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Jan Meisler war Monate auf Reisen, um neue Medikamente für seinen Arbeitgeber zu suchen. Doch sein Forschungsprojekt landet in der Mülltonne. Frustriert geht Jan zu einem Konzert osteuropäischer Musiker. Die Geigerin Sopiko spielt ein Lied aus Georgien, das er von Kate Bush kennt. Er spricht sie nach dem Konzert an und führt die Musiker in ein Brauhaus in Köln. Sopiko führt ihn in die musikalische Welt ihrer Heimat Georgien ein. Von neuem Forschergeist beseelt, hilft Jan Sopiko, die Spuren ihres Großvaters in Frankreich zu finden, der nach dem II. Weltkrieg nicht mehr nach Georgien zurückkehren konnte. Geblieben ist von ihm nur ein Bild seines Ensembles. Jan und Sopiko kommen sich näher, aber die Trennung droht. Bei seiner Familie versucht Jan beruflichen und privaten Ärger zu vergessen. Er spielt Lieder aus Georgien, die Sopiko ihm beigebracht hat. Bei seiner Großmutter Elvira löst er damit eine Kettenreaktion aus. Auf der Suche nach Erinnerungen steigt sie auf den Dachboden und stürzt ins Koma. Als Jan ihre Sachen für das Krankenhaus packt, stößt er ausgerechnet auf Sopikos Bild des Ensembles. Jan weiß nun, dass er seine Großmutter ins Koma gebracht hat. Und er weiß, dass er einen der Männer auf diesem Bild aus Georgien finden muss, um sie zu retten. Denn dieser Mann ist sein Großvater.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Thomas Berscheid
Thomas Berscheid
Georgische Wurzeln
Georgische Wurzeln
Roman
Thomas Berscheid
Georgische Wurzeln
Roman
Biografischer Roman
Berscheid Verlag
Impressum
Texte: © 2024 Copyright by Thomas Berscheid
Umschlag: © 2024 Copyright by Irma Berscheid-Kimeridze unter Verwendung von Design und KI-Bild von canva.com
Verantwortlich
für den Inhalt: Thomas Berscheid
Johannes-Albers-Str. 10
50767 Köln
www.berscheid-verlag.de
Druck: Veröffentlicht über tolino media
Jan war heiß. Sehr heiß. Eine Schweißperle nach der anderen lief an seiner Nase herunter und tropfte auf die Tastatur des verstimmten Pianos, über dem sein Kopf hing. Seine Hände drückten die Tasten langsam nieder und entlockten dem alten Instrument eine Melodie, die er vor ein paar Tagen aufgeschnappt hatte.
Er versuchte sich so wenig wie möglich zu bewegen, damit er nicht spürte, wie nass sein Hemd am ihm klebte. Vor seinen inneren Augen erschien ein Wasserfall. Eine Quelle mit einem klaren, kühlen Wasserfall irgendwo in einem Gebirge. Wo hatte er diese Quelle gesehen? War das jetzt auf der Reise? Nein, er hatte sie selber nicht gerochen und ihren Klang nicht gehört. Also hatte er sie bestimmt in einem der Prospekte gesehen, die er zu Hause liegen hatte. War das in Japan? Norwegen? Kanada? In den Anden? Im Kaukasus? Er wusste es nicht mehr.
Es waren erst ein paar Tage vergangen, seit Jan in Rio gelandet war. Er war mit einem weiteren Flieger nach Manaus gereist und dann auf ein Boot umgestiegen. Nun befand er sich irgendwo im Nichts des Amazonasbeckens, in einer Kneipe im Regenwald, in der er der einzige Gast war. Und da erkannte Jan auch die Melodie, die er in die Tasten drückte: „The girl from Ipanema.“
Und nun, als Jan gerade dabei war, auch den Rest seines Hirn verdunsten zu fühlen, stürmte ein Wirbelwind in diese Kneipe am Ende der Welt. Luiz rannte durch die offene Tür in einem Tempo, das bei einem Mitteleuropäer um diese Tageszeit zum sofortigen Ableben geführt hätte. Er sah sich hektisch in der dunklen Kneipe um. Er hörte Jan, bevor er ihn sehen konnte. Dann stürmte er auf den blonden Mann zu, der über dem Piano hing.
Luiz berichtete in kurzen Worten, dass sie die Höhle gefunden hätten. Jan fragte mit ein paar Bruchstücken auf portugiesisch nach, was genau Luiz meinte, ohne sich aus der Starre zu erheben. Luiz nahm das Wort für Pilze in den Mund.
In der kurzen Zeitspanne eines Augenschlages mutierte Jan vom Zombie zum berstenden Energiebündel. Er sprang vom Piano auf, griff seinen Rucksack und stürmte zur Tür, winkte Luiz mit der Hand zu, schnell zu machen. Mit der Linken fischte er die Sonnenbrille aus der Brusttasche des klebenden Hemdes. Er wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Nase und setzte die Brille auf. Dann rannten beide ins Dickicht des Regenwaldes.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie zu einer Lichtung kamen, auf der kein Baum in der Mitte wachsen konnte. Denn hier ging es tief bergab. Eine Höhle hatte sich über Jahrhunderte in den Boden des Regenwaldes gegraben. Diese Höhle war genau, was Jan gesucht hatte! Am Abgrund standen eine Handvoll Männer, alles Mitarbeiter der Expedition, die Jan für diese Suche angeheuert hatte. Jan fragte mit seinem kürzlich erlernten Portugiesisch, ob schon mal jemand in der Höhle gewesen sei. Alle schüttelten den Kopf. Er fragte, wer mit ihm heruntersteigen wollte. Alle Männer um ihn herum blickten in die Bäume, pfiffen eine lustige Melodie vor sich hin und schienen die Frage nicht verstanden zu haben.
Jan setzte einen kurzen Fluch in deutscher Sprache in die Welt und riss seinen Rucksack auf. Er legte die Gurte seiner Bergsteigerausrüstung an und forderte Luiz auf, ihm beim Anlegen eines Seiles zu helfen. Das andere Ende des Stranges machte Jan selbst an einem stabilen Baum fest. Er stemmte ein Bein gegen den Baumstamm, schlang das Seit in einer Schlaufe um beide Hände und zog mit aller Kraft am Seil. Der Knoten hielt. Schließlich hängte er seine Seitentasche um. Dann ließ er sich über die Kante gleiten. Eine Reihe neugieriger Augen beobachtete seinen Abstieg.
