Gehofft – gewagt - Patricia Vandenberg - E-Book

Gehofft – gewagt E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Ich weiß mir einfach keinen Rat mehr, Herr Dr. Norden«, klagte die junge, sichtlich verzweifelte Mutter, die einen schreienden Säugling auf ihrem Schoß hielt. »Cindy will einfach nicht trinken. Sie schreit sich die Kehle wund, sobald sie die Flasche auch nur sieht. Dabei muss sie großen Hunger haben. Was soll ich nur tun?« Dr. Daniel Norden, dessen besondere Fürsorge den Kleinsten unter seinen Patienten galt, nahm Marie-Luise Kühnel das Baby aus dem Arm und wiegte es sanft in seinen Armen. »Ganz ruhig, meine Kleine. Das kriegen wir schon hin, nicht wahr?« Unter der fremden, aber begütigenden Stimme beruhigte sich das Baby und blickte den Arzt mit großen, feuchten, dunkelblauen Augen forschend an. »So ist es gut. Du bist ein braves Mädchen.« Während er sprach, betrachtete Daniel Norden das acht Monate alte Kind aufmerksam. Es war deutlich kleiner, als es in diesem Alter üblich war. Sein Körper war erschreckend schmal. »Leidet Cindy immer noch unter den häufigen Erkältungen?« erkundigte sich Daniel bei der Mutter des Kindes, während er die Kleine zur Patientenliege brachte, um sie dort gründlich zu untersuchen. »In letzter Zeit glücklicherweise nicht mehr so sehr.

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Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Extra – 81 –Gehofft – gewagt

Jasmin spielt mit dem Feuer

Patricia Vandenberg

»Ich weiß mir einfach keinen Rat mehr, Herr Dr. Norden«, klagte die junge, sichtlich verzweifelte Mutter, die einen schreienden Säugling auf ihrem Schoß hielt. »Cindy will einfach nicht trinken. Sie schreit sich die Kehle wund, sobald sie die Flasche auch nur sieht. Dabei muss sie großen Hunger haben. Was soll ich nur tun?«

Dr. Daniel Norden, dessen besondere Fürsorge den Kleinsten unter seinen Patienten galt, nahm Marie-Luise Kühnel das Baby aus dem Arm und wiegte es sanft in seinen Armen.

»Ganz ruhig, meine Kleine. Das kriegen wir schon hin, nicht wahr?« Unter der fremden, aber begütigenden Stimme beruhigte sich das Baby und blickte den Arzt mit großen, feuchten, dunkelblauen Augen forschend an. »So ist es gut. Du bist ein braves Mädchen.« Während er sprach, betrachtete Daniel Norden das acht Monate alte Kind aufmerksam. Es war deutlich kleiner, als es in diesem Alter üblich war. Sein Körper war erschreckend schmal.

»Leidet Cindy immer noch unter den häufigen Erkältungen?« erkundigte sich Daniel bei der Mutter des Kindes, während er die Kleine zur Patientenliege brachte, um sie dort gründlich zu untersuchen.

»In letzter Zeit glücklicherweise nicht mehr so sehr. Im Augenblick hat sie ein bisschen Schnupfen, aber der kann auch von der ständigen Weinerei herrühren«, erklärte Marie-Luise und rieb sich die schmerzenden Augen. Sie hatte seit Tagen keine Nacht mehr durchgeschlafen und war beinahe am Ende ihrer Kräfte.

Dr. Norden nickte und entkleidete das Kind behutsam.

»Woher rühren denn diese blauen Flecken?« fragte er verwundert, als er einige Hämatome am Oberkörper des Babys entdeckte.

Schuldbewusst senkte Marie-Luise den Kopf.

»Neulich hat sie beim Schreien so sehr gezappelt, dass sie mir beinahe aus dem Arm gefallen wäre. In letzter Sekunde konnte ich sie halten und habe dabei wohl ein bisschen fester als gewöhnlich zugefasst. Dabei muss das passiert sein.«

»Das kommt schon mal vor. Besser als ein Sturz auf den Boden«, beruhigte Daniel die Mutter verständnisvoll und setzte das Stethoskop auf die Ohren, um die magere Brust und den schmalen Rücken gründlich abzuhören.

