Gebrauchsanweisung für Neuseeland - Joscha Remus - E-Book

Gebrauchsanweisung für Neuseeland E-Book

Joscha Remus

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Beschreibung

Wo man Weltmeister im Schafeschnellscheren kürt und beim Wild Food Festival die absurdesten Gerichte verspeist. Wo Bungeejumping und »Zorbing« erfunden wurden und ständig neue, nervenkitzelnde Sportarten dazukommen. Wo die Südhalbinsel so viel Regen verzeichnet, dass sie als das »Irland der Südsee« gilt. Wo demnächst Kinder in der Schule mit Erdbebensimulatoren üben sollen. Wo Peter Jackson Mittelerde fand und kleine Hobbits sich zu Hause fühlen. Der Autor erzählt vom Tanz der Maori, der Weltkarriere einer stachligen Frucht und einer Literaturszene, deren Stars fast ausschließlich Frauen sind. Davon, wie ein kleiner, buckliger, flugunfähiger Vogel zum Wappentier und zum Nationalsymbol wurde. Und von Hundertwassers stillem Örtchen am Ende der Welt.

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deISBN 978-3-492-95823-3© Piper Verlag GmbH, München 2012 und 2018Covergestaltung: Birgit KohlhaasCover: Scott Robin Barbour/Getty ImagesRedaktion: Matthias TeitingKarte: cartomedia, KarlsruheDatenkonvertierung: Fotosatz Amann, MemmingenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

Inhalt

Karte

Widmung

Godzone oder von der Schwierigkeit des Schwärmens

Tierischer Empfang

Bescheiden. Freundlich. Schwarz.

Des Kiwis liebste Farbe

Das Tall Poppy Syndrome

Wahre Größe

Freiheit und Nonkonformismus

Andersherum oder Die Freiheit der Dinge

Barfuß

Nasenküsse und Augenbrauengrüße

Die Seele baumeln lassen

Der Protest der nackten Brüste

Ganz schön auf Draht

Freiheit und der Anti-Atombomben-Blues

Abenteuer Alltag

Treibholzträume und McMansions

Umzug mit Haus

Tätowierter Santa Claus

Restaurants

Konkurrent Australien

Schräge Vögel und andere Tiere

Schräge Vögel I: der Kiwi

Schräge Vögel II: Kakapo

Ein lebendiges Fossil mit drei Augen

Schräge Vögel III: der Pukeko

Die dunkle Seite

Possums

Neuseelands grünes, feuchtes Herz

Es werde Licht

Buddeln für die Zahnprothesenhaftcreme

Bushman’s Toilet Paper

Dunkelbunte Regentage

Die ersten Siedler

Meilensammler Langschwanzkuckuck

Das Wörterbuch der Winde

Der Häuptling des Wasserbergs

Kunst und Leben der Māori

Ganzkörpertattoo

Sich sammeln

Die Kapa-Haka-Weltmeisterschaft

The other side I

The other side II

Vom Weben der Träume

Tektonische Tänze und verliebte Vulkane

Das strampelnde, ungeborene Kind

Die Erde kocht bunte Suppe

Die Strafe für den Hellseher

Mein Traum von White Island

Christchurch und die Erdbebenkinder

Rugby – das Heilige Spiel

Sich freischaufeln. Ein Land erwacht.

Rugby – ein Naturgesetz

Rugbykarneval

Sport und Adrenalin

Wasser

Luft

Land

Das Leben auf dem Lande

Ein Stiletto als Flaschenöffner

Vom Verschwinden einer Welt

Pupssteuer und Nachhaltigkeit

Bambis und die Helikopterkriege

Wellblechwelten

Hundertwassers stilles Örtchen

Von Schafen und Lämmern

The 50. Golden Shears

Die Weltmeisterschaft

Te Reo Māori und Kiwi-Slang

Brolly, Telly, Nudy

Die Gourmetrevolution

Die Ehrlichkeitskisten

Kunsthandwerklich & glutenfrei

Please bring a plate

Würmertrüffel und Bergaustern

Flat White und die Milchschaumpoetin

Essen aus dem Busch

Der Ofen der Menschenfresser – moderne Version

Wein auf Waiheke Island

Die Politik des Bienenstocks

Neuseeländische Politik ist weiblich

Bitte nenne es nicht Wellywood!