Kaum war Jan ein paar Meter in die Tiefe gestiegen, wurde es etwas kühler. Doch dies merkte er nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Wände der Höhle gerichtet. An vielen Stellen blitzte der nackte Fels durch. Jan hangelte sich ein Stück zur Seite. Einige Verfärbungen auf dem Fels sahen vielversprechend aus. Mit der Hand tastete Jan sich an der Wand entlang, lies ein Stück nach, suchte den Fels ab.
Jan war jetzt in seinem Element. Bei dem, was er nun tat, brauchte er nicht auf seine Hände zu sehen. Schon als kleiner Junge war er mit Messer und Plastikbeutel in den Garten gezogen, um Großmutters Geranien zu zerlegen. Nun griff er in die Seitentasche, nahm einen Beutel heraus, in dem eine sehr scharfe Klinge steckte. Damit ging er ganz nah an den Fels.
Die Männer am oberen Rand der Höhle schreckten zusammen, als sie Jans begeisterten Schrei aus der Tiefe hörten.
Wenige Tage später war Jan wieder zurück in der Zivilisation. Auf dem Flughafen in Sao Paolo gab es eine Klimaanlage. Die Zeit des Schwitzens war für Jan vorbei. Er hatte die letzte Nacht im Hotel dazu genutzt, sich den Bart zu rasieren und endlich kühles Wasser über seine Haut laufen zu lassen. Weniger als eine Stunde noch, dann würde es für ihn wieder zurück nach Deutschland gehen. Dann hätte eine fast drei Monate dauernde Odyssee rund um die Welt ihren Abschluss.
Jan fuhr sein Laptop hoch. Er warf einen Blick auf die Uhr. Kollegin Christiane müsste noch im Büro sein. Er öffnete Skype. Jan stellte das Laptop auf dem freien Sitz neben sich ab. Während der Rechner die Verbindung suchte, nahm Jan den Beutel mit dem Pilz aus seinem Handgepäck.
„Hallo?“ meldete sich Christiane, die über die Webcam nur die Rückenlehne sehen konnte. „Jan? He! Jan! Wo bist du?“
Jan drehte den Laptop so, dass er Christiane sehen konnte. Und sie ihn.
„Na endlich meldest du dich mal wieder!“ begrüßte Christiane ihn.
„Ich habe ihn!“ Jan hielt den Beutel freudestrahlend vor die Kamera des Laptops. „Der letzte Fungus in meiner Sammlung.“
„He, wo bist du denn wieder herumkrochen?“ fragte Christiane. „Bist du wieder...“
Sie unterbrach mitten im Satz. Jan sah, dass ihre Augen auf eine Stelle vor der Sitzreihe gerichtet waren, die seine Kamera gerade noch an der Seite einfing. Dort ging ein junger Mann vorbei, in recht knapper Sportkleidung, die einen Blick auf viel dunkle Haut freigab. Jan drehte das Laptop so, dass Christiane dem jungen Mann mit den Augen folgen konnte. Als er aus dem Blickfeld entschwand, hörte er sie seufzen.
Jan drehte das Laptop wieder so, dass er Christiane sehen konnte. Dann warf er einen Blick auf eine dunkelhäutige Stewardess, die gerade in sommerlich kurzem Rock auf hohen Hacken an ihm vorbei schwebte.
„Reden wir über Pilze“, seufzte Jan in sein Laptop. „Das ist besser als braune Augen.“
Jan rückte sich die Krawatte zurecht. Er fühlte, wo der Knoten saß, der das Stück dünner Seide eng um seinen Hals legte. Nur ein Stück Stoff, das... Ja, das sich anfühlte wie ein Strick. Ein grober, dicker Strick, der sich enger, immer enger... Plötzlich fühlte Jan sich Jahrhunderte zurück versetzt. Das hier war das Mittelalter. Er hatte einen langen Prozess der Heiligen Inquisition hinter sich, sie hatten ihn auf der Streckbank und mit glühenden Eisen gefoltert, er hatte gestanden und nun führten sie ihn auf den Galgen, den tödlichen Strick schon um den Hals gelegt. Gleich würden sie ihn daran aufhängen, vor den Augen aller Leute, aller Honoratioren der Stadt. Quälende Minuten lang würde er mit dem Tod kämpfen, mit den Beinen in der Luft zucken, seine Kräfte schwinden fühlen, während sich der Strick enger, immer enger in seinen Hals einschneiden würde. Die Menschen hier im Raum würden alle seine Bewegungen genauestens beobachten, würden ihn verspotten, ihn beschimpfen, bis alles Leben aus ihm gewichen sei. Und selbst wenn er tot wäre, dann würden sie ihn noch anbrüllen, mit Worten wie...
„Herr Meisler!“
Jan zuckte zusammen. Von einer Sekunde auf die andere war er wieder im Hier und Jetzt. Das Hier war nicht der Marktplatz einer kleinen Stadt. Das Jetzt war nicht das Mittelalter. Und es war auch nicht der Henker, der Jans Namen aufrief, sondern Jans Abteilungsleiter Dr. Breugel, der Leiter der medizinischen Forschung. Er saß weiter vorne als Jan, zusammen mit den anderen Managern des Unternehmens. Sie alle befanden sich einem abgedunkelten und angenehm klimatisierten Besprechungsraum in einem Unternehmen der Chemiebranche, in dem heute der Richtspruch über die Projekte der kommenden Jahre fallen sollte.
Mit einem Gefühl der Erleichterung atmete Jan durch. Unbewusst lockerte er den Knoten an seinem Hals ein wenig. Er nahm die Hand von der Krawatte. Die Innenfläche der Hand war nass. Unbequem rutschte er auf seinem dünn gepolsterten Stuhl hin und her. Er nahm einen letzten Schluck Wasser, hustete kurz vor Aufregung.
