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Die Wiederbelebung des Stundengebets in den Gemeinden ist seit dem 2. Vatikanischen Konzil nur selten gelungen. Warum? Die vorliegende Untersuchung versucht eine Antwort auf diese Frage zu geben, indem sie den bislang unbeachteten Aspekt der Organisation in die Analyse einbezieht: Welches geistliche Movens führte unter welchen pragmatischen Bedingungen zu welcher liturgischen Gestalt? Und welche Modifikationen werden heute notwendig, wenn der Gottesdienst z. B. ehrenamtlich oder in einem citypastoralen Kontext durchgeführt wird? Die Ergebnisse überraschen und stehen teils im Widerspruch zu verbreiteten Auffassungen. Einer Bewährungsprobe sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse seit Jahren im Bonner Mittagsgebet und in der Initiative Ökumenisches Stundengebet ausgesetzt. Das Buch dokumentiert auch solche Erfahrungen aus der gottesdienstlichen Praxis.
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Seitenzahl: 661
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Die Wiederbelebung des Stundengebets in den Gemeinden ist seit dem 2. Vatikanischen Konzil nur selten gelungen. Warum? Die vorliegende Untersuchung versucht eine Antwort auf diese Frage zu geben, indem sie den bislang unbeachteten Aspekt der Organisation in die Analyse einbezieht: Welches geistliche Movens führte unter welchen pragmatischen Bedingungen zu welcher liturgischen Gestalt? Und welche Modifikationen werden heute notwendig, wenn der Gottesdienst z. B. ehrenamtlich oder in einem citypastoralen Kontext durchgeführt wird? Die Ergebnisse überraschen und stehen teils im Widerspruch zu verbreiteten Auffassungen. Einer Bewährungsprobe sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse seit Jahren im Bonner Mittagsgebet und in der Initiative Ökumenisches Stundengebet ausgesetzt. Das Buch dokumentiert auch solche Erfahrungen aus der gottesdienstlichen Praxis.
PD Dr. Achim Budde ist Leiter der Bildungsstätte Burg Rothenfels am Main und Privatdozent für Alte Kirchengeschichte und Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.
Herausgegeben von Gottfried Bitter Kristian Fechtner Ottmar Fuchs Albert Gerhards Thomas Klie Helga Kohler-Spiegel Isabelle Noth Ulrike Wagner-Rau
Achim Budde
Gemeinsame Tagzeiten
Motivation - Organisation - Gestaltung
Verlag W. Kohlhammer
Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Reproduktionsvorlage: Corrigenda, Daniela Kranemann, Erfurt Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
ISBN 978-3-17-020561-1
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-026432-8
epub:
978-3-17-027062-6
mobi:
978-3-17-027063-3
Vorwort
Einleitung
(A) Motivation
I. Der Einzelne – Leben aus dem Gebet
1. Geschöpflichkeit
2. Zeitlichkeit
II. Die Kirche – Beten in Gemeinschaft
1. Gemeinschaftlichkeit
2. Kirchlichkeit
III. Die Welt – Gemeinsam im Dienst
1. Öffentlichkeit
2. Verantwortlichkeit
(B) Organisation
I. Der Einzelne – Strukturierung des Betens
1. Gebetszeiten
2. Mitvollzug
II. Die Kirche – Gestaltung der Gemeinschaft
1. Rahmenbedingungen
2. Gemeinsames Handeln
III. Die Welt – Präsenz des Auftrags
1. Das Stundengebet im öffentlichen Raum
2. Die Öffentlichkeit im Stundengebet
(C) Gestaltung
I. Das pastoral-liturgische Konzept
1. Grundentscheidungen
2. Ein Modell konzentrischer Kreise
II. Der Gottesdienst
1. Hymnus
2. Psalmodie
3. Lesung
4. Bittgebet
III. Die Liturgie-Hefte
1. Aufbau und Grafik
2. Die Revision
3. Finanzierung
4. Dokumentation
Epilog: Chronik eines neuen Anlaufs
Literaturverzeichnis
Quellen
Sekundärliteratur
Register
Ich hätte nie gedacht, dass es auch mir passieren könnte, die Überarbeitung eines fast fertigen Buches noch einmal jahrelang zu verzögern. Der Berufs- und Branchenwechsel in die Bildungsarbeit der Burg Rothenfels hat die erste Verzögerung mit sich gebracht, und um diese tut es mir nicht leid. Aber dann wurde der Anspruch, nach einer längeren Pause wenigstens die meisten offenen Fragen noch abzuarbeiten, immer größer. Die Liste mit Hinweisen, denen nachzugehen mir lohnend erschien, wurde länger, die Zeit, die ich dafür hätte freischaufeln müssen, mehr. Zusätzlich wurden immer häufiger einzelne Ergebnisse dieser Studie in anderen Formaten von mir abgefragt: kleinere und größere Aufsätze, ein Lehrbrief und vielerlei Vorträge und Referate. Vieles davon schien mir dringlicher, zumal die Vernetzung der dadurch gewonnenen Partner zur »Initiative Ökumenisches Stundengebet« konkrete und rasche Früchte trug.