Ein ganzes Volk auf den Beinen

Willkommen in Mittelerde

Eagle vs Shark und Pavlova-Western

Literatur – kräftig, klar, authentisch

Katherine Mansfield

Alan Duff

Witi Ihimaera

Neuseeländische Literatur heute

Für Otto Julius Remus, der Neuseeland gern gesehen hätte

Godzone oder von der Schwierigkeit des Schwärmens

New Zealand at its best: Ich liege in einem von Thermalquellen erwärmten Wasserbecken, hoch oben nahe der Welcome-Flat-Hut auf der neuseeländischen Südinsel. Von meiner Holzhütte sind es bis zu den Hot Pools nur ein paar Schritte durch den Dschungel, über einen schmalen Pfad, eine Art naturgegebener Fußbodenheizung. Vor mir eine in irisierendes Licht gehüllte, schneebedeckte alpine Bergkulisse mit Dreitausenderkette. Im Südlicht glänzen die Pflanzen um das Thermalbecken in beinahe unnatürlich satten Farben. An meinen Beinen und meinem Rücken perlen kleine Kohlesäurebläschen hoch, die mir, als läge ich in einem Champagnerbad, eine zärtliche Rückenmassage verpassen. Ich entspanne mich im warmen Wasser, umgeben von Riesenfarnen und wilden Orchideen, und schlürfe eisgekühlten Feijoa-Saft. Zwei kleine, freundlich turtelnde Robins sitzen auf einem Ast und wärmen ihr Gefieder im aufsteigenden Wasserdampf der Thermalquelle. Einige neugierige Kea-Vögel kommen an den Pool. Einer von ihnen hat eine zum Trocknen ausgelegte Wandersocke von der Veranda der nahen Hütte gestohlen, um sie zum Nestbau zu verwenden. Das Himmelsgewölbe über mir glänzt endlos lightskyblue. Ein lichtes Blau, das mich seit Tagen in Euphorie versetzt.

God’s own Country, nennen die Neuseeländer ihr Land, oder auch schlicht und verkürzt Godzone. Viele Kiwis sagen, Neuseeland sei nichts anderes als die Steigerung alles Wilden: wild, wilder, wilderness. Dabei sind von den ehemals flächendeckenden Wäldern nur noch ganze 25 Prozent erhalten geblieben, weshalb sich nun die Frage auftut, ob ich von Neuseeland einfach so schwärmen darf, so hemmungslos, wie ich das hier eben getan habe?

Von einem meiner anderen Lieblingsorte, von Istanbul nämlich, kann und darf ich ganz ohne Probleme schwärmen. Im Schreiben, im Erzählen, in Bildern, niemand stört sich daran. Auch anderen Autoren fällt es leicht, wahre Lobeshymnen auf Istanbul zu singen, selbst wenn ab und an eine Dunstglocke aus Abgasen über der Stadt hängt – die verzieht sich ja wieder, und dann verschmelzen am nächsten Tag beim Blick von der Galatabrücke die Bäume und Minarette, die Moscheen und Hügel miteinander und erscheinen im Kontrast zur untergehenden Sonne als rot illuminierter orientalischer Scherenschnitt. Die in Flammen gesetzte Begrenzung einer unglaublichen Stadt. Ich sitze mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoğlu zwischen seinen Gartenzwergen in seiner Kieler Wohnung. Wir fluchen und schimpfen wie die Weltmeister über die politische Verlogenheit und Feigheit überall, aber irgendwann ist es uns eine doppelte Freude, über Istanbul zu schwärmen. Einfach hemmungslos zu schwärmen. Zwei Romantiker, denen es völlig egal ist, wenn vor lauter Schwärmen gewissermaßen das Rosenöl aus ihren Worten auf den Teppich tropft. Rechtfertigen können wir die Hymnen auf Istanbul immer mit unserem leichten Hang zur orientalischen Lebensart und deren Tendenz zur charmanten Übertreibung.

Schwärmt man aber von Neuseeland, macht sich, insbesondere bei Menschen, die dieses Land gut kennen, schnell eine eigenartige Unruhe breit. Nicht nur, dass einem die Bilder allzu schnell ins Kitschige und Klischeehafte abzugleiten drohen. Vieles scheint übertrieben und unglaubwürdig. Selbst eingefleischte Neuseeländer rümpfen die Nase, wenn sie ein Hochglanzbild der Fjordlandschaft des Milford Sound sehen, mit dem unwirklich pyramidenartig aus dem kristallklaren Wasser wachsenden Zauberberg namens Mitre Peak. Von einem Weltwunder, wie es das staatliche Touristikamt tut, wagt kaum ein junger Neuseeländer zu sprechen, da man weiß, dieser Anblick ist, aufgrund von stetem Dunst über dem Fjord, an höchstens fünfzig Tagen im Jahr zu haben.

Deutsche Neuseelandautoren kleben bereits Warnhinweise vorn aufs Cover ihrer Bücher: »Fast ohne öde Landschaftsbeschreibungen«, heißt es da. Andere warnen eindringlich vor dem leichtfertigen Gebrauch des Wortes Paradies. Verständlich, denn die inflationäre Beschreibung Neuseelands als paradiesisch schreit regelrecht nach einem realistischen Korrektiv, in dem dann die häusliche Gewalt und die Erdbebengefahr nicht fehlen dürften. Und spätestens seit die kitschigen Neuseelandklischees auch in deutsche Wohnzimmer schwappen, wenn nämlich das Fernsehtraumschiff Neuseeland entdeckt und zu seichten Südseeklängen pittoresk vor eine prächtige Süd­alpengletscher-Fjord-Kulisse gleitet – kleines Lämmlein im Arm einer Schauspielerin darf nicht fehlen –, möchte man die pathetische Beschreibung der Natur sofort einstellen. Zu viel des Schönen, Wahren, Guten. »Das schönste Ende der Welt«, »Das letzte Paradies«, »Gottes eigenes Land«. Frage: Wirken die Urlaubsbilder der heimkehrenden Neuseelandreisenden nicht meist wie nachträglich mit Photoshop bearbeitet und aufgepeppt?

