Nicht immer nur meckern - Sven Himmen - E-Book

Nicht immer nur meckern E-Book

Sven Himmen

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Beschreibung

Ein Mann kauft sich ein Tagebuch. Aber nicht, um darin die schönen Momente seines Lebens festzuhalten, sondern um durch das Schreiben seinen Hass auf die Außenwelt zu verarbeiten. Woche für Woche stürzt er sich auf alles, was ihn an seinen Mitmenschen aufregt. Allerdings hat dies eine alles andere als beruhigende Wirkung auf ihn.

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sven Himmen, geboren am 23.07.1984 in Lüdenscheid, zog es nach dem Abitur in die Großstadt Frankfurt am Main, wo er eine Ausbildung zum Industriekaufmann so erfolgreich beendete, dass er sich danach kreativeren Dingen widmen wollte. Mittlerweile hat er sein Germanistik-Studium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität abgeschlossen, lebt in Schöneck, zeichnet Comics über gelangweilte Pinguine (www.diepinguine.de), schreibt über das Leben (www.spa-zone.de) und veröffentlicht Bücher.

Letzteres macht er besonders gerne.

Für Janina und Carlos.

Inhaltsverzeichnis

Woche 1

Woche 2

Woche 3

Woche 4

Woche 5

Woche 6

Woche 7

Woche 8

Woche 9

Woche 10

Woche 11

Woche 12

Woche 13

Woche 14

Woche 15

Woche 16

Woche 17

Woche 18

Woche 19

Woche 20

Woche 21

Woche 22

Woche 23

Woche 24

Woche 25

Woche 26

Woche 27

Woche 28

Woche 29

Woche 30

Woche 31

Woche 32

Woche 33

Woche 34

Woche 35

Woche 36

Woche 37

Woche 38

Woche 39

Woche 40

Woche 41

Woche 42

Woche 43

Woche 44

Woche 45

Woche 46

Woche 47

Woche 48

Woche 49

Woche 50

Woche 51

Woche 52

Liebes Tagebuch,

MEHR VON SVEN HIMMEN

WACH DURCH DIE TRAUMWELT

GENÜRSELTE SPRITZBUBEN MIT KRANZBINDEN

DIE PINGUINE BAND 1

DIE PINGUINE BAND 2

Woche 1

Liebes Tagebuch,

dies ist mein erster Eintrag auf deinen noch leeren Seiten. Aber warum erzähle ich dir das überhaupt? Ich beschreibe schließlich gerade alles andere als unauffällig deine Innereien. Egal. Wenn alles so funktioniert, wie ich es mir vorgenommen habe, werden wir uns von nun an regelmäßig begegnen.

An dieser Stelle sollte ich mich aus Höflichkeit wohl erst einmal ausführlich vorstellen, fasse mich stattdessen aber lieber kurz: Ich bin wütend. Ja, das beschreibt es ganz gut. Worüber? Ganz einfach: über die Außenwelt. Da du mit diesem Begriff bestimmt nichts anfangen kannst, lass ihn mich schnell erklären, denn er wird dir von nun an regelmäßig über den Weg laufen: Als Außenwelt bezeichne ich im Grunde alles um mich und meine Wohnung herum. Vor allem die Menschen. Menschen sind schrecklich. Ich kann mir keine schlimmere Existenz vorstellen als die menschliche. Ich selbst gehöre dieser Spezies zwar an, bin aber alles andere als froh darüber. Es ist mir fast schon peinlich.

Das Verhalten der Außenweltbewohner bringt mich zur Verzweiflung. Ich laufe kopfschüttelnd durch die Gegend und frage mich, wie die Menschen es überhaupt geschafft haben, bis heute zu überleben. Man verhält sich unlogisch, verstrickt sich in Widersprüche, macht, was die Medien einem diktieren, und stellt die eigene Existenz über die aller anderen. Ich würde aus dieser Welt nur zu gerne ausbrechen. Aber ich kann es nicht.

Genug davon. Genaueres möchte ich dir zu diesem Zeitpunkt noch vorenthalten. Du wirst früh genug erfahren, was mich im Detail so wütend macht. Und auch mich selbst wirst du durch meine Einträge kennenlernen, nicht mithilfe eines oberflächlichen Steckbriefs. Dennoch sollte ich dir wenigstens erklären, worum es mir überhaupt geht und was du damit zu tun hast. Ich habe nämlich einen Plan. Heute ist die erste Kalenderwoche dieses Jahres zu Ende gegangen, was für mich Anlass genug ist, genau das zu tun, was ich in dieser Zeit eigentlich so sehr hasse: Einen guten Vorsatz fassen.

Du musst wissen, dass ein neu angebrochenes Jahr in den Menschen der Außenwelt schon immer das Bedürfnis geweckt hat, gute Vorsätze zu erfinden und sich ein paar Tage lang an diese zu halten. In der Regel drehen sie sich um oberflächliche Themen wie Abnehmen, Geldsparen, weniger rauchen oder Sport. Dass für so etwas überhaupt ein Jahreswechsel nötig ist, sollte schon erschreckend genug sein, viel schlimmer ist jedoch, dass man bereits nach wenigen Tagen wieder das Interesse an ihnen verloren hat. Viele Menschen haben beim Erfinden dieser Vorsätze nämlich nicht damit gerechnet, dass Veränderungen im eigenen Leben anstrengend umzusetzen sind und schlagen somit lieber wieder die Richtung ein, aus der sie kamen. Zumindest für den Rest des Jahres. In ein paar Monaten kann man es ja erneut versuchen.

Immerhin machen unsere Vorsatzversager das Beste aus diesem Fehlschlag und erzählen von nun an auf Geburtstagen, Feten und sonstigen Freundeversammlungen grinsend, wie sie all ihre guten Vorsätze schon nach kurzer Zeit nicht mehr eingehalten haben. Durch dieses Geständnis haben sie die lachenden Kopfnicker auf ihre Seite gezogen, können in dem daraus resultierenden zustimmenden Stimmengewirr untertauchen und sich des Lebens freuen. Doch solch ein bedauernswertes Stück Mensch bin ich nicht. Ich fasste meinen guten Vorsatz nicht, um ihn zu ignorieren und mich mit dieser Ignoranz zu profilieren, sondern um ihn einzuhalten.

Und damit komme ich zurück zu dir, denn du stehst direkt mit meinem Vorhaben in Verbindung. Du sollst mir dabei helfen, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Häufig habe ich in der Außenwelt das Verlangen danach, laut um mich zu schreien, doch ist mir eine solche Reaktion untersagt. Selbstverständlich könnte ich jederzeit ein lautes Geschrei veranstalten und jedem meine Meinung sagen, doch würden mich nach einer solchen Aktion ein paar Ordnungshüter für verrückt erklären und auf den Boden einer dunklen Ecke ketten. Dabei wären die benutzten Ketten noch das kleinere Übel im Vergleich zu den Ecken, die ich für furchtbar trostlose Gebilde halte und meiner Meinung nach ein wahres Sinnbild der menschlichen Langeweile darstellen.

