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Jugendbuch für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren zum Thema Öko-Engagement und Klimaschutz, voller Humor und Witz erzählt Dieses Buch gefällt Kindern und auch Erwachsenen, die sich für Klimaprotest und Nachhaltigkeit interessieren. Es ist das ideale Geschenk für alle, denen die Zukunft unseres Planeten am Herzen liegt. Der 13-jährige Luke will einfach nur gechillte Sommerferien verbringen – doch dann wirbelt eine Gruppe von Klimaaktivist:innen seine Nachbarschaft gründlich durcheinander. Als Lukes große Schwester Rose ins Protestcamp auf die andere Straßenseite zieht, liegen die Nerven der Eltern blank. In Lukes Augen sind die Öko-Rebellen mit ihren Bongo-Trommeln und Tattoos eigentlich ganz okay. Nervig ist nur Sky – die findet Schulpflicht und regelmäßige Mahlzeiten nämlich toll und beneidet Luke um sein Spießerleben. Ist das zu fassen? Wie es dazu kommt, dass ausgerechnet Luke sich im Zentrum der Proteste wiederfindet, kann er selbst nicht so recht erklären. Vor sich Polizei und Bulldozer, hinter sich die Klima-Protestbewegung und unter sich alle Nachrichtensender des Landes ... Welche Botschaft vermittelt man, wenn man aus Versehen zur Stimme einer ganzen Generation wird? - Klimawandel als wichtigstes Thema unserer Zeit: Eine humorvolle Geschichte, die nachdenklich macht - Das perfekte Geschenk: Idealer Lesestoff für Jungs und Mädchen ab 10 Jahren - Starke Erzählstimme: Der 13-jährige Luke wird zum sympathischen Helden wider Willen - Preisgekrönter Autor: Der britische Erfolgsautor William Sutcliffe bringt die Gefühle der jungen Generation auf den Punkt - Extra-Motivation: Zu diesem Buch gibt es ein Quiz bei Antolin Zum Buch: Ein frischer, witziger und herzerwärmender Blick auf den Kampf einer Generation, der das zentrale Thema unserer Zeit ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
William Sutcliffe
Der Sommer, in dem ich die Welt rettete
Aus dem Englischen von Leena Flegler
Noch mehr Freude
... mit Kinderbüchern für pures Vergnügen!
www.arsedition.de
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Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2023
Text copyright © 2021 by William Sutcliffe
First published in the UK in 2021 by Bloomsbury Publishing
Titel der Originalausgabe: The Summer We Turned Green
© 2023 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, D-80801 München
Alle Rechte vorbehalten
Text: William Sutcliffe
Übersetzung: Leena Flegler
Covergestaltung: formlabor, Hamburg,
unter Verwendung von Vignetten von © Shutterstock/Aleutie, NadzeyaShanchuk,
tikisada, Olenapoll, Mingirov Yuriy, enterphoto
Satz: Müjde Puzziferri, MP Medien München
ISBN eBook 978-3-8458-5432-8
ISBN Printausgabe 978-3-8458-5006-1
www.arsedition.de
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Für Saul, Iris und Juno
und für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer
am Klima-Schulstreik
Mit einem Klopfen an meiner Tür fängt es an.
Ohne auf meine Reaktion zu warten, schlüpft meine Schwester ins Zimmer und schließt die Tür hinter sich, damit bloß niemand etwas mitkriegt.
Rose kommt sonst nie in mein Zimmer. Sie redet kaum mit mir, aber das ist wohl normal, immerhin ist sie vier Jahre älter als ich und findet, dass ich verglichen mit ihren siebzehnjährigen Freunden in etwa so spannend bin wie eine Staubfluse. Deshalb weiß ich auch nicht, wie ich reagieren soll, als sie plötzlich dasteht, »Hi« sagt und mich anlächelt.
Weil sie gerade anscheinend auch überfordert ist, entsteht eine unangenehme Stille.
»Was gibt’s?«, frage ich nach einer Weile.
»Alles klar bei dir?«, fragt sie.
»Ja, alles super.«
Wieder herrscht Stille. Ihr Blick wandert bedächtig über meine Poster und Regale, und mich beschleicht das Gefühl, dass sie sich gerade (ohne Erfolg) überlegt, worüber sie mit mir reden könnte. Dann fragt sie unvermittelt: »Du hast doch einen Schlafsack, oder?«
»Ja.«
»Kann ich mir den ausleihen?«
»Und warum?«
»Um darin zu schlafen?«, antwortet sie in diesem sarkastischen Ich-sag-es-als-wär’s-eine-Frage-Tonfall, der unsere Eltern immer zur Weißglut bringt.
»Willst du irgendwohin?«
»Wo ich hinwill, spielt keine Rolle. Ich will einfach nur wissen, ob du ihn mir ausleihst«, entgegnet sie mit ihrem typischen Blick aus leicht zusammengekniffenen Augen, bei dem ich sofort kusche und klein beigebe.
Der Blick funktioniert, wie üblich, und im nächsten Moment krame ich den Schlafsack unter meinem Bett hervor und drücke ihn ihr in die Hand.
»Danke, Luke. Du bist der Beste«, sagt Rose und ist schon wieder auf dem Weg nach draußen.
»Wann kriege ich ihn zurück?«
»Wenn ich damit fertig bin«, antwortet sie und geht ohne ein weiteres Wort, was schon mehr der Schwester entspricht, die ich kenne, und nicht dieser merkwürdigen, lächelnden Person, die kurz zuvor in mein Zimmer marschiert ist.
