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In einer Welt, in der der Zufall eine Maschine konstruiert hat, die zufällig ausgewählte Wünsche erfüllt, landet der Mensch Jens in der Traumwelt und hilft dem Nichtmenschen Berend dabei, den gestohlenen Körper des Orakels wiederzubeschaffen.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Sven Himmen, geboren am 23.07.1984 in Lüdenscheid, zog es nach dem Abitur in die Großstadt Frankfurt am Main, wo er eine Ausbildung zum Industriekaufmann so erfolgreich beendete, dass er sich danach kreativeren Dingen widmen wollte. Mittlerweile hat er sein Germanistik-Studium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität abgeschlossen, lebt in Schöneck, zeichnet Comics über gelangweilte Pinguine (www.diepinguine.de), schreibt über das Leben (www.spa-zone.de) und veröffentlicht Bücher.
Letzteres macht er besonders gerne.
Für Janina und Carlos. Schon wieder.
Ein großes „Danke!“ geht raus an Flo.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
MEHR VON SVEN HIMMEN
NICHT IMMER NUR MECKERN
GENÜRSELTE SPRITZBUBEN MIT KRANZBINDEN
DIE PINGUINE BAND 1
DIE PINGUINE BAND 2
Was für ein Tag. Jens hatte ganze sieben Stunden damit verbracht, den Main entlangzulaufen und einen Hamster zu suchen. Er war Privatdetektiv und befasste sich mit allem außer Beziehungskrisen. Betrügende Ehepartner zu verfolgen und Fotos ihrer heimlichen Bekanntschaften zu machen, war nicht Jens´ Stil. Leider bedeutete das auch, dass er fast keine Aufträge bekam. Ein Privatdetektiv lebt nämlich von zerrütteten Beziehungen.
Jens jedoch hatte Prinzipien und wollte diese einhalten. Und wenn das bedeutete, einer alleinstehenden Dame helfen zu müssen, die ihren Hamster auf dem Weg zum Tierarzt verloren hatte, dann konnte man das nicht ändern. Immerhin bekam Jens Geld dafür. Genug, um seine Miete bezahlen zu können. Und verhungern musste er auch nicht. Damit Letzteres auch so blieb, betrat er in diesem Moment die Bäckerei in der Nähe seiner Wohnung. Dieser stattete er nun schon seit einigen Jahren fast täglich einen Besuch ab und er hatte sich währenddessen sogar mit dem Besitzer angefreundet. Mit diesem unterhielt sich Jens nach anstrengenden Arbeitstagen gerne für ein paar Minuten über das Leben. Genau das hatte er auch heute vor. Leider kam alles anders. Nicht der Besitzer begrüßte Jens, sondern eine junge Frau, die vom Aussehen her wie Jens in den späten Zwanzigern stecken musste.
Sie: »Einen wunderschönen guten Tag.«
Jens erschrak aufgrund dieser geballten Ladung Freundlichkeit, die da auf ihn zugeflogen kam. Er hatte einen alles andere als wunderschönen Tag hinter sich und war deswegen nicht in der Stimmung für fröhliche Unterhaltungen.
Jens: »Was soll an diesem Tag wunderschön sein?«
Nun war es die Bäckerin, die erschrak. Das Lächeln fiel ihr vom Gesicht wie eine lose Rosine von einem ansonsten perfekten Rosinenbrötchen.
Sie: »Das weiß ich auch nicht. Aber es ist Vorschrift, die Kunden so zu begrüßen.«
Jens: »Tut mir leid, ich war vielleicht etwas unfreundlich.«
Sie: »Vielleicht und etwas können Sie streichen, ansonsten gebe ich Ihnen aber Recht.«
Jens: »Mehr als Entschuldigung sagen kann ich nicht.«
Sie: »Sie haben nicht Entschuldigung gesagt, sondern ›Tut mir leid‹.«
Jens: »Entschuldigung.«
Sie: »Angenommen.«
Jens: »Danke. Ist Ben nicht da?«
Ben war der Besitzer der Bäckerei und die Eigenschaft, die Jens an ihm am meisten schätzte, war die ihm fehlende Schlagfertigkeit.
Sie: »Nein, der ist krank. Ich bin eine Notfallaushilfe. Sie müssen wohl oder übel mit mir Vorlieb nehmen.«
Jens: »So war das doch gar nicht gemeint.«
Sie: »So kam es aber rüber.«
Jens: »Ich komme Ihnen gleich rüber.«
Sie: »Und dann?«
Jens überlegte kurz. Ihm fiel auf, dass das Gespräch für einen Außenstehenden vielleicht aggressiv klingen mochte, er in Wirklichkeit jedoch ziemlich viel Spaß dabei hatte. Was Jens nicht wusste: Die Bäckerin dachte in diesem Moment genau das Gleiche.
Jens: »Wie heißen Sie?«
Sie: »Jana.«
Jens: »Jana? Den Namen habe ich ja noch nie gehört.«
Jana: »Wie heißen Sie?«
Jens: »Jens.«
Jana: »Jens? Den Namen habe ich schon oft gehört. Was ist jetzt besser?«
Jens: »Gutes Argument. Ich möchte, dass du ›Du‹ zu mir sagst.«
Jana: »Gerne. Aber du sagst gefälligst weiterhin ›Sie‹ zu mir.«
Jens: »Nein.«
Jana: »Na gut. Das werde ich wohl so hinnehmen müssen.«
Jens: »Vollkommen richtig.«
Beide schwiegen sich für einen kurzen Moment an. Jens war glücklich. Er hatte seit sehr langer Zeit keine so unterhaltsame Unterhaltung mehr geführt. In Janas Augen erkannte er den gleichen Gedanken. Zumindest redete er sich das ein. Und hoffte es.
