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"Geh immer weiter" handelt von einem Mann der sich aufgemacht hat Gott näher zu kommen. Einem Suchenden. Doch es ist kein leichter Weg den er zu gehen hat. Er muss große Strapazen auf sich nehmen. Wochenlang. Im Innen und Außen mit sich kämpfen. Und immer weitergehen. Er muss sterben um neu zu beginnen. Doch er erreicht sein Ziel. Wenn auch auf so ganz andere Weise als gedacht. Nach einer Zeit der Qual wird ihm Offenbarung zuteil. Er erlebt die Liebe Gottes auf sehr ungewöhnliche Weise. Was alles verändert. Doch das Ende des Weges ist erst der Anfang. Dieser Suchende bin ich.
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Michael Stubbings
Geh immer weiter
Qual und Offenbarung am Jakobsweg
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
VORWORT
VORBEREITUNGEN
DER TAG DER ANREISE
DER AUFBRUCH
GOTT HAT MICH HERGEFÜHRT, ODER?
SCHMERZ ALS OPFER
IN`S PILGERN FINDEN
VERZWEIFLUNG
MEHR PRÜFUNGEN
EIN NEUBEGINN
MANCHMAL MUSST DU MITTENDURCH!
STERBEN
BEGEGNUNGEN
WENDEPUNKT
BEICHTE UND WANDLUNG
DIE VERKLÄRUNG
EINGEBUNGEN
GESCHENKE – DER RUF
EIN WUNDER
DAS ENDE
LICHT IN DER DUNKELHEIT
AUSHALTEN
EPILOG
DIE JAKOBSWEG METHODE
Impressum neobooks
„Wenn einem die Gnade einer starken Gotteserfahrung geschenkt wird, dann ist es so, als würde man etwas Ähnliches wie die Jünger bei der Verklärung erleben:
Einen Augenblick lang hat man einen Vorgeschmack auf das, was die Seligkeit des Paradieses sein wird. Normalerweise handelt es sich um kurze Erfahrungen, die Gott manchmal gewährt, vor allem im Hinblick auf harte Prüfungen.“(Papst Benedikt XVI)
Das Buch zu schreiben wurde zu meinem Auftrag.
Dieser Weg hat mein Leben verändert. So tiefgreifend wie ich es nie für möglich gehalten hätte.
Erst in der Rückschau meines Caminos und innerhalb der Jahre nach Rückkehr bis zum heutigen Tage hat sich vieles gezeigt:Mir wurde bewusst, wie sehr ich die meiste Zeit am Jakobsweg im „Hier und Jetzt“ in Achtsamkeit verbracht habe. Aufmerksam war. Wenig in der Vergangenheit oder Zukunft.
Der Dalai Lama meint: „Die zwei einzigen Tage an denen im Jahr nichts zu tun ist, sind Gestern und Morgen.“
Die Einsichten und „Geschenke“ die ich erhalten habe, haben die Strapazen 100-fach aufgewogen. Am Weg selber hatte ich allerdings Schwierigkeiten meine Veränderungen zu erkennen. Ich schätze, dass 80% davon erst nach dem Camino aufgetreten sind oder zumindest für mich spürbar wurden. So hat für mich erst vieles später Sinn gemacht, auch wenn ich vielleicht nie alles verstehen werde, was genau in mir und mit mir geschehen ist.
Ich habe mich nach dem Weg mit 40 Jahren ganz bewusst Firmen lassen was ein tiefgehendes Erlebnis der besonderen Art für mich war. Klöster und Kirchen und deren kontemplative Atmosphäre haben es mir besonders angetan. Ich habe in einer Pfarre in Niederösterreich, der ein wunderbarer Priester und Freund vorsteht, eine geistliche Heimat gefunden.
Krankheit wurde mir am Camino abgenommen und ich bin einfacher geworden. Meine Eltern behaupten gar ich würde anders sprechen.
Nebst dem Verkauf meines halben Haushaltes und meiner ganzen Unterhaltungselektronik fahre ich nun nicht mehr Sport,- sondern Kleinwagen und bin aus einem teuren Einfamilienhaus mit Garten am Bisamberg ausgezogen. Mein Weg führte mich in monatelange Klausur in ein Benediktinerstift und danach in Einsiedelei. Ich habe Exerzitien durchlebt und den theologischen Kurs abgeschlossen.
Was manchen Menschen, speziell denen die mich vorher kannten, schwierig begreiflich zu machen ist, dass das Loslassen der obengenannten Dinge für mich keinen Verzicht, sondern eine Erleichterung darstellt. Ich möchte gar nicht mehr zurück in mein altes Sein. Dinge tragen zu müssen, die ich gar nicht brauche. Besitz bindet. Ich brauche niemanden mehr mit Materiellem zu beeindrucken.
Dies zu verstehen bedarf einer weitreichenden Auseinandersetzung mit sich selbst wie sie auf dem Jakobsweg möglich ist. In einer Pilgerschaft wird man besonders intensiv mit sich konfrontiert. Wenn man es zulässt. Was zählt wirklich in meinem Leben? Warum lebe ich oder besser gesagt wofür oder für wen?
Was aber ist zum Wichtigsten geworden? Ich habe zu Gott gefunden. Eine Sehnsucht und ein Gefühl der Liebe hat er in mir geweckt, die so stark ist wie kein Gefühl, welches ich in meinem bisherigen Leben kennengelernt habe. Immer wieder spüre ich diese Freude, diesen inneren Frieden. Diese Gnade genau zu beschreiben ist mir nicht möglich.
Allen, die ernsthaft auf der Suche nach Gott sind, wird er entgegengehen. Daran glaube ich.
Für mich ist es ein Akt der Gnade, daß ich den Weg nach Santiago de Compostela vollenden durfte.
Ich bin sicher, dass ich den Weg ohne ihn nicht geschafft hätte. In allen Prüfungen und Verzweiflungen die ich zu bewältigen hatte, hat er mich gestützt, mir den Rucksack an so mancher Stelle leicht gemacht und mich immer weitergehen lassen. Er hat mich durchgerüttelt um aus mir einen reiferen Menschen zu machen. Einen Menschen, der nun noch mehr für andere zur Stütze werden kann. Dies versuche ich in Vorträgen und Coachings spürbar werden zu lassen.
Ich bin zutiefst mit Dankbarkeit erfüllt und sehne mich zurück. An den Ort wo ich frei war. Mit Gott.
Nehmen Sie sich Zeit für den Weg der für Sie spürbar wird. Für Gedanken, die in Ihnen auftauchen und wahrgenommen werden wollen.Der Weg des Lesens wird in Ihnen möglicherweise auch Widerstände auslösen. Doch würden Sie den Jakobsweg vorzeitig abbrechen wollen?
Gehen Sie immer weiter…
Michael Stubbings
-Wenn Du etwas nicht aus eigener Kraft schaffst, fängst Du an zu glauben-
Obwohl ich weiß was ich durchgemacht habe würde ich noch einmal losgehen…
Die Kompassnadel meines Lebens war nicht mehr genordet und die Segel meines Schiffes schienen schwach in einer lauen Brise zu flattern. Ich habe in meinem Leben bereits vieles erleben dürfen, habe Ausbildungen gemacht und mich immer wieder bewusst selber verändert. Die berufliche Grundausrichtung „Sozialfeld“ habe ich schon vor langer Zeit eingeschlagen. Dennoch trieb ich kurz vor meinem 40. Geburtstag recht unzufrieden dahin. Etwas fehlte. Unklarheit in Beruflichem und Privatem war in mir. Als Midlife Crisis hätte ich es nicht bezeichnet, da ich vor dem anstehenden runden Geburtstag keine Angst verspürte und es mir nicht wirklich schlecht ging. Und doch war da diese Unzufriedenheit in der statistischen Lebensmitte, ein Symptom für den Wunsch nach Etwas. Einer Neuausrichtung. Vielleicht einem Neuanfang?
