0,49 €
In Joris-Karl Huysmans' entscheidendem Werk "Gegen den Strich" entfaltet sich die Geschichte des ästhetischen Nihilismus und der inneren Zerrissenheit des Protagonisten Des Esseintes, der sich aus der Gesellschaft zurückzieht, um seinem Streben nach Schönheit und Sinnhaftigkeit nachzugehen. Der Roman ist in einem eindringlichen, detailreichen Stil verfasst, der den Leser in die komplexe Psyche des Protagonisten eintauchen lässt. Huysmans' Werk ist nicht nur ein literarisches Zeugnis der französischen Dekadenzbewegung des späten 19. Jahrhunderts, sondern auch eine Untersuchung der Widersprüchlichkeit zwischen Kunst und Leben, zwischen Sensualität und Spiritualität. Joris-Karl Huysmans, ein bedeutender Vertreter des Fin de Siècle, war ein Schriftsteller, der die Grenzen der literarischen Konventionen seiner Zeit herausforderte. Sein eigenes Leben, geprägt von einer Abkehr von den gesellschaftlichen Normen und einem tiefen Interesse an der Symbolik und Ästhetik, spiegelt sich deutlich in "Gegen den Strich" wider. Huysmans' Kunstverständnis und seine persönliche Auseinandersetzung mit dem Dekadentismus und der Religion durchdringen seine Texte und verleihen ihnen eine unverwechselbare Tiefe. "Gegen den Strich" ist ein unverzichtbares Werk für Leser, die sich für die Entstehung und Entwicklung der modernen Literatur interessieren. Es lädt dazu ein, die Grenzen zwischen Hiatus und Homogenität zu hinterfragen und regt zur Reflexion über die eigene Beziehung zur Schönheit und zum Ästhetizismus an. Huysmans' meisterhafte Erzählweise und seine philosophischen Einsichten machen dieses Buch zu einem herausragenden Erlebnis für jeden literarisch interessierten Leser. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Zwischen der Sehnsucht nach einer vollständig artifiziellen Existenz und der hartnäckigen Gegenwart des Unverfügbaren spannt Gegen den Strich jene schillernde Saite, auf der Huysmans die Frage nach dem Sinn eines ausschließlich ästhetisch entfalteten Lebens so lange vibrieren lässt, bis Lust in Müdigkeit, Empfindung in Überdruss und Ordnung in Verstörung umschlagen, ohne dass der Traum von Reinheit je ganz verstummt oder die Realität sich restlos verbannen ließe, sodass das Buch selbst zur Versuchsanordnung wird, in der Wahrnehmung, Geschmack und Einsamkeit gegeneinander gesetzt werden, um die Grenzen einer Kultur zu vermessen, die sich im Spiegel ihrer Reize erkennt.
Huysmans’ Roman, erstmals 1884 in Frankreich veröffentlicht, gilt als Schlüsseltext der literarischen Décadence und markiert zugleich eine Abkehr vom Naturalismus, dessen Verfahren der Autor zuvor erprobt hatte. Das Geschehen konzentriert sich auf den Rückzug eines dekadenten Aristokraten in ein Haus am Rand von Paris, in einer ruhigen, bürgerlichen Umgebung, die als Bühne für eine radikale Selbstinszenierung dient. Als Prosawerk zwischen Roman und essayistischer Meditation entfaltet Gegen den Strich ein Interieur der Ideen und Dinge, in dem das Außen – Stadt, Gesellschaft, Alltag – vor allem als Kontrastfolie erscheint, gegen die die Kunst des Lebens geschärft wird.
Die Ausgangssituation ist simpel und wirkungsvoll: Ein überfeinerter Einzelgänger zieht sich in die Abgeschiedenheit zurück, um seine Tage nach Maßgabe des Geschmacks zu ordnen. Aus dieser Konzentration auf eine einzige Figur entsteht ein Leseerlebnis, das weniger vom Ereignis als von Wahrnehmungsmodulation lebt. Der Ton ist kontrolliert, oft ironisch temperiert, zugleich von einer fast wissenschaftlichen Genauigkeit im Registrieren von Farben, Düften, Texturen. Wer folgt, betritt eine Folge von Räumen und Reflexionen, in denen Kunst, Literatur, Musik und Design nicht als Dekor, sondern als Apparatur der Selbstprüfung erscheinen, getragen von einer geduldigen, zugleich knisternden Erzählhaltung.