Ein paar Minuten später höre ich, wie die Haustür aufgeht und wieder ins Schloss fällt. Kein Klingeln, nur der Riegel, der zuschnappt, gefolgt von Schritten, die in Richtung Straße steuern, und dem Rattern harter Rädchen auf Asphalt.
Ich schaue auf die Uhr – es ist fast neun Uhr abends –, dann springe ich auf, renne ans Fenster und sehe gerade noch, wie Rose die Straße überquert und mitsamt meinem schief gewickelten Schlafsack unter dem Arm und einem Rollkoffer im Haus gegenüber verschwindet.
Ich laufe nach unten. Dad sitzt auf dem Sofa vor dem Fernseher, sieht aber nicht richtig hin, weil er sein iPad auf dem Schoß hat, doch auch da sieht er nicht richtig hin, weil er sein Handy in der Hand hält, nur sieht er da wohl auch nicht richtig hin, weil er die Augen geschlossen und den Mund offen hat und nicht einmal mitkriegt, dass ich da bin.
Ich gehe in die Küche. Mum sitzt an ihrem Stammplatz am Küchentisch, starrt konzentriert auf ihren Laptop und »arbeitet« (indem sie durch Facebook scrollt).
»Wo ist Rose denn hingegangen?«, will ich von ihr wissen.
»Nirgends«, sagt Mum, ohne von dem Foto auf dem Bildschirm aufzublicken, auf dem eine Cousine, die sie schon immer gehasst hat, mit einem Cocktail in der Hand am Rand eines Swimmingpools sitzt. Mum verzieht das Gesicht, murmelt »Blöde Kuh« und klickt auf Gefällt mir.
»Bist du dir sicher?«
»Wie kann die sich Urlaub in Florida leisten? Die hat sich doch gerade scheiden lassen!«
»Äh …«
»Deshalb kann sie sich den Urlaub leisten! Sie hat sich gerade scheiden lassen!«
»Mum …«
»Hat ihn ausgenommen wie eine Weihnachtsgans, dabei weiß doch jeder, dass sie zuerst fremdgegangen ist.«
»Hast du mitbekommen, dass Rose mit einem Koffer das Haus verlassen hat? Ich glaube, sie ist nach gegenüber gegangen.«
Jetzt blickt Mum endlich auf.
»Was?«
»Ich hab’s durchs Fenster gesehen.«
»Wann?«
»Gerade eben.«
»Rose?«
»Ja.«
»Nach gegenüber?«
»Ja.«
»Mit einem Koffer?«
»Ja.«
Mum springt auf und rennt nach oben. Ich kann hören, wie sie Roses Zimmertür aufreißt, kurz danach wieder zuwirft, die Treppe herunterpoltert und ins Wohnzimmer stürmt.
Ich gehe ihr hinterher.
»Ich hab nicht geschlafen!«, ruft Dad, zuckt hoch, als wir das Wohnzimmer betreten, und iPad und Handy klappern zu Boden.
»Rose ist weg«, sagt Mum.
»Was?«
»Rose! Sie ist gegangen!«
»Wohin denn?«
»Ich habe in ihren Schrank geguckt und sie hat ihre Sachen gepackt. Wir glauben, dass sie nach gegenüber gegangen ist«, erklärt Mum mit einer dramatischen Geste, die Dad eindeutig nicht einordnen kann.
»Äh …«
»Mit einem gepackten Koffer«, füge ich hinzu, um Mums Panik in Worte zu fassen.
»Oh«, gibt er bloß von sich. »Okay. Dann … willst du damit nicht sagen, dass sie kurz weg ist. Du willst damit sagen, dass sie …«
»Gegangen ist!«
»Nach gegenüber?«
»Sie hat sich meinen Schlafsack ausgeliehen«, ergänze ich. Manche Sachen muss man Dad ganz langsam erklären, ein bisschen wie bei einem Kleinkind, nur ohne den Spaß.
»SIE HAT SICH DEINEN SCHLAFSACK AUSGELIEHEN?«, kreischt Mum, und mir dämmert, dass ich das besser für mich behalten hätte.
Ich nicke.
»WARUM HAST DU UNS DAS NICHT ERZÄHLT?!«
»Ich erzähle es doch gerade.«
»Nachdem sie gegangen ist! Warum hast du es uns nicht erzählt, als sie sich den Schlafsack geliehen hat?«
»Das war nur zwei Minuten, bevor sie gegangen ist.«
»Und warum hast du ihr den Schlafsack geliehen?«, will Dad wissen.
»Weil sie mich darum gebeten hat.«
»Das heißt doch nicht, dass du einfach so einen … Schlafsack … an einen verletzlichen Teenager aushändigen kannst«, zetert Mum.
»Was ist denn an Rose verletzlich?«
»Alles!«
»Sie wirkte auf mich ziemlich selbstsicher«, entgegne ich.
