Georg Büchner – Dichter, Denker, Revolutionär - Thomas Haegeler - E-Book

Georg Büchner – Dichter, Denker, Revolutionär E-Book

Thomas Haegeler

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Beschreibung

Georg Büchner verstarb früh und hinterließ nur ein schmales Werk – doch er schrieb damit Literaturgeschichte. Büchner gilt als einer der bedeutendsten Autoren des Vormärz, seine Dramen werden bis heute als bahnbrechend angesehen. Büchners schriftstellerisches Erbe spannt den Bogen vom Individuum zum großen Gesellschaftsentwurf und erzählt von Wahnsinn und individueller Pathologie, von Politik und Revolution. Dieser Band vereint Forschungsbeiträge zu Büchners Kernwerken „Dantons Tod“, „Lenz“, „Leonce und Lena“ und „Woyzeck“. Aus dem Inhalt: „Dantons Tod“: Geschichte Revolution und Volksdarstellung Motive des Wahnsinns in „Lenz“ „Leonce und Lena“ – Polit-Satire und Lustspiel der dekadenten Langeweile Sozialkritik im „Woyzeck“ – Büchners „Woyzeck“ als Wegweiser der Moderne

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

Copyright © 2013 ScienceFactory

Ein Imprint der GRIN Verlags GmbH

Coverbild: von Jean-Baptiste Alexis Muston (11. Februar 1810 - 6. April 1888) [Public domain], via Wikimedia Commons - pixabay.com

Georg Büchner – Dichter, Denker, Revolutionär

Thomas Haegeler (2004):Georg Büchners Dantons Tod - ein Politikum

Vorwort

Zwischen revolutionärem Handeln und Fatalismus der Geschichte – Anmerkungen zu Büchner, seiner Zeit und seinem Werk

Das Inventar von Dantons Tod – eine Makro-Analyse

Das Personal des Dramas im Spiegel der Politik

Die politische Intention als pluralistische Konstruktion

Literaturverzeichnis

Torsten Halling (2000):Die Darstellung des Volkes in Georg Büchners 'Dantons Tod'

Einleitung

Hauptteil

Verschiedene Perspektiven und Darstellungsweisen

Besondere Einzelaspekte

Fazit

Literaturverzeichnis

Angela Schaaf (2002): Analyse der Wahnsinnsentwicklung in Georg Büchners 'Lenz’

Der historische Lenz

Analyse des Textes im Hinblick auf die Entwicklung des Wahnsinns

Zusammenfassende Übersicht der Symptome

Lenzens Wahnsinn und die übersinnlichen Erscheinungen anderer Bewohner des Steintals

Die gesundheitliche Entwicklung Lenzens aus medizinischer Sicht

Bibliographie

Christin Borgmeier (2002): Georg Büchner, Leonce und Lena - Leonce und das Phänomen der Langeweile

Einleitung

Langeweile

Leonce – Melancholie und Langeweile

Literaturverzeichnis

Christian Hauck (2008):Zu Georg Büchners "Woyzeck" – Wegweiser zur Moderne?

Einleitung

Georg Büchners Leben im zeitlichen Kontext und der Entstehung des "Woyzeck"- Fragmentes

"Woyzeck" und die Literatur der Moderne

Georg Büchners „Woyzeck“ als Schlüsselwerk für die Autoren der Moderne

Schluss

Literaturverzeichnis

Maik Bubenzer (2006): Sozialkritik und Darstellung des Vierten Standes im "Woyzeck"