Jana: »Wenn wir uns noch länger anstarren, können wir auch gleich heiraten.«
Jens: »Wie bitte?«
Jens wurde für seinen Geschmack viel zu schnell aus seinen Gedanken gerissen. Er hätte Jana gerne noch ein paar Minuten länger angestarrt. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen, denn Janas Äußerung versetzte ihn in Panik.
Jens: »Heiraten?«
Jana merkte, dass sie etwas falsch gemacht hatte.
Jana: »Das war nur ein Witz.«
Jens: »Ja, äh, klar. Ha. Heiraten. Ich, äh, meine Frau...«
Jana: »Du hast eine Frau?«
Jens hatte keine Frau. Aber aus irgendeinem Grund behauptete er das Gegenteil.
Jens: »So ist es. Für jeden Deckel einen Topf. Oder so. Nicht wahr?«
Janas Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig. Sie schien traurig zu sein.
Jana: »Nun, was möchten Sie denn?«
Jens: »Oh, ja, klar. Ich bin hier ja in einer Bäckerei. Und da geht man nicht zum Plaudern hin, richtig?«
Jens schlug sich für diese Äußerung gedanklich selbst in den Magen.
Jana: »Genau. Was möchten Sie?«
Erst jetzt fiel Jens auf, dass Jana ihn wieder siezte. Was geschah hier?
Jens: »Vier Brötchen. Bitte. Zwei für mich und zwei für meine Frau.«
Was? Zwei für meine Frau? Irgendetwas ging hier doch nicht mit rechten Dingen zu! Jens wusste selbst nicht, warum er sich gerade mit diesen Lügen umgab und es gefiel ihm genauso wenig, wie er damit aufhören konnte.
Jana nickte nur und steckte fünf Brötchen in eine Tüte.
Jana: »Ich gebe Ihnen fünf Brötchen. Das ist billiger. Wir haben diese Woche ein Angebot.«
Jens: »Danke. Sehr freundlich. Wirklich.«
Jana: »1,11 Euro.«
Jens: »Das ist aber billig.«
Jana: »Ja.«
Jens: »Ähm.«
Jens wühlte in seinem Portemonnaie herum und holte ein paar Münzen hervor. 1,20 Euro.
Jens: »Hier, bitte. Stimmt so.«
Jana: »Danke. Zu freundlich.«
Jens: »Ich gehe dann jetzt.«
Jana: »OK. Grüße an die Frau.«
Jens: »Werde ich ausrichten. Danke.«
Jana erwiderte nichts mehr und wandte sich ab. Sie wühlte in einem Brötchenkorb herum und gab Jens so zu verstehen, dass zwischen ihnen alles gesagt war. Jens verstand das Zeichen und verließ die Bäckerei.
Bis zu seiner Wohnung waren es nur noch wenige Meter, doch diese kamen ihm wie Kilometer vor. Er wünschte sich, im Boden zu versinken. Oder in eine andere Welt zu reisen. Hauptsache weg von hier.
In diesem Moment begann an einem weit entfernten Ort, eine kleine Lampe rot zu blinken. Das Wesen, das für die Überwachung dieser Lampe zuständig war, registrierte dies und betätigte einen Schalter, der sich neben dem Lämpchen befand. Eine monotone Stimme erklang.
Stimme: »Countdown eingeleitet. Noch zehn Minuten bis zum Start.«
Jens kam zu Hause an und öffnete die Haustür. Langsam benutzte er so lange die Stufen im Treppenhaus, bis er seine Wohnung im zweiten Stock erreicht hatte.
Stimme: »Neun Minuten bis zum Start.«
Nachdem er die Brötchen auf einen kleinen Tisch in der Küche gelegt hatte, zog er sich seine Schuhe aus und betrat das Wohnzimmer.
Stimme: »Acht Minuten bis zum Start.«
Dort standen sie. Romeo und Julia. Die zwei Sofas. Sie waren blau und bildeten den zentralen Punkt seiner Wohnung. Jens liebte sie. Hier spielte sich der Großteil seiner Freizeit ab. Ob sitzend oder liegend, auf seinen Sofas fühlte er sich am wohlsten.
Stimme: »Sieben Minuten bis zum Start.«
Warum Jens seine Sofas Romeo und Julia nannte? Weil Jens allen Gegenständen seiner Wohnung Namen gab. Das war ein Tick von ihm, den er gnadenlos auslebte. Romeo und Julia passte seiner Meinung nach perfekt zu den Sofas, da sie wie Shakespeares Paar zusammengehörten.
Stimme: »Sechs Minuten bis zum Start.«
Es handelte sich um ein Sofa für zwei und eines für drei Personen. Auf dem Größeren schlief Jens in der Regel, das andere benutzte er zum Lesen. Früher hatte er das große Sofa Julia genannt, es dann aber irgendwann für unangebracht gehalten, einem Gegenstand, auf den man sich andauernd drauflegt, um zu schlafen, einen Frauennamen zu geben.