In der Außenwelt muss heutzutage nämlich alles eckig sein. Geecktes kann gestapelt, gestellt und verkantet werden, was für die grau denkenden Schwarzseher da draußen eine ungemein erheiternde Tätigkeit darstellt. Runde Häuser werden beispielsweise als modischer Schabernack und riskante Designidee mit verspieltem Kindheitstouch des Erbauers abgestempelt. Eckig ist angesagt. Wäre es kein so großer Aufwand, das komplette Straßensystem der Erde umzustrukturieren, würden wir mittlerweile vermutlich auf eckigen Rädern durch die Gegend gondeln. Aber wem erzähle ich das? Beschreibe ich nicht gerade eigenhändig die eckigen Seiten zwischen deinen eckigen Buchdeckeln? Warum sind deine Seiten lediglich liniert, kariert, rautiert oder leer erhältlich? Kreisiert fände ich deine Blattgestaltung viel ansprechender.

Ich schweife ja schon wieder ab. Genug vom eckigen Leben auf diesem runden Planeten. Ich lasse nun weiter meinen Stift über deine Blätter kreisen und komme zurück zum eigentlichen Thema dieses Eintrags: Du hilfst mir dabei, meine Gedanken zu formen, zu formulieren, zu vollenden und sie dadurch letztendlich zu verarbeiten. Du schenkst mir die Aufmerksamkeit, die mir die Außenwelt bisher nie zukommen ließ. Ab jetzt wirst du jede Woche von mir hören und in meine Gedankenwelt eintreten. Ich werde mich auf die Fehler der Außenwelt stürzen und sie verbal zerschmettern. Ich muss endlich jemandem davon berichten, was sich in der Außenwelt so abspielt. Ich habe lange genug geschwiegen. Es ist an der Zeit, sich zu wehren. Natürlich nur mit Worten. Ein direkter Eingriff in den Außenweltwahn wäre sinnlos. Als könnte einer alleine etwas ändern.

Damit möchte ich meinen ersten Eintrag beenden. Auf dass wir uns gemeinsam von Woche zu Woche bewegen und dabei köstlich amüsieren werden. Ich habe einiges zu berichten.

Ach so, bevor ich es vergesse: Ich habe noch einen zweiten guten Vorsatz gefasst. Er betrifft mich und lautet folgendermaßen: »Bleib, wie du bist, und lass dich nicht unterkriegen.«

Wir lesen uns in einer Woche wieder.

Woche 2

Liebes Tagebuch,

ich bin zwar erst vor wenigen Minuten nach Hause gekommen, muss mich aber sofort an dich wenden. Wie fast jeden Sonntag bin ich durch die Außenwelt spaziert, habe Menschen beobachtet und möchte dir genau darüber etwas erzählen. Mir wurde nämlich wieder einmal vor Augen geführt, was für abartigen Personen man dort draußen begegnet.

Da ich einen großen Hass gegen Autos hege, lege ich längere Wegstrecken ausschließlich mit der Bahn zurück. Zu meinem Autohass werde ich mich später noch einmal in ausführlicher Form äußern, doch nicht jetzt. Ich möchte viel lieber über die heutige Bahnfahrt schreiben.

Zunächst aber ein paar beruhigende Worte: Ich werde deine Seiten nicht regelmäßig mit dem Verhalten einzelner Leute während einer Bahnfahrt beschmutzen, denn dieser Tätigkeit gehen bereits viel zu viele Schreiberlinge nach. Alle sitzen sie in der Bahn und warten darauf, dass die sie auf kleinstem Raum umgebenden Personen etwas Merkwürdiges tun, über das sie dann seitenlange Abhandlungen verfassen können, um sich daraufhin von ihren Lesern auf die Schultern klopfen und »Du hast ja so ein aufmerksames Auge«-Honig ums Maul schmieren zu lassen. Da du der einzige Gegenstand bist, der mir ruhig und besonnen zuhört und mir zudem seine volle Aufmerksamkeit zukommen lässt, will ich dich nicht mit inhaltslosem Gerede über sich in Bahnfenstern frisierende Haarfetischisten, »Wir sind hier nicht alleine!«- schreiende Grüppchen, musizierende Trompetenbettler, mit dem Fahrrad eine Station mitfahrende Faulidioten oder laut der Musik lauschende und singende Nulltalente langweilen. Auch mit dem ewigen Lieblingsthema der Fahrtenbeschreiber möchte ich dich zukünftig verschonen: den Ansagen. Immer wieder wird man von den Frohnaturen der Schreibkunst mit Berichten über das »Bitte links aussteigen!« und dem dazu passenden witzigen Einwurf »Ich habe auch gar nicht das Verlangen danach, auf der anderen Seite auszusteigen.« zugetextet. Die einem in diesem Bereich mittlerweile endlos um die Augen fliegenden Wiederholungen sind unerträglich.

Nein, liebes Tagebuch, von solchen Dingen wirst du nach diesem Eintrag nie wieder etwas lesen müssen. Darum erfreue dich an der Kürze, mit der ich diese Themen soeben abgearbeitet habe, und lass mich sogleich mit dem Abschnitt über die heutige Bahnfahrt beginnen.

Einem denkenden Wesen mag es recht logisch erscheinen, dass man sich vor einer Bahnreise darüber informiert, ob, wann und wo man umsteigen muss. Hat man diese Vorarbeit gewissenhaft geleistet, kann der Akt des Umsteigens zielsicher und vor allem ganz entspannt durchgeführt werden.

Leider sind aber nicht alle Bahnfahrer logisch denkende Wesen, wodurch ich heute mal wieder den Fragen eines uninformierten Mitfahrers ausgesetzt war. Er nannte mir sein Ziel und wollte daraufhin wissen, ob er im richtigen Zug sei. Sollte man sich nicht vor dem Besteigen eines Zugs vergewissern, dass es sich hierbei um den Richtigen handelt? Ihn dies nicht fragend gab ich Auskunft. Er musste zufälligerweise in die gleiche Richtung wie ich und so teilte ich ihm mit, dass er einmal umsteigen müsse, um sein Ziel zu erreichen. Meine hilfsbereite Seite trat also in den Vordergrund meiner Existenz. Ich hätte dem Fragesteller gegenüber zwar auch ignorierend reagieren können, ein wenig genervte Kommunikation schadet jedoch nie, da ich dem Unwissenden nun den restlichen Fahrtverlauf über negativ behaftete Gedanken entgegendenken konnte und so die Zeit im Zuge wie im Fluge verging. Außerdem kann ich trotz meines bereits erwähnten Menschenhasses nur schwer unfreundlich sein. Irgendwie bringe ich Kritik meinen Feinden direkt gegenüberstehend nicht so einfach über die Lippen. Dir davon zu erzählen fällt mir definitiv leichter.