Cindy starrte verwundert auf das Untersuchungsinstrument und versuchte, mit den kleinen Fingern danach zu grapschen. Lächelnd gab Dr. Norden ihr ein Spielzeug in die Hände, das sie sofort, wie jedes gesunde Baby auch, zur eingehenden Prüfung in den Mund schob. »Hm, da ist ein Geräusch auf der Lunge, das der näheren Untersuchung bedarf. Jetzt werde ich mir mal den Mund ansehen. Vielleicht sind ja neue Zähnchen der Grund dafür, warum sie nicht trinken mag.« Er breitete eine weiche Decke über den unbekleideten Oberkörper des mageren Kindes und öffnete mithilfe eines breiten Holzstäbchens den Mund der Kleinen. Schlagartig begann Cindy lautstark zu protestieren. Daniel gelang es dennoch, einen raschen Blick in den Rachen und unter die Zunge des Kindes zu werfen. Was er dort zu sehen bekam, ließ ihn nicht mehr wundern. »Jetzt ist mir alles klar«, erklärte er ernst.

»Was ist los?«

»Die Kleine hat unter der Zunge eine enorme Schwellung. Kein Wunder, dass sie nicht trinken mag.«

»Woher kann das kommen?«

»So genau kann ich das nicht sagen. So wie es aussieht, könnte es sich um ein Hämangiom handeln, einen Blutschwamm. Das ist ein gutartiger Tumor, der gewöhnlich keinerlei Beschwerden macht. An so exponierten Stellen wie im Gesicht und den Schleimhäuten kann es aber durchaus zu großen Schmerzen und Beeinträchtigungen kommen.«

»Blutschwämme kenne ich nur auf der Haut. Die sehen zwar nicht schön aus, sind aber harmlos. Was machen wir denn jetzt?«

»In diesem Fall ist guter Rat teuer. Gewöhnlich neigen diese Tumore zu einer spontanen Rückbildung. Da Cindy aber keine Nahrung zu sich nimmt, müssen wir in jedem Fall handeln. In Anbetracht ihres geringen Körpergewichts und den Geräuschen auf der Lunge rate ich zu einer Einweisung in die Klinik.«

»Cindy muss in die Klinik?«

»Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Zum einen kann dort die Lunge geröntgt werden. Und es wird unerlässlich sein, das Kind bis zum Abklingen des Hämangioms über eine Nasensonde zu ernähren.«

Marie-Luise starrte den Arzt mit schreckgeweiteten Augen an. Ihr blasses Gesicht wurde noch fahler, so schrecklich klangen diese Neuigkeiten in ihren Ohren.

»Das ist ja entsetzlich«, klagte sie mit tränenerstickter Stimme. »Cindy darf nichts zustoßen. Sie ist neben meiner pflegebedürftigen Mutter das Einzige, was ich im Leben noch habe.«

»Ich bin mir dessen durchaus bewusst«, erklärte Daniel Norden behutsam, während er das inzwischen wieder schreiende Kind ankleidete. »Deshalb bin ich auch besonders vorsichtig.«

Marie-Luise ließ sich die Worte des Arztes durch den Kopf gehen.

»Cindy kann ich unmöglich in die Obhut fremder Leute geben«, erklärte sie auf einmal mit einer ungeahnten Entschiedenheit. »Egal, wie kompetent sie auch sein mögen. Den Gedanken, sie allein in der Fremde zu wissen, ertrage ich nicht.«

»In einer Kinderklinik ist sie gut aufgehoben, das versichere ich Ihnen. Inzwischen gibt es auch die Möglichkeit, dass die Mütter bei ihren Kindern in der Klinik wohnen.«

»Das geht unmöglich. Wer sollte sich in der Zwischenzeit um Mutter kümmern?« fragte Marie-Luise in wachsender Verzweiflung. Daniel sann einen Moment nach. Dann hatte er die Lösung.

»In diesem Fall kann ich Ihnen noch anbieten, Cindy in der Behnisch-Klinik untersuchen zu lassen.«

Angesichts dieser guten Nachricht erhellte sich Marie-Luises Miene sofort. Es war nicht lange her, dass sie selbst Patientin in der Klinik gewesen war, die sie in bester Erinnerung behalten hatte. Besonders die familiäre Betreuung und der gar nicht anonyme Klinikbetrieb hatten sie sehr beeindruckt.