Ich selbst brauche immer wieder den Abstand zu Neuseeland. Nicht etwa, weil dieses Land mich mit seiner Schönheit erschlagen würde, sondern weil ich mir die Sehnsucht erhalten und mir mein Schwärmen bewahren möchte. Es gibt viele gute Wohlfühlgründe, um ans andere Ende der Welt zu reisen. Neuseeland ist ein Land, in dem es für manche Kinder völlig normal ist, mit einer Horde wilder Delfine im Wasser zu spielen oder in der Schule zwischen Kursen wie Unterwasserpolo und Drachenbootrennen wählen zu können. Ich zumindest hätte mir so etwas als Kind gewünscht. Jedes Buch über Neuseeland ist immer auch ein Buch über unsere Sehnsüchte, unsere geheimen fernen Wünsche, unsere innere Flucht vor dem Alltäglichen. Neuseeland scheint mit seiner atemberaubenden, aber eben auch sehr fremdartigen Naturkulisse wie geschaffen für diese Projektionen. Wer dieses Land jedoch mit etwas Abstand betrachtet, wird wesentlich mehr entdecken.

Wie leicht könnte einem Neuseeland zu einem reinen Kuriositätenkabinett geraten, mit all seinen seltsamen Käuzen, ungewöhnlichen Menschen, schrägen Vögeln, mit all den Gestrandeten, Außenseitern und raubeinigen Gestalten. Was soll man halten von einem Land, in dem neun Monate nach einem gewonnenen Rugbyländerspiel die Geburtenrate sprunghaft steigt und nach einem verlorenen Rugbyspiel die Börse abstürzt? In dem Sportarten erfunden werden wie Golf Cross, eine Mischung aus Golf und Rugby? In dem es tätowierte Weihnachtsmänner gibt und wo sich die Leute vor lauter Höflichkeit entschuldigen, wenn man sie aus Versehen anrempelt?

Die Diskrepanz zwischen den schönen Abziehbildern Neuseelands, dieser kitschigen Fototapete mit Bergkulisse vor Palmen mit Schaf, und der insbesondere für die indigene Bevölkerung, die Māori, nicht immer ganz so lieblichen Realität hat der Regisseur Lee Tamahori in der Eröffnungssequenz seines Films »Once were warriors« eingefangen. Die Kamera weilt auf einer schneebedeckten Berglandschaft, einer bukolischen, farbenfrohen Traumkulisse, wie wir sie von zahlreichen Bildern des Landes schon kennen. Dann schwenkt die Kamera nach links auf eine viel befahrene, mehrspurige Autobahntrasse und auf die Māori, die unter dieser Trasse hausen. Das wunderbare Neuseelandbild, das wir zu Beginn des Films gesehen haben, entpuppt sich als ein riesiges Werbeplakat für die Naturschönheiten Neuseelands, das neben der grauen Autobahn steht.

Ich möchte mir das Schwärmen nicht nehmen lassen, auch wenn ich weiß, dass Neuseeland einige Seiten hat, die weit entfernt vom Ideal des öko-grünen Paradieses sind. Aber zu vieles hier ist tatsächlich wunderschön – für mich immer wieder beeindruckend zum Beispiel ist das neuseeländische Licht. Steht man auf der Südinsel auf einem Berg und schaut in die Ferne, so muss einem dieses besondere Leuchten auffallen, das durch eine völlig klare Luft auf die Erde und Pflanzen, auf die Seen und Gletscher fällt. Längst haben Fotografen und Filmemacher dieses besondere Licht entdeckt und schwärmen von der Weite, die es in seinem Dialog mit der Landschaft erschafft. Als die europäischen Maler, die im 18. Jahrhundert nach Neuseeland kamen und die dortige Landschaft festzuhalten versuchten, mit ihren Gemälden nach England und Schottland zurückkehrten, glaubte ihnen niemand, dass es in Neuseeland, am anderen Ende der Welt, ein derart unglaubliches Licht geben könnte. Im staubbedeckten Europa, auf der fernen Nordhalbkugel, zur Zeit der tiefsten Industrialisierung konnte sich niemand ein solches Leuchten auch nur vorstellen. Die Luft über Neuseeland ist weitgehend staubfrei, weil es keine großen Industrien im Land gibt und die Meereswinde den wenigen Staub sofort wieder hinaus auf den Pazifik oder die Tasmanische See tragen. Auch heute sind die Bilder der ersten britischen Maler noch Grund genug, dem Licht Neuseelands nachzufolgen und seinen Glanz zu erforschen. Und natürlich darf man schwärmen von dieser Landschaft, ihrem Licht und der unglaublichen Luft, die so klar ist, dass einem selbst ein dreihundert Kilometer entfernter Mount Cook zum Greifen nah erscheint. Eine Luft, die so klar ist, dass es im Mackenzie-Becken im Zentrum der Südinsel Neuseelands sogar einen internationalen Naturschutzpark für den Sternenhimmel gibt. Ein geschützter Himmelspark für Astro­fans und Sternengucker: Auch das ist Neuseeland.

