Genürselte Spritzbuben mit Kranzbinden - Sven Himmen - E-Book

Genürselte Spritzbuben mit Kranzbinden E-Book

Sven Himmen

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Beschreibung

52 Begriffe - 52 Wochen - 52 Texte. Jede Woche des Jahres 2013 schrieb Sven Himmen einen Text über einen ihm unbekannten Begriff. Ein Genürsel kann alles sein. Genauso wie der Autor damals nicht wusste, welcher Begriff ihn als Nächstes erwartet, wissen Sie heute nicht, was für ein Text auf Sie zukommen wird. Kurzgeschichte? Kolumne? Anekdote? Geschwafel? Blödsinn? Lüge? Wahrheit? Alles ist möglich. Gerade die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit ist fließend. Was sich wie ein Tagebucheintrag liest, kann erstunken und erlogen sein, während die absurdeste Kurzgeschichte möglicherweise voller Wahrheit steckt.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Sven Himmen, geboren am 23.07.1984 in Lüdenscheid, zog es nach dem Abitur in die Großstadt Frankfurt am Main, wo er eine Ausbildung zum Industriekaufmann so erfolgreich abschloss, dass er sich danach kreativeren Dingen widmen wollte. Mittlerweile hat er sein Germanistik-Studium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität abgeschlossen, lebt in Schöneck, zeichnet Comics über gelangweilte Pinguine (www.diepinguine.de), schreibt über das Leben (www.spazone.de) und veröffentlicht Bücher.

Letzteres macht er besonders gerne.

Für Atti und No.

Weil ihr füreinander da seid.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Entschuldigung? Da sitzt ein Monster auf Ihrem Zeichenblock

Genau! Es gibt mittlerweile wirklich genug Bücher über Sprache

Kannibalistisch veranlagte Pommes lösen Panik in mir aus

Gerechtigkeit hat nichts mit Füßen zu tun. Snörbdisnörb

Wenn Kinder im Herbst an Halmen saugen

Ein Game Boy macht noch lange keine Rolltreppe

An der Wand dort drüben sitzt eine Dornenschlange und erzählt von ihren Misserfolgen

Füße auf den Tisch kostet hier fünf Mark? In meinem Zuhause ist das billiger

Warum man sich zur Belohnung keine Blumen in den Schrank stellen sollte

Eine Höhle am Tag erspart die Kaffeequelle

Ich habe den Witz zwar verstanden, gut macht ihn das jedoch noch lange nicht

Mit dem Gehstock Geld aus Fischbrötchen ziehen

Ich wollte eine scharfe Currywurst und erntete Romantik

In der Pause schreibe ich smartes Zeug für dumbe Leute an To-Do-Wände

Wenn zwei mich weiterempfehlen, freut sich die Werbung

Eine Wiederholung wurde eingeklebt und daraufhin nie wieder vergessen

Eine unbequeme Verkleidung enttarnt schlechte Superhelden

Hilfe! Ich kann meinen Koffer zwischen all den Pizzaresten nicht mehr finden

Eine Wurzelbehandlung ist besser als ein Kindergeburtstag mit Topfschlagen

Dietmars Gestank ist nicht einmal auf einem Käsefest auszuhalten

Das Fenster zum Hof voller Rasierschaum

Selbst am roten Strand Portugals funktionieren Spielkarten tadellos

Als die Turtles ihre Gegner mit Marienkäfern bewarfen, fiel die Schreibtischlampe um

Die Erforschung außerirdischer Besucher in Gärten fremder Menschen

Die Farben meiner Augen verraten Bienen, wo kein Honig zu finden ist

Achtung! Science-Fiction kann Spuren wissenschaftlicher Fakten enthalten

Wie ein kleiner Vogel ein großes Nest aus Zahnstochern errichtete

Meine Verpackung entspricht zu 20% einem Pullover, der am liebsten in Kappen sitzt und laut über sich selbst lacht

Im Wald fand ich einen neuen Namen

Der Mann aus Metall trank einen Schluck Wasser und verrostete, ohne mit der Wimper zu zucken

Wer sich im Internet blicken lässt, muss auf 3D-Schriftzüge vorbereitet sein

Die Reise ist ein Leben voller Bananensaft

Ein Hahn im Ozean weckt niemanden mehr

Eigentlich ist Erziehung ganz gut

Als Sammler des Wortes Pinguinzeug kann ich Fußball nicht leiden

Besser als Zoo zu sein

Die Sterne teilen mir mit, dass sie nicht sterben können

Stadt, Land, Eiterfluss

Auf dem Flohmarkt kann man Geld zu Müll machen

Auf dem Bonanza-Rad durch ein Land, in dem früher alles besser war

Das neue Schwarz auf der Straße ist Konfrontation in engen Boots

In Bommeln werden Möbel noch getauscht geschrieben

Im Schlaf schlage ich die Zeit tot

Die Normalität einer Hochzeit gleicht der einer Beerdigung

Sich per Zeitmaschine eine Kugel Eis in der Vergangenheit zu kaufen, ist billiger, als in der Zukunft zu verhungern

Der Verlust einer Kreditkarte symbolisiert absolut gar nichts

Auf Erde 82 steht Knoblauch für Genuss

In der Gruppe der Svenblogs spiele ich ganz oben mit

Da ich keinen Hunger auf ekelhaften Kuchen habe, nehme ich heute ein extra großes Stück

Voller Wut kuschelte der Teddybär mit dem Angeber und schaffte es so, ihn zu beruhigen

Schlechte Medizin, gut in der ersten Liebe

Habe ich Ihnen eigentlich schon von meiner Grundschule erzählt?

Nachwort

Anhang

Der Werwolf allein zu Haus bei Peter

Der Werwolf allein zu Haus bei Peter 2

Muffins gefüllt mit Elefanten und Bettgeschichten

Alphabetische Liste der gezogenen Begriffe

Vorwort

Im Dezember des Jahres 2012 ging ich meinem alljährlichen Ritual nach, alle in diesem Jahr geschriebenen Texte nach Datum zu sortieren. Dabei stieß ich auf viele, kleine Texte über das Leben, Videospiele, Filme und so weiter. Als ich mit der Sortiererei fertig war, schwor ich mir, wie jedes Jahr, dies nie wieder zu tun. Es gibt für einen Schriftsteller wohl nichts Langweiligeres auf der Welt, als seine eigenen Texte nach Veröffentlichungsdatum zu sortieren. Leider verdiene ich mit meinem Geschreibe noch nicht genug Geld, um mir einmal im Jahr eine Sortierkraft nach Hause bestellen zu können, doch ich arbeite daran.