Für einen hochsensitiven Mann wie mich war der Jakobsweg eine besondere Herausforderung. Hochsensitiv zu sein bedeutet Licht und Schatten gleichzeitig. Man nimmt an, dass 10-20% der Bevölkerung in ihrer Persönlichkeit so ausgerichtet sind. Literatur ist erst wenige Jahrzehnte verfügbar weshalb das Phänomen noch nicht flächendeckend bekannt geworden ist. Einerseits haben alle HSP (High-sensitiv-person) eine feinere, ganzheitlichere Wahrnehmung über ihre Sinne und sind auch intuitiver und medialer ausgelegt. Sie sind sehr empathisch und fallen mit einer hohen kommunikativen und vermittelnden Kompetenz auf, da sie spüren was in ihrem Gegenüber „los ist“. Es sind besonders viele hochsensitive Menschen in sozialen Berufen anzutreffen.Durch ihre Eigenart komplexer und tiefer zu reflektieren scheinen sie allerdings auch mehr Probleme bewältigen zu müssen. Mehr Rückzug und eine stressfreie Umgebung sind für HSP besonders wichtig, da sie durch ihre Reizoffenheit bei einem zu viel an Informationen sehr deutlich zur Erschöpfung neigen. Dies führt daraufhin im Außen zu einer vehementen Abgrenzung um sich zu schützen um wieder regenerieren zu können. Da sie Lärm-, Schmerz-, und Temperaturempfindlicher sind müssen sie sich eine für sie passende Lebensumgebung schaffen.
Schmerzen und schlimme Situationen vergisst oder verdrängt der Mensch normalerweise. Wir wissen zwar, dass wir sie erlebt haben doch sie verhindern nicht, dass Frauen ein zweites Kind gebären oder wir uns noch einmal auf den Jakobsweg machen.
„Den Jakobsweg gehen“. Diesen Gedanken trage ich seit etwa 15 Jahren in mir. Zwar hab ich nie genau gewusst, was das eigentlich heißt, doch die Faszination war immer da. Mein spirituelles Interesse, aus dem möglicherweise die Idee entstammt den Jakobsweg zu gehen, wurde bereits Ende der 1990er Jahre durch ein Seminar bei einem Mann namens Art Reade geweckt. Er, verwurzelt in einer indianischen Familie, war derjenige der mir das erste Mal Gott oder „the Boss“ wie er ihn nannte, näherbrachte.
Aus meiner Kindheit kann ich mich was Kirche und Glauben angeht nur an die Erstkommunion erinnern. Mein Bruder und ich wurden, sagen wir, sehr freilassend im christlichen Glauben erzogen. Es war bei uns kein besonderes Thema. Ab und zu war ich in der Kirche, schämte mich aber beim Mitsingen. Beim Friedensgruß wildfremden Menschen die Hand zu schütteln war mir peinlich. Ich verspürte in der Kirche keine besondere Regung in mir. Das Thema Gott und Glauben war mehr oder weniger weit von mir weg, doch nie gänzlich uninteressant. Was meine Meinung über die Kirche anging, hatte ich dieselbe wie viele andere auch. Eine Mainstream Meinung. Gebildet aus Hören-sagen und Zeitungs- und Fernsehberichten. Besonders viel Gutes war wohl nicht dabei.
Die Heavy-metal Musik die ich als Jugendlicher hörte und deren Texte und Bilder haben mich auch später, nach vielen Jahren nicht losgelassen. Obwohl die CD`s schon lange entsorgt waren, habe ich das Gespräch mit einem Priester gesucht um mich zu erkundigen ob die Beschäftigung mit dieser negativen Seite unbewusste Auswirkungen auf mich haben könnte. In dem Gespräch hat mich der Priester, mein heutiger geistlicher Begleiter und Firmpate, beruhigt. Er sagte, solange ich mich mit diesen Sachen nicht mehr beschäftige und mich auf die Seite des Lichtes stelle, sei alles gut. Das Licht vertreibt den Schatten. Es war eine Art Beichte für mich. Er gab mir den Segen und ich war froh dieses Kapitel abhaken zu können.
Aber auch nach dieser Geschichte die erst wenige Jahre zurückliegt, fand ich keinen Zugang zu einem tieferen Glauben. Obwohl ich mich schon sehr lange als suchend empfunden habe. Heute nehme ich an, dass Gott mir eine Möglichkeit eingeräumt hat doch noch einen Weg zu finden. Auf dem Jakobsweg. Meinen Weg. Dem Weg meines Lebens.
Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2016 kam das Thema in ungewohnt starker Präsenz in mir hoch. Sachlich habe ich gelernt, dass es nicht nur einen Jakobsweg gibt sondern viele, die sich durch ganz Europa ziehen. Außerdem ist nicht der Apostel Jakobus diese Wege gegangen sondern wir gehen diesen Weg zum Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela. Wir Pilger.
Und so verdichteten sich die inneren und äußeren Anzeichen, dass es soweit war. Im Job ging es sehr mäßig, meine Paarbeziehung erlosch, ich fühlte kein Ziel mehr und war unzufrieden. Mein Leben war keine Katastrophe, doch eine innere Unruhe befiel mich. Immer mehr spürte ich, dass mich der Weg rief. Oder war es Gott der mich am Weg haben wollte? Ich spürte etwas in mir, dass schwierig zu beschreiben ist. Nachdem ich gedanklich im Kopf das Szenario durchgespielt hatte, etwa 6 Wochen unterwegs zu sein, fragte ich vorsichtig bei meinen Freunden an, was sie denn davon hielten. Zu meinem Erstaunen, waren alle von meiner Idee begeistert. In mir geriet etwas immer mehr in Fahrt. Wie etwas das endlich gelebt werden will. Das heraus will.
Dinge die sein sollen flutschen. Und es flutschte. Die äußeren Umstände, die Argumente mit denen die meisten Abwinken würden (Keine Zeit, kein Geld, Familie) waren bei mir kein Problem. Alles trichterte sich um mich herum. Ich sollte anscheinend auf den Camino Francès. Ich wurde sicherer es tun zu wollen.
Dann sagte ich es meiner Familie. Als ich es ihnen bei einem Familienfest in einem Restaurant erzählte, hatte ich Tränen der Freude und der Rührung in den Augen. Ich glaube da hatte mich der Weg bereits. Ich rechnete mit „naja, aber hast Du Dir das auch gut überlegt“? Gekommen sind nur gute, zustimmende Worte. Als hätten sie es immer gewusst, dass ich mich eines Tages auf den Weg machen würde. Sie haben gespürt, dass dies für mein Leben elementar sein könnte. Über ihre Reaktionen habe ich mich sehr gefreut. Es ist besser und angenehmer Rückenwind in den Segeln zu haben auch wenn mir klar war, dass dieser Ruf nun nicht mehr ausgeschlagen werden konnte.
So war ich also bereits am Jakobsweg angekommen ohne Hagenbrunn verlassen zu haben. Ich fokussierte mich bereits, ohne es zu wissen.
Eines der Dinge die ich aber intuitiv wusste, war: ich schreibe ein Tagebuch. Es wird einiges passieren und das sollte schriftlich festgehalten werden. Für mich, für die Nachwelt, für wen auch immer.
Komischerweise hatte ich in den folgenden Wochen bis zum Abflug immer wiederholend denselben Traum: Ich sitze in der Schule. Mal mit jüngeren Kameraden, mal mit gleichaltrigen. Doch immer war ich Schüler. Einmal sagte die Lehrerin etwas von „Disziplin“. Da mir seit langem meine Traumanalysen wichtig sind und ich weiß, dass speziell Träume die sich wiederholen etwas zum Ausdruck bringen, habe ich mir überlegt, dass ich wohl in den kommenden Wochen wieder Schüler sein werde. In der Schule des Lebens. Ein Schüler der seine Prüfungen zu machen hat und Disziplin lernen darf. Oder muss. Also schreibe ich mir diese Lektion in mein erstes kleines Heftchen. Mein Tagebuch.
Von meiner Entscheidung den Camino zu gehen bis zum Abflug waren es nur etwa vier Wochen. Da ich mich selbst eher als mittelprächtig sportlich eingeschätzt habe, konnte das nur heißen, ran ans Training! So viel bergauf gehen zu müssen ohne Kondition ließ eine gewisse Besorgnis in Erscheinung treten.
Ein freundlicher Physiotherapeut erklärte mir aufbauenderweise am Telefon, dass ich wohl die doppelte Zeit bräuchte um ordentlich frische Fasern auf die vorhandenen Muskeln zu bekommen und um meine Pumpe auf die kommende Belastung vorzubereiten. Tja, das mochte wohl stimmen aber verschieben kam nicht in Frage. Es gab nur einen Zeitslot. Die Zeitgrenze des Gehens bis in den November, wo die Temperaturen schon sehr sanken und viele Herbergen bereits geschlossen haben, war kurz. Jetzt oder nie.