Stimme: »Fünf Minuten bis zum Start.«
Jens war immer noch ganz durcheinander wegen seines Gesprächs mit Jana. Was war in ihn gefahren? Wieso hatte er so merkwürdig reagiert? Klar, er wusste, dass er sich mit Frauen nicht sonderlich gut unterhalten konnte. Er war sehr schüchtern und verfiel deswegen regelmäßig in Gestotter. Aber mit Jana war das anders gewesen. Zumindest zu Beginn des Gesprächs. Erst nach einigen Minuten hatte sein Dämon ihn wieder eingeholt. Diesmal hatte er sogar eine Ehefrau erfunden.
Stimme: »Vier Minuten bis zum Start.«
Er wollte die Geschehnisse der letzten Minuten so schnell wie möglich vergessen. Er musste unbedingt ein wenig abschalten. Darum legte sich Jens auf Romeo und dachte darüber nach, wie viel Freude er einem Psychologen mit seinem Verhalten bereiten würde. In Bezug auf Jana und auch ein wenig in Bezug auf seine Sofas.
Stimme: »Drei Minuten bis zum Start.«
Während er nachdachte, überkam Jens eine starke Müdigkeit. Die Hamstersuche war ziemlich anstrengend gewesen.
Stimme: »Zwei Minuten bis zum Start.«
Langsam wurde es um Jens herum dunkel. Er konnte sich glücklich schätzen, kurze Zeit später zu schlafen, da ihn der Weltenwechsel, der ihm in weniger als zwei Minuten bevorstand, ansonsten ganz schön aus der Bahn geworfen hätte.
Stimme: »Eine Minute bis zum Start.«
Hätte Jens vorher gewusst, dass ausgerechnet sein Wunsch nach der Reise in eine andere Welt von einem Mechanismus erfasst wird, der sich vollkommen zufällig in genau diesem Moment selbst aktiviert, sämtliche ausgesprochenen oder gedachten Wünsche aller Wesen des Universums sammelt und einen davon zehn Minuten später erfüllt, hätte er sich bestimmt etwas anderes gewünscht. Aber er hatte natürlich keine Ahnung, dass es diesen Mechanismus gab. Wie alle Menschen auf dem Planeten Erde.
Außerdem konnte er froh sein, dass der direkt zuvor geäußerte Wunsch nach dem Versinken im Boden nicht erfüllt worden war.
Stimme: »Start wird eingeleitet.«
Aus menschlicher Sicht stellt ein Weltenwechsel eine ziemlich komplizierte Sache dar. Den Zufall dagegen unterforderte das Thema. Es gehörte zu den einfachsten Tätigkeiten seines Berufs. Zunächst sucht man sich einen Ort in einem beliebigen Universum heraus, an dem das zu wechselnde Wesen überleben kann. Natürlich ist Letzteres nur dann wichtig, wenn das Wesen die ganze Aktion auch überleben soll. Nun überlagert man beide Welten, löst die Verankerung des Wesens von der ersten und stellt sie auf der zweiten wieder her. Auf diese Weise bekommt der, die oder das Gewechselte vom gesamten Vorgang nichts mit, da er, sie oder es sich praktisch gar nicht bewegt, sondern lediglich theoretisch.
Menschen würden an dieser Stelle sicherlich die Frage stellen, wie es denn möglich sei, zwei Welten zu überlagern, ohne eine verheerende Kollision zu verursachen. Über diese Frage würde der Zufall jedoch nur laut lachen, da es sich hierbei offensichtlich um eine Frage von Wesen handelt, die noch nie mit einem Grafikprogramm mit Universenebenen gearbeitet haben. Solch primitiven Geschöpfen würde der Zufall den Vorgang so erklären:
Man öffnet das Grafikprogramm und erstellt zwei leere Ebenen. Auf der ersten Ebene fügt man Universum eins ein, auf der anderen Universum zwei. Nun markiert man mit dem Lassowerkzeug das Wesen, das man verschieben will, schneidet es aus und fügt es an gewünschter Stelle in der zweiten Ebene wieder ein. Beide Universen liegen in diesem Moment übereinander und befinden sich am gleichen Ort, jedoch auf verschiedenen Ebenen. Nachdem man das Wesen verschoben hat, sollte man natürlich nicht vergessen, die im ersten Universum entstandene Lücke wieder zu schließen, um so die Entstehung eines schwarzen Lochs zu verhindern. Hierfür eignet sich zum Beispiel das Stempelwerkzeug. Zu guter Letzt muss unbedingt daran gedacht werden, den Vorgang abzuspeichern. Das verwendete Grafikprogramm unterstützt nämlich keine Wiederherstellung nicht gespeicherter Daten nach dem Schließen der Anwendung, was vor allem vom Vergessen im gegenüberliegenden Büro immer wieder kritisiert wird.
Aber zum Glück erklärt der Zufall primitiven Geschöpfen nicht seine Arbeitsweise. Das wäre Zeitverschwendung. Außerdem würden andauernd irgendwelche sich selbst überschätzende Wesen angerannt kommen und behaupten, Logikfehler in diesem Vorgang gefunden zu haben. Und Diskussionen dieser Art waren ungemein ermüdend.
