Gefährliches Watt - Uta van Steen - E-Book

Gefährliches Watt E-Book

Uta van Steen

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Beschreibung

Die Kommissarin Anna Wolf, traumatisiert von ihrem letzten Fall in München, kehrt heim nach Sankt Peter-Ording. Bei einer Wattwanderung stößt sie auf die nackte Leiche eines Mannes. Überzeugt von Mord macht sie sich gegen den Widerstand der Polizei auf die Tätersuche und findet dabei einen Komplizen in dem Wirt Alex. Die Spur führt in die Surfer-Szene. Doch schnell verfangen sich beide in einem Netz aus Lügen. Jeder im Ort scheint etwas zu verbergen - nicht zuletzt Anna und Alex selbst.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Uta van Steen

Gefährliches Watt

St. Peter-Ording-Krimi

Zum Buch

Mord am Meer Unfall oder Mord? Die Kommissarin Anna Wolf, traumatisiert durch ihren letzten Fall in München, kehrt heim nach Sankt Peter-Ording. Bei einer Wanderung im Watt vor dem idyllischen Küstenort stößt sie auf eine nackte Leiche. Anders als die Flensburger Kripo ist sie überzeugt davon, dass der Mann umgebracht wurde. Heimlich beginnt sie zu ermitteln. Die Spur führt sie in ein cooles Surfer-Hotel, ein Pfahlbau-Restaurant im Meer und direkt hinein ins aktuelle politische Weltgeschehen. In Alex, dem Wirt des Bistros, findet sie einen Komplizen bei der Tätersuche. Doch schnell verstricken sich beide in einem Netz aus Lügen, Intrigen und Geheimnissen. Jeder in der kleinen Gemeinde scheint etwas zu verbergen. Auch Anna und Alex, die schließlich in einen Abgrund menschlicher Beziehungen schauen – auch den ihrer eigenen Vergangenheit.

Die Journalistin Uta van Steen legt nach mehreren Sachbüchern, einem Theaterstück und dem Hamburg-Krimi „Mord am Elbstrand“ nun ihren zweiten Roman vor. Mit ihrem Mann und zwei Hunden lebt sie in Hamburg, nutzt aber jede Gelegenheit für Trips an die nahe Nordsee. Die Idee zu „Gefährliches Watt“ kam ihr so auch hoch über den Wellen, in einem der für Sankt Peter-Ording typischen Pfahlbau-Restaurants.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christine Braun

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © AVTG / iStock.com

ISBN 978-3-7349-3288-5

Widmung

Für Willem

Gedicht

Nebel am Wattenmeer

Nebel, stiller Nebel über Meer und Land.

Totenstill die Watten, totenstill der Strand.

Trauer, leise Trauer deckt die Erde zu.

Seele, liebe Seele, schweig und träum auch du.

Christian Morgenstern

PROLOG

Der Schlag kam unvermittelt. Lautlos, wie ihm schien, aber vielleicht ging das Geräusch auch nur im Grollen der Nordsee unter.

Der nackte Mann tauchte in die Tiefe. Und der Schmerz, den er hätte fühlen müssen, wurde weggespült von der Flut der Erinnerungen, die über ihn hereinbrach. Es stimmte also, was man über die letzten Sekunden behauptete. Dass in rasender Eile Szenen des eigenen Lebens durch den Kopf schossen wie in einem Film. In seinem Fall einem B-Movie. Er sah seinen Vater betrunken auf die Ofenbank taumeln, den rot schimmernden Stock noch an die Brust gedrückt wie ein artiges Kätzchen. Wie er selbst durch eine Wiese voller Schlüsselblumen davonrannte, in kurzen Hosen, unter denen das Blut hervorrann.

Plötzlich schwebte sein Kopf wieder über dem Wasser. Die Brust war ihm bereits eng geworden, als würde sie platzen; verzweifelt rang er nach Luft. Während er um den Rest seines Lebens kämpfte, produzierte sein Hippocampus unaufhörlich Gamma-Aktivität.

Der nackte Mann hatte an der Universität das menschliche Hirn studiert, konnte, seiner Panik zum Trotz, die Traumbilder, die durch seinen Kopf hetzten, richtig als Todesboten einordnen. Dennoch empfand er in diesem verdichteten, lebensprallen Moment Ehrfurcht davor, zu welchem Feuerwerk sein Geist fähig war. Auch wenn der banale Grund für diesen letzten Rückruf des Lebens Sauerstoffmangel war. Nur noch wenige Minuten zum Herzstillstand. Wo blieben die verdammten Glückshormone?

Sein Kopf verschwand erneut unter der Oberfläche. Kein Gezappel mehr, sein Körper schwebte nun aufrecht im Wasser. Die zusammengepressten Lippen ließen keinen Tropfen passieren. Der Tauchreflex. Alle lungenatmenden Lebewesen haben ihn, ob Enten oder Babys. Der Herzschlag verlangsamt sich, memorierte er, der Blutkreislauf konzentriert sich auf die lebenswichtigen Organe, der Sauerstoffverbrauch sinkt.

Sekunden später wurde der Drang zu atmen übermächtig. Er schnappte nach Luft, schweres Wasser strömte in seinen Brustkorb. Und während er es aushustete, drang neues in ihn ein.

Mit letzter Kraft paddelte er mit den Armen wie eine Schildkröte mit den Flossen, dann baumelten sie nur noch als Anhängsel an seinen Seiten. Er fühlte ein leises Brennen. Wieder machte seine Luftröhre dicht, diesmal im Stimmritzenkrampf.

Er meinte zu spüren, wie die ersten Gehirnzellen starben. Ihm war so kalt; sein Körper, der Zeit schinden wollte, hatte den Stoffwechsel heruntergefahren. Mit jedem Grad weniger, erinnerte er sich, sinkt der Sauerstoffbedarf von Gehirn und Organen um sechs Prozent.