»Sie ist von zu Hause weggelaufen!«, ruft Mum. »Man gibt einem Teenager, der drauf und dran ist, von zu Hause wegzulaufen, nicht noch einen Schlafsack!«
»Ich wusste doch nicht, dass sie weglaufen würde.«
»Was hast du denn gedacht, was sie vorhat? Campingurlaub?«
»Ihr habt mir doch immer gesagt, ich soll großzügig mit meinen Sachen umgehen. Jetzt war ich großzügig und ihr seid sauer.«
»Doch nicht großzügig mit einem Schlafsack!«
»Ihr habt aber nicht gesagt: ›Sei großzügig und teile all deine Besitztümer mit deiner Schwester – außer den Schlafsack.‹«
»Wir kommen vom Thema ab«, mischt sich Dad wieder ein und wendet sich an Mum: »Bist du sicher, dass sie wirklich weggelaufen ist? Du glaubst, sie kommt nicht zurück?«
Mum seufzt und kurz schimmern Tränen in ihren Augen. Dann wird es im Wohnzimmer bedrückend still, und meine Eltern starren einander an, als hätten sie gerade einen Autounfall gehabt und wüssten nun nicht, was sie sagen oder tun sollen.
Ich sollte vielleicht ein bisschen ausholen …
Weshalb das ganze Drama um eine Siebzehnjährige, die mit einem Koffer und einem Schlafsack nach gegenüber geht?
Tja, die langweilige Straße in dem langweiligen Vorort, wo mein langweiliges Elternhaus steht, ist nicht mehr so langweilig und spießig, wie sie einmal war. Denn das Haus gegenüber, das früher sogar noch langweiliger als unseres war, ist eine Anlaufstelle für Klimakämpfer, Antikapitalisten, Naturschutzaktivisten, Außenseiter und Aussteiger aller Art geworden.
Wie das?
Na ja, um das auszuführen, müssen wir ein paar Jahre zurückgehen. Es scheint sich niemand mehr richtig erinnern zu können, wann die ersten Gerüchte über eine neue Startbahn für den Flughafen in der Nähe die Runde machten. Solange ich denken kann, wurde der Bau dieser Startbahn geplant, abgeblasen und dann doch wieder geplant. Es gab ständig irgendwelche endlosen Besprechungs- und Beratungsmarathons wegen drohender Abrissarbeiten, die zwischendurch aber auch nur nach unbedeutendem Dauerhintergrundrauschen klangen.
Rund ein Jahr vor dem bizarren Sommer, von dem ich berichten will, bekam die Startbahn schließlich grünes Licht. Eines Morgens – der zunächst wie jeder andere Morgen wirkte – schlenderte der Briefträger unbemerkt seine übliche Strecke entlang und stellte einen kleinen Stapel unauffälliger brauner Umschläge zu, die unsere Straße für immer verändern sollten.
An jenem Tag landeten zwanzig Briefe in zwanzig Briefkästen und teilten den Empfängerfamilien mit, dass man ihnen die Häuser abkaufen werde, ob sie wollten oder nicht, und dass diese anschließend abgerissen würden. Unser Haus blieb verschont. Die ganze gegenüberliegende Straßenseite war dem Abriss geweiht.
Während sich die andere Straßenseite nach und nach leerte und die Fenster mit Brettern vernagelt wurden, wuchs die öffentliche Empörung über das Vorgehen. Die Geschichte kam sogar in den Nachrichten, woraufhin sich das verlassene Haus gegenüber von unserem plötzlich wieder füllte. Und zwar mit Hausbesetzern: mit Flughafengegnern, Klimaaktivisten und – laut meinen Eltern – allen möglichen Leuten, die anscheinend dachten, es könnte ganz witzig sein, den lieben langen Tag in einem Abbruchhaus abzuhängen, statt loszuziehen und sich eine Arbeit zu suchen.
Es gibt da eine alte Redewendung: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. In meiner Straße sieht es bislang so aus, als wäre an dem Spruch in Wahrheit nichts dran. Die zutreffendere Version wäre wohl eher: Der Feind meines Feindes ist noch schlimmer als mein Feind, wenn er komische Klamotten trägt und aussieht, als würde er sich nicht waschen und bis spätnachts Krach machen.
Ja, seit die Hausbesetzer gegenüber eingezogen sind, wissen all die braven, langweiligen Leute auf meiner Straßenseite einfach nicht mehr, wen sie mehr hassen sollen. Einerseits wollen sie nicht, dass die Häuser ihrer Nachbarn abgerissen werden, damit dort der Zubringer zum neuen Frachtterminal gebaut werden kann. Andererseits wollen sie noch weniger, dass irgendwelche Spinner sie nachts mit Bongotrommeln wecken. Und erst recht wollen sie nicht, dass die eigene Tochter eine antikapitalistische Kommune besucht und dann womöglich feststellt, dass sie es dort ziemlich gut findet.
Deshalb sorgte der Umstand, dass ich meinen Schlafsack verliehen hatte (was ich zu jenem Zeitpunkt ehrlich gesagt tatsächlich nicht voll durchdacht hatte), für mehr als ein bisschen Verstimmung. Und deshalb hatte Mum auch Tränen in den Augen, als sie Dad mit stummer Erschütterung ansah – nur weil meine Schwester mit einem Koffer die Straße überquert hatte.
»Ich gehe da jetzt rüber«, beschließt Mum.
»Und was sagst du zu ihr?«, will Dad wissen.
»Was glaubst du wohl, was ich zu ihr sage? Ich sage ihr, dass sie wieder heimkommen soll.«
Dad macht ein skeptisches Gesicht.
»Hast du vielleicht eine bessere Idee?«
Er zuckt mit den Schultern.