Formal setzt der Roman auf lange, verschachtelte Sätze, Kataloge des Begehrens und kunstkritische Abschweifungen, die den Fluss eher verdichten als beschleunigen. Die Erzählstimme bleibt nahe am Bewusstsein des Protagonisten und wahrt doch eine distanzierte Klarheit, die die Exzesse des Stils balanciert. Dabei entsteht ein paradoxes Tempo: statisch im Äußeren, dynamisch im Inneren, mit wechselnden Intensitäten von Kontemplation und Unruhe. Das Buch lädt zur langsamen Lektüre ein, bei der die Präzision des Ausdrucks und der Reichtum der Referenzen weniger prunken als prüfen, wie Sprache die Wahrnehmung formt und wie Geschmack zu einer existenziellen Disziplin werden kann.
Zu den zentralen Themen zählen die Spannung von Natur und Kunst, das Begehren nach künstlichen Paradiesen und die Ermüdung einer überreizten Sensibilität. Wiederkehrend sind Motive der Isolation, der asketischen Auswahl, des kontrollierten Exzesses und der prekären Herrschaft des Willens über den Körper. So wird die Einrichtung eines Lebensraums zu einer Ethik des Arrangements, in der jedes Objekt Bedeutung trägt und jedes Ritual Sinn verspricht. Gleichzeitig tastet der Text die Grenzen des Sagbaren ab, wenn er versucht, Feinabstufungen der Empfindung zu fixieren, und zeigt, wie nah Sublimierung und Erschöpfung in einer Kultur des Luxus beieinander liegen.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Werk relevant, weil es Fragen stellt, die unsere Gegenwart auf eigene Weise zuspitzt: Wie viel Gestaltung verträgt das Leben, bevor es zur Inszenierung erstarrt? Welche Rolle spielen Geschmack, Auswahl und Kuratierung in einer Welt überreicher Angebote? Die Figur des Rückzugs spiegelt Tendenzen zwischen Abschottung und Selbstsorge, zwischen Überforderung und dem Wunsch, Aufmerksamkeit zu bündeln. Die genaue Beobachtung von Medien des Genusses – von Büchern bis zu Objekten – lässt sich produktiv lesen als Reflexion auf Filter, Profile und designte Umgebungen, in denen Identität als Projekt fortlaufend eingerichtet wird.
Gegen den Strich empfiehlt sich somit weniger als Handlungserzählung denn als Labor eines Bewusstseins, das seine Grenzen im Experiment erprobt. Wer sich auf die geduldige Genauigkeit dieses Prosastils einlässt, erlebt eine Schule der Aufmerksamkeit und ein Dokument jener fin de siècle-Sensibilität, die noch heute als Diagnoseform moderner Müdigkeiten taugt. Zugleich bewahrt der Roman ein Moment nüchterner Selbstprüfung: Er zeigt, wie riskant die Reinheit der ästhetischen Idee werden kann, ohne die Anziehung ihrer Versprechen zu verleugnen. Darin liegt sein Reiz und seine Dauer – ein Text, der Maßstäbe des Geschmacks befragt, statt sie zu bestätigen.
Joris-Karl Huysmans’ Roman Gegen den Strich (frz. À rebours, 1884) entwirft das radikale Rückzugsprojekt des Aristokraten Jean des Esseintes. Ernüchtert von Gesellschaft, Erbe und Literatur seiner Zeit bricht er mit Paris und richtet sich in einer Villa außerhalb der Stadt ein. Er plant, die Welt nicht mehr zu erleben, sondern sie durch Kunst, Bücher und kontrollierte Empfindungen zu ersetzen. Der Roman folgt dieser Selbstversuchsanordnung chronologisch, weniger als Handlung denn als Abfolge innerer Stationen. Leitend ist der Konflikt zwischen Natur und Kunst, Lebendigkeit und Stilisierung: Kann ein vollkommen künstlich geordnetes Dasein die Wirklichkeit übertreffen oder wenigstens entbehrlich machen?