Nun erscheint das Buch doch nur als leichte Überarbeitung jener Fassung, mit der ich 2008 von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn habilitiert wurde: Das Manuskript wurde mehrfach Korrektur gelesen; die Anmerkungen wurden vermehrt und präzisiert; der Schlussteil schließlich wurde gänzlich neu geschrieben und um eine bis heute fortgeführte Chronik des aus der Studie erwachsenen Projekts ergänzt. Weitere vertiefende Forschungen, das zeigte sich bei dieser Arbeit, hätten die Argumentation zwar verdichtet, aber nicht mehr wesentlich verändert. Ich übergebe das Buch daher nun der Öffentlichkeit in einer Gestalt, die an vielen Stellen zur Vertiefung anregt, aber den Hauptgedanken hoffentlich schlüssig darzulegen vermag.
Ich danke an dieser Stelle allen, die zum Gelingen und zur Fertigstellung beigetragen haben, zunächst meinen akademischen Lehrern: Es ist bereits das zweite Buch, das in dieser Konstellation entstand. Der Erstgutachter Prof. Dr. Albert Gerhards hat mich ermutigt, der Arbeit trotz des überwiegend historischen Quellenmaterials eine liturgie-praktische Ausrichtung und eine systematische Ordnung zu geben – und dadurch das Zusammenspiel der Disziplinen in der Liturgiewissenschaft exemplarisch umzusetzen. Prof. Dr. Georg Schöllgen, an dessen Lehrstuhl ich fast zehn Jahre lang als Assistent arbeiten durfte, hat mein methodisches Handwerkszeug zur Analyse und Kommentierung der Quellen geschärft. Beide haben mir die Freiheit gelassen, der Fährte jener Ausgangsidee zu folgen, die mir reizvoll und vielversprechend erschien. Ein neuer Faktor in der Konstellation war und ist Burg Rothenfels: Sie bot mir eine inspirierende Szenerie für die Beschäftigung mit liturgischen Themen und viele Möglichkeiten, in der Praxis neue Erfahrungen zum Thema dieser Studie zu machen. Zudem räumte sie mir gute Rahmenbedingungen, Arbeitszeit und Sachmittel ein, um meine wissenschaftliche Arbeit fortzuführen. Ohne diese Infrastruktur wäre das Manuskript wohl weitere Jahre liegengeblieben. Dafür möchte ich mich aufrichtig bedanken.
Für die technische Einrichtung des Typoskripts danke ich Daniela Kranemann, die meine Dateien mit gewohnter Akribie in einen druckfähigen Zustand versetzte. Auch Liane Kaiser, Sarah Pelzer und Michael Böhm haben zur Fertigstellung beigetragen. Dem Verlag W. Kohlhammer und besonders Herrn Florian Specker danke ich für die Geduld und die sorgfältige Bearbeitung. Ein weiterer Dank gilt dem Erzbistum Köln für einen großzügigen Druckkostenzuschuss zur Publikation dieser Arbeit, der ohne Verfallsdatum Gültigkeit behielt. Auch mein heutiges Heimatbistum Würzburg war so freundlich, sich noch an den Kosten zu beteiligen. Schließlich möchte ich summarisch all jene nennen, die über die Themen dieses Buches wach und interessiert mit mir diskutiert haben, sowie all jene, die mit mir – sei es im Bonner Mittagsgebet, auf Burg Rothenfels, auf Kirchen- und Katholikentagen, in der »Initiative Ökumenisches Stundengebet« oder bei vielen anderen Gelegenheiten – Stundengebet gefeiert und das tiefere Anliegen dieser Studie haben Wirklichkeit werden lassen.
