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José lebt mit seiner Familie in Toro, einem abgelegenen, kleinen Dorf in den peruanischen Anden. Sein Vater ist der Bürgermeister dieser Bauerngemeinde, die in mühsamer Feldarbeit dem kargen Boden ihren Lebensunterhalt abringt. Eines Tages wird Toro von der Guerilla des 'Leuchtenden Pfades' überfallen, die in Peru eine kommunistisch-maoistische Diktatur errichten will. Die Terroristen treiben die Menschen zu einem sogenannten Volksgericht zusammen, erschießen den Bürgermeister und den Rektor der Schule und verschleppen José. Ein gelähmtes Dorf bleibt zurück. Für José beginnt eine ungewisse Zukunft. Es ist die Geschichte des peruanischen Bauernjungen José, der durch die politischen Wirren seines Heimatlandes schwerste menschliche Prüfungen durchstehen muss.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Nominiert für den
Evangelischen Buchpreis 1998
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Der ‚Leuchtende Pfad’
Worterklärungen und Aussprachehilfen
„Hap ichiy q’onchata, Juliana!“, hörte er seinen Vater flüstern.
Sachte zog sich José seine zwei Decken aus Alpacawolle über die Ohren, damit auch nicht der geringste Hauch an wohliger Wärme verloren ging. Am anderen Ende des Bettes schlief sein jüngerer Bruder Mauro. Den durfte er nicht der eisigen Kälte aussetzen, die jede Nacht bis in den letzten Winkel des Hauses kroch. Wie immer hatte ihn diese frostige Luft geweckt und wie immer hörte er von nebenan das vertraut knackende Geräusch zerbrechender Äste. Seine Mutter war aufgestanden und in die Küche gegangen, um ein Feuer unter der Kochstelle anzuzünden, worum sie ihr Mann gerade gebeten hatte. Die Zweige und Äste, die sie jetzt kleinmachte, hatten die Eltern wie an jedem Tage auf ihrem Weg von den Feldern mitgebracht. Die Küche verdiente diesen Namen eigentlich gar nicht. Sie bestand nur aus einem winzigen Raum. Gerade mal eine Person konnte sich darin aufhalten. Auf dem Boden standen verloren ein paar blecherne, vom Ruß geschwärzte Kochtöpfe herum. An der Wand hing ein Regal, auf dem das Geschirr der Familie aufbewahrt wurde: Für jeden einen Suppenteller, einen Becher und einen Löffel. Messer und Gabel benötigte man hier nicht. Fleisch, so es denn ein paar Mal im Monat auf den Tisch kam, nahm man der Einfachheit halber in die Hand und biss davon ab.
Durch das Strohdach der Küche kräuselte feiner Rauch, verbreitete sich im Hof und drang durch Tür und Dach des Wohnhauses bis an das Bett von José, um ihm anzukündigen, dass ein neuer Tag in Toro, dem kleinen Andendorf in Peru, angebrochen war.
Und mit Sicherheit würde es wieder einer der vielen gleichförmigen Tage werden, die José hier schon verlebt hatte und wohl auch noch verleben würde.
Josés Mutter kam mit einem Topf voll dampfender Suppe in das Wohnhaus und stellte ihn auf den Tisch. Gemüsesuppe, dazu gerösteten Mais gab es bei Familie Quispe und bei den anderen Dorfbewohnern fast zu jeder Mahlzeit. Schließlich waren sie alle Bauern, und hier im Hochgebirge war jede Arbeit härter und anstrengender als an der Küste. Immerhin lagen die Felder bis in dreieinhalbtausend Meter Höhe. Von Toro aus waren bis dorthin oft lange Märsche mit gewaltigen Steigungen auf schwierigen Pfaden zu bewältigen. Deshalb musste man früh aufstehen, um noch vor Sonnenaufgang mit der Feldarbeit beginnen zu können.
Dies galt auch für Raúl Quispe, den Vater von José. Er stand auf, ohne Jesús zu wecken, mit dem er das Bett teilte. So wie er seinem Bett entstiegen war, mit Hose, Hemd und Pullover, würde Señor Quispe zur Arbeit gehen und sich abends wieder hinlegen. Wie die Gemüsesuppe zum Frühstück, so gehörte auch das zum ländlichen Leben in den Anden.