Woran ich ebenfalls arbeite, ist das Schreiben an sich. Und an Übergängen. Zwei Absätze geschickt miteinander zu verbinden, ist ein Talent, das ich gerne perfektionieren würde, doch leider wirkt es bei mir hin und wieder zu gewollt. So saß ich also vor meinem frisch sortierten Ordner voller Textdateien und dachte darüber nach, wie wohl der Ordner des nächsten Jahres aussehen würde. Ich war zugegebenermaßen ein wenig unzufrieden. Zwar hatte ich 2012 einiges aufs Papier gebracht, doch war es mir in der Summe dann doch zu wenig. Ich wollte mehr. Ich brauchte mehr. Doch wie kann man sich selbst zu mehr zwingen, ohne daran den Spaß zu verlieren?

Meine meiner Meinung nach besten Texte sind die, in denen ich zunächst nicht genau weiß, worum es gehen soll. Sich ein grobes Thema zu überlegen, minutenlang am ersten Satz zu feilen und sich daraufhin einfach gehen zu lassen, ohne genau zu wissen, wohin die Reise gehen soll, hat mir stets am meisten Spaß gemacht. Genau hier wollte ich anknüpfen. Ich entwickelte folgende Idee:

Ich wollte 52 Begriffe auf kleine, bunte Zettel schreiben, die Zettel falten und in eine Kiste werfen. Jeden Montag des Jahres 2013 würde ich daraufhin in besagte Kiste greifen, einen Zettel ziehen und innerhalb einer Woche einen Text schreiben, der in irgendeiner Form mit dem Begriff auf dem Zettel zu tun hat. Bevor ich über das »Was denn überhaupt für einen Text?« nachdachte, stieß ich auf ein Problem: Ich musste mir zunächst die 52 Begriffe ausdenken. Selbstverständlich stellte es keine Herausforderung dar, mir 52 Begriffe einfallen zu lassen, doch ging dadurch ein Teil der Überraschung verloren, schließlich kannte ich somit alle in der Kiste liegenden Wörter. Ich dachte über allerlei Probleme nach: Vielleicht würde ich den einen oder anderen Begriff bereits mit einer konkreten Textidee im Hinterkopf aufschreiben. Oder noch schlimmer: Ich würde eine spontane Textidee nicht umsetzen, weil ich wusste, dass sie zu einem noch kommenden Begriff besser passte. Letztendlich musste ich also verhindern, bereits im Voraus die Begriffe in der Kiste zu kennen. Also bat ich meine Frau um Hilfe. Sie fand die Idee toll, setzte sich hin, überlegte, schrieb, faltete, klebte und sorgte dafür, dass am ersten Montag des Jahres 2013 mein Schreibprojekt beginnen konnte. Das »Genürsel« war geboren.

Ein »Nürsel« ist das, was von einem Apfel übrig bleibt, wenn man um den Stiel und den Apfelkern herum isst. Als ich eines Tages auf der Suche nach einem Internet-Pseudonym war, nannte ich mich »Stiftnürsel«. Der Name stand für den Überrest eines Bleistifts, der nach dem vielen Schreiben und Anspitzen so klein geworden war, dass man ihn nicht mehr vernünftig in der Hand halten und benutzen konnte. Das Wort »Nürsel« gefiel mir so gut, dass ich meine Textreihe »Genürsel« nannte. Ein »Stiftnürsel« »nürselt« gerne und produziert dabei ein wahres »Genürsel«.

Das Thema eines »Genürsel«-Textes stand also auf dem zuletzt gezogenen Zettel, was genau ich damit machen sollte, hatte ich jedoch nicht festgelegt. Ich wollte weder 52 Kurzgeschichten noch 52 Tagebucheinträge schreiben. Ich wollte das schreiben, worauf ich Lust hatte. Dabei konnte ich das erhaltene Wort verwenden, wie es mir gerade passte. Im Text zum Begriff »Sprache« geht es beispielsweise nicht um irgendwelche Sprachen, sondern um ein Ereignis, das mir die Sprache verschlägt. Grundsätzlich wollte ich mein Projekt so frei wie möglich gestalten und jetzt, 52 Texte später, kann ich sagen, dass dies die richtige Entscheidung war.

Ob es die richtige Entscheidung war, ein Buch aus meinem Schreibprojekt zu erstellen, kann ich ebenfalls mit einem klaren »Ja!« beantworten. Dabei war dies ursprünglich gar nicht geplant. Nachdem ich Text 52 auf meiner Internetseite »www.spa-zone.de «onlinegestellt hatte, begann ich einfach ein neues »Genürsel«. 52 neue Begriffe wurden aufgeschrieben und das Spiel begann von vorne. Erst, als ich einige Zeit später durch die Texte des Jahres 2013 blätterte, fiel mir auf, dass sich das Ganze auch in Buchform gut machen würde.

Selbstverständlich wollte ich die Texte nicht einfach nur von meiner Internetseite in ein Schreibprogramm kopieren und am Ende auf »Veröffentlichen!« klicken. Die Texte waren spontan und manchmal auch unter Zeitdruck entstanden. Obwohl ich sie vor der ursprünglichen Veröffentlichung korrigiert hatte, waren noch einige Fehler und unsaubere Formulierungen in ihnen zu finden. Beim »Genürsel« handelt es sich um ein Projekt, bei dem es um Spontaneität geht. Ich bezeichne die Texte gerne als Skizzen. Fertigt ein Maler eine Skizze an, sitzt bei dieser auch nicht jede Linie perfekt an ihrem Platz. Im Skizzenbuch eines Malers geht es schief und krumm zur Sache. In den Texten meines »Genürsels« ebenfalls. Ich skizziere Gedankengänge, Ideen für Geschichten und Albernheiten. Für meine Internetseite stellte das alles eine unterhaltsame Bereicherung dar. Für ein Buch hatte ich jedoch andere Ansprüche.

