Genial normal - William Sutcliffe - E-Book

Genial normal E-Book

William Sutcliffe

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Beschreibung

Roman für junge Leser und Leserinnen, voller Humor und Tiefgang erzählt  Dieses Buch ist das perfekte Geschenk für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren. Eine lustige Geschichte mit der starken Botschaft: Sei du selbst und steh zu dir – und wenn du mal scheiterst, dann nimm es nicht zu schwer! Genial sein ist auch keine Lösung Sam hat keine allzu großen Ansprüche an sein Teenagerleben. Er hat kaum Follower auf Instagram, sein Freundeskreis ist überschaubar, er schreibt mittelmäßige Noten und das Wichtigste: Er ist mit seiner Durchschnittlichkeit voll und ganz zufrieden.  Doch als sein Vater durch den Verkauf eines Startups plötzlich reich wird und die Familie daraufhin in ein schickes Londoner Viertel zieht, fangen für Sam die Probleme an: Seine Mutter meldet ihn an der "Nord-London-Akademie für Begabte und Talentierte" an, einer Elite-Schule für künstlerisch interessierte und hochbegabte Kinder, die allesamt damit beschäftigt zu sein scheinen, irgendwelche Elektro-Wave-Emo-Crossover-Bands zu gründen oder eines Tages Hollywood zu erobern. Ein Albtraum für Sam, der einfach nur normal sein und bloß nicht auffallen will. Denn Durchschnittlichkeit wird an der Nord-London-Akademie nicht toleriert – und so findet sich Sam im Zentrum einer ambitionierten Theateraufführung wieder, in der er die Rolle seines Lebens spielt … - Starke Erzählstimme: Der 15-jährige Sam stolpert aus seiner Komfortzone raus ins Leben  - Tolle Botschaft: Steh zu dir selbst und glaube an dich  - Preisgekrönter Autor: Der britische Erfolgsautor William Sutcliffe bringt die Gefühle der jungen Generation auf den Punkt  - Das perfekte Geschenk: Idealer Lesestoff für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren  - Teenager auf Identitätssuche: Tiefsinnig, unterhaltsam und zum Schreien komisch  Über das Buch: Ein frischer, lustiger und tiefgründiger Blick auf den ganz normalen Wahnsinn des Erwachsenwerdens.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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William Sutcliffe

Genial Normal

Mein Leben Unter Supertalenten

Aus dem Englischen von Leena Flegler

arsEdition

Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2023

Text copyright © 2019 by William Sutcliffe

First published in the UK in 2019 by Bloomsbury Publishing

Titel der Originalausgabe: The Gifted, The Talented And Me

© 2023 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, D-80801 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Text: William Sutcliffe

Übersetzung: Leena Flegler

Covergestaltung: Thorsten Berger

Satz: Müjde Puzziferri, MP Medien, München

Die verwendeten Zitate aus Der Sturm von William Shakespeare stammen aus der Übersetzung von Frank Günther.

Verwendung mit freundlicher Genehmigung durch den Hartmann & Stauffacher Verlag, Köln (www.hsverlag.com) - alle Rechte ebenda.

eBook ISBN 978-3-8458-5589-9

Printausgabe ISBN 978-3-8458-5092-4

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Für Saul, Iris und Juno und für alle Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Freizeit je für eine Schultheateraufführung geopfert haben

WEIL WIR ES KÖNNEN

»ALLE RUNTERKOMMEN! FAMILIENRAT!«

Auch wenn ich mich ein bisschen wunderte, warum Dad so früh von der Arbeit zurück war und was »Familienrat« zu bedeuten hatte, blieb ich in meinem Zimmer.

»PIZZA!«, rief er hinterher. »Der Letzte, der kommt, kriegt die Hawaii!«

Türen schlugen, Schritte donnerten die Treppe runter und ich sprang auf. Nach einer kurzen Rangelei mit Ethan in der Küchentür, bei der Freya es irgendwie schaffte, zwischen unseren Beinen hindurchzukrabbeln und sich das erste Pizzastück zu schnappen, versammelten wir uns alle am Tisch und aßen direkt aus den Kartons, die kreuz und quer über gemalten Bildern, unfertigen Hausaufgaben, ungeöffneten Briefumschlägen und ungelesenen Zeitschriften lagen.

Ethan, der mit seinen siebzehn in den vergangenen drei Jahren nichts anderes getragen hatte als Schwarz, verkündete mit vollem Mund: »Mir egal, wer das Sorgerecht kriegt, aber mein Zimmer gebe ich nicht her.«

»Sorgerecht?«, wiederholte Mum.

»Ja. Ich ziehe nicht aus und ich pendle am Wochenende auch nirgends hin.«

»Das hast du falsch verstanden, mein Schatz«, sagte Mum. »Wir lassen uns nicht scheiden.«

»Oh. Weshalb dann Familienrat?«

Freya, die in der ausschließlich von Feen, Einhörnern und Katzen bevölkerten Traumwelt einer Siebenjährigen lebte, schaltete vorübergehend auf Wirklichkeit und heulte los. »Ihr lasst euch scheiden?«

Mum sprang auf, stürmte um den Tisch herum und nahm Freya in die Arme. »Wir lassen uns nicht scheiden. Mach dir keine Sorgen.«

»Aber das hat Ethan doch gerade gesagt!«

»Das hat Ethan falsch verstanden.«

»Und wie soll ich wissen, dass du die Wahrheit sagst? Woher weiß ich, dass du mir das nicht nur einredest, um mich zu schonen?«

»Ethan!«, schimpfte Mum. »Jetzt schau dir an, was du angerichtet hast. Sag Freya, dass du dir das nur ausgedacht hast!«

»Ich hab’s mir aber nicht ausgedacht.«

»Hast du wohl! Von Scheidung war nie die Rede, bis du damit angefangen hast.«

»Dann bin ich wohl von allein daraufgekommen.«

»FÄLSCHLICHERWEISE! WIR LASSEN UNS NICHT SCHEIDEN!«

»Und warum nicht?«

»Wie bitte? Hast du mich gerade gefragt, warum wir uns nicht scheiden lassen?«

»Wenn dir darauf nicht mal eine Antwort einfällt, sollten wir uns vielleicht Gedanken machen.«

»AUFHÖREN!«, rief Dad. »Noch mal von vorn. Ganz ruhig bleiben. Es gibt keine Scheidung. Ich habe euch zusammengerufen, weil wir euch etwas mitteilen wollen.«

»Trennung auf Probe?«, mutmaßte Ethan.

