Gesammelte Erzählungen und Kurzgeschichten von Robert Louis Stevenson - Robert Louis Stevenson - E-Book

Gesammelte Erzählungen und Kurzgeschichten von Robert Louis Stevenson E-Book

Robert Louis Stevenson

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Beschreibung

Die 'Gesammelten Erzählungen und Kurzgeschichten von Robert Louis Stevenson' bieten dem Leser einen faszinierenden Einblick in das breite Spektrum von Stevenson's literarischem Talent. Von Abenteuergeschichten bis hin zu gruseligen Erzählungen, bietet dieses Buch eine Vielzahl von Genres und Themen. Stevenson's einfühlsamer Schreibstil und seine Fähigkeit, komplexe Charaktere und atmosphärische Settings zu schaffen, machen dieses Werk zu einem zeitlosen Klassiker der Weltliteratur. Robert Louis Stevenson, ein schottischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war bekannt für seine Abenteuerromane und fantastischen Geschichten. Sein persönlicher Kampf mit Krankheit und seine Reisen inspirierten ihn, eine Vielzahl von Werken zu verfassen, die bis heute Leser auf der ganzen Welt faszinieren. Mit den 'Gesammelten Erzählungen und Kurzgeschichten' gibt Stevenson uns einen Einblick in seine kreative Genialität und seine einzigartige Sicht auf die Welt. Liebhaber von klassischer Literatur und Kurzgeschichten werden von Stevenson's Meisterwerk begeistert sein. Diese Sammlung ist ein absolutes Muss für jeden, der sich für die vielseitigen Werke eines der bedeutendsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts interessiert und bereit ist, in die faszinierende Welt der Literatur einzutauchen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Seitenzahl: 944

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Robert Louis Stevenson

Gesammelte Erzählungen und Kurzgeschichten von Robert Louis Stevenson

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Sophie Braun

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1223-1

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Erzählungen und Kurzgeschichten von Robert Louis Stevenson
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Ausgabe Gesammelte Erzählungen und Kurzgeschichten von Robert Louis Stevenson führt in die Vielfalt eines Autors, der kurze Formen mit seltener Präzision beherrschte. Versammelt sind Novellen und Erzählungen, die vom städtischen Dunkel bis zu den Weiten des Pazifiks reichen. Der Band verfolgt keinen Anspruch auf Vollständigkeit des Gesamtwerks, sondern bündelt zentrale Stücke, die Stevensons Spannweite und erneuernde Kraft exemplarisch zeigen. Von einer berühmten Schauergeschichte wie Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde bis zu Südsee-Erzählungen wie Der Strand von Falesa reicht das Spektrum; dazwischen stehen Detektivepisoden, psychologische Studien und Küsten- und Dorfgeschichten.

Viele der hier enthaltenen Texte entstanden zunächst für Zeitschriften und wurden später in Sammlungen zusammengestellt. Ein wichtiger Kontext ist die englischsprachige Sammlung New Arabian Nights, aus der mehrere Erzählzyklen stammen. Andere Stücke erschienen als eigenständige Novellen oder in thematisch gegliederten Bänden. Diese Publikationspraxis prägt die Form: wiederkehrende Figuren, lose verknüpfte Episoden, Briefe und Berichte, die sich zu einem Ganzen fügen. Die vorliegende Zusammenstellung macht diesen Ursprungszusammenhang sichtbar, ohne eine einzige feste Lektürereihenfolge vorzuschreiben, und lädt dazu ein, die Geschichten sowohl einzeln als auch im Dialog miteinander zu lesen.

Die Sammlung vereint verschiedene Gattungen: die Schauer- und Doppelgänger-Novelle, detektivische und städtische Abenteuer, moralische Parabeln, Küsten- und Dorferzählungen sowie die Südsee-Geschichten. Manche Texte stehen als eigenständige Novellen, andere bilden Zyklen mit übergreifenden Motiven und dem Reiz des Fortsetzungsromans in Kurzform. Charakteristisch sind pointierte Anfänge, wirtschaftliches Erzählen und sorgfältig gesetzte Wendepunkte. Zugleich zeigt sich eine feine Balance von äußeren Ereignissen und innerer Bewegung: Handlung und Gewissen, Zufall und Entscheidung, soziale Masken und verborgene Antriebe bilden ein Spannungsgewebe, das die Kürze der Form nie als Beschränkung, sondern als Konzentration nutzt.

Ein roter Faden ist die Frage nach Identität und Verantwortung. Immer wieder werden Figuren in einen Grenzbereich gestellt, in dem Konventionen brüchig werden und neue Möglichkeiten auftauchen. Das urbane Leben bringt Anonymität, Verlockung und Gefahr, die Inselwelt Distanz, Handel und kulturelle Begegnung. Moralische Eindeutigkeit weicht differenzierten Lagen, in denen Schuld, Absicht und Zufall einander durchdringen. Zugleich interessieren Stevenson die Mechanik des Abenteuers und die Psychologie der Entscheidung: Wie weit trägt Selbstbeherrschung, wo beginnt das Unheimliche, und was geschieht, wenn die Vergangenheit in die Gegenwart drängt?

Stilistisch verbindet Stevenson anschauliche, klare Prosa mit atmosphärischer Dichte. Seine Beschreibungen bleiben präzise und gegenständlich, während der Ton häufig zurücknimmt, was anderswo ausgestellt würde. Ironie, Understatement und rhythmische Satzführung schaffen Vertrauen und Spannung zugleich. Wiederkehrend sind Dokumentformen – Berichte, Notizen, Zeugenaussagen –, die die Perspektive begrenzen und die Leserinnen und Leser zu Mitdeutenden machen. Schauplätze werden mit wenigen Strichen markant: Gassen, Hafenränder, Stuben und Werkstätten, stürmische Küsten oder dämmernde Lagunen. Aus dieser Ökonomie erwächst eine Bildkraft, die lange nachhallt.

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde steht im Zentrum von Stevensons psychologischen Erkundungen. Die Novelle entfaltet, in einer modernen Großstadt angesiedelt, eine Kette von Beobachtungen, Dokumenten und Berichten rund um einen angesehenen Arzt und eine rätselhafte Gestalt, deren Spur verstörende Ereignisse begleitet. Ohne auf Enthüllungen vorzugreifen, lässt sich sagen, dass hier die Spannung zwischen wissenschaftlichem Fortschritt, moralischem Anspruch und verborgenen Trieben mit seltener Konsequenz durchgespielt wird. Der Text wurde zu einem Referenzpunkt für spätere Literatur und hat die Vorstellung vom Doppelleben nachhaltig geprägt.

Ein zweites Schwergewicht bildet die urbane Abenteuerkunst der frühen Zyklen. Der Selbstmordklub sowie die zusammengehörigen Erzählungen um Des Rajahs Diamant zeigen ein London der nächtlichen Vergnügungen, der Clubs und der Schattenwirtschaft. Figuren wie hochgestellte Dandys, unauffällige Angestellte oder entschlossene Ermittler bewegen sich durch Episoden, in denen Wagnis und Spiel, Maskerade und Gefahr ineinandergreifen. Stücke wie Frau von Vandeleurs Privatsekretär, Die Geschichte des Gottesmannes, Das Haus mit den grünen Jalousien, Der Arzt und der Reisekoffer oder Das öde Haus entfalten, jeweils in sich geschlossen, den Reiz des Rätsels und die Logik der Gelegenheit.

Im Bereich der schottischen und europäischen Erzählungen begegnet man härteren Küsten, dörflichen Gemeinschaften und Gewissensproben. Markheim, Die krumme Janet, Die tollen Männer und Will von der Mühle zeigen, wie eng äußere Landschaft und seelisches Gelände bei Stevenson korrespondieren. Das Religiöse, das Aberglauben genannte, die Stimme des Gewissens und der soziale Blick wirken als Kräfte, die Entscheidungen färben. Nicht selten prallen Tradition und Skepsis aufeinander. Der Schatz von Franchard führt zudem vor, wie Besitz und Begehren Beziehungen verschieben können, ohne dass die Figuren je auf bloße Typen reduziert würden.

Die Südsee-Erzählungen öffnen den Blick auf Handelsstationen, Küstendörfer und Inselpfade, die mit europäischen Erwartungen nicht deckungsgleich sind. Das Flaschenteufelchen, Die Stimmeninsel und Der Strand von Falesa schildern Begegnungen, Abmachungen und Konflikte, in denen Macht, Tausch und Erzähltraditionen aufeinanderstoßen. Die Erfahrungen des Autors im Pazifikraum gaben diesen Texten Anschauung und Wortschatz. Stevenson interessiert dabei weniger das Exotische um seiner selbst willen als das ethische und soziale Gefüge, das aus Nähe, Missverständnis und Interessen entsteht, und die Frage, was Verbindlichkeit in neuen Konstellationen bedeutet.

Formales Experiment und narrative Selbstbeschränkung gehen bei Stevenson Hand in Hand. Häufig wird der Blickpunkt begrenzt – durch einen Beobachter, einen Brief, eine Beichte. Daraus ergibt sich eine kontrollierte Ungewissheit, die die Lesenden einlädt, Lücken zu füllen und Motive zu prüfen. Gleichzeitig ist die Komposition genau: Leitmotive kehren wieder, unterschwellige Hinweise tragen, Nebenszenen erhalten im Rückblick Gewicht. Moral erscheint nicht als Predigt, sondern als Prüfstein der Handlung. Aus dieser Verbindung von straffer Konstruktion und suggestiver Offenheit erwächst die Modernität vieler Texte.

Die anhaltende Bedeutung dieses Werks liegt in seiner doppelten Energie: Es definiert Genres und durchkreuzt sie zugleich. Die detektivischen Episoden bereiten spätere Serienformate vor, die psychologischen Novellen wirken in Thrillern und moderner Populärkultur nach, die Südsee-Geschichten erweitern den Horizont des europäischen Erzählens. Übersetzungen und Neuauflagen haben die Texte in wechselnden Lesewelten lebendig gehalten. Ihre Figuren sind Teil eines kulturellen Gedächtnisses geworden, nicht als Schablonen, sondern als Versuche, in unübersichtlichen Lagen Haltung zu finden.