Aus diesem Grund wurde jeder Text in diesem Buch gründlich von mir überarbeitet. Absätze wurden gestrichen, neue ergänzt. Formulierungen wurden umformuliert. Es wurde gehobelt und es fielen Späne. Selbstverständlich blieben die Kernaussagen der Texte zu 100% erhalten. Dinge, die ich ein Jahr später vielleicht anders sah, wurden nicht angepasst, sondern unverändert übernommen. Das Ganze liest sich jetzt deutlich angenehmer und ist weniger holprig. Dennoch blieb der Skizzencharakter der Texte weiterhin erhalten. Sie sind kurz, folgen nicht immer einer logischen Argumentationsstruktur, ich schweife ab, komme nicht zum Punkt oder verzichte vollständig auf einen, wie am Ende dieses Satzes

Die Reihenfolge der Texte entspricht der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung. Von einer Umsortierung, um beispielsweise zu vermeiden, dass mehrere Kurzgeschichten hintereinanderstehen, sah ich ab. Ich versah jeden Text mit einer neuen Überschrift, in der das gezogene Wort vorkommt und zur besseren Übersicht unterstrichen wurde (ursprünglich diente lediglich der Begriff als Überschrift). Im Anhang dieses Buches finden Sie bei Bedarf eine alphabetische Auflistung der »Genürsel«-Begriffe, mitsamt Seitenzahlen zu den entsprechenden Texten. Im gleichen Anhang habe ich drei Texte ergänzt, auf die ich mich während der »Genürsel«-Texte beziehe. Auf meiner Internetseite konnte ich auf die angesprochenen Texte einfach verlinken, in einem Buch ist dies jedoch leider nicht möglich. Wann diese Bonustexte gelesen werden sollten, wird Ihnen mit Hilfe einer Anmerkung im Text erklärt. Genug Gerede. Dies ist ein Buch. Ein Buch voller »Genürsel«.

Ein »Genürsel« kann alles sein. Das ist die Stärke dieses Buches. Genauso wie ich damals nicht wusste, welcher Begriff mich als Nächstes erwartet, wissen Sie heute nicht, was für ein Text auf Sie zukommen wird. Kurzgeschichte? Kolumne? Anekdote? Geschwafel? Blödsinn? Lüge? Wahrheit? Alles ist möglich. Gerade die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit ist fließend. Was sich wie ein Tagebucheintrag liest, kann erstunken und erlogen sein, während die absurdeste Kurzgeschichte möglicherweise voller Wahrheit steckt.

Das »Genürsel« ist ein Schreibexperiment, das mir auch heute, im Jahr 2015, noch sehr viel Freude bereitet. Diese Freude möchte ich mit diesem Buch weitergeben. Vielleicht motiviert es andere Autoren zu ähnlichen Projekten. Vielleicht auch nicht. Vielleicht schreckt es ab. Vielleicht kann nicht jeder etwas mit meinen Textskizzen anfangen. Diese Menschen möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich grüßen und in den Arm nehmen. Machen Sie sich keine Sorgen. Das wird schon wieder. Niemand ist perfekt. Niemand. Nicht einmal dieses Buch. Sein Titel ist beispielsweise ziemlich unpraktisch. Wenigstens weiß ich bereits, wie mein nächstes Buch heißen wird: »Genürsel? Was ist denn das für ein bescheuerter Titel?«

Entschuldigung? Da sitzt ein Monsterauf Ihrem Zeichenblock

Als ich noch ein Kind war, nistete sich irgendwann der Gedanke in meinem Kopf ein, unbedingt ein Buch schreiben zu müssen. Zunächst beachtete ich ihn nicht weiter, da ich es - wie übrigens auch heute noch - nicht leiden konnte, dass sich gerade jemand uneingeladen in meinen Kopf gesetzt hatte. Es dauerte seine Zeit, bis der Gedanke und ich ins Gespräch kamen. Ich fragte eines langweiligen Tages nach dem Wetter in meinem Kopf und plötzlich unterhielten wir uns mehrere Stunden lang miteinander. Am Ende freundeten wir uns an und bildeten eine Gemeinschaft.

Am liebsten unterhielt ich mich mit dem Gedanken über Monsterfilme. Ich war etwa fünfzehn Jahre alt und ein großer Freund besagter Filme. Ob »Alien«, »Predator« oder »X-Tro 2«, ich fühlte mich zu all diesen phantastischen Wesen hingezogen. Das »Warum nur, warum?« kann ich nicht beantworten. Aber wer kann das schon? Auf die Frage »Warum magst du Grün?« ist schließlich auch nur schwer eine Antwort zu finden. Vor allem, weil Grün die wohl wichtigste und beliebteste Farbe der Welt darstellt und sich die Frage somit erübrigt. Das hat zumindest eine Studie des Fachmagazins »Wir werden von Grün bezahlt« ergeben. Ich berufe mich hier ausschließlich auf Fakten.

Jedenfalls fing ich wegen Monstern mit dem Schreiben an. Und wie ich schrieb! Ich höre heutzutage oft davon, dass sich Leute zum Schreiben ein spezielles Programm auf ihrem Computer installieren, das alles um einen herum ausblendet und den gesamten Desktop einnimmt, damit die Schreiber sich besser konzentrieren können und nicht abgelenkt werden von eintreffenden Werbemails über Medikamente gegen Erektionsstörungen. Wenn ich per Zeitmaschine meinem jüngeren Ich davon erzähle, lacht es mich immer aus und haut mir danach gepflegt eine runter. Dann greift es in seinen Scout-Weltraum-Ranzen und kramt zwischen Turtlesfiguren und Game Boy Spielen einen Zeichenblock hervor, an dem ein Stift klemmt.

Das reichte damals aus. Ein Blatt Papier und ein Stift. So entstanden meine Geschichten. Spricht man in der heutigen Zeit davon, etwas »aufs Papier zu bringen«, sitzt man in der Regel vor einem Computerbildschirm und drückt auf irgendwelche Tasten. Das geht schnell, man kann einfach Dinge korrigieren und redet sich gleichzeitig ein, etwas für die Umwelt zu tun, weil man während des Schreibvorgangs Papier nur noch in Taschentuch- oder Küchenrollenform benutzt, um den Schreibtisch von Kaffeeflecken zu befreien.

Ich war als Kind ein großer Umweltverschmutzer. Mein erstes Buch sollte vollständig auf besagtem Zeichenblock entstehen. Wobei ich in gewisser Weise schon sparsam mit dem benutzten Papier umging und so klein und eng zusammen schrieb, dass jemand mit schwachen Augen den Text niemals hätte lesen können. Aber an so etwas verschwendete ich damals keinen einzigen Gedanken. Wie heute habe ich auch als Kind erst einmal nur für mich geschrieben und kümmerte mich nicht um augenschonende Formatierungen für andere Leute. Ich wollte eine Monstergeschichte schreiben. Und das tat ich auch.