»Nein. Es sind gute Nachrichten.«

Schlagartig waren wir still. Gute Nachrichten waren uns gar nicht in den Sinn gekommen.

»Ich habe meine Firma verkauft.« Dad lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.

Ethan, Freya und ich starrten ihn verdattert an.

»Du hast eine Firma?«, platzte es aus mir heraus.

»Na klar habe ich eine! Was glaubst du denn, was ich in den letzten sechs Jahren tagaus, tagein gemacht habe?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Also, ich hatte eine Firma, bis letzte Woche. Aber die habe ich jetzt verkauft.«

Er strahlte uns an und wartete eindeutig auf eine Reaktion, nur dass keiner von uns eine Ahnung hatte, wovon er redete oder weshalb er so eine große Sache aus dieser unfassbar langweiligen Info machte. Freya, die bereits wieder das Interesse verlor, streckte sich nach ihrem Notizbuch aus, um zu malen.

»Für viel Geld«, legte Dad nach.

Ethan riss den Blick von seiner Pizza los.

»Wenn du ›viel‹ sagst … dann heißt das …?«

»Wir sind reich!« Mitsamt Freya im Arm machte Mum einen Hüpfer und fing an, in der Küche auf und ab zu tänzeln. »Wir sind reich! Wir sind reich! Auf Wiedersehen, Stevenage! Auf Wiedersehen, kleines, beengtes Schuhkartonhaus! Wir fangen ein neues Leben an! Keiner hat es ihm zugetraut, aber er hat es hingekriegt und es allen gezeigt! Er hat es geschafft – wir sind reich!«

»Wie reich?«, wollte Ethan wissen.

»Auskömmlich«, antwortete Dad.

»Stinkreich«, ergänzte Mum.

»Doch nicht stinkreich«, wandte Dad ein. »Vielleicht eher … muffelig reich.«

»Kriege ich ein neues Handy?«, fragte Ethan.

Der einzige Hinweis darauf, dass so was in der Art hätte passieren können, war Dads Job. Oder besser: sein nicht vorhandener Job.

Als Freya noch ein Baby war, hatte er das, was er damals gemacht hatte, gekündigt – was immer das gewesen war. Irgendwas, was mit Krawatten zu tun hatte und damit, dass er immer erst nach Hause kam, wenn ich schon im Bett lag.

Dann bezog er den Schuppen im rückwärtigen Garten. Dort verbrachte er Monate, schraubte an irgendwas rum und sah immer aus, als hätte er sich eben erst durch einen Schrotthaufen gewühlt (was oftmals wirklich der Fall war). Jedes Mal, wenn Leute ihn fragten, was er beruflich mache, antwortete er: »Unternehmer.« Wenn er spannender klingen wollte, sagte er auch mal: »Erfinder.«

Hin und wieder tauchte er im Anzug in der Küche auf, und dann sagten wir Sachen wie: »He, wer sind Sie? Wie sind Sie denn hier reingekommen?«

Doch nach ein paar Scherzen darüber, dass er aussehe wie ein Erwachsener, der einen echten Job haben könnte, vergaßen wir regelmäßig zu fragen, wohin er in diesem Aufzug eigentlich wollte.

Bei einem seiner Termine musste er eine Geldquelle aufgetan haben, weil er irgendwann aufhörte, im Schuppen herumzuwerkeln, seine Garderobe von Schrottplatztaucher gegen Blinder-hat-sich-durch-Kleiderbasar-gewühlt eintauschte und anfing, in irgend so einem Lager zu arbeiten. Oder vielleicht war es auch ein Büro.

Ich habe nie darüber nachgedacht, ihn zu fragen. Er war einfach mein Dad, der wie andere Dads irgendwohin zur Arbeit ging. Was er genau machte, war nicht wichtig. Solange er morgens und an den Wochenenden anwesend war und mich hinfuhr, wo immer ich hinmusste, kam mir gar nicht in den Sinn zu fragen, was er den lieben langen Tag machte.

Dann flog er eines Tages in die USA, mitsamt einem brandneuen Koffer und einem schlabbrigen Kleidersack, den ich noch nie gesehen hatte. Diesmal fragte ich ihn, was er denn vorhabe, aber er sagte bloß: »Meetings.«

Die Art und Weise, wie Mum ihm beim Abschied viel Glück wünschte, war zwar komisch – so als würde sie es todernst meinen –, aber ein paar Minuten später hatte ich das Ganze auch schon wieder vergessen.

Kurz nachdem er aus den USA wiederkam, wurde unser allererster Familienrat einberufen.

»Moment mal«, unterbrach ich Mums Freudentänzchen. »Was soll das heißen – auf Wiedersehen, Stevenage?«

»Du glaubst doch wohl nicht, dass wir hierbleiben?«, entgegnete Mum. »Reiche Leute wohnen nicht in Stevenage. Die wohnen in London! Dad hat die Firma verkauft, ich habe gekündigt und endlich kommen wir aus diesem Kaff raus und ziehen nach London!«

»Aber ich mag Stevenage«, wandte ich ein.