Vorbemerkungen

Deutschland im Vormärz – Das Leben des Vierten Standes

Woyzeck – „Vom Leben eines Geringsten“

Fazit

Literaturverzeichnis

Einzelpublikationen

Thomas Haegeler (2004): Georg Büchners Dantons Tod - ein Politikum

Vorwort

Ausgangspunkt der folgenden Auseinandersetzung mit Georg Büchners Dantons Tod ist das Seminar „Politische Dramen II“. Dessen Ziel war es durch seine dezidierte Themenstellung den Blick [zu] schärfen für die Aktualität, das Engagement und das kritische Potential von Literatur[1] und zwar im Hinblick auf politische Konzeptionen bzw. politisches Handeln überhaupt. Nachdem wir uns im Seminar auf die dem Common Sense entsprechende Definition von Politik als Umsetzung von Konzepten und Maßnahmen, die sich auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens und seiner Institutionen beziehen, geeinigt hatten, analysierten und interpretierten wir dahingehend verschiedenste Werke diverser Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts, darunter auch Georg Büchners grandioses Revolutionsdrama „Dantons Tod“. Diese Ausarbeitung will sich als Fortsetzung der im Seminar begonnenen Arbeit verstanden wissen.

Der Eindruck der immensen Komplexität des Stückes, der sich bereits im Seminar angedeutet hat, verstärkte sich bei der Recherche und Lektüre der umfangreichen wissenschaftlichen Sekundärliteratur. Nach und nach kristallisierte sich dabei heraus, dass die Erhellung des politischen Gehalts von Dantons Tod als nach wie vor unabgeschlossen bezeichnet werden kann. Dies rührt zum einen von der bekannten desolaten Überlieferungslage[2] hinsichtlich Büchners Schaffen überhaupt her, wird aber auch durch die Pluralität der im Danton enthaltenen politischen Positionen und ihrer Verstrickungen mit Diskursen zu anderen Thematiken bedingt, die zu verschiedensten Deutungen geführt haben – je nachdem worauf man das Hauptaugenmerk legt oder welcher Ideologie die Interpretation dienen soll.

Auch wenn sich meine Interpretation auf den politischen Gehalt konzentrieren wird, sollen auch andere Aspekte des Stückes nicht gänzlich unbeachtet bleiben, da Büchner diese mit der politischen Dimension derart kunstvoll verwoben hat, dass sie zum Teil nur schwer voneinander zu trennen sind. Dies erachte ich insofern für notwendig, als dass das Verständnis unter gänzlicher Ausblendung der historischen, literaturgeschichtlichen, philosophischen und moralischen Aspekte des Stücks stark getrübt würde.

Zwischen revolutionärem Handeln und Fatalismus der Geschichte – Anmerkungen zu Büchner, seiner Zeit und seinem Werk[3]

Mit dem Drama Dantons Tod legt der am 17.10.1813 geborene Karl Georg Büchner[4] sein literarisches Debüt vor. Zugleich ist das 1835, zusammen mit den Victor Hugo-Übersetzungen und dem Hessischen Landboten, im Verlag Johann David Sauerländer veröffentlichte Werk der einzige literarische Text, der zu Lebzeiten Büchners erscheint.[5] Vor der Veröffentlichung im Buchformat wird Dantons Tod jedoch auszugsweise in Sauerländers Phönix, der von Eduard Duller herausgegebenen liberal-fortschrittlichen Frühlingszeitung für Deutschland, abgedruckt.[6] Beide Veröffentlichungen des in höchstens fünf Wochen (GB, S. 280)[7] geschriebenen Dramas verdankt der gerade 22-jährige Autor dem prominenten Schriftsteller und Literaturkritiker Karl Gutzkow[8]. Doch bei diesen fünf Wochen kann es sich lediglich um die Zeit gehandelt haben, die Büchner für die tatsächliche Niederschrift des vermutlich zwischen Anfang Oktober 1834 und Mitte Januar 1835 konzipierten Stückes benötigte. Dafür sprechen nicht nur Ausleihquittungen der Darmstädter Hofbibliothek vom Oktober und Dezember 1834 über grundlegende Quellwerke für Dantons Tod, sondern auch der Fakt, dass Büchner inhaltlich noch einiges aus dem zweiten Teil von Heinrich Heines Salon. Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland übernommen hat, der erst Mitte Januar 1835 erschienen war.[9]

Darauf, dass in Dantons Tod politischer Gehalt und Brisanz von nicht geringem Umfang liegen muss, verweisen schon die von Gutzkow unter Berücksichtigung der Zensur vorgenommenen präventiven Änderungen sowie der von Duller unautorisiert hinzugefügte und zudem inhaltlich in die Irre führende Untertitel Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft.[10] Aber auch der Autor selbst liefert in diversen Briefen sowie in der Flugschrift Der Hessische Landbote Hinweise, die direkt oder indirekt mit dem Drama in Verbindung stehen.

Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen (GB, S. 263), schrieb Georg Büchner Anfang Dezember 1833 in einem Brief an seinen Freund August Stöber. Was ihn in Rage versetzen könnte, erklärt der direkt folgende Satz: Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. (ebd.) Dieser Zustand, den er hier als Affenkomödie bezeichnet, ist die Folge der restaurativen Politik seit dem Wiener Kongress (1815).[11] Die durch die Französische Revolution erkämpften Menschen- und Bürgerrechte gehen weitgehend wieder verloren und die Karlsbader Beschlüsse (1819) beschneiden die Meinungs- und Pressefreiheit. Im Zuge des Wiederauflebens der feudalherrschaftlichen Zustände verelendet des Volkes zusehends. Wie sehr Büchner dies ablehnte, bekundete er bereits im April 1833: Als seine Eltern ihn von dem gescheiteten Sturm einiger Revolutionäre auf den Wachturm in Frankfurt am Main unterrichten, erwidert er: Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? [...] Was nennt ihr denn gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum frohnenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? (GB, S. 253f.) Auch wenn er in diesem Brief an seine Eltern davon spricht, dass er mit Mund und Hand dagegen kämpfen (GB, S. 254) werde, so sieht er doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung an (ebd.), weil er nicht die Verblendung derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen (ebd.). Zwischen den Zeilen schwingt hier bereits die Einsicht mit, die Büchner im Juni 1833 in einem weiteren Brief an seine Eltern klar formuliert. Nämlich, dass nur das notwendige Bedürfnis der großen Masse Umänderungen herbeiführen kann, daß alles Bewegen und Schreien der Einzelnen vergebliches Torenwerk ist (GB, S. 256). Obgleich Büchner durch seinen Studienaufenthalt in Straßburg (1831 – 1833) Kontakt zu revolutionären Kräften hatte[12], beschwichtigt er seine Eltern, die anhand solcher Äußerungen natürlich vermuten, dass ihr Sohn Georg selbst zum Revolutionär werden könnte, mit der Bekundung, dass er sich in die Gießener Winkelpolitik und revolutionären Kinderstreiche nicht einlassen werde (ebd.). Ob er es tatsächlich so sah, oder ob er dies nur als Schutzbehauptung seinen Eltern gegenüber gebrauchte, lässt sich kaum mit Sicherheit sagen.

Die Erfahrungen und Einsichten aber, die bereits 1833 in seinen Briefen zu finden sind, gipfeln im sogenannten Fatalismus-Brief, den Büchner im Winter 1834[13] an seine Verlobte Louise Wilhelmine Jaeglé schreibt. Hierin heißt es: Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. (GB, S. 268) Neben den bereits in den früheren Briefen angedeuteten Erkenntnissen, dass der einzelne nur Schaum auf der Welle (ebd.) sei, dass in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt (ebd.) liege, die allen und keinem verliehen (ebd.) letztlich über das Scheitern oder Gelingen revolutionärer Handlungen entscheidet, und dass es letztlich nur noch helfe das Auge ans Blut (ebd.) zu gewöhnen[14], thematisiert der Fatalismus-Brief auch Büchners Abkehr vom idealisierten, bürgerlich-konservativ geprägten Geschichtsbild, weil es ihm nun nicht mehr einfiele, sich vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte, die noch zuvor in Form von politisch Aktiven seine Helden waren, zu bücken. Weil die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel (ebd.) sei, gleiche der Wille, nachhaltig politische Veränderungen herbeizuführen, ohne sich an den Interessen des Volkes zu orientieren, einem lächerliche[n] Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich (ebd.). Die Beherrschung dieses Gesetzes hieße das Volk und seine materiell geprägten Interessen zu beherrschen. Dieses aber ist nicht möglich, weil eben den menschlichen Verhältnissen [überhaupt] eine unabwendbare Gewalt innewohnt, deren Triebfedern Hunger, Ausbeutung und Armut sind. Obgleich er dies weiß – oder gerade deswegen – gründet Büchner zusammen mit dem Butzbacher Schuldirektor Johannes Friedrich Weidig die konspirative Gießener „Gesellschaft der Menschenrechte“[15] und versucht mit rhetorisch-agitatorischem Geschick in der Flugschrift „Der Hessische Landbote“[16], die Bauern und Tagelöhner dazu aufzurufen, sich gegen diejenigen aufzulehnen, die seiner Meinung nach für ihr Elend verantwortlich sind, gegen die Vornehmen und Reichen.