Ende August wagte ich den ersten Test. Einen vorsichtigen. Zehn Kilometer mit einem Kilogramm am Rücken. Heute klingt das lächerlich, vor allem das eine Kilo, doch es zeigt meine damalige Kondition. Es war ein Anfang.
Zwischendurch fing ich an mir meine Sachen die ich fürs Gehen brauchte auf einer bekannten Plattform im Internet zu bestellen. Und das war einiges.
Ich hatte ja nichts, Wandern hatte in meinen Ohren immer einen schönen Klang, doch wirklich machen? Packlisten habe ich im Internet genügend gefunden. Der „Jetzt Bestellen“ Button im Internet glühte. Sportunterhosen und Socken aus Plastik? Na klar, was nutzt mir gemütliche Baumwolle wenn sie nicht schnell trocken wird? Schuhe hab ich unzählige in Geschäften anprobiert und wusste „die noch einzugehen wird sich kaum ausgehen“. Ich entschied mich für ein Paar, das sehr gut am Fuß saß. Drei Wochen hatte ich dieses bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit an um sie nur ja ein wenig weichzukochen.
Stöcke, Handtuch, Hosen, Schlafsack aber auch Dinge wie Flugtickets und ganz wichtig mein Pilgerpass, mein „Credencial del Peregrino“ mussten besorgt werden. Doch gut organisiert war ich schon immer und die Erledigungen waren rasch abgeschlossen.
Dazwischen standen immer wieder Trainingsläufe am Programm. Meine Feuertaufe und mein „wenn ich das schaff, dann kann ich es schaffen“ Walk war einmal rund um den Bisamberg mit fünf Kilo am Rücken. Start war in Wolfsbergen, meinem Wohnort. Mein erstes Ziel war ein Abstecher zu meinem besten Freund, der mir Rucksack und Stöcke borgen wollte. Am Weg frage ich meinen Körper: „ist es nicht schön zu gehen, ist es nicht herrlich so sein zu können? Willst Du mit mir gehen? Die Antwort aus meinem Innern war ein klares „Ja!“.
Dooferweise habe ich mir, da ich es ja richtig wissen wollte, einen super sonnigen Tag für die Generalprobe ausgesucht. Kapperl hatte ich zwar am Kopf, doch das hat leider nur wenig gebracht. Ein kleiner Sonnenstich am Abend war das Ergebnis. Inklusive einer üblen Migräne. Über dem Badewannenrand hängend habe ich den Abend verbracht. Doch: Geschafft hab ich den Probelauf und die Kampfspuren vergehen. 20 Kilometer. Diese Zahl sollte sich als mein späteres Tagesetappenziel in Spanien herausstellen.
Mein rechtes Knie tat mir die ganze Zeit über mehr oder weniger weh. Vielleicht sollte ich nocheinmal zum Orthopäden gehen? Stelle sich einer vor das Knie macht nicht mit. Auf seiner Untersuchungsliege in gespannter Erwartung seines Befundes hat der Herr Doktor vehement an meinem Knie herumgedrückt. Noch viel schlimmer, er hat mit dem Finger neben der Kniescheibe mehrmals fest hineingedrückt. Vielen Dank auch. Jetzt tut das Knie erst richtig weh.
Doch seine Diagnose lautete: Er hat nichts gegen eine Weitwanderung einzuwenden, mahnt aber ein ich solle bei Bedarf Schmerzmittel zu mir nehmen und langsam losgehen.
Meine Internistin möchte mich übrigens noch einmal auf`s Ergometerradl setzen. „Zu meiner eigenen Beruhigung“, wie sie sagte. Wie mich Ihr Befund „mäßige Leistungsfähigkeit bei 175 Watt“ beruhigen sollte blieb mir allerdings ein Rätsel. Sie gibt ihr OK und damit habe ich meinen ärztlichen Sanktus.
Bald darauf ist auch der Flug gebucht. Es wird ernst. Das merke ich auch daran, dass immer mehr Pakete mit Bestellungen bei mir eintreffen. Es ist wie Weihnachten. Tolle, neue Sachen packe ich aus. Alles Profisachen die ich brauchen werde. Gut, nicht alles Profisachen. Manches muss aus finanziellen Gründen eben mit dem Prädikat „Amateur“ auskommen.
Mein Training geht unterdessen weiter. Die Kniescheibe knirscht weiterhin beim Zimmerfahrradfahren. Nach einer dreiviertel Stunde radeln ist mir außerdem regelmäßig der Allerwerteste eingeschlafen. War aber auch fad.
Inzwischen sind es nur noch zwei Tage bis zum Abflug und meine Nervosität steigt. Werden die schönen Dinge die Unwegbarkeiten und Entbehrungen aufwiegen?
Wieviel des Alltagslebens kann ich hinter mir lassen? Was werde ich erleben? Was werde ich lernen?Gut, dass ich mir nur das Notwendigste im Internet durchgelesen habe. So bin ich unbeschwerter und kann mich ganz überraschen lassen.
Ich sitze am Gare de Bayonne in Frankreich und habe einen guten Teil der Anreise bereits hinter mir. Zuhause konnte ich nach einer kurzen und tränenreichen Verabschiedung alles gut hinter mir lassen. Georg, mein bester Kumpel, hat mich um 4:45 in der Früh abgeholt. Das ist Freundschaft. Ich habe meine Haustür zugemacht und mich nicht mehr umgedreht. Ich habe alles so hinterlassen, dass es in Ordnung ist. Beruflich und Privat. So glaubte ich.
Ein gemeinsamer letzter „Caramel Macchiato“ bei einer beliebten Cafehauskette am Flughafen und eine berührende Verabschiedung. Auch hier…kein Umdrehen mehr. Kein Zurückschauen. Nur noch nach vorne.
Ich habe mich von allen Freunden und meiner Familie in einer Art und Weise verabschiedet, die mir selbst ein wenig Angst gemacht hat. Ich dachte, ich könnte vielleicht am Camino sterben. Meinem letzten Weg. Wenn dem so war, dann sollte es so sein. Selbst das habe ich in Kauf genommen. Ich musste dorthin.
Am Gate checke ich mein Befinden. Ich bin nervös, angespannt, habe Respekt vor dem was da kommt obwohl ich keine Ahnung habe was mich erwartet. Angst habe ich keine. Er hat mich gerufen und ich komme.
Einendhalb Stunden mit der Fokker 70 waren angenehm. Keine Spur von Flugangst, die mich so manches Mal in der Vergangenheit gequält hat. Mein Leben in dieser Situation an Gott zu übergeben beruhigt ungemein. Warum sollte er mich auch vor dem Camino abstürzen lassen?
Zwischenlandung in Genf. Eine Stunde Wartezeit und weiter ging`s. Das erste Mal in meinem Leben mit einer Propellermaschine. Beim Aussteigen stehen einige Passagiere mit mir im Gang, wartend das die Türe des Flugzeugs geöffnet wird. Da quatscht mich ein Typ mit herrlich amerikanischem Dialekt von rechts fragend an: „You go the camino?“
Mein Ziel sieht man mir sichtlich an in meiner petrolblauen Wanderhose und meinen neuen Trekkingschuhen. Ein sympathischer Typ. Das wird sicher lustig werden.
In Biarritz angekommen hocke ich nun nach einer halben Stunde Busfahrt am Bahnsteig und warte auf die Zugverbindung nach Saint Jean Pied de Port. Meinem Anfang und heutigem Ziel.
Neben mir ein heftig auf französisch streitendes Paar. Ich denke mir „Gott sei Dank verstehe ich nichts von dem was die sich entgegenknallen“. Rechts von mir ein Obdachloser der, lautstark Selbstgespräche führend, im öffentlichen WC verschwindet. Gott sei Dank verstehe ich auch den nicht. Es rumort von drinnen heraus. Was macht der da bloss?
Das pralle Leben schon hier. Meine Wahrnehmung ändert sich. Ausgestiegen aus meinem bisherigen Leben bin ich schon. Ich merke zu dem Zeitpunkt bereits, dass ich mich in einen anderen inneren Modus begeben habe. Offener. Mutiger. Interessierter was da ist. Vor allem spüre ich eine Art von Freiheit. Wochen habe ich vor mir, in denen ich unterwegs bin und mich um nichts aus der Kategorie „Alltag“ kümmern muss. Ein herrliches Gefühl.