»Würden Sie das wirklich für uns möglich machen? Das wäre natürlich fantastisch. Dort könnte ich Cindy guten Gewissens lassen.«

Angesichts der wiedererwachten Freude in Marie-Luises Gesicht lächelte Daniel warm.

»Ich werde sofort mit Frau Dr. Behnisch telefonieren und Ihnen so schnell wie möglich Bescheid geben. Richten Sie sich darauf ein, dass Sie Cindy in wenigen Stunden in die Klinik bringen. Bis dahin versuchen Sie bitte, ihr mit dem Löffel ein wenig Nahrung einzuflößen.«

»Ich werde tun, was ich kann«, versprach Marie-Luise, die nun schon wieder ein wenig optimistischer in die Zukunft blickte. Und das, obwohl sich ein kreischendes Baby mit einer erstaunlichen Kraft in ihren Armen wand.

Neugierig blickte sich Jasmin Herrlich um, als sie aus ihrem feuerroten Sportwagen ausstieg. Viele Jahre waren vergangen, seit sie ihre Heimatstadt zum Letztenmal besucht hatte. Es waren turbulente Jahre gewesen, in denen sich viel geändert hatte. Sie hatte einen großen Erfolg gefeiert und in Saus und Braus gelebt. Doch seit einiger Zeit war es still um sie geworden. Um ihrem Leben neuen Schwung zu geben, hatte Jasmin eines schönen Morgens beschlossen, nach Hause, zu den alten Freunden zurückzukehren, die sie damals Hals über Kopf verlassen hatte. »Nichts hat sich verändert. Noch dieselbe spießige Gegend wie damals«, spottete Jasmin vor sich hin, während sie die Straßen ihrer Kindheit und Jugend hinunterwanderte. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht, das Haus ihrer ehemals besten Freundin Marie-Luise Kühnel. »Was wohl aus ihr geworden ist?« Mit einem herablassenden Lächeln drückte sie auf den Klingelknopf. Eine Weile rührte sich nichts, und Jasmin wollte sich schon mit einem Hauch von Enttäuschung abwenden, als hinter der Haustür doch ein Geräusch zu vernehmen war. »Einen Augenblick, ich komme schon«, rief eine weibliche Stimme von drinnen, und gleich darauf wurde geöffnet. Eine Frau im Rollstuhl erschien im Türrahmen. Für einen kurzen Moment starrten sich die beiden Frauen schweigend und fragend an. Schließlich spiegelte sich das Erkennen in den Gesichtern wieder.

»Unsere Schriftstellerin. Das ist ja eine Überraschung«, erklärte Angie Kühnel mit unverhohlener Zurückhaltung.

»Frau Kühnel, wie schön, Sie zu sehen«, rief Jasmin jedoch enthusiastisch. »Was ist mit Ihnen passiert? Seit wann sitzen Sie im Rollstuhl?«

»Seit mich ein Schlaganfall vor drei Jahren zum Pflegefall gemacht hat.«

»Oh, das tut mir aber leid«, kam die unbekümmerte Antwort. »Sie sehen trotzdem blendend aus.«

Irritiert blickte Angie die Heimgekehrte an. Wie sollte sie reagieren?

»Du siehst auch gut aus. Willst du nicht hereinkommen?« erinnerte sie sich schließlich an ihre Pflichten als Gastgeberin. Obwohl sie Jasmin mit gemischten Gefühlen empfing, freute sie sich dennoch über die unerwartete Abwechslung in ihrem sonst so tristen Leben.

»Gerne. Ist Marie-Luise auch da? Oder ist sie inzwischen glückliche Hausfrau und Mutter?« fragte Jasmin in ihrem immer leicht spöttischen Tonfall und ging an Angie vorbei ins Haus.