»Die Einzigen, die Stevenage mögen, sind Leute, die nie woanders waren«, sagte Ethan.

»Ich war überall, wo du auch warst.«

»Warst du nicht. Außerdem hast du im Leben ja wohl kein einziges Buch gelesen. Deine Vorstellung von Kultur ist die Bowlingbahn.«

»Was hat das denn damit zu tun, ob man Stevenage mag?«

»Siehst du? Du hast keine Ahnung.«

Ich sah Hilfe suchend zu Mum, die hoffentlich für mich Partei ergreifen würde, aber es sah ganz so aus, als hätte sie gar nicht zugehört. Ihr Gesichtsausdruck erinnerte mich an diese Sache, die man in Trickfilmen sieht, wenn Zeichentrickfiguren Dollarzeichen in den Augen haben.

»Dann ziehen wir also um?«, fragte ich.

»Ja«, antwortete Mum. »So schnell wie möglich. An einen Ort, von dem ich mein Leben lang geträumt habe. Dort gibt es schöne viktorianische Häuser und es ist in der Nähe einer riesigen Parkanlage, und obwohl es dort teuer ist, wohnen da Maler und Musiker und Verlagsleute und lauter Kreative. Es ist ein Vorort von London und er heißt …« Und dann flüsterte sie ehrfurchtsvoll: »… Hampstead.«

»Da ziehen wir hin?«, hakte Ethan nach.

»Ja, und es gibt dort eine fantastische Schule, wohin die Maler und Musiker und Verlagsleute ihre Kinder schicken. Sie heißt ›Die Nord-London-Akademie für Begabte und Talentierte‹. Ich habe schon Kontakt dorthin aufgenommen und wir haben euch alle drei anmelden können. Freya, du darfst dort so viel malen, wie du nur willst, und hast echte Künstler als Lehrer! Ethan, du kannst dich auf deine Musik konzentrieren und vielleicht eine Band gründen. Und Sam, du … äh … Du hast dort eine tolle Zeit und lernst spannende neue Freunde kennen.«

»Ich will keine neuen Freunde. Ich mag die, die ich schon habe.«

»Deine Freunde sind wahnsinnig nett, ich weiß, aber die Welt dort draußen ist so viel aufregender! Du wirst es lieben!«

»Willst du damit sagen, dass meine Freunde langweilig sind?«

»Nein. Das sind ganz bezaubernde Kinder.«

»Bezaubernde Kinder?! Ich bin fünfzehn und keine fünf mehr!«

»Ich rede davon, dass wir hier in Stevenage festhängen. Dieses Dorf ist langweilig. London ist eine Weltstadt. Dort leben Leute aus aller Herren Länder. Das wird fantastisch!«

»Du sagst doch immer, dass es dort laut und dreckig ist.«

»Wirklich?«

»Ja. Und vermüllt und viel zu voll.«

»Ach, daran gewöhnen wir uns. Wenn man erst echter Londoner ist, fällt einem das kaum noch auf.«

»Und was soll überhaupt eine Akademie für Begabte und Talentierte sein? Warum können wir nicht auf eine normale Schule gehen?«

»Ich zeige euch die Website. Sie fördern dort Kreativität und die Beschäftigung mit darstellenden Künsten in einem ganzheitlichen Bildungsumfeld.«

»Klingt nach Albtraum«, murmelte ich.

Mum streckte sich über den Tisch aus, nahm meine Hand und sah mir in die Augen. »Sei nicht so voreingenommen, Sam. Das herkömmliche Schulwesen ist restriktiv und konformistisch und geprägt von sinnlosen Zielvorgaben und Prüfungen. Die Akademie ist die beste Gelegenheit, all diesen Unsinn hinter dir zu lassen und dein wahres Ich zu finden und zu fördern. Selbst wenn du nicht sofort warm damit wirst, entdeckst du in dir mit der Zeit neue Tiefen, die dir bislang gar nicht bewusst waren.«

»Ich will keine neuen Tiefen finden. Ich mag die, die ich schon habe.«

»Das sind keine Tiefen«, warf Ethan ein, »das sind Untiefen.«

»Schwarz zu tragen, langweilige Filme zu gucken und Gitarre zu spielen, heißt auch noch lange nicht, dass man tiefgründig ist!«

»Oh doch.«

Ich verdrehte demonstrativ die Augen, auch wenn ich mich insgeheim fragte, ob er vielleicht nicht doch recht hatte.

»Und das alles soll wirklich passieren? Das ist beschlossene Sache?«, wandte Ethan sich an Dad. Er klang aufgeregter, als ich ihn je erlebt hatte.

»Ja.«

»Ehrenwort?«

»Ehrenwort.«

Ethan grinste bis über beide Ohren, lehnte sich zurück und stieß einen langen, zittrigen Seufzer aus. »Ich fasse es nicht! Das ist, als würde man nach der Hälfte der Haftzeit auf freien Fuß gesetzt.«

»Wenn das eine Schule für Begabte und Talentierte ist«, warf ich ein, »sollten die dann nicht überprüfen, ob das auf einen zutrifft? Weil ich nämlich ganz sicher nicht begabt oder talentiert bin.«

»Natürlich bist du das«, entgegnete Mum. »Du hast deine Stärken nur noch nicht entdeckt.«

»Außerdem hat die Schule eine Spende von uns gekriegt«, ergänzte Dad.