Ich sehe immer mehr Pilger am Bahnsteig ankommen, mit ihren bunten Rucksäcken. Die meisten wahrscheinlich genauso ahnungslos wie ich was da auf sie zukommen wird. Jetzt noch eine Stunde Zugfahrt und wir sind da.
Nach einer Fahrt durch eine wunderschöne Landschaft hält der Zug. Unzählige Personen mit Rucksack steigen aus. Es wird die erste Pilgerkarawane der ich mich anschließe. Zuerst einmal zum Pilgerbüro. Mir meinen ersten Stempel holen, Wetternews und Höhenprofil begutachten. Die morgen auf mich zukommende Steigung verdränge ich lieber erstmal.
Die erste Nacht wollte ich noch einmal in einem Einzelzimmer verbringen. Ich hab`s noch nicht geschafft, mich in dieser mir so neuen Situation mit zehn anderen in einen Raum einer normalen Pilgerunterkunft zu zwängen. So checke ich nur wenige Meter neben dem Pilgerbüro in eine private Pension ein. So 2-Stern würde ich sagen.
„Private Pension“ wird über den gesamten Weg bedeuten, dass es Gästezimmer gibt und der Inhaber im selben Haus wohnt, sich aber sichtlich nicht dieselben Sanitäranlagen teilt. Diese waren hier skurrilerweise am Balkon im Freien untergebracht. Auch die Dusche. Mit einer lustigen Zeitschaltuhr. Unerreichbar von der Dusche aus. Völlig klar, dass es nach wenigen Minuten hinter mir „klick“ macht und ich eingeseift im Stockdunkeln stehe. Was soll`s? Ich hab mir viel vorgenommen, unter anderem nicht zu meckern und die Dinge hier anzunehmen. Wozu war ich denn hier? Es sollte kein Urlaub werden. Ich wollte mich verändern.
Die Besitzerin der Pension war für mich schon die erste Prüfung. 83 Jahre alt und, sagen wir, sehr eigen. Außer ihrer Meinung gab es keine andere. Meinte sie. Schon gar nicht von mir. Viel zu jung bin ich Ihr mit meinen knapp 40 Lenzen. Viel zu unerfahren. Wie viele Pilger sie wohl schon aus ihrer Pension hat losgehen sehen?
Die erste Nacht im fremden, schaukeligen Bett war in Ordnung. Doch musste ich sofort meine hygienischen und komfortorientierten Ansprüche herunterschrauben. „Es wird noch schlimmer werden“, sagt etwas in mir. Die Stimme sollte recht behalten.
23.9. Kayola
Der Tag eins. Endlich ging es los und ich durfte losgehen. Mich aufmachen. Mein österreichisches Leben vergessen. Neues sehen und lernen. Schüler sein und meine Prüfungen machen. Darauf freute ich mich.
Das Frühstück bei Madame war äußerst spärlich, sie wollte mir damit sicher einen gut gemeinten Vorgeschmack auf Kommendes liefern. Ein Cafe con leche, also Milchkaffee, und drei bis vier winzige Weißbrotschnitten. Großzügig erschien davor ein Teller mit einem Butterberg bestehend aus schon angelaufenen, gelben und zerhackten Butterstücken. Mit der Messerklinge habe ich die frischesten Fettstücke aus dem Berg herausgepuhlt und auf meinen Brötchen verteilt.
Zurück am Zimmer wollte ich meinen Rucksack fertig packen. Totales Chaos. Ich hatte keine Ahnung wo ich was hinstecken sollte und was nach oben oder unten gehört. Ausprobieren ist die Devise, du wirst am Weg schon draufkommen wie das am besten funktioniert, beruhigte ich mich.
Jetzt aber. Es ist soweit. Ich gehe los…erstmal in`s Pilgergeschäft schräg gegenüber um mir eine Jakobsmuschel zu kaufen. Eine mit Kreuz, das ist mir wichtig. Sollen ruhig alle sehen für wen ich hier gehe. Die Muschel gut sichtbar am Rucksack angebracht starte ich los.
Als erstes wartet das Pilgertor welches aus Saint Jean herausführt. Unmittelbar danach die erste Entscheidung. Über die Berge oder gemäßigter an der Straße entlang. Eine Route welche bevorzugt von Radpilgern genommen wird. Natürlich entscheide ich mich für die harte Variante, die „Route Napoleon“. Einmal Pyrenäenüberquerung bitte.
Mit den geschilderten Erlebnissen von erfahrenen Pilgern und den Warnungen des Mitarbeiters im Pilgerbüro im Kopf, nehme ich mir aus Vernunftgründen heute nur eine kurze Etappe vor. Und das ist gut so, da es mehr oder weniger dauernd supersteil nach oben geht. Fast schon Klettern, gefühltermaßen. Mit 13 kg am Rücken. Soviel wiegt nämlich mein Marschgepäck mit ausreichend Wasser. Ich bin richtig froh mich entschieden zu haben mit Stöcken zu gehen, da diese mir helfen mich nach oben zu schieben.
Aufgrund meiner kaum vorhandenen Kondition werde ich dauernd überholt. Was ok ist, schneller geht’s halt für mich nicht. Mein Ego bleibt erstaunlich ruhig. Ich will ja ankommen und nicht gleich am ersten Tag den Löffel abgeben. Ich keuche mich lange auf Straßen nach oben um später auf einen steinigen Naturweg zu wechseln. Mein Rucksack fühlt sich nicht zu schwer an. Ich schaffe es gut sein Gewicht zu tragen auch wenn es mehr ist als andere auf den Schultern haben. Gleichzeitig ist klar, dass ich es mit weniger Gewicht wohl leichter hätte. Empfohlen werden 10 Kilo in einem maximal 50 Liter fassenden Rucksack. Meiner fasst 80 Liter.
Es ist meine Entscheidung die ich hier für mich treffe all das zu tragen. Um diese aber anscheinend doch zu hinterfragen, lässt ein Mann der an mir vorbeizieht mich folgendes wissen. „Ihr Rucksack schaut aber sperrig aus!“ Ich korrigiere ihn umgehen. „Nein, nein. Er schaut nicht so aus…er ist sperrig“.
Später hole ich sogar den ein oder anderen ein, der gemeint hat gleich Vollgas bergauf geben zu müssen. Den eigenen Motor gleich am Beginn zu überlasten ist keine gute Idee und wird zumeist dem eigenen Ego geschuldet.
Meine Conclusio bis hierher: Stetiger Kriechgang ist ähnlich schnell am Ziel wie rasen mit viel Pausen.
Die Aussicht wird immer beeindruckender. Das Wetter ist wie für mich gemacht. Wolkenverhangene angenehme 20 Grad.
Nach drei Stunden und etwa 7 Kilometern bergauf komme ich in Kayola an. Niemand da. Ich stehe vor einer großen, versperrten Zauntür. Da ich ein Bett reserviert habe bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten. Zwei volle Stunden stehe ich hier bis jemand kommt. Doch gut war`s, denn sonst hätte ich mein Recht auf ein Bett verwirkt, erklärt mir der Mann des Hauses. Wer nicht pünktlich da war, durfte wieder über einen Umweg nach St. Jean mit dem Taxi zurückfahren. Glück gehabt. So sitze ich hier um 16 Uhr und schreibe Tagebuch. Müde bin ich als wäre es Mitternacht.
Während ich vorhin an der Straße gewartet habe, sind zwei erstaunliche Dinge passiert:
Schiebt doch tatsächlich eine kleine, mollige Asiatin ihr vollgepacktes Fahrrad über diese affenartig steile Straße nach oben. Keuchend, im Schneckentempo. Das Rad scheint doppelt so groß wie seine Besitzerin. Die kann unmöglich bis hier auch nur einen Meter radelnd zurückgelegt haben. Ich feuere sie an. Sie lächelt und schiebt schnaufend weiter.