Schweigend saßen die Eltern da und löffelten schlürfend ihre Suppe. Zusammen mit dem heißen Tee sorgte sie wenigstens für ein bisschen Wohlbehagen in dem eiskalten Haus.
José lugte vorsichtig unter der Decke hervor. „Wann kommt ihr wieder heim?“
„Erst wenn es dunkel ist. Wir müssen heute einen Bewässerungskanal reparieren, ganz weit oben. Er verliert zu viel Wasser. Das können wir uns nicht leisten. Es regnet ja sowieso kaum noch.“
„Werdet ihr damit heute überhaupt fertig?“, fragte José weiter.
„Nein, sicher nicht, zwei Wochen dauert das mindestens, trotz der zwei Mann, die jeder Hof zur Arbeit abstellt“, erklärte der Vater.
Inzwischen hatte die Mutter damit begonnen, zwei Bündel zu schnüren: In eine Manta, ein buntes Tragetuch, packte sie das Essen für den ganzen Tag, eine Plastikflasche mit Chicha, dazu einen kleinen Beutel mit Cocablättern, die bei der Arbeit nicht fehlen durften. Man kaute die trockenen Blätter und vermischte sie mit ein paar Tropfen flüssigen Kalks aus einem Fläschchen, das für jeden Mann genau so wichtig war wie die Schaufel oder die Spitzhacke. Aus dem Blätterbrei löste sich allmählich eine Droge, die, zusammen mit dem Kalk, das Gefühl von Hunger und Ermüdung bei der schweren Arbeit nicht aufkommen ließ. Schon bei den Inkas hatten die Männer stets ihre Ration Cocablätter erhalten, wenn sie auf dem gemeinschaftlich bewirtschafteten Land arbeiteten. Dieses Bündel gab sie ihrem Mann. Sie selbst schnürte sich die kleine Elda auf den Rücken.
„Denk dran, José, ihr müsst in die Schule! Außerdem ist heute Backtag im Dorf. Kauf zwanzig Brötchen! Mittags darf jeder eins davon essen. Und pass gut auf deine Geschwister auf!“
Dann verließen sie das Haus. Draußen hörte man, wie der Vater die Lamas aus dem Pferch holte und die beiden Esel mit Werkzeug und Baumaterial belud.
Die Quispes gehörten nicht zu den Ärmsten im Dorf. Immerhin besaßen sie zwei Esel und sieben Lamas. Mit sieben Topos Land konnte man ganz gut leben. Ihr Hof lag an der Calle Túpac Amaru, der sogenannten ‚Hauptstraße’. Sie war nach einem tapferen Nachfahren der Inkas benannt worden. Túpac Amaru hatte vor mehr als zweihundert Jahren die Campesinos aufgerufen, sich gegen die spanischen Eroberer zu erheben. Er war mit hunderttausend Bauern in die Schlacht gezogen, war unterlegen und in Cuzco als Anführer der Aufständischen zum Tode verurteilt worden. Die Legende erzählt, dass die spanischen Eroberer seine Arme und Beine mit Seilen an vier Pferde banden, die ihn in vier Stücke reißen sollten. Doch als Túpac Amaru dieser Tortur widerstand, fühlten sie sich von ihm verhöhnt und schlugen sie ihm kurzerhand den Kopf ab. Er blieb das Symbol für den Freiheitskampf der Indios. Es gab in Peru kein Dorf, keine Stadt, in der nicht eine Straße nach ihm benannt worden wäre.
Über diese Straße verließ man das Dorf, um hinauf ins Hochland zu gelangen. Eigentlich war es mehr ein Trampelpfad. Toro war nur auf dem Rücken eines Maultiers oder Pferdes nach stundenlangem Ritt oder zu Fuß über eben diese Pfade zu erreichen.