Zu Beginn etabliert des Esseintes sein ästhetisches Labor. Er gestaltet Räume, Farben und Beleuchtungen, komponiert Möbel und Stoffe zu einer strengen Harmonie, in der alles Zwecklose bevorzugt wird. Kostbare Gegenstände, seltene Materialien und minutiöse Arrangements sollen die Natur neutralisieren. Sogar Tiere und Pflanzen werden, sofern überhaupt zugelassen, in die Logik des Künstlichen eingepasst. Düfte, Steine, Metalle, Glasuren und Lacke bilden ein System feinster Reize, das den Alltag aufhebt. Dieser Aufbau markiert einen ersten Wendepunkt: Aus der Resignation entsteht eine positive, wenn auch abgekapselte Programmatik, die die Sinnlichkeit nicht unterdrückt, sondern in Willkür und Auswahl radikal verfeinert.
Parallel entwirft des Esseintes eine höchst selektive Kulturgeschichte. Er sichtet seine Bibliothek, bevorzugt späte, barocke und „dekadente“ Lateiner, hymnische Kirchenprosa und moderne Dichtung, die Klang und Bedeutung in dichten Texturen zusammenschweißt. Malerei und Druckgrafik schätzt er, wenn sie Vision, Mythos und Ornament bündeln; Musik, wenn sie suggestiv ist und körperliche Wirkung steigert. Gegner sind für ihn Realismus und nüchterne Beobachtung. Essayistische Passagen über Stil, Metapher, Übersetzung und Typographie strukturieren den Mittelteil. Die leitende Idee: Kunst soll nicht abbilden, sondern eine zweite, vorzugsweise übersteigerte Realität herstellen, die dem Einzelnen eine streng kuratierte Erfahrung ermöglicht.
Vereinzelt durchbrechen Episoden die reine Theorie. Des Esseintes testet Sinnesexperimente mit Likören und Parfums, inszeniert kulinarische Reihenfolgen und konstruiert Alltagsrituale als Kunstwerke. Erinnerungen an frühere Beziehungen und Versuche, Begehren als Experiment zu behandeln, zeigen sein Streben, Zufall und Affekt zu kontrollieren. Ein geplanter Ausflug ins Ausland wird zum Schlüsselereignis: Schon die Vorbereitungen sättigen seine Imagination derart, dass die tatsächliche Reise überflüssig erscheint. Der Entschluss, Erleben durch Vorstellung zu ersetzen, verfestigt sein Programm. Zugleich deutet sich die Gefahr an, dass die Welt im Kopf als Ersatz die Körperlichkeit nicht dauerhaft stillen kann.
Mit fortschreitender Isolation treten körperliche und nervliche Störungen stärker hervor. Schlaf, Verdauung und Kreislauf geraten aus dem Takt; ärztliche Ratschläge prallen an seinem Eigensinn ab oder werden ästhetisch uminterpretiert. Heilmittel, Diäten und Routinen werden zu neuen Versuchsanordnungen, die die Abhängigkeit vom Organischen ungewollt betonen. Zugleich intensiviert sich sein Interesse an religiöser Kunst und Liturgie. Er erwägt, ob die römische Kirche mit ihrer Symbolik, Rhetorik und Musik eine letztgültige Form der Stilisierung bietet, die nicht bloß Geschmack, sondern Sinn stiftet. Die Frage nach Glauben erscheint dabei eher als ästhetischer als als moralischer Prüfstein.
Je weiter des Esseintes die Kunst über das Leben stellt, desto deutlicher kollidieren Idee und Triebhaftigkeit, Form und Leib. Die Villa, als Schutzraum erdacht, wird zum Resonanzkörper der Beschwerden. Aus medizinischer und praktischer Notwendigkeit wächst der Druck, die Abgeschlossenheit zu relativieren. Der Roman spitzt den Konflikt zu, ohne eine befriedende Lösung vorwegzunehmen: Bleibt die Flucht ins Künstliche möglich, oder erzwingt die Endlichkeit des Körpers eine Rückbindung an Gesellschaft, Alltag und Kontingenz? Ein ambivalenter, von Zwang und Einsicht geprägter Moment entscheidet, wie weit das Experiment noch tragfähig ist und welche Kompromisse es verlangen könnte.