»Und woher wisst ihr, dass alle anderen nicht auch nur gespendet haben?«

»Sei nicht so zynisch«, sagte Mum. »Ich habe über Jahre mitangesehen, wie ihr von einem Leistungsnachweis zum nächsten gehetzt seid und andauernd gestresst wart und wie unkreativ dieses ganze Schulsystem ist – aber da hole ich euch jetzt raus. Ihr habt endlich die Freiheit herauszufinden, wer ihr wirklich seid. Ich will nicht, dass ihr nur drei weitere Rädchen im kapitalistischen Getriebe werdet. Ich will, dass ihr einzigartig und anders und furchtlos werdet.«

»WhoooHOOO!«, johlte Ethan. »Weiter so, Mum!«

»Dad ist ein Rädchen im kapitalistischen Getriebe«, merkte ich an. »Ihm scheint das ganz gut zu gefallen – und dir offenbar auch.«

»Jetzt nicht mehr«, entgegnete sie. »Nie wieder Kalkulationstabellen! Dieser Job hat mich den letzten Nerv gekostet, und endlich kann ich mich darauf konzentrieren, für euch drei da zu sein.«

»Wo – da?«, hakte Ethan nach.

»Wo immer ihr mich braucht.«

»Wir werden alle so viel glücklicher sein«, sagte Dad.

Ich war mir nicht sicher, ob mehr elterliche Überwachung wirklich eine so gute Nachricht war. Nach Ethans Gesichtsausdruck zu urteilen, ging es ihm ähnlich.

»Und während ihr in der Schule seid, habe ich endlich Zeit, eigene Ideen in die Tat umzusetzen«, fuhr Mum fort. »Ich will mir einen Brennofen kaufen und anfangen zu töpfern.«

Darauf hatte niemand so recht eine Antwort.

»Das wird toll«, sagte Dad schnell. »Nicht das Töpfern – die ganze Sache. Das Töpfern natürlich auch. Das wird ganz wunderbar. Selbst gemachte Schüsseln – wow!«

Freya hielt ein Bild von einem Hundewelpen, einem Einhorn und einem Kätzchen hoch, die unter einem doppelten Regenbogen auf einer Wolke saßen. »Sieht Hampstead so aus?«

»So ähnlich«, antwortete Dad.

»Kann ich jetzt gehen? Sind wir fertig?«, fragte Ethan und tippte etwas in sein Handy, während er bereits die Küche verließ.

Tief versunken in ihren Tagtraum von unserem neuen Leben, starrte Mum aus dem Fenster dorthin, wo der Horizont gewesen wäre, wenn Stevenage einen gehabt hätte.

»Dad«, fragte ich, »müssen wir wirklich umziehen?«

»Darauf habe ich mein Leben lang hingearbeitet«, erwiderte er. »Ab sofort wird alles viel besser.«

»Aber alle meine Freunde wohnen hier. Warum müssen wir denn nach London ziehen?«

»Weil wir es können. London ist eine fantastische Stadt. Ganz egal, woran du interessiert bist – und das kann alles sein, aus aller Welt –, dort findest du es.«

»Ich bin aber an Stevenage interessiert.«

»Warum bist du so negativ?«

»Warum schickt ihr mich auf eine Schule für Spinner?«

»Das ist doch keine Schule für Spinner! Es ist eine Schule, von der wir glauben, dass ihr drei euch dort wohlfühlen werdet. Wir wollen euch nur beschützen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich richtig gut Geld verdient, und genau dafür ist Geld doch da, oder? Mehr als für alles andere. Um seine Kinder zu beschützen.«

»Wovor denn beschützen? Vor dem echten Leben?«

»Ich zeige dir die Schulwebsite. Sie sieht wirklich fantastisch aus.«

»Fantastisch für Freya und Ethan.«

»Für euch alle. Sie wird dir gefallen.«

»Sicher?«

»Klar! Du wirst dich dort wohlfühlen. Sobald du dich daran gewöhnt hast.«

Das war alles andere als überzeugend.

»Wir werden dort überglücklich«, sagte Mum, die soeben aus ihrem Tagtraum aufzuwachen schien, auch wenn sie immer noch ziemlich entrückt aussah, so als hätte unsere beengte Küche, unser hellhöriges Haus und das Städtchen, in dem wir lebten, bereits aufgehört zu existieren.

AUF WIEDERSEHEN, STEVENAGE!

Die folgenden Tage verbrachte Mum mit Fahrten zum Wertstoffhof. Es war fast, als wäre sie in die Rückwärts-Version einer entfesselten Shoppingtour geraten.

Die naheliegende Reaktion auf unseren unverhofften Geldsegen wäre ein Großeinkauf gewesen, aber getreu ihrem Motto, immer genau das zu tun, womit man am wenigsten rechnet, beschloss Mum, unseren Reichtum zu feiern, indem sie alles aus dem Haus schaffte, was nicht niet- und nagelfest war. Wie bei einem Einbruch in Zeitlupe.

Während sich unser Zuhause nach und nach leerte, dämmerte es Ethan, Freya und mir, dass wir an unseren Besitztümern nur würden festhalten können, indem wir sie gut versteckten.

Am Tag, als der Umzugswagen vorfuhr, war schließlich kaum noch Mobiliar übrig und wir mussten im Stehen fernsehen. Der Fernseher selbst war nur deshalb noch da, weil ich mich in die Tür gestellt hatte, als Mum ihn zum Gebrauchtkaufhaus bringen wollte, und mich weigerte, Platz zu machen, während sie mir einen langen Vortrag hielt, in dem jede Menge Wörter wie »Kapitalismus«, »Verdummung«, »Fantasie« und »Kreativität« vorkamen.

Ich konterte mit einer noch längeren und leidenschaftlicheren Rede, in der ich Dinge betonte wie »Diebstahl an den eigenen Kindern«, »Videospiele als dynamische Kunstform« und »Bewältigungsmethode, mit meiner Umzugsangst umzugehen«.