Kurz darauf kommen zwei Frauen den Berg hinunter, was mich ihnen spontan zurufen lässt, dass sie in die falsche Richtung gehen. Ich zeige auf den Berg, der mich und alle Pilger nach Santiago morgen erwartet. Daraufhin antwortet eine der beiden zierlichen Asiatinnen auf Englisch: „Nein, nein wir haben unsere 800 Kilometer zu Fuß bereits hinter uns. Wir beenden unseren Camino heute in Saint Jean.“ Wie bitte? Ich bin platt. Sind die den ganzen Pilgerweg in die andere Richtung gegangen? Fragen türmen sich in meinem Kopf auf. Schreiben die von rechts nach links? Kriegen die jetzt auch eine Compostela Urkunde in Saint Jean? Vielleicht auf einer Serviette? Jedenfalls habe ich ihnen aus tiefstem Herzen gratuliert und ihnen alles Gute gewünscht…ich der erst einen Tag hinter sich hat!
Da ich beim Aufsperren der Unterkunft der erste war, durfte ich mir als Belohnung das beste Bett aussuchen. Wobei das „Beste“ hier freilich sehr relativ ist.
Während ich die Pritschen im Schlafsaal inspiziere, finde ich eine Kamera neben einem Bett. Komisch, wem gehört die denn? Da diese mit keinem Namen gekennzeichnet ist, schaue mir die Fotos an in der Hoffnung einen Hinweis auf die Besitzerin zu finden. Gar nichts. Mein Magen knurrt ins Geschehen hinein. Weil es in Kayola nichts zum Essen gibt und ich nach der Anstrengung noch unbedingt was essen muss, gehe ich die kurze aber steile Strecke nach Orisson hinauf. Caroline die ich hier kennenlerne, die ihren ersten Camino in Burgos abbrechen musste, empfiehlt mir dort zu fragen ob jemand seine Kamera vermisst gemeldet hat. Sie geht den ganzen Pilgerweg noch einmal von vorne, da sie sich zuhause „nicht komplett“ gefühlt hat. Sie bezeichnet die Zeit am Camino als „Time of her life“. Was sie genau meint kann ich nicht nachvollziehen. Unhygienische Betten sind so gar nicht meine Vorstellung von „bester Zeit meines Lebens“.
Jedenfalls hat tatsächlich jemand für seine verlorengegangene Kamera eine Telefonnummer hinterlassen. Die Frau hinter dem Tresen gibt mir Nummer und Emailadresse von einer gewissen Susana. Gespannt rufe ich an und sie erklärt mir, dass sich ihre Gruppe bereits in Roncesvalles, einen Tagesmarsch entfernt, befindet und morgen weitergehen möchte. Sie freue sich aber sehr, dass ich ihre Kamera gefunden habe. Mein Vorschlag ihr morgen bei meiner Ankunft in Roncesvalles die Kamera persönlich zurückzugeben, stößt auf wenig Gegenliebe. Sie möchte weitergehen und nicht warten. Das macht mich ein wenig sauer. Etwas verschlampen und dann nicht einmal warten wollen. Trotzdem habe ich eingelenkt. Ein Transportunternehmen hat die Kamera abgeholt und zu ihr gebracht. So war der Apparat wieder dort wo er hingehört und ich durfte mir die Frage stellen, warum es mir so wichtig war, dass die ganze Gruppe extra auf mich wartet, damit ich Held ihnen die Kamera mit einem Festakt persönlich überreiche. Sind mir der Auftritt und die Dankbarkeit der anderen so wichtig?
Es wird Abend und ich habe mich, bei inzwischen vollem Haus, zurückgezogen. Es wird viel französisch gesprochen und ich widme mich eigenen Gedanken. O Gott, 10 Leute in einem nach Hund stinkendem Schlafsaal. Mir ekelt. Ich fühle mich extrem unwohl beim Gedanken an die bevorstehende Nacht.
Hätte ich gekonnt, wäre ich davongelaufen. Aber wohin? Nach St. Jean zurück? Niemals. Bis nach Roncesvalles, der nächsten Station am Weg? Im Dunklen ein Selbstmordkommando. Ich muss und werde es durchstehen.
Um mich abzulenken beschließe ich duschen zu gehen. Geschwitzt habe ich heute ja genug. Mein fußpilzhemmender Vorsatz nur mit Crocs in die Duschtassen zu steigen beginnt hier. Als alter Hygienefreak möchte ich kurz erwähnen, dass ich eine Flasche Alkohol mit einem Pumpkopf dabeihabe. Und eigenes Klopapier.
Das Licht ist bereits gelöscht und ich hab mich inzwischen in einen speziellen „ich schaff das schon“ Modus begeben. Mein Gefühl ist am ehesten mit dem in einer Achterbahn zu beschreiben. Beim hinaufgezogen werden kurz vor erreichen des höchsten Punktes.
Die fürchterliche Matratze und den fürchterlichen Polster mit ihren lächerlich dünnen Einmal-Vliesen als Leintuch und Bezug im Kopf, geht unten die Türe auf. Herein kommt ein junger Mann aus Orisson, der zu später Stunde hereinschneit um zu fragen wer morgen Frühstück will. Scheint der Besitzer oder ein Kellner zu sein. Also Licht wieder aufgedreht durch einen Pilgerkollegen und alle zusammen reissen noch ein paar gemeinsame Scherzchen. Komisch. Irgendwie kommt mir unser später Gast ein wenig angetrunken vor. Aber jetzt „Gute Nacht“. Oder auch nicht.
24.9. Roncesvalles
Es tut mir leid aber die Nacht war einfach nur das Allerletzte. 10 Leute auf ca. 5x5 Metern. Keine 10 Minuten nach endgültigem „Licht aus“ fängt der erste, ein 70jähriger Franzose, zu schnarchen an. Na gut denke ich, war klar, dass das kommt. Kannst es nicht ändern, füge dich deinem Schicksal. Aber dann: Das Crescendo wurde immer lauter. Also greife ich zu meinen Ohropax.
Es hilft nichts. Das Geschnarche ist bereits so laut, dass ich es höre als hätt ich gar keine Stöpsel in den Ohren!
Als ob das nicht schon genug wäre, stimmt etwa 20 Minuten später eine Frau in`s fröhliche Gaumensegelflattern ein. Bilder tauchen in mir auf. Kettensäge (Frau) versus schnaubende Dampflok (Mann). Es war die Hölle. An schlafen nicht zu denken. Es blieb mir tatsächlich nichts anderes übrig als darauf zu warten, dass eine mich übermannende Müdigkeit aus dem Spiel nimmt. Irgendwann hat das auch geklappt, doch im Endeffekt waren es lächerliche 3 Stunden Schlaf. Und unzählige wach. Das Beste ist, dass die, die mich nicht schlafen haben lassen gleich eingeschlafen sind, durchgeschlafen haben und fröhlich pfeifend um 6 Uhr dem Bett entstiegen sind. Eine Frechheit! Ich hätte beiden eine knallen können. Interessanterweise war das Gegrunze, soweit ich dem französischen mächtig bin, bei den anderen in der Früh gar kein Thema! Sind die alle so genügsam oder einfach zu feige etwas zu sagen?
Das Bett war übrigens so ekelhaft, dass ich es vor dem hineinlegen zweimal mit Alkohol abgesprüht habe in der Hoffnung, ein paar darauf wohnende Keime zu beseitigen. Neben meinem Kopf an der Wand im Bodenbereich war übrigens ein brauner Fleck, der sich von der Wand herunter zu einem kleinen Häufchen verdichtet hat. Was auch immer das war. Ich hab`s notdürftig mit Klopapier abgedeckt, in der Hoffnung, dass mir der Anblick in der Früh nicht unmittelbar ins Gesicht springt. War sicher nur ein alter Schokoriegel.
Völlig übermüdet schäle ich mich aus dem Schlafsack und zwänge mich schlaftrunken in meine Klamotten. Als letzter Inbunde. Alle anderen sind schneller und räumen bereits das Feld. Kein Wunder, die sind ja auch gut ausgeruht.
Dann der Schock: Meine neuen Wanderstöcke sind weg. Ich hab genau gewusst, wo ich sie abgestellt habe. Direkt neben der Eingangstüre. Weg. Die ganze Situation neu, ich allein im Haus, alle weg inklusive meiner Stöcke. Ich hab es nicht glauben können. Jemand hat meine Stöcke gestohlen! Oder nur versehentlich mitgenommen? Ach was. Jeder weiß doch erstens ob er Stöcke hat und zweitens wie die aussehen und sich vom Griff her anfühlen. Da greift man doch nicht daneben.