Diese Ausgabe verfolgt das Ziel, die Breite und die innere Kohärenz von Stevensons Kurzprosa erfahrbar zu machen. Sie lädt dazu ein, thematisch zu lesen – etwa Stadt gegen Insel, Aberglaube gegen Rationalität, Spiel gegen Gesetz – oder den Zyklen und ihren wiederkehrenden Gestalten zu folgen. Zugleich lässt sich jeder Text für sich genießen, mit dem eigenen Takt, der eigenen Moralspannung. Wer diese Sammlung durchmisst, sieht nicht nur Stationen einer künstlerischen Entwicklung, sondern ein zusammenhängendes Werk, dessen Maß an Formbewusstsein, Menschenerkenntnis und erzählerischer Ökonomie selten geblieben ist.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Robert Louis Stevenson (1850–1894) war ein schottischer Schriftsteller der viktorianischen Epoche, dessen Werk Erzählkunst, psychologischen Scharfblick und erzählerische Ökonomie verbindet. Er prägte die Entwicklung von Abenteuer-, Kriminal- und Schauergeschichten und erreichte ein breites Publikum wie die literarische Kritik. Seine Prosa ist für rhythmische Klarheit, pointierte Struktur und moralische Ambivalenz bekannt. Mit der Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde schuf er ein Sinnbild für moderne Zwiespältigkeit, während Serienerzählungen wie Der Selbstmordklub die urbane Moderne und ihre verdeckten Ordnungen ausloteten. Bis heute gilt Stevenson als Meister des spannungsvoll verdichteten Erzählens.

Aufgewachsen in Edinburgh, studierte Stevenson an der dortigen Universität zunächst Ingenieurwesen und wandte sich dann dem Jurastudium zu. Er wurde zur Anwaltschaft zugelassen, doch zog es ihn entschieden zur Literatur. Seine Ausbildung prägte ein nüchterner Blick für Strukturen, Recht und Verantwortung, zugleich interessierten ihn Volksüberlieferungen, schottische Predigttraditionen und europäische Romantik. Ausgedehnte Lektüre, Reisen und die lebendige Zeitschriftenkultur der Zeit förderten seinen Stil: knapp, bildhaft, dialogisch. Früh veröffentlichte er Essays und Reiseskizzen und suchte nach Formen, in denen Handlung, Stimmung und moralische Fragen ohne Dozieren zusammenfinden. Später griff er in seinen Erzählungen oft auf juristische Denkfiguren und präzise Beobachtung zurück, um Konflikte durchsichtig zu machen.

Seinen Ruf als Innovator begründete Stevenson mit urbanen Abenteuergeschichten, die raffinierte Plots und beobachtete Wirklichkeit verbanden. Der Selbstmordklub entwirft in verbundenen Episoden ein geheimes Netzwerk als Spiegel moderner Stadtgesellschaft. In Des Rajahs Diamant, zu dem Frau von Vandeleurs Privatsekretär gehört, experimentierte er mit serieller Struktur, Perspektivwechseln und Detektivmotiven. Diese Erzählgruppen zeigen, wie er Tempo, Ironie und psychologische Spannung balancierte, ohne die Wahrscheinlichkeit der Ereignisse zu opfern. Zeitgenössische Leserinnen und Leser schätzten die Eleganz seiner Konstruktion, während Kritiker seine Fähigkeit hervorhoben, Motive des Rätsels mit Charakterstudien zu verknüpfen. Zugleich erprobte er urbane Settings als Bühne moralischer Versuchsanordnungen.

In kürzeren Prosastücken entwickelte Stevenson seine moralische Prosa weiter. Markheim lotet das Gewissen eines Täters in einem dichten Gespräch mit sich selbst aus; Die krumme Janet verschränkt Dorfaberglauben, Dialekt und eine düstere Theologie; Die tollen Männer erkunden Küstenlandschaft, Gier und Verhängnis; Will von der Mühle variiert das Motiv der selbstbestimmten, beobachtenden Existenz. In allen Texten herrschen ökonomische Sprache, sorgfältig gesetzte Pointen und eine Spannungsdramaturgie, die ohne sensationelle Mittel auskommt. Der Blick bleibt auf Entscheidungsmomente gerichtet: auf Augenblicke, in denen Figuren unter Druck Werte prüfen, Schuld erkennen oder trotz Erkenntnis scheitern.

Mit Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde schuf Stevenson eine konzentrierte Studie der Doppelbödigkeit moderner Identität. Die Novelle verbindet juristische und medizinische Motive, Londoner Topografie und moralische Psychologie zu einer Parabel über Selbstkontrolle, gesellschaftliche Fassade und verdrängte Triebe. Ihre klare, protokollarische Erzählform, die Perspektiven von Zeugen nutzt, steigert das Rätsel, ohne die innere Logik zu gefährden. Das Werk wurde rasch zum kulturellen Referenzpunkt, viel diskutiert und häufig adaptiert. Seine anhaltende Wirkung beruht auf der präzisen Darstellung von Zwiespalt, der sich nicht auf eine simple Gegensatzformel reduzieren lässt.

Gesundheitliche Belastungen führten Stevenson zu weiten Reisen und schließlich in den frühen 1890er Jahren in den Südpazifik, wo er sich auf Samoa niederließ. Die Begegnungen dort erweiterten Themen und Schauplätze. Das Flaschenteufelchen erzählt von Verlockung und Preis des Wünschens, eingebettet in polynesische Kontexte; Die Stimmeninsel variiert magische Ökonomie und koloniale Berührungspunkte; Der Strand von Falesa zeichnet ein nüchternes Bild von Handel, Sprache und Macht. Daneben steht Der Schatz von Franchard als fein beobachtete Charakter- und Moralerzählung. Stevenson beteiligte sich vor Ort an öffentlichen Debatten und schrieb weiter mit unverminderter stilistischer Disziplin.

Stevensons spätere Jahre endeten früh, doch sein Nachruhm wuchs kontinuierlich. Kritiker verweisen auf seine Fähigkeit, Anschaulichkeit, formale Strenge und ethische Ambivalenz zu verbinden. Seine Erzählungen regen Kriminal-, Schauergeschichte und phantastische Literatur bis heute an; zugleich zeigen sie, wie Spannung und psychologischer Ernst zusammengehen können. Dass seine Texte in unterschiedlichen Gattungen bestehen, liegt an ihrer klaren Sprache, der ökonomischen Szenenführung und dem präzisen Ohr für Tonlagen. Werke wie Der Selbstmordklub, Markheim, Die krumme Janet, Das Flaschenteufelchen und Der Strand von Falesa belegen, wie vielfältig und zugleich unverwechselbar sein Werk geblieben ist.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Robert Louis Stevenson (1850–1894) schrieb in der Hoch- und Spätphase des viktorianischen Zeitalters, einer Periode tiefgreifender Umbrüche in Wissenschaft, Industrie und Empire. Die in dieser Sammlung versammelten Erzählungen und Kurzgeschichten reichen von den späten 1870er Jahren bis in die frühen 1890er Jahre und spiegeln diese Übergangszeit wider. Sie entstanden teils in Schottland und England, teils unterwegs in Frankreich und später im Pazifik. Damit bündeln sie Erfahrungen aus Metropolen, Provinzen und Kolonialräumen. Der Band präsentiert somit ein Panorama jener Epoche, in der traditionelle Wertsysteme auf neue urbane Realitäten, globale Handelsnetze und sich verändernde Vorstellungen vom Selbst trafen.

Stevenson war in Edinburgh sozialisiert – einer Stadt, die als „Athen des Nordens“ für Aufklärung und zugleich für strengen Presbyterianismus stand. Diese Doppelprägung aus rationaler Debatte und moralischer Strenge bildet den geistigen Hintergrund vieler Texte. Die Spannung zwischen öffentlicher Fassade und privater Innerlichkeit, zwischen Gesetz und Verlangen, findet in den hier enthaltenen Erzählungen vielfältige symbolische Räume. Stadtlandschaften mit engen Gassen, Vorstädten und scharfen sozialen Kontrasten boten ihm Modell und Bühne für Figuren, die zwischen bürgerlicher Ordnung und verborgenen Impulsen oszillieren.

Mit der rasant wachsenden Großstadt gingen in Britannien neue Formen urbaner Kultur einher: Gentlemen-Clubs, Vergnügungsviertel, Spekulationsblasen und eine modernisierte Polizei. Erzählzyklen wie Der Selbstmordklub und Des Rajahs Diamant (Detektivgeschichten) knüpfen an diese Welt der Maskeraden, Geheimzirkel und diskreten Beobachter an. Sie zeigen, wie das moderne Leben Netzwerke von Zufällen, Gerüchten und Anonymität erzeugt. Solche Stoffe, häufig zuerst in Zeitschriften gedruckt, trafen den Geschmack eines Publikums, das in kurzen, pointierten Formaten urbane Unruhe und den Reiz des Sensationellen wiedererkannte.

Parallel zur Urbanisierung erlebte die Naturwissenschaft enorme Autorität. Debatten über Evolution, Nervenlehre, hypnotische Phänomene und Doppelbewusstsein prägten den intellektuellen Horizont. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde reagiert auf diese Diskurse, ohne sich in Fachvokabular zu verlieren: Die Erzählung macht die Frage nach Identität, moralischer Verantwortung und der Teilbarkeit des Selbst erzählerisch greifbar. Spätere Leser sahen darin Resonanzen zu zeitgenössischen Untersuchungen der medizinischen Psychologie. Zugleich bewahrt Stevenson das Offene: Er bietet suggestive Bilder für innere Spaltungen, die wissenschaftlich anschlussfähig, aber nicht auf eine Theorie reduzierbar sind.

Die spätviktorianische Kultur liebte zugleich das Romantische und das Schauerliche. Ein wiedererwachtes Interesse am Gothic, die Popularität nächtlicher Stadtbilder im Gaslicht und die Faszination für Grenzerfahrungen formten die literarische Atmosphäre. Texte wie Markheim, Die krumme Janet und Das öde Haus nutzen religiöse, volkstümliche und unheimliche Motive, um Gewissenskonflikte, Aberglauben und soziale Ängste zu choreografieren. Dabei arbeitet Stevenson weniger mit explizitem Schrecken als mit Andeutungen, die das Unbehagen einer Gesellschaft spiegeln, die zwischen Tradition und modernem Rationalismus zerrissen ist.