Einige Augen waren auf Jan gerichtet. Er atmete durch, nahm einen hellbraunen Karton unter den Arm und stand auf. Der Karton fiel ihm aus den Händen. Ein kleines buntes Kästchen sprang aus dem Karton und sauste auf den Teppichboden. Jan unterdrückte einen Fluch und warf die kleine Box hektisch zurück in den Karton. Er spürte, dass ihm nun alle Augen neugierig folgten.
Mühsam versuchte Jan seine Nervosität im Zaume zu halten. Um Gottes Willen, jetzt nur keinen Fehler machen! Er ging zum Kopfende des Tischs, den Blick schnurstracks geradeaus gerichtet. Dabei ging er an Dr. Schnorrer vorbei, dem Leiter des Controllings, der mit dem Richtschwert über alle Projekte urteilen würde, die heute an diesem Tisch entschieden würden. Der Schauer des aufdringlichen Parfums der Assistentin führte ihn für Augenblicke zurück in den Urwald. Dr. Böhmer, Leiter des Marketing, drehte sich ein Stück zu dem Karton hin. Er raunte Dr. Schnorrer etwas zu, was Jan nicht hören konnte. Die Packungen im Karton schlugen hohl klingend gegeneinander. Endlich war er am Rednerpult, ohne dass eine weitere Katastrophe dazwischen gekommen war.
„Meine Damen und Herren“, sagte Jan und setzte den Karton auf dem Tisch ab, „ich will mit Ihnen heute eine Zeitreise machen.“ Seine Stimme klang belegt, unsicher, er zog den Kopf ein wenig zwischen die Schultern, wagte nicht in die Runde zu blicken.
Jan nahm seinen USB-Stick aus dem Jackett und steckte ihn in das Notebook, das auf dem Tisch stand. Zwei Töne sagten ihm, dass sein Datenstab erkannt war. Jan klickte auf eine Präsentation. Hinter ihm erschien das Bild des Urwalds, durch den er wenige Tage zuvor in Brasilien gekrochen war.
„Ich möchte Sie entführen“, erklärte Jan. „Nicht nur in den Dschungel.“
Er blickte in die Runde. Er spürte, dass die Nervosität von ihm wich, dass er ohne Strick um den Hals frei atmen konnte. Er straffte sich.
„Ich will Ihnen heute die Welt der Zukunft zeigen.“
„Dann fangen Sie am Besten gleich mit den Lottozahlen für morgen Abend an!“ warf Dr. Schnorrer ein. Nur eine Kollegin am Tisch lachte. Schnorrers Assistentin. Sie war schnell wieder still.
Jan klickte auf die Präsentation. Das Bild des satten Grün aus dem Amazonasbecken verschwand. Ein Soldat auf einem Bild in Schwarz-Weiß tauchte auf. Dem Mann ging es offensichtlich nicht sehr gut. Er lag auf einem Krankenbett und hatte einen Verband um den Kopf, der sich an einer Stelle dunkel gefärbt hatte.
„Dieser Mann ist im Zweiten Weltkrieg verwundet worden“, erklärte Jan zu dem Bild. „Seine Verletzung wäre mit Sicherheit tödlich verlaufen. Nicht der Schuss hätte diesen jungen Mann umgebracht, sondern die darauf folgende Infektion. Dies, meine Damen und Herren, war der Moment, in dem die Antibiotika ihren Siegeszug in der Welt der Medizin antraten. Krankheiten, die bislang den sicheren Tod bedeuteten, konnten nun erfolgreich bekämpft werden.“
Jan klickte auf eine Taste auf dem Laptop. Das Bild eines Krankenhauses erschien, in dem Kinder in Afrika auf ihre Heilung warteten.
„Über Jahrzehnte hinweg waren Antibiotika der Garant dafür, die früheren Geißeln der Menschheit abstreifen zu können. Das Schreckgespenst der tödlichen Infektionen schien gebannt.“
Jan nahm den Karton hoch. Er kippte seinen Inhalt mit einem Schlag auf den stabilen Holztisch. Ein rundes Dutzend Packungen von Medikamenten hüpfte über den Tisch. Dr. Breugel erkannte an Schrifttype und Farbe, das manche von ihnen schon 30 Jahre alt sein mussten.
„Das sind alles Antibiotika früherer Zeiten“, erklärte Jan.
Er warf einen Blick in das Publikum. Nun hörten ihm alle Menschen am Tisch gebannt zu. Auch Dr. Schnorrer, den Jan kurz fixierte.
„Früher waren das Wundermittel“, dozierte Jan. „Heute sind sie wirkungslos“.
Ein weiteres Bild zeigte den Pilz aus der Höhle irgendwo im Amazonasbecken. Daneben eine glückliche Familie, irgendwo in einem sommerlich grünen Garten.
„Aber es gibt eine Lösung für die Zukunft der Menschheit“, rief Jan in die Runde, „und die liegt vor unserer Haustür. Den Weg dahin werde ich Ihnen nun weisen.“
Jan war nun voll in seinem Element. Er schilderte mit dunkler Stimme, untermalt mit dunklen Bildern, wie er in Höhlen herumgekrochen war. Warf dann Bilder vom Mikroskop an die Wand. Skizzierte mit bebender Zunge die Vision einer Zukunft, in der alle ansteckenden Krankheiten mit diesen kleinen Lebewesen eingedämmt werden konnten. Malte inbrünstig die wirtschaftlichen Vorteile dieser Zukunft für das Unternehmen aus.
Jan war mit seiner Präsentation zufrieden. Er sammelte die Verpackungen der Medikamente ein, von denen einige älter waren als er selber, und legte sie in den Karton. Dann setzte er sich auf den Stuhl am Kopfende des Tischs.
„Ein sehr schöner Vortrag, Herr Meisler“, nickte Dr. Breugel ihm zu. „Ich sehe, dass Ihre Reise nicht nur schöne Bilder gebracht hat, sondern auch eine Menge an Ideen“.
„Von Ideen können wir nicht leben“, schoss Dr. Schnorrer quer.