Man betrat den Hof von Raúl Quispe von der Calle Túpac Amaru. Das Wohnhaus, das wie alle Gebäude hier aus Adobe, aus an der Luft getrockneten Lehmziegeln errichtet worden war, stand auf der rechten Seite des Grundstücks. Zur Straße hin bildete es eine fensterlose Mauer. Licht fiel nur von der Hofseite durch zwei kleine Fenster und die beiden Türen in den Wohnraum, der abends zum Schlafzimmer wurde. Der Schuppen, der als Lager für die Ernte und sonstige Vorräte diente, war im rechten Winkel dazu angeordnet und stand mit seiner Rückfront auf der Grenze zum Nachbarn. Das Küchenhäuschen hatte man einfach als Verbindung dazwischengeklebt. Eine etwa zwei Meter hohe Mauer schloss das quadratische Grundstück zum rückwärtigen Nachbarn und zur Calle Grau ab. Statt der üblichen Strohdächer hatten sich Quispes immerhin schon ein Dach aus Wellblech leisten können. Ansonsten unterschied sich Señor Quispes Anwesen nicht von denen der anderen Bauern im Ort.
Auf eines konnten die Bewohner von Toro allerdings stolz sein: Sie besaßen eine Wasserleitung! Auf jedem Hof gab es einen Wasserhahn mit fließendem Wasser. Andernorts mussten die Frauen das Wasser noch aus den Bewässerungskanälen schöpfen und in Eimern nach Hause tragen. Diese beschwerliche Arbeit gehörte in Toro glücklicherweise der Vergangenheit an.
Darauf war José besonders stolz, denn es war sein Vater gewesen, der den Plan gehabt und beim Landrat das nötige Geld dafür locker gemacht hatte. Raúl Quispe war seit vier Jahren Bürgermeister von Toro. Erst letztes Jahr war er wiedergewählt worden. Elektrischen Strom wolle er gerne noch ins Dorf bringen, sagte er immer. Aber das würde wohl fürs Erste ein schöner Traum bleiben. José wusste, dass er in einem armen Land lebte. Nicht einmal in den Städten konnte man in allen Häusern elektrisches Licht anschalten und Wasser aus einer Leitung fließen lassen. Warum sollte sich dann gerade in Toro das Leben innerhalb weniger Jahre zum Besseren wenden, hoch oben im Gebirge und weitab der Küste?
José brauchte noch nicht aufzustehen. Die Schule begann erst um acht, und wenn sie etwa eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang aufstünden, würde es immer noch reichen.
„Burro, asnu, lauf, asnu!“, hörte er seinen Vater im Hof die Esel antreiben. Das Schlagen der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster der Gasse bekam José nicht mehr mit. Er hatte sich seine Decken noch einmal über beide Ohren gezogen und war wieder eingeschlafen.
In Toro dauerte der Tag eigentlich zwölf Stunden, die Nacht auch. In der Regenzeit, also ungefähr von Dezember bis März, schien die Sonne bis zu einer halben Stunde länger, denn dann war auf der Südhalbkugel Sommer. Jetzt im Juli herrschte Trockenzeit, und da war es in den Anden nachts und morgens bitterkalt. Deshalb freute man sich jeden Morgen auf den Augenblick, an dem die Sonne über die mächtigen Bergflanken stieg, die hinter Toro nach Süden hin aufragten. Sehnsüchtig schauten sie oft zum Dorf auf der gegenüberliegenden Talseite, das schneller in den Genuss der Wärme spendenden Sonne kam. Wenn aber die ersten Sonnenstrahlen dann in den Hof fielen, spürte man ein wohliges Gefühl, und das Leben hier in den Bergen verlor für die Stunden bis zum Abend etwas von seiner Kargheit und Härte. Renzo, der zottelige Mischlingshund, war der erste, der die Sonnenstrahlen genoss. Er räkelte sich im Staub, der in einer hellen Wolke gegen das Licht des neuen Tages aufstieg. Auch im Haus regte sich wieder Leben. José war sich seiner Rolle als Haushaltsvorstand voll bewusst.
„Aufstehen, aufstehen, alles aufstehen!“, rief er durchs Haus. Er ging von Bett zu Bett und weckte seine vier Geschwister. Sie hatten am frühen Morgen nichts vom Aufbruch der Eltern und der kleinen Elda mitbekommen.
Weitere Kommandos brauchte José nicht zu geben. Jeder kannte seine Aufgaben. Die Mädchen zogen den vierjährigen Jesús an. José kümmerte sich um das Frühstück. Er warf Äste in die verbliebene Glut und rieb sich wohlig die Hände über den Flammen. Dann wärmte er die Suppe und den Tee auf. Am Wasserhahn auf dem Hof gab es ein Gedränge. Man musste doch ordentlich aussehen, wenn man in die Schule ging. Jeder machte seine Haare nass, kämmte sie, und das war dann auch schon die Morgentoilette.