Der Markt für Erzählungen entfaltete sich im späten 19. Jahrhundert vor allem in Periodika und illustrierten Magazinen. Viele der hier enthaltenen Stücke – darunter Teile von Der Selbstmordklub und Frau von Vandeleurs Privatsekretär – wurden zunächst in Zeitschriften veröffentlicht und später in Buchform gesammelt. Diese Produktionsweise prägte Struktur und Tempo: Episodische Architekturen, pointierte Wendungen und lockere Zyklen ermöglichten, urbane Serienerfahrungen literarisch zu reflektieren. Gleichzeitig trugen Kolportage, Eisenbahnlektüre und Leihbibliotheken zur schnellen Zirkulation der Texte in Großbritannien und darüber hinaus bei.

Stevenson suchte, jenseits des strengen Realismus, die Renaissance des „romance“ – der spannungsreichen, oft symbolisch aufgeladenen Erzählung. Im Dialog mit Zeitgenossen, die den Anspruch des realistischen Romans verteidigten, zeigte er, wie moralische und psychologische Wahrheiten gerade in Abenteuermotive einschreiben lassen. Will von der Mühle, Der Schatz von Franchard oder Die tollen Männer verbinden Landschaft, Reise und Entscheidungssituationen zu Parabeln über Schicksal, Charakter und Verantwortlichkeit. Diese Konzentration auf Handlung als Erkenntnismedium positionierte Stevenson im literarischen Feld eigenständig.

Die europäische Expansion schuf weitgespannte Kommunikations- und Handelswege, auf denen Menschen, Waren und Geschichten zirkulierten. Stevenson bereiste die USA und den Pazifik und ließ sich Anfang der 1890er Jahre in Samoa nieder. Pazifik-Erzählungen wie Das Flaschenteufelchen, Die Stimmeninsel und Der Strand von Falesa stehen vor diesem Hintergrund. Sie zeichnen Begegnungen zwischen Insulanern, Missionaren, Händlern und Abenteurern, ohne den kolonialen Kontext zu romantisieren. Indem sie ökonomische Interessen, kulturelle Missverständnisse und Machtasymmetrien sichtbar machen, dokumentieren sie eine Weltregion im Spannungsfeld imperialer Politik und lokaler Traditionen.

Technische Innovationen veränderten Rhythmus und Wahrnehmung: Dampfschiffe verdichteten Reisezeiten, Telegraphie verband entfernte Orte, und Massenpresse schuf eine synchrone Öffentlichkeit. In der Sammlung erscheinen Handelsposten, Hafenstädte und Transiträume als Knotenpunkte von Gerüchten, Waren und Begehrlichkeiten. Der Arzt und der Reisekoffer oder Frau von Vandeleurs Privatsekretär zeigen, wie Objekte – Koffer, Juwelen, Papiere – ganze soziale Dramen bündeln. Damit knüpft Stevenson an eine Kultur an, in der Mobilität und Dinge Geschichten katalysierten und Besitzfragen, Identitätswechsel sowie Intimitäten in Bewegung setzten.

Kriminalität und ihre Erforschung waren zentrale Themen der Zeit. Mit der Professionalisierung von Polizei und Forensik sowie den Theorien der Kriminologie entstand ein Publikum für detektivische Logiken und moralische Dilemmata. In Des Rajahs Diamant und verwandten Episoden steht nicht die nüchterne Fallanalyse im Vordergrund, sondern das Spiel mit Rollen, falschen Fährten und gesellschaftlichen Masken. Der Gentleman als Ermittler oder Mitwisser verweist auf eine Kultur, die Probleme der Moderne – Anonymität, Täuschung, Schein – in elegante Erzählrituale übersetzt und dabei soziale Grenzen testet.

Die schottischen Texte wurzeln in Landschaften und Dialekten, die Stevenson gut kannte. Die tollen Männer entfalten Küsten- und Inselszenarien, in denen Meer, Stürme und Klippen zu moralischen Resonanzräumen werden. Die krumme Janet greift die sprachliche und religiöse Eigenprägung ländlicher Gemeinden auf und spiegelt Auseinandersetzungen mit Aberglauben und kirchlicher Autorität. Solche Stoffe sind keine Folklore-Idyllen, sondern kommentieren Macht, Gemeinschaft und Gewissen. Sie machen sichtbar, wie lokale Überlieferungen mit modernen Unsicherheiten zusammenschlagen und unser Verständnis von Rationalität herausfordern.

Stevensons Frankreich-Erfahrungen – dokumentiert in Reiseberichten – hinterlassen auch in der Prosa ihre Spuren. Erzählungen mit kontinentalem Kolorit, darunter Der Schatz von Franchard, verhandeln Besitz, Bildung und Moral vor Hintergründen, in denen klösterliche, bürgerliche und bohemienhafte Lebensstile kollidieren. Frankreich fungiert als Spiegel britischer Debatten: über Erziehungsideale, ästhetische Lebensformen und die Grenzen der Wohltätigkeit. Die Topographie – Wälder, Dörfer, Gasthäuser – wird zum sozialen Labor, in dem die Frage verhandelt wird, was Reichtum und Erziehung leisten können und wo Charakterprüfungen beginnen.

Die Stadterzählungen dieser Sammlung situieren sich im Spannungsfeld der „fin-de-siècle“-Ängste: Degenerationstheorien, mediale Sensationslust und öffentliche Moralpaniken schufen einen Resonanzboden für Geschichten über Doppelleben und verborgene Laster. Dr. Jekyll und Mr. Hyde wurde rasch zum kulturellen Bezugspunkt, früh für die Bühne adaptiert und breit diskutiert. Viele Zeitgenossen lasen darin kein Einzelfallporträt, sondern ein Gleichnis auf moderne Urbanität. Auch andere Stücke der Sammlung beteiligen sich an dieser Diagnose der Gegenwart, indem sie die Codes der Respektabilität gegen die Realität sozialer Verwundbarkeit abklopfen.

Die Erzählökonomie, die Stevenson kultivierte, kommt der Zeitschriftenkultur entgegen, verlangt aber auch poetische Verdichtung. In Markheim, Will von der Mühle oder Haus- und Stadtgeschichten wie Das Haus mit den grünen Jalousien konzentriert er Konflikte auf wenige Schauplätze und kondensierte Zeit. Dies ermöglicht moralische Fragestellungen, ohne ins Predigthafte abzugleiten. Die Präzision der Szenen – ein Laden, ein Salon, eine Kreuzung – reflektiert die moderne Aufmerksamkeit für Orte als Speicher sozialer Bedeutung. So verzahnt sich formale Knappheit mit einer Soziologie des Alltags.

Im kolonialen Pazifik wurden Mission, Handel und indigene Lebenswelten zu Brennpunkten normativer Auseinandersetzungen. Der Strand von Falesa zeichnet das Milieu europäischer Händler und die Ambivalenzen vermeintlicher Zivilisierungsansprüche. Das Flaschenteufelchen reinterpretiert ein transnationales Sagenmotiv unter pazifischen Vorzeichen und verhandelt ökonomische Wünsche, Schuld und Preisgabe. Die Stimmeninsel greift Vorstellungen von Gabe, Arbeit und Unsichtbarem auf. Diese Texte registrieren, wie globale Märkte und lokale Kosmologien ineinandergreifen – und wie Sprache, Übersetzung und Missverstehen zu politischen Faktoren werden.

Stevensons Werk ist auch ein Produkt der globalen Buchwirtschaft. Rechteverkauf, transatlantische Ausgaben und Piraterie beeinflussten Reichweite und Rezeption. Viele Stücke wurden für ein breites, heterogenes Publikum geschrieben, was stilistische Klarheit und ökonomisches Erzählen förderte. Zugleich führten Zeitschriftenstandards zu Anpassungen: Redaktionen verlangten gelegentlich Kürzungen oder entschärfte Passagen, besonders bei kolonialen und moralisch heiklen Stoffen. Die spätere Buchfassung bot dann oft Gelegenheit, intendierte Akzente wiederherzustellen und Zyklen – etwa Der Selbstmordklub – in einer dramaturgisch stringenten Ordnung zu präsentieren.

Die Sammlung dokumentiert, wie Stevenson Genregrenzen produktiv verwischt. Detektiv- und Abenteuermuster fließen in moralische Parabeln, psychologisches Interesse trifft auf folkloristische Motive, und urbane Miniaturen stehen neben Insellandschaften des Pazifik. Dieses Nebeneinander verweist nicht auf Beliebigkeit, sondern auf eine Epoche der Gleichzeitigkeit: industrielle Beschleunigung, imperiale Ausweitung, religiöse Debatten und wissenschaftlicher Fortschritt schufen heterogene Erfahrungswelten. Indem die Erzählungen Übergänge inszenieren – zwischen Respektabilität und Risiko, Zentrum und Peripherie, Wissen und Glauben – liefern sie eine Poetologie der Moderne in erzählerischer Formulierungskraft vor Augen.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein angesehener Arzt experimentiert mit den Grenzen der menschlichen Natur und ruft eine bedrohliche Doppelgestalt hervor, die London erschüttert. In Berichten und Beobachtungen entfaltet sich ein Rätsel um Identität, Verdrängung und Verantwortung. Der Ton ist düster-gothisch und zugleich psychologisch präzise.

Der Selbstmordklub (Erzählungen)

Der Selbstmordklub: Ein geheimer Zirkel verspricht Auswege für Lebensmüde, doch hinter dem vermeintlichen Trost verbirgt sich ein skrupelloses Spiel. Zwei wagemutige Herren mischen sich unter die Mitglieder und decken die Mechanik des Clubs auf. Rasanter Stadtroman-Ton, der Morbides mit zivilisierter Eleganz kontrastiert.

Der Arzt und der Reisekoffer: Ein gewissenhafter Arzt gerät durch einen ominösen Reisekoffer in eine Kette von Verwicklungen, bei der Loyalität und Besonnenheit auf die Probe stehen. Zufälle und Verwechslungen treiben ihn durch nächtliche Straßen und zweifelhafte Kreise. Die Spannung speist sich aus stilvoller Ironie und präziser Taktung.

Das öde Haus: Ein scheinbar verlassenes Haus entpuppt sich als Bühne für ein gefährliches Rendezvous, in dem Maskerade und Täuschung den Ton angeben. Der Erzähler folgt Spuren durch stille Gassen bis zur Konfrontation im Schatten. Die Geschichte variiert das Motiv des urbanen Labyrinths zwischen Abenteuer und Bedrohung.