Einige Minuten später war es dann für meinen uninformierten Mitfahrer und mich an der Zeit, umzusteigen. Ich wies meinen neuen Freund darauf hin, er stand auf, bedankte sich und wir verließen gemeinsam den Zug. Da wir beide mit der gleichen Bahn weiterfahren mussten, gingen wir nebeneinander her. Zumindest für wenige Sekunden. Auf einmal rannte der Mann nämlich los und ich wurde Zeuge eines Anblicks, dem selbst Ersteller von Tierdokumentationen mit einem gewissen Grad an Furcht begegnet wären.

Die komplette Menschenmenge um mich herum schien plötzlich von einem Pfeil mit einer in purem Adrenalin getränkten Spitze in den Hintern getroffen worden zu sein und stürmte schnaubend, rempelnd und stolpernd Richtung Zug. Rücksicht auf Menschen wie mich, die die Fähigkeit besitzen, in aller Ruhe umsteigen zu können, wurde selbstverständlich keine genommen. Die Umwelt wurde ausgeblendet und das egoistisch geprägte Innere der Außenweltbewohner kam zum Vorschein und lenkte ihre Schritte.

Zunächst sah ich mich erschrocken um. War irgendwo ein blutrünstiger Mörder auf Beutejagd? Rannte ein Tiger durch die U-Bahn-Tunnel? Nein. Keinerlei Bedrohung war auszumachen, wodurch das gruppenorientierte Gestürme, obwohl ich direkt in dessen Umlaufbahn geraten war, einen sehr erheiternden Anblick bot. Jedoch war es noch lange nicht der Gipfel des Spaßbergs, der sich hier aus dem Meer der Sinnlosigkeit erhob. Nein, es ging noch weiter. Oder besser: Es stürmte weiter. Denn das den Logikbereich des eigenen Gehirns nun vollkommen zum Bluten bringende Verhalten folgte erst, nachdem die Meute ihren Zielzug erreicht hatte. So wurde dieser nämlich nicht sofort betreten, nein, zunächst lief man an ihm vorbei und das, obwohl man anfangs noch Angst gehabt hatte, diesen zu verpassen.

Der Grund? Man wollte nicht dort sitzen, wo all die anderen Panikmacher einsteigen und sitzen bleiben würden. Man umspurtete lieber die ersten Abteile außerhalb des Zugs. Auf die recht sinnvolle Idee, zunächst einzusteigen und dann im Innern und vor allem in Ruhe die Abteile anzusteuern, in denen nicht jeder Sitz befüllt war, kam natürlich niemand. Die panische Angst, der Zug könnte sich plötzlich erdreisten, ohne einen loszufahren, ließ die Menschenmasse bepackt mit Taschen, Rucksäcken und sonstigem Gepäck zu einem Sprint ansetzen, der ihr den Schweiß mit einem solchen Druck aus den Poren presste, dass man die einzelnen Menschenkörper im stehenden Zustand auch als Rasensprenger hätte verwenden können.

Völlig außer Atem und befreit von jedweder Kondition besprangen die Sprinter dann irgendwann ein ihren Ansprüchen gerecht werdendes Abteil und ließen ihre schweißgebadeten Körper schwitzend in die Sitze siffen. Erst jetzt erlaubten sie sich ein wenig Ruhe und Erholung. Sie hatten es geschafft. Sie hatten den Zug besiegt. Der Kampf war gewonnen.

Genau in diesem Moment betrat ich dann die Bahn. Ruhig, gelassen und entspannt. Ich hatte die Sturmfront an mir vorbeiziehen lassen und setzte erst nach ihr meinen Weg fort. Ich schlenderte gemütlich durch die Abteile des Zugs, betrachtete schelmisch grinsend die nach Luft ringenden Rennmenschen und hielt Ausschau nach einer abgelegenen und vor allem uneingeschwitzten Sitzgelegenheit. Und eine solche fand ich auch. Fernab der Panikspurter gab es nämlich viele Plätze, auf denen ich mich niederlassen konnte, denn um diese Bereiche zu erreichen, fehlte es den Leuten einfach an Energie.

Du siehst, dass ich hin und wieder von der Stresssucht der Menschen profitiere. Und dies ist nur eines von vielen Beispielen, in denen die Außenweltler ihre Denkapparaturen deaktivieren und nur noch ihre Reflexe das eigene Handeln bestimmen lassen.

Ein ähnlich schönes Beispiel für Reflexhandlungen hängt mit einer Ortschaft zusammen, die eine Bahnfahrt häufig nach sich zieht und sich mit der Bezeichnung »Unterführung« schmückt. Unterführungen sind äußerst praktisch, da sie den Menschen helfen, die sie dominierenden Autos zu untergehen, und sie von Straßendiscothekenbeleuchtungen namens Ampeln fernhalten.

Doch leider haben Unterführungen auch eine ungemein Hass schürende Wirkung auf manche Menschen der Außenwelt. Sie regen nämlich ihre Geschreimuskulatur an. Sehe ich zum Beispiel eine junge Personengruppe eine Unterführung betreten, kann ich meine Ohren sofort auf Megabeschallung einstellen, denn umgehend beginnt ein Geschrei, das mich an die Geräuschkulisse eines Schweineschlachtvereins erinnert. Man sollte diesen Leuten einmal erklären, dass dieses Gequieke lediglich bei der Kastration eines Kindergartens angebracht ist.

Einer solchen Quietschgruppe bin ich jedenfalls nach meinem durch die chaotische Hinfahrt eigentlich schon genug gestörten Entspannungsspaziergang auch noch begegnet. Ich betrat eine Unterführung und meine Ohren eine Welt der hohen Töne. Eine Kindergruppe tummelte sich vor mir und jedes Mitglied schien seinen Kameraden zeigen zu müssen, dass es am lautesten schreien konnte. Fast hätte ich wütend eingestimmt, riss mich aber zusammen, unterdrückte den Drang nach Meinungsschreiheit und konzentrierte mich stattdessen voller Vorfreude auf den Eintrag, den ich soeben in dir vornehme.