Dieses Konfliktpotential scheint die politische Dimension von Dantons Tod maßgeblich zu beeinflussen. Kehren doch sowohl Büchners Gedanken aus den Fatalismus-Brief, als auch aus dem Hessischen Landboten in seinem Revolutionsdrama wieder. Nicht zuletzt, weil das Verhältnis zwischen Armen und Reichen [.] das einzige revolutionäre Element in der Welt (GB, S. 288) ist, wie Büchner später an Gutzkow schreibt.

Das Inventar von Dantons Tod – eine Makro-Analyse

Dantons Tod besteht aus vier Akten à sechs, sieben, zehn und neun Szenen. Eine handlungsexterne Exposition im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Die Handlung beginnt in media res und umfasst die Zeit von knapp 14 Tagen, um präzise zu sein, die historische Zeit vom 24.03. bis 05.04. 1794. Auf den 24. März verweist Philippeaus[17] Rede in der Eingangsszene, in der er davon berichtet, dass heute wieder zwanzig Opfer gefallen (GB, S. 25) sind und sich dabei auf die Hinrichtung der Hébertisten[18] bezieht. Im letzten Akt werden wir dann Zeugen der Guillotinierung Dantons[19] und seiner Freunde, die historisch auf den 05. April zu datieren ist. Büchner thematisiert also weder die gesamte Geschichte, noch einen direkten Höhepunkt der französischen Revolution, sondern die sich in ihr vollziehenden Fraktionskämpfe der unterschiedlichen revolutionären Parteien und Gruppierungen. Obgleich es zwar an einer eigentlichen Exposition fehlt, so übernehmen doch wenigstens Teile des ersten Aktes exponierende Funktion, da sowohl I,1 (insbesondere das Gespräch der Dantonisten untereinander) und I,2 (Volksszene in einer Gasse), als auch I,3 (Der Jakobinerklub) auf die für das Verständnis des Dramas notwendige Vorgeschichte Bezug nehmen, namentlich den schwelenden Streit der Fraktionen um die Richtung und den Fortgang der Revolution.[20] Damit ist der Hintergrund des Konflikts abgebildet. Des Weiteren treten im ersten Akt alle, für die Handlung wichtigen, Personen und Personengruppen auf: Neben den Deputierten Danton, Legendre[21], Camille Desmoulins[22], Hérault-Sechelles[23], Lacroix[24] und Philippeau sind das die Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses Robespierre[25], St. Just[26] sowie Collot d’Herbois[27], weiterhin Dantons Frau Julie[28], die Grisetten Marion, Adelaide und Rosalie sowie der Soufleur Simon und weitere Männer und Weiber aus dem Volk[29]. Explizit zu erklären brauchte Büchner hier nichts, weil er die Präsenz der Ereignisse, Personen und Schauplätze der französischen Revolution in den Köpfen seiner Leser voraussetzen konnte, da es als das prägendste Ereignis dieser Zeit anzusehen ist. Vielmehr reichte es auf historisches Wissen anzuspielen. So lässt sich auch erklären, warum er die Handlungsschauplätze und deren Gestaltung für die Bühne, wenn überhaupt, dann nur sehr sparsam kommentiert.