Das Ergebnis kam nicht über ein paar kurze Opferkapitel hinaus. Opferkapitel? Keine Sorge, mit deutschem Hip Hop hatte das nichts zu tun. Ich war eher der Meinung, ein gutes Buchmonster müsse von Beginn an vernünftig eingeführt werden, und ein paar deftige Morde waren zu diesem Zeitpunkt das Vernünftigste, was ich mir vorstellen konnte. Auch heute noch habe ich Tage, an denen ich so denke, erzähle davon aber normalerweise niemandem.

Ich schrieb also über den Kanalarbeiter Jimmy Brown, dessen Routineüberprüfung eines defekten Filternetzes mit einem abgerissenen linken Bein und einem ebenso abgerissenen Kopf endete. Und über die dreijährige Marry Barrow, die eigentlich nur die Enten am See im Central Park streicheln wollte, dabei aber alles bis auf ihre linke Hand verlor. An der Hand fehlten übrigens noch Zeige- und Mittelfinger. Man will ja nicht auf die wichtigen Details verzichten.

Weiter? Gerne! Lassen Sie mich von Jonny und Maxi erzählen, deren Spaziergang am See damit endete, dass man nur noch ihre Rucksäcke am Ufer wiederfand. Und Maxis linken Fuß. Und Jonnys Oberarm. Beim Oberarm ging ich interessanterweise nicht so sehr ins Detail wie bisher. War es nun der linke oder rechte Oberarm? Ich erinnere mich leider nicht mehr daran, wie genau ich mir die beschriebene Szene damals vorgestellt hatte. Dies ist aber auch nicht weiter wichtig, schließlich möchte ich noch auf Jane Mellins zu sprechen kommen, die nicht nur bewies, dass nicht alle englischen Namen mit »y« oder »i« enden, sondern auch, dass ich schon nach wenigen Zeilen zu meiner Detailverliebtheit zurückgefunden hatte. Von ihr blieb nicht irgendeine Hand zurück, sondern die linke. Und zwar in den Händen des endlich eingeführten Protagonisten Jack Jensen, der eigentlich mehr von seiner Freundin hatte retten wollen als lediglich ihre linke Hand.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass mein Monster ziemlich heiß auf rechte Körperteile war? Im großen Finale wäre das ganz bestimmt ein entscheidendes Detail gewesen. Oder auch nicht.

Jedenfalls sollte mittlerweile klar sein, worum es in meinem ersten Buch ging. Um zurückgelassene Körperteile und meine Rechts-Links-Schwäche. Viel weiter bin ich damals leider nicht gekommen. Vermutlich hatte ich mir vor dem Weiterschreiben erst einmal weitere Körperteile ausdenken wollen, die irgendwo angeschwemmt werden konnten, und dabei gemerkt, dass ich kein Interesse an einem Medizinstudium hatte. Und Namen waren mir aller Wahrscheinlichkeit nach auch langsam ausgegangen.

Nein, ich will ehrlich sein: Ich weiß, warum ich nicht mehr an dieser Geschichte weiterschrieb. All das entstand während meiner Konfirmandenfreizeit. Zu dieser Zeit hockte ich mit ein paar mehr oder weniger gläubigen Kindern in Stuhlkreisen zusammen, dankte Gott für all die Stühle und verstümmelte abends im Bett dreijährige Kinder in Textform. Ich erkannte schnell, dass ich während dieser Freizeit kein ganzes Buch fertigstellen würde, also schrieb ich etwas anderes: meine erste Kurzgeschichte mit dem Namen »Ein Werwolf allein zu Haus bei Peter«. Hierbei handelt es sich auch aus heutiger Sicht um die beste Monstergeschichte, die ich jemals in meinem Leben geschrieben habe. Zumindest, wenn man nicht so sehr auf Rechtschreibfehler und schlechte Formulierungen achtet. Die Geschichte an sich war ein wahrer Unterhaltungstraum. Bei meinen jungen Freunden kam sie sehr gut an und ich schrieb sogar einen Nachfolger: »Ein Werwolf allein zu Haus bei Peter 2«. Was für schöne Erinnerungen. Und wieder ging es um ein Monster.

Zusammenfassend habe ich es wohl meiner früh entdeckten Monsterleidenschaft zu verdanken, dass ich heute schreibe. Und meiner Sammelleidenschaft, dass ich die Originalzettel mit meinem ersten Buchanfang noch besitze. Wenn mir nach der Konfirmationsgeschichte eine Sache heilig geblieben ist, dann diese drei Seiten. Mit ihnen hat alles angefangen.

[siehe Abbildung 1]

Noch eine lustige Geschichte zum Abschluss: Während des obigen Absatzes habe ich eine Kugelschreibermine leergeschrieben. Ja, ich habe mich der alten Zeiten wegen mit Stift und Papier bewaffnet und diese Zeilen auf ganz altmodische Art und Weise wortwörtlich aufs Papier gebracht. Es fühlte sich gut an.

Stift und Papier haben einen großen Vorteil: Sie lenken einen nicht von dem ab, was man machen möchte, schließlich stellen sie alles dar, was man für das sich vorgenommene Schreibziel benötigt. Während der Computer im Hintergrund rattert und knattert, ohne mir zu verraten, was genau er da gerade macht, konzentriere ich mich auf meinen Text.

Mein junges Ich steht währenddessen hinter mir und grinst. Es ist stolz auf mich. Ich grinse zurück, haue ihm eine runter, stecke es wieder in die Zeitmaschine und schicke es nach Hause zurück. Zu spät bemerke ich, dass sich eine Fliege mit ihm in der Maschine befand. Während ich darüber nachdenke, wie ich meine neugewonnenen Beine vor neugierigen Blicken schützen soll, erkenne ich, dass ich endlich zu dem geworden bin, was ich liebe: Zu einem Monster.

Anmerkung: Die beiden angesprochenen Texte »Ein Werwolf allein zu Haus bei Peter« und »Ein Werwolf allein zu Haus bei Peter 2« finden Sie im Anhang dieses Buches. Selbstverständlich habe ich die angesprochenen Fehler korrigiert, dabei jedoch gleichzeitig versucht, den damaligen, kindlichen Stil beizubehalten.

Abbildung 1

Genau! Es gibt mittlerweile wirklich genug Bücher über Sprache

Vor zwei Jahren sorgte ich durch die Veröffentlichung meines ersten Buches dafür, dass mir seitdem immer wieder eine Frage gestellt wird, die mir während der ersten Wochen ihres Auftretens regelmäßig die Sprache verschlug. Da mir nur sehr, sehr selten etwas die Sprache verschlägt, werde ich im Folgenden über diese Frage reden. Sie lautet: »Wie viele Bücher hast du verkauft?«

Dabei geht es mir zunächst einmal gar nicht um die Frage an sich. Grundsätzlich ist verständlich, warum sich Leute für die Verkaufszahlen meines Buches interessieren, sie sagen schließlich alles über dessen Qualität aus. Geringe Verkaufszahlen zeigen, dass es sich um ein schlechtes Buch handelt, wodurch es nicht mehr gelesen werden muss. Das erspart viel Zeit.

