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In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie ist Denise überall im Einsatz. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. In der Reihe Sophienlust Extra werden die schönsten Romane dieser wundervollen Erfolgsserie veröffentlicht. Warmherzig, zu Tränen rührend erzählt von der großen Schriftstellerin Patricia Vandenberg. Im großen Aufenthaltsraum des Kinderheims Sophienlust herrschte fröhliche, wenn auch gespannte Stimmung. Das hatte seinen Grund. Der Tierschriftsteller und Märchenonkel Eugen Luchs war mit seiner kleinen schwarzen Peggy zu Besuch. Die beiden waren von den Kindern aus dem Wohnwagen in »Swasiland« abgeholt worden. Die Anstifterin dieser Überrumpelungsaktion war Andrea von Lehn gewesen. Sie stand nun bei Denise. »Mutti, hast du heute im Radio gehört, dass in der Lüneburger Heide eine junge Mutter entführt worden ist?« Auf Andreas Gesicht spiegelte sich Anteilnahme, wie immer, wenn sie von einem erregenden Erlebnis anderer Menschen sprach. »Nein, davon habe ich nichts gehört«, antwortete Denise von Schoenecker. »Solche Dinge passieren leider oft.« »Es ist die Frau eines Schauspielers, warte doch, wie heißt er gleich? Was habe ich gesagt, Herr Luchs?« »Veit Kienau«, half ihr Eugen Luchs weiter. Schwester Regine horchte auf. »Veit Kienau? Den habe ich vor Jahren im Hamburger Schauspielhaus gesehen. Aber ich glaube, er ist kein sonderlich bedeutender Schauspieler.«
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Im großen Aufenthaltsraum des Kinderheims Sophienlust herrschte fröhliche, wenn auch gespannte Stimmung.
Das hatte seinen Grund. Der Tierschriftsteller und Märchenonkel Eugen Luchs war mit seiner kleinen schwarzen Peggy zu Besuch. Die beiden waren von den Kindern aus dem Wohnwagen in »Swasiland« abgeholt worden. Die Anstifterin dieser Überrumpelungsaktion war Andrea von Lehn gewesen.
Sie stand nun bei Denise. »Mutti, hast du heute im Radio gehört, dass in der Lüneburger Heide eine junge Mutter entführt worden ist?« Auf Andreas Gesicht spiegelte sich Anteilnahme, wie immer, wenn sie von einem erregenden Erlebnis anderer Menschen sprach.
»Nein, davon habe ich nichts gehört«, antwortete Denise von Schoenecker. »Solche Dinge passieren leider oft.«
»Es ist die Frau eines Schauspielers, warte doch, wie heißt er gleich? Was habe ich gesagt, Herr Luchs?«
»Veit Kienau«, half ihr Eugen Luchs weiter.
Schwester Regine horchte auf. »Veit Kienau? Den habe ich vor Jahren im Hamburger Schauspielhaus gesehen. Aber ich glaube, er ist kein sonderlich bedeutender Schauspieler.«
Die junge Andrea von Lehn sah Schwester Regine vorwurfsvoll an. »Aber er ist ein Mann, der um das Leben seiner Frau zittert! Selbst Hans-Joachim war aufgeregt, als er die Meldung hörte. Er hat sich bestimmt vorgestellt, wie ihm zumute wäre, wenn man mich entführen würde. Ist so etwas nicht furchtbar? Veit Kienau soll ein gebrochener Mann sein. Er hat ein knapp dreijähriges Söhnchen. Das arme Kind!«
Peggy hatte Eugen Luchs schon mehrmals am Rock gezupft. Denise von Schoenecker sah es. Sie stieß Eugen Luchs an. »Ich glaube, Peggy will etwas von Ihnen.«
Peggy sprang an Eugen Luchs hoch und klammerte sich an ihn.
»Bitte, Onkel Luchs, erzähl uns heute doch noch eine Geschichte«, bat sie.