Der Zufall saß in diesem Moment vor seinem neusten Werk, sah es sich an und grinste. Er war äußerst zufrieden. Mit dem Zufallswunscherfüller hatte er sich selbst übertroffen. Wie viel mehr Zufall kann man in eine einzelne Maschine packen? Er war definitiv der Beste auf seinem Gebiet. Niemand konnte ihm das Wasser reichen.
Er griff zu einer Glocke, die vor ihm auf dem Schreibtisch stand, und läutete sie. Drei Sekunden später klopfte es an seiner Bürotür.
Zufall: »Herein.«
Die Tür öffnete sich und die Sekretärin des Zufalls betrat den Raum.
Sekretärin: »Sie haben um ein Glas Wasser gebeten?«
Zufall: »Vollkommen richtig.«
Die Sekretärin reichte dem Zufall das Wasser.
Zufall: »Danke.«
Sekretärin: »Draußen sitzt übrigens jemand, der mit Ihnen reden möchte.«
Zufall: »Das muss warten. Ich denke nach.«
Die Sekretärin nickte und verließ den Raum, der Zufall stellte das Glas auf seinem Schreibtisch ab und beobachtete weiter den Zufallswunscherfüller. Es hatte sehr lange gedauert, bis er endlich angesprungen war und sich für einen Wunsch entschieden hatte. Nun konnte es losgehen. Der Zufall verfolgte auf einem kleinen Bildschirm, wie der Apparat alle notwendigen Schritte automatisch ausführte.
Es betraf also einen Menschen. Dieser lag auf einer gepolsterten Konstruktion und schlief.
Die zufällig für ihn ermittelte Zielwelt war die Traumwelt.
Als Jens erwachte, stand er vor einem Problem. Er konnte nichts sehen. Er bekam seine Augen nicht auf. Um ihn herum war es so unglaublich hell, dass sein erster Versuch, die Augen zu öffnen, mit stechenden Schmerzen endete. Da er gerade erst aufgewacht und noch nicht ganz bei sich war, fühlte er sich mit der Situation vollkommen überfordert und wollte erst einmal etwas trinken.
Zum Glück benötigte er dafür seine Augen nicht. Jens wusste, wo sich seine Küche befand, und konnte sie problemlos blind erreichen. Also erhob er sich vom Sofa und stellte erschrocken fest, dass er gar nicht auf seinem Sofa lag. Fälschlicherweise nahm er an, dass er schlecht geschlafen hatte und deswegen vom Sofa gefallen war. Er konnte ja nicht ahnen, dass er gerade sehr weit von seinem Sofa entfernt auf einer Wiese lag und seine Augen nicht öffnen konnte, weil diese nach dem Weltenwechsel sehr empfindlich auf Licht reagierten (was übrigens eine normale Nebenwirkung eines Weltenwechsels darstellt, also keine Sorge).
Jens tastete vorsichtig die Umgebung ab. Dabei fiel ihm auf, dass sich sein Teppich irgendwie merkwürdig anfühlte. Das Erste, was ihm in den Sinn kam, war Enttäuschung. Er war noch nie von seinem Sofa gefallen. Bisher hatte Romeo ihm immer Halt gegeben. In welchen Zeiten lebte er, dass man sich nicht einmal mehr auf das eigene Sofa verlassen konnte? Er musste unbedingt ein ernstes Wort mit Romeo wechseln. Später. Jetzt erst einmal in die Küche.
Schwerfällig erhob sich Jens. Die Helligkeit war noch immer so stechend wie zuvor. Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an diesen Umstand. Wie konnte es nur so hell sein? Hatte er das Licht im Zimmer angelassen? Das war eine Möglichkeit. Aber so hell waren seine Lampen nun auch wieder nicht. Vielleicht hatte der Sturz ja seine Wahrnehmung durcheinandergebracht. Gehirnerschütterung oder so. Jens erschauerte, als ihm die anstehende Stromrechnung in den Sinn kam. Er musste unbedingt diesen blöden Hamster finden, sonst würde er sich schon bald über jeden Fetzen Lampenlicht in seiner Wohnung freuen.
Bevor ein weiterer Gedanke dieser Art seinen Kopf belästigen konnte, beschloss Jens, nicht weiter über Licht und Hamster nachzudenken. Viel lieber wollte er sich um seinen Wasserhaushalt kümmern. Und dafür musste er seinen Kühlschrank Karl erreichen. In ihm wartete die pure Erfrischung in Form einer gefüllten Wasserflasche.
Mit diesem Ziel vor seinen geschlossenen Augen schlurfte Jens durch sein Wohnzimmer (in dem er sich natürlich gar nicht mehr befand) und war überrascht, dass er sich vorwärtsbewegen konnte, ohne gegen einen Gegenstand zu stoßen. In seiner Wohnung herrschte normalerweise ein gewisses Wohlfühlchaos, das Jens eine blinde Fortbewegung eigentlich hätte erschweren sollen. Aber nichts stellte sich ihm in den Weg. Nach ein paar Schritten ruderte Jens mit seinen Armen vor seinem Körper herum und suchte den Türrahmen, den er gemessen an der Anzahl der ausgeführten Schritte langsam hätte erreicht haben müssen. Aber er fand ihn nicht. Zumindest nicht an der Stelle, an der er ihn erwartet hatte. Erst nach ein paar weiteren Schritten bekam Jens etwas Hölzernes zu fassen, das sich leider überhaupt nicht wie ein Türrahmen anfühlte. Er schob dies ebenfalls auf seine Gehirnerschütterung. Seine Sinne mussten ziemlich durcheinander sein, was wohl auch der Grund dafür war, dass er den Türrahmen nur links von sich ertasten konnte, nicht aber auf der rechten Seite.