Diese Regel trifft auch auf das selbstverlegte Buch eines unbekannten Hobbyschriftstellers zu. Das ist ein Fakt. Weil man das ganz bestimmt überall nachlesen kann. Doch auch abseits irgendwelcher Beweise muss diese Behauptung stimmen, schließlich würde man Verkaufszahlen ansonsten nicht eine solche Gewichtung zukommen lassen, sondern eher Fragen wie »Hat das Schreiben Spaß gemacht?« oder »Wie kam das Buch denn bisher so an?« stellen. Viel interessanter als die Frage nach den Verkaufszahlen ist jedoch, was meine Antwort auslöst. Diese lautet nämlich: »Genug.«

Jetzt mal ehrlich: Meine Verkaufszahlen gehen niemanden etwas an. Genauso wenig, was ich mit meinem Buch verdiene. Ich bin nicht dazu verpflichtet, hierüber Auskunft zu geben. Mein »Genug.« ist so nichtssagend, dass es in meinen Augen die perfekte Antwort darstellt. Aber genau hier wird es dann spannend, denn vielen Leuten reicht ein »Genug.« nicht. Sie wollen harte Fakten und es kommt zu Situationen, die ich im Folgenden schildern werde.

Situation 1: Die Hartnäckigen.

In meiner Freizeit bewerbe ich mich gerne bei irgendwelchen Firmen für Nebenjobs und gucke, wie das so ist. Ein Nebenjob wirkt unglaublich inspirierend. Beim nun thematisierten Nebenjob ging es um typische Büroarbeit. Anrufe annehmen und Termine planen. Sekretär, könnte man sagen. Während des Bewerbungsgesprächs fiel meinem potenziellen neuen Vorgesetzten natürlich die im Lebenslauf erwähnte Buchveröffentlichung auf. Sofort platzte die Frage aus ihm heraus: »Wie viele Bücher haben Sie verkauft?« Ich antwortete: »Genug.« Zu dieser Zeit hatte ich die Antwort bereits in meinen Grundwortschatz aufgenommen und konnte sie ganz routiniert aus der Hüfte heraus auf mein Gegenüber abfeuern. Ich war vollkommen professionell und ruhig. Ich war auf alles vorbereitet. Man will ja nicht unvorbereitet zu einem Bewerbungsgespräch erscheinen. Wir wissen, wie das enden kann. Mord und Totschlag sind harmlos im Vergleich zu dem Gefühl, das sich in einem breitmacht, wenn man die »Was genau macht unser Unternehmen eigentlich?«-Frage nicht beantworten kann.

Jedenfalls reichte meinem Gegenüber das »Genug.« nicht.

»Nun sagen Sie doch mal.«

»Ich rede nicht über meine Verkaufszahlen.«

»Über 1.000 Bücher?«

»Ich möchte dazu nichts sagen.«

Hier begann mein Abstieg auf der Sympathiepunkteliste des Fragers. »Unter 1.000?« Ich war sprachlos. Ich wusste einfach nicht, was ich noch sagen sollte. »Deutlich unter 1.000?« Ich reagierte nicht mehr. Würde dieser Kerl jemals Ruhe geben? Ich mache es kurz: Es dauerte lange. Nach »Deutlich unter 1.000?« folgte »500?«, daraufhin »250?« und dann »Wenigstens 100?«. Ja, ich war auf der Suche nach einem Nebenjob, die Lust auf diesen hier hatte ich jedoch verloren. Ich wurde zum Glück nie wieder so hartnäckig über meine Verkaufszahlen ausgequetscht wie an diesem Tag und ich würde nur zu gerne erfahren, warum dies geschah. Nein, das ist gelogen. Ich weiß, warum man nach den Zahlen fragte. Weil es sich bei dem Einstellungstester um einen Geschäftsmann handelte. Die Stelle als Sekretär habe ich übrigens nicht bekommen. Weil ich laut Aussage des Prüfers als Schriftsteller zu den »kreativen Menschen« gehöre und deswegen nicht in der Lage sei, mich an vorgegebene Telefonabläufe zu halten. Ja, das waren seine Worte. Einen kleinen Moment, bitte. Ich muss mal eben für ein paar Minuten zum Lachen in den Keller.

[ein paar Minuten später]

Da bin ich wieder! Ich kann den Prüfer selbstverständlich verstehen. Es ist wirklich schlimm, seine eigene Kreativität nicht unter Kontrolle halten zu können. Erst vor wenigen Tagen wurde ich eines Supermarkts verwiesen, weil ich nicht den von mir eingeforderten Betrag für meinen Einkauf mit Geld bezahlen wollte, sondern stattdessen meine Kreativität spielen ließ und versuchte, der Verkäuferin ein selbstgebasteltes Mobile aus Bandnudeln und eingelegten Pfirsichen anzudrehen. Die unkreative Kassenfrau war empört und rief den Sicherheitsdienst, der mein Nudelpfirsichkunstwerk mit einem Granatapfel in die Luft sprengte und mir danach so lange mit einem Nudelholz gegen die Schienbeine schlug, bis ich zur Geldbörse griff und meinen Einkauf so bezahlte, wie es sich für unkreative Menschen gehört. Es ist nicht auszudenken, welchen Schaden ich in der Firma angerichtet hätte. Gut, dass meine gefährliche Kreativität vom Personalprofi sofort erkannt und gebannt worden war. Wie sagt man so schön? »Gefahr gebannt, Elefant.« Oder so.

Das Verlangen, immer weiter nach meinen Verkaufszahlen zu fragen, bringt mich gleich zu...

Situation 2: Die abwertenden Kommentare.

Wissen Sie, warum ich mit dem Schreiben begonnen habe? Um irgendwann Texte schreiben zu können, in denen ich diese Frage beantworte. Aber das ist noch nicht alles! Ich habe damit angefangen, um eine Milliarde Bücher zu verkaufen. Dass mir das bisher nicht gelungen ist, versetzt mich in tiefe Trauer und ist mir zudem peinlich. Ich weine mich jede Nacht in den Schlaf. Darum habe ich mein Bett mittlerweile auch in die Badewanne verlegt. Die fängt meine Tränen auf und ich kann mich in den frühen Morgenstunden an ihnen laben. Außerdem kann ich so verschleiern, dass ich mir über Nacht in die Hosen gemacht habe. Soll ja häufig passieren. Vor allem bei Menschen, die so gescheitert sind wie ich.