Eugen Luchs seufzte. »Peggy, wenigstens du solltest vernünftig sein. Du weißt, dass ich sonst immer bereit bin, hier in Sophienlust eine Geschichte zu erzählen, aber genauso weißt du, dass ich in unseren Wohnwagen zurück möchte.«
Als Peggy ihre Felle davonschwimmen sah, zog sie Eugen Luchs von den anderen weg und flüsterte ihm zu: »Aber dann muss ich Henrik unsere getrockneten Schmetterlinge geben.«
»Unsere Schmetterlinge, wie kommst du denn darauf? Die verschenken wir doch nicht.«
Peggy schluckte. »Ich muss sie Henrik geben, weil ich mit ihm um die Schmetterlinge gewettet habe, Onkel Luchs.« Sie zupfte aufgeregt an seinem Rock. »Was man versprochen hat, das muss man halten, sagst du auch immer.«
»Ach so, du hast mit Henrik gewettet, dass …«
»Ja, dass du uns eine Geschichte erzählst, wenn ich dich darum bitte. Henrik hat gesagt, du tust es auf keinen Fall. Das wollte ich mir nicht gefallen lassen, deshalb habe ich mit ihm gewettet.« Peggy machte ein betrübtes Gesicht. »Jetzt bekomme ich Henriks schönen Drachen auch nicht. Den hätte er mir geben müssen, wenn du uns eine Geschichte erzählen würdest, Onkel Luchs. Dann hätte ich gewonnen.«
»Aha, Drachen gegen Schmetterlinge.« Eugen Luchs verkniff sich das Lachen. »Du raffinierte Person, damit zwingst du mich, deinen Wunsch zu erfüllen. Ich kann dich doch nicht um den Drachen bringen.«
Peggy witterte Morgenluft. Sie drückte sich an Eugen Luchs. »Und unsere Schmetterlinge wollen wir doch auch nicht hergeben, Onkel Luchs.« Sie verdrehte die Augen, weil sie sich davon eine ganz besondere Wirkung auf Eugen Luchs versprach: »Nun muss mir nur noch eine Geschichte einfallen, Peggy. Die Kinder kennen doch schon alle.«
»Nimm die von dem Schneemacher, Onkel Luchs. Die hast du nur mir erzählt und sie ist so lang, dass ich sie den Kindern nicht weitererzählen kann.«
Jetzt lachte Eugen Luchs laut. »Du nimmst es, wie du’s brauchst – noch dazu die Geschichte vom Schneemacher, Peggy, jetzt mitten im Sommer.«
»Aber das macht doch nichts, Onkel Luchs. Außerdem kommt ein Eisbär in der Geschichte vor. Als wir im Zoo waren, haben wir lange vor den Eisbären gestanden, wir wollten gar nicht mehr weggehen. Ich sage den Kindern, dass du ihnen die Geschichte vom Schneemacher erzählst.«
Zunächst wandte Peggy sich aber an Henrik. »Hol deinen Drachen, ich habe die Wette gewonnen – Onkel Luchs erzählt uns eine ganz schöne Geschichte.«
Henrik sah seine resolute Freundin skeptisch an. »Zuerst muss ich die Geschichte hören, dann kannst du meinetwegen den Drachen haben.« Er lachte pfiffig. »Macht mir gar nichts aus, ich bekomme ohnehin den von meinem Bruder Nick. Sein Drachen steigt nämlich viel höher, weil er besser gebaut ist.«
Peggy sah Henrik mit zusammengepressten Lippen an, dann fragte sie: »Und hast du das schon vorher gewusst?«
»Freilich. Nur deine Schmetterlinge hätte ich gern gehabt, weil du deinen Balthasar nicht hergegeben hättest.«
»Trockne dir selbst Schmetterlinge«, sagte Peggy bitterböse. Es kränkte sie, dass Henrik doch wieder als halber Sieger aus dem Wettstreit hervorging. Schließlich hatte er gewusst, dass er Nicks Drachen bekam.
Wenig später aber konnte sich Peggy uneingeschränkt über ihren Sieg freuen. Jubelnd umringten die Kinder sie, als sie die neue Geschichte von Onkel Luchs ankündigte.
Sofort bezogen alle ihre Plätze, und es wurde bedeutend ruhiger als vorher. Erwartungsvoll sahen alle auf Eugen Luchs. Er rückte sich seinen Stuhl zurecht.