»Du zuckst mit den Schultern? Wie kannst du in so einer Situation mit den Schultern zucken?«
»Ich bin einfach … Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Heimkommen funktioniert.«
»Soll das heißen, dass wir sie dortlassen sollen?«
»Nein«, sagt Dad, »ich glaube einfach nur, dass es im Augenblick wohl nicht sehr wirksam wäre, ihr zu erzählen, was sie tun darf und was nicht.«
»Was schlägst du vor? Aufgeben und sie tun lassen, was sie will?«
»Nein, ich … Na ja, versuch dein Glück. Dann sehen wir ja, wie es läuft.«
»Danke für dein Vertrauen«, sagt Mum, marschiert durch die Haustür und schmettert sie hinter sich zu.
Sobald Mum weg ist, laufe ich nach oben und tue so, als würde ich schlafen gehen, lausche aber in Wirklichkeit auf das Geräusch der Haustür. Und als Mum wiederkommt – was überraschend schnell der Fall ist –, düse ich wieder nach unten, um mir anzuhören, was sie zu berichten hat.
»Und?«, fragt Dad, der vom Sofa aufgesprungen ist und ihr im Flur entgegengeht.
Mum hängt den Schlüssel an den Haken hinter der Tür und dreht sich langsam zu uns um. Sie ist kreidebleich, und die Nasenspitze ist weiß, wie immer, wenn sie versucht, so zu tun, als wäre sie nicht wütend.
Sie sieht uns an, als wären wir unendlich weit weg und kaum zu erkennen, und holt einmal tief Luft. »Es lief nicht gut.«
»Was ist passiert?«, fragt Dad.
»Also … Sie war ziemlich resolut. Ich habe es auf die nette Tour versucht und zu ihr gesagt, dass ich sie dafür bewundere, wie aufgeschlossen sie ist, und dass ich es gut finde, wenn sie sich auch mit Leuten aus anderen Gesellschaftsschichten anfreundet, dass sie sogar jederzeit rübergehen darf, zu ihrer eigenen Sicherheit aber zu Hause schlafen muss.«
»Und …?«
»Sie hat bloß gefragt, was ich denn mit ›anderen Gesellschaftsschichten‹ meine, und ich habe versucht, es ihr zu erklären. Allerdings hat ihr meine Erklärung nicht gefallen. Und dann hat sie mir einen Vortrag gehalten: warum ich ein Snob wäre und wie ignorant und blind ich wäre, weil ich keinen Schimmer hätte, wer diese Klimaaktivisten sind und worauf sie abzielen, und dass sie die Einzigen sind, die sich mit der größten Krise der Menschheitsgeschichte auseinandersetzen. Ich habe noch versucht, ihr klarzumachen, dass es mir nicht um das Ende der Welt geht, sondern nur darum, dass sie zu Hause übernachtet. Und daraufhin ist sie ausgerastet: weil ich ihr nicht zuhören würde und dass diese Unterhaltung das perfekte Beispiel dafür wäre, warum sie ausziehen musste. Als ich sie gefragt habe, was das denn bedeuten soll, hat sie nur gesagt, dass man mit mir nicht reden könnte. Ist das zu glauben? Als wäre ich diejenige, mit der man nicht reden kann!«
»Und was hast du dann gemacht?«, will Dad wissen.
»Ich habe ihr gesagt, dass sie noch nicht alt genug ist, um so eine Entscheidung allein zu treffen, und dass sie jetzt mit mir nach Hause kommen wird, ob sie will oder nicht.«
»Und …?«
»Na ja, ab da wurde es ein bisschen hitzig … Mal ehrlich, von wem hat sie dieses Temperament?«
Dad und ich weichen ihrem Blick aus.
»Dann … seid ihr jetzt wie verblieben?«, bohrt Dad weiter und geht schlichtweg über Mums Frage hinweg. »Dass es doch ihre Entscheidung ist?«
»Nein! Aber ich kann sie ja schlecht hinter mir herschleifen! Was hätte ich denn machen sollen? Ich weiß nicht, was mit ihr los ist. Sie ist so wütend.«
»Und weshalb?«
»Keine Ahnung! Wegen der weltweiten Klimakrise oder wegen uns – weil wir ihr alles vorschreiben? Über beides hat sie sich aufgeregt, aber ich glaube, das Hauptproblem sind wir.«
»Was haben wir denn verbrochen? Der Weltuntergang ist doch nicht unsere Schuld.«
»Tja, das scheint Rose anders zu sehen.«
»Wie soll das denn unsere Schuld sein?«
»Na ja, nicht unsere, aber die Schuld von Leuten wie uns.«
»Von Leuten wie uns?«
»Von unserer Generation. Wir sind anscheinend selbstgefällig und egoistisch und wir zerstören den Planeten.«
»Das ist doch lächerlich!«
»Da ist schon was dran«, werfe ich ein. »Ich meine, ganz unrecht hat sie ja wohl nicht?«
Mum und Dad starren mich an.
»Wir sind nicht selbstgefällig«, tut Dad es ab.
»Unternehmt ihr denn irgendwas? Gegen den Klimawandel?«, hake ich nach.
»Wir trennen Müll«, sagt Dad.
Ich applaudiere betont langsam.
»Hier geht es doch nicht um den Weltuntergang«, wiederholt Mum. »Den Planeten zu retten, ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist, unsere Tochter zu retten!«
»Wovor denn?«, frage ich sie. »Vor den Leuten gegenüber?«
»Ganz genau!«
»Was glaubst du denn, was sie ihr antun?«
»Sie ist zu jung«, wirft Dad ein. »Man zieht nicht einfach mit siebzehn aus einer spontanen Laune heraus bei den Eltern aus, und das auch noch, ohne sich zu verabschieden.«
»Wer sagt denn, dass es eine spontane Laune war?«, entgegne ich.