Widmen möchte ich dieses Buch meiner Frau Elisabeth von Lochner und unserer Tochter Helena: für die Nachsicht, wenn ich länger, als es gut ist, im Büro statt bei der Familie war, und für die Liebe, die jenseits aller Arbeit mein Leben trägt und beflügelt.
Achim Budde Burg Rothenfels, 31.10./1.11.2012
»We need to discover and create a truly ›cathedral‹ office, not necessarily by reconstructing what was done at Jerusalem or Antioch or wherever in the fourth century, but by using the insights provided by historical study in order to establish the essentials of our pattern of daily prayer and spirituality, and then express these in forms appropriate to our own age.«1
Mit diesem Zitat ist im Grunde das Programm aufgestellt, das die vorliegende Studie umsetzen möchte: die wissenschaftliche Grundlegung für eine Wiederbelebung der in Gemeinschaft gefeierten Tagzeitenliturgie. Die Bedeutung des täglichen gemeinsamen Betens für die Identität christlicher Gemeinden ist seit langem erkannt und anerkannt. Durch den anhaltenden Personal- und Priestermangel hat sich die Lage verschärft, und es herrscht weitgehend Konsens, dass der Erosion des liturgischen Lebens im Alltag nur durch die Verbreitung von Gottesdienstformen, die keiner professionellen Leitung bedürfen, Einhalt geboten werden kann. Die Bemühungen führten jedoch bislang nicht zu einer breiteren Etablierung gemeindlicher Tagzeiten2. Um zu verstehen, woran der reale Vollzug scheitert und welche Modifikationen mehr Erfolg versprächen, muss laut Bradshaw zunächst die Vergangenheit analysiert werden. Wie aber dann die historischen Einsichten sinnvoll für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden können, darüber herrscht kein methodischer Konsens, dem man sich einfach anschließen könnte. Die vorliegende Arbeit möchte daher in dieser Frage eine neue Methode verfolgen und zur Diskussion stellen.
Proprium der zugrundegelegten Vorgehensweise ist die Einbeziehung pragmatischer und organisatorischer Fragen in die Analyse. Die Forschung ist bislang eng auf die Gestalt der Tagzeiten und den dahinter stehenden theologischen Sinn fokussiert; außer Betracht bleiben hingegen weitgehend die praktischen Rahmenbedingungen und die technischen Hintergründe liturgischer Organisation. Welche liturgische Gestalt jedoch unter ganz konkreten Bedingungen angemessen und auch praktikabel ist, lässt sich – so die Arbeitshypothese – nur herausfinden, wenn diese Themen in die Analyse einbezogen werden. Organisation und Praktikabilität werden daher im Folgenden neben der theologischen und spirituellen Motivation als der zweite maßgebliche Faktor für die liturgische Gestalt gemeinsam gefeierter Tagzeiten etabliert. In diesem Faktor wird der passende methodische Schlüssel erkannt, um das hinter der Liturgie stehende Anliegen zu verstehen und auf dieser Basis umgekehrt den Gottesdienst und seine Gestaltung neu auf veränderte Bedingungen abzustimmen.
Aus dem neuen, zweigleisigen Erklärungsmodell der liturgischen Gestalt ergibt sich die Gliederung der Arbeit: Unter der Überschrift (A) »Motivation« wird systematisiert, was Christen als Einzelne, als Glaubensgemeinschaft und mit Blick auf die ganze Schöpfung zur Feier der Tagzeiten motiviert. Aus den fundamentalen liturgie-theologischen Kategorien wie Geschöpflichkeit, Zeitlichkeit, Gemeinschaftlichkeit etc. werden die pastoral-liturgischen Maximen abgeleitet, die der liturgischen Praxis zugrunde liegen. In Teil (B) »Organisation« werden erstmals auch die praktischen Rahmenbedingungen in ihren Auswirkungen auf die Tagzeitenliturgie analysiert, z. B. finanzielle und personelle Ausstattung, Gebäudemanagement, Zuschnitt der liturgischen Dienste, Schulung der Liturgen, die rituelle Kompetenz der Teilnehmer und ihre Vermittlung, überregionale Standardisierung etc. Erst der dritte Teil (C) widmet sich dann der konkreten liturgischen »Gestaltung« und versucht unter Berücksichtigung beider in den vorangehenden Teilen behandelten Faktoren sinnvolle Lösungen für den heutigen realen Vollzug der einzelnen liturgischen Elemente abzuleiten. Hier wird in einigen Fragen begründet vom derzeitigen Mainstream der Liturgiewissenschaft abgewichen. So ist dieser Teil zugleich das Ergebnis-Kapitel der vorliegenden Arbeit.