Auch die Erwachsenen blieben im Aufenthaltsraum. Keiner von ihnen ließ sich jemals eine Geschichte des Märchenonkels entgehen.
Eugen Luchs schmunzelte. »Ihr habt mich überrumpelt, Kinder, deshalb muss ich euch jetzt mitten im Sommer eine Wintergeschichte erzählen. Sie heißt ›Der Schneemaeher‹, und das mit gutem Recht.« Eugen Luchs lehnte sich zurück.
»Unser kleiner Held heißt diesmal Peter. Er war ein kleiner, ganz lieber Junge. Zu weihnachten hatte er Ski bekommen. Das war für ihn ein herrliches Geschenk. Aber er konnte es nicht ausnützen. In jenem Winter wollte es nämlich nicht schneien.
Jeden Abend vor dem Schlafengehen sah Peter zum Fenster hinaus, immer in der Hoffnung, dass es endlich schneien würde. Am Morgen hatte er kaum die Augen aufgeschlagen, da fragte er schon: »Mutti, hat es heute Nacht geschneit?«
Aber die Mutter konnte ihm nie die Freude machen und sagen: »Ja, Peter, heute liegt Schnee, endlich kannst du Skifahren.«
Als Peter schon ganz verzweifelt war, kam ihm eine Idee. Er ging in den Zoo. Dort hatte er einen guten Freund, den Eisbären. Ihn fragte er: »Kannst du mir nicht helfen Eisbär? Ich habe zu Weihnachten schöne Skier bekommen. Sieh sie dir nur an.«
Er hielt die Skier an das Gitter und machte ein trauriges Gesicht. »Alle Kinder wünschen sich Schnee, damit sie Skifahren und rodeln können, aber überall ist nur Matsch.«
Der Eisbär lachte. »Peter, da bist du zum Richtigen gekommen. Ich kann dir nämlich helfen. Ich kenne den Schneemacher persönlich. Er wohnt hoch oben im Norden. Ich habe früher bei ihm gearbeitet. Wir werden ihn bitten, dass er endlich auch in unsere Gegend Schnee schickt.«
»O, fein!«, jubelte Peter. Aber dann fragte er besorgt: »Das ist aber sicher ein weiter Weg bis zu diesem Schneemacher. Vielleicht bleibst du dann wieder bei ihm, und ich muss allein zurück. Darüber wäre ich sehr traurig – und Scherereien mit dem Zoodirektor würde es auch geben.«
Der Eisbär hob die Tatze. »Wo denkst du hin, Peter? Natürlich komme ich wieder mit dir zurück. Ich habe meine Familie hier im Zoo, ich wurde sie nie im Stich lassen. Schau dir doch die niedlichen Eisbärenkinder an, die brauchen doch ihren Vater. Aber ich will dir helfen. Komm, machen wir uns gleich auf den weg. Öffne die Tür des Geheges.«
Der kleine Peter hatte arges Herzklopfen, aber er schaffte es, die Tür des Geheges zu öffnen, ohne dabei erwischt zu werden.
»Schnall die Skier an!«, befahl ihm der Eisbär.
Kaum hatte Peter die Bindung geschlossen, stellte sich der Eisbär hinter ihn auf die Skier.
Peter riss den Mund vor Staunen auf, als er spürte, dass sich die Skier in die Luft hoben. Wie eine Rakete schossen sie davon. Peter jubelte: »Hurra, ich habe Wanderskier!«
Peter merkte gar nicht, wie viel Zeit verging, so begeistert war er von diesem wundersamen Abenteuer. Plötzlich tippte ihn der Eisbär auf die Schultern und rief: »Vorsicht, bremsen, wir sind am Ziel.« Peter merkte, dass sich der klobige Eisbär ganz fest auf die Skier drückte, und er tat es ihm nach.
Sie hielten vor einem riesengroßen Tor aus Schnee und Eis.
Der Eisbär druckte auf einen dunklen Flecken, und schon öffnete sich das Tor zu einem langen Gang. Eiszapfen hingen von der Decke herab, es funkelte und glitzerte, sodass Peter ganz geblendet war.