Des Rajahs Diamant (Detektivgeschichten)

Ein berüchtigter Edelstein zieht eine Kette von Diebstählen, falschen Identitäten und moralischen Prüfungen nach sich. Locker verbundene Episoden zeigen, wie der Diamant Leben kreuzt und verändert. Die Geschichten verbinden urbane Detektivmotive mit leichtem, ironischem Abenteuerklang.

Frau von Vandeleurs Privatsekretär: Ein Privatsekretär gerät zwischen Loyalität und Selbsterhaltung, als seine Arbeitgeberin in die Affären um den Diamanten verstrickt ist. Briefe, Verkleidungen und riskante Botengänge treiben die Handlung. Der Fokus liegt auf Gewitztheit unter gesellschaftlichem Druck.

Die Geschichte des Gottesmannes: Ein Geistlicher wird unerwartet in den Bann des Edelsteins gezogen und muss seine Prinzipien gegen die Versuchung behaupten. Kleine Gesten und Versehen entfalten große Folgen. Die Erzählung spitzt das Thema Gewissen inmitten urbaner Versuchungen zu.

Das Haus mit den grünen Jalousien: Hinter den grünen Jalousien eines unscheinbaren Hauses sammeln sich Verdacht, Beobachtung und geheime Geschäfte. Der Diamant verknüpft Fremde, deren Wege sich in engen Straßen kreuzen. Der Ton ist neugierig-detektivisch mit kompaktem Szenenwechsel.

Südsee-Erzählungen

Das Flaschenteufelchen: Eine verführerische Flasche erfüllt Wünsche, verflucht jedoch ihren Besitzer, wenn sie nicht stets zu einem geringeren Preis weiterverkauft wird. Ein junger Mann setzt Liebe und Verstand gegen ein tückisches Regelwerk. Polynesische Atmosphäre verbindet Märchenlogik mit moralischer Spannung.

Die Stimmeninsel: Ein polynesischer Inselbesuch offenbart eine unsichtbare Wirtschaft der Magie, in der Stimmen und Gaben zum Werkzeug der Ausbeutung werden. Ein Schwiegersohn folgt seinem undurchsichtigen Ältesten zu einem Ort, der nur selten Menschen zeigt. Die Geschichte verhandelt Gier, Abhängigkeit und die Grenzen des Wissens in fremder Natur.

Der Strand von Falesa: Ein Händler landet auf einer Insel und schließt eine lokale Verbindung, die ihm Ansehen wie Konflikte bringt. Ein vermeintlicher Zauberer hält die Gemeinde in Angst, während Macht, Handel und Kulturkontakt unruhig gegeneinander spielen. Nüchterner Realismus trifft auf Aberglauben und koloniale Spannungen.

Schottische und moralische Erzählungen

Die tollen Männer: Auf einer rauen schottischen Insel kämpft eine Familie mit Schuld, Wahn und den unbarmherzigen Kräften des Meeres. Schiffswracks und Brandungsgetöse spiegeln innere Zerwürfnisse. Der Ton ist sturmumtost, gotisch und naturmächtig.

Will von der Mühle: Ein junger Mann wächst an einer Bergmühle heran und wählt beharrlich den stillen Ort statt der lockenden Ferne. Begegnungen mit Liebe, Tod und Gelegenheit formen eine leise Bilanz des Lebens. Parabelhaft, mild ironisch und melancholisch.

Markheim: Nach einer Gewalttat wird ein Mann in einem abgeschlossenen Raum mit einem rätselhaften Gegenüber konfrontiert, das sein Innerstes kennt. Das Gespräch zwingt zur Prüfung von Motiven, Ausflüchten und Selbsterkenntnis. Eine moralische Studie mit unheimlichem Einschlag.

Die krumme Janet: In einem Dorf gerät eine auffällig verschlossene Frau ins Visier religiöser Eiferer und Aberglaubens. Ein junger Prediger steht zwischen Barmherzigkeit und Furcht vor dem Übernatürlichen. Schroff, dialektnah und düster.

Der Schatz von Franchard: Ein Vater und sein Zögling finden unerwarteten Reichtum, der ihre Werte und Bindungen auf die Probe stellt. Das ländliche Idyll kippt in Versuchung und Misstrauen. Eine heitere Oberfläche trägt eine nachdenkliche Moralstudie.

Wiederkehrende Themen und Stil

Stevensons Erzählungen verbinden Abenteuerlust mit moralischer Selbstprüfung, oft in doppelbödigen Stadträumen oder rauer Natur. Wiederkehren die Motive von Identitätsspaltung, Versuchung, Zufall und dem Preis scheinbar leichter Lösungen. Stilistisch wechseln präzise, ironische Prosa und atmosphärischer Gothic; klare Dramaturgie und erzählerische Ökonomie halten die Spannung.

Gesammelte Erzählungen und Kurzgeschichten von Robert Louis Stevenson

Hauptinhaltsverzeichnis
Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde
Der Selbstmordklub (Erzählungen)
Der Selbstmordklub
Der Arzt und der Reisekoffer
Das öde Haus
Des Rajahs Diamant (Detektivgeschichten)
Frau von Vandeleurs Privatsekretär
Die Geschichte des Gottesmannes
Das Haus mit den grünen Jalousien
Das Flaschenteufelchen
Die tollen Männer
Will von der Mühle
Markheim
Die krumme Janet
Der Schatz von Franchard
Die Stimmeninsel
Der Strand von Falesa

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Inhaltsverzeichnis

Inhlat

Die Geschichte der Tür
Auf der Suche nach Mr. Hyde
Dr. Jekyll ist ganz unbefangen
Die Ermordung von Sir Danvers Carew
Der Brief
Dr. Lanyons sonderbares Erlebnis
Die Begegnung am Fenster
Die letzte Nacht
Dr. Lanyons Aufzeichnungen
Henry Jekylls vollständige Darlegung des Falles

Die Geschichte der Tür

Inhaltsverzeichnis

Der Rechtsanwalt Utterson hatte ein zerfurchtes Gesicht, über das nie ein Lächeln huschte; er war kühl, wortkarg und verlegen in der Unterhaltung, schwerfällig in Gefühlsangelegenheiten, lang, hager, verstaubt und farblos — und doch irgendwie liebenswert. Kam er mit Freunden zusammen und war der Wein nach seinem Geschmack, so leuchtete aus seinem Blick etwas ungemein Menschliches — etwas, das sich beileibe nie in seine Rede verirrt hätte, das aber nicht nur bei solchen Gelegenheiten aus den Zügen seines Gesichtes, sondern öfter und deutlicher noch im Leben aus seinen Handlungen sprach. Er war hart gegen sich selbst, trank, wenn er allein war, Wacholderschnaps, um seine Schwäche für edlen Wein zu unterdrücken, und war, obgleich er eine Vorliebe fürs Theater hatte, seit zwanzig Jahren in keinem gewesen. Dabei war er voll Duldsamkeit gegen andere, ja bestaunte, manchmal fast neidisch, das Draufgängertum, das ihre Missetaten beseelte, und war im Notfall eher zu helfen als zu tadeln bereit. »Ich neige zu Kains ketzerischer Ansicht«, pflegte er bedächtig zu sagen: »Ich lasse meinen Nächsten zur Hölle fahren, wie es ihm beliebt.« Daher war es häufig sein Schicksal, daß er die letzte achtbare Bekanntschaft und der letzte gute Einfluß im Leben von Menschen war, die sich auf abschüssiger Bahn befanden. Und gerade sie ließ er auch nicht den Schatten eines veränderten Benehmens merken, solange sie bei ihm aus und ein gingen.

Allerdings war dies kein Kunststück für Mr. Utterson; denn er war von Natur zurückhaltend, und auch seine Freundschaften schienen in einer ähnlich gutmütigen Vorurteilslosigkeit begründet zu sein. Es ist das Kennzeichen eines bescheidenen Mannes, daß er seinen Freundeskreis fix und fertig aus den Händen der Vorsehung entgegennimmt, und so erging es dem Rechtsanwalt. Seine Freunde waren Verwandte oder Leute, die er schon lange kannte; seine Zuneigungen waren mit der Zeit gewachsen, gleich Efeu, und machten keinen Anspruch auf Tauglichkeit des Objekts. Daraus erwuchs zweifellos auch das Band, das ihn mit Mr. Richard Enfield, einem entfernten Verwandten und stadtbekannten Mann, verknüpfte. Vielen war es ein Rätsel, was diese beiden zueinander zog oder was sie wohl für gemeinsame Interessen haben mochten. Leute, die ihnen auf ihren Sonntagsspaziergängen begegneten, wußten zu berichten, daß sie nichts miteinander sprachen, außerordentlich gelangweilt dreinschauten und mit offensichtlicher Erleichterung das Erscheinen eines Bekannten begrüßten. Dabei aber legten beide Männer den größten Wert auf diese Ausflüge, betrachteten sie als Höhepunkt der Woche und gingen, um sie ungestört genießen zu können, nicht nur Vergnügungen aus dem Wege, sondern ließen auch Geschäft Geschäft sein.

Auf einem dieser Streifzüge geschah es, daß ihr Weg sie durch eine Seitenstraße in ein Geschäftsviertel Londons führte. Es war eine schmale, sogenannte ruhige Straße, in der jedoch an Werktagen ein ersprießlicher Handel getrieben wurde. Ihren Bewohnern ging es anscheinend gut, und alle strebten danach, daß es ihnen noch besser ginge. Was ihnen vom Gewinn übrigblieb, legten sie in der Verschönerung ihrer Häuser an, so daß die Läden dieser Durchgangsstraße etwas Einladendes an sich hatten, wie eine Reihe lächelnder Verkäuferinnen. Selbst sonntags, wenn sie ihre wahren Reize verbarg und verhältnismäßig menschenleer dalag, wirkte die Straße im Gegensatz zu ihrer schmutzigen Nachbarschaft wie ein weißer Rabe und bestach mit ihren frisch angestrichenen Rolläden und blankpolierten Messingschildern, ihrer allgemeinen Sauberkeit und einer gewissen heiteren Note sofort die Augen der Vorübergehenden und erregte ihr Wohlgefallen.

