragte sie aufgeräumt und lächelte ihrem Jüngsten zu.
»Nicht wahr, Mutti, du magst Angeber nicht leiden?«
»Stimmt. Ich mag sie nicht leiden.«
Die Antwort klang so entschieden, dass Henrik zusammenzuckte. »Dann magst du wohl auch mich nicht leiden, Mutti?«
Denise hängte einen dunklen Anzug auf die Stange zurück. »Aber Henrik! Was ist geschehen?«
»Die Jenny hat so angegeben, Mutti. Sie hat gesagt, dass ihre Mutter eine geborene Gräfin sei. Da habe ich gesagt, sie soll sich nicht so haben. Wir hätten auch ein ›von‹ vor dem Namen, wären aber längst nicht so eingebildet wie sie.«
»Wann hast du das getan, Henrik?«
»Heute, als die Schule zu Ende war. Aber sie hat ja auch so angegeben. Ihre Mutter ist nicht nur Gräfin, sondern auch Weltmeisterin im Tennis.«
Denise setzte sich auf den nächstbesten Stuhl und zog Henrik zu sich. »Es gibt nur einen Grund, warum Kinder so schrecklich prahlen, Henrik. Es ist das böse Gefühl, nicht geliebt zu werden. Kinder, die in einer liebevollen Gemeinschaft aufwachsen, geben nie an.«
»Wieso? Lebe ich denn nicht in einer liebevollen Gemeinschaft?«
»Doch«, antwortete Denise lächelnd. »Darum schämst du dich ja auch so, weil du angegeben hast. Aber du tust es nicht wieder, nicht wahr?«
»Nein, Mutti.« Henrik nahm sich zugleich vor, mit der armen Jenny, die so schrecklich angeben musste, Mitleid zu haben. Aber schon jetzt wusste er, dass ihm das sehr schwerfallen würde.
*
Dagmar Barwig war eine ungewöhnlich attraktive Frau, obwohl scharfe Falten im Gesicht sie älter erscheinen ließen, als sie war.
»Was ist schon wieder los?«, herrschte sie Jenny an, als diese ihr beim Mittagessen still und bekümmert gegenübersaß.
»Schmeckt dir das Essen nicht?«
»Doch«, beeilte sich das Kind, zu antworten.
Aber Dagmar glaubte ihr nicht. Sie warf mit einer wütenden Bewegung ihr langes Haar nach hinten und neigte sich mit einem zornigen Blick vor.
»Ich kann nichts dafür, dass wir hier keine Köchin haben. Mein Geld reicht eben nicht. Dein Vater will es mich büßen lassen, dass ich mich von ihm getrennt habe.« Sie sah Jenny prüfend an. »Du hast doch keinem in dieser schrecklichen Schule erzählt, dass ich mich von deinem Vater getrennt habe?«
»N-nein.«
»Lügst du?«, fuhr Dagmar auf, weil das gestammelte Nein ihrer Tochter sie misstrauisch machte.
»Nein«, antwortete Jenny diesmal laut und deutlich. Dabei blickte sie auf die fade Konservenmahlzeit auf ihrem Teller und stocherte hektisch darin herum, um Hunger vorzutäuschen.
Solange Jenny denken konnte, war sie in der Nähe ihrer Mutter immer ängstlich gewesen. Mit ihren sieben Jahren konnte sie diese Furcht nicht erklären. So war es eben nun einmal. Doch zum Ausgleich versuchte sie den anderen Kindern zu imponieren. Das, was Dagmar Barwig ihr an Liebe vorenthielt, wollte sie bei den Altersgenossen durch Prahlerei erringen. Für Jenny gab es kein Entrinnen aus diesem Teufelskreis. Das war umso schlimmer, da sie immer öfter spürte, dass auch die Spielgefährten sie ablehnten.
Nachdem Dagmar dem Kind einen gelangweilten Blick zugeworfen hatte, schob sie ihren Teller beiseite und erhob sich. Sie trug ein langes Hauskleid aus Trikot, das jede Linie ihres schmalen Körpers betonte. Während sie auf die Terrassentür zuschritt, nahm sie eine Schachtel Zigaretten von einem Tischchen. Es herrschte eine beklemmende Stille, als sie vor der großen Scheibe stand und in den verregneten Garten hinaussah. Nur das Knistern des Schachtelpapieres war zu hören.
Jenny ließ die Gabel sinken. Beklommen folgten ihre Augen jeder Bewegung ihrer Mutter.
Eine entsetzliche Trostlosigkeit überfiel sie. Wenn wenigstens Cora, ihre Colliehündin, da gewesen wäre …
»Ich halte es hier nicht aus«, sagte Dagmar Barwig leise und inhalierte den Rauch ihrer Zigarette.
Jenny zuckte zusammen. Wenn das Essen schon vorher nicht gerade ihren Appetit angeregt hatte, jetzt konnte sie keinen Bissen mehr herunterbekommen.
»Aber es ist doch schön hier, Mami«, rief sie schüchtern.
»Nein, es ist nicht schön hier«, widersprach Dagmar ihr, ohne sich umzuwenden. »Es ist unzumutbar. Wir haben keine Dienstboten, und ich kann keinen Haushalt führen. Alles verkommt. Dadurch ist es nicht einmal möglich, Gäste einzuladen. Das Leben ist langweilig und unerträglich.«
Jenny schluckte. »Soll ich dir helfen?«
Dagmar Barwig lachte hysterisch auf. »Aber Kind! Es ist doch nicht damit getan, hier ein wenig herumzuwischen. Unsere Garderobe muss in Ordnung gehalten werden, der Garten muss gepflegt aussehen. Wie sollen wir das schaffen?«
Das wusste Jenny auch nicht. Aber sie stand auf und räumte die noch vollen Teller in die Küche. Dort stapelte sich bereits das Geschirr von mehreren Tagen. Volle Aschenbecher standen neben leeren Konservendosen, auf einer aufgeschlagenen Illustrierten prangte ein Teller mit Aufschnitt. Die Wurstränder bogen sich nach oben, als erflehten sie Hilfe.