(Tipp: Besuchen Sie das Mount John University Observatory unweit des Lake Tekapo, und genießen Sie die sternenklaren Nächte und den Ausblick auf Abermillionen von funkelnden Sternen.)

Tierischer Empfang

Nach einem langen Flug aus dunklen deutschen Winternächten zeigt mir Neuseeland sein freundliches Gesicht in Form einer feuchten Hundeschnauze. Was gibt es Schöneres, als am Flughafen von Auckland, der Eingangstür zu meinem zweiten Zuhause, standesgemäß von einem fröhlichen Hund begrüßt zu werden? Viele Besucher werden die Beagles, die an neuseeländischen Airports ihre Dienste tun, nicht sonderlich beachten. Wer aus Europa kommt, hat einen mehr als zwanzigstündigen Flug hinter sich und womöglich andere Dinge im Kopf als ausgerechnet Hunde. Mich jedoch erinnert der Empfang der sogenannten Bio-Security Dogs an die Begrüßungsrituale, die es früher, in meiner Kindheit, bei mir zu Hause gegeben hat.

Benjamin, genannt Benny, der kleinste Welpe in einem unerwarteten Wurf einer verrückten Promenadenmischung von Hundemutter, die meine Eltern aus dem Hafen von Tarragona mitgebracht hatten, war immer der Erste, der mich herzlich an der Haustür begrüßte. Natürlich hatten wir in meinem früheren Eifelleben auch Schafe: Berry und Lämmy, die beiden vierbeinigen Rasenmäher auf der Wiese hinter unserem Haus, haben mich sozusagen schon frühzeitig auf mein späteres Dasein als Neuseelandfan vorbereitet. Und da ich all diese Tiere hemmungslos mit meiner Kinderliebe überschüttet habe, darf es nicht verwundern, wenn ich es zu schätzen weiß, auch an meiner neuseeländischen »Haustür« von Hunden empfangen zu werden.

Eine derartige Begrüßung zum Beispiel erwartet mich gleich hinter dem Gate in Auckland, wo ich sofort auch die schönen Māori-Schnitzereien wiedererkenne und die kaum vernehmbare Begrüßungsmusik der Māori, die Whaiata, die ganz leise aus den Flughafenlautsprechern erklingt. Wäre man prominent und hieße Prinz Harry von Wales oder David Beckham, hätte man in Neuseeland, bevor man von den Hunden empfangen wird, übrigens noch ein Anrecht auf einen offiziellen Pōwhiri, eine herzliche und stimm­gewaltige Māori-Begrüßung mit allem Drum und Dran inklusive Nasenküssen. Als Normalsterblicher schreitet man ungeküsst voran und sieht auf einem warnenden Plakat in der Empfangshalle des Flughafens, worauf es die kleinen neuseeländischen vierbeinigen Freunde abgesehen haben. Das Bild zeigt die Röntgenaufnahme einer Familie mit Gepäck, und auf der ansonsten schwarz-weißen Aufnahme leuchten allein ein Apfel, eine Orange, eine Banane und der warnende Spruch in grellen Farben:

Last point before we get you.

Die letzte Chance, einen angebissenen Apfel noch auf der Toilette verschwinden zu lassen, bevor die Kontrolle der Bio-Security einen erwischt. Neuseeland muss dringend vor der Einreise unerwünschter Gäste geschützt werden, da bereits kleinste Sporen, Fruchtfliegen oder Motten die endogenen Pflanzen und Tiere des Landes nachhaltig schädigen könnten.

Im Jahr 2009 zum Beispiel kam es durch eingeschleppte Larveneier der Asian Gypsie Moth zu einem fürchterlichen Mottenbefall auf der Nordinsel, was nicht rechtzeitig entdeckt wurde und seinerzeit ganz Auckland monatelang in Atem hielt. In den letzten Jahren kämpften die Hunde von der Bio-Sicherheit vor allem gegen Fruchtfliegen. Das empfindliche ökologische Gleichgewicht der Arche Neuseeland, die wie zwei große Stücke Treibholz in der Südsee schwimmt, ist auf die sensiblen Detektornasen der Beagles angewiesen. Die kastanienbraune, dreijährige Hündin Zeta ist der Star des Detector Dog Team am Flughafen von Auckland. Zetas hoch spezialisierte Nase findet alles, vom kleinen Pflanzenrest, der in Form einer vertrockneten Rose ins Land möchte, über Fisch und Fleisch bis hin zu Gemüse und Eiern. Beim Geruch von Knoblauch schlägt Zetas Hundeherz besonders schnell, denn Knoblauch ist ihr Lieblingsgeruch. So steht es auf Zetas eigener Businesscard.

Auch auf den anderen internationalen Flughäfen von Neuseeland gibt es Hunde, die den Reisenden bei seiner Ankunft mit der Nase abscannen. In Christchurch zum Beispiel verrichten Zane und Jet ihre Dienste, indem sie als vierbeinige Spione im Dienste ihrer Majestät chinesische Hühnerreste oder unverpackte spanische Tortillachips entdecken und damit ganz Neuseeland vor dem biologischen Super-GAU retten. Anders als aktive Zollhunde, die hinter den Kulissen Koffer beschnüffeln und bei Erfolg auch bellen, scharren oder knurren dürfen, werden sämtliche Hunde von der Bio-Security zu passiv reagierenden Hunden ausgebildet. Das heißt, wenn sie einen Nahrungs- oder Pflanzenrest erschnüffeln, setzen sie sich einfach brav neben den Koffer und warten auf ihre Belohnung in Form eines kleinen Hundebiscuits.