„Wir sollten die Forschung nicht vernachlässigen“, warf Dr. Breugel ein. „Das rächt sich in der Zukunft. Der Etat...“
„Über Ihren Etat entscheiden wir nicht heute und nicht hier“, schnitt Dr. Schnorrer dem Leiter der Forschung das Wort ab. „Das wird in den kommenden Wochen geschehen. Bis dahin müssen wir wissen, was sich für die Firma lohnt. Sonst“, er blickte in die Runde, „sehen wir uns in der Schlange für Hartz IV, meine Herren.“
„Welcher Zeithorizont steckt hinter Ihrem Projekt, Herr Meisler?“ fragte Dr. Böhmer.
„Wir reden hier von...“ hob Dr. Breugel an.
„Bitte“, unterbrach ihn der neben ihm sitzende Dr. Böhmer. „Ich möchte eine Einschätzung von Herrn Meisler hören. Ihre Ansicht in Ehren, Dr. Breugel, aber Herr Meisler steckt mit beiden Ohren in diesem Projekt.“
„Das wird in diesem Jahr keinen Gewinn abwerfen“, antwortete Jan. „Bis wir die erste Anwendung zur Marktreife entwickelt haben, gehen mit Sicherheit 5 Jahre ins Land. Und dann wissen Sie selber, dass wir bis zur Zulassung noch weitere 5 Jahre einrechnen können.“
Dr. Böhmer antwortete nichts. Dr. Schnorrer griff in die Aktenmappe, die vor ihm lag. Er holte eine kleine Verpackung heraus, griff hinein und warf eine kleine blaue Pille auf den Tisch. Die Pille sprang über den Tisch, prallte auf der Tischplatte auf, hüpfte wieder in die Höhe, drehte ein paar Pirouetten, verlor dann die Lust an der Bewegung und blieb liegen. Alle Augen war auf die kleine blaue Raute gerichtet.
„Damit“, wandte sich Dr. Böhmer nacheinander mit Blicken an Dr. Breugel und Jan, „werden wir in der gleichen Zeit Milliarden verdienen. Das schon ab dem nächsten Quartal. Und nicht erst in 10 Jahren“.
Mit dem Karton unter dem Arm ging Jan durch den Flur zu seinem Büro. Zwei Kollegen kamen ihm entgegen. Beide frönten in der Freizeit dem Bodybuilding. Sie sahen Jan nur kurz ins Gesicht. Sahen den absoluten Willen zum Töten in seinen Augen. Beide drückten sich mit eingezogenen Bäuchen nebeneinander an die Seite des Flurs. Jan machte nicht einen Millimeter den Anschein, beiden in dem engen Flur Platz zum Ausweichen zu geben.
Mit dem Ellbogen drückte Jan die Türklinke zu seinem Büro herunter. Er schob die Tür mit dem Schuh auf, mit einem kräftigen Ruck, in den er all seine Wut legte. Er packte den Karton mit beiden Händen und knallte ihn mit Wucht auf den Boden. Die Packungen schepperten, eine von ihnen flog in hohem Bogen aus dem Karton und überschlug sich ein paar Mal auf dem Teppichboden, bevor sie reglos liegen blieb.
Jans Kollegin Christiane zog ihr Headset ab und warf einen Blick in die Richtung, aus der sie den einen scheppernden Lärm gehört hatte. Jan riss sich die Krawatte vom Hals und warf sie in Richtung des Garderobenständers. Ach, er hatte schlecht zielen geübt. Das teure Halstuch aus Seide rutschte an seiner atmungsaktiven Jacke vorbei auf den Boden. Jan knallte die Bürotür zu.
„Ich brauche dich wohl nicht zu fragen, wie es gelaufen ist“, sagte Christiane. In ihren Mundwinkeln lag die Andeutung eines Lächelns. Gestern stand sie dort, wo Jan heute seine Abfuhr bekommen hatte. Und sie hatte ihre Gelder bewilligt bekommen. Mit Demenz ließ sich heute schon gutes Geld verdienen.
Jan gab nur ein Murren als Antwort. Er riss die Schublade seines Schreibtischs auf und warf den USB-Stick hinein. Er legte zu viel Wut in den Wurf. Der Stick sprang wieder hinaus wie ein störrisches Tier. Jan pfefferte den Stick erneut in den Schublade und knallte sie zu, bevor der Stick fliehen konnte.
„Was hat Dr. Schnorrer gesagt?“ fragte Christiane weiter gegen die Wand aus grimmigem Schweigen.
„Er hat diese Potenzpille auf den Tisch geworfen“. Jan machte die Handbewegung des obersten Rechnungsprüfers nach.
„Ja, ein paar Änderungen an der Rezeptur“, nahm Christiane Jans Idee auf, „ein neues Patent, und schon klingelt die Kasse für weitere 20 Jahre. Kostet dann die Forschung und das Legal Department soviel, wie in einem Monat an Gewinn reinkommt.“
„Toll“, gab Jan zurück und zog sein Jackett aus. „Für Potenzpillen ist Geld da. An die Zukunft denkt keiner. He, ich bin in den letzten drei Monaten mindestens zweimal um die Erde geflogen! Ich habe mir von Indianern im Amazonasbecken Pilze zeigen lassen, die alles abtöten, woran man sich anstecken kann! Ich bin in den Staaten in Höhlen rein gekrochen und habe Bakterien gesehen, die seit Tausenden von Jahren erfolgreich ihr Leben ohne Sonne fristen! Interessiert die nicht.“
„Ja, mit Euch Männern lässt sich gutes Geld machen.“ Sie streckte einen Zeigefinger parallel zum Tisch und ließ diesen langsam krumm werden.
„Vielleicht sollte ich mich um einen reinen Bürojob kümmern“, dachte Jan laut nach. „Einfach nur von morgens bis abends irgendwelche Meetings, ein paar Statistiken machen und dann nach Hause gehen.“
Christiane lachte schallend auf.
„Du und Bürohengst!“, rief sie laut aus und lehnte sich zurück in den Sessel. „Dabei kannst Du doch nicht mal eine Stunde still sitzen. Du hast doch schon im Studium lieber Feldarbeit gemacht als in der Bibliothek gesessen. Was hast du vom dem Survivaltraining in Norwegen geschwärmt!“
Sie beugte sich zu ihm nach vorne über den Schreibtisch.