Dreimal musste der Eisbär noch Türen öffnen. An der letzten standen Eismänner als Wachposten. Sie salutierten, als sie den Eisbären erkannten.
Er führte den kleinen Peter in eine große, hohe Halle. Hinter den Wänden dröhnte und donnerte es, als ob Lawinen ins Tal stürzten.
Mitten in der Halle stand ein langer Tisch mit vielen Schaltern und Hebeln. Knöpfe leuchteten rot, grün und blau. An dem Schaltpult saß ein großer, grimmig dreinblickender Mann. Er hatte einen weiten blauen Mantel an, auf dem die Eiskristalle wie Diamanten funkelten. Sein Haar und sein langer Bart waren voll Raureif.
»Seine Majestät, der Schneemacher«, flüsterte der Eisbär respektvoll.
Der Schneemacher drehte sich um und fragte mürrisch: »Was wollt ihr hier? Seht ihr nicht, dass ihr mich bei der Arbeit stört.«
Der Eisbär verneigte sich tief. ‚Ich habe mir erlaubt, diesen Jungen zu dir zu bringen. Er möchte, dass du ihm und seinen Freunden Schnee schickst.«
Der Schneemacher blinzelte den Eisbären an. »Bist du nicht unser Mann von der Eismaschine? Warum bist du damals weggelaufen?«
Der Eisbär machte ein bestürztes Gesicht. »Wie kannst du annehmen, ich sei von meiner Arbeit weggelaufen, Majestät Schneemacher? Man hat mich eingefangen. Ich konnte mich nicht dagegen wehren.«
Das strenge Gesicht des Schneemachers hellte sich auf. »Wenn das stimmt, will ich dich nicht bestrafen, Eisbär. Aber eine schöne Bescherung war das, als du deinen Posten verlassen hattest. Das ganze Eismeer ist uns aufgetaut, weil deine Maschine still stand.« Der Schneemacher beugte sich wieder über sein Schaltpult. »Einen Augenblick noch.« Er drückte mehrere Knöpfe und zog an Hebeln. »Ich muss erst eine Ladung Schnee zu den Eskimos schicken. Sie sind meine treuesten Kunden, sie geben ihre Bestellung schon im Sommer auf, also muss ich sie auch bedienen.« Der Schneemacher erhob sich und ging an eine Sprechanlage. Dort rief er: »Hallo, Abteilung I! Hier spricht die Zentrale. Sofort Mischung AX IIc2 superkalt für Eskimos! Danke!« Er kam wieder zurück. »So, das wäre erledigt. Nun zu dem Jungen.« Er sah Peter an. »Was willst du also?«
Peter schluckte, aber dann nahm er sich ein Herz und sagte mutig: »Warum schickst du nur den anderen Leuten Schnee, Majestät Schneemacher?«
Die Augen des Schneemachers funkelten zornig. »Weil sie an mich glauben. Ihr in Deutschland aber seid so dumm und sagt, Frau Holle schüttelt ihre Betten aus und macht damit den Schnee. Das ist doch lächerlich! Als ob Frau Holle auf Schnee schlafen würde! Da wäre sie doch längst erfroren.« Die Stimme des Schneemachers schallte mächtig durch die Halle. »Das ärgert mich. Die ganze Welt soll wissen, dass nur ich für Schnee sorgen kann. Ich allein!« Er schlug sich mit der Faust an die Brust.
Zuerst war der kleine Peter erschrocken, aber dann kam ihm eine Idee. Er fragte: »Schickst du uns Schnee, wenn alle Kinder in Deutschland erfahren, dass du den Schnee machst und nicht Frau Hölle?«
Auf einmal wurde der Schneemacher freundlicher. »Darüber ließe sich reden. Was könntest du tun, dass man mich auch in deiner Heimat anerkennt?«
Der kleine Peter strahlte. »Mein Vater ist Chefredakteur bei einer großen Zeitung, er könnte von dir schreiben. Außerdem habe ich einen Onkel, der ist Sprecher beim Rundfunk. Er würde bestimmt von deiner Macht berichten, großer Schneemacher. Das könnte ich dir versprechen.«
Der Schneemacher sah den Jungen verdutzt an, dann lachte er. »Das ist gut. Du gefällst mir, und ich will dir glauben. Schau zu, dass du nach Hause kommst, ich werde euch Schnee schicken. Pulverschnee erster Qualität. Ihr werdet staunen. Sofort gebe ich die Anweisung. Aber vergiss dein Versprechen nicht.«
Peter und der Eisbär verneigten sich vor dem Schneemacher, bedankten sich und verließen den Eispalast.