Jens torkelte weiter in den Flur. Von hier aus waren es nur noch wenige Meter bis zur Küche. Er ging schneller. Eine Wand war nirgends auszumachen. Er geriet kurz in Panik, ließ diese aber gar nicht weiter in sich aufkommen. Er musste Ruhe bewahren und etwas trinken. Das waren momentan die einzigen Prioritäten in seinem Leben. Und wenn Jens eine Sache gut konnte, dann Prioritäten setzen und sich an diese halten.
Er stellte sich vor, wie sich sein Gehirn in ein Navigationsgerät verwandelte und eine Karte seiner Wohnung anzeigte. Er selbst befand sich als grüner Pfeil im Flur. Wenn er die Karte richtig deutete, musste er nun zwei Schritte geradeaus gehen, dann einen nach rechts und danach erneut einen nach rechts. Eine Frauenstimme ertönte.
Frauenstimme: »Route wird berechnet. Bitte warten.«
Jens wartete. Währenddessen dachte er an den bisherigen Tagesverlauf. Er dachte an die Hamsterjagd, Jana und Romeo. Und an Karl, der so weit entfernt in seiner Küche stand und auf ihn wartete. Jens wusste nicht, wie recht er hatte. Karl war tatsächlich sehr weit von ihm entfernt und wartete dort auf ihn. Letzteres ist für einen Menschen aber nur schwer nachzuvollziehen. Kühlschränke dagegen dürften nach dem Lesen dieser Zeilen zustimmend nicken.
Frauenstimme: »Route berechnet. Nach zwei Schritten rechts, dann rechts, dann haben Sie Ihr Ziel erreicht.«
Jens: »Na endlich.«
Nachdem er den Anweisungen Folge geleistet hatte, beendete die Frauenstimme Jens´ verrückte Reise.
Frauenstimme: »Sie haben Ihr Ziel erreicht.«
Jens streckte die Hand aus und tastete nach Karl. Und tatsächlich: Da stand er. Seine Oberfläche war ungewohnt rau, dennoch musste es sich einfach um Karl handeln. Das tat es aber nicht, wie Jens nach wenigen Sekunden enttäuscht feststellen durfte. Zunächst suchte er den Türgriff, wurde aber nicht fündig. Dann bemerkte er, dass sich seine Augen endlich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Langsam öffnete er sie.
Als er seine Umgebung wahrnahm, wünschte er sich, die Augen nie geöffnet zu haben.
Vor Jens stand ein Baum, und obwohl er alles tat, um Jens nicht zu beunruhigen, erschrak dieser sofort, gab einen Schrei von sich, wich zurück, stolperte über seine eigenen Füße und landete unsanft auf dem Waldboden. Da Waldboden nun nicht gerade zu den Dingen gehörte, die Jens in seiner Wohnung erwartet hatte, erhob er sich schnell wieder und ging rückwärts weiter.
Nach wenigen Schritten trat er aus dem Wald heraus. Jens drehte sich um und sah eine Wiese. Auch diese war ihm bisher noch nicht in seiner Wohnung aufgefallen. Die Wiese bedeckte einen kleinen Hügel, den Jens schnell hinaufeilte.
Oben angekommen sah er sich weiter um. Die Wiese war nur ein kleiner Fleck inmitten eines ihn vollkommen umschließenden Waldes. Jens dachte nach und durchwühlte dabei einen Aktenschrank in seinem Gehirn. Nach wenigen Sekunden stieß er endlich auf die Akte über den Biologieunterricht, den er damals am Gymnasium besucht hatte. Die Akte war bereits ziemlich eingestaubt, doch Jens kümmerte dieser äußere Eindruck nicht. Er interessierte sich für die inneren Werte.
Er breitete das Inhaltsverzeichnis vor sich aus und überflog es oberflächlich. Wie vermutet konnte er keinerlei Hinweise über die vollkommene Verwaldung und Verwiesung einer Wohnung (geschweige denn eines ganzen Gebäudes) finden. Enttäuscht schloss Jens die Akte und warf sie zurück in den Schrank.
Dann fielen ihm die Wurstreste ein, die er vor drei Tagen auf Matthias (dem kleinen Küchentisch) hatte liegen lassen. Waren sie für dieses Desaster verantwortlich? Hatten sie angefangen, zu schimmeln, und so die ganze Wohnung übernommen? Und aufgelöst? Genauso wie die Nachbarschaft? In so kurzer Zeit? Gegen Verwurstung war er nicht versichert!
Plötzlich hielt Jens inne. Er geriet offensichtlich wieder in Panik. Und das war nicht gut. Es musste eine Erklärung für all das geben. Und es gab nur eine Möglichkeit, diese zu finden.