Zwei Häuser hinter einer Kreuzung wurde die Straßenfront linker Hand, und zwar nach Osten, von einem Hofeingang unterbrochen, und dort ragte der Giebel eines düsteren Gebäudes über die Straße empor. Es war zwei Stockwerke hoch, hatte keine Fenster, nur eine Tür im unteren Stockwerk und darüber eine leere, mißfarbene Wand und trug allenthalben den Stempel jahrelanger Verkommenheit und Vernachlässigung. Die Tür, an der man vergeblich nach Klingel und Klopfer gesucht hätte, war verwittert und schmutzig. Landstreicher fanden Unterschlupf in der Mauernische und entzündeten ihre Streichhölzer an den Türfüllungen, Kinder spielten auf den Stufen Kaufladen, Schuljungen bearbeiteten die Gesimse mit ihren Taschenmessern, und seit fast einem Menschenalter war niemand gekommen, der diese Zufallsgäste vertrieben oder ihre Spuren beseitigt hätte.

Mr. Enfield und der Anwalt gingen auf der anderen Seite der Straße, und als sie sich dem Eingang gegenüber befanden, hob Mr. Enfield seinen Stock und wies hinüber.

»Haben Sie jemals die Tür dort bemerkt?« fragte er und fuhr, als der andere genickt hatte, fort: »Sie ist in meiner Erinnerung mit einer äußerst seltsamen Geschichte verknüpft.«

»So?« sagte Mr. Utterson mit leichtem Schwanken in der Stimme, »und was war das?«

»Das war so«, berichtete Mr. Enfield: »In einer schwarzen Winternacht gegen drei Uhr kam ich vom andern Ende der Stadt und wollte nach Hause. Mein Weg führte mich durch einen Stadtteil, in dem buchstäblich nichts anderes zu sehen war als Laternen. Weit und breit — die Leute schliefen alle — waren die Straßen wie für eine Prozession erleuchtet und still wie eine Kirche, und schließlich geriet ich in den Zustand, in dem man sein Gehör anstrengt und immerfort lauscht und anfängt, sich nach dem Anblick eines Schutzmannes zu sehnen. — Auf einmal sah ich zwei Gestalten: die eine, ein kleiner Mann, der mit schnellen, schweren Schritten in östlicher Richtung dahinging, und die andere, ein Mädchen von etwa acht bis zehn Jahren, das, so schnell es konnte, eine Querstraße heruntergelaufen kam. Die beiden prallten natürlich an der Ecke aufeinander; und jetzt kommt das Schreckliche an der Sache: der Mann schritt ruhig über den Körper des Kindes hinweg und ließ es schreiend am Boden liegen. Wenn man das hört, klingt es nach gar nichts; aber es war greulich anzusehen. Das war kein Mensch, das war wie ein unheimliches Fabelwesen, das alles niedertritt, was sich ihm in den Weg stellt. — Ich rief ihn an, lief ihm nach, ergriff den Burschen beim Kragen und brachte ihn zu der Stelle zurück, wo sich bereits eine Gruppe um das schreiende Kind gebildet hatte. Er war vollkommen ruhig und leistete keinen Widerstand, doch streifte er mich mit einem so widerwärtigen Blick, daß mir der kalte Schweiß ausbrach. Die Leute auf der Straße waren die Verwandten des Mädchens, und bald darauf erschien auch der Arzt, von dem es vorhin gekommen war.

Nun, dem Kinde war nichts weiter geschehen; es war, nach des Knochensägers Aussagen, mehr erschrocken — und jetzt werden Sie wahrscheinlich denken, daß die Geschichte zu Ende ist. Aber da war ein merkwürdiger Umstand. Mich hatte auf den ersten Blick ein heftiger Widerwille gegen den Mann gepackt, genauso ging es der Familie des Kindes, was nur natürlich war; was mich jedoch aufs äußerste erstaunte, war das Verhalten des Doktors. Er war der übliche Feld-, Wald-und Wiesen-Apotheker, dessen Alter ebenso unbestimmbar war wie seine Haarfarbe, sprach starken Edinburgher Dialekt und hatte so ungefähr das Temperament einer Dudelsackpfeife. Nun, ihm erging es nicht anders als uns allen; jedesmal, wenn der Knochensäger nach meinem Gefangenen hinblickte, merkte ich, daß es ihm rot vor Augen wurde, in dem Wunsch, ihn zu töten. Ich wußte, was in ihm vorging, genauso wie er es von mir wußte, und da Totschlagen nicht in Frage kam, taten wir das Nächstbeste. Wir sagten dem Mann, daß wir von dieser Sache ein solches Aufhebens machen wollten und würden, daß sein Name von einem Ende Londons bis zum andern gen Himmel stinken wollte. Wenn er irgendwelche Freunde und Kredit besäße, so wollten wir dafür sorgen, daß er sie verlor. Und während wir das, weißglühend vor Wut, auf ihn niederprasseln ließen, wehrten wir, so gut wir konnten, die Frauen von ihm ab; denn sie waren wild wie Furien.

Ich habe nie einen Kreis von so haßerfüllten Gesichtern gesehen, und in ihrer Mitte stand der Mann mit finsterer, ja spöttischer Kaltblütigkeit, obgleich er selbst erschrocken war — das konnte ich sehen —, doch wußte er das teuflisch gut zu verbergen. ›Wenn Sie Kapital aus dieser Begebenheit zu schlagen gedenken‹, sagte er, ›so bin ich natürlich machtlos. Jeder Ehrenmann wünscht einen Skandal zu vermeiden, nennen Sie Ihre Forderungen!‹ Wir verlangten hundert Pfund für die Familie des Kindes; er hätte sich sicher gern darum gedrückt, doch es lag etwas über uns allen, das nichts Gutes verhieß, darum gab er schließlich nach. Nun hieß es, das Geld zu bekommen, und denken Sie sich, da führte er uns zu eben jener Tür dort, zog einen Schlüssel aus der Tasche, ging hinein und kam kurz darauf mit zehn Pfund in Gold und einem Scheck über die Restsumme auf eine Bank zurück. Der Scheck lautete auf den Überbringer und war mit einem Namen unterzeichnet, den ich nicht nennen kann, obgleich er einer der springenden Punkte meiner Geschichte ist; jedenfalls war es ein wohlbekannter Name, den man häufig gedruckt liest. Es war eine große Summe, aber die Unterschrift bürgte für noch mehr — vorausgesetzt, daß sie echt war. Ich nahm mir die Freiheit, den Mann darauf hinzuweisen, daß die ganze Sache einen höchst zweifelhaften Eindruck mache, denn im gewöhnlichen Leben gehe kein Mensch nachts um vier in eine Kellertür und komme mit dem Scheck eines anderen Mannes über annähernd hundert Pfund wieder heraus. Er war aber ganz unbesorgt und lächelte spöttisch. ›Beruhigen Sie sich‹, sagte er, ›ich werde bei Ihnen bleiben, bis die Bank geöffnet wird, und den Scheck selbst einlösen.‹ So machten wir uns alle auf, der Arzt, der Vater des Kindes, unser Freund und ich, und verbrachten den Rest der Nacht in meiner Wohnung; am Morgen, als wir gefrühstückt hatten, gingen wir dann gemeinschaftlich zur Bank. Ich gab den Scheck eigenhändig ab und bemerkte dazu, ich hätte allen Grund anzunehmen, daß es eine Fälschung sei. — Aber nicht die Spur! Der Scheck war echt!!«

»Na, na«, meinte Mr. Utterson.

»Ich sehe, Sie haben das gleiche Gefühl wie ich«, sagte Mr. Enfield.

»Ja, es ist eine tolle Geschichte, denn der Mann war ein Bursche, mit dem man nichts zu tun haben möchte — ein ganz verbotener Kerl, und der Aussteller des Schecks ist der Inbegriff der Wohlanständigkeit, geradezu bekannt dafür und, was das Schlimmste ist, einer der Leute, die viel Gutes tun. Ich taxiere: Erpressung! Ein ehrenwerter Mann, der für irgendeine Jugendeselei blechen muß. Erpresserhaus nenne ich seither das Gebäude mit der Tür. Obgleich auch das bei weitem nicht alles erklärt«, fügte er hinzu und verfiel darauf in tiefes Nachdenken.

Mr. Utterson rief ihn in die Wirklichkeit zurück, indem er etwas plötzlich fragte: »Und Sie wissen nicht, ob der Aussteller des Schecks hier wohnt?« »Der Ort scheint mir nicht recht geeignet zu sein«, entgegnete Mr. Enfield. »Nein, zufällig weiß ich seine Adresse; er wohnt irgendwo anders.«

»Und haben Sie nie nachgeforscht, was es mit dem Haus mit der Tür auf sich hat?« fragte Mr. Utterson.

»Nein, ich scheute mich davor«, war die Antwort. »Ich vermeide nach Möglichkeit, Fragen zu stellen, es erinnert zu sehr an das Jüngste Gericht. Wenn Sie eine Frage aufwerfen, so ist es, als ob Sie an einen Stein stoßen. Sie sitzen ganz ruhig oben auf einem Berg, und der Stein gerät ins Rollen und reißt andere mit sich, und plötzlich wird irgendein biederer alter Knabe — an den Sie am allerwenigsten gedacht hätten —, während er arglos in seinem Garten sitzt, am Kopf getroffen, und die Familie muß sich nach einem neuen Ernährer umsehen. Nein, ich habe es mir zur Regel gemacht: je mehr ich Unrat wittere, desto weniger frage ich.«

»Das ist ein sehr guter Grundsatz«, sagte der Anwalt.

»Doch habe ich die Örtlichkeit auf eigene Faust untersucht«, fuhr Mr. Enfield fort. »Man kann es kaum ein Haus nennen. Es existiert keine andere Tür, und durch diese geht niemand aus noch ein, außer in großen Zeitabständen der Held meines Abenteuers. Im ersten Stock befinden sich drei Fenster, die nach dem Hof gehen; unten ist keins. Die Fenster sind immer geschlossen, doch sind sie sauber. Und dann ist da noch ein Schornstein, der gewöhnlich raucht, also muß jemand dort wohnen; aber auch das ist nicht sicher, denn die Häuser kleben in dem Hof so dicht aneinander, daß es schwer zu sagen ist, wo das eine aufhört und das andere anfängt.«

Die beiden Männer gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, dann sagte Mr. Utterson: »Enfield, das ist ein guter Grundsatz, den Sie da haben.«

»Das glaube ich auch«, entgegnete Enfield.