Als die Wunderskier sie nach Deutschland zurückgebracht hatten, tummelten sich dort die Kinder bereits im Schnee. Alles war weiß, die Felder und Hügel, die Bäume und Sträucher, und sogar die Häuser und Straßen.
Der Eisbär ging zufrieden in das Gehege zu seiner Familie zurück, und Peter hielt sein Wort. Die Zeitungen und der Rundfunk berichteten: »Ein Junge fand den Herrn über Schnee und Eis, den gewaltigen Schneemacher hoch oben im Norden.«
*
Atemlos hatten die Kinder von Sophienlust der Stimme von Eugen Luchs gelauscht. Peggy sah sich um. Sie erwartete Beifall für diese schöne Geschichte.
Aber als Erste meldete sich die kleine Heidi. Sie sagte nachdenklich: »Aber ich mag Frau Holle auch sehr gern.«
Die Erwachsenen lachten. Eugen Luchs stand auf und streichelte Heidi. »Es gibt viele schöne Märchen, kleine Heidi. Am besten ist es, wenn man alle mag.«
»Solche Skier möchte ich auch haben«, seufzte Henrik. Er hatte glühend rote Backen bekommen und sehnsüchtige Augen.
Eugen Luchs nahm seine kleine schwarze Peggy an die Hand. »Wir müssen jetzt zurück nach Swasiland. Wenn ich heute mit dem Kapitel meines Buches fertig werde, starten wir morgen.«
Peggy sah ihn verdutzt an. »Ist das wahr, Onkel Luchs? Fahren wir auf die Hallig Hooge? Zu Jens und Antje? Warum hast du mir davon noch nichts erzählt?«
Eugen Luchs drückte Peggy an sich. »Weil du mir sonst keine Ruhe zum Schreiben gegeben hättest, kleiner Quälgeist.« Er sah zu Nick, der neben seiner Schwester Andrea stand. »Nick hat es früher als du gewusst, Peggy.«
»Nick?«, fragte das kleine Mädchen. »Kommt er mit uns?«
»Ja. Nick fährt mit uns auf die Hallig Hooge. Er hat sich diese Ferien in einem langen Schuljahr sauer genug verdient.«
Nick strahlte über das ganze Gesicht. Er begleitete Eugen Luchs und die kleine Peggy noch ein Stück.
Die Kinder waren jetzt beschäftigt: sie lebten noch immer in der Geschichte vom Schneemacher und dem Eisbären. Ihre Fantasie ließ sie den Eispalast betreten.
So konnten sich die Erwachsenen zusammensetzen. Auch sie schmunzelten noch über Eugen Luchs’ Geschick, Kinder zu fesseln, doch bald kehrten Andreas Gedanken wieder zu dem Entführungsfall zurück.
Gegen Abend kam darüber ein Bericht im Fernsehen. Nicht nur das Bild der jungen Frau wurde gezeigt, sondern auch das des kleinen Conny.