Wie von selbst löste sich der Krampf, und er atmete erneut Wasser ein. Die zarten Membranen seiner Lungenbläschen, hoffnungslos verklebt, gaben auf. Dafür schleuste nun, endlich, endlich, der Hypothalamus Endorphine zu den Rezeptoren in Rückenmark und Gehirn. Dopamin. Serotonin. Oxytocin. Endocannabinoide passierten elegant die Blut-Hirn-Schranke. Wie warmer Sirup floss ein Ruhegefühl durch seinen Körper. Die Bilder seines Lebens, grau zu Beginn der Todesrevue, schillerten, sprühten, funkelten. Der vollkommene Rausch, dem er sein Leben lang hinterhergejagt war – jetzt war er da.

Der Kopf des Mannes kippte nach hinten. In einem gloriosen Kraftakt explodierte sein Hirn in einem psychedelischen Finale. Liebe spülte durch seinen Körper, ein unendliches High.

Dann war nur noch Nichts.

WhatsApp-Nachricht von Veli an Anna Wolf

Veli

Wir lassen ihn nicht davonkommen. Richtig? WIR LASSEN IHN NICHT DAVONKOMMEN!

Veli

Warum antworten Sie nicht?

Veli

Ich bin auf Ihrer Seite. Ich will Ihnen helfen. Das wissen Sie doch.

DONNERSTAG

Anna

Sie löschte die Nachricht, steckte das Handy in die bereits leicht feuchte Tasche ihrer Öljacke und kniff die Augen zusammen. Winkte da jemand, weit hinten im Watt? Die Flut, obwohl noch unsichtbar, lief in der Ferne langsam auf. Wer immer da draußen war, hegte definitiv einen Todeswunsch. Aber vermutlich spiegelte ihr die Sonne nur etwas vor. Oder ihr eigenes Hirn, was nicht überraschend wäre. Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute hoch. Gleich würde es regnen, die Wetter-App hatte sie vorgewarnt. Schon schoben sich die ersten schwarzen Ungeheuer vom Rand des Himmels in seine blaue Mitte. Wenn die Erscheinungen am Horizont wirklich Leute waren, sollten sie sich langsam auf den Rückweg machen.

»Allein ins Watt? Traust du dir das noch zu?«, hatte Ruth sie gefragt, als sie vor zwei Stunden aufgebrochen war. Ihre Stirn hatte sie in zweifelnde Falten gelegt, was ihr eine komische Ähnlichkeit mit ihrem Foxterrier-Welpen Fiete verlieh. Die beiden Frauen – die größere in einen grauen Wollpullover gehüllt, die etwas kleinere Anna in eine schwarze Öljacke – standen an der geöffneten Haustür von Ruths Fischerhäuschen, direkt vorm grasbewachsenen Norderdeich in Ording, dem wilden Norden von St. Peter.

Die Kate war eine der letzten, die die Bauwut der Siebziger vom Abriss verschont hatte – und das einzige Haus, das auf der Westseite der schmalen Straße lag, der große Bauerngarten mündete direkt an den Deichfuß. Aber trotz der erlesenen Location würde Ruth ihr Elternhaus weder instaschick sanieren noch verkaufen, das hatte Annas Freundin geschworen. Obwohl sie bestimmt ein Vermögen damit machen würde. Seitdem St. Peter-Ording als Sylt 2.0 galt, von Travel-Influencern gerne SPO abgekürzt, umschwärmten Makler den Nordseeort wie einen besonders fetten Kadaver.

»Du könntest Jens anrufen, ob er mit dir kommt«, hatte Ruth es nochmals versucht, der abweisenden Miene ihrer Freundin zum Trotz.

Aber Anna hatte den Vorschlag, sich von dem alten Wattführer begleiten zu lassen, fast als beleidigend empfunden. Schließlich war sie am Strand groß geworden, wenn auch nicht wie Ruth in einem rosenumrankten Reetdachhaus, sondern in einer verklinkerten Doppelhaushälfte im Dorf. Sie hatte die Gummistiefel mit dem kräftigen Profil vom Schuhregal genommen, beim Anziehen den Saum ihrer Jeans in die Stiefel gestopft und aufgesehen. »Wenn ich in drei Stunden nicht zurück bin, kannst du die Polizei rufen.«

Ruth hatte über den alten Witz, der zum Standardrepertoire jeder Kriminalkommissarin gehört, zwar nicht gelacht, aber Ruhe gegeben. Anna hatte den Reißverschluss der Jacke hochgezogen und ihrer Freundin zugelächelt, um der patzigen Antwort die Schärfe zu nehmen. Dann hatte sie Ruth die Hundeleine aus der Hand genommen und war mit Fiete den Muschelpfad entlang durch den Garten gelaufen, in dem Eisenkraut, Fetthenne und die ersten Astern bereits die windzerrupften Sommerrosen aus den Beeten schubsten.

Hinter der windschiefen Gartenpforte führten ein paar ausgewaschene Betonstufen hoch zur Deichkrone. Als sie oben angekommen war, war sie im ersten Moment zurückgeschreckt, wie vor einem Schlag ins Gesicht. Unten im Garten hatte kein Lüftchen geweht, aber oben fauchte der Wind die Schafe an, die die krautige Wattseite des Deichs beweideten. Hinter den Dünen erstreckte sich eine grün schimmernde, amphibische Fläche. Zweimal am Tag von der Flut überspült, konnten sich die Salzwiesen nicht entscheiden, ob sie zum Meer oder zum Land gehörten. Obwohl Böen an ihm zerrten, erzitterte das zähe Seegras, in dem im Frühjahr Austernfischer brüteten, nur leicht. Als würde es sanft gekämmt.

Die Salzwiesen mündeten in eine ockerfarbene Sandebene, durchzogen von Tümpeln und Prielen, in denen selbst bei Ebbe noch Wasser schwappte. Das Meer, kilometerweit entfernt, hatte sich, als Anna hier angekommen war, weder sehen noch hören lassen. Sie hatte die Stille gerochen und geschmeckt.