Letzteres überzeugte sie schließlich. Unverhohlene emotionale Erpressung, gepaart mit ein paar Mentale-Gesundheit-Schlagwörtern, erwies sich wie immer als die beste Strategie, um Mum ins Abseits zu stellen.

Als wir dem auffällig kleinen Transporter hinterherfuhren und Stevenage hinter uns ließen, kurbelte Mum ihr Fenster herunter und johlte, als wäre sie auf einem Mädels-Roadtrip durch die kalifornische Wüste. Ein alter Mann fiel in der Nähe der Bushaltestelle fast von seinem Elektromobil. In Stevenage johlt man normalerweise nicht.

»Auf Nimmerwiedersehen, Stevenage«, kreischte sie durchs offene Fenster.

»Nimmer wieder?«, hakte ich nach.

»OH JA!«

»Hieß es nicht, ich könnte jederzeit wiederkommen und meine Freunde besuchen?«

Im Rückspiegel sah ich, wie sie Dad einen schuldbewussten Blick zuwarf.

»Das habe ich mitgekriegt!«

»Was – mitgekriegt?«

»Diesen Blick.«

»Welchen Blick?«

»Den du Dad zugeworfen hast.«

»Ich hab doch gar nichts gemacht!«

»Wann kann ich wiederkommen und meine Freunde besuchen?«

»Bald.«

»Das sagst du immer, wenn du nie meinst.«

»Bald heißt bald. Sobald wir uns eingerichtet haben. Außerdem hast du dort im Handumdrehen neue Freunde.«

»Ich bin zu alt für neue Freunde.«

»Du bist fünfzehn!«

»Mit fünfzehn läuft man nicht mehr herum und versucht, Freunde zu finden. Das ist erbärmlich.«

»Ich bin über vierzig«, erwiderte Mum. »Was glaubst du denn, was ich vorhabe? Glaubst du, ich brauche kein Sozialleben?«

»Das ist etwas anderes.«

»Was ist daran anders? Hör mal – man ist nie zu alt für neue Freunde.«

»Deine Freunde sind sowieso keine echten Freunde«, mischte Ethan sich ein. »Das sind bloß Leute, mit denen du aufgewachsen bist.«

»Und genau das macht sie zu Freunden! Was du auch wüsstest, wenn du welche hättest.«

»Dann wohnen also die besten Leute auf der ganzen Welt zufällig alle in einem Fünfhundert-Meter-Radius rund um unsere Sackgasse in Stevenage?«

»Dass das die besten Leute der Welt wären, hab ich nie behauptet. Das sind einfach nur Freunde.«

»Keinen Streit bitte«, ging Mum dazwischen. »Wir fangen ein neues Leben an. Das wird fabelhaft!«

»Ich will aber kein neues Leben. Ich will mein altes Leben.«

»Das ist in deinem Alter eine ganz natürliche Reaktion.«

»Was soll denn mein Alter damit zu tun haben?«

»Na ja, ich habe etwas dazu gelesen, und in der Pubertät haben Jungen oft das Bedürfnis, an Aspekten der Kindheit festzuhalten, von der sie wissen, dass sie zu Ende geht.«

Ich schlug die Hände vors Gesicht. »Oh Gott, ich kann nicht glauben, dass du das gerade gesagt hast.«

»Was heißt Pubertät?«, meldete sich Freya zu Wort.

»Das ist die Phase rund um das Alter, in dem Sam gerade ist und in der sich der Körper verändert.«

»AUFHÖREN!«

»Wenn man Teenager wird, verändert sich der Körperbau und man kriegt Haare an Stellen …«

»AUFHÖREN! AUFHÖREN! AUFHÖREN!«

»Ich erkläre es dir später. Ich glaube, es ist Sam peinlich. Die Eltern peinlich zu finden, gehört auch dazu.«

»WAS DU NICHT SAGST!«

»Haare?«, hakte Freya nach.

»Hat jemand Hunger?«, fragte Dad. »Sollen wir eine Pause machen? Wer möchte etwas essen? Irgendwer? Ich hätte jetzt gern ein Plunderteilchen.«

»Das heißt Intimbehaarung«, erklärte Ethan.

»ETHAN!«, kam es gleichzeitig von Mum und Dad.

Fast die komplette restliche Fahrt über murmelte Freya »Intimbehaarung, Intimbehaarung, Intimbehaarung« vor sich hin.

Unser neues Haus war irgendwie gleichzeitig echt nobel und leicht heruntergekommen.

Mum war so stolz darauf, dass man hätte meinen können, sie hätte es eigenhändig erbaut. Sie führte uns durch die Zimmer und erläuterte anspruchsvolle Pläne, denen zufolge sie den Teppichboden herausreißen und »alles auf null setzen« wollte, auch wenn mir nicht klar war, was es da noch auf null zu setzen gab, und obwohl der Teppichboden das Einzige war, was ich halbwegs okay fand.

Ich glaube, irgendwann nannte sie den schrottigen Schuppen an der Grundstücksgrenze sogar ihr »Atelier«, aber ganz sicher war ich mir nicht, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, aus dem Fenster in die Fremdartigkeit dieses neuen Ortes hinauszublicken, um wirklich zuzuhören.

Direkt vor dem Fenster stieg ein Mann mittleren Alters in teuer aussehenden zerrissenen Jeans und quietschroten Sportschuhen in einen Mercedes ein, während eine Frau in einem BMW mit Warnblinker schon auf den Parkplatz lauerte und die Straße blockierte. Hinter ihr hielt ein Mann in einem Cabrio wütend die Hupe gedrückt und blökte Beleidigungen. Auf der anderen Straßenseite trugen mehrere hagere Typen in dreckigen Klamotten eimerweise Schutt aus dem Keller eines riesigen Hauses und leerten ihn in einen Baucontainer.