Es ist schon fast lustig: Wenn ich mit meinem »Genug.« antworte, wird hin und wieder tatsächlich »Dann können es ja nicht viele gewesen sein.« erwidert. Zack. Ins Gesicht.Einfach so. Das ist, als würde man mir mit der Faust ein Ohr abschlagen und danach nicht wissen, was daran jetzt falsch gewesen sein soll. Woher kommt es, dass verschwiegene Verkaufszahlen automatisch mit schlechten Verkaufszahlen gleichgesetzt werden? Die Antwort kennt natürlich jeder: Mit Erfolg muss angegeben werden. Verkaufe ich viele Bücher, muss ich dies jedem Passanten in der Frankfurter Innenstadt mitteilen. Am besten mit Hilfe eines abstrakten Ausdruckstanzes. Weil ich ja Künstler bin. Und erfolgreich. Ich sage nun etwas, was vermutlich nicht jeder nachvollziehen kann: Sollte ich jemals eine Milliarde oder sogar noch viel, viel mehr Bücher verkaufen, so werde ich auch das niemandem verraten. Verrückt, oder? Wie kann man so überleben? Bin ich überhaupt ein richtiger Mensch?

Das Ziehen negativer Schlussfolgerungen verschlug mir zunächst die Sprache. Was soll man darauf auch antworten? Mittlerweile weiß ich es: »Genau.« Mehr nicht. Manchmal beginnt der Kombinator vor mir dann plötzlich damit, peinlich berührt zu lachen. Entweder weil er die Dreistigkeit seiner Aussage erkannt hat oder weil ich ihm leidtue. Hier kommt es mir sehr gelegen, dass ich mich die meiste Zeit meines Lebens nicht dafür interessiere, was andere Menschen über mich denken und ich zudem der Meinung bin, im eigenen Leben Geheimnisse haben zu dürfen. Muss ich immer zu allem Stellung beziehen? Ist es schlimm, wenn jemand aufgrund falscher Vermutungen genauso falsche Vorstellungen von mir hat? Nein. Dann bin ich eben ein gescheiterter Schriftsteller mit zehn verkauften Büchern, von denen sieben im eigenen Bücherregal stehen. Macht das meine Bücher schlecht? Von mir aus. Bin ich trotzdem noch stolz auf sie? Natürlich. Und wie!

[siehe Abbildung 2]

Ich bin froh, dass mir die Frage nach meinen Verkaufszahlen nicht mehr die Sprache verschlägt. Zwar wünsche ich mir, hin und wieder auch mal nach anderen Dingen als meinen Umsätzen gefragt zu werden, letztendlich habe ich mich aber daran gewöhnt und kann es nicht ändern.

Zum Abschluss komme ich noch auf eine kleine Nebensituation zu sprechen.

Nebensituation: Das »Als ob!«

Hin und wieder bin ich total komisch drauf und erzähle Leuten, dass ich nicht für Buchverkäufe schreibe, sondern des Schreibens wegen. Ich erzähle gerne Geschichten, schreibe sie genauso gerne auf und freue mich darüber, andere mit den Resultaten zu unterhalten. Ich finde es toll, gelesen zu werden. Auf diese Aussage wird dann manchmal Folgendes erwidert: »Als würdest du dich nicht darüber freuen, zehn Milliarden Bücher zu verkaufen!« Meistens wird man dann angesehen, als wäre man soeben bloßgestellt worden und hätte keine Hosen an. Nein, das ist kein guter Vergleich. Dies würde zu Erstaunen führen. Genauso wie das Niveau, auf dem wir uns hier plötzlich befinden. Man soll sich enttarnt fühlen. Entlarvt.

Tja.

An dieser Stelle verschlägt es mir leider auch heute noch die Sprache.

Abbildung 2

Kannibalistisch veranlagte Pommes lösen Panik in mir aus

Es gibt dumme Handlungen, die man ausführt, obwohl man sich ihrer Dummheit bewusst ist. Zu viel essen zum Beispiel. Oder zu viel Kaffee trinken. Ich werde jetzt von dem Tag berichten, an dem ich beides gleichzeitig tat.

Auf Pommes bezogen gibt es in meinem Leben ein »zu viel« nicht. Wie soll das auch möglich sein? Zu viele Pommes? Verrückt. Zu viel Kaffee kann ich da schon eher nachvollziehen. Wenn ich morgens ein paar Tassen Kaffee trinke, ohne dabei etwas zu essen, fühle ich mich nicht gut. Ich werde nervös, mir wird schwindelig und mein Kreislauf spielt Ringelpiez mit Gegendiewandlaufen. Das will ich vermeiden. Darum trinke ich Kaffee normalerweise ausschließlich zum Frühstück. Beim Essen. In geregelten Mengen. Selbstverständlich will ich die eine oder andere Nachmittagstasse unter Freunden nicht abstreiten oder verschweigen. Aber Besuche stellen eine tolerierbare Ausnahmesituation dar.

Kaffee am Morgen übt eine reinigende Wirkung auf mich aus. Er sorgt dafür, dass sich mein Magen von all dem Müll befreit, den ich am Vortag in ihn reingestopft habe. Das hat etwas von dem Gefühl, morgens nach einer langen Fete aufzustehen und zu bemerken, dass man vor dem Schlafengehen vielleicht doch schon ein bisschen hätte aufräumen sollen. All die verkrusteten Essensreste in den Töpfen und dann der Gestank von abgestandenen Säften, der sich aus den nicht ganz leergetrunkenen Gläsern erhebt. Am liebsten würde man einfach alles zusammen in einen Sack stecken und diesen in die Mülltonne werfen. Leider geht das nicht. Man müsste sich im Anschluss nämlich eine neue Essausstattung zulegen, was je nach persönlichen Ansprüchen ziemlich ins Geld gehen kann.

Mein Magen dagegen kennt keine Skrupel, wenn es ums Wegwerfen von Zeug geht. Wird er nach meinen alltäglichen Fressfesten von einer Kanne Kaffee geweckt, legt er alles auf einen großen, stinkenden, klebrigen aber irgendwie auch angenehm warmen Haufen zusammen und wirft diesen in eine Tonne, die eigentlich eine Schüssel ist und von den Menschen »Toilette« genannt wird. Nach einem solchen Toilettenbesuch weiß ich immer, wie sich Jesus nach seiner Auferstehung gefühlt haben muss. Kaffee ist ein Neuanfang. Immer und immer wieder.