Nun verwirbelte der Wind, in Ermangelung an Gegenständen, gegen die er donnern konnte, lautlos ihre schulterlangen, braunen Haare. Nur schwach drang das Rott­rottrott der Ringelgänse an ihr Ohr, die die Wiesen auf der Suche nach Quellern durchstreiften.

Anna holte so intensiv Luft, wie ihre Lungen es, seit der Klinik entwöhnt von den 20 täglichen Marlboro Lights, eben schafften. Nicht besonders tief also. Einen Hustenreflex unterdrückend stieß Anna die salzige Luft abrupt wieder aus.

Zu ihrer Rechten hatte sie bei ihrem Aufbruch vor dem in der Ferne dunstig zu erahnenden Horizont den rot gestreiften Westerhever Leuchtturm erkennen können. Zum Greifen nah hatte er da gewirkt, thronte aber tatsächlich zwölf Kilometer weiter nördlich als steinernes Pfefferminzbonbon auf seiner Warft – ein Anblick, den jeder Tourist unweigerlich mit dem Ausruf »wie in der Jever-Werbung« quittierte. Sie würde erst nach Westen laufen, hinaus aufs Watt, und dann Richtung Süden zur Seebrücke in St. Peter-Bad, hatte sie beschlossen. Von dort würde sie ein Taxi zurück nach Ording nehmen.

In Bayern hatte immer irgendein Zweitausender Annas Blick gebremst, der friesische Weite und Grenzenlosigkeit gewöhnt war. Sie hatte sich nie mit Bergen anfreunden können. Aber immerhin Begeisterung geheuchelt – weniger aus Zuneigung zu ihrem Mann, einem in der Wolle gefärbten Allgäuer, als um sich selbst davon zu überzeugen, dass ihre Entscheidung damals, zu ihm nach München zu ziehen, richtig gewesen war. Was sie nun allerdings bezweifelte, jedenfalls seitdem Christians Anwalt ihr die Mail über die Höhe des Unterhalts für Lola und Rasmus geschickt hatte. Wobei Annas Armutsrisiko trotz ihrer vorläufigen Suspendierung gering blieb, einer der Vorteile des Beamtendaseins; ihr Gehalt wurde pünktlich aufs Konto überwiesen. Selbstständige Therapeutinnen wie Ruth waren nicht so verwöhnt. Sie hätte darauf bestehen sollen, ihrer Freundin für die Ferienwohnung unterm Dach Miete zu zahlen, dachte Anna. Deren Proteste ignorieren.

Ihre Gedanken wanderten zurück zu Christian. Ein einziges Mal hatte er sie und die Kinder bei einem der wenigen Familienurlaube in St. Peter auf einer Wattwanderung begleitet. Sie hatte auf blühendes Schlickgras gezeigt, auf Milchkraut und Strandquecken. Auf Wattwürmer und die kleinen Sandwürstchen, die überall herumlagen, unverdaute Nahrungsreste der Ringelgänse. »Seht ihr, was hier alles los ist? Wie lebendig das Watt ist?«, hatte Anna gerufen. Rasmus und Lola, fröstelnd in ihren durchnässten Anoraks, hatten mit leerem Blick genickt, aber Anna hatte genau gewusst, dass sie einfach nur zurück ins Hotel wollten, wo selbst im Juli ein Kaminfeuer in der Lobby brannte. Christian, der in den Bergen jeden Enzian bejubelte, hatte die triefenden grünen Stängel angewidert gemustert. »Nicht wirklich ein Grund, uns bei diesem Mistwetter an den Strand zu schleppen«, hatte er bemerkt. »Noch dazu, wenn das Meer verschwunden ist.«

Fiete zog an der Leine, aber Anna blieb stehen, immer noch irritiert von den seltsamen Bewegungen weit draußen im Watt. Doch jetzt konnte sie nichts mehr erkennen. Mit klammen Fingern zog sie ihr Handy aus der Jackentasche. Kaum noch Akku, sie hatte vergessen, es aufzuladen. Egal, bald gab es sowieso keinen Empfang mehr. Fast vier. Die Flut, so der Gezeitenkalender, würde erst in gut anderthalb Stunden langsam auflaufen. Keine Gefahr also, solange sie diesseits des breiten Priels blieb. Im Moment stand kaum Wasser darin. Aber sein Bett lief stets als Erstes voll, und zwar im Handumdrehen, selbst wenn die See noch Distanz wahrte.

Wanderern, die sich deshalb in Sicherheit wähnten, passierte es immer wieder, dass sich ein glucksendes Bächlein innerhalb von wenigen Minuten in einen reißenden Strom verwandelte, der ihnen den Weg zurück aufs Land abschnitt. Etliche verdankten ihr Leben der Crew der »Insel«, des Pfahlbau-Bistros am Ende der Seebrücke weiter südlich, dessen massive Stelzen bei Flut meterhoch im Wasser standen. Die meisten der Studenten, die dort im Sommer kellnerten, waren ausgebildete Rettungsschwimmer.

Je weiter Anna vom Deich aus dem Meer entgegengegangen war, desto spärlicher wurden die Pflanzen. Wer im Watt überleben wollte, musste winzig und zäh sein, Salz und Sonne vertragen können. Außerdem schleppte die Brandung alles davon, was sich nicht im Boden festkrallte. Oder der Wind schliff es ab wie ein Sandstrahlgebläse.

Auf einer flachen Sandplatte schnüffelte Fiete aufgeregt an den dunkelgrünen Blättern der Binsenquecke. Anna bückte sich und berührte vorsichtig eines der zart behaarten, eingerollten Blättchen, an denen Reste der welken Blütenstände hingen. Sie sollte sich, dachte sie, als sie weiterlief, ein Beispiel nehmen an diesen Überlebenskünstlern. Jedes Frühjahr mussten sie sich ihren Lebensraum neu erobern. So wie Anna in diesem Herbst.