Die Untersuchung ist den neueren Ansätzen einer integrativen Liturgiewissenschaft verpflichtet3, die mit einer Kombination aus historischen, systematisch- und praktisch-theologischen Methoden arbeitet. Historische Paradigmen der Umsetzung eines theologischen Anliegens erhalten so Relevanz für die heutige Praxis. Dafür sind nicht allein die damalige Theologie und Theorie des täglichen Gebetes und Gottesdienstes von Interesse, sondern die ›Geschichte des angebeteten Gottes‹ im umfassenden Sinn4, d. h. so, wie sie das Leben, Denken und Fühlen der Christen tatsächlich bestimmt hat. Die Auswertung der Quellen erfolgt dementsprechend im Sinne einer »Gemeindegeschichte« mit dem Fokus auf der religiösen, disziplinären und organisatorischen Lebenswirklichkeit in den Gemeinden und ihren konkreten Gottesdienststätten5. Statt dann historische Vorbilder direkt auf die Gegenwart zu applizieren, soll die Klärung des Verhältnisses von Motivation, Organisation und Gestaltung helfen, Lösungen für die heutigen Probleme zu finden: Welches Movens führte unter welchen pragmatischen Bedingungen zu welcher liturgischen Gestalt? Und wie müsste dann hier und heute die Liturgie gestaltet werden, um das (ebenfalls veränderliche) theologische Anliegen unter den aktuell gegebenen Bedingungen in eine geistlich fruchtbare Praxis umzusetzen?
So wird das untersuchte Material in jedem einzelnen Kapitel mit den Fragen und Problemen heutiger Praxis in Beziehung gesetzt. Die wichtigsten Referenzgrößen sind dabei zunächst die Spätantike, in der die Feier der Tagzeiten aus bestimmten Motiven heraus entwickelt wurde und ihre in der Geschichte dominierende Form erhielt. Dann sind erst wieder aus dem Zeitalter der Reformation umfangreichere, konkret motivierte Versuche dokumentiert, eine – vor allem in der anglikanischen Kirche auch erfolgreiche – Wiederbelebung von Gemeinde-Tagzeiten zu unternehmen. Schließlich geben gegenwärtige Konzepte und Erfahrungen Aufschluss über die heute entscheidenden Bedingungen und Ziele. Die Auswertung dieser Zeugnisse wurde begleitet von der Etablierung eines täglichen Stundengebets im Bonner Münster, das ehrenamtlich durchgeführt wird und sich an eine differenzierte Teilnehmerschaft richtet. Die gegenseitige Durchdringung und Befruchtung von wissenschaftlicher Aufarbeitung und gottesdienstlicher Praxis bestimmt denn auch die Überlegungen im letzten Teil der Arbeit.
Neu ist an dieser Aufarbeitung also vor allem die Fragerichtung und die aus ihr resultierende Systematik des Stoffs: Die Quellen werden hier nicht – wie in Studien zur Geschichte der Tagzeiten weithin üblich – in ihrer chronologischen Abfolge jeweils im Zusammenhang referiert und kommentiert; vielmehr wird die Analyse der Quellen und ihrer einzelnen Aspekte kleinteilig auf die systematisch definierten Kapitel verteilt6.