Toro war im Grunde kein unbedeutendes Dorf. Es besaß immerhin einen Kindergarten, eine Primarschule und eine Sekundarschule. Von den umliegenden Weilern und verstreuten Höfen nahmen die Kinder weite, anstrengende Wege auf sich, um in Toro die Schule besuchen zu können. Bis auf Jesús, der noch in den Kindergarten ging, hatten alle ihre Schuluniform angezogen.
Für die Schule brauchten die beiden Mädchen und Mauro nicht mehr als zwei Hefte, eines zum Schreiben und eines zum Rechnen, und einen Bleistift. Bücher konnte sich hier niemand leisten. Der Lehrer pflegte unentwegt zu reden und alles Wichtige an die Tafel zu schreiben, die Schüler schrieben es ab und lernten es auswendig. So funktionierte hier der Unterricht. José besaß vier Hefte. Er gehörte nicht mehr zu den Grundschülern. Er besuchte die erste Klasse der Sekundarschule, und dort war der Stundenplan umfangreicher; immerhin so umfangreich, dass er zwei Hefte mehr benötigte.
Gemeinsam verließen sie den Hof. Sie bogen von der Túpac Amaru nach rechts in die Calle Grau, die leicht bergab führte. Nur Schulkinder waren um diese Uhrzeit unterwegs. Alle Eltern arbeiteten schon längst auf ihren Feldern. Nach einer Cuadra kamen sie in die Calle Bolognesi.
Mit einem kurzen ‚Chao’ und einem Winken ging José geradeaus weiter, während seine jüngeren Geschwister die Calle Bolognesi zum Kindergarten und zur Grundschule hinuntertrollten, die etwas außerhalb des Dorfes lagen. Dort besuchten Mauro, Teresa und Naty die zweite, dritte und vierte Klasse.
Für José und seine Geschwister sollte es wirklich ein ganz normaler Tag werden: Sie würden auf dem Schulhof klassenweise antreten, die Nationalhymne singen und sich dann zu dritt oder zu viert in eine der wenigen Bänke quetschen. Sie würden am Nachmittag ein paar Schularbeiten machen, anschließend müssten sich die beiden Mädchen wie immer mit Jesús beschäftigen. José und Mauro würden mit ihren Freunden auf dem staubigen Bolzplatz der Schule Fußball spielen oder mit der Steinschleuder auf Tauben schießen.
Die Mutter würde am Spätnachmittag die übliche Suppe kochen, der Vater sich noch im Rathaus mit dem Gemeinderat versammeln. Spätestens um halb sieben würde es dunkel werden und kalt, und alle würden die kuschelige Wärme der Alpacadecken und die Körperwärme dessen suchen, mit dem sie das Bett teilten: Teresa die von Naty, Jesús die seines Vaters, die kleine Elda die ihrer Mutter und Mauro die von José.
Es würde in Toro ein Tag vergangen sein wie dreihundertvierundsechzig andere im Jahr.
Es pochte dumpf an der Hoftür.
„Wer ist da?“, rief José.
„Der Briefträger! Ein Brief vom Landrat in Cotahuasi. Ist der Bürgermeister da?“
„Ja, einen Augenblick, er kommt schon!“, antwortete José.
Sogar ein Briefträger kam nach Toro. Allerdings nur zweimal im Monat! Josés Vater öffnete die Tür und nahm das Schreiben in Empfang. Während er zum Haus zurückging, überflog er die Zeilen, die aus der Kreisstadt angekommen waren. Je länger er las, desto ernster wurde sein Gesicht. Es schien sich um etwas äußerst Wichtiges zu handeln. José las im besorgten Blick seines Vaters die Stimmungen, die der Brief ganz offensichtlich auslöste.
„Ist etwas geschehen?“, wagte José eine vorsichtige Frage. „Du schaust so komisch, so ganz anders.“
Hatte sein Vater die Frage wirklich nicht gehört oder wollte er sie nicht hören? Señor Quispe ging ins Haus und wandte sich an seine Frau: „Nächste Woche muss ich nach Cotahuasi! Alle Bürgermeister des Kreises werden zusammengerufen. Wegen des ‚Sendero Luminoso’ ’’.