Gegen den Strich bündelt zentrale Motive der Décadence: Kult der Form, Feindschaft zur Natur, Überfeinerung der Sinne und intellektuelle Selbstprüfung. Statt dramatischer Handlung entfaltet das Buch eine Folge von Reflexionen und Miniaturen, in denen der Protagonist zum Kurator der eigenen Wahrnehmung wird. Der Roman wirkte als prägnantes Manifest einer Epoche und prägte Diskussionen über Ästhetizismus, Kunstreligion und den Preis radikaler Individualität. Seine nachhaltige Wirkung liegt in der offenen, provokanten Frage, ob Kunst als Lebensform tragfähig ist – und was vom Menschen bleibt, wenn er konsequent gegen den Strich der Natur lebt.
Joris-Karl Huysmans veröffentlichte Gegen den Strich (À rebours) 1884 in Paris, im Frankreich der Dritten Republik (seit 1870). Prägende Institutionen waren das republikanische Parlament, die zentralisierten Ministerien, die staatlichen Schulen nach den Jules-Ferry-Gesetzen von 1881/82 und die offiziellen Kunstsalons, gegen die sich alternative Ausstellungen formierten. Die katholische Kirche blieb gesellschaftlich einflussreich, stand jedoch in Konflikten mit der laizistischen Politik. Paris war durch Haussmanns Umbauten, neue Boulevards, Cafés, Warenhäuser und die PresseKultur des späten 19. Jahrhunderts geprägt. Literarisch dominierten Realismus und Naturalismus um Émile Zola, dessen Médan-Kreis Huysmans zunächst angehörte, bevor er sich mit diesem Buch abwandte.
Das literarische Feld der 1880er war von realistischen und naturalistischen Programmen geprägt, zugleich erstarkten Symbolismus und die sogenannte Décadence. Vorläufer wie Charles Baudelaire hatten den Ton gesetzt; Dichter wie Stéphane Mallarmé und Paul Verlaine verbreiteten neue, musikalische Formen. Huysmans, zuvor mit Zola in naturalistischen Sammelbänden vertreten, radikalisierte in Gegen den Strich die Abkehr vom Milieustudium: Stil, Interieur, Zitat und geschmacksästhetische Reflexion treten an die Stelle der sozialen Fallanalyse. Das Buch wurde bald als Schlüsseltext der Dekadenz-Literatur gelesen und prägte das Selbstverständnis jener Kreise, die Kunstautonomie, Künstlichkeit und raffinierte Empfindung über gesellschaftliche Nützlichkeit stellten.
Die Epoche war von Vertrauen in Wissenschaft und Technik, aber auch von medizinischen Debatten über Nervenkrankheiten bestimmt. In Paris lehrte Jean-Martin Charcot an der Salpêtrière über Hysterie; George M. Beard hatte 1869 den Begriff Neurasthenie geprägt. Degenerationstheorien, seit Bénédict Morel diskutiert und in den 1890ern von Max Nordau popularisiert, prägten Diagnosen der Moderne. Gegen den Strich spiegelt diese Diskurse in seiner genauen Beobachtung überreizter Wahrnehmung, diätetischer, toxikologischer und sensorischer Experimente sowie einer pathologisierenden Sprache. Ohne klinische Fallgeschichte zu sein, verhandelt der Roman mit zeitgenössischem Vokabular die Fragilität des modernen Subjekts zwischen Nervenerschöpfung, Erblichkeitsthese und therapeutischer Selbstbeobachtung.