Und damit komme ich für heute zum Ende. Die zweite Woche mit dir verlief insgesamt relativ beschwerdefrei. Ein paar Unterführungsschreier können mir meine gute Laune noch lange nicht vermiesen und ich habe das Gefühl, dass die Menschen momentan noch zu sehr mit der Bewältigung und späteren Abschaffung ihrer guten Vorsätze beschäftigt sind, als mir auf die Nerven zu gehen. Das lässt mich hoffen. Steht etwa ein gutes Jahr vor der Haustür?

Ich warte gespannt ab und wünsche dir eine angenehme nächste Woche.

Woche 3

Liebes Tagebuch,

die Zeit der guten Vorsätze ist vorbei. Die Erde vollführt wieder ihre gewohnten Drehungen um die Chaossonne und das Leben läuft seine sinnlosen Bahnen entlang. Die Menschen und ihr Gedankengut sind aus dem Winterschlaf erwacht. Äußerte ich mich im Abschlusssatz des letzten Eintrags noch optimistisch bezüglich der bevorstehenden Wochen, wurde ich schnell eines Besseren belehrt.

Ich beziehe mich auf ein Ereignis, das sich vor wenigen Tagen zur Mittagszeit in der Firmenkantine abgespielt hat. Ich saß mich auf mein Essen konzentrierend am Tisch, als mich plötzlich lautes Geschrei aus meinen Gedanken riss. Ich schaute in Richtung Störquelle und sah zwei Kollegen, die miteinander stritten. Hier der Streitgrund: Kollege eins war auf dem Weg zum Raucherraum, hatte sich aber bereits in der Kantine seine Zigarette angezündet. Dies störte Kollege zwei nun so sehr beim Ausüben seines Lebensziels, dass er Kollege eins wutentbrannt dazu aufforderte, seine Zigarette wieder auszumachen. Der Raucher fühlte sich missverstanden, befand er sich doch nur wenige Meter vom Raucherraum entfernt, was den meckernden Nichtraucher wiederum nicht die Spur interessierte. Voller Desinteresse wandte ich mich wieder meinem Essen zu, hatte aber immerhin das Thema meines nächsten Eintrags in dir gefunden: die Raucherdiskussion.

Zunächst ein paar allgemeine Fakten: Rauchen bedeutet nichts anderes, als in Papier eingewickelte Pflanzen anzuzünden und den dadurch produzierten Qualm zu inhalieren. Man macht dies, um die nach Eintritt der Rauchsucht entstandene Nervosität zu bekämpfen und die eigene Lunge zu zerstören. Es ist eine langsame Form der Selbstverstümmelung.

Du wirst dich jetzt sicherlich fragen, warum man überhaupt damit anfängt, sich qualmend zu töten. Leider kann ich dir diese Frage nicht zufriedenstellend beantworten. Viele haben mit dem Rauchen bereits in jungen Jahren begonnen, da es einem zu dieser Zeit verboten war, es im Kindesalter aber nun mal nichts Spannenderes gibt, als Verbote in vor den Eltern verheimlichte Gebote umzuwandeln. Man rauchte, gerade weil man es nicht durfte und die Folgen dieser Tat noch nicht abschätzen konnte. Aktuell »cool« zu sein war einfach wichtiger als später gesund, und ehe man sich versah, hatte die Sucht von einem Besitz ergriffen.

Aber genug davon. Am besten befragt man jeden Raucher persönlich nach der eigenen Beginnbegründung, denn häufig wird man dabei mit lustigen Sätzen wie »Es war dumm!«, »Ich war dumm!« oder »Meine Freunde waren dumm!« konfrontiert, die einem einen miesen Tag wieder ins positive Licht rücken können.

Prinzipiell ist anzumerken, dass mir Raucher, Nichtraucher und ihre Probleme miteinander egal sind. Raucher schädigen sich, wissen das, machen es trotzdem und fühlen sich gut dabei. Normales menschliches Verhalten also. Kein Grund zur Aufregung. Könnte man meinen. Leider gibt es bei der Geschichte aber ein kleines Problem: Raucherrauch schadet nicht nur Rauchern, sondern auch den sie umgebenden Mitmenschen (die übrigens gleichzeitig den »Nichtrauchern« und »Passivrauchern« angehören).

Es ist jetzt bei Weitem nicht so, dass man als »nichtrauchender Passivraucher« an der ersten Ladung Raucheratem elendig zugrunde geht (auch wenn sich viele, wie im obigen Beispiel geschehen, so verhalten), dennoch ist er gesundheitsschädigend, was ja eigentlich berücksichtigt werden sollte. Wird es aber nicht.

Sobald in einem Lokal das Rauchen verboten wird, gehen die Raucher auf die Barrikaden. Sie fühlen sich in ihren Rechten beschnitten und fordern Gleichberechtigung. Aus einem Rauchverbot wird ein Diskriminierungsfall und ein Streit entbrennt, der in seiner Sinnlosigkeit nur schwer zu übertreffen ist. Gerne würde ich diesen Unruhestiftern mal meine Meinung sagen, doch leider legen sie gegenüber Kritikern gerne mal den Ignoranzhebel zwischen den eigenen Ohren um und schalten auf Durchzug. Nur mit Worten kann man hier nichts und niemanden erreichen.

Dabei sollten Raucher lieber froh darüber sein, dass manche Lokalbesitzer ihrer Sucht immerhin noch ein kleines Extrazimmer spendieren. Keine andere Suchtgruppe bekommt ähnliche Privilegien. Aber gut, es war nicht immer so. Früher hatte man Räume lediglich in zwei Bereiche eingeteilt, um Raucher und Nichtraucher voneinander zu trennen. Zwischen den beiden Gruppierungen gab es keinerlei Wände. Man saß einfach in sich gegenüberliegenden Ecken des gleichen Zimmers. Die für diese Konstruktion Verantwortlichen haben die Worte Chemie und Physik allem Anschein nach lediglich im Buch mit dem Namen »Dinge, die kompliziert und somit dumm sind« gelesen und nicht kapiert, dass beim Rauchen »Rauch« gebildet wird, der nicht etwa nach Verlust des Mundkontakts auf den Boden fällt und dort weggefegt werden kann, sondern sich im gesamten Raum verteilt. Eine Trennung der Sitzplätze bringt absolut gar nichts. Ein ins Meer geworfene Fischernetz ist auch kein Staudamm.