Pommes dagegen sind nicht wie Kaffee. Pommes bleiben. Sie regen meinen Magen nicht dazu an, sie wieder loswerden zu wollen. Esse ich Pommes, höre ich erst wieder damit auf, wenn alle vernichtet wurden und ich sie in mir trage. Ich werde selbst zur Pommes und somit zu einem Kannibalen. Ich verspeise mein eigenes Volk und fühle mich gut dabei.

Eines Tages hatte ich mal wieder Probleme damit, einen geregelten Tagesablauf zu führen und erwachte zu einer Uhrzeit, zu der die Sonne ihre Arbeit gerade verrichtet hatte und ihre tägliche Wachablöse mit dem Mond durchführte. Während die gewöhnliche Bevölkerung ihr Mittagessen längst hinter sich gebracht hatte und über ihr nicht unbedingt letztes Abendmahl nachdachte, machte ich mir zum Frühstück ein Kilogramm Pommes. Bevor mich jetzt jemand als Vielfraß bezeichnet, möchte ich darauf hinweisen, dass ich meiner Frau selbstverständlich einige meiner Pommes abgab.Für mich blieben am Ende höchstens 800 bis 900 Gramm übrig.

Nach dem Verspeisen dieses kleinen Morgenhappens fiel mir ein, dass ich meine Frühstückstradition in Form einer gepflegten Tasse Kaffee vergessen hatte. Auf diese konnte und wollte ich nicht verzichten, und braute mir eine Ladung Kaffee zusammen, deren tiefschwarzer Inhalt gut zur Helligkeit des Sonnenlichts vor meinem Fenster passte.

Nun sollte man sich einmal bildlich vorstellen, wie mein oben beschriebener, durch Kaffee ausgelöster Wiedergeburtsprozess auf etwa ein Kilo Pommes trifft. Würde man die Pommes als eine bis zum Rand gefüllte Flasche Cola darstellen, so wäre der Kaffee ein in diese Masse eindringendes Stück Würfelzucker. In meinem Magen fand eine chemische Reaktion mit Explosionsausgang statt und suchte nach einem Weg, sein Ergebnis der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Als ich fühlte, dass das Experiment kurz vor seiner Fertigstellung stand, wusste ich, was zu tun war. Ich ging ins Badezimmer, klappte den Toilettendeckel hoch, griff in die Hosentasche, um mein Smartphone hervorzuziehen, und stellte fest, dass es nicht da war. Blöd. Suche ich die Toilette für größere Geschäftstermine auf, brauche ich etwas, um mich währenddessen zu beschäftigen. Der gesamte Prozess kann schließlich auch mal ein halbes Stündchen andauern.

Nun benötige ich nicht zwangsläufig mein Smartphone, um mich abzulenken. Ich habe für gewöhnlich immer ein paar Zeitschriften auf dem Badewannenrand liegen, die gelesen werden können. Diese werden nur weggeräumt, wenn geduscht wird, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Die Größe des Badezimmers lässt es leider nicht zu, einen anderen Platz für Zeitschriften einzurichten, was aber normalerweise gar kein Problem darstellt. Vor dem Duschen bringt man sie weg, nach dem Duschen legt man sie wieder an ihren Platz zurück. Das klappt zumindest bei disziplinierten Menschen mit einem gewissen Ordnungssinn ganz gut. Mein Ordnungssinn ist als kleines Kind in einen großen Kessel voller Zaubertrank gefallen. Seitdem lebt er in Form eines dicken und meist nackten Mannes in der Nachbarschaft, guckt durch sein Schlafzimmerfenster in meine Wohnung und zeigt mir den Mittelfinger. Kurz: Ich hatte nach dem letzten Duschvorgang die Zeitschriften nicht zurückgelegt.

Ich begann abzuschätzen, wie viel Zeit mir noch blieb, bevor ich mich untenrum einsauen würde. Zwar wurden um das Pommesaustrittsloch herum bereits Warndreiecke aufgestellt, bis zum Schlimmsten hatte ich aber gefühlt noch etwas Zeit. Also verließ ich das Badezimmer wieder, um meinen Nintendo 3DS zu holen.

Schon als Kind hatte ich damit begonnen, auf der Toilette mit tragbaren Videospielkonsolen zu hantieren. Das hat mit alten LCD-Spielen angefangen, wurde nach dem Erhalt eines Game Boys zur Lebensphilosophie und ist auch heute noch aktuell. Der 3DS lag auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer, ich schnappte ihn mir, ging ins Bad, befreite mich von all den Hosen, die man als angesehener Erdenbürger so an sich trägt, setzte mich hin und stellte fest, dass die Batterien des Geräts leer waren. Panik. Ich hatte gerade den Ausscheidungsprozess eingeleitet. Schnell legte ich einen Notstopp ein und machte die Schotten dicht.

3DS auf den Boden. Aufstehen. Hosen hoch. Aber auflassen. Keine Zeit für Formalitäten. Pommes auf dem Vormarsch. Zähne und Pobacken zusammenkneifen. Bad verlassen. Wohnzimmer. Zeitschriftenstapel. Kenne ich schon. Kenne ich schon. Interessiert mich gerade nicht. Kenne ich schon. Bücher? Wo ist mein Kindle? Keine Ahnung. Smartphone? Keine Ahnung. Jemand klopft. Aber nicht an der Haustür. Sondern an mein Inneres.

»Ja bitte?«

»Ich bin es.«

»Wer?«

»Pommes.«

»Und?«

»Ich müsste dann jetzt.«

»Ich bin gleich da.«

»Ich auch.«

»Ich weiß.«

»Es ist dringend.«

»ICH WEISS!«

Muss los. Hose rutscht. Stolpere fast. Hose hoch. Flur. Arbeitszimmer. Kindle? Nein. Smartphone? Nein. Ladekabel? Nein. Panik? Ja. Stift. Papier. Flur. Bad. Hose. Sitzen. Aufstehen. Andere Hose. Sitzen. Wiedergeburt. Entspannung. Durchatmen. Brief schreiben.

Sehr geehrte Frau Panik,

ich weiß, dass Sie auch nur Ihre Arbeit machen und letztendlich nichts dafür können, dass ich ohne Ablenkungsmöglichkeit nicht mehr auf die Toilette gehen kann.