Sie wollte gerade ihren Kurs in Richtung Seebrücke ändern, als sie erneut meinte, Bewegungen wahrzunehmen. Anna kniff die Augen jetzt noch enger zusammen. Dahinten war etwas, eindeutig.

»Was meinst du, Fiete?«, fragte sie. Sie ließ die Schlaufen der signalroten Schleppleine fallen und behielt nur den gepolsterten Griff in der Hand.

Der Foxterrier rannte los. Der Wind, spürbar stärker, verwehte sofort die Spuren, die ihre Stiefel für Sekunden in der weißen, trockenen Schicht von losem Sand hinterließen.

Sie lief dem Hund hinterher, und nach einer Weile hatte sie keine Zweifel mehr daran, was sie sah. Es waren in der Tat Wanderer. Viel zu weit draußen, jenseits des Priels. Und sie winkten ihr zu.

Ruth

Als Therapeutin gestand sie sich Stimmungsschwankungen äußerst ungern zu. Aber wenn Ruth ehrlich zu sich selbst war, dann war sie ein wenig verärgert. Sie presste die Lippen zusammen. Anna hatte nun einmal diese Wirkung auf sie. Der Starrsinn ihrer Freundin trieb Ruth in den Wahnsinn, immer schon. Auch wenn sie sich, seitdem Anna vor Jahren nach München gezogen war, nur noch selten sahen. Was sich nun änderte.

Ruth klemmte sich hinter den Fahrersitz ihres Škoda-Kombis und ließ den Motor an. Ein vernünftiges Auto, grundsolide wie sie selbst. Zu Anna würde ein alter Porsche besser passen. Der manchmal bockt, störrisch stehen bleibt, plötzlich wieder geschmeidig herumflitzt und dabei immer cool aussieht. Obwohl ihre Freundin umweltbewusst von München aus mit dem Zug angereist war, mit Umstieg in Hamburg-Altona und Husum.

Aber das komische Gefühl, das auch nicht verschwand, als Ruth in die Bundesstraße nach Tönning einbog, dem Hafenstädtchen, wo sie ihre Praxis führte, hatte sowieso nichts mit Anna zu tun. Sie mochte kompliziert sein, doch sie hatte Mumm. Als Ruth ihr im Sommer des letzten Jahres nach der Sache in München, als es ihr richtig schlecht gegangen war, den Rat gegeben hatte, sich stationär behandeln zu lassen, hatte sie nicht lange gefackelt, sondern sich direkt in eine psychiatrische Privatklinik in Berchtesgaden begeben. Allerdings nahm sie immer noch Psychopharmaka. Ruth hatte die halb volle Packung im Badezimmer gefunden.

Aber Anna würde Pläne für eine neue Zukunft schmieden. Und wenn die sich, je nach Ausgang der polizeiinternen Untersuchung, nicht mehr in München, sondern in St. Peter abspielen sollte, hatte Ruth nichts dagegen, im Gegenteil. Seit ihre Freundin in ihr Gästezimmer gezogen war, fühlte sie sich, als hätte sie etwas wiedergefunden, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass sie es vermisste.

Die ersten Tropfen färbten den Asphalt der Fahrbahn dunkelgrau, und die Wischer verrieben die Rinnsale auf der Windschutzscheibe. Jetzt im Herbst war Ruths tägliche Fahrt zum Tönninger Marktplatz weitaus angenehmer zu bewältigen als noch vor ein paar Wochen. In den Schulferien verstopften Wagen mit bayerischen und schwäbischen Nummernschildern die 212, zusätzlich zu den Hamburgern, die es in ihre entkernten Haubarge mit den brandneuen Reetdächern zog.

Ruth öffnete, ohne den Blick von der Fahrbahn zu werfen, das Handschuhfach, angelte eine Packung Marlboros heraus und drückte auf den elektrischen Anzünder. Ihre Freundin durfte auf keinen Fall mitkriegen, dass sie wieder rauchte, nun, da Anna endlich clean war. Ihre alte Lieblingssorte zumal. Also gönnte Ruth sich ihre täglichen zwei Zigaretten eben auf der Hin- und der Rückfahrt nach Tönning, leerte den Aschenbecher an der Aral-Tankstelle vor St. Peter Dorf aus und versprühte Textilerfrischer auf den Polstern.

Genussvoll zog sie den Tabakrauch tief in ihre Lungen. Sie sollte damit aufhören, sich Sorgen zu machen, dachte sie. Anna kam schon klar, auch im Watt. Den Ratschlag, dass Jens sie bei der Wanderung begleiten sollte, hätte Ruth sich sparen können, verständlich, dass ihre Freundin so bissig reagiert hatte. In der nächsten Supervisionsstunde, nahm sie sich vor, würde sie mit ihrer eigenen Therapeutin ihr ständiges Bedürfnis analysieren, andere zu bemuttern. Wattwandern war wie Fahrradfahren. Den Instinkt dafür, wann man besser umkehrte, wann der Wind auffrischte und Bäche zur tödlichen Flut anschwollen, hatten nordfriesische Kinder im Blut. Auch wenn Anna ihre Heimat verlassen hatte, etwas, das Ruth nie getan hätte.

Noch während des Studiums in Hamburg hatte die Zukunft so klar konturiert vor ihr gelegen, als wäre sie schon passiert. Nach der Promotion die Therapieausbildung in Husum, Erfahrung sammeln als angestellte Psychologin im Hospital Heide, anschließend in Tönning eine eigene Praxis aufmachen. Und vor allen Dingen in das Haus zurückziehen, in dem sie aufgewachsen war. Genau so war es nach dem Tod ihrer Eltern passiert. Sie hatte geheiratet, eine Tochter bekommen und Hauke an diesen Scheißkrebs verloren, den Mann, den kein anderer je ersetzen konnte. Seit drei Jahren lebte sie allein in der Kate. Bis vorgestern. Bis Anna gekommen war.