Mittlerweile werden die raucherfeindlichen Beschlüsse aber zum Glück verschärft. Endlich hat man verstanden, dass Raucher abgeschottet werden müssen. Rauchen in öffentlichen Gebäuden ist untersagt und auch in vielen anderen Bereichen wurde es verboten. Selbstverständlich schreien die Raucher nun ihre teerverseuchte Protestgrütze durch die Gegend. Besonders einer dieser ausgestoßenen Grützklumpen fleht förmlich nach einem Kommentar: »Rauchen ist eine Sucht und somit muss Rücksicht auf die armen Geschädigten genommen werden! Man hat ja keine Wahl!«

Ja, liebes Tagebuch, du magst mit den Seiten schütteln, doch wird tatsächlich auf einem derart niedrigen Niveau argumentiert. Der Mensch sieht sich gerne in einer Opferrolle, denn dort passt er rein.

Die lieben Raucher scheinen nicht zu wissen, dass man als Suchtopfer die eigene Sucht bekämpfen und nicht um Unterstützung bei dieser winseln sollte. Wenn man sich in der so bemitleidenswerten Position des Rauchers befindet, muss man etwas dagegen unternehmen. Ja, eine Sucht ist nichts Schönes, doch sollte man vielleicht einmal im Leben die eigene Bequemlichkeit beiseiteschieben und versuchen, die unangenehme Prozedur des Abgewöhnens zu bestreiten. Leider liegt dies nicht im natürlichen Instinkt des Menschen. Probleme müssen nicht beseitigt, sondern von der Umgebung toleriert werden, und da die Umgebung dumm ist, kommen die Leute mit ihren Duldungswünschen sogar durch.

Meiner Meinung nach ist eine Sucht nichts, womit argumentiert werden sollte. Ich blicke in die Zukunft und sehe vor meinen Augen Lokale und Bars erscheinen, in denen Ecken für Raucher und Nichtraucher, Biertrinker und Nichtbiertrinker, Fixer und Nichtfixer eingerichtet wurden, denn letztendlich ist alles im Leben eine Sucht, die toleriert werden muss und die beste Suchthilfe ist laut Raucherlogik ja die Suchtunterstützung.

Um diesen Eintrag langsam zu einem Ende kommen zu lassen, möchte ich nur noch einen Satz zitieren, der mir am Ende der Raucherdiskussion unter Arbeitskollegen aus der Richtung des Rauchers zu Ohren kam: »In der Raucherecke herrscht immer eine viel fröhlichere Stimmung als bei euch Nichtrauchern!« Ein schöner Satz, der oberflächlich betrachtet sogar wahr ist. In Raucherecken wird tatsächlich oft lauter gelacht als anderswo. Warum das so ist, kann ich nur vermuten. Vielleicht will man die eigene trostlose Existenz mit niveaulosen Späßen vertuschen oder die tägliche Konfrontation mit dem Atem des Todes aufgeheitert ignorieren. Mich darf man hier aber gar nicht erst fragen, denn meine Meinung, dass in der Nichtraucherecke nur leiser gelacht wird, weil man sich heimlich über die stinkenden Raucher amüsiert, wird nicht gerne vernommen. Außerdem: Ist lautes Gelächter wirklich ein Grund dafür, mit dem Rauchen anzufangen? Oder nicht damit aufzuhören?

Ich bin ein überzeugter Nichtraucher, das sollte mittlerweile klar geworden sein. Aber: Ich zähle mich nicht zu den absichtlich extra laut hustenden Nichtrauchern, die sich sofort wie ein rumjammerndes Kleinkind verhalten, sobald sie einen Raucher sehen. Übertrieben überzeugte Nichtraucher stehen für mich auf der gleichen Stufe wie ihre rauchenden Gegenstücke. Wer rauchen will, soll es tun, gleichzeitig aber auch Rücksicht auf Personen nehmen, die sich dadurch gestört fühlen. Dieser selbstverständliche Satz trifft in der Außenwelt leider nur allzu oft auf taube Ohren.

Du kannst dir nun hoffentlich ein Bild von der rauchenden und nichtrauchenden Gesellschaft machen und vor allem von ihrer Denkweise. Wenn das Jahr schon mit einer solchen Diskussion beginnt, bin ich wirklich gespannt darauf, was sich in Zukunft noch alles um mich herum abspielen wird. Ich danke dir für dein stilles Zuhören.

Bis nächste Woche.

Woche 4

Liebes Tagebuch,

die letzte Woche war wider Erwarten recht unspektakulär. Nicht, dass sich die Außenwelt verändert und der Intelligenz zugewandt hätte, nein, ich war lediglich krank und hatte somit keine Zeit für Alltagsbeobachtungen.

Der Grund für meine Krankheit war, dass ich etwas gegessen hatte, was ich wohl besser nicht mehr hätte essen sollen. Kurz zur Information: Für mich ist das Haltbarkeitsdatum auf Lebensmittelverpackungen lediglich ein Hinweis darauf, wann Essen anfangen könnte, nicht mehr frisch zu sein. Als einen Wegwerfstichtag habe ich es noch nie gesehen. Ich schaue ab diesem Zeitpunkt lediglich nach, ob ich das Produkt noch essen sollte oder nicht.

Leider habe ich mich vor einigen Tagen bei der Essenskontrolle verschätzt und schlechte Nahrung zu mir genommen. Hätte ich mir die unterste Wurstscheibe in der Verpackung angesehen und nicht nur die oberste, wäre niemals etwas davon in meinem Magen, sondern im Müll gelandet. Schimmel hatte sich ausgebreitet und mein Gang auf die Toilette und die schon nach kurzer Zeit beginnenden Bauchschmerzen ließen mich schnell erkennen, dass etwas nicht in Ordnung war. Eine Magenverstimmung breitete sich in mir aus und fühlte sich dort dermaßen wohl, dass sie gleich ein paar Tage lang zu Besuch blieb.

Immerhin hatte ich so viel Zeit zum Nachdenken.

Vor allem auf der Toilette. Hier fühlte ich mich immer an eine gängige Umschreibung für Toiletten erinnert, die in meinem Fall nur noch als unpassend bezeichnet werden konnte. Die Rede ist vom »stillen Örtchen«. Als ich mit verstimmtem Magen den Klodeckel besaß, konnte von Stille definitiv nicht die Rede sein. Mein stöhnendes Gepresse und Gedrücke war eher mit der Geräuschkulisse des sich auf Autobahnen stauenden Urlaubsverkehrs zur Sommerzeit gleichzusetzen. Ruhe und Stille suchte man hier vergebens.

Doch genug davon. Ich möchte deine Seiten nicht mit Geschichten über meinen Klogang beschmutzen, sondern viel lieber über das berichten, was mir zur Heilung empfohlen wurde. Ich musste natürlich in der Firma anrufen, um mich krank zu melden und die Frau im Personalbüro fühlte sich sofort dazu berufen, mir Pflegetipps um die Ohren zu werfen. Ich sollte meinen Magen schonen und nur leichte Kost zu mir nehmen. Als ich fragte, was sie unter leichter Kost verstünde, fiel das Wort »Knäckebrot«.