Ökonomisch und materiell erlebte Frankreich den Aufstieg der Belle Époque: wachsende Städte, neue Verkehrsmittel, elektrisches Licht und ein expandierender Luxusmarkt. Grands magasins wie Le Bon Marché oder Printemps, Juweliere wie Cartier und Parfümhäuser wie Guerlain prägten Konsumstile. Welt- und Kolonialausstellungen 1878 und 1889 in Paris präsentierten exotische Waren, Pflanzen und Kunstgewerbe; der Japonismus befeuerte Sammlerleidenschaften. Gegen den Strich inszeniert Listen, Sammlungen und Kultivierung des künstlichen Milieus, die in dieser Konsumkultur verankert sind: kostbare Bände, seltene Essenzen, Treibhäuser voll fremdländischer Gewächse. Die Vorliebe für artifizielle Reize kontrastiert den bürgerlichen Fortschrittsoptimismus und spiegelt eine erlebnisorientierte Warenästhetik.
Religiös bewegten die 1880er in Frankreich Spannungen zwischen laizistischer Republik und katholischen Milieus. Die Ferry-Gesetze säkularisierten das Schulwesen; zugleich wuchsen Wallfahrten wie nach Lourdes (seit 1858) und Debatten um Ultramontanismus. Papst Leo XIII. förderte mit Aeterni Patris (1879) eine neuthomistische Erneuerung. Gegen den Strich reflektiert diese Konstellation durch sein Interesse an liturgischer Sprache, mittelalterlicher Mystik und asketischer Ästhetik, ohne konfessionelle Propaganda zu betreiben. Huysmans’ spätere, dokumentierte Hinwendung zum Katholizismus in den 1890ern verleiht diesen Motiven rückblickend Kontur. Parallel kursierten in Paris esoterische Strömungen; der spätere Salon de la Rose+Croix (ab 1892) zeigt die Faszination für sakralisierte Kunst.
Die ästhetische Leitidee l’art pour l’art, programmatisch bei Théophile Gautier, fand um 1880 internationale Varianten im britischen Aesthetic Movement um Walter Pater und James McNeill Whistler. Gegen den Strich positioniert sich darin sichtbar: Der Roman feiert Maler wie Gustave Moreau und Odilon Redon, deren symbolistische Bildwelten dem Text als Referenz dienen, und verteidigt literarische Feinheiten gegen utilitaristische Maßstäbe. Er setzt sich mit lateinischer Dichtung und französischer Lyrik der Moderne auseinander und spiegelt so die Vernetzung der Künste. Zeitschriften und Salons boten den Resonanzraum, in dem eine kunsttheoretische Debatte über Stil, Synästhesie und Suggestion als zeitgemäß empfunden wurde.
Erschienen 1884, provozierte das Buch eine heftige Rezeption: Naturalisten kritisierten die Abkehr von dokumentarischer Darstellung, während Symbolisten und Dekadente es begeistert aufnahmen. Zeitgenössische Kritiken schwankten zwischen Vorwurf der Morbidität und Bewunderung der stilistischen Konsequenz. Das Werk wirkte bald über Frankreich hinaus. In Großbritannien wurde es früh rezipiert; Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray enthält eine „vergiftende“ französische Lektüre, die häufig mit À rebours identifiziert wird. Huysmans’ Schritt weg vom Médan-Kreis markierte auch literarhistorisch eine Zäsur, an der sich die Diskussion über Mimesis, Autonomie der Kunst und die Grenzen des Naturalismus neu ausrichtete.
Historisch lässt sich Gegen den Strich als Kommentar zum fin de siècle lesen: Es bündelt die Spannungen zwischen positivistischem Fortschrittsglauben und Müdigkeit der Kultur, zwischen großstädtischer Moderne und Rückzug in das Artifizielle. Das Buch macht die Epoche der Dritten Republik sichtbar, in der Wissenschaft, Konsum und Medien wuchsen, zugleich aber Sinnstiftung und Geschmacksurteile neu verhandelt wurden. Als Scharnier zwischen Naturalismus, Symbolismus und Dekadenz zeigt der Roman, wie ästhetische Wahrnehmung selbst zum Gegenstand wird. Seine Wirkungsgeschichte bestätigt, dass er nicht nur eine Figur isoliert, sondern eine Zeit diagnostiziert – nüchtern, streitbar und mit präziser Kenntnis ihrer kulturellen Dispositive.
Wenn man nach den Porträts urteilen sollte, die im Schloss Lourps aufbewahrt werden, so müsste die Familie Floressas des Esseintes in alten Zeiten aus athletischen alten Haudegen und rauhen Kriegsmannen bestanden haben.