José bekam Angst, als er sah, wie seine Mutter bei diesem Namen zusammenzuckte. Sie ergriff dabei Ihre Schürze mit beiden Händen und presste sie gegen den Mund, als wollte sie einen Schrei ersticken.
Er hatte von den ‚Senderistas’, wie man die peruanischen Terroristen vom ‚Leuchtenden Pfad’ auch nannte, schon gehört. Trieben die nicht ihr Unwesen weit weg von Toro, in Lima und in den Anden weiter im Norden? Er verstand die Reaktion seiner Mutter nicht. Wieso hatte sie solche Angst bekommen? Für José hatten die Erzählungen über die Terroristen stets nur wie Abenteuergeschichten geklungen.
„Raúl, wie lange bleibst du fort?“, fragte Señora Quispe.
Achselzuckend entgegnete Josés Vater: „Ich weiß es nicht. Ein bis zwei Tage? Ich hoffe aber, heute Nacht wieder zurück zu sein.“
„Papa“, fiel ihm José ins Wort, „nimmst du mich mit nach Cotahuasi?“
José wusste gar nicht, wie er so plötzlich auf diese Idee verfallen war. Sie war ihm einfach in den Sinn gekommen und aus ihm herausgesprudelt. Sieben Jahre mochte es her sein, dass er in Cotahuasi gewesen war. Erinnerungen verband er keine mehr damit. Es war die Neugierde. In die Stadt wollte er und sehen, wie es dort zuging.
„Bitte, bitte“, bettelte er, „ich würde dich so gerne begleiten! Wir haben dann schon Ferien. Am 19. Dezember ist Schlussfeier, aber bis zum Samstag sind wir doch sicher wieder hier, oder?“
José redete und redete. Ihm musste offensichtlich sehr viel an dieser Reise liegen, denn zuvor hatte er noch nie so viele Worte auf einmal an seinen Vater gerichtet.
„Meinetwegen!“, entschied der Vater, sichtlich überrascht vom Eifer seines Sohnes. „Du kannst mich begleiten.“
José jubelte. Er war außer sich vor Freude und konnte den Montag kaum erwarten. Den ganzen Sonntagnachmittag war er damit beschäftigt, seine Sachen für die Reise zu packen. Dabei waren es gar nicht viele: eine Decke, eine Plastikfolie für den Regen, ein Stück harten Schafskäse und Cancha, den gerösteten Mais, der zum Käse gegessen wurde.
Im Morgengrauen brachen Vater und Sohn auf, jeder mit seinem Bündel auf dem Rücken und einem Esel am Seil.
Für die Jahreszeit war es recht kühl. Noch knappe zwei Wochen und der Sommer würde beginnen. Die Bauern hofften auf Regen und hoch oben bei den Vulkanen auf Eis und Schnee. Das würde in der Trockenzeit schmelzen und die Kanäle mit kristallklarem Wasser füllen. Aber im Moment sah es gar nicht nach Regen aus. Die Nacht war sternenklar gewesen. Jetzt, da die Landschaft in der Morgendämmerung ihre Farben und Formen zurückgewann, begann das Kreuz des Südens allmählich zu verblassen.
Schweigend gingen sie hintereinander her, nebeneinander ließ der schmale Pfad nicht zu. Unmittelbar hinter den letzten Häusern des Dorfes begann der Abstieg ins Tal. Im Zickzack führte der Weg bergab. Er war nie angelegt worden, sondern im Laufe der Jahre unter Tausenden von Füßen und Hufen entstanden. Mal ging er über Geröll, mal über Felstreppen, durch Wälder aus Säulenkakteen, an Feldterrassen und Bewässerungsgräben entlang. Der Weg wurde breiter, streifte einsame Gehöfte, schlängelte sich durch Eukalyptushaine, dann wieder zwängte er sich durch enge Felsspalten. Mensch und Tier aber marschierten ruhig dahin, kein Rutschen, kein Umknicken, keine Unsicherheit.