Als ihr Handy klingelte, das neben ihr auf dem Sitz lag, zuckte sie zusammen und verriss leicht das Lenkrad, sodass sie fast im Straßengraben gelandet wäre. Hastig stopfte sie den Zigarettenstummel in den Aschenbecher und drückte auf das grüne Telefon-Icon.

»Ja?«

»Dr. Andresen?«

Die Stimme des Anrufers klang ein wenig verunsichert, wohl weil Ruth sich nicht mit ihrem Namen gemeldet hatte. Was sie nie tat, Hauke hatte das wahnsinnig gemacht. Ruth wusste sofort, wer dran war. »Was gibt’s?«

»Ich muss leider meinen Termin für heute absagen. Es ist … Es ist etwas dazwischengekommen.«

Ihr war klar, was sie antworten müsste. Dass er die Termine bei ihr ernster nehmen, dass er eben nichts dazwischenkommen lassen sollte. Dass sie ihm die Sitzung in Rechnung stellen würde.

»In Ordnung. Danke, dass Sie angerufen haben.«

»Selbstverständlich. Kann ich stattdessen morgen kommen? Freitag?«

»Ich muss erst im Kalender nachschauen. Ich melde mich.«

Sie legte auf. Das komische Gefühl, das sie seit dem Morgen gequält hatte, war verschwunden. Stattdessen spürte sie Erleichterung, die durch ihren Körper floss bis zum rechten Fuß, mit dem sie nun das Gaspedal durchtrat.

Anna

Der feuchte Sand unter ihren Gummistiefeln schmatze. Hatte es einen Unfall gegeben? Hoffentlich hatte sich niemand verletzt. Aber im Watt fiel man weich. Wenn jemand hier draußen zu Schaden kam, dann war er in der Regel ertrunken. Die meisten der rund 20 Unglücksraben, die in jeder Saison an Nord- und Ostsee ihr Leben ließen, überschätzen ihre Schwimmkünste oder wurden von selbst gebauten Sandburgen verschüttet.

Anna musterte das Display ihres Handys. Nur noch ein Balken. Sie war bereits weit draußen, in wenigen Minuten wäre es aus mit dem Empfang. Ihr Akku war bestimmt auch bald tot. Sie zögerte. Ob sie jemanden zur Hilfe holen sollte? Aber wenn sie einen Notruf absetzte, entfaltete sich zwangsläufig das gesamte Drama. Feuerwehr und DLRG würden anrollen, mit Hundestaffeln, Rettungsschiffen und vielleicht sogar einem Hubschrauber der Bundesmarine samt Wärmebildkamera. Das alles, weil ihr ein paar Idioten freundlich zugewinkt hatten. Sie steckte das Telefon wieder zurück. Sie hatte definitiv keine Lust auf noch mehr Kollegen, die verständnisvoll taten, sie jedoch insgeheim verachteten. Nicht nach dem, was in München passiert war. Oder genauer, nach dem, was sie dort in den Sand gesetzt hatte. Außerdem lief das Wasser noch nicht auf. Kein Grund also zur Panik.

Inzwischen waren dicke Wolken aufgezogen, Tropfen sprenkelten sanft die Pfützen. Über kurz oder lang würde der Regen stärker werden und dazu Wind aufkommen. Die Wanderer konnte Anna in dem verwaschenen Grau um sie herum nicht mehr erkennen. Sie hatte aber eine ziemlich gute Vorstellung davon, wo sie sich befinden mussten. Solange die hoch über dem Strand schwebende »Insel« noch in der Ferne zu sehen war, brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, die Orientierung zu verlieren.

Fiete zerrte an der Schleppleine und rannte voraus. Mit der Nase dicht am Watt schien er einer unsichtbaren Spur zu folgen. Nachdem sie ungefähr zehn Minuten gelaufen waren, drangen Stimmfetzen an Annas Ohr. Gleich darauf erreichte sie den großen Priel und rollte schnell die Leine auf, bevor der Hund ins Wasser springen konnte. Die Menschengruppe am anderen Ufer war nun deutlich erkennbar. Eine schmale Person mit langen Haaren stand im Vordergrund und winkte hektisch, vier oder fünf andere wandten ihr den Rücken zu. Sie betrachteten, leicht nach vorne gebeugt, etwas auf dem Boden.

Als Anna durch den Priel watete, reichte ihr das graue Wasser bis an die Knöchel. Sie ließ die Leine lockerer, um den Halt nicht zu verlieren. Fiete machte einen Satz auf die winkende Gestalt zu. Beim Versuch, die Leine wieder fester zu ziehen, wäre Anna beinahe hingefallen. Der Hund, unbeeindruckt von ihren Rufen, sprang an der Frau hoch, die sich sofort zu ihm hinunterbeugte.

»Fiete? Was machst du denn hier?«

Anna konnte ihr Gesicht nicht sehen, es war versteckt unter der Kapuze. Musste sie auch nicht, die helle Stimme war unverwechselbar. Ruths Tochter. Vor acht Jahren, als sie sie zuletzt getroffen hatte, war Laura ein Teenager mit noch kindlichen, weichen Zügen gewesen, das Gesicht umrahmt von einer lockigen Mähne mit blauen und rosa Strähnen.

Die zierliche Gestalt streckte ihr eine nasse Hand hin und zog sie mit erstaunlicher Kraft das Ufer hoch. Hatte Laura geweint? Oder war es Regenwasser, das über ihre Wangen floss?

»Mama hat erzählt, dass du sie besuchen kommst«, sagte Laura atemlos. »Anna, ich bin so froh, dass du hier bist!«

»Was macht ihr hier?«, fragte Anna. Ihr Blick glitt von dem Gesicht der jungen Frau, dessen Züge sich in den vergangenen Jahren verschärft hatten, zu dem verstört wirkenden Grüppchen. »Eine Wattwanderung?«

»Ja. Ich bin die Führerin.«

»Du weißt, dass ihr allmählich zurückmüsst, oder?« Anna bemühte sich, jeden Anflug von Besserwisserei aus ihrer Stimme zu tilgen. »Die Flut.« Sie machte eine unbestimmte Handbewegung aufs Meer hinaus und bemerkte dabei zwei weitere Gestalten ein wenig abseits, die ihre Arme fest um ein Kind geschlungen hielten und sie anstarrten.