»Und doch«, fuhr der Anwalt fort, »möchte ich Sie etwas fragen: ich möchte den Namen des Mannes wissen, der über das Kind weggeschritten ist.«

»Nun«, meinte Mr. Enfield, »ich trage keine Bedenken. Es war ein Mann namens Hyde.«

»Hm«, machte Mr. Utterson. »Was für eine Sorte Mensch ist er dem Äußeren nach?«

»Es ist nicht leicht, ihn zu beschreiben. Irgend etwas haftet seiner Erscheinung an, etwas Unangenehmes, ja geradezu Verabscheuenswürdiges. Ich habe nie einen Menschen gesehen, gegen den ich eine solche Abneigung empfunden hätte, und weiß doch kaum, warum. Er muß irgendwie verwachsen sein, jedenfalls hat man bei ihm ausgesprochen das Gefühl von Mißgestaltung, obgleich sie sich nicht näher bestimmen läßt. Sein Aussehen ist außergewöhnlich, und doch kann ich nichts anführen, was aus dem Rahmen fällt. Nein, es geht nicht! Ich kann ihn einfach nicht beschreiben. Dabei ist es nicht mangelndes Erinnerungsvermögen, denn ich sehe ihn noch deutlich vor mir.«

Wieder schritt Mr. Utterson schweigend weiter, sichtlich in Betrachtungen vertieft. »Sind Sie sicher, daß er einen Schlüssel hatte?« fragte er endlich.

»Aber, mein Lieber…«, begann Enfield sehr überrascht.

»Ja, ich weiß«, sagte Utterson, »ich weiß, es muß seltsam anmuten. Der Grund, warum ich nicht nach dem Namen des anderen Beteiligten frage, ist, daß ich ihn bereits weiß. Sie sehen, Richard, Ihre Geschichte hat ihn mir verraten. Und wenn Sie in irgendeinem Punkt nicht ganz genau waren, so sollten Sie es lieber richtigstellen.«

»Sie hätten mir eigentlich einen Wink geben können«, entgegnete der andere mit einem Anflug von Verstimmung. »Übrigens war ich pedantisch genau wie Sie es nennen. Der Bursche hatte einen Schlüssel, und, was wichtiger ist, er hat ihn noch. Ich habe gesehen, wie er ihn vor kaum einer Woche benutzt hat.«

Mr. Utterson seufzte tief, doch sprach er kein Wort weiter, und der junge Mann nahm das Gespräch wieder auf.

»Das war wieder eine Lehre für mich, den Mund zu halten. Ich schäme mich wegen meiner Schwatzhaftigkeit. Wir wollen nie wieder hierauf zurückkommen. Abgemacht?«

»Von Herzen gern«, sagte der Anwalt. »Da haben Sie meine Hand darauf, Richard!«

Auf der Suche nach Mr. Hyde

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An jenem Abend kehrte Mr. Utterson in gedrückter Stimmung in seine Junggesellenwohnung zurück und setzte sich ohne Appetit zu Tisch. Sonntags war es sonst seine Gewohnheit, sich nach beendeter Mahlzeit mit irgendeiner trockenen, theologischen Schrift auf dem Lesepult dicht neben den Kamin zu setzen, bis die Uhr der benachbarten Kirche zwölf schlug, um dann mit klarem Kopf und dankerfülltem Herzen zu Bett zu gehen. Heute aber nahm er, kaum daß der Tisch abgeräumt war, eine Kerze zur Hand und ging in sein Büro. Dort öffnete er den Geldschrank, entnahm dem Geheimfach ein Dokument, das auf dem Umschlag als Dr. Jekylls Testament bezeichnet war, und setzte sich mit gefurchter Stirn nieder, um dessen Inhalt zu studieren. Das Testament war von dem Doktor selbständig abgefaßt worden, denn Mr. Utterson hatte sich geweigert, bei seiner Abfassung auch nur im geringsten mitzuwirken, wenn er es auch später in Verwahrung genommen hatte. Es bestimmte, daß die Besitztümer von Henry Jekyll, Dr. med., Dr. jur., Mitglied der Königlichen Akademie usw., im Fall seines Todes an seinen ›Freund und Wohltäter Edward Hyde‹ übergehen sollten. Ferner besagte es, daß im Fall von Dr. Jekylls ›Verschwinden oder unerklärbarer Abwesenheit, falls sie drei Kalendermonate überschritte‹, besagter Edward Hyde Henry Jekylls Rechtsnachfolger werden sollte, und zwar ohne weiteren Verzug und ohne daß ihm andere Verpflichtungen daraus erwachsen sollten als die Zahlung einiger kleiner Summen an Hausangestellte des Doktors.

Dieses Dokument war dem Rechtsanwalt schon lange ein Dorn im Auge. Es verletzte ihn gleicherweise als Juristen wie als Menschen, der alles Vernünftige und Herkömmliche im Leben liebte und im Phantastischen etwas Unschickliches sah. Bis dahin hatte die Tatsache, daß er nichts über Mr. Hyde wußte, seinen Unwillen erregt, nun tat das mit einem Schlage der Umstand, daß er etwas über ihn erfahren hatte. Es war schon schlimm gewesen, als der Name ihm nichts als ein bloßer Name war, der ihm nichts sagte. Schlimmer wurde es nun, da sich ihm mit dem Namen die Vorstellung von etwas Verabscheuenswürdigen verband. Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und es erwuchs in ihm die Gewißheit, es mit einem Teufel zu tun zu haben.

»Ich hatte es für Wahnsinn gehalten«, sagte er, als er das ominöse Schriftstück in den Geldschrank zurücklegte, »aber jetzt fange ich an zu fürchten, daß etwas Ehrenrühriges dahintersteckt.«

Dann blies er die Kerze aus, zog einen Mantel an und machte sich auf den Weg nach Cavendish Square, der Hochburg der medizinischen Wissenschaft, wo sein Freund, der berühmte Dr. Lanyon, wohnte und seine zahlreichen Patienten empfing. Er sagte sich: »Wenn irgend jemand Bescheid weiß, so ist es Lanyon.«

Der würdige Diener, der ihn kannte, ließ ihn eintreten und führte ihn ohne weitere Förmlichkeiten ins Eßzimmer, wo Dr. Lanyon allein bei seinem Glase Wein saß. Er war ein liebenswürdiger, gesunder, rotbackiger, feiner Herr, mit frühzeitig ergrautem Haar und lautem, sicherem Auftreten.

Beim Anblick von Mr. Utterson sprang er von seinem Stuhl auf und hieß ihn mit ausgestreckten Händen willkommen. Die Herzlichkeit, die dem Manne eigen war, erschien auf den ersten Blick theatralisch, doch entsprang sie echtem Gefühl. Denn die beiden waren alte Freunde und Kameraden von der Schule und der Universität her, beide hatten Achtung vor sich selbst und voreinander und, was nicht immer daraus folgt, waren sehr gern zusammen.

Nachdem sie über dies und jenes geplaudert hatten, kam der Anwalt auf den Gegenstand zu sprechen, der seinen Geist so stark beschäftigte und bedrückte.

»Wenn ich es mir überlege, Lanyon«, sagte er, »sind wir beide, du und ich, die ältesten Freunde, die Henry Jekyll hat.«

»Ich wollte, die Freunde wären jünger«, scherzte Dr. Lanyon.

»Aber es wird schon stimmen. Wie kommst du darauf? Ich sehe ihn jetzt selten.«

»So?« meinte der Anwalt. »Ich dachte, ihr hättet gemeinsame Interessen.«

»Die hatten wir«, lautete die Antwort. »Doch schon vor mehr als zehn Jahren wurde mir Henry Jekyll zu phantastisch. Er geriet auf Irrwege, auf geistige Irrwege, möchte ich sagen, und obgleich ich mich natürlich um alter Zeiten willen weiter für ihn interessiere, höre und sehe ich doch verdammt wenig von ihm. Solch unwissenschaftliches Gewäsch hätte selbst Damon und Pythias auseinandergebracht«, fügte der Doktor heftig hinzu und bekam plötzlich einen roten Kopf.

Dieser kleine Temperamentsausbruch brachte Mr. Utterson eine gewisse Erleichterung. ›Sie stimmen nur über eine wissenschaftliche Frage nicht überein‹ dachte er, und da er selbst keine wissenschaftlichen Passionen hatte (außer in juristischen Dingen), fügte er sogar hinzu: ›Gut, daß es nichts Schlimmeres ist.‹ Er ließ seinem Freunde Zeit, sich zu beruhigen, und stellte ihm dann die Frage, derentwegen er gekommen war. »Bist du je einem Protegé von ihm begegnet — einem gewissen Hyde?« — »Hyde?« wiederholte Lanyon. »Nein. Nie was von ihm gehört, jedenfalls nicht zu meiner Zeit.«

Das war alles, was der Anwalt an Aufklärungen mit nach Hause und in sein großes düsteres Bett nahm, in dem er sich von einer Seite auf die andere warf, bis aus der Nacht ein neuer Morgen wurde. Diese Nacht war keine Erquickung für seinen arbeitenden Geist, der in völliger Dunkelheit von quälenden Fragen bestürmt wurde.