Jens sah sich um. Er lief auf der Wiese auf und ab und suchte auf dem Boden nach etwas. Dann fand er ihn: einen faustdicken Stein. Jens setzte sich, hielt den Stein fest in der Hand, holte aus und schlug ihn sich an die Stirn. Dabei hoffte er, aus diesem Albtraum zu erwachen.
Als der Zufall sah, wie Jens auf der Wiese zusammensackte, schüttelte er nur seinen Kopf und hielt es für angebracht, dem Schauspiel nicht weiter zu folgen. Die Steinnebenwirkungen bei Weltenwechseln hatte er ganz vergessen. Egal. Der Zufallsmechanismus hatte offensichtlich funktioniert, nun konnte er sich wieder wichtigeren Dingen widmen.
Er wandte sich seinem Wasserglas zu, ließ einen Goldfisch darin erscheinen und schaute diesem beim Schwimmen zu.
Der Zufall liebte Goldfische.
Jens wachte auf. Er war umringt von grimmig guckenden Kühlschränken und sich nicht sicher, ob ihn die Kühlschränke beunruhigten oder die Tatsache, dass sie grimmig guckten. Als sie plötzlich damit begannen, ihn mit verschimmelten Wurstresten zu bewerfen, gab er es auf, sich über diese Geschehnisse Gedanken zu machen. Ein Stück Wurst traf ihn am Kopf. Die Wucht des Aufpralls ließ ihn richtig aufwachen.
Es ist an dieser Stelle wichtig zu erwähnen, dass man auch in der Traumwelt träumen kann. Schließlich handelt es sich bei der Traumwelt um einen Planeten wie alle anderen auch. Nur, weil Menschen die Traumwelt in ihren Träumen besuchen, heißt das ja nicht, dass es sie nicht gibt. Eher ist es ein Beweis dafür, dass es sie gibt. Übrigens: Wenn ein Traumweltbewohner träumt, fühlt sich das für ihn so an, als würde er nach einer langen Reise nach Hause kommen. Darum heißen Albträume hier auch Heimweh.
Jens hatte beides direkt hintereinander: erst einen Albtraum, danach Heimweh. Er wünschte sich sein Sofa zurück, aber leider sprang gerade kein Mechanismus an, der ihm diesen Wunsch erfüllen wollte. Stattdessen blieb Jens dort, wo er war. Auf einer Wiese, umringt von Bäumen. Er begann, sich mit diesem Umstand abzufinden und stattdessen koordinierter an die Sache heranzugehen.
Als Erstes öffnete Jens einen Notizblock in seinem Gehirn und notierte sich die Fakten, die ihm gerade wichtig erschienen. Wiese, Wald, Blut. Als er die drei Punkte betrachtete, entschied er sich dafür, sie nach Prioritäten zu sortieren:
1. Blut.
2. Wiese, Wald.
Zufrieden besah er sich sein Werk und begann umgehend, die Liste abzuarbeiten. Er fasste sich mit der Hand an die Stirn und sah, dass ein wenig Blut an den Fingern kleben blieb. Beunruhigend. Wieder an den Aktenschrank. Erste-Hilfe-Kurs. Jens wusste, dass er mal einen besucht hatte.
Leider stellte sich heraus, dass er zwar mal an einem solchen Kurs teilgenommen, dieser Veranstaltung aber keine große Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Also bearbeitete Jens seine Prioritätenliste.
1. Blut.
2. Wiese, Wald.
3. Erste-Hilfe-Kurs besuchen.
Jens fasste sich erneut an die Stirn und stellte erfreut fest, dass sich die Wunde größtenteils bereits von alleine geschlossen hatte. Er wischte sich das restliche Blut mit dem Ärmel seines T-Shirts von der Stirn, atmete einmal tief ein und aus und wandte sich daraufhin dem zweiten Punkt seiner Liste zu.
Dafür erhob er sich. Nachdem er sich einmal um die eigene Achse gedreht hatte, nickte er mit dem Kopf. Er konnte nichts anderes erkennen als die Wiese und den Wald. Wo war er?
Frankfurt hatte viele Grünflächen zu bieten, ob nun Parkanlagen oder den Stadtwald. Erstere konnte Jens jedoch sofort ausschließen. Von seinem Hügel aus konnte er über die Baumspitzen sehen und erkennen, dass sich hinter ihnen Berge befanden. Es gab zwar große Parks in Frankfurt, von einer so erhöhten Position aus hätte man aber zumindest die Skyline oder den Fernsehturm erkennen müssen. Blieb also nur noch der Stadtwald übrig.
Leider sah es hier nicht gerade nach Stadtwald aus. Das Problem waren die Bäume. Es handelte sich um keine Baumsorte, die Jens jemals gesehen hatte. Nicht, dass er sich als Baumexperten bezeichnen würde. Aber die Bäume hier sahen doch äußerst merkwürdig aus.
Jens ging auf den Waldrand zu und näherte sich einem tannenähnlichen Ding. Es war so hoch wie eine gewöhnliche Tanne und sah auf den ersten Blick auch wie eine aus, doch seine Nadeln erregten Jens´ Aufmerksamkeit. Die Nadeln waren fast so dick wie ein Daumen. Jens riss eine von ihnen vom Ast und überhörte das daraufhin ertönende Schluchzen, um nicht durchzudrehen. Er sah sich die Nadel genauer an und erschrak. Er hielt eine kleine Tanne in der Hand. Das Verrückte sollte aber noch kommen: Als Jens sich die Tanne nur wenige Zentimeter vor die Augen hielt, erkannte er, dass die Nadeln dieser Tanne kleinere Versionen von ihr waren. Er ließ die Tannennadeltanne fallen und sah auf den Boden. Wenn die Nadeln Tannen waren und sich auf deren Nadeln dieses Spiel wiederholte, vielleicht stand er selbst ja gerade auch auf einer...