»Es ist etwas passiert, Anna.« Laura drehte sich halb um und deutete hinter sich. »Etwas … Schreckliches.«

Anna trat einen Schritt auf die Dreiergruppe zu, die reglos dastand wie auf einem mittelalterlichen Stillleben. Fischer am flandrischen Meer oder so. »Kann ich mal durch?«

Die Wattwanderer, alle wie Laura in Öljacken gehüllt, traten schweigend zurück, sodass sich ein schmaler Durchgang bildete. Anna drückte Laura Fietes Leine in die Hand. Selbst in dem mittlerweile prasselnden Regen erkannte sie sofort, was die Gruppe abgeschirmt hatte.

Vor ihr auf der Sandbank lag wie aufgebahrt, Arme und Beine abgespreizt, eine menschliche Gestalt, deren geöffnete Augen den grauen Himmel anstarrten. Nackt und ohne jeden Zweifel tot, das Gesicht verdeckt von triefenden algengleichen Haarsträhnen.

Eine männliche Ophelia.

Alex

In St. Petersburg, stellte er fest, als er den Wetterbericht der »Trud« studierte, regnete es noch mehr als in St. Peter. Kälter war es auch.

Trotzdem verärgert, wie jedes Mal, wenn er online russische Zeitungen las, klappte Alex den Deckel des Laptops zu. Spätestens seit dem Überfall auf die Ukraine hatte er immer weniger Lust auf Nachrichten aus seiner alten Heimat. Vor allem, seit sie die »Nowaja Gaseta« dichtgemacht hatten, die letzte der widerspenstigen kleinen Zeitungen. Auch wenn es hieß, dass das Verbot erst mal nur bis zum Ende der Spezialoperation galt. »Spezialoperation«, knurrte Alex angewidert.

Von seiner Nachrichtensucht kam er dennoch nicht los, obwohl er seit Jahren nicht mehr als Journalist arbeitete. Einmal kurz die News checken, schwor er sich jeden Morgen, und blieb dann bei dem Propagandadreck hängen, von dem er wusste, dass seine früheren Nachbarn ihn glaubten. Und über 100 Millionen andere Russen auch.

Der große, kräftige Mann mit den kurz geschnittenen schwarzen Locken blickte aus dem Panoramafenster, das aber, weil beschlagen, nur eine triste Welt in Grau offenbarte. Zurzeit machte der Pfahlbau seinem Namen »Insel« alle Ehre.

Alex, der für eine Betriebsprüfung die Steuerunterlagen zusammenstellte, war allein in seinem Restaurant. Bei starkem Wind machte es keinen Sinn zu öffnen, denn dann trennten die Flutwellen es von den Salzwiesen der Küste ab und überschwemmten die Fußgänger-Holzbrücke, die die »Insel« mit dem Vorplatz in Bad verband. Sollte dennoch ein hartgesottener Nordseefan in triefender Jacke – und davon gab es überraschend viele, vor allem aus Schwaben – anklopfen, würde er ihn selbstverständlich hereinlassen. Umsatz war Umsatz.

Vielleicht sollte er die Tür zur Außenterrasse öffnen, damit frischer Wind hereinströmte und die Scheibe wieder klar wurde. Man konnte durch sie hindurch kaum noch etwas erkennen, dabei war es gerade mal 16 Uhr. Aber inzwischen war es extrem ungemütlich geworden, viel zu kalt für September. In seinem dunkelblauen Troyer aus schwerer Baumwolle war ihm jedoch warm. Solange kein Gast kam, gab es keinen Grund, die Heizung anzustellen, gespeist von einer frisch installierten Wärmepumpe. Sollte Putin sich sein Scheißgas sonst wohin stecken.

Alex ging zum großen Samowar hinüber, der auf der langen Theke thronte, um sich einen Tee zu machen, tiefschwarz wie die Sünde. Was die Vermischung von Stilen anging, war er furchtlos. Die für St. Peter-Fans essenzielle Deko aus Fischernetzen, Plastikkraken und grünen Glaskugeln mixte er mit Souvenirs seiner Ex-Frau, die ein Faible für orientalisches Gedöns gehabt hatte, und mit den paar Russland-Devotionalien, die er damals aus St. Petersburg mitgebracht hatte. Jahrelang hatten sie in einem gemieteten Lagerraum Staub angesetzt, weil er den Krempel nicht bei sich in der Wohnung haben wollte. Etwa eine Ikone, die einst bei seinem Großonkel über dem Ehebett hing, eine Madonna mit leicht debilem Grinsen.

Einem seiner Gäste, einem selbst ernannten Experten für ostrussische Kunst, hatte die Jungfrau ein ehrfürchtiges »Oha« abgerungen. Die sei mindestens ein paar Tausender wert, hatte der Schwabe orakelt. Aber Alex wusste genau, dass es sich um eine ziemlich gute Kopie handelte, hobbymäßig ausgeführt von Onkel Wanja. Der hatte zwar die Moskauer Kunstakademie absolviert, dann jedoch lieber in einer Ölraffinerie im Norden geschuftet, um sich mit 50 in einer Dreizimmerwohnung mit Atelier am Gorki-Park zur Ruhe zu setzen, beäugt von seinen falschen Ikonen.

Alex Smirnov war nach Deutschland gekommen, als sie die Mädels von Pussy Riot verhaftet hatten, vor … Er hielt kurz inne und starrte die Teetasse an, die er in der Hand hielt, als ob sie über geheime Rechnerqualitäten verfügte. Himmel, das war schon ewig her, 2012! Die Proteste gegen Putin hatten trotz aller Leidenschaft, seiner eigenen inklusive, natürlich nichts gebracht, und es war rasant weiter bergab gegangen mit der Meinungsfreiheit in seiner Heimat. Auswandern oder die Klappe halten hießen die Alternativen. Das war damals allen klar gewesen in seiner St. Petersburger Künstler- und Intellektuellenblase. Alex war kein Märtyrer wie Navalny. Er wollte nur sein Leben leben. Und raus.