Von der so angenehm nahe liegenden Kirche schlug es sechs, und immer noch grübelte er über das Problem nach. Hatte es bisher nur seinen Verstand beschäftigt, so fing es jetzt an, seine Phantasie zu erregen und gefangenzunehmen, und während er sich in der Dunkelheit der Nacht hinter dichtverhangenen Fenstern in seinem Bett hin und her wälzte, rollten die Einzelheiten von Mr. Enfields Erzählung wie grellbeleuchtete Bilder vor seinem inneren Auge ab. So sah er die endlose Reihe von Laternen in der nächtlichen Stadt, sah die Gestalt eines eilig daherkommenden Mannes und das Kind, das vom Arzt gelaufen kam, sah, wie beide zusammenstießen und wie jener Teufel in Menschengestalt das Kind niedertrat und ungerührt von seinem Geschrei seinen Weg fortsetzte. Oder er sah ein Zimmer in einem vornehmen Hause, in dem sein Freund im Schlafe lag und im Traume lächelte. — Die Tür öffnet sich, die Bettvorhänge werden beiseite geschoben, der Schläfer erwacht — und da — am Bett steht eine Gestalt, ein Mann, dem Macht über ihn gegeben ist, und selbst zu dieser nächtlichen Stunde muß er aufstehen und tun, was er von ihm verlangt. — In dieser zwiefachen Gestalt verfolgte der Unbekannte den Anwalt die ganze Nacht hindurch; und wenn er wirklich einmal einschlummerte, so sah er ihn nur noch spukhafter durch schlafende Häuser gleiten oder noch schneller und immer schneller, ja schwindelerregend schnell durch Labyrinthe von erleuchteten Straßen laufen und an jeder Ecke ein Kind niederrennen und schreiend liegenlassen. Und doch hatte die Gestalt kein Gesicht, an dem er sie hätte erkennen können; nicht einmal in seinen Träumen hatte sie ein Gesicht oder doch nur eins, das ihn verwirrte und sich vor seinen Augen in Nebel auflöste. Und da entstand im Bewußtsein des Anwalts und wuchs zusehends ein eigenartig starkes, ja fast ausschweifendes Verlangen, die Gesichtszüge des wirklichen Mr. Hyde zu schauen. Wenn er ihn — so glaubte er — erst einmal mit eigenen Augen sehen könnte, würde sich das Geheimnis lichten oder vielleicht überhaupt in Nichts zerfließen, so wie es mit geheimnisvollen Dingen geschieht, wenn man ihnen auf den Grund geht. Er würde dann vielleicht eine Erklärung für seines Freundes seltsame Zuneigung oder Knechtschaft (oder wie man es sonst nennen mochte) und selbst für die seltsamen Klauseln des Testamentes finden. Zum mindesten würde es ein Gesicht sein, das zu betrachten sich lohnen müßte, das Gesicht eines Mannes, der kein Mitleid kennt — ein Gesicht, dessen bloßer Anblick genügt hatte, um in dem nicht leicht zu beeinflussenden Gemüt von Enfield das Gefühl unauslöschlichen Hasses zu erwecken.

Von jenem Zeitpunkt an begann Mr. Utterson die Tür in der kleinen Ladenstraße zu überwachen. Morgens, vor den Bürostunden, mittags, auch wenn er viel zu tun und wenig Zeit hatte, bei Nacht, angesichts des verschwommenen Großstadtmondes, bei jeder Beleuchtung und zu allen Zeiten, einerlei, ob die Straße einsam dalag oder ob sie belebt war, immer konnte man den Anwalt auf seinem selbstgewählten Posten antreffen.

›Wenn Mr. Hyde sich verbergen will‹, so sagte er sich, ›so werde ich ihn eben suchen.‹

Und schließlich wurde seine Geduld belohnt. Es war eine schöne, windstille Frostnacht, die Straßen waren glatt und sauber wie ein Tanzboden, auf den die Laternen ein regelmäßiges Muster von Licht und Schatten zauberten. Um zehn Uhr, nach Ladenschluß, lag die Seitenstraße einsam da, und obgleich London ringsumher leise brodelte, war es sehr still. Kleinste Laute wurden wahrgenommen, alltägliche Geräusche in den Häusern waren auf beiden Seiten der Straße zu vernehmen, und der Lärm, der von einem nahenden Fußgänger verursacht wurde, eilte ihm längere Zeit voraus. Mr. Utterson stand erst einige Minuten auf seinem Posten, als er bemerkte, daß ein seltsam leichter Schritt näher kam. — Im Lauf seiner nächtlichen Streifzüge hatte er sich längst an die eigenartige Wirkung gewöhnt, die hervorgerufen wird, wenn sich der Klang der Schritte eines einzelnen Menschen plötzlich, obgleich er noch ein gutes Stück entfernt ist, aus dem allgemeinen Gesumm und Geräusch der Großstadt herauslöst. Und doch war seine Aufmerksamkeit nie zuvor so entschieden und zwingend wachgerufen worden, und mit einer starken, fast abergläubischen Zuversicht auf Erfolg zog er sich in den Eingang zum Hof zurück.

Die Schritte kamen schnell näher und erklangen plötzlich lauter, als sie um die Ecke bogen. Der Anwalt konnte von seinem Versteck aus bald sehen, mit welcher Sorte Mensch er es zu tun hatte. Er war klein, sehr einfach gekleidet, und sein Aussehen ging dem Beobachter, selbst aus dieser Entfernung, irgendwie stark gegen den Strich. Er ging geradenwegs auf die Tür zu, und zwar schräg über den Fahrdamm, um Zeit zu sparen, und zog im Gehen einen Schlüssel aus der Tasche, wie einer, der sich seinem Hause nähert.

Mr. Utterson trat vor und berührte seine Schulter, als er vorbeigehen wollte.

»Mr. Hyde, nicht wahr?«

Mr. Hyde fuhr zurück und zog hörbar den Atem ein. Doch sein Schreck ging bald vorüber, und, obgleich er dem Anwalt nicht ins Auge sah, versetzte er ziemlich gelassen: »So heiße ich. Was wünschen Sie?«

»Sie wollen dort hineingehen, wie ich sehe«, erwiderte der Anwalt. »Ich bin ein alter Freund von Dr. Jekyll — Mr. Utterson aus Gaunt Street —, Sie werden meinen Namen sicher gehört haben; und da es sich so günstig trifft, dachte ich, Sie könnten mich hineinlassen.«

»Sie würden Dr. Jekyll nicht antreffen, er ist nicht zu Hause«, entgegnete Mr. Hyde, indem er den Schlüssel ins Schloß steckte. Und plötzlich, jedoch ohne aufzublicken: »Woher kennen Sie mich?«

»Würden Sie mir«, sagte Mr. Utterson, »Ihrerseits einen Gefallen erweisen?«

»Mit Vergnügen«, versetzte der andere. »Was soll ich tun?«

»Würden Sie mich Ihr Gesicht sehen lassen?« fragte der Anwalt.

Mr. Hyde schien zu zögern, um ihm dann, wie auf Grund einer plötzlichen Überlegung, mit trotziger Gebärde sein Gesicht darzubieten, und die beiden sahen sich einige Sekunden lang starr in die Augen. »Jetzt werde ich Sie wiedererkennen«, sagte Mr. Utterson. »Das könnte von Nutzen sein.« »Ja«, gab Mr. Hyde zu, »es ist ganz gut, daß wir uns getroffen haben. Übrigens wäre es vielleicht nützlich, wenn Sie meine Adresse hätten.«

Und er gab ihm die Nummer einer Straße in Soho an.

›Großer Gott!‹ dachte Mr. Utterson, ›ist es möglich, daß auch er an das Testament gedacht hat?‹ Doch behielt er seine Gedanken für sich und murmelte nur einen Dank für die Adresse.

»Und nun«, sagte der andere, »woher kannten Sie mich?«

»Nach einer Beschreibung«, war die Antwort. »Wessen Beschreibung?«

»Wir haben gemeinsame Freunde«, sagte Mr. Utterson.

»Gemeinsame Freunde?« wiederholte Mr. Hyde ein wenig heiser. »Welche?«

»Zum Beispiel Jekyll«, sagte der Anwalt.

»Der hat Ihnen nichts erzählt«, rief Mr. Hyde mit einem Anflug von Ärger. »Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie mich anlügen würden.«

»Nun, nun«, sagte Mr. Utterson, »solche Sprache schickt sich nicht.«

Der andere brach in wildes Gelächter aus, hatte im nächsten Augenblick mit unglaublicher Geschwindigkeit die Tür geöffnet und war im Innern des Hauses verschwunden.

Nachdem Mr. Hyde ihn verlassen hatte, blieb der Anwalt noch eine Weile stehen — ein Bild der Unruhe. Dann ging er langsam die Straße hinauf, hielt aber alle paar Augenblicke den Schritt an und griff sich mit der Hand an die Stirn, wie ein Mensch, der sich in völliger Ratlosigkeit befindet. Das Problem, mit dem er sich beim Gehen auseinandersetzte, gehörte zu denen, die selten gelöst werden. — Mr. Hyde war blaß und von kleinem Wuchs, er machte den Eindruck von Mißgestaltung, obgleich er nicht eigentlich verwachsen war, sein Lächeln war unangenehm, sein Benehmen dem Anwalt gegenüber eine ekelhafte Mischung von Schüchternheit und Dreistigkeit, und seine Stimme war heiser, zischelnd und brüchig. All das sprach gegen ihn, und doch konnte alles zusammengenommen nicht den unbegreiflichen Abscheu, ja den Widerwillen und die Furcht erklären, die Mr. Utterson ihm gegenüber empfand. ›Dahinter muß noch etwas anderes stecken‹, sagte sich der bestürzte Anwalt. ›Und da ist noch etwas, wenn ich es nur beim Namen nennen könnte. Bei Gott, der Mann scheint nichts Menschliches an sich zu haben! Etwas von einem Höhlenbewohner, möchte ich sagen. Oder ist es der bloße Widerschein eines ruchlosen Charakters, der auf diese Weise seine wahre Wesensart offenbart und Gestalt gewinnt? Dies letztere wird es sein; denn ach, mein armer alter Henry Jekyll, wenn je ein Antlitz vom Satan gezeichnet war, so ist es das deines neuen Freundes!‹

Wenn man von der Nebenstraße aus um die Ecke bog, kam man an einen Platz mit alten schönen Häusern, die jetzt größtenteils ihre einstige vornehme Bestimmung verleugneten und etagen-und zimmerweise an Menschen jeden Standes und jeder Art vermietet wurden; an Landkartenzeichner, Architekten, Winkeladvokaten und Leute, die zweifelhafte Geschäfte betrieben. Ein Haus jedoch, das zweite von der Ecke, war noch im ganzen bewohnt und wies, obgleich es in Dunkelheit getaucht und nur von der Straße aus schwach beleuchtet war, unverkennbare Spuren von Wohlhabenheit und Behäbigkeit auf. Mr. Utterson blieb an der Tür stehen und klopfte. Ein älterer livrierter Diener öffnete.