Der anhand des Titels ablesbaren Fokussierung auf 1. die Hauptfigur Danton und 2. dessen Tod wird stringent mit dem Fortschreiten der Handlung der einzelnen Akte entsprochen. Ließen sich diese doch treffend mit folgenden Überschriften zusammenfassend beschreiben: „I – Verdächtigung, II – Verhaftung und Anklage, III – Verurteilung, IV – Hinrichtung“[30]. Dem entsprechen zudem die gen Ende hin immer enger werdenden Räume, in denen sich speziell die Dantonisten befinden.[31] Das Ende des Stückes steht also von Beginn an fest. Ferner folgt die Handlung des Stückes – abgesehen von wenigen Details – dem historisch nachgewiesenen Geschehen.[32] Am stärksten hat sich Büchner beim Entwurf seines historischen Dramas wohl auf die Darstellungen von Thiers und die der Zeitschriftenreihe „Unsere Zeit“ gestützt.[33]

Angesichts dieser Fakten lässt sich vermuten, dass es nicht Büchners Ziel gewesen sein kann, den Spannungsbogen des Stückes über die Frage nach dem Ausgang der Geschichte für die darin Handelnden aufzubauen,

sondern, dass es ihm vielmehr darum gegangen sein muss, die historisch-politischen Ereignisse analytisch zu durchdringen. Indem es Büchner nicht um die Beantwortung der Frage nach dem Wie, sondern um die nach dem Warum geht, grenzt er Dantons Tod von der literarischen Tradition der romantischen und klassischen Stücke ab. Insbesondere gegen die Tragödien der Idealdichter, wie etwa die Schillers.[34] Ein Faktum, das zudem durch Büchners Wahl des Untertitels Ein Drama weitere Stützung erfährt.

Das Personal des Dramas im Spiegel der Politik

Danton und die Gemäßigten

Danton – resignierender Revolutionär und ambivalenter „Held“

Daran, dass Danton im Zentrum des Dramengeschehens steht, lässt Büchner keinen Zweifel. So ist, wie bereits erwähnt, der Fokus durch den Titel von Beginn an auf ihn gerichtet. Dieser Fokussierung entspricht zudem seine direkte Präsenz in 16 der insgesamt 32 Szenen des Stückes. Die logische Konsequenz dessen ist eine detaillierte Charakterisierung seiner Person, die vornehmlich durch seine eigenen Äußerungen erfolgt und die durch die Worte anderer Figuren vervollständigt wird. Dennoch ist Dantons Tod kein Charakterdrama, weil das Gewicht der Rolle Dantons durch die merkliche Akzentuierung des Revolutionsgeschehens auf der einen Seite und durch die des Volkes auf der anderen geschmälert wird.

Von Anfang an wird deutlich, dass Danton hinsichtlich des politischen Handelns als Revolutionär resigniert hat, dass er sich lieber dem Genuss hingibt. Ein erster Hinweis, dass seine Passivität im Hinblick auf die Politik in den Tod führen wird, findet sich deshalb bereits in der Eingangsszene, in der er zu seiner Frau spricht: Nein Julie, ich liebe dich wie das Grab. (GB, S. 24) Er fügt erklärend hinzu: Die Leute sagen im Grab sei Ruhe und Grab und Ruhe seien eins. Wenn das ist, lieg’ ich in deinem Schoß schon unter der Erde. Du süßes Grab, deine Lippen sind Totenglocken, deine Stimme ist mein Grabgeläute, deine Brust mein Grabhügel und dein Herz mein Sarg. (ebd.) Bezeichnenderweise spricht die Dame am Spieltisch, von dem das Ehepaar Danton, räumlich isoliert, weil etwas weiter weg (GB, S. 23, Szenenanweisung) sitzt, direkt im Anschluss an Dantons Bekundungen prognostisch das Urteil: Verloren! (GB, S. 24) Auch enthält er sich nahezu gänzlich der politischen Diskussion, die seine Freunde führen. Erst als er von Camille aufgefordert wird, den Angriff im Konvent (GB, S. 26) zu machen, antwortet er spöttisch mit der Aufzählung einer Konjugationsreihe, einem Sprichwort sowie einer Tautologie: Ich werde, du wirst, er wird. Wenn wir bis dahin noch leben, sagen die die alten Weiber. Nach einer Stunde werden sechzig Minuten verflossen sein. (GB, S. 26f.) Schließlich stellt er zu Julie sagend fest: Ich muß fort, sie reiben mich mit ihrer Politik noch auf. (GB, S. 27)