Ich hasse Knäckebrot! Es gibt auf dieser Welt kein langweiligeres Essen als Knäckebrot! Da ich vor meiner Magenverkrampfung aber lange nicht mehr mit diesem scherzhaft »Nahrungsmittel« genannten Stück Trockenheit in Kontakt gekommen bin, hatte ich seinen nicht vorhandenen Geschmack leider schon wieder vergessen und besorgte mir im nahe gelegenen Supermarkt eine große Kiste des in Scheibenform gepressten Sandes.

Nichts ahnend belegte ich am ersten Abend meiner Krankheitszeit mein Bett mit meinem leidenden Körper und einen Teller mit ein paar Scheiben Knäckebrot. Voller Vorfreude bereitete ich mich auf den nun hoffentlich eintretenden Heilungsprozess vor.

Aber es kam anders. Als ich freudig auf die erste Scheibe biss, fühlte es sich so an, als hätte ich mir einen bereits seit vielen Millionen Jahren in einer Wüste vor sich hinvertrocknenden Schwamm in den Mund gelegt, der nun aus seiner Wüstenstarre erwachte und seinen versandeten Wasserhaushalt mithilfe meiner Körperflüssigkeiten ausgleichen wollte. Zudem machte sich der Geschmack eines Stücks Pappe breit, das dem Schwamm in all der Zeit austrocknende Gesellschaft geleistet hatte. Dieses pappige Saugschwammgemisch schwamm nun freudig im Spuckemeer meines Mundes umher und labte sich an der dort gefundenen Feuchtigkeit.

Ich kaute mehrere Minuten lang auf der Schwammpappe herum und versuchte dabei, sich irgendwo an meinen Geschmacksnerven versteckende positive Eindrücke zu finden. Leider blieb meine Suche erfolglos. Ich stieß lediglich auf die geschmacklose Leere einer klebrigen Trockenmasse.

Im Verlauf des Abends aß ich insgesamt zwei Stücke Knäckebrot und war damit fast eine Stunde lang beschäftigt. Zeit, die ich auf dem »stillen Örtchen« besser hätte verbringen können, denn hier hätte ich zwar auch viel Flüssigkeit verloren, wäre danach aber wenigstens erfüllt gewesen von einem befreienden Gefühl der Glückseligkeit und Leere. Und nicht von Pappe.

Am nächsten Tag rief der Abteilungsleiter an und erkundigte sich, wann ich wieder in der Firma erscheinen würde. Ich erzählte ihm von meinen Erlebnissen. Er gab mir den Tipp, etwas Butter auf das Knäckebrot zu schmieren, um so die Trockenheit zu bekämpfen. Ich ignorierte den Vorschlag. Würde ich das Zeug in einen großen See werfen und diesen danach austrinken, wäre die Schwammpappe auch nicht mehr so trocken. So viel Butter, wie dieses Zeug in sich aufsaugt, bevor überhaupt ein Tropfen Feuchtigkeit zu mir durchdringt, kann ich mir gar nicht leisten. Also zermalmten meine Zähne immer größere Mengen Schwammpappe und ich gab mich meinem Schicksal hin. Wer gesund sein will, muss leiden.

Wie du siehst, hatte es mich letzte Woche schlimm erwischt. Aber bevor du jetzt denkst, ich würde übertreiben, um von dir bemitleidet zu werden, lass mich dir etwas erklären: Im Gegensatz zu den Leuten der Außenwelt habe ich mich mit der Schilderung meines Leids zurückgehalten.

Du musst nämlich wissen, dass es der heutigen Menschheit unglaublich schlecht geht. Jeder hat Schmerzen und muss diese dem anderen möglichst lebhaft schildern. Es gibt fast keine Gespräche mehr, in denen es nicht um das eigene Leid geht. Niemand ist gesund, alle sind krank.

Natürlich ist hier nicht die Rede von wirklichen Krankheiten. Wären die Schmerzen betitelt mit Rheuma, Krebs oder ähnlichen Begriffen, würde ich mich niemals derart negativ darüber äußern. Hier wird zu Recht geklagt. Doch ist davon in den nun folgenden Fällen absolut nicht die Rede.

Mir geht es um das Stechen, Ziehen und Zwicken an allen nur erdenklichen Körperstellen, über das die Leute heutzutage reden. Jeder kennt diese Gespräche, doch leider scheint sich auch jeder dazu berufen zu fühlen, bei dem kleinsten Stichwort dieses Thema anzuschneiden und bis zur vollkommenen Ausblutung verbal baumeln zu lassen.

Häufig werde ich Zeuge dieser schmerzhaften Unterhaltungen, wenn ich Betriebsfeiern besuche. Versammeln sich viele Menschen auf einem Haufen, gibt es entweder Krieg oder etwas zu beklagen. Da bei einer Einladung meistens nicht mit Krieg zu rechnen ist, wird geklagt, und das fängt immer mit folgender Frage an: »Wie geht es dir?« Dies ist Auslöser einer Debatte, die einem vor Verzweiflung Tränen aus den Augen schleudert und Gedanken an Heimweh in die Hirnwindungen hämmert. Und doch kann man sich der nun folgenden Tragödie nicht mehr entziehen.

Häufig wird die gestellte Frage zunächst nur mit einem leichten Seufzer beantwortet, der einem, sollte man die vorangegangene Frage selbst gestellt haben, sogleich deutlich macht, mit der Einleitung dieses Gesprächs einen Fehler begangen zu haben. Doch die einmal losgefragte Lawine lässt sich nicht mehr aufhalten und die einem gegenüberstehende Person wirft mit Geröll aus Selbstmitleid, Schmerzdefinitionen und Trauerbekundungen um sich.

Die Menschheit geht kaputt, liebes Tagebuch, das wusste ich schon lange, doch anstatt dies stillschweigend hinzunehmen, wird geklagt, geweint und geschluchzt. Das hilft zwar nicht, tut aber der Seele gut. Außerdem kann man sich von anderen Menschen bemitleiden lassen. Schon bald wird aus einem kleinen Bach voller Leid eine gigantische Flutwelle des Schmerzgeredes, die über einem zusammenbricht und einen daraufhin erbarmungslos in die eigene tiefe Trauer zieht.

Diesem reißenden Strom versuche ich immer so schnell wie möglich zu entkommen, um nicht auf einmal selbst in der Rolle des Schmerzvermittlers zu stehen und somit das Ziel meines eigenen Hasses zu werden. Die einzige Lösung für dieses Problem lautet: Flucht. Ein Toilettengang wirkt hier Wunder und rechtfertigt auch endlich den Namen »stilles Örtchen«, denn am Ort der Stille wird man nur mit den Schmerzen konfrontiert, von denen man niemandem berichten möchte.