»Wir hätten erst darüber reden müssen«, sagt Mum.
»Und du glaubst, du hättest sie so davon abgebracht?«
»Ich hätte es zumindest versuchen können. Warum redet sie mit uns nicht darüber?« Mum dreht sich zu Dad um.
»Weil sie vielleicht dachte, ihr würdet nicht zuhören«, sage ich. »Sie dachte vielleicht, ihr würdet es ihr verbieten. Woher wisst ihr überhaupt, dass sie ausgezogen ist?«
»Das hast du uns doch selbst erzählt«, sagt Mum. »Sie hatte einen Koffer dabei.«
»Wisst ihr gar nicht, was für ein Tag heute war?«
Mum und Dad sehen einander verdutzt an.
»Letzter Schultag«, erkläre ich. »Sie hat bis zum letzten Schultag gewartet, oder nicht? Erst dann ist sie nach drüben gegangen. Sie hat das eindeutig geplant. Vielleicht ist das ihre Version von Sommerferien.«
Ich kann zusehen, wie diese Erklärung, die für mich im selben Moment auf der Hand lag, als ich Rose über die Straße gehen sah, nach und nach in die verlangsamten Gehirne meiner Eltern sickert.
»Sommerferien?«, wiederholt Mum. »Du meinst … Sie bleibt so ein, zwei Wochen?«
»Oder auch länger, wer weiß? Sie ist in letzter Zeit ziemlich oft drüben gewesen, insofern scheint es ihr dort zu gefallen.«
»Sie ist dort gewesen? Seit wann? Warum hast du uns das nicht erzählt?«, will Mum wissen.
»Weil ihr nicht gefragt habt.«
»Aber dir hat sie es erzählt?«
»Nein, sie erzählt mir gar nichts. Ich hab’s gesehen. Mit eigenen Augen.«
»Wann?«
»Öfter. Vor allem in den letzten Wochen.«
»Aber … Sie kann nicht einfach da einziehen, ohne uns zu fragen. Sie soll in den Ferien auf dich aufpassen – das hat sie uns versprochen. Wir müssen arbeiten«, sagt Mum.
Wenn Mum glaubt, dass ausgerechnet das dazu führt, Rose zu Hause zu halten, dann lebt sie tatsächlich in einer Traumwelt.
»Ich brauche keine Aufpasserin«, entgegne ich.
»Wir können dich doch nicht einfach allein lassen!«
»Natürlich könnt ihr – ich bin dreizehn! Und Rose ist keine Minute entfernt. Mir passiert schon nichts.«
»Was sagst du dazu?«, fragt Mum und dreht sich erneut zu Dad um. »Müssen wir einen Babysitter organisieren?«
Er runzelt die Stirn und tut ein paar Sekunden lang so, als wäre er hin- und hergerissen. »Na ja, wahrscheinlich ist es okay, wenn er allein bleibt … sofern er uns verspricht, dass er vernünftig ist.«
»Es wird schon nichts passieren«, bekräftige ich und versuche, kein Freudentänzchen hinzulegen angesichts all der störungs-, kontroll- und nörgelfreien Stunden, die mir soeben in den Schoß zu fallen scheinen. »Solange der Kühlschrank gefüllt ist, kann ich wunderbar auf mich selbst aufpassen.«
»Du stopfst aber nicht den ganzen Tag nur Snacks in dich rein! Du musst auch etwas Ordentliches essen«, sagt Mum und versucht ihrerseits, nachdrücklich zu klingen, obwohl wir beide wissen, dass diese Ermahnung zwecklos ist.
»Na klar«, sage ich betont aufrichtig.
»Tja, dann … in Ordnung«, meint Mum. »Probieren wir’s eben so – bis wir Rose zur Vernunft gebracht und nach Hause geholt haben.«
»Ich gehe noch mal rüber und rede mit ihr«, schlägt Dad vor.
»Und was soll das bringen?«, fragt Mum.
»Wir müssen es doch zumindest versuchen. Vielleicht müssen wir es nur anders angehen.«
»Und wie?«
»Keine Ahnung. Aber wie wäre es, wenn wir sie heute Abend in Ruhe lassen und morgen tagsüber auch – und nach der Arbeit gehe ich zu ihr und versuche es ein bisschen weniger streitsüchtig? Es wird ohnehin nicht lange dauern und sie will wieder warm duschen und ihre üblichen Bequemlichkeiten zurückhaben. Im Handumdrehen ist sie wieder hier.«
»Aber sie kann doch tagsüber herkommen, duschen und dann wieder gehen«, wende ich vorsorglich ein.
»Es ist schon spät«, sagt Dad. »Du gehörst ins Bett.«
»Oder vielleicht könnte ich sie vom Bad fernhalten, wenn ihr mir einen Elektroschocker besorgt? Allerdings wäre das dann wohl ein missverständliches Signal.«
»Ins Bett!«, sagt Dad.
Mit einem breiten Grinsen im Gesicht stapfe ich nach oben. Bis jetzt war mir streng verboten worden, über die Straße zu gehen und nachzusehen, was die Hausbesetzer dort treiben. Aber es kann mir doch keiner verbieten, meine eigene Schwester zu besuchen? Besonders wenn werktags niemand auf mich aufpasst.
Außerdem scheint mir seit heute Abend – dank Rose! – die Autorität meiner Eltern in jeglicher Hinsicht ins Wanken geraten zu sein.