Für Russlanddeutsche wie ihn war die Ausreise einfach, obwohl seine kosmopolitische Familie kulturell so deutsch wie Borschtsch und Boeuff Stroganoff war – also gar nicht. An Weihnachten legte sein Vater Händels »Messiah« auf, das war’s dann auch schon mit der Tradition. Seine Mutter kam sowieso aus der Ukraine.

Aber seine Babuschka stammte aus dem sibirischen Altaigebiet und hatte einen, wie er fand, sehr schönen deutschen Dialekt gesprochen, der wohl seit Katharina der Großen unverändert geblieben war. Nachdem sie, gebrechlich und auf Hilfe angewiesen, zu ihnen nach Moskau in die große Altbauwohnung gezogen war, hatte die Großmutter ihm die Sprache beigebracht und Grimm’sche Märchen vorgelesen. Als er dann auf die Deutsche Schule ging, sprach er bereits fließend. Später siedelte die Familie mitsamt der alten Dame nach St. Petersburg um.

Das Ziel seiner Auswanderersehnsucht waren dennoch nicht Berlin und seine russische Bubble gewesen. Anders als seine ebenfalls von Putins Politik vertriebenen Freunde hatte er vom Mittelmeer geträumt. Italien, Spanien, Frankreich – egal, Hauptsache, der Himmel war babyblau, es duftete nach Pinien, und die Sonne leuchtete so grell, dass es in den Augen wehtat.

Stattdessen war er an der Nordseeküste gelandet. Schuld daran war Frauke, die er auf einem Fest in der Eremitage kennengelernt hatte, wo sie als Kuratorin in der Ausstellungsleitung hospitiert hatte und zu der er später nach Hamburg gezogen war. Kurz darauf hatte sich ihnen die Gelegenheit geboten, das Restaurant ihrer Tante in St. Peter zu übernehmen. Heute lebte seine Ex-Frau, deren anfängliche Begeisterung – sowohl für ihn als auch fürs Kochen – schnell abgeflaut war, mit einem Sizilianer im sonnigen Palermo. Und er war immer noch hier. Im Regen.

Aber was nicht war, konnte ja noch werden. Alex schenkte der Messinglampe mit Lochmuster, die den Holzboden mit Licht und Schattenfetzen sprenkelte, einen sehnsüchtigen Blick. Es musste schließlich nicht gleich Marokko sein. Südspanien vielleicht, die Gegend um Tarifa. Früher mal war er mit Frauke dort zum Surfen gewesen, zwei magische, sonnenwarme Wochen in einem Strandhaus, an dem tiefrot die Bougainvilleen glühten wie Küsse.

Sollte er seinem Tee einen Schuss Rum zugeben? Er ließ seinen Blick über die Flaschenbatterie auf dem gewollt rohen Holzregal hinter der Theke wandern, entschied sich aber dagegen. 16 Uhr war definitiv zu früh, auch wenn es schon dämmerte. Er ging, den Becher in der Hand, zum Balkon und öffnete die Tür. Klirrend kalte Luft drängte sich herein, mit einer Kraft, die ihm fast den Atem nahm.

Er war ein Idiot, dachte er, plötzlich wütend auf sich selbst. Er hätte heftiger widersprechen sollen, als Jens in den Hörer gekrächzt hatte, dass er Covid habe und Laura allein mit der Gruppe ins Watt wandern sollte.

Die Teilnehmer hatten sich da schon längst an der Theke versammelt. Alex war wie absichtslos herbeigeschlendert, die Hände in den Taschen seiner Jeans, und hatte, als er Lauras fragenden Blick auffing, den Kopf geschüttelt. »Jens musste absagen«, hatte er der Gruppe mitgeteilt. Doch dieser spillerige Kerl mit dem rasierten blonden Stoppelkopf und dem Fernglas um den Hals, ein Ornithologe, wenn er sich richtig erinnerte, hatte keine Ruhe gegeben.

»Sie wissen, dass gleich der Sturm losgeht, oder?«, hatte Alex ihn angeblafft und sein Handy mit der Wetter-App hochgehalten, auf der sich dunkle Wolken ballten.

Doch dann hatte die Kleine in dem rosa Skianzug angefangen, Rabatz zu machen. Hatte geheult, dass sie einen Seehund streicheln wolle.

»Kannst du nicht mit uns allein losgehen?«, hatte dieser Vogeltyp Laura bedrängt, besessen von der Vorstellung, einen Säbelschnäbler zu fotografieren.

»Ich habe bis jetzt nur mit Jens zusammen geführt.«

»Aber du kennst dich doch aus, oder?«, hatte der Typ weitergebohrt.

»Klar.«

»Na, also.« Der Mann wandte sich an den Rest der Gruppe, eine Kleinfamilie und ein Paar im Rentenalter. »Was meint ihr?«

Alle hatten genickt und Laura erwartungsvoll angeschaut, die sich schließlich geschlagen gegeben hatte.

»Ich pack die Ausrüstung zusammen«, hatte sie gemurmelt und war dabei dem besorgten Blick von Alex ausgewichen. Sie war hinüber zur Kiste in der Abseite gegangen und hatte Sachen in den neongelben Rucksack gestopft, Verbandskasten, Kompass, Pfeife, Taschenlampe und Signalraketen.