Ich war den Tränen nahe so wütend und verzweifelt war ich, stand mir doch die schwierige Pyrenäenüberquerung bevor, bei der ich aufgrund meiner Kondition auf die Stöcke angewiesen war. Und teuer waren sie auch. Ich hetze ganz alleine im völligen Dunkel im kleinen Lichtkegel meiner Stirnlampe bergan. In dem Moment erschienen mir die zwei Stöcke mein ein und alles zu sein. Weitergehen ohne sie nicht vorstellbar. Ich hab doch hier eh so gut wie nichts…und selbst davon fehlt jetzt was. Verzweiflung steigt in mir auf. Was sollte das? Die nächste Prüfung? „Bitte Gott gib mir meine Stöcke zurück!“
Wahrscheinlich doppelt so schnell als üblich und mit pochendem Herzen komme ich total verschwitzt in der Frühstücksbar in Orisson an. Ich stürme voller Zorn in den Raum. Manche Pilger drehen sich um oder schauen von ihrem Teller auf, verstehen nicht was los ist. Ein paar meiner Mitschläfer die ich erkenne, rufe ich zu was passiert ist. Sehr interessiert scheinen die allerdings nicht zu sein. Ich suche alles ab, finde nichts und gehe aufgelöst wieder in`s Freie. Umrunde das Haus. Da. Meine Stöcke stehen zusammengeschobenen halb versteckt neben dem Wirtwagen. Das wird doch nicht der junge, angesoffene Besucher von letzter Nacht gewesen sein? Vielleicht war „einen im Tee zu haben“ für ihn ausschlaggebend sich meiner Stöcke zu bemächtigen, damit er nicht umfällt. Naja, der besagte Mann war nicht aufzutreiben um ihm den Marsch zu blasen und meine Stimmung, trotz Freude über die wiedergeschenkten Stöcke, im Keller. Angefressen habe ich mich dann alleine hingesetzt und gefrühstückt. Mir konnten gerade alle gestohlen bleiben. Ich habe dem Herrgott jedenfalls nicht nur einmal gedankt, dass er mir die Stöcke zurückgegeben hat.
Witzig, gestern die Story mit der Kamera und heute verliere ich etwas. Sollte das eine Vertrauensübung sein? Ich war jedenfalls außer mir und überhaupt nicht in meiner Mitte. Im Radio spielte währenddessen im Frühstücksraum ein Lied: „I see trouble everywhere..“.
Ha-Ha. Extra für mich.
Losgegangen bin ich im Morgengrauen. Die Pyrenäenüberquerung im Blick. Ein wunderbarer Sonnenaufgang bemüht sich meine schlechte Laune zu vertreiben. Das Gelände schlängelt sich steil bergauf. Ein starker, böiger Gegenwind scheint die Gehenden zu fragen ob sie das hier wirklich wollen.
Manchmal habe ich das Gefühl nur noch ein Km/h zu gehen. Mühselig schleppe ich mich voran. Am Wegesrand stehen die ersten Kreuze, die uns Pilgern mitteilen, dass an dieser Stelle ein Pilger sein Leben beendet hat. Das hat mich traurig gemacht und ich bin den ganzen Weg über an diesen Stellen stehengeblieben und hab kurz innegehalten. Am ersten oder zweiten Tag der Pilgerschaft schon sterben? Nur Gott weiß warum. Interessanterweise bin ich gar nicht um mich und meinen Körper besorgt. Vielleicht wegen der Ergometrie und dem „Ok“ meiner Ärzte. Oder ist schlicht meine Sorge in den Hintergrund getreten? Der Weg fühlt sich anstrengend aber gut an.
Kurz vor dem Pass auf 1400m Höhe sagt mir mein Körper recht deutlich was er davon hält 4,5 Stunden angestrengt zu marschieren und viel zu wenig Pausen zu machen. Mit Wasser und Traubenzucker kann ich ihn wieder besänftigen und zum Weitergehen überreden.
An diesem Tag sind relativ viele Pilger vor und hinter mir unterwegs. Insgeheim hoffe ich, dass sich das am späteren Weg verlieren wird. So kann ich mir keine wirklich ruhigen und kontemplativen Märsche vorstellen.
Das nach vielen Stunden am Pass ankommen fühlt sich gut an. Die große Einstiegshürde ist geschafft. Meine Geburt.
Es war motivierend zu wissen, den vielleicht anstrengendsten Teil des Weges geschafft zu haben. Dachte ich.
Ein Elektrolytgetränk zur Stärkung…und weiter geht’s. In eine ganz neue Richtung. Abwärts. Ich wähle die vorgeschlagene längere, dafür weniger steile Variante der beiden Wege in`s Tal. Selbst auf dieser erklären mir aber meine Knie stechenderweise, dass es nicht ihre Lieblingsbeschäftigung ist mich bergabzutragen. Aha, da fällt mir meine Packliste ein. Schnell die mitgenommene Kniebandage auf`s rechte Beingelenk gezogen, aus Faulheit gleich über der Hose.
Anderthalb Stunden sind es insgesamt noch vom Pass aus gesehen bis in`s Kloster, meinem heutigen Etappenziel.
Die letzten 1,5 Kilometer gehe ich aufgrund eines fehlenden Gehweges direkt am Seitenstreifen einer Straße. Das sollte mir noch öfter begegnen. Irgendwie unangenehm wie die Autos an mir vorbeirasen. Ich bleibe bei jedem stehen und schaue ob mich der Fahrer sieht. Nach meiner Rückkehr habe ich im Reiseführer gelesen, dass der offizielle Weg, ein angrenzender Waldweg war den ich verpasst habe. Das war wohl der Grund warum außer mir niemand hier gepilgert ist und mich diverse Autofahrer, wild gestikulierend angehupt haben. „Was für ein Idiot, geht der auf der Straße!“ muss sich so mancher gedacht haben.
Im Kloster Roncesvalles auf spanischer, besser gesagt baskischer Seite angekommen, leiste ich mir nach einem Gespräch mit dem Hospitalero der Bettenburg, der mich keinen Blick in die Schlafsäle machen ließ, doch ein Zimmer im angrenzenden Hotel. Ich verzichte momentan auf Massenherbergen. Wer weiß wie es darin zugeht, wenn ich nicht mal reinlugen darf.
Ich habe heute echt was geleistet, bin müde, erschöpft, meine Füße tun weh und ich muss erstmalig meine Sachen waschen.
Außerdem brauche ich Schlaf und Ruhe. Also Geldbeutel gezückt und eingecheckt. Jaaaa, so soll ein Hotelzimmer sein. Angenehm groß und mit schönem Bett. Mir fällt das grausige Kayola ein. Heute gibt`s kein Geschnarche. Noch so eine Nacht im Anschluss schaffe ich nicht.
Ich breite die frisch im Waschbecken von Hand gequirlten Klamotten im ganzen Hotelzimmer zum Trocknen aus, gehe essen und besuche im Kloster meine erste Pilgermesse. Ich verstehe zwar nichts, aber da die Kommunion selbsterklärend ist, braucht es keine Worte. Die Messe ist wunderbar, mit schönem Gesang. Am Ende werden alle Pilger nach vorn vor den Altar gebeten und in ihrer Landessprache gesegnet. Es ist sehr berührend. „Austria“ hat der Pfarrer gesagt und dass wir alle wohlbehalten unser Ziel erreichen sollen. Ich merke wie es mich stärkt einerseits heute etwas geschafft zu haben und andererseits eine gewisse Kraft in der Kirche zu empfangen.
Morgen schlaf ich mich aus und gehe es weiter ruhig an.
25.9. Viscarret
Tränen in der Früh. Was ist los? Irgendetwas stimmt nicht. Geht es vielleicht doch darum die Entbehrungen der einfachen Refugios, der Herbergen, auf mich zu nehmen?
Ausgeschlafen bin ich aber Gott sei Dank. Nachdenklich gehe ich frühstücken und föhne anschließend noch meine restfeuchte Wäsche trocken. Zusammengenommen ergibt das einen pünktlichen Aufbruch…um 12 Uhr Mittags!! Das nenn ich pilgern.