Seit Monaten frage ich mich, was genau gegenüber vor sich geht. Ich weiß lediglich, dass sämtliche Nachbarn auf meiner Straßenseite die Aktivisten noch mehr verabscheuen als den Flughafenausbau.
Helena, die neben uns wohnt, scheint sich über das Ganze am meisten aufzuregen. Jedes Mal, wenn ich auf der Straße an ihr vorbeigehe, höre ich, wie sie sich bei jemandem über Gerüche, Betragen und Lärm beklagt, und manchmal verstummt sie, sobald ich mich nähere, als wären die Vorgänge, von denen sie spricht, so gemeingefährlich, dass sie in Hörweite eines Kindes nicht erwähnt werden dürften.
Was mich natürlich nur umso neugieriger macht.
Was genau geht dort vor, was Helena so sehr empört?
Was kann ein Grüppchen aus dem Anschein nach friedlichen Hippies aushecken, was Leute wie Mum und Dad in Angst und Schrecken versetzt?
Bald finde ich es heraus. Viel weniger rätselhaft ist allerdings, warum Rose dort rübergegangen ist. Natürlich um unsere Eltern zu ärgern.
Und es hat funktioniert.
Als ich am nächsten Morgen wach werde, sind Mum und Dad schon aus dem Haus und auf meinem Fußboden liegt ein Zettel. Ich kann schon von Weitem erkennen, dass Mum eine Liste mit Anweisungen geschrieben hat. Ich steige darüber hinweg, auch wenn ich mir vage vornehme, die Liste im Lauf des Tages zu überfliegen, bevor Mum zurück ist.
In meiner Schlafanzughose betrete ich die Küche, werfe einen Blick in den Kühlschrank, esse dann aber bloß ein paar Handvoll Frosties direkt aus der Schachtel. Dann nehme ich ein paar Schlucke aus der Orangensaftpackung und krame die Schokokekse hervor, die Mum nicht ansatzweise gut genug vor mir versteckt hat. Ich stopfe den ersten Keks in mich hinein, lasse die Krümel hinfallen, wo sie hinfallen wollen, und bin schon nach wenigen Minuten dieses neuen, unabhängigen, selbstbestimmten Lebens im siebten Himmel.
Wer hätte gedacht, dass etwas so Banales (allein zu Hause zu sein) ab Sekunde null so überraschend großartig sein kann?
Ich glotze eine Weile in unseren Garten – wie lange, könnte ich nicht sagen, weil sich nach all den Monaten, in denen eine Unterrichtsstunde nach der anderen mein Leben in starre, stundenweise Plackerei zerteilt hat, die Zeit für mich wunderbar unwichtig anfühlt.
Gedankenverloren starre ich in diese Aussicht, die mir so vertraut ist, dass ich sie gar nicht mehr richtig wahrnehme. Ich futtere einen Keks nach dem anderen, bis die Packung leer ist, und genieße das Gefühl, dass sich die Sommerferien wie eine weiche, endlos weite Matratze einladend vor mir erstrecken.
Ich werfe noch einen Blick in den Kühlschrank und probiere ein paar Gabelvoll Essensreste aus diesem Topf und jener Schüssel. Dann gehe ich ins Wohnzimmer und schalte die Xbox ein.
Die darauffolgenden Stunden verbringe ich mit Videospielen und Snacks, bis mir irgendwann ernsthaft die Augen wehtun und ich feststelle, dass durch den Spalt in den Vorhängen gleißendes Sonnenlicht fällt. Ich beschließe, mit der Orangensaftpackung nach draußen zu gehen und die Sonne zu genießen, bis meine Augen sich wieder an Dreidimensionalität gewöhnt haben. Bis dahin habe ich vielleicht auch genug Kraft getankt, um mich umzuziehen und Rose einen Besuch abzustatten.
Ich bin noch nicht lange draußen, als Callum von nebenan am Zaun auftaucht und fragt, ob wir bei ihm abhängen wollen.
Ich kenne Callum schon mein Leben lang, und alle glauben, wir wären Freunde, hauptsächlich weil man mit jemandem im selben Alter, der eine Tür weiter wohnt, fast unmöglich nicht befreundet sein kann.
Doch in Wahrheit ist es schon Jahre her, dass ich wirklich gern Zeit mit ihm verbracht habe. Er ist eine Sportskanone und total ehrgeizig. Ständig muss man mit ihm seine neueste Lieblingssportart ausprobieren, während er in einem fort damit angibt, wie haushoch er einen dabei schlägt.
Ich zucke mit den Schultern und versuche, Blickkontakt zu vermeiden, aber ich weiß, dass er mich nicht in Frieden lässt, bis ich endlich nachgebe.
»Komm schon. Mir ist langweilig«, sagt er.
»Ich hab zu tun.«
»Sieht aber nicht so aus«, entgegnet er – zu Recht.
»Ich weiß nicht …«, sage ich.
»Nur kurz.«
Ich zucke erneut mit den Schultern, doch er lässt nicht locker, bis ich irgendwann einwillige, mir seinen »neuen Swing-ball anzugucken«, damit er endlich Ruhe gibt.
Widerwillig laufe ich nach drinnen, ziehe mir ein T-Shirt und Shorts an und gehe nach nebenan. Wie zu erwarten, macht er mich beim Swingball platt, weil er jeden Schlag mit der Präzision und Kraft eines Schlachters setzt, der sein Hackmesser schwingt.