Das war also Hampstead. Weit und breit nirgends Hundewelpen, keine Einhörner, Kätzchen und auch kein Regenbogen. Ich hatte meine neue Straße nicht mal inspiziert, aber jetzt schon das Gefühl, dass dies ein Ort war, an dem reiche Leute wegen Parkplätzen mächtig in Rage gerieten. Verglichen mit den modernen Häusern an der schmalen, ruhigen Sackgasse, aus der wir gerade ausgezogen waren, fühlte sich das hier an wie eine andere Welt. Zu Hause hatten immer Kinder auf der Straße gespielt. Hier würde man binnen Sekunden umgemäht werden.

Mum machte sich sofort ans Werk und bestückte das Haus mit neuen Möbeln, die älter waren als unsere alten Möbel, die wir neu gekauft hatten und die irgendwann alt geworden waren. Die neuen Sachen hingegen waren so richtig alt. »Vintage«, sagte sie oft dazu, was nichts anderes heißen konnte als »schrottig«.

Ethan beanspruchte das Dachzimmer für sich und strich die Wände schwarz. Wenn man bedachte, was er für Kleidung trug, ging das als eine Art Tarnung durch, weil er dort kaum noch zu erkennen war.

Ich bekam das Zimmer direkt unter ihm, mit einem Fenster zu einer Reihe von winzigen Gärtchen, an deren Ende durcheinandergewürfelte Backsteingebilde die Rückseite der Parallelstraße markierten. Leute über Leute über Leute. Wo immer man hinsah.

Wenn die Reichen wirklich nach London zogen, dann stellte sich mir die Frage … Warum? Was in aller Welt war der Grund?

Dad ging jeden Morgen im Anzug aus dem Haus, woraus ich schlussfolgerte, dass er doch irgendeinen Job haben musste, aber ich kam nie dazu, mich danach zu erkundigen. Die anderen verbrachten die letzten Ferienwochen mit Einrichten und Dekorieren und Fußbödenabschleifen und Gardinenaufhängen, während ich rein gar nichts unternahm, um am Zustand meines Zimmers etwas zu verbessern.

Ich schaffte es – gerade so – auszupacken, und das war’s. Ich rückte die Möbel nicht um, stellte keine Regale auf, strich auch nicht die Wände oder hängte auch nur ein Poster auf. Wenn ich gar nicht erst richtig einziehen würde, dachte ich mir, wäre das Haus, in dem ich nicht sein wollte, auch irgendwie nicht mein Zuhause.

Auf meinem Handy trudelten Nachrichten von Freunden aus Stevenage ein, aber die handelten alle davon, was ich verpasst hatte, oder von Plänen, an denen ich nicht teilnehmen würde. Deshalb schaltete ich nach einer Weile, als mir dämmerte, dass ich bei jedem Piepen des Handys einen schmerzhaften Anflug von Einsamkeit verspürte, die Benachrichtigungen ab und sah gar nicht mehr hin.

Ganz ohne Freunde musste ich endlos lange Stunden alleine füllen, und die einzige Beschäftigung, die mir einfallen wollte, war, einen Tennisball durch mein leeres Zimmer zu werfen. Wenn einem hinreichend langweilig ist, kann man auf diese Weise relativ schmerzfrei fast den ganzen Nachmittag totschlagen.

Außerdem war es die einzige Aktivität, bei der ich vergessen konnte, dass mit jeder Minute der Start an der Nord-London-Akademie-für-genau-die-Leute-die-ich-jetzt-schon-hasste näher rückte. Der Neue an einer Schule zu sein, war grundsätzlich grässlich, aber die Vorstellung von meinem ersten Tag an dieser Schule war das blanke Grauen.

Nur indem ich versuchte, einhundert Bälle am Stück mit der linken Hand zu fangen oder zehn perfekte Ecken-Abpraller oder ähnlich beliebige Kunststückchen zu landen, konnte ich verhindern, in Endlosschleife zu dem furchtbaren Gedanken zurückzukehren, dass das neue Schuljahr unmittelbar bevorstand.

Jeder in der Familie hatte eine andere Art, sich über das Tennisballdonnern zu beschweren.

Dad – brüllte.

Ethan – körperliche Gewalt.

Freya – klaute den Tennisball.

Mum – meinte, ich wirke in mich gekehrt, und fragte, ob ich über meine Gefühle reden wolle.

Das Über-Gefühle-reden-Angebot lehnte ich dankend ab. Nach einer Weile wechselte Mum die Taktik, wollte stattdessen darüber reden, weshalb ich nicht über meine Gefühle reden wollte, und flehte mich irgendwann regelrecht an, mir ein bisschen mehr Mühe beim Glücklichsein zu geben.

Ich würde es versuchen, sagte ich zu ihr, allerdings wussten wir beide, dass das gelogen war. Ich war eingeschnappt, und mal ganz ehrlich: Ich hatte jedes Recht, eingeschnappt zu sein.

Als ihr Betteln nicht funktionierte, erklärte mir Mum, ich solle mich zusammenreißen und aufhören, dermaßen selbstgerecht zu sein.

Deprimiert zu sein, weil einem die eigenen Sozialaufsteiger-Eltern das Leben ruinierten, habe rein gar nichts mit Selbstgerechtigkeit zu tun, entgegnete ich.

Woraufhin sie nur meinte, diese Art aberwitziger und unfairer Übertreibung sei mehr oder weniger die Definition des Wortes »selbstgerecht«.

Ich wies sie darauf hin, dass »selbst« und »gerecht« zwei Wörter waren.