Ich kann nur hoffen, dass all das Gejammer irgendwann aufhört. Es gibt so viele wirklich beklagenswerte Dinge in der Außenwelt, da muss man sich nicht auch noch mit solch kindischem Rumgeheule belasten. Aber nun möchte ich mich am eigenen Schopfe packen und aus dem Jammersumpf zerren. Schließlich hast du nicht die Möglichkeit, dich auf die Toilette zurückzuziehen.

Heute geht es mir schon wieder besser. Die Magenkrämpfe sind weg, die Schwammpappreste habe ich fröhlich zertreten und die Toilette hinuntergespült. Nächste Woche gibt es somit wieder erheiterndere Themen und vor allem weniger Gerede über Toilettenbesuche. Versprochen.

Bis später.

Woche 5

Liebes Tagebuch,

ich habe diese Woche unzählige Briefe erhalten. Das mag für dich nun nach vielen spannenden Botschaften klingen, doch leider muss ich deine Vorfreude sogleich im Keim ersticken. Ich rede von Werbung.

Der größte Fehler, den man in der heutigen Zeit begehen kann, ist, eine Tageszeitung zu abonnieren. Ein unterschriebenes Abonnement kommt einem Pakt mit dem Teufel gleich, da man dem zuständigen Zeitungsverlag nicht nur sagt, dass man seine Zeitung erhalten möchte, sondern ihm damit automatisch erlaubt, einen von morgens bis abends mit Umfragen, Broschüren und Katalogen zu belästigen. Außerdem ist man gleichzeitig damit einverstanden, dass die eigenen Adressdaten an jeden weitergegeben werden dürfen, der dem Verlag dafür Geld bietet. Es ist faszinierend, dass man nach der Zeitungsbestellung Post von Personen und Firmen bekommt, von denen man in seinem Leben noch nie etwas gehört hat, geschweige denn hat hören wollen.

Aber nicht nur auf dem Postweg wird man genervt, selbst vor Anrufen schreckt die Werbeindustrie nicht mehr zurück. So geschah es, dass sich gestern das Stinkloch des Wahnsinns namens Lottogesellschaft telefonisch bei mir meldete. Sofort unterbrach ich das Einleitungsgeschwafel der Anruferin und stellte die alles entscheidende Frage: »Woher haben Sie meine Nummer?« Es folgten verunsichertes Gestammel und der Hinweis, dass die Person am anderen Ende der Leitung ja nur ihren Job erledigen würde. »Das interessiert mich so sehr wie Sie das Ausüben eines ehrenvollen Berufs.«, erwiderte ich in einem möglichst unfreundlichen Tonfall. Was gehen mich die Arbeitsprobleme meines Gegenübers an? Ich wollte doch nicht mit der Dame befreundet sein! Sie war in mein Privatleben eingedrungen und musste nun mit den Konsequenzen leben, auch wenn das für mich bedeutete, über meinen eigenen Schatten zu springen und einem Menschen seine Fehler direkt ins (immerhin unsichtbare) Gesicht zu rufen.

Telefonate dieser Art sind aber zum Glück nur von kurzer Dauer. Wenn man weiß, was diese Typen hören wollen, kann man sie schnell abwimmeln und sollten sie einmal zu dreist werden und die einfachsten Antworten nicht verstehen, kann man einfach auflegen. Das ist der Vorteil eines Telefonats: Hat man keine Lust mehr darauf, kann man es sofort beenden und die Sache hat sich für einen erledigt.

Zurück zu den anfangs erwähnten Postzustellungen. Ich muss diese zwar nicht öffnen und kann sie theoretisch auch einfach ignorieren, doch leider verstopft dann bereits nach kurzer Zeit mein Briefkasten. Früher bin ich folgendermaßen vorgegangen: Ich nahm die Post an mich, öffnete sie, überflog den Inhalt ohne jegliches Interesse, kontrollierte, dass ich nichts bezahlen musste, und legte das Ganze dann sauber und ordentlich zerrissen in meine Ablage namens Müllcontainer, die sich immer wieder über das leicht verdauliche, weil inhaltslose Futter freute.

Ich fragte mich während der Entsorgung jedoch stets, warum ich all diesen Müll überhaupt bekam. Benötigen Holzfällerfirmen ein paar Vorwände, um wahllos Wälder abholzen zu können, und erfinden deswegen Scheinfirmen, in deren Namen sie dann aus frisch gefällten Bäumen hergestellte Briefe versenden? Nein, natürlich war die Begründung für meinen überfüllten Briefkasten viel naheliegender.

Irgendein Mensch, der in der Außenwelt trotz oder vielleicht auch gerade wegen seines hirnlosen Daseins sehr viel zu sagen hatte, behauptete einmal, dass Menschen nichts lieber bekommen würden als Werbung und sich von dieser ungemein gerne beeinflussen lassen. Sofort sahen Unternehmen steigende Umsätze und fühlten sich von nun an dazu berufen, die Menschen mit Massen von Papiermüll zu belästigen.

Nun muss ich natürlich etwas gestehen: Ich hatte einmal eine Zeitung abonniert und bin somit selbst schuld an den eintreffenden Papiermassen. Ja, liebes Tagebuch, auch ich mache Fehler. Als mir irgendwann auffiel, dass ich mir Zeitungen lieber nur dann kaufe, wenn ich wirklich Interesse an ihnen habe, anstatt sie täglich gelangweilt aus meinem Briefkasten zu fischen und daraufhin zu ignorieren, kündigte ich das Abonnement. Und ein Abonnement zu kündigen ist ein noch viel größerer Fehler, als überhaupt eines abzuschließen. Ich werde dir nun beschreiben, was sich über den gesamten Januar verteilt bei mir abgespielt hat und der Grund dafür ist, warum ich Werbebriefe nicht mehr wegwerfe, sondern aufhebe.

Innerhalb der meiner Kündigung folgenden Wochen wurde ich ganze fünfmal telefonisch belästigt und gefragt, warum ich mein Abo gekündigt hatte und ob ich mir wirklich sicher sei, dies tun zu wollen. Man wollte mir zudem Informationen über andere Abomethoden zukommen lassen.