Dann kramt er einen Rugbyball raus. »Komm, wir üben Würfe«, schlägt er vor, obwohl ich im Leben nie Rugby gespielt habe. Der Ball schießt wie ein Torpedo auf mich zu, und immer, wenn ich ihn fallen lasse (was so ungefähr jedes Mal ist, wenn Callum wirft), ruft er: »Nicht wegzucken! Du lässt ihn nur fallen, weil du zuckst!« Und als ich den Ball zu ihm zurückwerfe, meint er: »Du kannst härter werfen – so hart, wie du willst. Und dabei musst du ihn drehen.«
So ist Callum, wenn er sich bemüht, nett zu sein: Er sagt mir nicht ins Gesicht, dass er mich für einen Loser hält. Aber seine Überzeugung, dass ich eine einzige Enttäuschung bin, wird durch seine Verbesserungsvorschläge nur noch deutlicher als bei seinen üblichen Sticheleien angesichts meines sportlichen Versagens.
Mir ist es immer schon schwergefallen, Callum einfach stehen zu lassen. Seine Hartnäckigkeit, unbedingt etwas mit mir machen zu wollen, obwohl er mir gleichzeitig nonstop zu verstehen gibt, wie unterdurchschnittlich er mich findet, übt seit jeher eine seltsam magische Anziehungskraft auf mich aus. All die Jahre bin ich immer wieder bei ihm im Garten gelandet, auch wenn ich dort gar nicht sein wollte, und kam nicht mehr von ihm los. Doch heute fühlt es sich anders an. Während er immer weiter davon faselt, dass er im nächsten Jahr in der Jugendauswahl spielt, verschleiert sich mein Blick. Ich sehe den Sommer wieder als unendliche Matratze vor mir, die sich bis zum Horizont erstreckt. Und urplötzlich habe ich eine lange, leere Zeitspanne ohne Callum vor Augen. Ich muss nur gehen. Ich brauche ihn nur stehen zu lassen.
Ich schaue auf den Rugbyball in meinen Händen, spüre die raue, pickelige Oberfläche unter meinen Fingerspitzen, und anstatt den Ball zu ihm zurückzuwerfen, lasse ich ihn einfach fallen.
Er bricht mitten im Satz ab. »Was ist denn jetzt?«
»Ich bin raus«, sage ich.
»Was? Wo willst du denn hin?«
»Nirgendwohin«, antworte ich und gehe.
»Aber … Warte! Wir waren noch nicht fertig!«
»Ich schon.«
»Was stimmt nicht mit dir?«, blafft er mir hinterher.
»Wer weiß das schon?«, erwidere ich achselzuckend. Ich bleibe an seiner Terrassentür kurz stehen, um Callum ein letztes Mal ins verblüffte Gesicht zu sehen. So ein Verhalten ist er von mir nicht gewöhnt. Normalerweise tue ich, was er sagt, und ich kann ihm ansehen, dass er nicht begreift, was hier gerade passiert.
Ich betrete das Haus, schließe die Terrassentür, damit ich sein nerviges Gelaber nicht mehr hören muss, und gehe in den Flur. Als ich gerade die Haustür aufmachen will, taucht seine Katze – Blanche – am Fuß der Treppe auf. Sie blickt zu mir hoch, begrüßt mich mit einem freundlichen »Brrrmow?« und gähnt. Blanche ist weiß, geradezu lächerlich fluffig und darf nicht nach draußen, weil sie laut Callum »zu teuer« war.
Ein-, zweimal im Monat bricht Panik aus, weil sie ausgebüxt ist, und dann wird meine Familie für die Suche eingespannt, obwohl wir uns insgeheim wünschen, dass Blanche es endlich geschafft hat und den süßen Duft der Freiheit atmet.
Die Katze achtert mir um die Beine und reibt ihre Flanke an meiner Haut. Ich gehe in die Hocke und streichle sie und sie streckt mir dankbar ihr Rückgrat entgegen. Ich beuge mich über sie und flüstere ihr ins Ohr: »Jetzt wäre die Gelegenheit!«
»Ah, Sommerferien!«, höre ich plötzlich eine muntere Stimme direkt hinter mir. Ich schrecke hoch und Blanche ergreift die Flucht.
Es ist Helena, Callums Mutter, die ihre übliche Fleecejacke und gebügelte Jeans trägt. Als einziges Zugeständnis an die brütende Hitze ist das Fleece heute ärmellos. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es auch ärmellose Fleecejacken gibt, aber man lernt nie aus.
Ich nicke und teile ihr mit, dass ich gerade gehen will.
»Dann passt Rose auf dich auf, ja?«
»So was in der Art«, antworte ich.
»Mhm.« Sie klingt argwöhnisch. »Sag deiner Mum schöne Grüße von mir.«
»Mach ich.« Ich ziehe die Haustür auf.
Meine Schritte sind leicht, und mein Herz quillt schier über, als ich hinaus auf die Straße trete.
Solange ich denken kann, habe ich unzählige endlose, unglückliche Stunden in diesem Haus verbracht – und eben erst habe ich verstanden, dass ich dort nie wieder hinmuss, wenn ich nicht will.