Ich habe mich immer gefragt, wie diese Hunde Obstsorten oder Pilze erschnüffeln können, wie zum Beispiel eine chinesische Morchel, deren Geruch ihnen ja völlig fremd ist, weil sie niemals dafür ausgebildet worden sind. Die Antwort lautet: Hunde können generalisieren. Einmal auf eine Banane, eine Kiwi, einen Apfel oder auf Lamm- und Rindfleisch geschult und mit einem kleinen Snack belohnt, machen sie sich begeistert auf die Suche nach anderem, ihnen völlig unbekanntem Obst und Fleisch. Wendy Schwalger, die diese Hunde als dog handler am Flughafen von Christchurch seit mehr als vierzehn Jahren ausbildet, kann selbst kaum glauben, zu was so eine Beagle-Hundenase alles in der Lage ist. So hat es ihre achtjährige Hündin Jet sogar fertiggebracht, ungeschlüpfte Küken in Enteneiern in einem chinesischen Koffer zu erschnüffeln.

Als ich die Hundeausbilderin Wendy Schwalger treffe, sitzt ihre beste Hundenase ihr zu Füßen: die berühmte Zane, die einmal ein getrocknetes Blatt gefunden hat, das sich als Lesezeichen in einen Container voller Bücher verirrt hatte. Zane konnte am Flughafen von Christchurch sogar einen winzigen Schnips Zitronenscheibe an der Einreise nach Neuseeland hindern, indem sie den potenziellen Übeltäter in einer verschlossenen Thermoskanne mit heißem Grüntee erschnüffelte.

Wer Nahrungsmittel und Pflanzen an der Grenze Neuseelands nicht richtig deklariert, muss indessen mit empfindlichen Strafen rechnen. Das gilt auch für ökologisch angebaute deutsche Äpfel oder Bio-Knabbernüsse. Man sollte einfach alles angeben, dann erspart man sich unnötige Schweißausbrüche, viel Ärger und spart noch Geld obendrein, denn selbst der Schmuggel eines einzigen Apfels kann teuer zu stehen kommen. Auch Prominente wie Hilary Swank müssen übrigens zahlen. Als die Oscargewinnerin sich weigerte, einen Apfel und eine Orange zu deklarieren, musste sie dafür 200 Dollar Strafe und die anschließenden Gerichtskosten berappen.

Alles, was fremde Samen, Sporen, Pilze oder kontaminiertes Wasser enthalten könnte, wie Campingartikel, Sportschuhe und Outdoorsachen, ist an der Grenze anzugeben. Man könnte zuvor ja durch einen Dschungel gestapft sein und ein unerwünschtes Larvenei an der Sohle kleben haben. Die Schuhe müssen auf jeden Fall ins Dekontaminierungsbad, nicht nur am Flughafen, sondern auch bevor man das Naturschutzgebiet Zealandia bei Wellington betritt. Man kann diese Einreiseprozedur verfluchen oder aber mit Humor nehmen, wie dies ein englischer Reisejournalist tat, der aus den sumpfigen Regenwäldern von Borneo und Sumatra nach Neuseeland reiste: »Ich habe meine Schuhe noch niemals so blitzeblank wiederbekommen wie nach dem Bio-Security-Check. Die sahen aus wie neu.«

Bescheiden. Freundlich. Schwarz.

Die Neuseeländer haben sich sehr lange mit der Frage beschäftigt, was ihr Land eigentlich ausmacht und wodurch sich die neuseeländische Identität auszeichnet. Für all die Dinge, die in Neuseeland erfunden wurden oder mit denen sich Neuseeländer identifizieren – wie dem Spielzeug Buzzy Bee, einer hölzernen Honigbiene, dem Dessert namens Pavlova oder dem famosen Draht No. 8 – haben sie einen eigenen Überbegriff geschaffen: die Kiwiana. Wer etwas über die tiefere Seelenlage der Neuseeländer wissen möchte, sollte jedoch nicht allein auf dieses historisch begründete Sammelsurium von Kuriositäten schauen. Zu den Kiwiana zählen nämlich nicht nur Dinge, sondern auch andere landestypische Indikatoren, wie Farben, ein bestimmtes Verhalten oder besondere Grundsätze. Wie den Gleichheitsgrundsatz zum Beispiel.