»Sie gäbe etwas darum, wenn es so wäre.«

»Typisch, immer noch dieselben kleinen Träume wie damals. Hier hat sich wirklich nichts verändert.«

Angie biss sich auf die Lippe. Zu gerne hätte sie Jasmin zurechtgewiesen, ihr etwas über die Härte erzählt, mit dem das Leben seine Schicksalsschläge verteilte. Aber sie sagte nichts. Einer erfolgsverwöhnten, strahlend aussehenden Jasmin hatte sie wenig entgegenzusetzen.

»Willst du mir nicht erzählen, wie es dir ergangen ist? Sicherlich hast du viel erlebt in den vergangenen Jahren.« Jasmin wollte eben zu einer ausschweifenden Erzählung über ihre Jahre in Berlin ansetzen, als sie durch das Fenster beobachten konnte, wie eine verhärmt aussehende Frau mit einen Kinderwagen die Straße entlang kam und in den kleinen Weg einbog, der zum Haus führte. »Das ist Marie?« fragte Jasmin zum ersten Mal wirklich berührt, als die Frau einen Schlüssel aus der Tasche zog und aufsperrte. Noch ehe Angie antworten konnte, standen sich die beiden Frauen wortlos im Flur gegenüber. Rasch überwand Jasmin ihre Überraschung und setzte ein strahlendes Lächeln auf.

»Marie-Louise, wie schön, dich zu sehen. Du siehst großartig aus.«

»Immer noch dieselbe Lügnerin wie vor Jahren. Was willst du denn hier?« fragte Marie scharf und wandte sich vorwurfsvoll an ihre Mutter. »Warum hast du sie überhaupt hereingelassen?«

»Aber, Kind, ich bitte dich, diese Geschichten sind doch schon Jahre her. Irgendwann sollten sie vergessen sein.«

»Ich vergesse nichts, gar nichts.«

»Das Leben ist zu kurz, um sich gram zu sein. Das siehst du doch an meinem Beispiel«, versuchte Angie, ihre Tochter milde zu stimmen. »Deine Mutter hat recht. Komm schon, Marie, gib dir einen Ruck.« Jasmin beherrschte die Schauspielkunst vollkommen. Sie setzte eine betretene Miene auf, öffnete die Arme und wartete ab.

»Sei nicht so dickköpfig«, gemahnte Angie ihre Tochter. Marie-Louise starrte ihre ehemals beste Freundin an und wußte nicht, was sie von diesem Auftritt halten sollte. Ihre Nerven lagen blank, sie war mit ihren Kräften am Ende und hatte alles andere zu tun, als sich mit der heimgekehrten Jasmin Herrlich zu beschäftigen. Die kleine Cindy schien die Gedanken ihrer Mutter lesen zu können. Hatte sie eben noch friedlich im Wagen geschlummert, so erwachte sie in diesem Augenblick der Unentschlossenheit und begann fürchterlich zu kreischen. Dieses durchdringende Geschrei weckte die Gesellschaft aus ihrer Erstarrung. Mit wenigen Schritten war Marie am Kinderwagen und hob das sich windende Kind heraus. In Jasmins Augen lag plötzlich ein neidisches Funkeln.

»Ist das dein Baby?«

»Glaubst du, ich hab’ es geklaut?« fragte Marie-Louise zurück und versuchte verzweifelt, das Baby zu beruhigen. Angie schob sich mit den Armen kräftig im Rollstuhl an und kam neben Marie zum Stehen.

»Komm schon, gib mir die Kleine. Dann könnt ihr beiden euch in Ruhe unterhalten.«

»Ich habe keine Zeit für Plaudereien«, wehrte Marie-Louise ungehalten ab. »Cindy muss in die Klinik.« Mit knappen Worten berichtete sie über ihren Besuch bei Dr. Norden.

»Meine arme Kleine«, bedauerte Angie ihre geplagte Enkeltochter ebenso mitfühlend wie hilflos und blickte Marie nach, die sich abrupt abwandte und mit dem Kind im Arm die Treppe nach oben stieg, um die Sachen für das Baby zu packen. Jasmin und Angie blieben alleine unten zurück.

»Wie du siehst, haben wir nur Sorgen und Probleme. Schön zu sehen, dass es wenigstens anderswo glücklicher gelaufen ist. Hast du inzwischen ein weiteres Buch veröffentlicht?« fragte Angie mehr aus Verlegenheit denn aus Interesse. Jasmin lächelte aufreizend.