„Ne, mein Lieber, das schaffst Du nie.“
Jan warf einen längeren Blick auf Christiane. Sie hatten sich schon im Grundstudium in Heidelberg kennengelernt. Hatten sich nie aus den Augen verloren. Und sie war es auch, die Jan in dieses Büro geholt hatte.
„Dann hätte ich mir wenigstens ein lebendiges Souvenir mitnehmen sollen“, antwortete Jan deutlich ruhiger.
Christiane rückte an ihren Schreibtisch heran und kramte ein Bild hervor, dass sie hinter ihrem Monitor versteckt hatte. In dem Rahmen lächelte sie ein dunkelhäutiger junger Mann mit braunen Augen an. Mit Samba im Blut.
„Vielleicht hätte ich doch mitkommen sollen“, seufzte sie und ließ das Bild zwischen Wand und Schreibtisch auf den Teppichboden fallen. Der Bilderrahmen hopste ein, zweimal in die Höhe und blieb dann liegen, ohne Sprung im Glas, mit dem Blick des jungen Mannes nach oben. Christiane sah es nicht.
Jan legte sein Notebook in den Rucksack, ging zum Garderobenständer und nahm sein Jackett.
„Ich bin die nächste Woche nicht da“, sagte Jan zum Abschied. „Ich hab genug Überstunden gesammelt. Und ich bin für niemanden zu erreichen.“
Jan riss die Tür auf und rauschte aus dem Büro. Christiane sah ihm nach, wie sein Schatten in der Ferne des Flures verschwand.
„Mann, war der angepisst...“ sagte sie und biss sich auf die Unterlippe.
Sie stand auf, machte die Tür leiser als Jan zu und hockte sich neben die Garderobe. Sie warf die auf dem Teppichboden liegende Packung eines vollkommen aus der Mode gekommenen Antibiotikums zurück in den Karton. Dann nahm sie die Krawatte und ging damit zu ihrem Schreibtisch.
Die Tür des Büros ging erneut auf, allerdings diesmal erheblich gemächlicher als bei Jan. Dr. Breugel trat ein.
„Christiane, ist Jan noch nicht wieder da?“ fragte ihr gemeinsamer Chef.
„Der hat sich gerade in einem etwas wütenden Zustand in eine Woche Urlaub verabschiedet“, antwortete sie trocken. „Und er ist nicht erreichbar.“
„Verstehen kann ich ihn“, sagte er und machte ein paar Schritte in die Tür hinein.
Christiane sah ihrem Chef in die Augen und sagte nichts. Sie wartete ab.
„Machen Sie bitte Ihre Projektliste fertig, Christiane“, sagte er dann. „Kommen Sie in einer Viertelstunde in mein Büro.“
Als Dr. Breugel aus der Tür war, atmete Christiane erstaunt durch.
„Wow“, sagte sie zu sich, „war das jetzt ein Booster für die Karriere?“
Sie stand auf, beugte sich über den Tisch, suchte in alten Ausdrucken. Ihr Blick fiel auf den Boden neben der Wand. Sie sah ein paar braune Augen, die sie aus einem Bilderrahmen anlächelten.
Dann setzte Christiane den Absatz eines Schuhs auf das Bild und zermalmte das Glas in Tausend Splitter. Ihr Absatz durchbohrte den Kopf auf dem Fotopapier. Sie biss wütend die Zähne aufeinander. Und weigerte sich, eine Träne zu vergießen.
Jan parkte seinen Dienstwagen in einer Parklücke am Rheinufer. Er stieg aus und warf einen Blick über den Fluss. In der Ferne sah er das kastenförmige Hochhaus, in dem man ihm gerade die rote finanzielle Karte gezeigt hatte. Dahinter nahm er schemenhaft das Kreuz wahr, das nachts über die Stadt und den Fluss strahlte. Er wandte seinen Blick ab. Mit diesem Betrieb hatte er nichts mehr zu tun.
Mechanisch schloss Jan die Haustür auf, warf einen Blick in den Briefkasten und lief die Treppe beide Etagen hoch. Die weißen Wände des Treppenhauses glitten schemenhaft vor seinen Augen vorbei. Die Nachbarin in der ersten Etage brüllte hinter ihrer Wohnungstüre irgendetwas ins Telefon. Der Sohn des Nachbarn auf der anderen Seite der Etage vergnügte sich gerade mit Homer Simpson. Jan nahm alles nicht wahr.
Abwesend schloss er die Tür zu seiner Wohnung auf. Er ging in den Flur, warf die Tür hinter sich zu, ohne zu denken. Der Flur war eng, Jan konnte beide Wände zugleich mit der Hand berühren, aber diese Wände schienen ihm nun unendlich weit entfernt. Er hängte seine Jacke an der Garderobe auf. Jetzt, da er sich im Spiegel sah, diesen merkwürdigen blonden alten Mann an der Wand, da fühlte er in weiter Ferne, dass vielleicht doch ein Mensch in ihm war. „Wo bin ich?“ fragte ein Teil seines Hirns. „Zu Hause, du Dummkopf!“, antwortete ein anderer Teil.
Und langsam, ganz langsam, nach Monaten der Hektik, begann der Mensch in Jan tatsächlich zu erwachen. Die letzten drei Monate hatte er ständig unter Dampf gestanden, getrieben von der Uhr, seinem Handy und seiner Mailbox, mit einer Mission auf Leben und Tod, die sein ganzes Streben erfüllte und sein Leben beherrschte, für die nur er allein lebte. In diesem Meeting heute Nachmittag war diese Mission gestorben. Stunde um Stunde war Jan nun in eine bodenlose Leere gefallen. Nun fühlte er das Ende des Sturzes nahen. Aber würde er den Aufprall überleben?
Durch den kurzen Flur ging Jan in sein Wohnzimmer. An der Wand stand ein Sofa. Doch von dem Stoff der Polsterung war nicht viel zu sehen. In diesem Moment fühlte Jan, dass er in der Wirklichkeit gelandet war. Mit klarem Blick sah er sich im Wohnzimmer um. Ja, er hatte wahrlich ein Chaos hinterlassen! Auf dem Sofa, auf den Tischen und auf der Fensterbank lagen Prospekte von Reiseveranstaltern für die USA, für Mexiko, Nordwegen und Brasilien. Informationen des Außenministeriums, was man in diesen Ländern alles nicht Essen und nicht Trinken, welche Spritzen man sich vorher beim Arzt verpassen lassen sollte. Welche Ziele man sich besser ersparte.