Gedrängt und eingeengt in ihre alten Rahmen, die sie mit ihren breiten Schultern gänzlich ausfüllen, könnten sie uns mit ihren starren Augen, den à la yatagans gedrehten Schnurrbärten und ihrer mit gewölbtem Panzer bedeckten Brust nahezu erschrecken.
So sahen die Ahnen der berühmten Familie des Esseintes aus; die Bilder der Nachkommen fehlen, da die Reihenfolge unterbrochen. Ein einziges Gemälde dient als Mittelglied, Vergangenheit und Gegenwart verbindend. Es war dies ein gar eigentümliches, schlaues Gesicht mit bleichen, schlaffen Zügen, die Backenknochen wie rot punktiert, das Haar wie angeklebt und von Perlen durchflochten, mit ausgestrecktem, geschminktem Hals, der aus den tiefen Falten einer steifen Krause hervortritt.
Schon auf diesem Bilde eines der intimsten Vertrauten des Herzogs von Epernon[1] und des Marquis d’O machten sich die Gebrechen einer untergrabenen Gesundheit wie der Einfluss des lymphatischen Blutes bemerkbar.
Der Verfall dieser Familie hatte zweifellos seinen regelmässigen Verlauf genommen; die Verweichlichung der männlichen Linie war immer mehr hervorgetreten, und als ob die des Esseintes das Werk der Zeit hätten selbst vollenden wollen, hatten sie während zweier Jahrhunderte ihre Kinder unter sich verheiratet, wodurch der Rest ihrer Kraft in naher verwandtschaftlicher Verbindung noch mehr geschwächt worden war.
Von dieser einst so zahlreichen Familie, welche fast das ganze Gebiet von Isle-de-France und Brie bewohnte, lebte nur noch ein einziger Nachkomme, der Herzog Jean, ein schmächtiger junger Mann von dreissig Jahren, blutarm und nervös, mit eingefallenen Backen, kalten stahlblauen Augen, gerader feiner Nase und dürren schmalen Händen.
Durch ein seltsames Vorkommnis der Vererbung hatte dieser letzte Sprosse eine ganz auffällige Ähnlichkeit mit dem Urahnen, von dem er den spitzen Bart von ausserordentlich hellem Blond und den doppelsinnigen Ausdruck des sehr ermüdeten und doch lebendigen Gesichtes hatte.
Seine Kindheit war eine traurige gewesen; bedroht von Skrofeln und heimgesucht von hartnäckigen Fiebern war er dennoch mit Hülfe frischer Luft und Pflege so weit gediehen, dass er die Klippen der Reifezeit überschritt. Von da ab hielten seine Nerven stand, so dass er, die Schwächen der Bleichsucht überwindend, es schliesslich bis zur vollständigen Entwickelung brachte.
Seine Mutter, eine sehr blasse Frau, still und schweigsam, starb an Entkräftung, während sein Vater einer unbestimmbaren Krankheit erlag, als Jean des Esseintes eben sein achtzehntes Jahr erreichte.
Von seinen Eltern war ihm nur eine Erinnerung verblieben, die einer gewissen Furcht, die jedes kindliche Gefühl erstickte. Seinen Vater, der fast immer in Paris lebte, kannte er kaum; und seine Mutter vermochte er sich nur in einem dunklen Zimmer des Schlosses von Lourps unbeweglich auf dem Schlummerbette liegend vorzustellen. Selten nur waren die Gatten vereint gewesen, und von jenen Tagen erinnerte er sich nur noch der gar einförmigen Zusammenkünfte, wo beide sich gegenüber sassen, zwischen sich einen Tisch, auf dem eine grosse Lampe brannte, die durch einen Lampenschirm tief verhängt war, da die Frau Herzogin weder Licht noch Lärm zu ertragen vermochte, ohne einer Nervenkrisis zu verfallen. Hier im Halbdunkel wechselten die Gatten wohl einige wenige Worte, bis der Herzog aufstand, sich verabschiedete und gleichsam erleichtert den nächsten besten Zug nahm, der ihn wieder nach Paris zurückführte. –
Bei den Jesuiten, zu denen Jean zur Erziehung geschickt wurde, fand er wohlwollend freundliche Aufnahme. Die Pater gewannen das Kind, dessen Fassungskraft sie in Erstaunen setzte, recht lieb. Dennoch aber vermochten sie nicht, es trotz all ihrer Bemühungen dahin zu bringen, dass es sich den geregelten Studien widmete. Wohl fand es Geschmack an gewissen Arbeiten, so dass es frühzeitig der lateinischen Sprache mächtig ward, dagegen war es aber unfähig, nur zwei Worte griechisch zu erklären. Es hatte durchaus keine Befähigung für das Erlernen der lebenden Sprachen und zeigte sich geradezu stumpf, sobald man sich bemühte, es in die Anfangsgründe der exakten Wissenschaften einzuführen.