So fanden sowohl die ersten Polynesier als auch die ersten Europäer in Neuseeland nicht nur ein Paradies vor, sondern auch ein Leben voller Herausforderungen und Härten. Seit James Cooks Entdeckung der beiden Inseln und dem Ansturm darauf waren jeder Nagel und jede Schraube, jeder Hammer und jede Säge sechs bis acht Monate lang mit dem Schiff unterwegs, und jeder Neuankömmling musste gleichermaßen Holz hacken, Felder anlegen und ein Jahr auf die erste Ernte warten, weshalb sich schon bald in der jungen Gesellschaft der ersten Pioniere etwas herausbildete, was die Neuseeländer egalitarianism nennen. Eine Gleichheit unter Gleichen, weit weg von britischen Standeshierarchien und jeglichem Klassendenken. Jeder Neuseeländer fand nicht nur die gleichen Startbedingungen vor, sondern sollte zudem auch vor dem Gesetz gleichgestellt werden. So erhielt anfangs jeder Siedler genau einen viertel Acre Land zugeteilt (0,1 Hektar). Etwas, was sich in dem Spruch erhalten hat, man lebe auf seinem one quarter acre paradise. Bis heute beherrscht dieser Gleichheitsgedanke das alltägliche Leben. Mein neuseeländischer Zahnarzt zum Beispiel verdient durchaus etwas mehr als mein neuseeländischer Klempner, trotzdem trainieren beide in ihrer Freizeit im selben Kricketverein und spielen dort, nach eigener Aussage, beide auf gleichem Niveau gleich schlecht. Dieses Gefühl, Seite an Seite zu stehen, ist den Neuseeländern sehr wichtig, egal, welche Schichten es betrifft. Zwar gibt es die Schicht der sogenannten white collar people, der zum Beispiel die Rechtsanwälte angehören, aber diese Weißkrägen genießen keinen besonderen Status, bekommen keine Extraportion Respekt, nur weil sie Volljuristen sind. Man würde meinen neuseeländischen Zahnarzt und meinen Klempner nach Feierabend in Wellington auf der Cuba-Street anhand ihrer Kleidung nicht voneinander unterscheiden können. Beide sind gleichermaßen nett, zuvorkommend, freundlich und hilfsbereit. Und wenn sich beide dann später einmal zur Ruhe setzen, wird auch ihre Pension in etwa gleich hoch sein. Dieser egalitarian state, ein Staat der Gleichen, gehört nach wie vor zum Ideal der neuseeländischen Gesellschaft, auch wenn der neoliberale Turbofinanzkapitalismus in den letzten Jahren gehörig an diesem Gleichheitsgrundsatz geknabbert hat und ihn vielleicht eines nahen Tages zu einer sehnsüchtigen Erinnerung werden lässt.

Des Kiwis liebste Farbe

Ich sitze im ruhigen und gemütlichen Café des Te Papa Museum in Wellington (ein echter Insidertipp, nicht unten ins Touristencafé gehen, sondern das Café im vierten Stock wählen) und denke bei einem short black, einem neuseeländischen Espresso, über die Farbe Schwarz nach, die mich in Wellington und ganz Neuseeland verfolgt. Schwarz ist hier allgegenwärtig. In der Werbung, im Sport, in der Architektur, im Alltag, vor allem aber in der Mode. So fallen mir an den Frauen permanent die eng anliegenden schwarzen Sportshirts und Leggings ins Auge. Mir ist klar, dass die Neuseeländer über eine schwarze Schuhcreme namens Kiwi zu ihrer Identität gefunden haben (eine Geschichte, von der noch zu berichten sein wird), aber nun scheinen auch die rabenschwarzen Jerseyshirts der Rugby-All-Blacks auf alles abzufärben, was das Leben der Kiwis so ausmacht. Natürlich hängt dieser einheitliche Farbgeschmack auch mit der neuseeländischen Liebe zum Gleichheitsgedanken zusammen, denn wenn alle in Schwarz rumlaufen, kann ja keiner mehr aus der Masse herausstechen. Es gibt neuseeländische Modedesigner wie Zambesi und Nom*D, die sich hauptsächlich der schwarzen und dunklen Mode verschrieben haben. Kritiker sprechen bei Designern, die nur in schwarzen Kreationen denken können, längst von den dark intellectuels. Als ich im zarten Alter von fünfzehn Jahren zum ersten Mal einen neuseeländischen Leichtathleten namens John Walker in schwarzem Trikot auf dem Bildschirm erlebte, brannte sich auch bei mir die Verknüpfung »Schwarz gleich Neuseeland« tief ins Hirn ein. Neuseeland liebt Schwarz.

Schwarz ist dermaßen mit der neuseeländischen Psyche verwurzelt, dass auch die Forschung vermehrt der Ursache dieser obsessiven Vorliebe auf den Grund zu gehen versucht. Praktische Gründe gibt es genug. Da wären zum einen die gestrickten, knielangen, traditionell schwarzen Westen der Schafscherer. An deren Schneidegeräten klebte immer schon viel Dreck und Öl, und so war es nur sinnvoll, sich während der Arbeit in schützendes Schwarz zu hüllen.