Dennoch wäre ich Ihnen überaus dankbar, wenn Sie sich aus meinen Privatangelegenheiten heraushalten würden.

Mit freundlichen Grüßen,

ein Feind

Ich habe den Brief bis heute nicht losgeschickt. Das liegt an der vor Kurzem stattgefundenen Briefportoerhöhung. Ich habe noch einen Haufen 55-Cent-Briefmarken herumliegen,die niemand mehr haben will. Sich nun einen gleichgroßen Haufen 3-Cent-Briefmarken zu kaufen, klingt nicht nach einem Unterfangen, das Spaß macht und mich in meinem Leben weiterbringt.

Gerechtigkeit hat nichts mit Füßen zu tun. Snörbdisnörb

Vor vielen Jahren hielt ich es eines Tages für eine gute Idee, mich auf meine Brille zu setzen, um diese zu verbiegen. Warum auch nicht? Man muss schließlich alles einmal gemacht haben. Nach Abschluss dieser überaus erheiternden Tätigkeit fiel mir auf, dass sich die Brille nicht mehr so angenehm an mein Gesicht anschmiegen wollte, wie sie es bisher immer getan hatte. Ich begann, ein wenig zu weinen und überlegte, mich für immer von meiner ach so geliebten Brille zu trennen. Doch dann gab ich mir einen Ruck, fiel vom Balkon, rollte die unter diesem liegende Straße hinunter und kam vor einem Optiker zum Stehen. Dies deutete ich als Zeichen und betrat das Geschäft, um meinen Brillennotstand beheben zu lassen.

Im Geschäft saß ein älterer Herr, der mich sofort freundlich empfing. Ich schilderte ihm mein Problem und bat anschließend darum, die Brille wieder zu reparieren. Es handelte sich hier schließlich um einen Brillenarzt und somit um jemanden, der in der Lage war, meine Brille zu heilen.

Das dachte ich zumindest.

Statt Hilfe erntete ich böse Kommentare. Der Herr erklärte mir, dass er mir nicht helfen könne. Wenn eine Brille verbogen ist, dann ist sie das eben. Ich erklärte ihm, dass ich angenommen hatte, er würde über spezielles Gerät verfügen, um die Brille wieder richten zu können. Dies verneinte er.Selbstverständlich könne er am Gestell herumbiegen, dies sei aber keine Tätigkeit, die einem Optiker stets gelingt. Ich ließ es ihn trotzdem probieren. Er ergänzte, dass eine Zerstörung des Brillengestells nicht seine Schuld sei. Ich nickte nur und fühlte mich ungerecht behandelt.

Mag sein, dass ich das Geschäft mit einer absurden Wahnvorstellung betreten hatte, dennoch wäre ich gerne etwas freundlicher darauf hingewiesen worden. Aber gut, ich ließ den Herrn machen. Er griff zu komischem Gerät, hantierte vorsichtig an der Brille herum und bekam sie am Ende wieder geradegebogen. Ich freute und bedankte mich, er erwiderte keine Freundlichkeiten und ich verließ das Geschäft mit dem Vorsatz, es nie wieder zu betreten. Unfreundlichkeit wurde von mir noch nie belohnt, sondern mit Ignoranz bestraft. Ausgleichende Gerechtigkeit.

Einige Monate später war ich auf der Suche nach einem Nebenjob. Im Internet stieß ich auf die Anzeige eines großen, amerikanischen Unternehmens, das in Deutschland Fuß fassen wollte und auf der Suche nach Mitarbeitern war. Angewidert wandte ich mich ab. Ich stand nicht auf Füße sondern auf Füßen, war kein ausgebildeter Podologe und Füße anzufassen gehört nicht zu den Tätigkeiten, mit denen ich mich an miesepetrigen Tagen entmiesepetern kann. Neben beschriebener Anzeige fand ich ein noch viel spannenderes Stellenangebot. Ein großes, amerikanisches Unternehmen wollte seine Bekanntheit in Deutschland vergrößern und das ganz ohne Füße anzufassen. Es handelte sich um eine Internetseite, auf der man Geschäfte verzeichnen und bewerten konnte. Man arbeitete gerade daran, jedes in deutschen Großstädten auffindbare Geschäft in die eigene Datenbank aufzunehmen, um so das Interesse der Bevölkerung auf sich zu ziehen. Dafür benötigte man Menschen, die in ihrer Freizeit gerne die Straßen ihrer Nachbarschaft auf und ab laufen,Geschäfte fotografieren und sie mitsamt allen wichtigen Informationen - zum Beispiel den Öffnungszeiten - auf Internetseiten verzeichnen. Eigentlich hatte ich in meiner Freizeit zwar für gewöhnlich Besseres zu tun, doch ein neuer Nebenjob steht automatisch für eine neue Herausforderung im eigenen Leben, was ein Satz ist, den ich gerade nicht nur erfunden habe, sondern auch gerne für einen übertrieben hohen Betrag an die Hersteller von Abreißkalendern mit Lebensphilosophien verkaufen würde. Ich bewarb mich auf die Stelle, bekam sie und begann meine Arbeit.

Nach einiger Zeit hatte ich unzählige Geschäfte in die Seitendatenbank eingepflegt. Nun ging es aber nicht nur darum, Geschäfte auf der Seite einzutragen, man sollte auch noch etwas über sie schreiben. Man bezahlte mich nicht nur für das Kartographieren meiner Nachbarschaft, sondern auch für meine Meinung. Ich sah darin zu diesem Zeitpunkt kein Problem. Ich hatte viele der umliegenden Geschäfte besucht und konnte zu jedem etwas erzählen. Also tat ich dies. Irgendwann erinnerte ich mich an den Optiker, der mich so unhöflich empfangen hatte. Ich fasste den Fall kurz zusammen und gab dem Geschäft die schlechteste Bewertung, die man auf besagter Internetseite geben konnte. Ich wollte die gesamte Menschheit vor der Unfreundlichkeit des Besitzers warnen. Das war schließlich meine Pflicht als Internetkritiker.

Es folgt ein weiterer Zeitsprung, etwa zwei Jahre in die Zukunft. Ich arbeitete schon lange nicht mehr für die amerikanische Firma. Die Anstellung war von Anfang an auf wenige Monate befristet gewesen, da man ja lediglich den Deutschlandstart inhaltsreich gestalten wollte. Um ehrlich zu sein, hatte ich den damaligen Nebenjob und alle meine abgegebenen Bewertungen schon längst wieder vergessen. Bis der Optiker, den ich hier nun schon mehrfach angesprochen