Seine Familie kümmerte sich wenig um Jean; dann und wann besuchte ihn sein Vater auf einen Augenblick in der Pension: „Guten Tag! – Adieu! – Sei artig! Arbeite tüchtig!“ – dies war alles, was er zu hören bekam.
Die Sommerferien verbrachte er im Schlosse von Lourps; doch vermochte seine Gegenwart nicht, die Mutter ihrem träumerischen Zustande zu entreissen. Sie bemerkte ihn oft kaum oder betrachtete ihn während einiger Sekunden mit fast schmerzlichem Lächeln und versenkte sich dann wieder von neuem in die durch dicke Gardinen erzeugte künstliche Nacht.
Die Dienstboten waren langweilig und alt[1q]. Der Knabe, sich selbst überlassen, durchstöberte an Regentagen die Bücher der Bibliothek und streifte bei schönem Wetter in der Umgegend umher.
Seine grösste Freude war, in das kleine Thal hinunter zu gehen bis nach Jutigny, einem kleinen Dörfchen, das sich am Fusse der Hügel ausdehnte und aus wenigen kleinen Häusern und Hütten bestand, die, meist mit Stroh bedeckt, gleichsam aus dem Moos herauswuchsen. Er warf sich dann wohl auf die Wiesen im Schatten eines hohen Heuschobers nieder, dem dumpfen Geplätscher der Wassermühle lauschend, oder auch die frische Luft der Voulzie einatmend. Manchmal dehnte er seinen Spaziergang bis zum Torfmoor oder bis zu dem grünen und schwarzen Weiler von Longueville aus, oder er kletterte gar die Anhöhen hinauf, wo der Wind schärfer wehte und von wo er eine schönere Aussicht genoss. An der einen Seite hatte er unter sich das Seine-Thal, das sich in weiter Ferne mit dem Blau des Himmels mischte; an der anderen Seite hatte er den Blick hoch oben gen Westen auf die Kirchen und den Turm von Provins, welche in der Sonne und dem goldigen Luftstaub zu zittern schienen.
Er las oder träumte, in vollen Zügen die Abgeschlossenheit einsaugend, wohl bis zur Dunkelheit; und da er sich immer grübelnd denselben Gedanken hingab, so konzentrierte sich sein Geist, und seine bis dahin noch unbestimmten Ideen begannen vorzeitig zu reifen. Nach den Ferien kam er jedesmal nachdenklicher und störrischer zu seinen Lehrern zurück, denen diese Veränderung keineswegs entging. Scharfsinnig und schlau – durch ihren Beruf daran gewöhnt, die Seelen bis ins Innere zu ergründen – liessen sie sich durch seine aufgeweckte, doch unlenksame Intelligenz durchaus nicht hinters Licht führen. Sie erkannten wohl, dass dieser Schüler niemals zum Ruhme ihrer Anstalt beitragen werde; da aber seine Familie reich war und sich wenig um seine Zukunft bekümmerte, so verzichteten sie vollständig darauf, ihn auf den einträglichen Schulberuf hinzulenken, obgleich er gern diejenigen der theologischen Doktrinen mit ihnen erörterte, welche ihn durch ihre Spitzfindigkeit und ihren Scharfsinn reizten. Dachten sie doch nicht einmal daran, ihn für ihren Orden zu gewinnen; denn trotz aller ihrer Bemühungen blieb sein Glaube schwach, weil sie ihn, aus Klugheit und Furcht vor etwas Unvorhergesehenem, auch ruhig die Studien verfolgen liessen, die ihm eben zusagten, und andere dagegen vernachlässigen, damit ihnen sein selbständiger Charakter nicht durch die Plackereien weltlicher Studienlehrer noch mehr entfremdet werde.