Ein schöner Weg unweit der Straße erwartet mich, das Wetter ist gut, ein wenig kühl vielleicht. Nach 12 Kilometern erreiche ich den Ort Viscarret. An der ersten Bar, aus der laute Musik dröhnt, gehe ich vorbei und suche lieber den kleinen im Reiseführer angekündigten Supermercado. Einmal ganz durch den Ort bitteschön. Hier fangen meine Erfahrungen in Spanien mit geschlossenen Geschäften an. Ok, in dem Fall war es ein Sonntag, zugegeben.
Ich habe trotzdem Hunger. Sonst auch alles zu. Also wieder zurück an den Anfang in die Bar mit der lauten Musik. Drinnen allerdings, verschwitzt meine Sachen in die Ecke stellend, bemerke ich andere Pilger und einen freundlichen Mann hinter dem Tresen. Als erstes lerne ich was eine spanische Tortilla ist. Ein Omelette. Oder eher ein Kuchen aus Kartoffeln. Und weil sich 1 Stück nach wenig anhört, bestelle ich gleich noch einen gemischten Salat und einen „Cafe con leche“ - einen Milchkaffee dazu. Um wohlfeile 9,-. Als alles auf dem Tisch steht, wird mir eines klar. Weit kann ich dann nicht mehr gehen. Mein Blut wird sich aus Beinen und sonstigen beim Gehen gebrauchten Körperteilen fein in die Gedärme zurückziehen um Kartoffeln und grünen Salat mit Thunfisch zu verdauen.
Pappsatt lege ich das Besteck beiseite. Es ist 16 Uhr. Mein angepeiltes Örtchen Zubiri ist noch 10 Kilometer weit weg. Mir schwant, dass ich die Kombination aus 12 Uhr losgehen, viel zu viel Essen und noch nicht vorhandener Kondition überdenken sollte. Als ich beim Wiederaufschnallen des Rucksacks bemerke, dass der Bauchgurt in seiner bisherigen Einstellung nicht mehr zuzukriegen ist, ich möglicherweise in die Dunkelheit komme und mir Füße und Knie bereits weh tun, möchte ich einfach nur noch bleiben. Am Ende gibt’s in dort nicht einmal mehr ein Bett für mich. So beschließe ich gleich hier im Ort zu nächtigen. Ich wollt`s sowieso langsam angehen.
So kehre ich in der Pension „Corazon Puro“ ein. Übersetzt bedeutet das „reines Herz“. Klingt gut. Die Wirtin spricht sogar deutsch! 20 Euro mit Halbpension im Zwei-Bett- Zimmer. Spitze. Hoffentlich gesellt sich kein Zweiter dazu, dann hab ich das Zimmer für mich alleine. Denkste. Auch das war neu. Wenn Du den Zimmerpreis bezahlst, wird niemand mehr dazugelegt, egal wieviel Betten im Zimmer stehen. Super. Kein Gefühl wie in Kayola, aber auch keines wie im Hotelzimmer letzte Nacht. Ich nähere mich langsam an, was für mich stimmiges Pilgern bedeuten könnte.
Momentmal, wieso schnarcht denn da im Nebenzimmer jemand schon um 18 Uhr so laut vor sich hin? Das Schnarchen scheint mir jedenfalls bereits Wegbegleiter zu sein.
Im Zimmer schiebe ich mir das von Susanne erhaltene Armband mit der Aufschrift „mein Weg“ aufs linke Handgelenk. Jetzt ist es stimmig. Schwer ist es auch nicht, wiegt lediglich ein paar Gramm. Und naja, momentan gehe ich zwar noch zu wenig Kilometer und gebe gleichzeitig zu viel Geld aus, doch es ist bereits „mein Weg“.
Der hat mich heute übrigens durch einen Wald geführt hat, der aus „der Herr der Ringe“ hätte stammen können…gruselig. Haben nur noch die metergroßen Spinnen gefehlt die von den Bäumen hupfen um die darunter Marschierenden in ihre Nester zu ziehen.
Der Plan für morgen ist früher losgehen, Mittagspause machen und dafür weiter zu kommen als heute. Beim gemeinsamen Abendessen der hier wohnenden Pilger lerne ich einen sehr netten älteren Mann aus Kanada, Jim, kennen. Wir unterhalten uns wunderbar. Ja, es geht mit meinem Englisch ganz gut, ich scheine verstanden zu werden. Deutsche sitzen auch mit am Tisch, die aber ein wenig steif wirken. Gut, der Weg hat ja erst begonnen um lockerer zu werden. Ein spanisches Ehepaar rechts von mir verstehe ich sprachlich nicht. Macht aber nix, da die Frau sich irgendwie einer Mischung aus Distanzlosigkeit und gestelzt lustig hingibt und ihr Mann im Gegenzug aussieht wie ein Mitglied der Hells Angels.
Am nächsten Morgen vor dem Losgehen habe ich noch ein Foto vor dem Haus gemacht. Hier glaube ich mit einem morgendlichen Ritual angefangen zu haben. Ich habe mich in voller Gehmontur hingestellt um einen Moment, vor dem Haus indem ich die Nacht verbracht habe, innezuhalten. Noch einmal Revue passieren lassen, was hier so alles geschehen ist, mich bedankt und überlegt ob ich nichts vergessen habe. Das war mir sehr wichtig. Ich wollte immer nur nach vorne gehen und nicht gezwungen sein, einen vergessenen Gegenstand im Rückwärtsgang wieder abzuholen. Zum Abschluss habe ich Gott um Beistand für den kommenden Tag gebeten und bin bewussten Schrittes losgegangen. Möglicherweise habe ich das auch gemacht um besser loszulassen. Am Camino musst du nämlich immer und immer wieder Dinge, Sachen und Menschen loslassen. Wenn du das nicht kannst…hier kannst du es lernen.
26.9. Zabaldica
Nach einem unbeabsichtigten Gewaltmarsch bin ich Todmüde. Total ausgepowert. Ich frage eine Frau in meiner neuen Unterkunft im Refugio Zabaldica kurz vor dem Schlafengehen wann ich angekommen bin, damit ich aufschreiben kann wie viele Stunden und Kilometer ich heute absolviert habe. Sie sagt nur milde lächelnd: „It doesn`t matter“.
Das war nicht die erwartete Antwort. Doch ja, vielleicht hat sie Recht und es ist tatsächlich unerheblich.
Interessiert hat es mich trotzdem. Es waren etwa 25 Kilometer anspruchsvolle Strecke. Gestartet bin ich um 8:15 um etwa 8,5 Stunden später hier angekommen. Der Weg war ein wunderschöner,doch steiniger, teilweise steiler Waldweg mit toller Aussicht. Er wird enger, verschlungener, ist teilweise mit Sträuchern zugewachsen. Hier sollen hunderttausende Menschen unterwegs sein? Streckenweise wird der Waldweg von einem Fluss gesäumt. Ich komme an einer Koppel mit Pferden vorbei. Sie machen einen verwahrlosten Eindruck. Ausgehungert stehen sie am Zaun um von den vorbeigehenden Pilgern Futter zu erbitten. Es ist das erste und nicht das letzte Mal, dass ich in Spanien voller Mitleid essbares zu Tieren über einen Zaun werfe.
Bevor ich Zabaldica erreiche, gehe ich an einem langen, schräg abfallenden Hang entlang, auf dessen rechter Seite plötzlich ein schwarzes, in den Boden getriebenes Kreuz auftaucht. Ich lese die kurze Inschrift und vergieße vor Berührung ein paar Tränen. Der Text lautet „Fin del camino“ und ein Name. „Ende des Weges“. Da hat jemand sehr früh das Ende des Weges erreicht. Tot. Vorbei. Hat sich dieser Mensch auch so von seinen Lieben verabschiedet wie ich? War es ein unvermittelter Tod? Niemand von uns weiß wann sein eigener „fin del camino“ erreicht sein wird. Ich gehe nachdenklich weiter, diesen Eindruck werde ich nicht so schnell vergessen.
Und als ob ich nicht schon am Zahnfleisch daherkommen würde, führen die letzten Meter bis zur Herberge extrem steil bergauf. Ich zwinge mich, treibe mich keuchend an. Die Pension, welche ich früher an diesem Tage angepeilt habe hat nämlich wegen Renovierung geschlossen. Und in die habe ich mich schon geschleppt. Also war ich gezwungen eine weitere Stunde Fußmarsch auf mich zu nehmen.