Hans-Joachim von Lehn, der nach Sophienlust gekommen war, um seine Frau abzuholen, legte den Arm schützend um ihre Schultern. »Andrea, warum regst du dich so auf?«, meinte er. »Mutti hat recht, solche Verbrechen passieren leider oft.«
»Hast du nicht gehört, dass der kleine Junge schon den ganzen Tag nach seiner Mutti weint, Hans-Joachim?« In Andreas Augen standen Tränen. »Haben sie nicht eben gesagt, dass der Entführer noch einmal angerufen und einen neuen Termin vereinbart hat, an dem er gegen das Lösegeld die junge Frau freilassen will?«
Hans-Joachim von Lehn seufzte. »Ja, das wurde eben gesagt, Andrea, aber wir können daran nichts ändern.«
Er sah zu Denise von Schoenecker. Von ihr erhoffte er sich Unterstützung. Aber Denise sah auch recht mitgenommen aus. Sie stand auf und trat ans Fenster. Lange Zeit blickte sie ins Freie hinaus. Als sie sich umdrehte, sagte sie leise: »Ja, man sollte diesem kleinen Jungen helfen können.« Sie zuckte die Schultern. »Aber können wir alle Kinder nach Sophienlust holen, die irgendwo in Not sind? Leider dürfen wir immer nur wenigen helfen.« Ihr Blick wurde hoffnungsvoller. »Aber vielleicht hat der kleine Conny morgen Abend seine Mutti wieder.«
»Davon bin ich überzeugt«, sagte Schwester Regine. »Diesen skrupellosen Entführern geht es doch nur um Geld. Sobald sie es bekommen haben, geben sie auch ihre Geiseln frei.«
»Nicht immer«, widersprach Andrea. »So mancher Entführer hat in Panik auch schon seine Geisel umgebracht.«
»Jetzt ist es aber genug, Andrea.« Hans-Joachim von Lehn zog seine Frau vom Stuhl hoch. »Seit wann bist du so pessimistisch?«
Andrea drückte ihren Kopf an die Brust Hans-Joachims. »Ich muss mir vorstellen, in welcher Angst diese junge Mutter sein wird, und ich finde, dass man leichtsinnig vorgeht. Hat es nicht geheißen, der Entführer habe die Ausschaltung der Polizei verlangt? Jetzt aber gibt man über das Fernsehen alles bekannt.«
»Das stimmt nicht ganz, Andrea«, versuchte Hans-Joachim sie zu beruhigen. »Du hast überhört, dass die Polizei vorläufig nicht nach dem Entführer fahndet.« Er zuckte die Schultern. »Freilich würde auch ich an der Stelle dieses Veit Kienau mehr verheimlichen, aber Schauspieler sind vielleicht anders veranlagt, wer weiß, ob diesem Mann eine solche Publicity nicht gar willkommen ist?«
Andrea ergriff die Hand ihres Mannes. »Komm, fahren wir schnell nach Hause. Ich will nicht auch noch hören, was vielleicht einmal unserem Kind blüht, wenn man mich entführt. Das würde mir nur eine schlaflose Nacht bringen.« Sie winkte den anderen zu und verließ das Zimmer.
Die junge Frau blinzelte in die Sonnenstrahlen, die durch ein kleines Fenster fielen. Wo war sie?
»Sind wir endlich wieder da, schöne Veronica?«, erklang eine Männerstimme.
An der Tür stand ein dunkelhaariger, mittelgroßer Mann. Seine Augen sahen Veronica spöttisch an. »Die Tochter des großen Heinrich Jetter fühlt sich hier anscheinend nicht ganz wohl.«
»Egon Struwe!«, flüsterte Veronica Kienau. Sie richtete sich von der Pritsche auf. »Wo bin ich, was ist geschehen?«
Der Mann kam näher. Er zog sich einen Stuhl vor die Pritsche.
»Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass ich nur wenige Fragen beantworte. Eines scheint Ihnen klar geworden zu sein: dass Sie nicht mehr in dem komfortablen Landhaus in der Lüneburger Heide sind. Hier geht es bescheidener zu, auch wenn Sie noch im Abendkleid sind.«
Veronica sah an sich hinunter. Erst jetzt merkte sie, dass sie noch das königsblaue Samtkleid trug.
»Sie haben mich im Park überfallen. Warum?«
Egon Struwes spöttisches Lachen verstärkte sich.
»Ich habe Sie nicht überfallen. Dazu bin ich viel zu zartfühlend. Ich habe nur dafür gesorgt, dass Sie tief und fest und lange schlafen. Wir beide hatten eine weite Reise vor uns. Was könnte einem lieber sein, als die Strapazen einer Reise zu verschlafen?«