»Ist Dr. Jekyll zu Hause, Poole?« fragte der Anwalt. »Ich werde nachsehen, Mr. Utterson«, sagte Poole; dabei führte er den Gast in eine große, gemütliche, niedrige Halle, die mit Fliesen ausgelegt war. Sie wurde von einem hellflackernden, offenen Kaminfeuer erwärmt, wie man es in Landhäusern antrifft, und war mit kostbaren Eichenmöbeln eingerichtet. »Wollen Sie hier am Kamin Platz nehmen, gnädiger Herr, oder soll ich im Eßzimmer Licht machen?«

»Danke, ich warte hier«, sagte der Anwalt, näherte sich dem Feuer und lehnte sich an das hohe Kamingitter.

Diese Halle, in der er nun allein zurückblieb, war eine besondere Liebhaberei seines Freundes, und Utterson selbst pflegte sie als den angenehmsten Aufenthaltsraum in London zu bezeichnen. Doch heute Nacht war sein Blut erregt; das Gesicht von Hyde lastete schwer auf seiner Erinnerung, und er verspürte was ihm selten widerfuhr — etwas wie Übelkeit und Lebensüberdruß. Aus seiner düsteren Stimmung heraus glaubte er in dem flackernden Feuerschein, der über die blanken Möbel huschte, und in dem ruhelosen Spiel der Schatten an der Decke eine Drohung zu erkennen und atmete zu seiner eigenen Beschämung erleichtert auf, als Poole zurückkehrte und ihm meldete, daß Dr. Jekyll ausgegangen sei.

»Ich sah Mr. Hyde durch die Tür des alten Sezierraums hineingehen, Poole«, sagte er. »Hat das seine Richtigkeit, wenn Dr. Jekyll nicht da ist?«

»Vollkommen, Mr. Utterson«, erwiderte der Diener. »Mr. Hyde hat den Schlüssel.«

»Ihr Herr scheint diesem jungen Mann sehr viel Vertrauen zu schenken«, meinte der andere nachdenklich.

»Ja, gnädiger Herr, das tut er«, sagte Poole. »Wir alle haben Order, ihm zu gehorchen.«

»Meines Wissens habe ich Mr. Hyde niemals hier getroffen?« fragte Utterson.

»O nein, gnädiger Herr. Er speist nie hier«, entgegnete der Diener. »Auch wir sehen ihn sehr selten in diesem Teil des Hauses; er kommt und geht meistenteils durch das Laboratorium.«

»Na, dann gute Nacht, Poole.«

»Gute Nacht, Mr. Utterson.«

Und der Anwalt machte sich schweren Herzens auf den Heimweg. Armer Henry Jekyll, dachte er, mein Gefühl sagt mir, daß er sich in Not befindet. In seiner Jugend war er ausschweifend; zwar ist das schon lange her, aber vor Gott gilt keine Verjährung. Ja, das wird es sein, das Gespenst irgendeiner alten Sünde, das schleichende Gift eines geheimgehaltenen Vergehens! Nachdem die Schuld dem Gedächtnis seit Jahren entschwunden und von der Eigenliebe längst verziehen ist, kommt pede claudo1 die Strafe. Durch diesen Gedanken aufgerüttelt, grübelte der Anwalt eine Zeitlang über seine eigene Vergangenheit nach und kramte in allen Fächern seiner Erinnerung herum, ob nicht am Ende irgendwo der Spukteufel einer alten Missetat ans Licht käme. Seine Vergangenheit war nahezu untadelig, nur wenige Menschen konnten, wie er, ohne Besorgnis in den Seiten ihres Lebensbuches blättern, und doch erfüllte ihn das wenige Schlechte, das er getan hatte, mit Demut und Reue, so wie es ihm andererseits eine ängstliche scheue Genugtuung gewährte, daß er manches Böse vermieden hatte, obgleich er nahe daran gewesen war, es zu tun. Und als er sich wieder dem Ausgangspunkt seiner Betrachtungen zuwandte, glaubte er klarer zu sehen. Dieser junge Hyde, dachte er, muß, falls er ein gelehrter Mann ist, persönliche Geheimnisse haben; schwarze Geheimnisse, nach seinem Aussehen zu schließen — Geheimnisse, mit denen verglichen die schlimmsten von dem armen Jekyll so hell wie die Sonne wären. Jedenfalls darf es so nicht weitergehen. Es überläuft mich eiskalt bei dem Gedanken, daß sich diese Kreatur wie ein Dieb an Henrys Bett schleicht. Armer Henry, welch ein Erwachen! Und welche Gefahr! Denn, wenn dieser Hyde die Existenz des Testamentes ahnt, so könnte er es mit dem Erben eilig haben. — Ja, ich muß dem Rad in die Speichen greifen — wenn Jekyll es mir nur erlaubt, wenn Jekyll es mir nur erlaubt. Denn wieder sah er vor seinem geistigen Auge klar und deutlich die seltsamen Bestimmungen des Testamentes.

1 »Auf humpelnden Beinen«, im übertragenen Sinn: »Langsam, aber gerecht.« Oder: »Langsam, aber sicher.«

Dr. Jekyll ist ganz unbefangen

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Vierzehn Tage später — es traf sich ausgezeichnet gab der Doktor eins seiner beliebten Diners, zu dem fünf oder sechs alte Bekannte geladen waren, kluge und angesehene Männer und allesamt gute Weinkenner, und Mr. Utterson wußte es so einzurichten, daß er noch blieb, als die andern gegangen waren. Dies war nichts Besonderes, sondern hatte sich im Lauf der Zeiten zur Gewohnheit herausgebildet. Wo Utterson beliebt war, da war er sehr beliebt.

Gastgeber hielten den trockenen Juristen gern noch zurück, wenn sich die Vergnügungssüchtigen und Schwatzhaften verabschiedeten, und liebten es, sich noch eine Weile seiner unaufdringlichen Gesellschaft zu erfreuen, um den Übergang zum Alleinsein zu finden und angesichts der Ruhe dieses seltenen Mannes nach all dem Aufwand und den Anstrengungen der Geselligkeit ihren klaren Kopf zurückzugewinnen. Dr. Jekyll bildete keine Ausnahme von dieser Regel, und als er seinem Freunde am Kamin gegenübersaß — ein großer, wohlgebauter Fünfziger mit glattem Gesicht, vielleicht mit einem kleinen Zug von Verschlagenheit darin, jedoch ausgesprochen klug und gutherzig —, konnte man ihm ansehen, daß er für Mr. Utterson eine aufrichtige und herzliche Zuneigung empfand.

»Ich hatte das Bedürfnis, mit dir zu sprechen, Jekyll«, begann der Anwalt. »Es handelt sich um dein Testament.«

Ein aufmerksamer Beobachter hätte bemerken können, daß das Thema dem Doktor unerwünscht war, doch griff er es willig auf.

»Mein armer Utterson«, sagte er, »du hast kein Glück mit deinem Klienten. Ich habe nie einen Menschen so betrübt gesehen, wie du es über mein Testament warst, außer vielleicht den engherzigen Pedanten Lanyon über das, was er meine wissenschaftlichen Ketzereien nannte. Ja, ja, ich weiß, er ist ein lieber Kerl — du brauchst die Stirn nicht zu runzeln —, ein vortrefflicher Mensch, ich nehme mir immer vor, ihn öfter zu sehen, aber doch ein engherziger Pedant! Ein unwissender, eifernder Pedant! Ich war nie so enttäuscht von einem Menschen wie von Lanyon.«

»Wie du weißt, war ich nie einverstanden damit«, fuhr Utterson fort, indem er die neue Wendung des Gespräches geflissentlich nicht beachtete.

»Mit meinem Testament? Ja, natürlich weiß ich das«, sagte der Doktor mit einem Anflug von Schärfe. »Du hast es mir ja gesagt.«

»Nun, dann sage ich es dir noch einmal«, versetzte der Anwalt. »Ich habe etwas von dem jungen Hyde erfahren.«

Das große, schöne Gesicht von Dr. Jekyll erblaßte bis in die Lippen, und seine Augen wurden ganz schwarz. »Ich will nichts weiter davon hören«, sagte er. »Ich dächte, wir wären übereingekommen, diesen Gegenstand nicht mehr zu berühren.«

»Was ich gehört habe, war abscheulich«, fuhr Utterson fort.

»Das ändert nichts daran. Du kannst dich nicht in meine Lage versetzen«, entgegnete der Doktor, scheinbar ohne Zusammenhang. »Sie ist sehr peinlich, ja, meine Lage ist äußerst seltsam — äußerst seltsam. Das ist eine Angelegenheit, die durch Worte nicht geklärt werden kann.«

»Jekyll«, sagte Utterson, »du kennst mich: ich bin ein Mann, auf den man sich verlassen kann. Erleichtere dein Herz, indem du mir Vertrauen schenkst, und ich zweifle nicht daran, daß ich dir helfen kann.«

»Guter Utterson«, sagte der Doktor, »das ist sehr nett von dir, das ist ganz außerordentlich nett von dir, und ich weiß nicht, wie ich dir danken soll. Ich glaube dir durchaus; ich würde dir mehr vertrauen, als jedem anderen Menschen, ja mehr als mir selbst, wenn ich die Wahl hätte. Aber es ist nicht so, wie du es dir denkst, so schlimm ist es nicht, und um dein gutes Herz zu beruhigen, will ich dir eins verraten: in demselben Augenblick, da ich es will, kann ich Mr. Hyde los sein. Ich gebe dir meine Hand darauf und danke dir von Herzen. Und noch etwas möchte ich hinzufügen und weiß, daß du es richtig auffassen wirst: dies ist eine ganz private Angelegenheit, und ich bitte dich, sie ruhen zu lassen.«

Utterson sah ins Feuer und überlegte.

»Ich bin überzeugt, daß du vollkommen recht hast« sagte er schließlich und stand auf.

»Schön, aber da wir die Sache einmal berührt haben — hoffentlich zum letzten Mal«, fuhr der Doktor fort, »möchte ich dir gern noch etwas begreiflich machen. Ich interessiere mich tatsächlich sehr für den armen Hyde. Ich weiß, daß du ihn gesehen hast, er hat es mir erzählt, und ich fürchte, er war grob zu dir. Aber, du kannst es mir glauben, ich interessiere mich wirklich stark, sehr stark für den jungen Mann, und wenn ich einmal nicht mehr bin, Utterson, so mußt du mir versprechen, dich seiner anzunehmen und ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Ich weiß, du würdest es tun, wenn du alles wüßtest, und du würdest mir eine Zentnerlast vom Herzen nehmen, wenn du mir das Versprechen geben wolltest.«