»Die Schreiberei ist mir auf Dauer zu langweilig. Ich betreibe inzwischen eine Agentur für hoffnungsvolle Talente. Das bedeutet, dass ich viele interessante Menschen treffe.«

»Dann wirst du dich hier vermutlich schnell langweilen.«

»Ich habe auch nicht vor, lange zu bleiben. Und nun will ich Sie nicht länger aufhalten. Grüßen Sie Marie, ich schaue später noch mal vorbei, wenn sie mehr Zeit hat.«

»Tu das, Jasmin. Und viele Grüße auch an deine Mutter.«

Diese Worte verhallten ungehört in der bereits geöffneten Tür. Mit einem Mal hatte Jasmin es offenbar eilig, das Haus der Familie Kühnel zu verlassen. Kopfschüttelnd blickte Angie der ehemals besten Freundin ihrer Tochter nach. Als sie jedoch Schritte hinter sich hörte, schloss sie die Tür und drehte sich um. Marie-Louise stand hinter ihr, das Baby Cindy auf dem Arm, das sich wie durch ein Wunder beruhigt hatte und offenbar vor Erschöpfung wieder eingeschlafen war. Müde und sorgenvoll blickte Marie auf das schlafende Kind in ihren Armen, ehe sie ihre Aufmerksamkeit ihrer Mutter zuwandte.

»Warum hast du sie hereingelassen?«

»Ich bitte dich, mein Kind. Die Sache mit Steffen ist jetzt nun schon so viele Jahre her. Das Leben ist weitergegangen. Und wer weiß, vielleicht hast sie sich ja geändert.«

»Menschen wie Jasmin ändern sich nicht«, bemerkte Marie unversöhnlich. »Wäre die Geschichte um Steffen ihre einzige Verfehlung gewesen, würde ich dir recht geben. Aber dass sie, meine beste Freundin, mich seinerzeit betrogen und belogen und mir meinen Freund ausgespannt hat, das werde ich ihr nie verzeihen. Niklas war meine große Liebe.«

»Der jetzt im Begriff ist, eine andere zu heiraten«, erinnerte Angie ihre Tochter an die unvermeidlichen Tatsachen. »Es wäre besser, du würdest dich endlich damit abfinden.«

»Das habe ich längst getan, Mutter. Aber der Gedanke läßt mich nicht los, wie anders mein Leben verlaufen wäre, wenn diese Schlange Jasmin nicht gewesen wäre. Wohin diese Frau auch kommt, sie hinterlässt nur Asche«, stieß Marie-Louise verächtlich hervor. Bei diesem Ausspruch zuckte sogar das schlafende Kind auf Maries Arm zusammen und wimmerte im Schlaf, als hätte es einen bedrückenden Traum. Die Mutter beugte sich über das schlafende Baby und hauchte einen zärtlichen Kuss auf die samtweiche Haut. Aber selbst diese liebevolle Geste konnte die Sorgen nicht vertreiben, die drohend wie dunkle Wolken am Sommerhimmel standen.

Es war eine fröhliche Runde ehemaliger Schulfreunde, die sich hin und wieder in der kleinen Kneipe an der Ecke traf, um Neuigkeiten auszutauschen, am Leben der anderen teilzuhaben und über die guten alten Zeiten zu plaudern. »Wann ist es denn endlich soweit, alter Knabe?« wandte sich der große Tom an den Mann, der neben ihm saß und abwesend in sein Bierglas starrte.

»Wovon sprichst du, Kumpel?« Lächelnd blickte Niklas Wagner hoch.

»Das weißt du ganz genau. Von deiner Hochzeit natürlich«, mischte sich Heiner in das Gespräch.

»Warum fragt ihr mich alle ständig dasselbe? Dabei ist keiner von euch bis jetzt unter der Haube.«

»Es ist ja auch noch keiner von uns so lange mit derselben Frau liiert«, schmunzelte Tom und nahm einen Schluck Bier. »Ich beneide dich wirklich um Sandra«, erklärte er dann und wischte sich mit der Hand den Schaum von der Lippe.

»Ja, sie ist eine tolle Frau, das stimmt schon.«