Dantons Flucht aus der Welt der Politik führt ihn in sein hedonistisches Lebensprinzip[35], das er im Gespräch mit Robespierre formuliert: Es gibt nur Epikuräer, grobe und feine, [...]. Jeder handelt seiner Natur gemäß d. h. er tut, was ihm wohl tut. (GB, S. 48) Und genau dieses Laster ist zu gewissen Zeiten Hochverrat (GB, S. 48), wie Robespierre meint. Der Dialog mit seinem politischen Gegenspieler und die aus den Worten zu seinem Freund Paris[36] resultierenden Handlungen – Wir dürfen keinen Augenblick verlieren, wir müssen uns zeigen! – sind die letzten Versuche einer politischen Aktion.[37] Dass auch diese scheitern werden, zeigt der Dialog zwischen Danton und seinen Freunden zu Beginn des zweiten Aktes, dessen Anfang zudem eine Replik auf Dantons Worte zu Paris darstellt: Camille: Rasch Danton wir haben keine Zeit zu verlieren. Danton: Aber die Zeit verliert uns. [...] Camille: Du sprichst in einem ganz kindlichen Ton. Danton:Sterbende werden oft kindisch. Camille: Du stürzest dich durch dein Zögern ins Verderben, du reißest alle deine Freunde mit dir. [...] Danton: Du hattest mehr recht, als du selbst glaubtest. Ich war bei den Sektionen, sie waren ehrfurchtsvoll, aber wie Leichenbitter. Ich bin eine Reliquie und Reliquien wirft man auf die Gasse, du hattest recht. (GB, S. 53f.)

Die Sektionen, namentlich die Jakobiner, die Cordeliers, der Gemeinderat, der Konvent (GB, S. 54), bei denen er – was im Stück nicht direkt dargestellt ist – nach Rückhalt suchte, stellen nicht nur die revolutionären Institutionen dar, sondern diese sprechen auch ihr Urteil über Danton. Obgleich der Konvent noch ein Mittel wäre (ebd.), hält er auch diesen Versuch für aussichtslos, da er erkennt: Wir haben nicht die Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht. (ebd.) Außerdem ist seine Sehnsucht nach Ruhe so groß, dass er lieber guillotiniert werden, als guillotinieren lassen (ebd.) will. Als Hauptgrund dafür ließe sich einerseits Dantons soeben geäußerte Einsicht in die Sinnlosigkeit politischen Handelns anführen, andererseits aber auch sein genusssüchtiges Naturell, auf welches Robespierre zusammen mit dem Vorwurf der politischen Gesinnungslosigkeit anspielt, wenn er in seiner Rede im Jakobinerclub (I, 3) unter anderem sagt, dass für ihn die Republik [nur] eine Spekulation und die Revolution ein [bloßes] Handwerk war (GB, S. 37). Diesen Charakterzug eines verantwortungslosen Spielers, der gereizt werden muss, damit er handelt, bringen seine Freunde auf den Punkt: Camille: Laßt ihn, glaubt ihr er könne die Finger davon lassen, wenn es zum Handeln kommt? Hérault: Ja, aber bloß zum Zeitvertreib, wie man Schach spielt. (ebd.) Dantons Hedonismus stellt aber nicht nur für Robespierre und die Sektionen einen Verrat an der Revolution dar, sondern ebenso für das Volk. Zu der Volksmeinung – Nieder mit Danton! Nieder mit dem Verräter! (GB, S. 98) – am Ende des 3. Aktes führt nicht zuletzt die Aussage eines Bürgers: Danton hat schöne Kleider, Danton hat ein schönes Haus, Danton hat eine schöne Frau, er badet sich in Burgunder, ißt das Wildbret von silbernen Tellern und schläft bei euren Weibern und Töchtern, wenn er betrunken ist. (ebd.) Doch als Danton bemerkt, dass ihm auch seine Flucht in den Hedonismus nicht die ersehnte Ruhe (GB, S. 94) bringt, ist er schon in den engen Wänden der Conciergerie gefangen, die bald so eng sind wie ein Sarg (GB, S. 101). Den Tod im Auge hofft er nun die Ruhe im Nichts (GB, S. 94) finden zu können, doch dies scheitert an dem verfluchte[n] Satz: etwas kann nicht zu nichts werden! Und ich bin etwas, das ist der Jammer! (ebd.) Darin drückt sich Dantons materialistisches Weltbild aus, das es ihm verbietet an Gott zu glauben, denn er ist, wie er selbst bekundet, ein Atheist (ebd.). Allerdings scheint er an anderer Stelle Gott durchaus als Instanz zu akzeptieren: Es ist jetzt ein Jahr, daß ich das Revolutionstribunal schuf. Ich bitte Gott und Menschen dafür um Verzeihung, ich wollte neuen Septembermorden zuvorkommen [...]. (GB, S. 82)