Wer sich mit dem Thema beschäftigt, landet unweigerlich in der Zeit, als Schwarz im Commonwealth noch eine reine Trauerfarbe war. Immerhin trug Königin Viktoria von England nach dem Tod ihres Mannes Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha vierzig Jahre lang ausschließlich Schwarz – bis zu ihrem eigenen Tod im Jahr 1901. Die spektakuläre Tour der All Blacks, der neuseeländischen Rugbynationalmannschaft, im Jahr 1905 durch Großbritannien und Irland wird auch als farbliche Rebellion gegen das Mutterland England gesehen, dessen Sportler zur damaligen Zeit fast ausschließlich in reinstes Weiß gekleidet waren. Weiß, die Farbe der Unschuld, Weiß, die Farbe des Friedens. Weiße Kricketspieler auf grünem Grund, weiße Tennisspieler, weiße Golfer, weiße Fußballer. Weiß war in England – verblüffenderweise – lange Zeit auch die Farbe der Rugbyspieler, die sich aus diesem Grund vermutlich noch heute ungern, wie wahre neuseeländische Männer dies liebend gerne tun, an matschigen Wintermorgen durchs Rugbygeläuf wühlen. Clevere neuseeländische Mütter setzten sich hingegen bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts dafür ein, dass ihre Kinder schwarze Rugbykleidung trugen, denn das war, was die Wäsche betraf, einfach praktischer. Schwarz wurde bald zum neuen Farbcode für ein ganzes Land.

Das Schwarz der All Blacks färbte sehr früh auf die Farbgebung der Modewelt Neuseelands ab, und als Coco Chanel im fernen Paris 1926 ihr petit noir, ihr kleines Schwarzes, vorstellte, war auch die neuseeländische Damenwelt bald nicht mehr ausschließlich in versnobtem englischen Weiß und kitschigem Ascot-Hellrosa zu sehen. Schwarz machte in Neuseeland selbst vor den traditionell hellen maritimen Sportarten wie dem Segeln nicht halt. Schwarz eroberte die Sportarten Cricket (die Black Caps), das Frauenrugby (die Black Ferns) sowie Hockey (die Black Sticks), um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Und natürlich darf es auch nicht verwundern, wenn die weltweite Vermarktung des Landes Neuseeland mit der Kampagne »100 % pur New Zealand« von der Werbeagentur völlig in schwarze Farben getunkt wird. Allein die Fußball-Nationalmannschaft, die sogenannten All Whites, verweigern sich in ihrer durchgehend weißen Kleidung dem nationalen Einheitslook. Wahrscheinlich ein weiterer Grund, warum die Fußballer in Neuseeland nicht den gleichen Stellenwert wie die Rugbyspieler genießen und nicht so ernst genommen werden wie die All Blacks.

Eine Freundin sagte mir, ein Neuseeländer habe einer Deutschen, die gerade ins Land gezogen sei, geraten: Auf offiziellen Veranstaltungen in Neuseeland ist es völlig egal, welche Farbe du trägst. Hauptsache, deine Kleidung ist schwarz.

Das Tall Poppy Syndrome

Auf Menschen mit Burn-out-Syndrom wirkt Neuseeland wie Balsam auf die überarbeitete Seele, auf Egomanen, die gern heiße Luft produzieren, wie ein feuchtheißer Leibwickel, der ihnen hilft, ihre geblähten Egos loszuwerden. In Neuseeland entspannt man sich, bleibt gelassen, muss nicht permanent zeigen, wer man ist. The most laid back country in the world, nennt man sich selbstbewusst, das gelassenste Land der Welt. Man fragt weder nach dem Status noch nach dem Besitz, und für Jugendliche gibt es keinen Druck, einen bestimmten Markenschuh zu kaufen, weil man sowieso viel lieber barfuß herumläuft. Was zählt, sind der Mensch und sein Charakter. Zu diesem entspannten Selbstbewusstsein gesellt sich eine Eigenschaft, die man in Neuseeland Tall Poppy Syndrome nennt. Wenn eine Mohnblume, im Englischen Poppy genannt, in einem Mohnfeld herausragt und sich somit über alle anderen Poppys erhebt, dann wird sie einfach abgeschnitten. Cutting the ego. Zurechtstutzen wäre wohl der passende deutsche Ausdruck für dieses Phänomen. Was sich zunächst einmal recht rigoros anhört, erweist sich in der neuseeländischen Realität als subtil eingeübtes Gesellschaftsspiel. Namen möchte ich hier nicht nennen, das würden mir auch die Neuseeländer verübeln, doch wenn sich beispielsweise ein berühmter amerikanischer Filmstar als ein Tall Poppy in den Vordergrund spielen möchte, dann wird er oder sie in Neuseeland auf humorvolle oder süffisante Weise einfach ignoriert. Sei es auf einer Party oder am Filmset. Egos werden nicht gefüttert, man zeigt ihnen einfach die kalte Schulter, indem man sich abwendet oder höflich schweigt. Arrogante Emporkömmlinge aus der Wirtschaft und dem Showbusiness werden ebenso behandelt. Der Regisseur Peter Jackson oder der Schafscherweltmeister David Fagan, der Fußballstar Wynton Rufer oder auch Richie McCaw, der Captain der Rugbynationalmannschaft, keiner käme auf die Idee, sich als vorlauter Star zu gebärden.