Zurück zu meiner kirchlichen Unterkunft. Bei meiner Ankunft herrscht eine ruhige, fast meditative Atmosphäre. Ich werde herzlich willkommen geheißen. Die Schwester beim Empfang bittet um meinen Pilgerpass. Eine breite Holztreppe führt in`s Obergeschoss. Etwa zehn Betten in einem Raum unterhalb des Daches erwarten mich. Einige davon sind bereits besetzt. Ein paar Männer und Frauen liegen eine Runde Probe. Manche kramen in ihren Rucksäcken, andere habe die Augen geschlossen und hören Musik. Ich sehe das Szenario und habe Angst wieder nicht schlafen zu können. Eine vor kurzem gehörte Geschichte über lautes Schnarchen drängt sich mir wieder in`s Bewusstsein. Eine Frau soll eines Abends in leicht höhnischer Art und Weise ihren Zimmergenossen im Schlafsaal zugerufen haben: „Ich hoffe ihr habt alle Ohrenstöpsel dabei!!“
Ganz links an der Wand beziehe ich das einzige Stockbett und nehme die untere Liege. Die Regeln hier sind klar. 18:30 Kirche anschauen, an die die Herberge drangebaut ist. Um 19:30 gemeinsames Abendessen. 20:30 Pilgersegen und „Sharing“. Punkt eins in meinem Programmheft ist aber eine wohlverdiente Dusche. Ich bekomme langsam ein gutes Gefühl wie ich am besten mit meinen Crocs dusche, um keine der Badematten und Duschtassen berühren zu müssen. Ganz viel will ich mir vom Camino mitnehmen, doch eine gemeine Fussmykose… nein, danke! Die Crocs haben den riesigen Vorteil, dass sie fast sofort wieder trocken sind wenn du der Dusche entsteigst. Der Balanceakt einen Fuß aus dem Schuh auszufädeln und während des Einseifens in der Luft zu halten, will allerdings geübt sein.
Wunderbare Erfahrungen mache ich hier. Ich verstehe ein wenig mehr was es heißt Pilger zu sein. So sitze ich abends in der Kirchenbank und bin berührt. Tränen fließen. Mein Wunsch und meine Intentionen auf den Camino zu gehen sind klar. Ich möchte Gott näher kommen, meine „volle Tasse“ leeren und eine neue Vision für mein Leben entwickeln. Eine Frage taucht in mir auf. Wird das nur über Entbehrungen erreichbar sein?
Beim anschließenden Abendessen spreche ich mit Menschen aus aller Welt. Am Tisch vertreten sind Canada, Korea, Italien und Deutschland.
Diese Gemeinschaftsabendessen sind überaschenderweise eine inspirierende Sache. So bin ich automatisch viel mehr im Kommunikationsmodus als zuhause. Spreche viel Englisch und wenig Deutsch. Höre und staune über fremde Kulturen.
Doch trotz der guten Stimmung fühle ich mich ein wenig krank da ich heute an meine Konditionsgrenze gestoßen bin.
Das Sharing, ein Beisammensitzen auf der Kirchenempore ist wirklich ein besonderes Erlebnis.
Die Atmosphäre, die die Herz-Jesu-Schwestern hier im Beisammensein herstellen ist stimmig und wertvoll.
Wir setzen uns im Kreis auf Sesseln, manche auf den Boden und werden still. Eine Schwester stellt eine Frage. Ich traue mich als erster im Kreis das Eis zu brechen und spreche von meinen Motivationen meiner Pilgerschaft. Es ist ein schönes Gefühl die eigenen Vorsätze laut vor anderen auszusprechen. Sie gewinnen dadurch an Kraft und ich fühle mich angenommen. Danach stimmen auch Andere in den Reigen ein. Ein junger Mann sagt, dass er es nicht akzeptieren kann, dass seine Beziehung gescheitert ist und seine Frau nun einen anderen Mann hat. Ein anderer gutverdienender Geschäftsmann zweifelt, dass Geld alles an Wert sein kann den er in seinem Leben hat. Seine Familie sieht er nicht besonders oft. Er hadert. Soviele Pilger, soviele Schicksale und Motivationen.
Wir bekommen einen Zettel ausgehändigt auf dem „Der Weg: Gleichnis und Wirklichkeit“ und „Seligpreisungen des Pilgers“ aufgedruckt sind.
Es sind Worte der Weisheit. Es steht da geschrieben, dass der Weg mich durchdringt, mich ändert und mich zu einem Pilger macht. Dass er mich einfacher macht. Ja, dass wünsche mich mir.
Diese Formung und Reflektion empfinde ich am Anfang des Jakobweges als überaus wichtig.
Vor dem endgültigen zu Bettgehen bitte ich noch um eine Banane, da ich das Gefühl habe, das durch meine körperliche Überanstrengung mein Elektrolythaushalt entgleist ist und mein Herz dringend um Kalium bittet. Es stolpert spürbar. Danach bin ich erschöpft eingeschlafen. Oh Wunder, nur ein moderater Schnarcher war nächtens zu vernehmen. Ich kann, besser gesagt darf, schlafen. Ich sag es ja: Er hat mich hergeführt.
27.9. Pamplona
„Selig bist Du, Pilger, wenn Du entdeckst, dass der „Weg“ ein Weg der Stille und des Gebetes ist und, dass das Gebet Dich den Vater finden lässt, der auf Dich wartet“ (Seligpreisung aus Zabaldica)
Aufgewacht und aufgestanden… und leider bei der morgendlichen Fußinspektion aufgrund des gestrigen „Übermarsches“ eine Blase im Anfangsstadium entdeckt. Auf der rechten Innenferse. Daumennagelgroß. Erstmal abgeklebt. Hallo, ich bin der Krankenpfleger hier, ich weiß was ich tue. Über Nacht habe ich mich wieder etwas regeneriert, habe aber schon als Plan im Kopf, meinem geschundenen Körper heute mehr Ruhe zu geben. Und wie geht das am besten? Weniger hatschen und ein Einzelzimmer nehmen. Mein Körper ist so ein Pensum einfach nicht gewöhnt.
Der Einzug in Pamplona führt nach einem Tagesmarsch über lange, geteerte Straßen der Vorstädte. Die Magdalena Brücke über den Fluss Arga stellt den Punkt dar, an dem ich die erste größere Stadt erreiche. Gleich links geht’s zur Herberge der sogenannten „Pilgerfreunde aus Paderborn“. Dort erbitte ich Einlass da ich ein dringendes Bedürfnis habe, ernte aber ein nassforsches „Geht nicht, da wird gerade sauber gemacht“. Wer`s glaubt wird selig. Die wollen nur nicht aufmachen. Mach ich halt wieder „wild“. Mir ist schon aufgefallen, dass der Rucksack und mein Gesamtbild mir eine Art Legitimation dafür geben. Natürlich nicht überall. Mit der Ausrede auf der Zunge „Sehen Sie nicht, dass ich Pilger bin und kein Zuhause habe?“ falls ich doch einmal schief angesprochen werde. Das ist übrigens auf dem ganzen Weg nicht einmal vorgekommen.Trotzdem. Für den zivilisierten Menschen ist das eine neue und eher unangenehme Erfahrung nirgends zu wohnen oder „hinzukönnen“. Man gehört hier nirgends wirklich hin.
Im Zentrum von Pamplona angekommen gehe ich sogleich in`s Tourist office, wo mir eine Mitarbeiterin ein paar Unterkunftsadressen in gewünschter Qualität am Stadtplan anstreicht. Da sollte ich die Spanier ein weiteres Mal in ihren Eigenheiten kennenlernen. Ohne vorher anzurufen, machen die dir nämlich oft gar nicht erst die Türe auf. So bin ich, bei inzwischen kühlem Wind bibbernd, leicht frustriert klingelnd kreuz und quer durch die Innenstadt unterwegs. Bis ich endlich eine ganz nette kleine Pension finde, welche ihre Pforte auch tatsächlich auftut. Ein einziges Zimmer ist hier noch frei.
45,- ohne Frühstück, naja, passt schon. Rucksack abstellen. Zuerst Obst und Gemüse einkaufen und danach ein Schläfchen halten, ist vorerst geplant. Alle Speicher des Körpers wieder auffüllen.