„Brauche ich ja alles nicht mehr“, sagte Jan zu sich und raffte einige Prospekte und Ausdrucke zusammen. Eine Sambatänzerin lächelte ihn an. Er ging die Wurfmaterialien der Reiseveranstalter durch. Manaus präsentierte sich ihm. Bulgarien, Mazedonien und Rumänien lockten mit ihren landschaftlichen und weiblichen Schönheiten. Alles landete im Eimer. Jan ging die Ausdrucke durch.
„Die abtrünnigen Teilrepubliken können bei der derzeitigen Sicherheitslage...“ überflog er einen Ausdruck des deutschen Außenministeriums.
„Ah, Georgien“, rief er aus. „Die Makrophagen in Tiflis. Die Chance des Jahrhunderts! Das kann ich jetzt auch vergessen.“
Er pfefferte den Ausdruck der Webseite des deutschen Außenministeriums mit solcher Wucht in den Papierkorb, dass eine dicke Staubwolke empor gewirbelt kam. Jan wollte den Rest des Stapels durch die Wolke hinterher pfeffern. Für den Bruchteil einer Sekunde blickte er auf einen Prospekt und hielt inne. Vor ein paar Wochen hatte er hier doch etwas gesehen... Er blätterte den Hochglanzprospekt durch. Sah alte Kirchen, eine Festung, junge Frauen mit dunklen Haaren in langen Gewändern. Und dann ein glänzendes Foto einer sprudelnden Quelle im Gebirge, deren Wasser einem kristallinen Vorhang gleich neben einer Straße zu Boden plätscherte.
„Der Wasserfall!“ rief er aus. „Der war das. In Georgien. Bei diesen geilen Fresszellen... Wenn ich das Ding am Amazonas gehabt hätte...“
Er ließ sich auf die Couch fallen und blätterte weiter durch den Prospekt. Fand eine Seite mit einem Sprachführer. Georgisch war ein anderes Alphabet. Die Buchstaben standen mit ihrer Entsprechung in deutsch nebeneinander. Seine Lippen formten Buchstabe für Buchstabe des Alphabets. Jan, ein erwachsener Mann von mehr als 30 Jahren, saß wie ein kleines Kind auf dem Sofa und stotterte sich durch eine ungewohnte Sprache, stotterte sich in eine fremde Welt.
„Ga...“ formte er mit dem Mund, versuchte eine Grußformel zu lernen.
„Gamarjoba“, sprach er langsam Silbe für Silbe. Er ging die Wörter weiter durch, die in der Liste standen, Fragen nach dem Flughafen und Fragen nach einem Mietwagen.
„Und wofür brauche ich das?“ fragte er sich und sah vom Prospekt auf. „Ich komme doch sowieso nirgendwo mehr hin.“
Wütend schmetterte er sämtliche Unterlagen zu Reisen in sein Altpapier, dass sich in seiner Wohnung ein mystischer Nebel aus Staub bildete. Er riss das Fenster auf. Ein Rasierer lag auf der Fensterbank, Jan fing ihn auf und schaffte ihn ins Bad. Endlich hatte er Platz genug, sein Laptop auszupacken.
Jan ging in seine kleine Küche. Hier roch es süßlich nach Verwesung. Zu Beginn des Sommers hatte er Nektarinen geholt, die er reifen lassen wollte, weil sie sich frisch aus dem Supermarkt immer so anfühlten, als würde man in ein Stück Pappe beißen. Nun hatten Fruchtfliegen ihr persönliches Experiment mit diesen Früchten begonnen.
„Ne, aus der Phase der Forschung bin ich raus“, sagte er zu sich. Er nahm ein Blatt Papier aus dem Eimer und schob die weichen Früchte darauf. Eine Wolke von Fruchtfliegen flog auf. Jan hielt den Atem an und warf alles in den Mülleimer.
Im Kühlschrank suchte Jan nach etwas Trinkbarem. Für das erste Bier des Tages war es noch zu früh. Er öffnete eine Tüte Orangensaft, die in der Tür des Kühlschranks stand und warf einen Blick hinein. Auf dem Saft schwammen Pilze, die nicht zu denen gehörten, die Jan in Amerika gesucht hatte. Er kippte den Saft in die Toilette.
Mit einem frischen Glas Wasser aus der Leitung in der Hand kam Jan wieder in das Wohnzimmer. Die Staubwolke hatte inzwischen durch das Fenster den Weg nach draußen genommen.
„Vielleicht sollte ich mir doch eine Putzfrau leisten“, sagte er zu sich. Er strich mit dem Finger über die Kommode, auf der er am Laptop gearbeitet hatte. Überall dort, wo er nicht die Maus entlang geschoben hatte, war ein Belag aus weißem Staub entstanden, der nun im Licht der Sonne tanzte. Jan trank das Glas aus und stellte es auf einem staubfreien Stück der Kommode ab.
In Jans Wohnzimmer gab es genau ein Möbelstück, das nicht verstaubt war, das sogar glänzte, weil Jan jede Staubfluse und jeden Wassertropfen sofort abwischte, auch wenn er sonst nichts im Haushalt tat. Hier hatte er einen magischen Ort, einen Altar, und das war sein Piano.
Mit geübten Bewegungen zog Jan den Hocker vor das Klavier und setzte sich vor die Tastatur. Er strich sanft über die glänzend schwarz lackierte Klappe, unter der sich die schwarzen und weißen Tasten verbargen. Auf dem makellos schwarzen Lack spiegelte sich das Licht der durch die Fenster hinein schneienden Sonne. Fast schien es, als ob das Holz durchsichtig war wie die Kristallkugel einer Wahrsagerin, als ob dort eine andere Welt auf ihre Entdeckung wartete, eine Welt der Magie, des Wohlbefindens, der Liebe und der Weite.