Wer den Bereich der Tagzeitenliturgie umfassend aufarbeiten möchte, kann leicht ein ganzes Gelehrtenleben auf höchstem fachlichen Niveau damit zubringen. Die vorliegende Studie muss sich dagegen auf ein klar umgrenztes Thema beschränken, wenn wenige Jahre und wenige hundert Seiten zu ihrer Fertigstellung genügen sollen:
(1) Zunächst einmal wäre es vermessen, die großen, kontrovers diskutierten Probleme der stark auf die Ursprünge der liturgischen Gestalt konzentrierten Stundengebetsforschung in diesem Rahmen nebenbei lösen zu wollen. Hier kann und will die vorliegende Studie nicht die Fortführung der die Diskussion dominierenden Debatten sein, sondern zieht es vor, ihre Schlüsse zurückhaltend und nur aus einigermaßen gesicherten, ›konsensfähigen‹ Daten zu ziehen. Entsprechend muss auch kein Forschungsüberblick im klassischen Sinn dieser Studie vorangestellt werden; denn ihre spezielle Fragestellung ist so bislang noch nicht behandelt worden, und die einschlägigen Standardwerke7 sind demnach nicht als Vorgeschichte der folgenden Untersuchung aufzufassen.
(2) Dann gibt es thematische Eingrenzungen: Es geht um Gemeinde-Tagzeiten. Die monastische Stundenliturgie wird deshalb nur insofern aufgegriffen, als sie sich auf die Feier der Gemeinden ausgewirkt hat8; die private Rezitation der Kleriker bleibt unberücksichtigt. Es soll ferner um die Motive derjenigen gehen, die Tagzeitenliturgien geformt haben. Bei der Quellenarbeit stehen daher jene oben genannten Epochen im Vordergrund, in denen Tagzeiten eingerichtet oder reformiert wurden. Kontinuität und langsamer Verfall in den Perioden dazwischen stehen demgegenüber im Hintergrund. Es soll schließlich drittens um eine Analyse und um Lösungsansätze der heutigen pastoral-liturgischen Probleme im deutschsprachigen Raum gehen. Unsere hiesige kirchliche und gesellschaftliche Situation gibt daher die Perspektive vor, aus der heraus die Erfahrungen anderer gesichtet und aufgearbeitet werden. So findet die Situation in Deutschland eine stärkere Berücksichtigung als die anderer Kulturräume; und die abendländische Tradition wird stärker herangezogen als die der ostkirchlichen Riten.
1 Bradshaw, Daily Prayer (1983) 153f.
2 Vgl. das nach wie vor gültige Urteil von Fuchs, Stundengebet (1993) 9 oder Gerhards, Tagzeitenbuch (1999) 127.
3 Vgl. Gerhards / Osterholt-Kootz, Standortbestimmung (1992); Gerhards / Odenthal, Liturgiewissenschaft (2000); eine Zuordnung der Disziplinen im Zuge einer ökumenisch geweiteten Liturgiewissenschaft bietet Lurz, Feier (1998) 35–47.
4 Zum heutigen Fragen- und Methodenspektrum der Kirchengeschichte vgl. Holzem, Geschichte (2000) bes. 93f. 100–103.
5 Vgl. Schöllgen, Kirchengeschichte (1990) 210 und ebd. 213: »Auf viele dieser Fragestellungen hin wird man die Texte, die ja zum größten Teil primär theologisch interessiert sind, gegen den Strich lesen müssen«.
6 Eine gewisse Fußnotenredundanz lässt sich bei dieser Vorgehensweise nicht vermeiden. Der Ertrag, der durch die Herstellung neuer Zusammenhänge erreicht wird, wiegt diese aber auf.
7 Zu nennen sind nach Bäumer, Brevier (1895) bzw. Bréviarie (1905) vor allem: Goltzen, Gottesdienst (1956); Salmon, Stundengebet (1965); Bradshaw, Daily Prayer (1983); Taft, Hours (1986); Guiver, Company (2001); Ringseisen, Gemeinde (2002); Woolfenden, Prayer (2004); Lumma, Liturgie (2011); der entsprechende Abschnitt bei Meßner, Einführung (2001) 223–295. Zu der Reihe der Standardwerke zählen außerdem die Sammelbände von Klöckener / Rennings (Hrsg.), Stundengebet (1989) sowie Klöckener / Bürki (Hrsg.), Tagzeitenliturgie (2004). Die Fülle der insgesamt erschienenen Literatur dokumentiert in dem erstgenannten Sammelband Klöckener, Bibilographie (1989) mit bereits damals rund 850 Einträgen. Die Summe des Lebenswerkes von Angelus Häußling, die dieser seit einiger Zeit zu ziehen in Aussicht stellt, kann für unsere Zwecke weder abgewartet noch ersetzt werden. Sie soll im Sammelwerk »Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft« als Band 6,2 mit dem Titel »Die Liturgie der Tagzeiten« erscheinen; vgl. z. B. Häußling, Passionsmitfeier (1999) 145 Anm. 1. In dem Sammelband Häußling, Tagzeitenliturgie (2012) ist eine vorläufige Bilanz gezogen.