Alex hatte nur noch mit den Schultern gezuckt. Dann eben nicht, was ging es ihn an. Frauke hatte ihm jahrelang vorgeworfen, dass er ein Kontrollfreak sei und alles und jeden beschützen wolle, ob sie wollten oder nicht, wie ein übereifriger Hütehund. Schließlich war nicht er verantwortlich für die Führungen, die der alte Jens Friedrichsen seit Jahrzehnten mit wechselnden Helfern organisierte. Die »Insel« war nur der Treffpunkt. Er verstand sowieso nicht, was die Leute da draußen wollten, in dieser glucksenden Endlosigkeit. Als die Gruppe davongestiefelt war, hatte er trotzdem noch schnell kontrolliert, ob Laura auch das Funkgerät von der Ladestation genommen hatte.

Was, überlegte er nun, als er sich vom Fenster abwandte und sich wieder an den Tisch zu seinem Computer setzte, sollte schon schiefgehen?

Aber er hütete sich davor, intensiver darüber nachzudenken. Denn dann, ahnte er, würde ihm so einiges einfallen.

Eva

Befriedigt ließ die Hotelchefin ihren Blick durch die Lobby des »Wave House« wandern. Die perfekte herbstliche Hygge-Inszenierung. Ein Feuer mit echtem Holz erfüllte den großen Raum mit der verglasten XXL-Wand zum Strand hin mit Tannenduft – Eva Lorenz duldete in ihrem Hotel keine Flammen aus dem Gasanschluss und erst recht nicht diese lebensgefährlichen Ethanol-Fake-Kamine. Jede Menge Kissen und Decken auf den tiefen Polstersofas, wie zufällig in der Lobby mit den dunstblau verputzten Wänden verstreut, deren Anordnung sie aber mit dem Zollstock geplant hatte. Ein riesiger Hai-Kopf aus Kunststoff hing wie eine Trophäe an der Wand, selbstverständlich ironisch. Als Tische originale Seemannskisten, erjagt auf dänischen Flohmärkten. Kerzen, Zierkürbisse und Vasen mit Gräsern, das war’s mit der Deko, der Raum sollte aus sich selbst heraus wirken. Die Holzdielen, die jeden Morgen gebohnert wurden, schimmerten wie die Augen von Bambi; der Boden des angeschlossenen Restaurants dagegen war mit Sand und Muschelschalen bestreut.

Herbst war Evas bevorzugte Jahreszeit, vor allem am Meer. Bei einem Strandspaziergang durchgepustet zu werden und dann im Kerzenlicht Kürbissuppe zu essen und am Kamin, mit einem Glas Rotwein in der Hand, zu lesen oder sich in den Flammen zu verlieren, das war für sie der Gipfel des Glücks. Nicht dass sie Zeit dazu gehabt hätte. Der Erfolg des »Wave House«, vor fünf Jahren eröffnet, hatte ihre übermütigsten Träume übertroffen. Es war eine dieser seltenen Phasen gewesen, wo sich alles glücklich fügte: Die Zinsen waren im Keller, und die alte Luise Küster hatte sich endlich bereit erklärt, den heruntergekommenen Deichhof an sie zu verkaufen. Gleichzeitig hatte St. Peter, das Spießerkaff, in dem sie als Kind ihre Schulferien verbracht hatte, erfolgreich sein Image geändert und war cool geworden, erfreulicherweise bei den richtigen Leuten: nicht den Angebern, die in Timmendorf und Scharbeutz Aperol Spritz kippten, sondern bei entspannten Outdoor-Fans, die jede Art von Wetter genossen. Und natürlich bei Surfern.

Dass sie die alte Schafsweide am Fuß der Dünen in ein Bullicamp umgestaltet hatte, war eine ihrer brillanteren Ideen gewesen. Die Jungs und Mädchen in ihren Neoprenanzügen gingen selbst im sonst schwach besuchten Oktober mit den Brettern raus und ließen, da sie kaum Übernachtungskosten hatten, ihr Geld im Restaurant und der Bar liegen. Das lässige Flair, das sie verströmten, wenn sie mit ihren sonnengebleichten Beach Waves in der Lobby herumhingen und den anderen Gästen das Gefühl gaben, hip zu sein, gab es umsonst dazu.

Für einen Moment aus ihrer stillen Zufriedenheit gerissen, schreckte sie auf, als eine besonders heftige Bö einen Terrassenstuhl umkippte. Sie warf einen Blick aus dem Panoramafenster, der fast vollständig verglasten Westseite der Lobby. Draußen über dem Meer ballten sich die Wolken zusammen und schienen düstere Pläne zu schmieden. Gut so, dachte Eva. Sie schlenderte zum Kamin, kniete nieder und legte, weil ihre Kellnerin Kathie immer noch nicht aufgetaucht war, eigenhändig ein paar dicke Scheite nach. Keiner ihrer Gäste würde sich bei derart miesem Wetter aufs Rad schwingen und zum Essen nach Bad oder Dorf fahren. Ihr Koch Willem war sowieso der beste weit und breit. Es war erstaunlich, dass ihr gemeinsam entwickeltes Konzept – regionale Zutaten, vieles in Bioqualität und ausschließlich vegetarische Küche – so gut angenommen wurde. Noch vor zehn Jahren wären die Gäste auf die Barrikaden gegangen, wenn sie weder Steaks noch Matjes bekommen hätten. Heute verspeisten sie glücklich ihre Mangold-Bratlinge und tauchten früh am Morgen in Lululemon-Klamotten im Yogaraum auf.

Eva sah auf die Uhr. Schon gleich fünf, dachte sie besorgt. Im Juli und August veranstaltete das Hotel selbst Wattwanderungen. Aber nicht mehr im Herbst. Wer unbedingt rauswollte, dem vermittelte sie den Kontakt zum alten Jens, dessen Trips von der »Insel« in Bad aus starteten, bei Wind und Wetter. Genau das, wusste sie, hatten heute drei ihrer Gäste getan. Die Kegelmanns aus Köln und dieser schmale Blonde, dessen rosa Kopfhaut man durch sein kurz rasiertes Haar sehen konnte. Ein Vogelkundler. Eigentlich sollten sie längst zurück sein und Käsekuchen mit Biohimbeeren essen.