Gut eine Stunde waren sie jetzt unterwegs. Unten floss der Río Ocoña milchig grün dahin. Sein fernes Rauschen stieg eintönig zu ihnen empor. Die Luft war mild, viel milder als in Toro. José zog seine Jacke aus und verstaute sie in seiner Manta. Ab jetzt verlief der Weg parallel zum Fluss. Sie gingen flussaufwärts. Zwar zogen dicke, dunkle Wolken über das Tal und verhakten sich für kurze Zeit in den Bergspitzen, sie lösten sich jedoch rasch wieder auf und verflüchtigten sich, bis neue herantrieben. Es sah ganz so aus, als hätten José und sein Vater die Plastikfolie umsonst eingepackt. An der Bergflanke gegenüber trieben Licht und Schatten derweil ihr Spiel. Die weiß getünchten Häuser von Charcana erstrahlten immer wieder als hell aufleuchtende Flecken, wenn es der Sonne gelang, ihren grellen Lichtkegel zwischen den Wolken auf das Dörfchen zu werfen.
„José, sieh, dort hinten die Felder!“
Es waren die ersten Worte, die seit ihrem Abmarsch vor über drei Stunden gesprochen worden waren. Er zeigte nach unten, wo das Tal sich öffnete und in eine saftig grüne Oase verwandelte.
„Dort beginnt Cotahuasi.“
„Wie lange dauert es noch bis dahin, Vater?“
„Eine Stunde etwa. Es reicht noch gut. Wir brauchen uns nicht zu beeilen. Andere Bürgermeister haben einen noch viel weiteren Weg. Vorher können wir noch in der Stadt einkaufen. Ich brauche Zement für die Bewässerungskanäle.“
Für den Rest des Weges schwiegen sie wieder. José staunte nur so, als sie immer näher an Cotahuasi herankamen. Auch die Hänge waren übersät von hunderten Terrassenfeldern. Jeder Quadratmeter wurde genutzt. Land war hier ein besonders kostbares Gut. Die Sonne hatte die Wolken des Morgens völlig aufgelöst und erwärmte nun das Tal. Wellblechdächer reflektierten silbernes Licht. Was ist das für ein fruchtbares Tal, dachte José. Da wuchsen Mais und Gerste, Weizen und Zwiebeln. In Obstgärten blühten rosafarben Pfirsichbäume, dahinter erstreckten sich dunkelgrüne Luzernefelder und die Blüten der Papayabäume verbreiteten ihren aromatischen Duft.
Sie hatten die ersten Häuser von Cotahuasi erreicht. Viel anders als in Toro waren die Gebäude eigentlich nicht. Wohl etwas größer. Erst als sie auf die Plaza bogen, änderte sich das Bild. Beiderseits der Straße gab es einfache Läden. Autos fuhren auf löchrigen, aber immerhin asphaltierten Straßen hupend dahin. Indiofrauen hatten an den Bürgersteigen unter freiem Himmel kleine Restaurants aufgemacht. Von dort stiegen der Gestank von Petroleum und der würzige Duft von gebratenem Fleisch und Fisch auf und zogen über die ganze Plaza.
José lief das Wasser im Mund zusammen. Sein Vater hatte das wohl gemerkt. „Lass uns schnell zum Rathaus gehen! Ich muss wissen, wann die Sitzung genau beginnt. Danach genehmigen wir uns eine Forelle mit Bratkartoffeln.“ Die Vorfreude auf so ein Festessen war José anzusehen.
Das Rathaus lag genau auf der gegenüberliegenden Seite des Markplatzes. Sie nahmen den kürzesten Weg quer über den Platz, der im Schatten mächtiger Fikus lag.
„Hola, Raúl!“, rief es da vom Eingang des Rathauses herüber. „Wie geht es dir? Wie lange haben wir uns eigentlich nicht gesehen? Was macht die Familie?“
„Hola Pedro! Wie schön, dich zu treffen!“
Señor Quispe und sein alter Bekannter umarmten sich herzlich. Dann, während sie sich noch einander lange die Hände drückten, tauschten sie die Neuigkeiten mehrerer Monate aus.
Der Mann hieß Pedro Talavera und war Bürgermeister von Charcana, wohin die Sonne morgens immer zuerst schien. In sieben Stunden konnte man das Dorf von Toro aus erreichen.
„Wie sieht es bei euch mit dem Wasser aus?“, erkundigte sich Josés Vater interessiert.
„Schlecht, sehr schlecht! Seit Mitte November sollte es nun regnen, aber nichts!“, bestätigte Señor Talavera die Befürchtungen seines Freundes.
„Der Solimana hat kaum noch eine Eiskappe!“