Stimme: »Hallo!«
Jens erschrak, als er die Stimme hinter sich hörte. Er drehte sich um und sah den Hügel hinauf. Dort stand ein Wesen, das seine Tannennadeltannengedanken für immer verschwinden ließ.
Zunächst hielt Jens es für einen Tiger. Die Körperform und das Fell wiesen gewisse Ähnlichkeiten mit diesen Tieren auf. Leider hatte das Wesen den Kopf eines Haies. Und acht Beine. Dass es sprechen konnte, fiel Jens als Unterschied schon gar nicht mehr auf, sollte an dieser Stelle der Vollständigkeit halber aber auch noch erwähnt werden.
Das Wesen kam auf Jens zu. Jens erinnerte sich daran, dass ein Tiger nicht gerade ein Tier darstellte, dem man in freier Wildbahn begegnen wollte. Ein Hai ebenfalls nicht. Es wäre vermutlich eine gute Idee, wegzurennen.
Tigerhai: »Ich erkenne in deinen Augen, dass du wegrennen willst. Vergiss das am besten gleich wieder. Du weißt, dass das keinen Zweck hätte.«
Jens wusste gar nichts mehr.
Tigerhai: »Also, du kennst ja die Regeln.«
Jens: »Was?«
Tigerhai: »Die Regeln.«
Jens: »Was?«
Das Wesen rollte genervt mit den Augen.
Tigerhai: »Du meine Güte. Muss man euch wirklich andauernd alles von vorne erklären? Sprechen sich die Regeln nicht langsam bei euch rum? Ich hoffe, dir reicht die Kurzfassung.«
Jens: »Kurzfassung?«
Tigerhai: »Ich bin das schnellste Wesen der Welt. Ich habe deine Witterung aufgenommen. Darum werde ich dich fressen. Aber das Leben als schnellstes Wesen der Welt ist langweilig. Aus diesem Grund veranstalte ich Wettrennen mit meiner Beute. Ich zähle bis drei und wir laufen los. Bis zu diesem Berg dort drüben.«
Das Wesen zeigte mit einer seiner acht Pfoten nach links. Jens schaute in die Richtung und konnte in der Ferne einen auffallend spitz zulaufenden Berg erkennen.
Tigerhai: »Wer zuerst dort ist, darf den anderen fressen. Ich werde gewinnen. Darum werde ich dich fressen. Mir geht es hier rein um den Spaß. Ich werde zwei Tage auf der Bergspitze warten. So lange dürftest du geschätzt für diese Strecke brauchen. Versuch nicht, dich aus dem Staub zu machen. Wie gesagt: Ich kann dich überall aufspüren. Also sei ein fairer Verlierer. Alles klar?«
Jens: »Nein.«
Tigerhai: »Eins.«
Jens: »Aber.«
Tigerhai: »Zwei.«
Jens: »Können wir uns nicht hinsetzen und das ausdisku...«
Tigerhai: »Drei.«
Das Wesen rannte los. Und zwar so schnell, dass Jens ihm nur schwer mit den Augen folgen konnte. Innerhalb einer Sekunde war es im Wald verschwunden.
Reflexartig wollte Jens ihm hinterherrennen, doch dann ließ er es bleiben. Er musste sich erst einmal vergewissern, dass er nicht träumte. Darum setzte er sich auf den Boden.
Wie konnte sich Jens nur seinen Wachzustand beweisen? Der Steinschlag mochte einem normalen Menschen Beweis genug gewesen sein, Jens jedoch reichte das nicht. Das soll jetzt natürlich nicht heißen, dass Jens kein normaler Mensch war. Er befand sich nur gerade in keiner normalen Situation (er war schließlich kein Elefant). Also entschied er sich für einen letzten Traumtest. Er strich mit den Händen durch das Gras und legte den Boden darunter frei. Nun nahm er ein wenig Erde in die Hand und steckte sie sich in den Mund. Sie schmeckte nach Erde. Jens spuckte die Erde angewidert aus. Er hatte gerade Erde in den Mund genommen. Widerlich. Was für ein bescheuerter Traumtest war das denn bitte? Hätte der Zufall in diesem Moment zugesehen, hätte er auf diese Frage auch keine Antwort gefunden.
Jens stand auf. Er sah erneut zum Berg, in dessen Richtung das merkwürdige Wesen verschwunden war. Vielleicht sollte er wirklich dorthin gehen. Warum auch nicht? Was hatte er schon zu verlieren?
In diesem Moment meldete sich sein Leben bei ihm.
Leben: »Mich!«
Obwohl Jens so in Gedanken versunken war, erkannte er gerade noch rechtzeitig aus den Augenwinkeln heraus den Speer, der geradewegs auf ihn zugeflogen kam. Jens sprang nach vorne und konnte so verhindern, durchbohrt zu werden. Eine Sekunde lang freute er sich darüber, so gute Reflexe zu haben, nahm sich aber nicht die Zeit für große Feierlichkeiten. Er erhob sich und schaute in die Richtung, aus der der Speer geflogen gekommen war.