Dann diskutierten wir eine Zeit lang über Grammatik, bis ich irgendwann nach oben stürmte, meine Zimmertür hinter mir zuknallte und alles daransetzte, mit meinem Tennisball so viel Krach wie nur möglich zu machen.

Am letzten Sonntag der Sommerferien verkündete Mum beim Abendessen, dass sie einen Blog zum Thema »Die kreative Mutter« schreiben wolle und ob sie uns ihren ersten Blogbeitrag vorlesen dürfe. Noch bevor jemand auch nur reagieren und fragen konnte, was damit gemeint war, räusperte sie sich und nahm ihr iPad hoch.

»Das Thema ist ›Mutterschaft und kreative Wiedergeburt‹«, schickte sie vorweg. »Der Beitrag an sich heißt: ›Die Reise beginnt.‹«

»Krieg ich eine Kotztüte?«, fragte Ethan.

»Du musst nicht zuhören, wenn du nicht willst.«

»Gut, dann beginnt meine Reise nämlich so«, sagte er, stand auf und verzog sich nach oben.

Mum blickte erneut auf das Display hinab und fing an zu lesen.

»Ist ein Leben ohne Veränderung es wert, gelebt zu werden? Wie kann man die Kreativität in sich selbst und in seinen Kindern in einem Alltag fördern, der alle dauerhaft in Atem hält? Ist es in der heutigen Welt überhaupt noch möglich, wahrhaft man selbst und gleichzeitig für die Kinder da zu sein? Ich hoffe, in diesem Blog Antworten auf diese Fragen zu finden.

Wir sind kürzlich nach London gezogen. Wir – das sind mein Göttergatte und ich und unsere drei inspirierenden Kinder: F___, sieben Jahre alt und bereits aufstrebende Künstlerin; E___, siebzehn, ein hochtalentierter Musiker; und S___, der mit seinen fünfzehn Jahren nach wie vor ein bisschen zwischen Kindheit und Adoleszenz feststeckt …«

»WAS?! Ist das alles, was du über mich sagen kannst? ›Feststecken‹ – was soll das denn heißen?«

»Das ist doch nichts Schlimmes. Ich habe ja nicht mal deinen Namen erwähnt.«

»Hast du mich ernsthaft ›Göttergatte‹ genannt?«, warf Dad ein. »Bitte sag, dass da nicht ›Göttergatte‹ steht.«

»Ich … Das hier ist doch kein Gemeinschaftsprojekt!«

»Künstlerin, Musiker und … steckt fest. Was soll das?«, bohrte ich nach.

»Das heißt, dass du dich in einer Umbruchphase befindest. Wir befinden uns alle in einer Umbruchphase. Wir stehen am Beginn eines neuen Lebens.«

»Wer soll das eigentlich lesen?«, erkundigte sich Dad.

»Oh, das ist ja wirklich ermutigend von dir. Du glaubst wohl, dass niemand es liest?«

»Nein! Doch! Ich meine – ganz bestimmt! Das lesen viele! Ich möchte einfach nur wissen, was das für Leute sind. Damit ich sie mir besser vorstellen kann.«

»Ich habe noch nicht mal die ersten zwei Absätze vorgelesen, und schon versuchst du, alles kaputt zu reden! Freya ist die Einzige, die mir wirklich zuhört.«

»Muss ich noch weiter zuhören?«, fragte Freya.

»Alles klar. Das war’s.« Mum knallte den iPad-Deckel zu. »Ablehnung, Ablehnung, Ablehnung – etwas anderes kriege ich von euch nicht zu hören, was?«

Betretene Stille machte sich breit, als wäre allen – außer Mum – gleichzeitig ein lautloser, giftiger Furz entfleucht.

»Entschuldigung, Mummy«, sagte Freya. »Liest du weiter? Bitte?«

Mum wies mit der flachen Hand auf Freya und zog in Dads und meine Richtung demonstrativ die Augenbrauen hoch, fast so, als wollte sie fragen: »Wie kommt’s, dass ihr schlechtere Manieren habt als eine Siebenjährige?«

Keiner von uns wusste darauf eine Antwort.

»Was ich für euch koche, interessiert euch, aber nicht, was ich schreibe – verstehe ich das richtig?«

»Nein!«, sagten wir wie aus einem Mund.

Im selben Augenblick kehrte Ethan in die Küche zurück. »Ich hab Hunger.«

»War das an mich oder an deinen Vater gerichtet?«, fragte Mum.

»Äh …«

»Wir haben gerade erst zu Abend gegessen«, sagte Dad.

»Tja, und jetzt hab ich wieder Hunger.«

»Weißt du was?«, fauchte Mum. »Dann hab eben Hunger. Das bringt dich nicht um. Oder mach dir selbst was zu essen. Ich gehe nach oben und schreibe weiter an meinem Blog.«

»Ist das der Blog, der davon handelt, was eine gute Mutter ausmacht?«, fragte Ethan spitzfindig, als sie die Tür hinter sich zudonnerte.

Es wurde totenstill.

»Das war taktlos«, sagte Dad zu Ethan.

»Was denn?«

»Warum ist Mummy denn wütend?«, piepste Freya.

»Mach dir keine Gedanken«, sagte Dad, »sie ist bloß ein bisschen …«

Wieder Stille.

»Ein bisschen was?«, hakte ich nach.

»Durchgeknallt?«, schlug Ethan vor.

»Sie ist auf einer kreativen Reise«, erklärte Dad. »Sie ist … Ich … Vielleicht ist sie einfach nur glücklich.«

»Ich glaube nicht«, murmelte ich.