Ich sehe nach links und nach rechts, betrachte die vertraute und doch immer wieder merkwürdige Ansicht der Doppelhaushälften mit den gepflegten Vorgärten und den Familienkutschen in den Einfahrten. Sie stehen einer identischen Reihe von Häusern gegenüber, nur dass dort alles leer, verlassen und verbarrikadiert ist. Nur ein einziges Haus unterscheidet sich von den anderen: dasjenige, das hier jeder nur noch »die Kommune« nennt. Ob es tatsächlich eine Kommune ist – oder was dieses Wort überhaupt bedeutet –, weiß ich nicht. Wie üblich hört man begeistertes Anfängertrommeln aus einem Fenster im Obergeschoss – oder vielmehr aus der Öffnung, die ein Fenster wäre, wenn es das Fenster noch gäbe. Nachts und den halben Vormittag ist da ein rot-gelbes Tuch vorgespannt, und den restlichen Tag über sieht man bloß auf ein Loch, durch das ich hin und wieder Blicke auf mysteriöse Aktivitäten erhasche.
Vor dem Haus hängt ein Mädchen mit langen Zottelhaaren kopfüber vom niedrigsten Ast eines Baumes und starrt mich an. Sie lungert öfter dort im Vorgarten herum, allein, liest, zeichnet in ein kleines Notizbuch oder macht einfach gar nichts.
Ich erwidere ihren Blick und frage mich kurz, was sie sonst so den ganzen Tag treibt. Sie scheint nicht zur Schule zu gehen, auch wenn sie in etwa so alt sein dürfte wie ich.
»Hi.« Sie winkt mir kopfüber zu.
Im selben Moment taucht ein paar Türen weiter Mrs Deacon mit ihrem altmodischen, geblümten Einkaufstrolley auf.
»Schlimm, oder?«, flüstert sie mir halblaut zu. Das ist zwar eine merkwürdige Begrüßung, aber mehr oder weniger genau das, was man von Mrs Deacon erwartet.
»Was denn?«, frage ich zurück.
»Diese Leute«, brummt sie, rümpft die Nase und fuchtelt vage in Richtung Kommune. »Eine Schande, so etwas.«
Dann zuckelt sie im Tempo eines bummelnden Regenwurms weiter die Straße entlang.
»Ihr Rädchen quietscht«, rufe ich ihr hinterher. »Soll ich das für Sie ölen?«
»Ein andermal«, ruft sie zurück. »Ich bin gerade schrecklich in Eile.«
Ich blicke erneut über die Straße. Das Mädchen ist immer noch da, baumelt immer noch von dem Ast und starrt mich an. Eigentlich wollte ich Rose besuchen, aber wenn ich jetzt die Straße überquere, denkt dieses Mädchen, ich will mich unterhalten. Weil mir nichts einfällt, was ich sagen könnte, drehe ich mich um und gehe wieder nach Hause.
Mum kommt von der Arbeit und löchert mich mit Fragen zu meinem Tag. Dass ich nichts weiter antworte als »Es war okay«, scheint sie zu enttäuschen. Aber wenn ich die Wahrheit sage – dass mein Tag, abgesehen von dem Zwischenspiel mit Callum, von A bis Z herrlich war –, wird sie noch misstrauisch. Also beschließe ich, gerade so viel zu erzählen, dass sie nicht glaubt, ich könnte unglücklich sein, aber keine Silbe mehr.
Ich weiß, dass ich alles richtig gemacht habe, als sie mit ihrer besorgten Fragerei aufhört und mich auffordert, die Frosties vom Küchenboden aufzufegen.
Dad kommt nicht zur üblichen Zeit von der Arbeit nach Hause, und als Mum und ich uns an den Tisch setzen, um zu Abend zu essen, schickt sie ihm eine Nachricht. Sie fragt, wo er bleibt, und erinnert ihn daran, dass er mit Rose sprechen wollte. Er antwortet postwendend, dass er bereits drüben bei ihr ist.
Gibt’s Neuigkeiten?, schreibt Mum zurück.
Ihr Handy piept sofort wieder. Ein paar Sekunden lang starrt sie aufs Display. Dann liest sie mit tonloser Stimme vor: Alles cool. Erzähl ich dir später.
Dein Essen wird kalt, schreibt sie.
Kein Problem, esse mit der XR-Crew, antwortet er.
Stirnrunzelnd blickt Mum von ihrem Handy auf. »Mit der XR-Crew? Wovon redet dein Vater?«
»XR steht für Extinction Rebellion«, erkläre ich ihr.
»Ach? Wie kannst du so was wissen?«
»Wie kannst du das nicht wissen?«
»Wie kann er das denn wissen?«
»Das weiß doch jeder.«
»Wirklich?«
»Ja. Nur du anscheinend nicht.«
»Und warum isst er mit denen?«
»Weil die vielleicht dort wohnen?«
»Dann ist Rose jetzt also … in dieser XR-Crew?«
»Mum, hast du echt gar keine Ahnung? XR heißt Extinction Rebellion – das sind Umweltaktivisten. Und ›Crew‹ ist so ein Dad-Wort! Das bedeutet nur, dass er auch keine Ahnung hat.«
»Woher weißt du das alles?«
»Weil ich nicht hinterm Mond lebe?«
»Ich … also … Ich bin verwirrt.«
»Was du nicht sagst.«
Als es an der Tür klingelt, springen wir beide auf und blenden für den Moment völlig aus, dass Dad keinen Grund hätte, an seiner eigenen Haustür zu klingeln. Und tatsächlich ist es Helena von nebenan.
»Hi, Amanda.« Sie strahlt Mum an. »Wie geht’s?«
»Gut«, antwortet Mum eisig. Sie mag Helena nicht.