Diese Welt galt es nun zu erforschen. Jan klappte den Deckel nach oben. Noten brauchte er nicht. In seinem Hirn flammte kurz „The girl from Ipanema“ auf. Er hämmerte die Melodie mit Wut in die Tasten, denn er verband mit diesem Lied Hitze, eine tolle Entdeckung und die vollkommene Missachtung seiner Leistung.
Dann hielt Jan mitten in der Melodie inne. Um Gottes Willen, was hatte er getan? Hatte er nicht gerade seine Wut an seinem Instrument ausgelassen, ach was, an seinem Lebenspartner, seinem Rückzugsort in der Brandung des Lebens? Er fasste sich wieder.
Nun setzte Jan seine Finger sanft auf die schimmernden Tasten. Er spielte ein paar Akkorde an, ließ sie lange im Raum stehen. Schloss die Augen und atmete tief durch. A fine Frency, „Almost Lover“. Die Frau hatte er letztens bei Eins Live gehört und das Intro gleich verinnerlicht. Er improvisierte ein paar Takte dazu.
Eine Verwandlung ging mit ihm vor, wie jedes Mal, wenn er wütend nach Hause kam und sich zur Entspannung in die Welt der Musik vertiefte. Sanft drückten Ring- und Mittelfinger ein C und ein H nach unten. Dann perlte ein Akkord durch die Wohnung. Jan atmete ruhig und tief durch. Er drückte zwei Tasten sanft herunter, bis die Hämmer nur noch um Haaresbreite von den Saiten entfernt waren, gab dann Druck auf die Tasten. Erneut erklangen Schwingungen des Lebens aus dem Holzkörper des Pianos.
Die kleine blaue Pille, das Grinsen von Schnorrer, das Kopfschütteln von Breugel... All dies war nun in einer anderen, schlechteren Welt, mit der Jan nichts mehr zu tun hatte. Er war nun in einer besseren Welt, im Universum der Musik, der Kunst, der Magie, in dem es keine Rechnungsprüfer, keine Quartalszahlen und keine Buchhalter gab.
Eine halbe Stunde am Piano hatte Jan mehr erfrischt, als es jeder Joint oder jede Flasche Wodka hätten tun können. Leverkusen lag auf der anderen Seite des Rheins, und auch wenn Jan auf das Haus blicken konnte, in dem man ihm heute sein Projekt zerstört hatte, so war doch der Ärger auf der anderen Seite des Flusses haften geblieben. Er fragte sich, was er mit der kommenden Woche anfangen sollte. Das schwarze Loch, in das er noch eine Stunde zuvor zu fallen drohte, füllte sich langsam mit Materie, mit Bildern, mit Ideen, mit Leben.
Er stellte sich ans Fenster, nahm das Telefon und wählte eine der Nummern aus der Liste.
„Meisler?“ meldete sich eine Frauenstimme am Telefon.
„Mama“, meldete Jan sich, „hast du immer noch nicht meine Nummer einprogrammiert?“
„Ich merke sie mir lieber“, antwortete Renate. „Das hält das Hirn frisch.“
„Womit wir schon beim Thema sind“, seufzte Jan. „Wie geht’s Oma?“
„Unverändert. Sie erkennt mich. Aber ich kann sie nicht alleine vor die Tür lassen.“
„Ich könnte sie mal wieder in den Schlosspark fahren.“
„Heißt das“, fragte Renate überrascht, „du willst nach Hause kommen?“
„Ich bin jetzt drei Monate lang durch die Medizingeschichte der Welt geflogen“, erklärte Jan. „Wenn ich eine Sache nicht mehr sehen will, dann sind das Flughäfen und Flugzeuge.“
„Was macht denn dein großes...“
„Ist abgesagt“, unterbrach Jan seine Mutter. „Ich habe eine Woche Überstunden zum Abfeiern. Kann ich zu Euch kommen?“
„Dein Zimmer steht leer“, antwortete seine Mutter. „Bringst du vielleicht jemanden...“
„Ich komme alleine“, unterbrach Jan seine Mutter. Und verabschiedete sich kurzatmig.
Jan öffnete sein Laptop. Reflexartig öffnete er die Mailbox und fluchte gleich wieder, denn Dr. Breugel hatte etwas geschrieben. Aus den Augenwinkeln nahm Jan ein Wort des Bedauerns wahr, dass im Text stand, dann löschte Jan die Nachricht. Christiane hatte ihm auch eine Mail geschrieben. Jan schloss die Mailbox, ohne ihre Ausführungen zu lesen.
Für den Abend suchte Jan dann nach einer Veranstaltung, die ihn interessieren könnte. In der Philharmonie oder im Underground war an diesem Abend nichts Senkrechtes. Eine Gruppe aus Osteuropa stach ihm ins Auge. Jan sah, dass es noch Karten gab. Als er den Ort sah, stieß er einen Fluch aus. Er nahm sein Handy zur Hand. Auf dem Display poppte auf, dass Dr. Breugel ihn auch hier angerufen hatte. Jan löschte die Mailbox. Und reservierte sich eine Karte.
Eigentlich wollte Jan diese Stadt nicht mehr sehen. Mehr aus den Augenwinkeln als bewusst nahm er das Kreuz wahr, das nun in der Abenddämmerung zu leuchten begann, als er über den Rhein fuhr. Er rollte mit seinem Diesel über die breite Schneise der Autobahn an der Deponie vorbei, auf der sie in den 1960er Jahren eine Wohnsiedlung errichtet hatten, in der dann ein Bewohner nach dem anderen an Krebs verendete. Nun entstand dort eine Gartenausstellung. Jan folgte der Straße nach links, umkreiste das kurze Stück Stadtautobahn in der mittleren Etage und rollte dann in die Tiefgarage unter dem Forum.
Jan flitzte über die sechseckige Betontreppe nach oben in das Foyer. Hier war alles von Sechsecken geprägt. Seinen iPod steckte er in die Innentasche seiner Jacke und zog den Reißverschluss zu. Erst dann gab er die Jacke der älteren Dame hinter der Theke. An der Kasse zahlte er die reservierte Karte.