All diese Fragen beantwortete ich mit »Nein!«. Die Anrufer verstanden das nicht. Wollte ich denn nicht mehr das Wichtigste aus der Welt der Politik erfahren? Ich warf das Wort »Internet« in den Raum, aber auch das wurde nicht akzeptiert. Selbst die Lüge, dass ich der Zeitung weiterhin treu bleiben, sie aber einfach selbst kaufen würde, stieß auf taube Ohren. Ohne Abonnement wurde ich nicht als zahlender Kunde, sondern als selbstständig denkende Gefahr eingestuft. Und so wurde ich von Telefonat zu Telefonat unfreundlicher, bis sich auch der letzte Anrufer (Es war wie gesagt Nummer fünf!) nach Abarbeitung seines Fragenkatalogs geschlagen gab und mich endlich in Ruhe ließ.

Dachte ich zumindest. Etwa eine Woche später erhielt ich nämlich ein frisch und unwissentlich bestelltes Abonnement nach Hause geliefert, gefolgt von einer Rechnung über drei Monate. Ich wurde sehr wütend und schrieb einen Brief an den Verlag, in dem ich mich bei allen Leuten beschwerte, die jemals für diese Zeitung gearbeitet hatten und noch arbeiten würden. Vor allem stellte ich ein für alle Mal klar, dass ich nichts mehr mit diesem Deppenschuppen zu tun haben wollte. All das schrieb ich und fühlte mich gut dabei.

Überrascht durfte ich kurz darauf feststellen, dass mein Brief tatsächlich Wirkung gezeigt hatte, die Redaktion den Fehler bedauerte und mein Abonnement umgehend gekündigt wurde. Bezahlen musste ich auch nichts. Dies öffnete mir die Augen und ich beschloss, von nun an jedem, der mir unaufgefordert Werbung zukommen ließ, einen solchen Brief zu schreiben. Darum sammel ich seit einiger Zeit auch all die Werbebriefe auf meinem Schreibtisch, anstatt sie wegzuwerfen. Jeden Sonntag schreibe ich Beschwerdebriefe an sämtliche Absender.

Zu diesem Zweck habe ich mir eine Vorlage erstellt, die ich für jede unerwünschte Papierlieferung verwende. Da du sicherlich interessiert daran bist, was genau ich den Leuten schreibe, möchte ich sie dir selbstverständlich nicht vorenthalten:

Sehr geehrte Damen und Herren,

soeben habe ich in meinen Briefkasten geschaut und bin neben all den wichtigen Briefen auf ein arg stinkendes Häufchen Elend gestoßen. Nach intensiver Untersuchung der Gestanksquelle musste ich feststellen, dass es sich dabei um einen von Ihnen an mich adressierten Brief handelte.

Auch nach längerem Überlegen habe ich noch immer keine Ahnung, warum ich diesen Papierschrott von Ihnen erhalten habe. Ich habe keinen Ihrer Mitarbeiter darum gebeten, meinen Briefkasten mit Ihrem Müll zu beliefern. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie mit Ihrem Haus in Kontakt getreten. Woher Sie meine Anschrift haben und wie Sie auf die vollkommen bescheuerte Idee gekommen sind, ich könnte mich für eines Ihrer minderwertigen und langweiligen Halbprodukte interessieren, würde ich nur zu gerne wissen. Meine Zustimmung haben Sie ganz bestimmt nicht erhalten.

Darum bitte ich Sie auch nicht um eine Einstellung der Brieflieferungen, sondern fordere Sie vehement dazu auf. Oder um es etwas deutlicher zu sagen: Ich habe absolut kein Interesse an Ihnen, Ihren Umfragen, Ihren Produkten und all dem anderen Müll, der mit Ihnen in Verbindung steht und von Ihnen unaufgefordert an mich verschickt wird.

Sollte ich aufgrund spontan eintretender Verblödung auf einmal doch wieder Interesse an Ihren Postzustellungen bekommen, werde ich Sie selbstverständlich umgehend darüber in Kenntnis setzen.

Bis dahin lassen Sie mich gefälligst in Ruhe. Ich schicke Ihnen schließlich auch nicht meine wochenlang getragenen Socken, um Ihnen zu zeigen, was ich so alles produzieren kann. Diese würden bei Ihnen übrigens ein ähnliches Gefühl hervorrufen wie Ihre Briefe bei mir.

Mein nun hoffentlich nicht mehr so schwer zu schlucken bekommender Briefkasten und ich bedanken uns im Voraus für die Einstellung des einseitigen Briefverkehrs und Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen,

ich

Wie du siehst, habe ich mein Anliegen klar und deutlich formuliert. Ich hoffe, dass ich mit meinen Briefen Erfolge feiern werde und sich diverse früher wöchentlich bei mir eintreffende Papiere nicht mehr bei mir blicken lassen. Vielleicht habe ich schon bald nur noch sinnvolle Sachen im Briefkasten. So ganz kann ich zwar noch nicht daran glauben, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt und wenigstens gehöre ich nicht zu den Menschen, die sich täglich über all die Werbung in ihren Briefkästen aufregen, diese daraufhin dann aber doch aufmerksam durchblättern und vielleicht sogar ein darin beworbenes Produkt bestellen. Die sind doch schuld am Werbeproblem.

Damit verabschiede ich mich für heute von dir. Du bist bisher das sinnvollste Papierprodukt, das ich in meinem Leben getroffen habe, und es ist mir immer wieder eine Freude, meine Gedanken in dir verewigen zu können.

Man liest sich.

Woche 6

Liebes Tagebuch,

ich habe mich mit einem Arbeitskollegen über die dir letzte Woche geschilderten Werbebriefprobleme unterhalten. Als ich ihm von meinem Beschwerdebrief erzählte, war er sehr beeindruckt und musste lachen. Leider machte er gleich darauf den Fehler, mich zu fragen, wie ich nur immer auf so witzige Ideen käme.

Ich möchte behaupten, dass diese Frage vielen Leuten gestellt wird und dass der intelligente Teil der Befragten den an sie gerichteten Satz genauso verabscheut wie ich. Die Formulierung einer solchen Frage ist ein Zeichen vollkommener Beschränktheit. Man könnte genauso gut Folgendes sagen: »Hallo, ich bin dumm und kann nicht denken. Kannst du mir bitte verraten, wie ich mein Gehirn wieder zum Arbeiten bewegen kann? Am besten wäre es natürlich, wenn du mir die Fähigkeit der spontanen Heiterkeit lehren könntest, damit ich auf jeder Fete lustige Witze erzählen kann, ohne dabei mein dickes Witzebuch zur Hand nehmen zu müssen. Hilfst du mir?«

Immer, wenn ich diese Frage höre, machen sich Ekelgefühle in mir breit. Es gibt aber auch Personen da draußen, die sich durch sie geehrt fühlen. Sie fassen die Frage als Kompliment für ihren grandiosen Einfallsreichtum auf und erfinden Brechreiz fördernde Antworten. Wie zum Beispiel diese frei Erfundene: »Zu Beginn meiner Ideenreise setze