Einer, der das Kiwi-Ideal vom Humble Man perfekt verkörperte, war der berühmte Bergsteiger Sir Edmund Hillary. Zu den Menschen sagte er, nennt mich einfach nur Ed, ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Kiwi. Seine Frau musste all die Besucher höflich abweisen, die den gutmütigen, jederzeit zu einem Gespräch bereiten Ed einmal persönlich treffen wollten. Der erste Bezwinger des Mount Everest wohnte in einem einfachen Häuschen, jeder wusste, wie leicht es war, mit Ed ins Gespräch zu kommen, man musste quasi nur an seine Tür klopfen – und hoffen, dass er selbst öffnen würde. Kein Stargehabe, keine Allüren, keine Arroganz. Komm mal vorbei, wenn du in der Gegend bist. Neuseeländer meinen diesen Satz genau so, wie sie es sagen, und sind damit quasi das genaue Gegenteil der Amerikaner.

Nichts prädestiniert einen übrigens in Neuseeland mehr dazu, ein gutes, zufriedenes Leben zu führen, als ein Humble All Black zu werden, ein Spieler der Rugbynationalmannschaft. Wer diesen Status erklommen hat, dabei aber trotz allem bescheiden geblieben ist, hat den gesellschaftlichen Mount-Everest-Gipfel erreicht. Ein Status übrigens, den nicht nur Männer, sondern seit der Gründung der Frauen­rugbynationalmannschaft auch Frauen erreichen können. Der Traum, ein All-Black-Spieler zu werden, rangiert in Neuseeland bei jungen Männern weit vor Berufswünschen wie Pilot oder Filmstar. Und wenn man es dann tatsächlich geschafft hat, so empfiehlt sich als guter Kompromiss, die Rolle des Reluctant Heroe einzunehmen, des Helden, der trotz all seiner Erfolge bescheiden und zurückhaltend bleibt.

Es gibt übrigens keinen einzigen Russen und auch keinen Amerikaner, der nach Aussage meiner neuseeländischen Freunde in die Kategorie des neuseeländischen Humble Man hineinpassen könnte. Auf deutschsprachige Prominente angesprochen, die dem Ideal am nächsten kommen würden, nennen Neuseeländer in erster Linie drei Namen. Den Wiener Schauspieler Christoph Waltz, der mit seiner unaufgeregten, leisen Art in Neuseeland viele Freunde und Fans gefunden hat, und Mario Adorf, der entsprechend seiner enormen Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten als ganzer Kerl und gleichzeitig als bescheidener Mensch angesehen wird.

Als deutsches Aushängeschild des Humble Man gilt in Neuseeland allerdings Hans-Magnus Enzensberger, der feine, kultivierte Gentleman, der für diejenigen, die ihn bei seinem Besuch in Wellington gesehen haben, unvergesslich bleibt. »Man hatte einen vorlauten, kritischen deutschen Gast erwartet, und dann kommt dieser bescheidene, kluge Gentleman. Bescheiden, witzig, selbstbewusst und klug, alles in einem. Da waren wir Neuseeländer doch schon sehr überrascht über euch Deutsche«, sagte mir die Neuseeländerin Judith Geare im Goethe-Institut in Wellington.

Wahre Größe

Neben dem Gleichheitsprinzip und dem Tall Poppy Syndrome, dem Zurechtstutzen wild wuchernder Egos, haben die Neuseeländer die Tendenz, ihre junge Nation als kleines Land am Ende der Welt zu bezeichnen. Tatsächlich ist die Fläche Neuseelands aber mit 268 680 km² wesentlich größer als die Großbritanniens. Als Reisender sollte man auch die 1700 km lange Nord-Süd-Ausdehnung des Landes nicht leichtfertig unterschätzen. Dennoch wirbt Neuseeland damit, ein kleines, abgelegenes Land in den Weiten des Pazifik zu sein, was angesichts der geringen Bevölkerung von nur 4,8 Millionen Einwohnern, die der Einwohnerzahl des Großraums Berlin entspricht, dann auch wiederum verständlich ist.

Doch trotz der beharrlichen Neigung zum Understatement spielte die Größe in Neuseeland von Beginn an eine gewichtige Rolle, und Größe ist auch heute noch etwas, das viele Dinge des Landes auszeichnet.

Einst besaß Neuseeland mit dem bis zu vier Meter großen Moa den größten Laufvogel des Planeten, der Eier legte, die mit 4,5 Kilogramm Gewicht so gigantisch waren, dass man heute mehr als 80 Hühnereier bräuchte, um auf ein ähnliches Volumen zu kommen. Zu den regulären Nachfahren des Moa zählen die Kiwiweibchen, und diese bestehen auch weiterhin darauf, so große Eier zu legen, dass sie ihren Bauch während der Tragezeit meistens über den Boden schleifen und Tage vor dem Legen nichts mehr essen können, weil das Ei den ganzen Unterleib ausfüllt.

Groß waren früher auch die Erwartungen der ersten Siedler, die auf fruchtbarem neuseeländischen Boden landeten, um bald schon vier Kilogramm schwere Karotten in der Nähe von Christchurch, neun Kilogramm schwere Rote Beten und einen fünfundzwanzig Kilogramm schweren Kohlkopf in der Nähe von Dunedin zu züchten. Ein Mythos war geboren, Neuseeland wurde, auch durch die Berichte in der britischen Presse, zum bizarren Wunderland auf der anderen Seite des Planeten – und es besitzt diesen Ruf bis heute noch.

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