8 Das »Offizium der lateinischen Kirche ist noch in seiner ersten Phase so gründlich in die Hände des Mönchtums übergegangen« – so Zerfaß, Schriftlesung (1968) 2 –, dass zwar noch diese Ablösephase selbst, kaum jedoch die mittelalterliche Weiterentwicklung des monastischen Offiziums für das Thema der Gemeindetagzeiten Relevanz besitzt.
David Holeton charakterisierte die inzwischen vollendete Reform des Book of Common Prayer folgendermaßen: »Jetzt aber wurde zum ersten Mal seit der Reformation die Grundfrage gestellt: Zu welchem Nutzen oder mit welchen Zielen sollte das Tagzeitengebet bestimmt sein, und auf welcher Grundlage sollte es gestaltet sein?«1 Die Frage nach dem theologischen Movens soll auch in dieser Studie das erste große Themenfeld sein, auf dessen Grundlage dann über die organisatorischen Bedingungen und über Konsequenzen für die liturgische Gestaltung in der Praxis reflektiert wird.
Historisch und logisch ist der Ausgangspunkt dafür der einzelne Christ, die einzelne Christin: ihr Glaube, ihre Interpretamente der sie umgebenden Wirklichkeit, ihr Verhältnis zu Gott. Aus diesen Faktoren leitet sich die zunächst private Gebetspraxis ab. Erst auf deren Grundlage hat sich dann sekundär, wo immer es technisch möglich war, auch der gemeinsame Vollzug entwickelt – aus Motiven heraus, die als theologisches Plus über die Begründung des Privatgebets hinausgehen. Schließlich tritt als dritte Ebene der Auftrag der Glaubensgemeinschaft gegenüber ihrer Außenwelt hinzu. Der Unterscheidung dieser drei Ebenen entspricht die Kapitelaufteilung des ersten Teils.
Vor über 40 Jahren beschrieb Dorothee Sölle den gesellschaftlichen Stellenwert des Gebetes folgendermaßen: »Beten gilt dem gegenwärtigen nachchristlichen Bewußtsein als Ersatzhandlung [...] dessen, der zu wirksamem Handeln nicht fähig oder nicht willens ist.«2 Und obwohl das ausgehende 20. Jahrhundert als eine seiner »echten Überraschungen«3 auch eine neue Wende zum Religiösen brachte, ist die Krise des Gebetes dadurch keineswegs überwunden oder auch nur gemildert worden. Vielmehr schlägt sich die neue Religiosität vielfach in Vorstellungen nieder, die entweder kein personales oder kein wirkmächtiges oder kein hinreichend transzendentes Gottesbild kennen und deshalb zwar Kontemplation und Meditation, aber kein Gebet im klassischen Sinne für sinnvoll erachten. Die Beantwortung der »schöpfungstheologischen ›Gretchenfrage‹: Wie hältst Du es mit dem Gebet?«4 fällt dann negativ aus. Warum also beten? Diese Frage steht heute wieder so dringlich und grundsätzlich im Raum, wie sie sich bereits den ersten christlichen Apologeten stellte. Im Folgenden soll nachgezeichnet werden, inwiefern die christlichen Grundinterpretamente der Wirklichkeit – sie nämlich erstens als Schöpfung und zweitens als Heilszeit zu verstehen – den einzelnen Christen zum Gebet, zu Anbetung, Lobpreis und Bitte motivieren, und warum sie schließlich zu dem Anspruch führen, jeder Christ und jede Christin solle häufig und intensiv beten.