»Glückliche Menschen marschieren nicht einfach beleidigt raus«, sagte Freya. »Glückliche Menschen bürsten sich ausgiebig die Haare und machen Picknicks.«

»Ich bin mir sicher, wir machen auch bald ein Picknick«, sagte Dad.

Freya sah ihn misstrauisch an.

»Ich hasse Picknicks«, brummte Ethan und starrte unentschlossen in den Kühlschrank.

»Das hier ist für uns alle eine große Herausforderung«, sagte Dad. »Da müssen wir nachsichtig miteinander sein.«

»ES IST NICHTS ZU ESSEN DA!«, jaulte Ethan.

SAG EINFACH TONY

Als ich am ersten Schultag nach den Ferien die Nord-London-Akademie für Begabte und Talentierte betrat und mich auf den mühsamen, langen Marsch zu meinem Klassenzimmer begab, spürte ich das Grauen am ganzen Leib.

Ringsum begrüßten sich Horden von Teenagern, die überwiegend so aussahen, als wären sie einem Hochglanzmagazin entsprungen, mit lautstarken Nach-Sommerferien-Umarmungen. An meiner vorigen Schule hatten wir eher so ausgesehen, als wären wir dem örtlichen Shoppingcenter entsprungen … was in aller Regel auch so gewesen war.

Nun bin ich niemand, der weiß, wie viel was kostet. Aber hier schien jeder mit einer leuchtenden Aura aus Geld und Selbstbewusstsein gesegnet zu sein. Wo immer ich hinsah – schicke Schultaschen und Designerklamotten, die trendigsten Schuhe, komplizierte Frisuren und blitzende iPhones. Nach der überschwänglichen Wiedersehensfreude zu urteilen, waren alle seit Jahr und Tag eng miteinander befreundet. Und obendrein waren sie (angeblich) entweder begabt oder talentiert.

Seit ich erstmals von dieser Schule gehört hatte, hatte ich so eine Ahnung gehabt, dass ich mich hier wie ein Loser fühlen würde. Dass mich dieses Gefühl aber binnen Sekunden, nachdem ich über die Schwelle getreten war, überkommen würde, hätte ich nicht gedacht. Augenblicklich und instinktiv wusste ich, dass dies hier nicht mein Ding und diese Leute hier nicht mein Fall waren. Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst.

Aus der Art und Weise, wie ich begrüßt wurde, als ich endlich den richtigen Klassenraum fand, hätte man fast schließen können, dass mein Luftauflöse-Wunsch in Erfüllung gegangen war. Mal abgesehen von ein paar flüchtigen Blicken, schenkte mir niemand weiter Beachtung, deshalb hielt ich auf die hinterste Ecke des Klassenzimmers zu und tat so, als würde ich eine Pinnwand studieren.

Nach einer Weile erschien ein bärtiger Mann in einer braunen Cordhose und einem kittelartigen Hemd, das so weit aufgeknöpft war, dass man seinen Brusthaarbusch sehen konnte. Erst dachte ich, das müsste der Lehrer sein, aber niemand ging an seinen Platz oder sagte Hallo oder hörte auch nur auf zu quatschen, und ihm schien das nichts auszumachen, insofern war er es ja vielleicht doch nicht.

Dann kam er auf mich zu. »Du bist bestimmt Sam.« Er streckte mir die geballte Faust entgegen, so als wollte er mich per Gettofaust begrüßen.

Sicherheitshalber schob ich die Hände in die Taschen.

»Ich bin Mr Phillips«, stellte er sich vor, »aber sag einfach Tony.«

Ich nickte und versuchte, ein Lächeln zustande zu bringen, weil er trotz aller gegenteiligen Hinweise anscheinend doch unser Lehrer war.

»Schüchtern?« Er tätschelte mir die Schulter.

Nichts auf der Welt macht mich verlegener als jemand, der fragt, ob ich schüchtern bin. Eigentlich halte ich mich nicht für sonderlich schüchtern, deshalb hätte ich am liebsten etwas Lautes und Respektloses gesagt, doch dann ließ ich es vor lauter Schüchternheit doch lieber bleiben.

»Musst du nicht sein«, kommentierte er meine Nichtantwort. »Das hier ist ein freundlicher Ort. Nimm’s nicht als Schule, nimm’s als eine Art Labor der Neugierde.«

»Äh … und wo soll ich sitzen?«, fragte ich, was übersetzt hieß: Können wir dieses Gespräch bitte beenden?

»Such dir einen Platz aus. Wir verfolgen hier einen antiterritorialen Ansatz. Einigen fällt es schwer, sich daran zu gewöhnen.«

»Äh … Dann nehme ich den hier.«

»Meinst du wirklich ›nehmen‹? Oder ›benutzen‹?«

»Ich … Keine Ahnung.«

»He, guck nicht so besorgt! Das hier ist erst der Anfang. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.«

Ich nickte bloß und hoffte, ich könnte ihm weismachen, dass ich wüsste, wovon er redete.

»Also – was ist dein Ding?« Er schob eine Arschbacke auf den Tisch, den ich eben erst für mich beansprucht hatte.

»Mein … Ding?«

»Ja. Malerei? Theater? Musik? Tanz?«

»Fußball.«

Das Grinsen, das einen seiner Mundwinkel dauerhaft nach oben zu ziehen schien, erstarrte.

»Das war ein Witz, oder?«

»Nein, wieso?«

»Äh … Hör zu, Sam. In deinem Alter ist es völlig normal, dass man sich gegen Autoritätspersonen auflehnt. Das respektiere ich. Es kann eine gesunde Reaktion sein, und in einem toleranten Umfeld ist es mitunter nicht leicht, ein geeignetes Ventil für dieses Bedürfnis zu finden, stimmt’s?«

»Nee … Ich mag Fußball einfach.«