Bevor Jens den Werfer sehen konnte, hörte er ihn in Form eines schrillen Schreies. Erst danach erkannte er in einiger Entfernung ein kleines blaues Wesen, das auf ihn zugerannt kam. Mit einem Messer in der Hand. Durch das Messer schaffte es Jens, seine Verwunderung über den Umstand, dass das Wesen klein und blau war, in Grenzen zu halten. Erst einmal musste er sich um die Waffe kümmern.
Jens griff zum neben ihm im Boden steckenden Speer und richtete dessen Spitze auf das Wesen. Dann entschied er sich um, drehte den Speer um 180 Grad und zielte mit dem stumpfen Ende auf den Angreifer. Er wollte niemanden töten. Vielleicht handelte es sich hier gerade um ein großes Missverständnis. Ein sehr großes Missverständnis. Hoffentlich.
Das Wesen ließ sich durch den Speer nicht aus der Ruhe bringen. Zwar hörte es auf, zu schreien, dies lag aber eher daran, dass es hin und wieder Zeit zum Atmen brauchte. Es funkelte Jens mit wütenden Augen an und kam auf wenige Meter an ihn heran.
Leider hatte Jens überhaupt keine Kampferfahrung. Er hasste Gewalt. Er war der Meinung, auch ohne aggressive Handlungen ein gutes Leben führen zu können. Außerdem war er alles andere als durchtrainiert. Und zu faul, dies zu ändern. All diese Gedanken flogen ihm gerade durch den Kopf, bis ihm auffiel, dass er handeln musste. Und zwar schnell.
Jens hielt den Speer mit beiden Händen nur wenige Zentimeter oberhalb der metallenen Spitze fest umklammert. Da der Speer aufgrund der Größe seines Besitzers nicht allzu lang war, konnte er ihn problemlos wie einen Baseballschläger halten. Jens holte aus, konzentrierte sich auf den Angreifer und wartete.
Das Wesen dagegen wartete nicht. Als es auf etwa vier Meter an Jens herangekommen war, sprang es plötzlich in die Luft und kam mit erhobenem Messer auf ihn zugeflogen. Jens reagierte und schwang den Speer wie ein Baseballspieler seinen Schläger. Er traf das Wesen mit voller Wucht am Kopf. Diese Aktion ließ es zwar weiterhin auf Jens zufliegen, doch hatte es benommen das Messer fallengelassen. Die beiden prallten gegeneinander, Jens ließ den Speer los, drückte den blauen Körper von sich weg, behielt das Gleichgewicht und blieb stehen. Sofort suchte er nach dem Messer auf dem Boden. Er fand es und hob es auf. Dann griff er zum Speer und entfernte sich ein paar Schritte vom auf dem Boden liegenden Körper.
Er richtete die beiden Waffen auf das Wesen und wartete. Es lag auf dem Bauch und gab stöhnende Geräusche von sich, während es sich mit der Hand an die Stelle fasste, an der Jens es getroffen hatte.
Wesen: »Verdammt! Das tat weh!«
Langsam richtete es sich auf. Dann fiel ihm ein, in welcher Lage es sich gerade befand. Erschrocken schaute es sich um. Als es sah, dass sein Gegner hinter ihm stand und im Besitz beider Waffen war, gab es erneut ein ›verdammt‹ von sich, während es sich mit der linken Hand den Kopf rieb. Jens fielen die großen Ohren auf. Das Wesen war etwa einen Meter groß. Ohne Ohren. Mit musste man mindestens weitere zwanzig Zentimeter addieren. Seine Haut war dunkelblau und hinterließ einen ledrigen Eindruck. Sein einziges Kleidungsstück war eine kurze Fellhose, die von einem Gürtel an ihrem Platz gehalten wurde. Irgendwie sah es mittlerweile gar nicht mehr bedrohlich aus. Es wirkte eher überrascht, fast schon ängstlich. Außerdem roch es nach Katze.
Jens: »Warum hast du mich angegriffen?«
Diese Frage schien Jens in der momentanen Lage die Wichtigste zu sein.
Wesen: »Weil das mein Beruf ist.«
Jens: »Dein Beruf?«
Wesen: »Wie du siehst, bin ich ein Nichtmensch. Und wir Nichtmenschen greifen Menschen an.«
Jens: »Was? Warte mal einen Augenblick.«
Jens bereute es, die Frage gestellt zu haben. Er benötigte eine Auszeit, um über das nachzudenken, was ihm da gerade erzählt worden war. Dann bemerke er jedoch, dass er in dieser bedrohlichen Lage gar nicht richtig denken konnte. Zunächst musste er den hier herrschenden Kleinkrieg beenden.
Jens: »Wenn ich dir deine Waffen zurückgebe, greifst du mich dann wieder an?«
Nichtmensch: »Aber natürlich. Hast du mir nicht zugehört? Das ist meine Aufgabe.«
Jens: »Könnten wir uns vielleicht darauf einigen, dass du mich nicht sofort angreifst und wir uns erst ein bisschen unterhalten?«
Der Nichtmensch überlegte kurz.
Nichtmensch