Über seine historischen Quellen hinaus betont Büchner mehrfach die nachdenklich-melancholische Seite seiner Hauptfigur. Exemplarisch ist dafür die Szene auf dem freiem Feld (II,4), wo er grübelt: Man hat mir von einer Krankheit erzählt, die einem das Gedächtnis verlieren mache. Der Tod soll etwas davon haben. Dann kommt mir manchmal die Hoffnung, daß er vielleicht noch kräftiger wirke und einem alles verlieren mache. Wenn das wäre! (GB, S. 64) Der Dichter verleiht so der historisch bedeutsamen, aber mit Blut befleckten Revolutionsfigur, die im Drama allerdings politisch handlungsunfähig ist und stattdessen genießt, menschlich-sympathische Züge und macht ihn zu einem ambivalenten „Helden“. Trotz all der starken Argumente, dass sein Tod nur eine Frage der Zeit sei, redet er der kargen Hoffnung das Wort: Das ist nur leerer Lärm, man will mich schrecken, sie werden’s nicht wagen. (ebd.) Dies als karge Hoffnung zu verstehen, wäre fast zuviel des Guten. Vielmehr scheint es ein letztes Klammern an einen Hoffnungsschimmer zu sein, eine Illusion von Hoffnung, denn Danton weiß um die Folgen seiner Entscheidung, nicht zu fliehen, da er keinerlei Rückhalt in den Gremien der Revolutionsbewegung mehr hat und Robespierres Absicht kennt.

Aber auch in der folgenden Szene, kurz vor Dantons Verhaftung, kommt sein ambivalentes Wesen durch sein quälenden Gewissens bezüglich der Septembermorde[38] zum Ausdruck, wenn er am Fenster spricht: Will denn das nie aufhören? (GB, S. 65) Und es daraufhin erfolgreich mit dem Verweis auf sein unfreies Ich beruhigt: Das war Notwehr, wir mußten. Der Mann am Kreuze hat sich’s bequem gemacht: es muß ja Ärgernis kommen, doch wehe dem, durch welchen es kommt. Es muß, das war dies Muß. Wer will der Hand fluchen, auf die der Fluch des Muß gefallen? Wer hat das Muß gesprochen, wer? Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst! (GB, S. 67) Wenngleich Büchner hier seiner Figur Danton eigene Gedanken aus dem „Fatalismus“-Brief in den Mund legt, ist äußerste Vorsicht geboten, davon auf eine wie auch immer geartete Identität der Figur mit seinem Autor zu schließen.[39] Doch in Opposition zu den historischen Quellen lässt Büchner seinen Danton zu keiner Zeit ein politisches Programm formulieren. Dieses kommt nur indirekt durch seine Gefolgschaft und durch seine politischen Gegner zum Vorschein.