So lebte er vollständig zufrieden, das väterliche Joch der Priester kaum fühlend, indem er mit seinen lateinischen und französischen Studien ganz in seiner Weise fortfuhr, und, obgleich Theologie nicht auf dem Schulplan stand, widmete er sich doch den Lehren derselben, deren Studium er bereits im Schlosse Lourps in der vom Urgrossonkel, dem Domherrn Prosper, dem vormaligen Prior der Ordensstiftsherren von Saint-Ruf, hinterlassenen Bibliothek begonnen hatte.
Als er die Erziehungsanstalt der Jesuiten bei seiner Grossjährigkeit verlassen musste, wurde er Herr seines Vermögens; sein Vetter und Vormund, der Graf von Montchevrel, legte ihm Rechenschaft über seinen Besitz ab. Die Beziehungen zwischen ihnen aber waren nur von kurzer Dauer, da es keinen Berührungspunkt zwischen beiden gab, weil der eine alt, der andere jung war. Aus Neugier, Langeweile und Höflichkeit setzte der junge Herzog dennoch eine Weile den Umgang mit der Familie fort. Er machte einige Besuche in ihrem Palais in der Rue de la Chaise; entsetzlich langweilige Abende, an denen die steinalten Verwandten sich über adelige Familien, heraldische Monde und veraltetes Ceremoniel unterhielten.
Mehr noch als diese vornehmen alten Damen hier erschienen ihm jene hochadeligen Herren, welche die Whisttische umsassen, als verknöcherte, höchst unbedeutende Menschen.
Die Nachkommen der alten Helden, die letzten Zweige der feudalen Geschlechter erwiesen sich dem Auge des Herzogs Jean des Esseintes nach Lüftung ihrer Maske meist nur als vom Katarrh geplagte arg verschrobene Käuze, die immer wieder dieselben faden Redensarten und hundertjährigen Phrasen im Munde führten.
Nachdem er einige Abende in solcher Gesellschaft zugebracht, fasste er den Entschluss, trotz aller Einladungen und Vorwürfe nie wieder dort hinzugehen.
Jetzt fing er an mit jungen Leuten seines Alters und seines Standes zu verkehren.
Einige von ihnen waren mit ihm in der Ordensschule erzogen und hatten durch diese Erziehungsweise gleichsam einen besonderen Stempel aufgedrückt erhalten. Sie gingen regelmässig zur Messe, beichteten zu Ostern, besuchten die katholischen Kreise und hielten jeden ihrer Angriffe, die sie auf schöne Mädchen niedergeschlagenen Auges unternahmen, geheim wie ein Verbrechen. Es waren dies meist geistlos unselbständige Zierpuppen, welche die Geduld ihrer Lehrer ermüdet hatten, die aber trotzdem ihren Wünschen soweit nachgekommen waren, sie in der menschlichen Gesellschaft als gehorsame und fromme Wesen hinzustellen.
Die andern, meist Schüler der Staats-Gymnasien, waren weniger Heuchler, sondern im allgemeinen freier, aber sie waren weder interessanter noch aufgeweckter als jene. Sie liebten die Vergnügungen jeder Art, waren grosse Freunde der Operette und des Turfs, waren an jedem Spieltisch zu finden, ihr Vermögen auf Pferde und Karten verwettend.
Nach Verlauf eines Jahres war der junge Herzog dieser Gesellschaft müde und überdrüssig. Ihren Ausschweifungen sich hinzugeben, die sie ohne Unterscheidung, ohne fieberhafte Vorbereitung, ohne wirkliche Wallung und Aufregung des Blutes und der Nerven durchmachten, erschien ihm mehr als flach und geradezu gemein.