Es war nicht das erste Mal, dass Jan im Forum war. Bis zum Einlass dauerte es noch ein paar Augenblicke. Er blickte sich um. Innerlich hoffte er, heute keinen Kollegen hier zu sehen, denn wenn er auf etwas keine Lust hatte, dann war es eine Erinnerung an die Arbeit. Das kulturelle Gewissen der Stadt traf sich hier, wenn nicht gerade im Schloss Morsbroich Jazzfestival angesagt war. Man zeigte sich hier. Aber nicht heute. Die Menschen, die an diesem Abend durch das Foyer liefen, sahen anders aus als die Damen und Herren in Abendgarderobe, die hier sonst ihre Nasen herumtrugen. Das Publikum war jünger. Jan atmete auf. Bis auf zwei Langweiler aus der Buchhaltung hatte er kein bekanntes Gesicht gesehen. Um so entspannter glitt sein durch das Studium geschärfter Forscherblick über die Menschenmenge. Er sah ein paar mongolische Gesichter, ein paar slawisch breite Wangenknochen fielen Jan auf. Und einige junge Frauen mit langen dunklen Haaren und braunen Augen, die Jans Meinung nach vielleicht etwas zu viel Make Up im Gesicht trugen, aber alle eine recht ähnliche Physiognomie in ihren Gesichtern zeigten. Spontan fühlte er sich an diesen Prospekt erinnert, in dem er heute eine Sprache gelernt hatte... Unbewusst rieb Jan sich die buschigen Augenbrauen, als der Gong ertönte.
Jan hatte einen Platz in der zweiten Reihe reserviert. Er streckte die Beine unter den leeren Stuhl vor ihm. Auf der Bühne turnten einige Bühnenarbeiter herum, stellten Wasserflaschen auf den Boden und klebten Kabel ab, damit die Musiker nicht den Abend in der Unfallchirurgie beenden mussten. Jan ließ seinen Blick über die Instrumente streifen, die sie dort aufgebaut hatten, in Höhe seiner Augen. Ein Steinway stand an der Seite. Kleiner Flügel. Die Saiteninstrumente sahen wirklich osteuropäisch aus, dachte Jan sich. Eine zu groß geratene Gitarre mit riesigem dreieckigem Resonanzkörper. Ein paar Flöten. Ein Gong erschallte. Langsam füllte sich der Saal. Niemand setzte sich vor ihn. Eine Frau kam mit einer Geige und einem Bogen auf die Bühne. Sie beugte sich zu einem Instrumentenständer hinunter. Ganz behutsam, fast zärtlich stellte sie die Geige in den Ständer, prüfte noch einmal nach, ob das Instrument auch nicht herausfallen könnte. Dann stellte sie den Bogen daneben. Langsam wurde das Licht im Saal dunkler. Im gleichen Maß verstummten die Stimmen hinter Jan. Die junge Frau mit der Geige ging auf das Mikrofon zu. Das Spiel konnte beginnen.
In der Pause trank Jan sein Glas Orangensaft leer. Gerne hätte er sich ein Bier gegönnt, er war in der Stimmung zum Saufen, aber dann hätte er die lange Reise mit der S-Bahn antreten müssen. Er konnte in den nächsten Tagen noch genügend Bier aus dem Schwarzwald trinken, dachte er sich. Der letzte Gong zeigte, dass es Zeit war, wieder in den Saal zu gehen. Als er sich auf den Platz setzt, hörte er, wie diese jungen Frauen eine Handvoll Reihen hinter ihm in einer fremden Sprache miteinander tuschelten.
Die junge Geigerin, die den Abend moderiert hatte, ging nach der Pause wieder ans Mikrophon. Sie hatte sich als Musikerin aus Georgien vorgestellt, ein paar Dinge zu ihrem Land erzählt, so wie sie das über die Musiker aus dem Baltikum und Zentralasien getan hatte. Sie hatte Videos gezeigt, in denen ein Hubschrauber über ein Gebirge schwebte, Männer in langen Mänteln mit Mützen aus Fell über Schafe wachten und Kirchen kühn vom Berggipfeln herunter grüßten. Nun wollte sie etwas zum Beginn des zweiten Teils des Konzerts sagen. Sie bewegte die Lippen und sprach ins Mikrofon. Aber niemand hörte etwas. Sie drehte sich zur Seite und zeigte dem Techniker, dass etwas mit dem Ton nicht stimmte. Sie sagte noch etwas ins Mikrofon, ohne das man es hören konnte. Jedenfalls nicht hinten im Saal. Jan saß so nahe an der Bühne, dass er die Stimme der Frau als einen leichten Hauch wahrnahm. Dann hörte er sie wütend aufstampfen und einen Fluch rufen, den er nicht verstand. Ein überraschtes Echo der jungen Frauen hinter ihm machte ihm aber deutlich, dass es offenbar ein ziemlich deftiges Schimpfwort war. Die Geigerin atmete tief durch, nahm das Mikro in die Hand und begann eine Melodie zu singen.
Jan schnappte den winzigen Hauch einiger Töne aus dem Mund dieser jungen Frau auf. Instinktiv hörte er auf zu atmen. Er meinte, er glaubte, es schien ihm so, als sänge diese Frau da eine Melodie, die er... Nein. Nein, das konnte nicht sein.
Der Tontechniker hatte den Fehler gefunden. Mit einem Schlag erfüllte der Gesang der jungen Frau den ganzen Saal des Forums.
Und da wusste Jan, dass er sich nicht getäuscht hatte. Plötzlich saß er aufrecht auf dem Stuhl. Sein Kopf, ja sein ganzer Körper schien nur noch aus Ohren zu bestehen. Er hörte der Melodie zu, die diese Geigerin da gerade sang. Sein Mund blieb offen stehen. Diese Melodie kannte er doch! Er hatte sie jahrelang immer und immer wieder gehört! Und nun sang diese Musikerin genau diese Weise? Verdammt! Woher kannte er.... Es ratterte in seinem Hirn. Und dann schnappten die Erinnerungen zu. Es war die Arzttochter aus Kent.
„Ei“, sagte die Geigerin. „Willkommen zum zweiten Teil unserer Revue des Ostens.“
Jan hörte nicht auf die Worte, die diese Frau sagte.