Nach Karl Rahner ist und bleibt das Gebet jedes einzelnen Christen die theologisch entscheidende Ebene – auch für das gemeinsame und das gottesdienstliche Gebet5. Für die liturgia horarum spiegelt sich diese Priorität auch in der historischen Entwicklung wider: Tägliches Gebet wurde den Gläubigen als Basis ihrer christlichen Existenz zunächst im privaten Vollzug, erst später auch in Gemeinschaft anempfohlen. Die Frage, welchen Sinn die Tagzeitenliturgie für das Gebetsleben des Einzelnen entfalten kann, ist deshalb nicht allein durch die Untersuchung liturgischer Zeugnisse zu beantworten. Denn jener Sinn, den das private Gebet im Alltag des Einzelnen erfüllt, wird gewissermaßen in den Gottesdienst mitgenommen. Dort wird er zwar um neue Aspekte ergänzt, bleibt aber weiterhin in Kraft: Dasselbe Movens, das die einzelnen Gläubigen überhaupt zum Beten antreibt, soll dann auch bei der Teilnahme am gemeinsamen Gebet zur Geltung kommen können. Es bleibt daher ein wichtiger Maßstab für Organisation und Gestaltung des täglichen Gottesdienstes.
Die erste grundlegende Voraussetzung christlichen Betens ist der Schöpferglaube. Weder ist es beweisbar noch allgemein anerkannt, dass die den Menschen umgebende Welt eine geschaffene ist. ›Geschöpflichkeit‹ ist formal nur ein Interpretament dieser Wirklichkeit – ein Interpretament allerdings mit Konsequenzen für das Selbstbild und das eigene Verhalten. Bereits die frühchristlichen Apologeten errichten ihre Vorstellungen vom Gebet auf der Basis dieser gläubigen Voraussetzung: Der Christ deutet die gesamte wahrnehmbare Wirklichkeit und seine eigene geistig-leibliche Existenz als von Gott geschaffen. Daraus leiten sich die Praxis und der Inhalt des Gebets als christlicher Grundhaltung ab. Ein Passus aus der Apologie des Märtyrers Justin kann diesen Vorgang exemplarisch deutlich machen:
»Daß wir nicht gottlos sind, da wir doch den Schöpfer dieses Alls verehren und, wie wir gelehrt worden sind, behaupten, daß er keiner Schlacht-, Trank- und Räucheropfer bedarf, und die wir ihn bei allem, was wir zu uns nehmen, durch Gebet und Danksagungswort, soviel wir können, lobpreisen, indem wir als die seiner allein würdige Ehrung nicht die kennen lernten, das von ihm zur Nahrung geschaffene durch Feuer zu verzehren, sondern die, es uns und den Bedürftigen zugute kommen zu lassen, ihm aber zum Danke in Worten Huldigungen und Gesänge emporzusenden für unsere Erschaffung und für alle Mittel zu unserem Wohlsein, für die Mannigfaltigkeit der Arten und für den Wechsel der Jahreszeiten, und die wir Bitten emporsenden, daß wir wieder in Unvergänglichkeit erstehen durch den Glauben an ihn – welcher Vernünftige wird das nicht einräumen?«6
In diesem langen Satz ist eine ganze schöpfungstheologische Grundlegung des Gebets enthalten. Die Anerkennung des Schöpfers steht am Anfang, und damit auch die Anerkennung und Bejahung der eigenen Geschöpflichkeit und Endlichkeit. Aus dieser Verhältnisbestimmung ergibt sich die Verehrung als der angemessene Modus der Kommunikation mit dem transzendenten Gott. Da das Werk des Schöpfers in jüdisch-christlicher Tradition als gut angesehen wird, ist ihm dafür, inklusive der eigenen Erschaffung, Dank zu sagen. Aus der Bejahung der Schöpfung leitet sich auch ab, dass die physikalischen Rahmenbedingungen des menschlichen Lebens als wertvolles Geschenk dankbar angenommen werden. Dass die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme von Gott eingerichtet wurde, erfährt seine gebührende Würdigung deshalb nicht in der Vernichtung von Nahrungsmitteln in Form von Opfern, sondern darin, sie ihrer natürlichen Bestimmung zuzuführen, indem man sie isst und anderen davon zu essen abgibt. Die Gabe, die der Mensch seinem Schöpfer dafür zuteil werden lässt, ist hingegen keine Materie, sondern das Gebet: der Dank für die Gaben der Schöpfung, von denen der Mensch leben kann, für den Reichtum der Natur insgesamt und für Naturabläufe wie den Jahreskreis. Schließlich wird in der Bitte um Auferstehung und Unvergänglichkeit die eschatologische Vollendung als Zielvorstellung vor Augen geführt. Und die abschließende rhetorische Frage setzt voraus, dass all dies der Vernunft des Menschen entspricht.
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