Dantons Gefolgschaft

Dantons Gefolgschaft ist differenziert zu betrachten. So werden zwar im Personenverzeichnis außer ihm acht Deputierte genannt, historisch gesehen, gehören aber Mercier und Payne zur Gruppe der Girondisten. Auch Legendre und Fabre d’Eglantine heben sich ab, weil sie zwar zu den Dantonisten gehören, jedoch ihr tödliches Schicksal nicht teilen. Zur eigentlichen Gefolgschaft Dantons und damit zu den gemäßigten Jakobinern gehören – nach Auskunft Lacroix’ in I, 5 (GB, S. 45) und St. Justs in I, 6 (GB, S. 51) – lediglich: Lacroix, Camille Desmoulins, Philippeau und Hérault-Séchelles.

Drei von ihnen, nämlich Hérault, Camille sowie Philippeau erörtern in der Eröffnungsszene (und nur dort!) das politische Programm der Gemäßigten. Zunächst verleiht Hérault den politischen Gegnern der Dantonisten Gesichter, indem er sagt: St. Just säh’ es nicht ungern, wenn wir wieder auf allen Vieren kröchen, damit uns der Advokat von Arras nach der Mechanik des Genfer Uhrmachers Fallhütchen, Schulbänke und einen Herrgott erfände.[40] (GB, S. 25) Sie empfinden ihre Gegner offenbar als regressive Kräfte, wie Philippeaus Worte nahe legen: Wir müssen vorwärts. Der Gnadenausschuß muß durchgesetzt, die ausgestoßenen Deputierten müssen wieder aufgenommen werden. (ebd.) Das höhere, weil fernere politische Ziel der Dantonisten liefert daraufhin Hérault: Die Revolution muß aufhören und die Republik muß anfangen. In unseren Staatsgrundsätzen muß das Recht an die Stelle der Pflicht, das Wohlbefinden an die der Tugend und die Notwehr an die der Strafe treten. Jeder muß sich geltend machen und seine Natur durchsetzen können. Er mag nun vernünftig oder unvernünftig, gebildet oder ungebildet, gut oder böse sein, das geht den Staat nichts an. [...] Jeder muß in seiner Art genießen können, jedoch so, daß keiner auf Unkosten eines andern genießen oder ihn in seinem eigentümlichen Genuß stören darf. (GB, S. 26) Diese Worte beinhalten ein liberales Staatsideal, das zwar die natürliche Ungleichheit der Menschen akzeptiert, sie vor dem Gesetz aber als gleich ansieht. Jeder hat dieselben Rechte und darf tun und lassen, was er will, solange dies nicht auf Kosten anderer Bürger geht oder sie in ihren Rechten einschränkt. Allerdings wird verschwiegen, wie dieses Ideal erreicht werden soll. Die dantonistische Ansicht, dass auch den politischen Gegnern gegenüber Nachsicht zu walten habe, und dass der Terror ein Ende haben muss, ist in den Augen Robespierres jedoch gleichbedeutend mit dem Verzicht auf die weiterführende soziale Revolution (GB, S. 46), was aus Héraults Worten zwar nicht direkt hergeleitet werden kann, aber ihnen auch nicht widerspricht.

Das liberale Ideal der Dantonisten trägt zudem auch epikureische Züge, was Hérault bereits durch die Verwendung des Begriffs Genuß andeutet. Offenbar wird es allerdings erst durch die Worte Camilles: Wir wollen nackte Götter, Bachantinnen olympische Spiele und von melodischen Lippen: ach, die gliederlösende, böse Liebe! [...] Der göttliche Epikur und die Venus mit dem schönen Hintern müssen statt der Heiligen Marat und Chalier die Türsteher der Republik werden. (ebd.)

Obgleich seine Gefolgschaft konzentrisch um Danton geordnet ist und St. Just sie als seine Pferde und Sklaven (GB, S. 51) bezeichnet, verbindet alle fünf im Gegensatz zu ihren Widersachern keine bloßes Interessenbündnis, sondern eine innige Freundschaft. Eine, die bis zum Tod, sogar darüber hinaus bestand hat, was in Dantons Worten zum Henker zum Ausdruck kommt: Kannst du verhindern, daß unsere Köpfe sich auf dem Boden des Korbes küssen? (GB, S. 112)